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Michael K. Iwoleit

Psyhack

Leseprobe

Seite 1 »
Das Schlimmste ist, dass ich mich erinnern will. Es waren halbwüchsige Mädchen, Zehn-Dollar-Huren aus den Slums von La Paz, halb verhungert, von Zuhältern und Freiern gefügig geprügelt, ohne die blasseste Ahnung, was sie in ihren Gebärmüttern ausbrüten sollten. Wir hatten Mühe, genug zu finden, die wir mit Antibiotika-Cocktails halbwegs fit spritzen konnten. Die Klinik, in der wir den Job durchzogen, war ein Drecksloch, schlecht ausgestattet, mit miesem Personal, verkoksten Ärzten und einer korrupten Verwaltung. Unsere Instrumente und die Nährtanks für das Stammzellengewebe waren das beste Equipment, das man dort seit Jahren gesehen hatte. Wir päppelten die Mädchen auf, pumpten sie mit Hormonen voll, sterilisierten ihre Geschlechtstrakte. Ein Drittel war so schwach, dass sie in den ersten Tagen nach der Inkubation starben. Die meisten anderen werden die Abtreibung nicht lang überleben. Aber damit hatten wir gerecht.

Hinterher musste ich einige Tage in einem der besseren Hotels warten, bis ein Carrier frei wurde, der mich zur Scrambay vor der Küste von Panama brachte. Angel, ein hünenhafter Mestize, schweigsam, kahlköpfig und für hundert Dollar in der Woche unterwürfig wie ein Hund, bewachte meine Tür und versorgte mich mit Medikamenten. Bei vierzig Grad im Schatten lag ich die meiste Zeit im Bett, quälte mich mit einer Darminfektion, und mir war, als schwebte ich in dem Lärm und Mief, der von der permanent verstopften Hauptstraße heraufdrang, wie in einer dicken, öligen Wolke. Nachts weckten mich immer wieder die Leuchtreklamen und AirCab-Scheinwerfer, die durch die verschlissenen Jalousien flackerten. Mir ging der Anblick der Mädchen, die sich mit abnorm angeschwollenen Bäuchen durch einen Fieberschub nach dem anderen geschlottert hatten, nicht aus dem Kopf. Einmal versuchte ich mich mit dem Stoff zu betäuben, den Gasper mir mitgegeben hatte, aber ich vertrug das gepanschte Zeug nicht und kotzte das Klo stundenlang mit blutigen Magensäften voll.

Gasper meldete sich einen Tag vor meiner Abreise. Am liebsten hätte ich mein Notepad an die Wand geworfen, als sein arrogantes, frettchenhaftes Gesicht auf dem Display erschien. Es saß in einer Bar, dem Login-Code nach irgendwo in Berlin. Hinter ihm standen halbnackte Flittchen an einer neonblauen Glastheke. Gedämpftes Stimmengewirr und die verhaltenen Akkorde eines Bluespianisten drangen aus dem Lautsprecher. Gasper lebt ausschließlich in teuren Hotels. Er ist unangreifbar, ständig unterwegs.

»Du siehst beschissen aus, Marek«, sagte er mit einem Grinsen. Er hat immer besonderen Spaß daran, wenn’s mir dreckig geht. Es war nicht auszuschließen, dass der miese Stoff einer seiner kranken Scherze war. Er kennt mich viel zu gut. Viel besser als ich mich selbst.

»Frag mich mal warum«, sagte ich.

»Weil du ein Weichei geworden bist, darum. Was ist wieder mit dir los? Psychosomatische Beschwerden, weil ein paar Gören, die keiner vermisst, den Weg in die ewigen Jagdgründe angetreten sind? Du lebst davon, du Spinner.«

»Ach, scheiß drauf.«

»Wie ist der Job gelaufen?«

»Zwölf Kilo feinstes Frischfleisch. Die Ware ist schon unterwegs. Deine Demenzkranken können bald wieder ohne Windeln spazieren gehen.«

»Das hört man doch gern. Was hast du ausgegeben?«

»Einschließlich Anreise, Team, Material und ein paar wohldosierten Bestechungen hat mich der Spaß etwa vierzigtausend gekostet.« Ja, die Gewinnspanne konnte sich sehen lassen. Ein einziger Bioreaktor, der in der Woche gerade 800 g produzierte, kostete das Dreifache. Wir würden die Konkurrenz rausdumpen.

»Das ist eine Prämie wert, Marek. Wenn der Deal durch ist, gebe ich dir Bescheid. Phil erwartet dich schon. Es ist alles vorbereitet. Noch einmal die Zähne zusammenbeißen, und in drei Tagen hast du’s hinter dir.«

Jetzt war der Moment gekommen.

Gasper hatte mich immer darüber im Unklaren gelassen, wie viele Mnemotomien ein Gehirn unbeschadet überstehen kann, und im Netz kursierten die widersprüchlichsten Spekulationen. Angeblich rekonfigurieren die Nanosonden nur die neuronalen Verknüpfungen, die sich seit dem letzten Scan gebildet oder geändert haben. Aber tatsächlich vergisst man nicht nur die Informationen, die einen nach getaner Arbeit nichts mehr angehen. Es wird an den Scans herumgepfuscht, es gibt Bugs in Firmware der Sonden, und mit der Zeit verschwimmen alle Erinnerungen. Alles wird diffus, die Vergangenheit, die Gegenwart, man selbst.

