ADL, Norddeutscher Bund, Göttingen, Campus der Universität, 01:02 MEZ, 21. 04. 2058 A.D.
Heribert Lämmle-Strohnsdorf, Wachmann des Verbandes Wach- und Schließgesellschaften, schaltete den seitlich an der Tür des Peugeot »Corindon« montierten Suchschweinwerfer ein und richtete den hellen Strahl auf die Hintertür des Gebäudes, das auf seiner Campus- Route lag. Dann langte er auf den Beifahrersitz, nahm das Fernglas und betrachtete die Sicherung. Die Anzeige des Magschlosses blinkte warnend und bestätigte den Alarm, der vor wenigen Minuten in der Zentrale eingegangen war.
Er aktivierte das Kehlkopfmikrofon. »Karl, ruf die Bullen an. Wir haben einen echten Einbruch, keinen Fehlalarm.«
»Hast du dir die Sache angeschaut? Ich habe keine Lust, schlecht gelaunten Grünträgern zu erklären, dass es wieder ein Irrtum war.«
Die Zentrale wollte, dass er aus dem warmen Auto stieg. »Schon gut, ich gehe nachsehen«, meinte Lämmle-Strohnsdorf gereizt. Er verließ den Peugeot, schaltete den Suchscheinwerfer aus und nahm sich die schwere Taschenlampe.
Genervt stapfte er zum Eingang, tippte den Überbrückungscode für das Magschloss und checkte, wann sich jemand daran zu schaffen gemacht hatte. Die Einbrecher waren demnach knappe fünf Minuten am Werk. Vorsichtig drückte er die Klinke mit den Fingerspitzen herab. Die Tür schwang auf.
»Karl, es ist wirklich ein Einbruch«, wiederholte er inständig seine Meldung. »Sei so lieb und ruf die Polizei. Ich passe solange auf meinen Arsch auf und versuche, sie nicht zu verscheuchen.« Von drinnen erklang ein gedämpftes Bersten von Holz. ›Scheiße! Sie sind noch drin!‹ »Die Bullen sollen sich beeilen!« Schritt für Schritt zog er sich zurück, die Rechte lag am Griff seiner Fichetti Security 500a.
»Wenn du nicht willst, dass die Grünen dich die nächsten zehn Jahre verarschen, gehst du besser rein und vertrimmst die Studis, die drin sind«, empfahl ihm die Einsatzzentrale. »Der Uni-Präsident wird echt sauer, wenn da etwas wegkommt.«
»Wenn es aber mehrere sind?« Der Wachmann konnte sich für den Gedanken, einer Übermacht gegenüberzustehen, nicht erwärmen.
»Du hast eine schusssichere Weste, einen Elektroschlagstock und eine Pistole«, erinnerte ihn Karl unfreundlich. »Geh da rein, Heribert, wenn du deinen Job behalten willst. Du weißt, dass unsere Unterhaltungen aufgezeichnet werden und es ziemlich feige aussieht, was du da machst. Wir haben die Aufgabe, die Gebäude zu bewachen und Täter zu...«
»Halt die Fresse.« Lämmle-Strohnsdorf zückte die Fichetti entsicherte sie und lud durch. »Ich gehe rein.« Der rote Punkt des Ziellasers erwachte.
Vorsichtig, ganz langsam setzte er einen Fuß vor den nächsten, bewegte sich die wenigen Stufen hinauf, die ihn in den Korridor im Erdgeschoss der Magischen Fakultät führten. Nach kurzem Lauschen, ging er in Richtung des Büros des Dekans, von wo die Geräusche stammten.
Das Mondlicht sorgte für genügend Helligkeit, sodass er die Taschenlampe rasch ausknipste, um sich nicht durch den weißlichen Strahl zu verraten. Der Wachmann pirschte sich näher und spähte durch den Spalt ins Innere des Zimmers.
Auf dem Stuhl saß Dekan Prof. Lutz Diederichs, gefesselt an Armen und Beinen, während sich zwei Maskierte, ein Mann und eine Frau, im Büro umschauten, die Vitrinen und Schränke rücksichtslos durchstöberten. Ein Dritter stand vor dem Leiter der Fakultät und klebte ein weiteres Pflaster auf den nackten Oberkörper des Professors.
