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Marcus Hammerschmitt

Der Opal

2000 • Leseprobe

Seite 1 »
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Ich bin Latil, dachte sie zähneknirschend. Als sie es sagen wollte, fielen ihr die Wörter nicht mehr ein, und nur ihre Lippen zitterten leicht über den gebleckten Zähnen. Die Zähne knirschten. Code, dachte sie. Code. Alles sehen, voll da. Und das Tier knirscht mich an, mit meinen eigenen Zähnen. Die Zähne gehörten ihr nicht mehr. Gemahlene Zähne im Wein des Käufers, die Perlen der Pharaonin. Die Zähne von Latil. Ich bin L–, dachte Latil, und weiter kam sie nicht, denn die Umcodierung fraß sich gerade an einer Stelle durch ihr Großhirn, das für die Fähigkeit verantwortlich war, ›A‹ zu denken. Ich. Ihre geballten Fäuste wirkten lächerlich, Maschinenteile, beziehungslos hingehängt vor den altmodischen Glasspiegel, in dem sich auch ihr Gesicht, ihre Zähne, ihre Schultern, ihre Brüste und der Ansatz ihrer Bauchmuskeln spiegelten. Latil konnte ihren Kopf nicht mehr drehen. Zähne sind wichtig, dachte sie. Ich hätte nicht –. ›Ä‹ war denkbar, ›A‹ nicht. Ihre Kiefer begannen zu schmerzen. Sie war vor dieser Nebenwirkung gewarnt worden, in allen Hauptsprachen des Sektors. Das metallisch glänzende Tütchen lag vor dem Spiegel, ein wenig von dem weißen Pulver klebte noch an dem rohen Riss, den Latil an den Mund gesetzt hatte, um den Inhalt einzuatmen. Einatmen, nicht schlucken. Das war die Kunst. Auch wenn sich die Lunge wehrte. Wenn das Pulver verdaut wurde, wirkte es nicht. Nur über die Lunge. Ihre Lungen brannten, als habe sie flüssiges Blei eingeatmet. Sie lebte, weil sich ihr Brustkorb hob und senkte. Blasebalg, hätte sie gerne gedacht, aber während ›A‹ langsam wieder frei wurde, war ›B‹ jetzt besetzt, und ›L‹ war seltsam verwaschen.

Latil sah die Tätowierungen an ihren Oberarmen entlangzüngeln, von den Handgelenken bis zu den Ellenbogen. Neoarabische Kalligraphie, feine tätowierte Zungen, in stilettscharfen Spitzen auslaufend, wie die Blätter eines blauen Grases. Ihre Kennung. Sie schwitzte trotz ihrer Nacktheit und war dankbar für die Kühlung. Das gute Tier knirscht mit den Zähnen. Jetzt lachen, dachte sie, und alles ist vorbei. Wenn das Pulver bei seiner Arbeit gestört wurde, konnte es sie auch auswischen wie einen Strich Kreide. Auch das hatte ihr die würfelförmige Verpackung des silbrigen Tütchens erklärt. Moderne Zeiten, jetzt schon ewig. Ihre kurzen Haare standen ab wie unter Spannung. Noch eine halbe Stunde, sagte eine Stimme aus der Mitte ihres Gehirns. Fünf Minuten erst vorbei. Überall Schweiß. Ihre winzigen Brüste waren fast völlig aufgespannt über ihren steinhart verkrampften Brustmuskeln. Ihr Körper begann unwillkürlich zu zucken, wahrscheinlich weil die betreffenden Gehirnregionen umcodiert wurden, und sie hoffte nur, dass der Sicherheitsrechner ihre Tätowierungen auch lesen konnte, wenn ihre Arme zuckten. Der linke Arm ihr Name, der rechte ihr Motto: Die Kraft der Schmerzen. Zum Glück dauerte das Zucken nicht sehr lang, sie fühlte sich sehr verwundbar in diesem Zustand. In ihrem nutzlosen Körper, der nur von verkrampften und durchsäuerten Muskelpaketen in seinen Grenzen gehalten wurde, rikoschettierte noch das Echo der Angst, als sie die andere Tätowierung auf ihrer Brust wieder entziffern konnte. Dort stand in allen Hauptsprachen des Sektors: »Ich habe kein Geld.« In Lepant und Elingwe war das gleichbedeutend mit »Ich bin ehrlos« bzw. »Die Götter verachten mich.« Der Tätowierer hatte ganze Arbeit geleistet. Je weiter die Zeilen an ihrem Körper abstiegen, desto beleidigender wurden die Übersetzungen. Wie immer hätte Latil beim Anblick der Sprüche lachen mögen, weil für die Kennungskalligraphie auf ihren Unterarmen und für die Beleidigungen auf ihrem Bauch derselbe Künstler verantwortlich war. In Wirklichkeit hing beides eng miteinander zusammen. Sie hatte eine Kennungstätowierung gebraucht und kein Geld mehr gehabt. Also hatte der Künstler sie auf seine Weise bezahlen lassen. Auf Morpheus tätowierte man nach hohen künstlerischen Standards. Überhaupt bewegte sich dort das Kunsthandwerk auf einem hohen Niveau. Die Beleidigungen auf ihrer Brust und ihrem Bauch ließen sich nicht entfernen. Wer es doch versuchte, konnte an der giftig gewordenen Tinte sein Gedächtnis verlieren, wahnsinnig werden, sterben. In einer kleinen Kartusche, links neben ihrem Nabel, hatte der Tätowierer sein Namenskürzel hinterlassen, gewissermaßen als Rechnungsadresse.

