»Müssen wir denn unbedingt nach Getsemane, Rabbi?« fragte Petrus mit unüberhörbarem Selbstmitleid den Mann neben ihm, der die kleine Gruppe anführte.
Jesus nickte. »Ich weiß schon, was ich tue.«
»Das bezweifle ich auch nicht, Rabbi«, versicherte Petrus eilig. »Aber weißt du denn auch, warum du es tust?«
»Oh, Petrus!« Jesus lachte, zum ersten Mal an diesem Abend. »Du fängst ja schon genauso an wie Lukas. Der fragt ja auch immer nach dem Wieso und Weshalb, eben ganz wie ein Grieche. Vertrau mir einfach, ja?«
»Natürlich, Rabbi«, sagte Petrus. Und schon im nächsten Moment mußte er sich auf die Zunge beißen, um nicht laut zu fluchen; er war im Dunkeln mit dem Fuß gegen einen Felsbrocken gestoßen.
Etwas weiter hinten in der Gruppe schlug Markus sich im Gehen immer wieder die Arme um den Oberkörper. »Verdammt, ist das kalt«, murmelte er.
»Hättest dir ja was zum Überziehen mitnehmen können, so wie ich«, entgegnete Jakobus und hauchte sich in die steifen Finger.
»Konnte ich vorher wissen, daß der Rabbi nach dem Abendmahl ausgerechnet das hier mit uns vorhaben würde? Das war nun wirklich nicht vorauszusehen. Übrigens ... wo ist eigentlich Judas Ischariot?«
Jakobus zuckte mit den Schultern. »Nachdem er beim Essen mit dem Meister gesprochen hatte und dann aus dem Zimmer gegangen war, habe ich ihn nicht mehr gesehen. Wenn du mich fragst, er hat etwas von diesem nächtlichen Spaziergang geahnt und drückt sich.«
»Da wird der Rabbi morgen aber gar nicht gut auf ihn zu sprechen sein«, meinte Markus ärgerlich. Insgeheim jedoch beneidete er Judas, der jetzt ganz bestimmt im Warmen saß, ein wenig.
»Zu dieser Stunde?« Kaiphas, der Hohepriester, blickte überrascht von seinen Unterlagen auf. »Und was will er?«
»Das hat er mir nicht sagen wollen, Herr. Nur, daß er Euch sprechen möchte«, antwortete der Diener.
Mürrisch winkte Kaiphas ab. »Dafür habe ich keine Zeit. Der Mann soll sich an meinen Sekretär Meschach wenden. Und falls der schon schläft, soll er morgen wiederkommen.«
»Ich habe bereits versucht, ihn fortzuschicken. Aber er läßt sich einfach nicht abweisen, Herr. Er sagt, er müsse Euch persönlich etwas sehr Dringendes mitteilen.«
Der Hohepriester seufzte leise. Als ob er sonst nichts zu tun gehabt hätte! Vor ihm auf dem Schreibtisch türmten sich Papyri und Wachstafeln, die er sorgfältig durchgehen, kontrollieren und gegenzeichnen mußte: Anweisungen für die Vorbereitungen zu wichtigen Tempelritualen, der umfangreiche Schriftverkehr mit dem römischen Statthalter Pilatus, detaillierte Befehle für die Tempelwachen. Und alles mußte bis zum nächsten Tag erledigt werden. Es war dieselbe Sysiphusarbeit wie jedes Jahr, wenn das Pessachfest anstand und zehntausende Juden aus aller Welt in Jerusalem zusammenströmten.
Schließlich legte Kaiphas die Schreibfeder beiseite und sagte müde: »Schön, führ ihn herein.«
Der Diener verneigte sich kurz und verschwand durch einen Vorhang aus dem Arbeitszimmer. Erschöpft rieb sich der Hohepriester die brennenden Augen. Vielleicht, ging es ihm durch den Kopf, hat Pilatus mir dieses Amt ja nur verliehen, um mich zu quälen. Nächtelang beim trüben Licht einer rußenden, stinkenden Öllampe Akten studieren zu müssen, das grenzt schon an Folter.
Der schwere Vorhang an der Tür bewegte sich, und gleich darauf kam der Mann herein, der hartnäckig darauf bestanden hatte, empfangen zu werden. Kaiphas musterte ihn und fand nicht, daß er wie jemand aussah, der in irgendeiner Weise bedeutend sein könnte. Nur eines erschien dem Hohepriester auffällig: Im Schein der flackernden Lampe glänzten kleine Schweißtropfen auf der Stirn des Fremden, obwohl die Nacht ziemlich kühl war. Er schien sehr aufgeregt und unruhig zu sein, hatte sich aber auch genug unter Kontrolle, um es zu verbergen.
