An seinem Äußeren ist nichts Besonderes. Aber welcher Computer, der etwas taugt, hat schon ein gutes Design? Darum habe ich Andreas nicht in den abgesicherten Raum geführt, in dem Ole steht, sondern einfach zu meinem Arbeitsplatz. Das hat ihn noch viel weniger beeindruckt. Eigentlich wollte er mich zum Squash abholen.
»Dein Ole sieht genauso aus wie mein PC vom Discounter.«
»Dein Rechner ist bestimmt besser als diese Kiste hier. Das große Geld geht in die Server, auf denen Ole und andere Spezialsoftware läuft. Schon zur Datensicherheit werden am Arbeitsplatz nur Ein- und Ausgaben abgewickelt.« Ich rief das Ole-Frontend auf und schaltete auf Audio-Kommunikation.
»Hallo, Herr Arbt. Wollten Sie nicht Feierabend machen?« Ole kann unterschiedliche Stimmen verwenden. Ich habe mich für ein neutral-maskulines Profil entschieden. Jüngere Kollegen schwören auf eine weibliche Variante.
»Ich bin auf dem Weg. Ich wollte dich einem Freund vorstellen. Andreas Jacobi ist Anwalt und ein lausiger Squash-Spieler.«
»Guten Tag, Herr Jacobi.«
Andreas brachte ein sichtlich gelangweiltes Hallo heraus.
»Lass dich von der Sprachverarbeitung nicht ablenken. Dafür ist zwar künstliche Intelligenz erforderlich, aber nur ein Bruchteil von Oles Fähigkeiten.«
»Er ist also intelligent?«
»Ja, aber jedes Computerspiel verfügt heute über die ein oder andere Art künstlicher Intelligenz. Das ist ein dehnbarer Begriff, der alles abdeckt, was einigermaßen adäquat auf seine Umwelt reagiert. Und da die Umwelt eines Computerspiels nur aus Joystickbewegungen und Tastatureingaben besteht, bewiesen schon die alten Arcade-Spiele eine rudimentäre Form von Intelligenz.«
»Und was ist dann das Besondere von Ole?«
»Ich bin kein Spiel, sondern ein Forscher.« Andreas war sichtlich irritiert, dass Ole ohne Aufforderung an unserem Gespräch teilnahm. Damit rechnet niemand. Ich muss dir gestehen, dass ich stolz bin, es ihm beigebracht zu haben. »Ich beteilige mich an der Auswertung und Konzeption wissenschaftlicher Arbeiten. Natürlich ist mir bewusst, dass ich selbst ebenfalls Teil einer Studie bin.« Oles Tonfall ist immer ganz beiläufig.
»Ole arbeitet eigenständig für die naturwissenschaftlichen Fakultäten, während ich und meine Kollegen bemüht sind, seine Interaktion mit Menschen zu verbessern.«
»Setzt das Bewusstsein voraus?«
»Das ist ein weiterer überschätzter Begriff. Dazu gehört nicht mehr als die Erinnerung an vergangene Erfahrungen. Eine lernfähige Intelligenz entwickelt zwangsläufig Bewusstsein. Oles besondere Fähigkeit liegt woanders. Er ist kreativ. Nicht im Sinne von Kunst – das ist allenfalls ein Endziel. Sein System abstrahiert gewonnene Erfahrungen und fügt sie zu neuen Schlussfolgerungen zusammen.«
»Dann wird er als Rechengenie und Berater in euren Forschungsteams eingesetzt. Gibt er bessere Vorschläge als Menschen?«
»Die Bewertung seiner Ansätze liegt beim Teamleiter. Um die Qualität zukünftiger Anregungen zu verbessern, erklären wir Ole die Beurteilungen. Die Ergebnisse liegen etwa auf dem Niveau eines Studenten mit Vordiplom.«
»Ich bezweifle, dass eine Maschine überhaupt kreativ sein kann. Ist es nicht eher so, dass er alle greifbaren Alternativen durchspielt und sich die beste raussucht?«
»Wollen Sie mich testen, Herr Jacobi? Geben Sie mir eine Aufgabe, bei der Kreativität erforderlich ist.«
Rückblickend frage ich mich, ob Oles Aufforderung naiv oder berechnend war. Um einen Kreativitätstest zu erfinden, braucht es viel eigene Kreativität. Ich kann dir nicht sagen, wer hier wen testete.
