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Wolfgang Jeschke

Das Geschmeide

Ausgezeichnet mit dem Kurd Laßwitz Preis
Seite 1 »

Das Boot trieb steuerlos dahin und kreiselte inzwischen so stark, daß ich taumelte und gegen die Reling gedrückt wurde. Ich starrte einen Moment lang hinunter in die Dunkelheit. Unter uns achttausend Meter freier Fall. Dann sah ich im Licht der Hecklaterne die Felswand dicht vor uns. Wir schwangen so knapp vorbei, daß ich befürchtete, wir würden sie jeden Moment berühren.

»Man sollte sie erschießen!« schrie der Captain zornig.

»Wir sind unbewaffnet«, schrie ich zurück.

Wieder huschte die Felswand vorbei, wieder ganz knapp. Die Wimpel flatterten und bauschten sich um uns. Der Fallwind riß uns immer rascher in die Tiefe. Das Heck sackte ab. Ich hielt mich an der Reling fest. Die Hecklaterne erlosch. Um mich war finstere Nacht. Über uns kreisten die Sterne – schwindelerregend und erschreckend hell.

»Nun tun Sie doch endlich etwas!«

»Was soll ich denn tun, Captain?«

»Halten Sie mir wenigstens die Kerle vom Leibe!«

Ich wandte mich ihnen zu. Sie hatten einen Halbkreis gebildet und umstanden uns drohend geduckt. Ich sah im unsicheren Licht die entblößten Augen. Verschwunden war die friedfertige Selbstversunkenheit. Augen wie aus Onyx starrten mich an – schwarz, hart, glatt und kalt. Raubvogelaugen – wachsam und mitleidlos.

Ich war so verblüfft vom Anblick dieser jähen Verwandlung, daß ich eine Sekunde zu lange zögerte. In dem Moment sprangen sie mich an.

Ich fuhr erschrocken hoch, aber Schmerz stach mir so grausam durch die Brust, daß mir die Luft wegblieb.

»Ganz ruhig«, sagte eine Frauenstimme an meinem Ohr. Ich wandte den Kopf und blickte mich um. Da war niemand. Es war immer noch Nacht. Ich sah ein Blinken farbiger Lichter. Das mußten medizinische Geräte sein. Ich war in Sicherheit. In der Ferne war Gewehrfeuer zu hören. Die Zeit des Chaos war also angebrochen. Ich schloß die Augen.

»Ganz ruhig«, sagte die Stimme. Es mußte der MedComp am Kopfende meines Bettes sein, der über mich wachte. In beiden Armbeugen spürte ich Nadeln. Ich atmete ganz langsam und vorsichtig. Der dünne Plastikschlauch in meinem linken Nasenloch befächelte meine Schleimhäute mit kühlem Sauerstoff. Die Laken gaben mir ein Gefühl der Geborgenheit. Ich ließ den Schmerz zurück und trieb davon in den Schlaf.

© Wolfgang Jeschke 2003
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
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