»Schalom, Kaiphas, Hohepriester im Tempel des Herrn. Mein Name ist Judas Ischariot«, stellte er sich vor und verbeugte sich.
»Schalom, Judas«, erwiderte Kaiphas den Gruß mit einem ungnädigen Unterton. »Du hast also eine wichtige Mitteilung für mich? Nun, ich höre. Aber fasse dich kurz.«
Judas zögerte kurz, als wäre er sich seiner Sache nicht völlig sicher. Aber dann sagte er: »Ich kann Euch sagen, wo Ihr Jesus von Nazareth findet!«
Verstimmt runzelte Kaiphas die Stirn. »Wozu? Er wird ohnehin ganz sicher bald wieder mit neuen Anmaßungen für Aufsehen sorgen. Festnehmen lassen kann ich ihn sowieso nicht. Er ist ständig von Scharen leichtgläubiger Anhänger umgeben. Wenn er vor den Augen dieser Leute verhaftet wird, gibt es einen Aufruhr. Deine Auskunft ist für mich völlig nutzlos, Judas Ischariot. Und nun geh wieder.«
»Wartet!« entgegnete Judas schnell. »Ich weiß, wo man Jesus festnehmen kann, ohne daß eine Volksmenge um ihn ist!«
»Ohne Volksmenge?« Kaiphas hob die dunklen Augenbrauen.
»Ja, ganz bestimmt! Er ist auf den Berg der Ölbäume gestiegen, um heute Nacht in Getsemane zu beten. Und außer elf seiner engsten Gefolgsleute ist niemand bei ihm.«
Augenblicklich verschwand der ärgerliche Ausdruck aus Kaiphas Gesicht. Auf eine solche Gelegenheit hatte er schon lange gewartet. Dieser Jesus sorgte durch seine angeblichen Wunder, seine dreisten Blasphemien und nicht zuletzt durch seine öffentlich geäußerten Zweifel an der Autorität der Priesterschaft für gefährliche Unruhe. Ein solcher Mann mußte beseitigt werden, schon alleine zur Abschreckung ähnlicher Aufrührer und selbsternannter Propheten. Doch dazu, das wußte Kaiphas ganz genau, war er auf die Hilfe der Römer angewiesen. Nur wenn hinter der Verhaftung und der Hinrichtung die Macht Roms stand, würde das alle Wirrköpfe und Nachahmer dauerhaft einschüchtern.
»In Getsemane, auf dem Berg der Ölbäume, sagst du?« Der Hohepriester tauchte den Federkiel in das Tintenfaß und schrieb schnell einige Zeilen auf ein Blatt Papyrus. »Sehr gut. Ich werde den diensthabenden Hauptmann der Tempelpolizei mit zwanzig, nein, besser mit dreißig Mann dorthin schicken.«
Kaiphas streute ein wenig feinen Sand auf die feuchte Tinte und las sich noch einmal die knappe Mitteilung durch, mit der er die Römer um Hilfe bat; wenn auch nur ein einziger Offizier des Kaisers bei der Verhaftung anwesend war, würde das der gesamten Aktion viel größeres Gewicht verleihen.
»Du gehst auch nach Getsemane, Judas Ischariot«, befahl der Hohepriester, während er darauf wartete, daß die Tinte trocknete.
Als er das hörte, zuckte Judas zusammen. »Vergebt mir, aber ...«
»Kein aber!« schnitt Kaiphas ihm das Wort ab. »Mir scheint, daß du Jesus sehr gut kennst. Kein Zweifel, du bist einer seiner Anhänger. Mich interessiert nicht, wieso du dich von ihm wieder abgewandt hast und ihn jetzt verrätst, das ist mir ganz gleich. Wichtig ist, daß du weißt, wie er aussieht. Du wirst ihn identifizieren, damit meine Männer auch den Richtigen verhaften. Wenn sie ihn wirklich ergreifen, zahlt dir der Hauptmann auf der Stelle dreißig Tetradrachmen aus, den üblichen Lohn für solche Auskünfte. Falls du mich aber belogen hast, und Jesus nicht in Getsemane ist ...«
Statt den Satz zu beenden, sah der Hohepriester dem vor Angst schwitzenden Judas nur warnend in die Augen; dann schüttelte er den Sand vom Papyrus.