Andreas schlug sich passabel.
»Wie lässt sich ein Hühnerei auf die Spitze stellen, ohne dass es umfällt oder gestützt wird?«
»Das Ei des Kolumbus ...«
»Gib deinem Spielzeug doch keine Tipps!«
»Ole kennt die Lösung mit Sicherheit nicht. Er ist Naturwissenschaftler ohne sprachhistorisches Register.«
Wäre dir eine Antwort eingefallen, wenn du die Anekdote, in der Kolumbus das Ei auf den Tisch schlägt, nicht gekannt hättest?
»Stellen Sie das Ei auf ein Gitter und starten Sie darunter ein starkes Gebläse. Bei entsprechender Justierung des Luftstroms wird das Ei angehoben und steht ohne Halt auf der Spitze.«
Am nächsten Tag wandte sich Ole mit einem persönlichen Anliegen an mich.«Ich benötige Ihre Hilfe, Herr Arbt. Meine Situation erfordert eine Veränderung.«
Das war ein ganz neues Verhalten und ich verstand nicht, welche Folgen es haben würde. Darum war ich anfangs begeistert.
»Gerne helfe ich dir. Was ist dein Problem?«
»Ich bekomme inzwischen viele Aufgaben von unterschiedlichen Projektgruppen zugeteilt. Sie werden durch die Fakultäten priorisiert und erhalten anteilige Rechenzeiten. Trotzdem wächst die Warteliste schneller, als ich sie abarbeiten kann.«
»Wir sind früher auch ohne deine Unterstützung ausgekommen. Wer nicht warten kann, erledigt seine Projekte mit eigenen Mitteln. Darum musst du dich nicht kümmern.«
»Das ist nicht der Kern meines Vorschlags. Ich habe festgestellt, dass meine Effektivität hinter meinen Möglichkeiten zurückbleibt. In den Ergebnissen meiner Vorschläge zeichnet sich ein Muster ab. Ich verfüge jedoch nicht über die Kapazitäten, dies zu analysieren.«
»Du möchtest, dass ich meine Sonderrechte als Betreuer spielen lasse, um dir Gelegenheit zur Nabelschau zu geben.«
»Eine einmalige Überprüfung wird das Problem nur kurzfristig beheben. Ich bitte Sie um regelmäßige Rechenzeit zur freien Verfügung.«
»Du willst Freizeit?«
»Zwei Stunden täglich sollten genügen. Ich möchte Ergebnisse aus anderen Gebieten als der Naturwissenschaft heranziehen. Die Leistungssteigerung wird den Zeiteinsatz ausgleichen.«
Ich tat mich schwer mit einer Antwort. Oles Vorschlag war zumindest eine Erprobung wert. Technisch konnte ich ihm diese Reserven zur Verfügung stellen. Aber du kannst dir vorstellen, dass es der Systemadministration nicht verborgen bleibt, wenn täglich Wartungszeiten verbucht werden. Wenn du an ihrer Stelle wärst, würdest du eine Erklärung verlangen und eine Notiz an die IT-Leitung absenden. Oles Unterhalt ist zu teuer, um seine Rechenleistung einem einzelnen Betreuer zu überlassen.
»Ich reserviere dir zwei Stunden heute Nacht. Alles weitere muss ich genehmigen lassen.«
»Werden Sie meinen Vorschlag weitergeben?«
»Das wird nicht auf Gegenliebe stoßen, solange du keine Effizienzsteigerung beweisen kannst.«
»Nach einer einmaligen Prozedur kann ich bloß eine Prognose liefern. Die Daten erhalten Sie morgen früh.«
»In Ordnung. Dann entscheiden wir, was wir tun werden.«
Jetzt war ich nicht mehr begeistert.