Ich habe schon mein halbes Leben vergessen. Gasper weiß alles, aber ich habe keine Ahnung mehr, seit wie vielen Jahren ich diese Drecksjobs mache, warum ich damit angefangen, in welcher Scheiße ich gewühlt habe. Ich erinnere mich an Militärkommandanten in Nairobi, die ich bestochen habe, um an Slumbewohnern pharmazeutische Versuchsreihen durchführen zu können; an Verhandlungen mit Organhändler-Ringen, die ich nie danach fragte, woher ihre Ware stammte; an Kinder, die ich aus Seuchenbezirken in Bangkok und Manila verschleppen ließ, weil mich ihre Resistenz gegen bestimmte Erreger interessierte. Aber wann, für wen, unter welchen Umständen – das alles ist zu einem vagen Nebel unter meiner Schädeldecke verblasst.

»Hör zu, Gasper«, sagte ich. »Es geht nicht weiter. Irgendetwas stimmt nicht mehr. Ich habe Kreislaufbeschwerden, Probleme mit den Drüsen, mit dem Immunsystem, alles Mögliche.« Es war nicht einmal gelogen. »Noch eine Mnemotomie, und ich wache vielleicht gar nicht mehr auf. Es ist Schluss, ich will raus.«

Gasper ist einssechzig groß, ein hageres Bürschchen, auf Neo-Dandy gestylt, schwul mehr aus Attitüde denn aus Veranlagung, affektiert im Auftreten, aber ordinär, wenn er den Mund aufmacht, und man hält ihn leicht für einen Trottel. Aber ich weiß, wie gefährlich er sein kann.

»Was redest du für einen Scheiß?«, knurrte er. »Meinst du, StrainTech würde dich nur einen Tag länger als nötig mit den Informationen rumlaufen lassen, die du im Kopf hast? Lass Phil bloß nicht warten, sonst bist du schneller tot, als du deine Konten leerräumen kannst.«

»Ich habe nicht vor, in diesem Rattenloch zu bleiben. Aber...«

»Nichts aber. Weißt du, was dein Problem ist? Du bist einer der Besten in deinem Job, aber du hast einen ernsten Charakterfehler: Du hast ein Gewissen. Schön für dich, ist deine Privatsache. Aber wir sind nicht bei der Heilsarmee.«

»Hast du nicht verstanden? Ich bin am Ende.«

»Quatsch. Das höre ich schon seit Jahren. Und nach jeder Mnemotomie bist du wieder ganz der Alte. Sogar noch besser als vorher. Ich gebe Phil Bescheid, damit er dich mal gründlich durchcheckt.«

Damit war das Gespräch beendet.

Angel hatte vor der Tür mitbekommen, dass es zwischen mir und Gasper laut geworden war. Er dachte wohl, dass er mir etwas Gutes tat, indem er mir ein Mädchen aufs Zimmer schickte. Ich will nicht darüber spekulieren, welche Abartigkeiten er mir zutraute, dass er ausgerechnet ein solch groteskes Geschöpf aussuchte. Ich schätzte die Kleine auf Anfang zwanzig, und sie wäre recht hübsch gewesen – ein Ketschua-Halbblut mit apart geschnittenem Gesicht –, hätte sie nicht das zweifelhafte Glück gehabt, an einen Zuhälter mit genug Kohle zu geraten, um seine Mädchen von einem Chirurgen trimmen lassen und an gehobeneren Standorten auf Kundenfang zu schicken. Sie hatte monströs aufgespritzte Blowjob-Lippen, war völlig haarlos, durch hormonelle Eingriffe schmächtig wie eine Zehnjährige, aber mit überproportional prallen Titten und Arschbacken. Sie ging mir auf eine so mechanische, gleichgültige Art an die Hose, dass mir schlecht wurde bei dem Gedanken, wie viele europäische Bumstouristen sie in ihrem kurzen Leben schon bedient hatte. Ich verwirrte sie damit, indem ich sie den ganzen Abend nicht anrühren wollte, stattdessen zwei Flaschen Wein und ein gutes Essen aufs Zimmer kommen ließ und sie hofierte wie eine Dame.

Gasper rief noch einmal an, und am nächsten Mittag saß ich in einem Scramjet, der mit Mach 13 in Stratosphärenhöhe über den Atlantik raste.

Gasper hatte veranlasst, dass mich am Terminal ein Arzt abfing, der sich darauf spezialisiert hatte, gestresste Geschäftsleute während eines Aufenthalts körperlich auf Vordermann zu bringen. In einer Kompaktpraxis, die sich im Obergeschoss des Terminal-Mall zwischen einen Tattoo-Salon und einen vietnamesischen Imbissstand zwängte, nahm er mich in die Mangel, verpasste mir eine Blutwäsche, eine Lymph-Drainage und injizierte mir einen Schwarm künstlicher Leukozyten, die für einige Stunden mit merklichem Rumoren in meinen Eingeweiden damit beschäftigt waren, Schlacken aus den Geweben zu lösen.

Nachdem ich das Zeug in einem grünlichen Schwall wieder ausgepinkelt, mich geduscht, rasiert und einen neuen Anzug angezogen hatte, ging es mir etwas besser. In der Business Class des Scramjets wurden Appetithäppchen mit echten Krabben und als Hauptgang irgendein französischer Designer-Fraß serviert, und ich kippte mich mit Scotch voll, um nicht allzu viel vom Gequatsche der betagten, zum Bersten gelifteten Lady mitzubekommen, die von der anderen Gangseite verzweifelt mit mir ins Gespräch zu kommen versuchte.

© Michael K. Iwoleit 2005
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Story-Fassung erschienen in
Hahn, Iwoleit, Olaf G. Hilscher: Nova 8 (Wuppertal: Verlag Nummer Eins, 2005)
Roman-Fassung
Michael K. Iwoleit: Psyhack (Markt Rettenbach: Fabylon, 2007)
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