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Marcus Hammerschmitt

Harmagedon

Reinhold Messner überlebt den Dritten Weltkrieg

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Reinhold Messner, nicht verwandt, nicht verschwägert, kauft sich eine Insel bei Fünen. Er hofft, auf dem kleinen dänischen Eiland den Dritten Weltkrieg zu überleben, dessen Ausbruch er für 2012 erwartet. Messner baut sich ein besonderes Haus in der Form eines überdimensionalen Abfallcontainers, weil er glaubt, dass die rhomboide Form schädliche Auswirkungen der zu erwartenden Feindseligkeiten neutralisieren kann. Messner ist einmal Physiker gewesen, er weiß in solchen Dingen Bescheid. Er füllt den Container mit lebensnotwendigen Ressourcen und wartet den Tag ab, an dem die politische Lage den baldigen Ausbruch eines Krieges ankündigt.

Eines schönen Morgens im Jahr 2012 erkennt Messner nach Lektüre der Zeitung, dass es soweit sein muss. Er beendet sein Frühstück ordnungsgemäß und tritt die Reise zu seiner dänischen Insel an, wo er den Wohncontainer wohlversorgt und unbeschädigt vorfindet. Er richtet sich häuslich ein und harrt der Dinge, die da kommen. Der Krieg bricht aus. Nach drei Tagen öffnet Messner seinen Container und findet den Himmel bedeckt von tiefvioletten Wolken. Hier und da ragen Säulen aus gleißendem Licht in den Himmel. Wo sie die violetten Wolken berühren, hoch droben, scheinen ungeheure Orkane zu toben, die aber keinen sichtbaren Einfluss auf niedrigere Luftschichten nehmen, geschweige denn auf Messner. Die Lichtsäulen scheinen zu wandern, und Messner nimmt sich vor, ihnen auszuweichen, so gut es geht.

Bei einem Kontrollgang auf der Insel überzeugt er sich vom tadellosen Zustand aller Einrichtungen, die er für sein Überleben braucht. Messner hat vorgesorgt. Nicht nur seinen Wohnrhombus hat er den Erfordernissen eines lang anhaltenden Überlebenskampfes unter schwierigen Bedingungen angepasst, auch das Umfeld ist von ihm entsprechend gestaltet worden. Das kleine Labor, die Werkstatt, die Nutz- und Ziergärten, der Übungsplatz zur körperlichen Ertüchtigung, die Anlegestelle und die Boote selbst sind voll funktionsfähig. Bei Bedarf kann Messner seine Insel durch einen aufklappbaren Zaun aus rostfreiem Stahl in eine uneinnehmbare Festung verwandeln, auch die Steuerung dieses Mechanismus hat keinen Schaden genommen, wie er bei einem Test feststellen kann. Seine verschiedenen Waffen ruhen wohlgeordnet und –gewartet in ihren Behältnissen.

Glücklicherweise verschwinden die Lichtsäulen nach und nach, der Himmel klärt sich, und die violetten Wolken geben nach ihrer Auflösung ein sattes Türkisgrün frei, das Messner ästhetisch ansprechend findet. Zwar ist die Sonne immer noch ein wenig blass und sieht aus, als sei sie in einen Topf warmer Milch gefallen, aber die Temperaturen sind so angenehm, dass Messner sich mit nacktem Oberkörper im Freien bewegen kann. Die Solarzellen erbringen nicht die übliche Leistung, aber Messner ist zufrieden, weil er damit gerechnet und für Überkapazitäten gesorgt hat. Nach einigen Tagen bestätigt sich Messners Vermutung, dass das Magnetfeld der Erde massiven Turbulenzen unterliegt. Zugvögel, denen nunmehr die Orientierung fehlt, fallen verwirrt vom Himmel. Einer davon trifft Messner im Nacken, während er sich den rechten Schuh zubindet. Anscheinend hat die Erdachse ihren Neigungswinkel zur Sonne verändert, wodurch die astronomischen Daten zu Sonnenauf- und -untergang, die Messner zur Verfügung stehen, obsolet geworden sind. Das Polarlicht ist nachts so hell, dass Messner ohne Kunstlicht Bücher lesen kann.

