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Marcus Hammerschmitt

Polyplay

2002 • Leseprobe

Seite 1 »

Kramer war auf der Jagd nach einem Buch und einem Blumenstrauß. Der Raubmordfall war abgeschlossen (Kramer hatte kurz vor Dienstschluss noch einmal mit Lobedanz darüber geredet), und weil sonst nichts Gewichtiges anlag, war er etwas früher gegangen als sonst. Nach den Aufregungen der letzten Zeit wollte er sich mit einem guten Buch belohnen. Anette hatte schon länger keine Blumen mehr von ihm bekommen. In einem »florist«-Geschäft der OGS fiel ihm ein schönes Bouquet aus Fresien und weißen Röschen auf. Er ließ es noch ein wenig mit Gartengrün und schönem Einschlagpapier verzieren und fand es dann sehr passend. Der hohe Preis ärgerte ihn, und er musste über seinen Geiz lachen.

Die Volksbuchhandlung Friedrichshain war ganz in der Nähe. Das neue FDJ-Kochbüchlein von Benjamin von Stuckrad-Barre war gerade erschienen. Stuckrad-Barre, ein junger schreibender FDJ-Kader, hatte sich mit seinen süffisanten Possen über den Staatsapparat der DDR einen Namen gemacht. Alles, was er schrieb, war frech genug, um die Bedürfnisse eines begeisterten Publikums nach ein wenig Motzerei und Satire zu befriedigen, und gleichzeitig harmlos genug, um bei den Behörden kein ernsthaftes Stirnrunzeln auszulösen. Sein FDJ-Liederbuch mit leicht umgedichteten Parteihymnen, Fahrtenliedern und ähnlichem war einhunderttausend Mal gedruckt worden, und er wies in Interviews immer wieder darauf hin, dass es auch einhunderttausend Mal gekauft worden war – »derzeit vergriffen« hieß es, wenn man es bestellen wollte. Das FDJ-Kochbüchlein war nach demselben Strickmuster aufgemacht: kleine Spitzen gegen den bürokratischen DDR-Alltag, verpackt in neckische Anekdoten um Kochen, Backen und Braten. Da wurde vieles in die Pfanne gehauen, anderes brutzelte im eigenen Saft vor sich hin, und Kramer legte das Buch beiseite, nachdem ihn auf Seite drei die Langeweile übermannt hatte.

Der neue Grass war auch da: Ein weites Feld. Reich-Ranicki hatte das Buch im »Literarischen Quartett« als »langweiligen Bildungsextrakt« mit »tendenziell antisozialistischem Subtext« verrissen, aber die Leser kauften es trotzdem. Besonders im Westen waren Grass’ Kritik an der sozialistischen »Turbovereinigung« und seine bitteren Glossen über »neusozialistische Wendehälse« eingeschlagen wie eine Bombe, aber auch im Osten fand er seine Leser. Kramer war das Buch zu dick.

Dann fiel ihm der neue Kolbe in die Hände: Vineta. Er erinnerte sich, in der Jungen Welt etwas darüber gelesen zu haben. Der schmale Lyrikband mit vier Dutzend Gedichten hatte dem Rezensenten des FDJ-Organs nicht sehr behagt, auch wenn Kolbe eine »hohe Sprachbeherrschung« und ein allgemein »hohes ästhetisches Niveau« bescheinigt wurde. Der Rezensent kolportierte die Geschichte, dass Uwe Kolbe 1987 knapp vor der Republikflucht gestanden habe, und vermutete, er habe in Vineta seine »Liebe zur untergegangenen BRD verschlüsselt«. Und wenn schon, dachte Kramer. Er kaufte den Band.