Ich sollte nach Morpheus zurückgehen, dachte Latil, die Rechnung bezahlen. Schwierig, dachte sie, schwierig. Ihr ganzer Oberkörper war schweißnass. Von ihrem Chip, der in dem leise tickenden Anzeiger an der Wand steckte, wurde Minute um Minute abgebucht. Ein teures Hotel, mit halbhumanen Angestellten. Aber sich in einem der dreckigen Automatenhotels mit ein oder zwei Ratten das Zimmer teilen, die sich durch die Isolierung genagt hatten? Danke, danke nein. Im grellen Licht der Deckenlampen wirkte ihre Haut jetzt wie geölt. Man konnte die kleinen kreisrunden Narben fast nicht sehen. Helle kleine Monde an ihren Armen und ihren Brüsten. An ihren sozusagen nicht vorhandenen Brüsten. An ihrem Hosenbund, dessen Gummizug schon etwas ausgeleiert war, begann der Schweiß einen Trauerrand zu bilden. Die Haut ihrer Hände brannte, wo die Fingernägel sich eingegraben hatten. »Lass es doch vorbei sein«, bat sie niemand Bestimmtes. Und dann war es wirklich vorbei. Sie fiel hin wie ein nasser Sack. Einer neuen Sprache mächtig.

♦ ♦ ♦

Als sie drei Stunden später wieder aufwachte, waren ihre Gelenke voller Sand. Sie hatte von der Spindel geträumt. Das Aufstehen machte ihr Mühe, ihr Gaumen fühlte sich an wie trockenes Rattenfell, ihr Herz schien nicht an der richtigen Stelle zu sein. Muskelkater war nicht der richtige Begriff. Sie war unterkühlt. Der Verbrauchsanzeiger stand auf 1%, sie musste so schnell wie möglich von hier verschwinden. Sie verzichtete aus Kostengründen auf die Dusche und klebte sich ein Desinfektorplättchen auf den Bauch. Der Schweißrand an ihrem Hosensaum war schon getrocknet. Sie warf sich ein ärmelloses Hemd über, packte ihren Mist in die Tasche, die all ihre Reichtümer enthielt (vor allem den Druckanzug), riss den Chip aus dem Anzeiger und wurde von dem Zimmer deswegen mit losen Schuhbändern vor die Tür gebeten. Die Desinfektion begann, während die Tür sich schloss. Klick-klick-klick machte es in ihrem Hirn, während sie in der spiegelnden Tür den Aufdruck auf ihrem Hemd zu lesen versuchte. buh stand da, spiegelverkehrt.

»Habe ich was vergessen?«, fragte sie müde.

»Bei Beschwerden wenden Sie sich bitte an das Personal. Danke, dass Sie unser Gast waren.«

»Ich will mich nicht an das Personal wenden«, sagte sie so laut, dass es in ihren eigenen Ohren falsch klang. »Ich will von dir wissen, ob ich etwas vergessen habe.«

»Wenden Sie sich bitte an das Personal. Dieses Zimmer wird gerade desinfiziert und ist aufgrund einer Anschlussbuchung für die nächsten zwei Tage nicht verfügbar. Fundstücke werden Ihnen automatisch an die Heimatadresse nachgeschickt.«

Latil rief sich ins Gedächtnis, dass sie mit einer Tür sprach, und gab es auf. Heimatadresse, das war gut. Sie wusste nicht einmal mehr, was sie als Heimatadresse angegeben hatte. Sie folgte den Pfeilen, auf denen ›Ausgang‹ stand, und denen ein kleines rotes Männchen ohne Geschlechtsmerkmale hinterherlief. Das Blumenmuster des Teppichbodens erfüllte sie mit dem Wunsch, es zu beschmutzen. Sie entdeckte das Kameraauge gerade noch rechtzeitig, ihre Backen waren schon zum Ausrotzen aufgeblasen. Sei brav, sagte sie sich, nachdem sie ihren eigenen Speichel geschluckt hatte. Sei rational. In einem Hotel auszuspucken hatte sie schon einmal 5% gekostet. Dass sie ihre Ohrstöpsel in dem Zimmer vergessen hatte, bemerkte sie erst auf einem anderen Deck.

© Argument Verlag 2000
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages
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Marcus Hammerschmitt: Der Opal (Hamburg: Argument, 2000)
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