»An Ihrer Stelle würde ich reden, Sir. Das war schon die dritte falsche Antwort, und somit bekommen Sie das dritte Stimulanspflaster. Ich habe gehört, dass es für Magier wie Sie gewisse Nebenwirkungen haben kann.«
»Fahren Sie zur Hölle!«, sagte Diederichs, die Pupillen stark geweitet. Schweiß stand ihm auf der Stirn. »Sie gehört mir. Ich habe es nicht verkauft, da werde ich sie Ihnen schon gar nicht überlassen. Man hat mich gewarnt. Solch unverschämte Kreaturen, wie Sie es sind, werden es nicht schaffen, mir den Aufenthaltsort zu entlocken.«
Ohne eine Erklärung nahm der Maskierte ein weiteres des mit stimulierenden Substanzen behandeltes Verbandsmaterial aus seiner seitlichen Beintasche, entfernte die Schutzfolie und klebte es dem Professor auf den Oberarm. »Vier.«
Diederichs jaulte auf und versuchte, sich von den Fesseln zu befreien.
»Heribert, die Bullen sind unterwegs«, dröhnte es in Lämmle-Strohnsdorfs Kopfhörer, und der Wachmann erschrak so sehr, dass er mit einer unwillkürlichen Bewegung den Lauf der Fichetti gegen die Wand schlug.
Der männliche Suchende der »unbefugten Personen« wirbelte herum und schaute zum Türspalt. Die braunen Augen hinter dem Sehschlitz der Sturmhaube entdeckten den Zuschauer. Augenblicklich sank der Wachmann zusammen und lag schlafend am Boden.
»Forbes, dear pal, du wirst schlampig«, sagte der Verhörer vorwurfsvoll scheinbar in den leeren Raum.
»Negative, Sir. Ich hatte ihn die ganze Zeit über im Visier«, kam es beinahe beleidigt über Funk.
»Darüber reden wir später.« Der Mann mit dem starken rollenden Akzent wandte sich Diederichs zu. »Ich muss Sie um etwas Beeilung bitten, Sir.« Er hielt dem Dekan eine Handvoll der Stimulanspflaster unter die Nase. »Das sind die stärksten Präparate, die es derzeit auf dem Markt gibt. Ich schlage vor, Sie denken rasch nach, wo es sich befindet oder verabschieden Sie sich für immer von ihrer Magie, Sir. Mein Team und ich haben keine Lust, unsere Zeit mit Suchen zu vergeuden.«
Der Leiter der Fakultät begann, am ganzen Leib zu zittern. Die Wahl, ein so wertvolles persönliches Gut unwiederbringlich gegen ein Artefakt einzutauschen, fiel schwer. Diederichs rang mit sich selbst. Schließlich siegte die Selbsterhaltung.
»Es steht hinter dem Bücherbord in einem Geheimfach.« Hektisch beschrieb er, wie man den Alarm umging und an die verborgene Vertiefung gelangte.
Die Frau befolgte die Anweisungen exakt, um wenige Sekunden darauf das in ein schwarzes Samttuch eingeschlagene rechteckige Objekt in Händen zu halten. Ihr Suchpartner hockte sich für einen Moment hin, erstarrte und kehrte wieder ins Bewusstsein zurück. »Das ist sie. Die astrale Identifizierung verlief positiv, Sir.«
Die Frau wickelte den Gegenstand in einen weiteres Tuch und verstaute die Beute in ihrem Rucksack.
Der dritte nickte zum Ausgang. »Abrücken, Team. Sehr gute Leistung. Forbes?«
»Constables im Anmarsch«, gab der Unsichtbare durch den Äther vollkommen ruhig seine Aussicht weiter. »Schneller Rückzug durch die Hintertür, Sir. Ich gebe Ihnen notfalls Deckung.«
»Affirmative.« Der Anführer winkte den Mann und die Frau hinaus.
Seine vorletzte Handlung bestand darin, die verbliebenen Stimulanspflaster der Reihe nach zum Aufkleben vorzubereiten.
»Sie hätten das Kaufangebot nicht abweisen sollen, Sir. Ich soll Ihnen die schlechtesten Wünsche vom Interessenten überbringen.« Die dünnen Abdeckungen waren alle entfernt. »Ich dagegen hoffe das Beste für Sie, Sir. Halten Sie sich wacker.«
Die Klebeflächen kamen in Kontakt mit der bloßen Haut, die chemischen Substanzen drangen durch die Epidermis und setzten ihre Wirkung frei.
Der Ausdruck im Gesicht des Dekans wechselte, seine Wangenmuskulatur erschlaffte. Seine plötzlich stumpfen, riesigen Pupillen glotzten ins Nirgendwo.