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Schräge Ottos

Wie Computer-Kids versuchen, alte Hasen zu linken

von Ronald M. Hahn

Frohgemut sitzt unser in Ehren ergrauter Übersetzer an der Tastatur und überträgt nach besten Wissen und Gewissen die 82. Folge der fantastischen Weltraum-Abenteuer von Captain Storm Shannon von der intergalaktischen Raumpatrouille aus der angloamerikanischen in die Sprache seiner Mutter. Nach der Übersetzung von über hundert Werken dieser Art ist er ein raumschlachtengestählter Experte und kennt sämtliche Neologismen, die das Genre seit dem seligen Hugo Gernsback (1884-1964) hervorgebracht hat. Er fragt sich gerade, ob er »Fuck you« wie gewohnt als »Arschloch« übersetzen oder mit »Fick dich« einen Kotau vor den Neckermann-Abiturienten der Synchronindustrie machen soll, als das Telefon klingelt und eine für einen Kölner Kunstbuchverlag [um DuMont nicht unnötig in Verdacht geraten zu lassen, wollen wir ihn mal Benedikt Taschen Verlag nennen] tätige junge Dame anfragt, ob er Lust habe, ein aus seinem Fachgebiet, der Science Fiction, stammendes Sachbuch zu übersetzen.

Unser zwar chronisch überlasteter, doch dem Neuen immer aufgeschlossener Übersetzer, dem die Abenteuer von Captain Storm Shannon gelegentlich zum Halse heraushängen, fragt vorsichtig nach Termin, Kohle & Haken. Der Termin, so zeigt sich, ist vorgestern. Die Kohle hingegen ist in Ordnung. Der Haken: Es sei unbedingt darauf zu achten, daß die »persönliche« Schreibe des Autors »geglättet« wird und der Übersetzer diverse Hundert deutsche Titel amerikanischer Filme, TV-Serien, Romane und Kurzgeschichten (!) recherchiert. Unserer mißtrauischer Übersetzer erkundigt sich, wie man sich denn eine Manuskriptseite vorstelle. Antwort: 60 Zeichen … 30 Zeilen, 1.800 Zeichen pro Seite. Pro Seite so & so viel Kohle. Unserem ausgeschlafenen Übersetzer fällt der Ausdruck Zeichen auf, der ihm trotz jahrzehntelanger Berufszugehörigkeit in Verlagskreisen noch nie, dafür aber umso mehr in Computerkreisen untergekommen ist. Er erkundigt sich, ob mit Zeichen etwa Anschläge gemeint seien.

Wie sagt Mr. Spock? »Positiv.« Vor dem geistigen Auge unseres naiven Übersetzers taucht eine Normseite auf. Er sagt zu und schiebt die Sache dazwischen. Ein wohlverdienter Kurzurlaub steht an, und er hat nur zwei Wochen, um die angekündigten 120 (höchstens aber 130!) Manuskriptseiten in die Sprache seiner Mutter zu übersetzen. (Bevor nun die Joyce-Übersetzer in Ohnmacht sinken, sei flugs angemerkt, daß unserer listiger Übersetzer die Science Fiction sozusagen mit der Muttermilch eingesogen hat, in diesem Genre selbst als Autor tätig ist, mehrere Sachbücher zum Thema verfaßt hat und über ein großes Archiv verfügt, so daß die Titelrecherche, die jeden anderen in den Wahnsinn getrieben hätte, ihn nur einen schlappen Vormittag kostet). Er arbeitet, druckt aus (159 Seiten), schreibt die Rechnung, liefert ab, düst in den Urlaub.

Als unserer ahnungsloser Übersetzer aus dem Süden ins Betonland zurückkehrt, erwartet ihn von der jungen Dame aus Köln die überraschende Mitteilung, sein Manuskript habe mitnichten 159 Seiten: Es sei vielmehr nur 123 Seiten lang, und er möchte doch, bitteschön, seine Rechnung um einen nicht unmaßgeblichen Betrag nach unten korrigieren. Unser baff erstaunter Übersetzer erinnert sich zwar genau an die ausgedruckten 159 Seiten, ruft die Datei aber trotzdem auf und prüft sie nach. Ergebnis: 159 Seiten. Auf seinen Einwand hin erfährt er von der jungen Dame, er irre sich; sein Manuskript sei trotz ausgedruckter 159 Seiten nur 123 Seiten lang – dies habe die Umfangsberechnung seiner Datei mittels der Funktion »Wörter/Zeichen zählen« des Textverarbeitungsprogramms Winword ergeben. Die Basis der Honorarberechnung in ihrem Hause seien »1.800 Zeichen pro Seite«. Er möge also, wie gehabt, bitteschön, seine Rechnung nach unten korrigieren.