Das Fehlen von Flugzeugen am Himmel und das Ausbleiben von Schiffen um seine Insel herum lassen Messner vermuten, dass sowohl der Luftverkehr als auch die Schifffahrt zum Erliegen gekommen sind. Einmal treibt eine große Autofähre langsam an seiner Insel vorbei, aber da sie mit dem Heck voran fährt und außerdem erhebliche Schlagseite hat, geht Messner davon aus, dass sie führerlos ist. Die Fähre verfehlt die Insel nur knapp, und Messner ist froh, dass es nicht zu Beschädigungen an der Küstenlinie gekommen ist. Der Vorfall gibt ihm zu denken. Er plant eine Reise nach Odense, der Hauptstadt von Fünen und drittgrößten dänischen Stadt überhaupt, um sich von der dortigen Lage ein Bild zu machen. Aber kann er seine Insel verlassen, während steuerlose Großfähren und anderes Treibgut die flachen Gewässer um sie herum unsicher machen? Er wartet ab. Im Verlauf von drei weiteren Tagen treibt jedoch nur ein weiteres Seefahrzeug an der Insel vorbei. Messner kann nicht genau erkennen, worum es sich handelt, aber aufgrund der Größe der Schiffsschrauben schließt er auf einen Fischkutter. Er kommt zu dem Schluss, dass er die Reise wagen kann, und sticht in See.

Wie er feststellen muss, hat sich die Farbe des Wassers dauerhaft verändert. Mit einem durchsichtigen Becher nimmt er einige Proben. Zu seiner Verblüffung bleibt das Wasser tiefschwarz, ohne einen sichtbaren Bodensatz auszufällen. Der Geruch der Flüssigkeit tendiert zum Metallischen. Messner sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, dass die Meeresfauna um bisher unbekannte Spezies bereichert worden ist. Ein großes Lebewesen, das sein Boot verfolgt, verblüfft Messner durch seine ungewöhnliche Anatomie: Die Körperteile scheinen nur locker miteinander verbunden, und das Tier weist überraschend viele, mit scharfen Zähnen gespickte Mäuler an Stellen auf, wo Messner sie nicht vermutet hätte. Als es sich in sein Boot verbeißt, muss Messner zur Waffe greifen, und der Kadaver verströmt eine Wolke von karminrotem Blut, die schnell zum brodelnden Mittelpunkt der Aufmerksamkeit vieler anderer Seebewohner wird. Manche dieser Tiere wirken außerordentlich fremdartig auf Messner, und er beschließt, die neue Meeresfauna nach seiner Rückkehr einer genauen Untersuchung zu unterziehen.

Ohne weitere Zwischenfälle landet Messner in Svendborg. Die kleine, beschauliche Hafenstadt im Südosten Fünens hat sich beträchtlich verändert. Überall wachsen Palmen, welche die unangenehme Eigenschaft haben, in sehr kurzer Zeit zu sprießen, sich zu voller Höhe aufzurecken und gleich darauf, am Ende ihres Lebenszyklus, faul und morsch umzustürzen. Messner beobachtet eine dieser Palmen beim Wachstum und schätzt die Gesamtlebensdauer der Pflanzen auf maximal einen Tag. Die Luft ist erfüllt vom satten Donner aufschlagender Palmenstrünke, Messner nimmt sich vor, nicht in einen Palmenwald zu geraten. Manche der Häuser in den Straßen Svendborgs strahlen aus unerfindlichen Gründen ein intensives blaues Leuchten ab, das in den Augen schmerzt; Messner beschließt, solche Häuser zu meiden. Aus der Kirche kommt Orgelmusik, die allerdings einen streng atonalen und irreligiösen Charakter aufweist. Messner zerschmettert das abgeschlossene Kirchenportal mit seiner Feuerwehraxt. Auf der Orgeltastatur springen seltsame kleine Kreaturen herum, die in etwa wie flügellose Hühner ohne Federn aussehen. Ihr Gehüpfe verursacht die eigenartige Musik, und sie scheinen strengen ästhetischen Ansprüchen zu gehorchen, denn Messner kann beobachten, wie eines dieser Wesen von seinen Artgenossen zu Tode gepickt und von der Tastatur heruntergestoßen wird. Auf dem Boden vor den Pedalen sammeln sich die Leichen der Versager. Messner kann sich nicht vorstellen, was geschehen wird, wenn der elektrische Strom endgültig versiegt, der zum Betrieb der Orgelgebläse notwendig ist und den der Küster offensichtlich nicht mehr hat abstellen können. Messner durchstreift Svendborg jetzt nur noch mit entsicherter Waffe, denn er weiß nunmehr, dass die ganze Natur einer radikalen Reorganisation unterworfen worden ist, und das mit außerordentlicher Gründlichkeit. Gewisse gallertartige Banderolen, die an vielen Häusern von den Regenrinnen hängen und sich von selbst zu bewegen scheinen, bestätigen ihn in dieser Ansicht nur.

© Marcus Hammerschmitt 2004
Entnommen aus: Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Der Atem Gottes und andere Visionen 2004 (Berlin: Shayol, 2004)
Erschienen in
Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Der Atem Gottes und andere Visionen 2004 (Berlin: Shayol, 2004)
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