epilog.de > Texte > Henkel-oliver-1973 > Oliver Henkel: Mr. Lincoln fährt nach Friedrichsburg [Story]
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die S-Bahn:

Oliver Henkel

Mr. Lincoln fährt nach Friedrichsburg

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Es wäre falsch, wollte man in Lincolns Rechtsanwaltschaft nichts weiter sehen als einen Broterwerb. Immer wieder vielmehr äußerte sich in ihm – wie in jenen frühen Tagen, in denen er Tiere aus Fallen befreite, um ihnen ihr Recht auf Leben zurückzugeben – ein nie zu betrügendes Rechtsgefühl, zu dessen Durchsetzung auf Erden ihm die Jurisprudenz nur ein Instrument unter mehreren schien.
Werner Richter
Abraham Lincoln

Ein heilloses Durcheinander, das selbst von den hintersten Winkeln Besitz ergriffen hatte, beherrschte das Büro. Ein aufmerksamer Beobachter hätte allerdings schnell erkannt, daß es sich nicht um die Art Unordnung handelte, die aus Ignoranz oder Trägheit entstand. Es war vielmehr jene Unordnung, die man nur dort fand, wo ein vielseitig interessierter, arbeitsamer Geist wirkte. Durch die von innen verstaubten und von außen mit einer hauchdünnen Eisschicht überzogenen Fenster fiel das gedämpfte Tageslicht auf Stapel von Akten, die sich auf jedem Möbelstück türmten, aus Schränken und Schubladen quollen und große Teile des Fußbodens bedeckten. Selbst in dem hohen Zylinderhut auf der Fensterbank hatten zusammengerollte Unterlagen einen vorläufigen Aufbewahrungsort gefunden. Zwei bis unter die Decke reichende Regale beinhalteten Bücher, denen an den abgegriffenen und angestoßenen Rücken anzusehen war, daß sie keinesfalls nur als Zierde dienten. Ohne erkennbare Sortierung standen neben juristischer Literatur unter anderem Bücher über Mathematik, Astronomie, Geschichte und Philosophie sowie die gesammelten Werke Shakespeares. Zwischen den Regalen hing an der Wand, sorgfältig gerahmt und durch Glas geschützt, eine vom Staat Illinois ausgestellte Anwaltslizenz.

Der außergewöhnlich großgewachsene Mann, dem diese Lizenz gehörte, befand sich hinter einem mit Akten überfüllten Schreibtisch und erschien selbst im Sitzen noch riesenhaft. Schön konnte man Abraham Lincoln wirklich nicht nennen, dafür sorgten die abstehenden Ohren und die erkerartig hervorstehende Nase, die ihm im Verbund mit den übergroßen Händen ein fast schon bizarr unproportioniertes Aussehen verliehen. Aber auf eine nicht alltägliche Art eindrucksvoll war er zweifellos, nicht zuletzt wegen seiner Augen, in denen sich mindestens ebensoviel wache Intelligenz wie Einfühlungsvermögen spiegelte.

Mit diesen Augen betrachtete er die zierliche Frau auf der anderen Seite des Tisches. Sie hatte das Kunststück fertiggebracht, auf dem Weg durch das Büro mit ihrem ausladenden Reifrock nicht ein einziges loses Blatt von den überall verteilten Papierstapeln zu reißen. Lincoln hörte ihr aufmerksam zu, während sie ihr Anliegen schilderte. Dann, nachdem sie zu Ende gesprochen hatte, sagte er nachdenklich: »Verehrte Mrs. Vanhuys, ich weiß nicht, ob ich tatsächlich der Richtige für eine solche Aufgabe bin. Vielleicht sollten Sie sich lieber an meinen Partner Mr. Herndon wenden, sobald er morgen zurückkehrt. Er ist, wie Ihnen ja bekannt ist, ein glühender Gegner der Sklaverei und daher sicher weit besser als ich geeignet, sich dieser Angelegenheit anzunehmen.«

»Aufrichtige Überzeugungen, Mr. Lincoln, ändern nichts daran, daß allzu große Leidenschaft einer Sache oftmals eher schadet als nützt,« entgegnete Martha Vanhuys mit Bestimmtheit.