Die Baffheit unseres gutmütigen Übersetzers verwandelt sich ob dieser schieren Blödheit langsam in rechtschaffenen Zorn, und er erinnert sich wehmütig an die Zeiten, in denen er noch Lektor war (bei Ullstein z.B.); als er und seine vielen, vielen Kollegen und Kolleginnen (bei Heyne, Fischer, Moewig, Knaur, Goldmann, DuMont, Eichborn, Lübbe etc.) den Umfang eines Manuskripts durch simples Betrachten der letzten numerierten Seite desselben »berechnen« konnten. Da seine weiteren Recherchen zudem ergeben, daß die Funktion »Wörter/Zeichen zählen« tatsächlich nur Wörter/Zeichen zählt (ohne Wortzwischenräume), stellt er sich ein ausgedrucktes Manuskript vor, das 123 Seiten lang ist, aber nur aus einem langen Bandwurmwort besteht. Seine Argumente sind dergestalt, daß die Honorargrundlage einer Übersetzung die Seite ist, nicht 1.800 Zeichen; daß er auf dieser Basis für viele Verlage arbeitet; daß all diese Verlage auf dieser Basis arbeiten; daß zwei Dutzend hauptberufliche Übersetzer aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis ebenfalls auf dieser Basis arbeiten; daß es ihm abwegig erscheint, daß es Übersetzer geben soll, die auf einer Basis von 1.800 Zeichen arbeiten; daß er seine Übersetzung zu diesen Bedingungen nicht herzugeben bereit ist; daß der Verlag sich das Honorar in die Haare schmieren kann; daß er sein Honorar lieber in den Wind schießt, als sich auf diese schräge Weise verarschen zu lassen.

Da hat er aber etwas Böses gesagt! Die junge Dame hebt nun auch die Stimme, erklärt ihm, daß alle Übersetzer, mit denen das Unternehmen arbeitet, auf diese Weise honoriert werden; daß noch kein Übersetzer gegen diese Art der Honorierung, die völlig normal ist, sein freches Haupt erhoben hat – was nur einen Rückschluß zuläßt, daß er, unserer mit den Auswüchsen der Computertechnik völlig unvertrauter Übersetzer, nicht die Bohne Ahnung hat, wie der Umfang eines Manuskripts berechnet wird – und die Lektoren, für die er seit 1972 tätig ist, ebenso. [Verlagsbrief: »Wir möchten darauf hinweisen, daß in der langjährigen Praxis unseres Hauses kein Fall dieser Art bislang vorgekommen ist, auch nicht mit Kollegen/Kolleginnen, die im VS zusammengeschlossen sind.« – Reaktion des grantigen Übersetzers: »Dazu, daß in der langjährigen Praxis Ihres Hauses kein solcher Fall vorgekommen ist, kann ich nur sagen: Ich habe schon Bücher übersetzt, als man zum Zählen von ›Zeichen‹ noch keine Computerprogramme brauchte, da Manuskripte ausschließlich nach SEITEN berechnet wurden und werden. Und wenn ich's mir recht überlege: Ich habe schon Bücher übersetzt, als Ihr Verleger noch in der Obertertia saß (das zur von Ihnen beschworenen ›langjährigen Praxis‹ Ihres Hauses).«

Unser inzwischen stinkwütender Übersetzer rastet nicht nur aus, er bleibt auch hart. Zwar stehen ihm bei der Vorstellung, daß es tatsächlich organisierte Kollegen geben soll, die einen solchen Scheiß mitmachen, die Haare zu Berge, aber er weiß auch, daß es in der Branche von Tarif-ahnungslosen (nicht organisierten) Freizeitübersetzern nur so wimmelt. Er bleibt bei seiner Entscheidung und teilt der jungen Dame mit, er sei durchaus bereit, zur Durchsetzung seiner Rechte vor den Kadi zu gehen, falls seine Übersetzung nicht voll honoriert werde. Nach einer Woche gibt der Verlag klein bei, läßt sich von den »unschlagbaren Argumenten« (Zitat) überzeugen und blecht das volle Honorar – nicht jedoch ohne unseren sturen Übersetzer mit einem hämetriefenden Brief zu beehren, der das Grauen beschwört, daß die Branche befiele, ginge er ihr verloren, er, der »als einziger noch in der Lage ist, Manuskriptumfänge zu bestimmen«.

Da trotz gegenteiliger Beteuerungen (»unschlagbare Argumente«) offenbar nicht die Einsicht in die Argumentation unseres rotzfrechen Übersetzers dazu geführt hat, daß man seinem Verlangen entsprach, sondern wohl eher die Aussicht, wegen lumpiger 1.500 DM vor den Kadi ziehen zu müssen, ist zu befürchten, daß jene Kollegen, die demnächst für den Taschen Verlag arbeiten, wieder auf der Basis von Zeichen honoriert werden.

© Ronald M. Hahn 1999
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