Als er in eine schmale Seitenstraße einbog, um schneller zu seinem Auto zurückzukommen, wurde er Zeuge einer miserablen Szene. Vier Skinheads traten und prügelten auf einen Mann ein, der bereits am Boden lag. Dazu schrien sie Sachen wie: »Ich bring dich um, du Scheißpolack!« und »Polackensau!« Die Straße war menschenleer. Nur wenige Autos säumten den schadhaften Asphalt. Als Kramer nach oben sah, ging ein Fenster zu und eine Gardine wurde vorgeschoben. Der Himmel in dem schmalen Spalt zwischen den Häusern war strahlend blau.

Eine kalte Wut stieg in Kramer auf. Buch und Blumenstrauß warf er zu Boden, dann zog er seine Pistole und lief auf die Gruppe zu. »Polizei!«, schrie er. »Stehen bleiben! Aufhören!«

Die Skinheads sahen auf, als sie ihn über ihrem eigenen Geschrei verstehen konnten, zögerten kurz verschreckt und flüchteten. Kramer hatte Lust, ihnen hinterherzuschießen, aber er ließ es bleiben.

Der Mann am Boden wimmerte. Als Kramer sich neben ihn kniete, versuchte er sich aufzustützen. Sein Gesicht sah wirklich schlimm aus. Er blutete aus dem Mund, die Augen waren zugeschwollen, und als er sich schließlich in Sitzposition manövriert hatte, hielt er sich ächzend den Bauch. Kramer war hilflos und fuchtelte mit den Händen in der Luft herum, um den Verletzten von weiteren Bewegungen abzuhalten. Es dauerte eine Zeit, bis er seine Pistole wieder eingesteckt hatte, die ihn beim Herumfuchteln behinderte. Der Mann murmelte vor sich hin. Nach dem, was Kramer mitbekam, sprach er tatsächlich Polnisch. Er schien ihn gar nicht wahrzunehmen. Als er auch noch aufstehen wollte, begann Kramer zu protestieren.

»Um Himmels willen, bleiben Sie sitzen! Sie sind verletzt!«

Aber der Mann wollte nicht hören. Mit unglaublicher Sturheit rappelte er sich hoch. Dabei murmelte er ständig unverständliches Zeug, nestelte mit der einen Hand in seiner Jacke herum und wehrte mit der anderen Kramers Versuche ab, ihn zur Vernunft zu bringen. Als er schließlich schwankend und blutend vor Kramer stand, zog er etwas aus seiner Jacke, drückte es Kramer in die Hand und taumelte, stolperte, lief los. Kramer steckte reflexartig ein, was der Mann ihm gegeben hatte, und folgte ihm.

»Mann! Bleiben Sie stehen! Halt! Ich rufe einen Sanka!«

Der Mann rannte einfach weg. Kramer wollte ihm auf den Fersen bleiben, aber das war nicht einfach, denn er wählte gleichzeitig auf seinem Mobi die 115. Mit dem Telefon am Ohr verfolgte er den Fliehenden, der gerade um eine Ecke bog. Als Kramer diese Ecke erreichte und sich in alle Richtungen umsah, war der Mann wie vom Erdboden verschluckt.

»Hallo, Schnelle Medizinische Hilfe hier, wo brennt’s denn?«

Kramer drehte sich hin und her, um den Verletzten vielleicht doch noch irgendwo zu entdecken, aber da war niemand. Resigniert nahm er das Mobi vom Ohr.

»Hallo? Hallo?«, tönte es aus dem Hörer.

Kramer schaltete das Telefon ab und steckte es ein.

»Scheiße!«

Er konnte immer noch nicht glauben, dass er von einem Halbtoten abgehängt worden war, und lief noch ein paar Meter in die eine Richtung, dann in die andere. Vielleicht hielt sich der Mann in einem Hauseingang oder in einer Toreinfahrt versteckt? Aber warum war er überhaupt geflohen? Er hatte Kramer für einen der Angreifer gehalten, das war die einzig mögliche Erklärung. Der Mann blieb verschwunden.

Buch und Blumenstrauß fand Kramer nicht mehr.

© Argument Verlag 2002
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages
Ausgaben
Marcus Hammerschmitt: Polyplay (Hamburg: Argument, 2002)
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