Damit hat sie recht, dachte Lincoln und deutete unwillkürlich seine Zustimmung durch ein leichtes Kopfnicken an. Wann immer es galt, Geschworene von seiner Sichtweise zu überzeugen, waren William Herndons dramatische, emotionsgeladene Auftritte unübertroffen. Wenn er dann auch noch gegen das antrat, was er am meisten verabscheute, nämlich die Sklaverei, dann steigerte er sich bei seinen Plädoyers stets einen einen heiligen Zorn biblischen Ausmaßes. Lincoln konnte sich leicht ausmalen, welchen Eindruck ein derartiges Verhalten vor einem preußischen Gericht hinterlassen mußte, wo man gänzlich andere Vorstellungen vom Betragen eines Anwalts hatte.

»Die Zeit drängt«, fuhr Mrs. Vanhuys fort. »Robert Saunders, unser Anwalt in Friedrichsburg, ist schwer erkrankt, und die Anhörung findet bereits in vier Tagen statt. Die Illinois Anti Slavery League ist bereit, Ihnen ein Honorar von tausend Dollar zu zahlen, wenn Sie uns in dieser mißlichen Situation beistehen.«

»Können Sie mir möglicherweise sagen, wer bei der Anhörung den Staat Georgia vertritt?«

»Das kann ich. Ein Anwalt namens Graham Forester aus Atlanta. Ist er Ihnen ein Begriff?«

Lincoln überlegte kurz. »Ja, ich denke schon. Er hat bereits zwei, nein, drei Mal bei ähnlichen Anlässen die Auslieferung entkommener Sklaven erreicht, wenn ich nicht irre.«

»Wir wollen verhindern, daß es ihm auch noch ein viertes Mal gelingt. Sie müssen nämlich wissen, Mr. Lincoln, daß wir etwas ausgesprochen Bedenkliches erfahren haben. Forester hat angekündigt, im Falle Jefferson Hope einen vollkommen neuen Weg einzuschlagen. Was genau er beabsichtigt, ist uns nicht bekannt. Aber es gibt Gerüchte, daß er eine bisher von niemandem bedachte Möglichkeit entdeckt hat, mit der die Sklavenhalter des Südens künftig von den Preußen die Auslieferung jedes entflohenen Sklaven erwirken könnten, wenn sie sich einmal als erfolgreich erwiesen hat. Ich muß Ihnen nicht sagen, Mr. Lincoln, was für eine Katastrophe das für die Antisklavereibewegung darstellen würde. Das darf nicht geschehen.«

Wortlos erhob Lincoln sich, ging zum Fenster hinüber und blickte gedankenverloren hinaus. In der vergangenen Nacht war noch einmal Neuschnee gefallen. Der Winter schien Springfield dieses Jahr überhaupt nicht verlassen zu wollen.

Sollte er diese Aufgabe übernehmen? Seine politische Karriere würde darunter nicht leiden. Er hatte schon bei mehreren Gelegenheiten flüchtige Sklaven vor Gericht vertreten und davor bewahrt, vom Staat Illinois wieder an ihre ehemaligen Besitzer übergeben zu werden, wie es der Fugitive Slave Act eigentlich verlangte. Der Ruf eines radikalen Abolitionisten ging ihm dennoch nicht voraus; man wußte, daß er für eine maßvolle, schrittweise Beschränkung der Sklaverei eintrat. Es lag keinerlei dringende Arbeit an, die ihn an von einer Reise abgehalten hätte, und bei einer Versammlung der Republikanischen Partei mußte er erst in der zweiten Märzhälfte wieder als Redner auftreten. Somit gab es für ihn nur einen Grund, Springfield nicht zu verlassen: Er wartete auf Neuigkeiten aus Washington, wo gerade ein wichtiger Fall vor dem Obersten Gericht verhandelt wurde. Dabei ging es im Wesentlichen um die Frage, ob der Sklave Dred Scott, der sich über längere Zeit mit seinem Besitzer in sklavenfreien Gebieten der Vereinigten Staaten aufgehalten hatte, dadurch automatisch die Freiheit erlangt hatte. Persönlich glaubte Lincoln nicht an einen Urteilsspruch zugunsten von Scott, da das Oberste Gericht von Südstaatlern dominiert wurde und der Oberste Richter Roger B. Taney ein geradezu missionarischer Verfechter der Sklaverei war. Aber das änderte nichts an der Bedeutung, die dem Ergebnis als Präzedenzurteil zukommen würde.

Abraham Lincoln beobachtete, wie sich sein Atem als tausdenzackige Eisblume auf der Fensterscheibe niederschlug. Eigentlich, so dachte er, könnte Herndon mir die Dokumente aus Washington ja auch per Eilpost nach Friedrichsburg nachschicken ...

© Oliver Henkel 2004 • Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erschienen in
Oliver Henkel: Wechselwelten (L
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