Mit dem Handrücken wischte der junge Mann den Schmutz fort, der sich ständig auf seinen Lippen festsetzte, und gab seinem Pferd die Sporen. Widerwillig lief das Tier für einige Augenblicke unwesentlich schneller, nur um dann wieder in einen matten Trott zurückzufallen.
Dieses ganze Land war eine einzige Strafe Gottes. Staacke gönnte es Ferdinand und Isabella. Die Katholischen Majestäten von Kastilien und Aragón verdienten seiner Ansicht nach nichts Besseres. Seit Wochen schon reiste er ihnen hinterher, wurde immer wieder vertröstet, an subalterne Beamte verwiesen und mußte elend lange Stunden zusammengepfercht mit gewöhnlichen Bittstellern in Vorzimmern verbringen. Langsam bekam er den Eindruck, daß es dem Königspaar ziemlich gleichgültig war, ob diese immens wichtigen Verträge nun endlich zum Abschluß gebracht wurden oder nicht. Dabei ging es doch um nichts Geringeres als die Versorgung des Heeres, mit dem sie Granada belagerten. So viel Unfähigkeit erschien Staacke einfach unglaublich; hätte sein Onkel das Handelshaus ähnlich geführt, dann wäre er mit Gewißheit eher heute als morgen im Schuldturm gelandet.
»Verdammte Scheißviecher«, knurrte er und verscheuchte mit hektischen Handbewegungen die dicht vor seinen Augen schwirrenden Fliegen. Natürlich war das völlig vergebens, sie ließen sich nicht auf Dauer vertreiben. Um nicht immerzu an die lästig brummenden Schmeißfliegen denken zu müssen, ließ Hinrich Staacke den Blick über die Landschaft zu beiden Seiten der Straße schweifen. Aber die Aussicht war alles andere als idyllisch. Die Felder lagen unbestellt, nichts wuchs auf dem ausgedörrten Boden, nur hier und da wucherten Büschel von Unkraut zwischen alten Ackerfurchen. Heiße Windstöße wirbelten die knochentrockene Erde zu häßlichen gelbbraunen Wolken auf. Obstbäume und Olivenhaine waren niedergehauen, und wenn ein Bauernhof auftauchte, dann bestanden seine Gebäude höchstens noch aus rußgeschwärzten Mauern ohne Dach, die wie ein verfaulter Zahn aus der Einöde emporragten.
Staacke wußte, daß Andalusien bis vor wenigen Jahren ein fruchtbares, sogar reiches Land gewesen war. Jetzt hingegen konnte man es nur noch als Wüste bezeichnen. Die Katholischen Majestäten hatten im Verlaufe des nun schon beinahe sechs Jahre dauernden Krieges jeden Fußbreit Boden verheeren lassen, der ihren Feinden auch nur im Entferntesten hätte von Nutzen sein können. Aus der Sicht eines Soldaten stellte das ganz sicher eine vorzügliche Methode der Kriegführung dar, aber für einen Kaufmann wie Staacke war dieses Vorgehen idiotisch. Man hatte ihn von Kindheit an gelehrt, bei allen Unternehmungen Gewinn und Verlust, Kosten und Nutzen gegeneinander abzuwägen. Mit großem Aufwand ein Land zu zerstören, das man später selber besitzen und nutzen will, erschien ihm wie der Inbegriff des Schwachsinns. Doch er war ja auch kein Feldherr, und schon gar kein König.
Die Aussicht änderte sich kaum, als die Straße sich einen Berghang hinaufwand, nur daß an die Stelle der abgeholzten Obstgärten nun ausgerissene Weinstöcke traten. Während Staacke langsam bergauf ritt, überholte er eine lange Kolonne schwerer Ochsenwagen, hochbeladen mit Weinfässern und Getreidesäcken, eskortiert von Lanzenreitern in voller Rüstung, denen der Schweiß unter den eisernen Helmen herauslief. Knarrend und rumpelnd bewegte sich der Wagenzug auf den Ort zu, der auch Hinrich Staackes Ziel war: Santa Fé.
Als er schließlich von der Hügelkuppe aus die Stadt zum ersten Mal sehen konnte, war Staacke tief beeindruckt, weit mehr, als er sich bei all seiner Abneigung gegen das Land eingestehen mochte. Man hatte ihm in Córdoba natürlich erzählt, daß auf dem Höhenzug direkt gegenüber von Granada eine Stadt mit mächtigen Festungsmauern und prachtvollen Bauten aus dem Boden gestampft wurde, doch er hatte das für eine der Übertreibungen gehalten, mit denen die Menschen in diesem Teil der Welt ihre Behauptungen großzügig zu garnieren pflegten. Jetzt aber sah er selber die hohen Stadtmauern mit ihren vielen wuchtigen Türmen. Rings um Santa Fé breiteten sich die mit Wällen und Palisaden umgebenen Feldlager des Belagerungsheeres aus, ein Wald von Bannern, Fahnen und Wimpeln flatterte über den Zeltstädten.
Der junge Kaufmann wandte den Kopf ein wenig nach rechts und erblickte auf den Höhen jenseits des Río Genil das Objekt der Begierde, dem dieser ganze Aufwand galt. Granada, eine große Stadt und kaum bezwingbare Festung, deren Mauern sich stolz in den tiefblauen Himmel reckten. Die letzte Zitadelle Spaniens, über der noch das Banner mit dem maurischen Halbmond wehte. Überall war bekannt, daß Ferdinand und Isabella einen heiligen Eid geleistet hatten, den jahrhundertelangen Kampf gegen die Mauren mit einem vollständigen Triumph zu beenden. Santa Fé dürfte den Belagerten deutlich gezeigt haben, daß es sich dabei nicht um leere Worte handelte. Die Mauern der innerhalb weniger Wochen aus dem Nichts entstandenen Stadt waren der steinerne Ausdruck verbissener Entschlossenheit.
Langsam durchritt Staacke das ausgedehnte Heerlager und nahm staunend zur Kenntnis, was für eine umfangreiche Streitmacht das Königspaar zusammengezogen hatte. Überall exerzierten Pikeniere mit langen Lanzen ihre stachelbewehrten Kampfformationen ein, Arkebusiere übten sich im Umgang mit den klobigen Feuerwaffen, Ritter schauten von den Rücken ihrer Araberpferde hochmütig auf die staubbedeckten Fußsoldaten hinab. Als er die Stellungen der Artillerie passierte, drangen aus dem Durcheinander der Geräusche vertraute Wortfetzen an sein Ohr; die meisten Kanoniere sprachen deutsch miteinander, denn die Katholischen Majestäten hatten diese hochbezahlten Spezialisten vor allem im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation angeworben.
Durch eines der großen Tore, an das die Maurer auf den Gerüsten gerade letzte Hand anlegten, gelangte der Kaufmann in die Stadt und folgte der schnurgeraden Hauptstraße bis zur königlichen Residenz. Diesmal, das hatte er sich geschworen, würde er diese Angelegenheit zu Ende bringen. Ohne einen profitverheißenden Vertragsabschluß in der Tasche würde er Santa Fé nicht verlassen.