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Interview mit Helge Kautz

Autor von Farnhams Legende


THQ: Wie bist du auf den Gedanken gekommen, ein Buch zum X-Universum zu schreiben?

Helge Kautz: Die Idee kam mir schon wenige Minuten, nachdem ich X-Beyond the Frontier installiert hatte. Die Grafik und die Atmosphäre haben mich als langjährigen Science Fiction Fan sofort in ihren Bann gezogen und fast augenblicklich lief die »Ideen-Maschine« in meinem Hinterkopf an.

THQ: Hast du bereits andere Romane oder Kurzgeschichten geschrieben oder war Farnhams Legende dein erstes Werk?

HK: Ich schreibe schon Geschichten, seit ich ca. 13 Jahre alt bin. In diesen zwanzig Jahren habe ich eine ganze Reihe von Kurzgeschichten verfasst und auch einige längere Projekte begonnen - von denen ich allerdings vor Farnhams Legende nur eines beendet (jedoch nie veröffentlicht) habe.

THQ: Viele Autoren haben Schwierigkeiten, einen Verleger zu finden. Du hast das Glück, Farnhams Legende zusammen mit X-tension veröffentlichen zu können. Gab es dabei besondere Hürden zu überwinden?

HK: Die Idee eines Buches zu X-tension hat eigentlich alle sofort begeistert - speziell, nachdem ich das Exposé vorgelegt hatte und mit den ersten paar Kapiteln gezeigt habe, dass ich es auch sprachlich ansprechend umsetzen kann; aus dieser Richtung gab es also wenig Hürden. Ein wenig hin und her gab es allerdings in Bezug auf die Veröffentlichungsweise - auch im Hinblick auf das zu wählende Format und die damit verbundenen Kosten.

THQ: Farnhams Legende stellt inhaltlich die Verbindung zwischen der Handlung von X-Beyond the Frontier und X-tension her, welche Bedeutung hat das Buch aus deiner Sicht für X-tension? Wie kam THQ darauf, einem Computerspiel ein doch sehr umfangreiches Buch beizulegen, was ja in der Branche durchaus nicht üblich ist?

HK: Der Roman und X-tension sind im Prinzip eine Einheit. Farnhams Legende erklärt und erweitert das X-Universum, wirft Licht auf viele ungelöste Rätsel, verleiht dem Spiel einen noch dichteren Hintergrund - der auch dann bleibt, wenn der Computer mal nicht läuft. THQ - speziell Producer Ole Mogensen - war sofort begeistert von der zusätzlichen Dimension, die das Spiel durch das Buch erhält.

THQ: Viele Entwicklerstudios reagieren bei der Ausgestaltung bzw. Weiterentwicklung ihrer Ideen sehr sensibel und möchten nach Möglichkeit alles unter Kontrolle behalten. Wie sah deine Zusammenarbeit mit Egosoft, den Programmierern von X-Beyond the Frontier und X-tension, aus? Konntest du deine Geschichte frei entwerfen oder musstest du speziellen Vorgaben folgen?

HK: Die Zusammenarbeit mit Egosoft war sehr gut. Man war dort sehr angetan von der Idee und dem Projekt und hat mich auch mit allen Hintergrundinformationen versorgt. Viele Einzelheiten, die von X-BTF selbst noch nicht festgelegt wurden, werden im Roman detailliert ausgearbeitet und auch ihren Weg in zukünftige Spiele finden.
Bei der Entwicklung der Geschichte hatte ich völlig freie Hand, habe mich aber natürlich an die Gegebenheiten des Spieles und an die bestehende Vorgeschichte, Beschreibung der Spezies und die »Timeline« des X-Universums gehalten.

THQ: Farnhams Legende enthält einige sehr schillernde Charaktere. Wie bist du auf die Ideen für diese außergewöhnlichen Figuren bzw. den Handlungsverlauf gekommen?

HK: Nun, ein Roman muss unbedingt einen Protagonisten und einen Antagonisten haben. Als Protagonist bietet sich natürlich Brennan an - der ja den Spieler vertritt - und sein Gegner ist der Split Cho t'Nnt. Charaktere sind immer dann am spannendsten und/oder liebenswertesten, wenn sie nicht ganz der Norm entsprechen, wenn sie eine »Macke« haben - wie das zum Beispiel auch bei Nopileos, dem aus der Art geschlagenen Teladi, der Fall ist.
Die Handlung ergab sich zum einen aus der Anfangssituation des Spieles, zum anderen aus den Antworten auf all die geheimnisvollen Fragen, die das X-Universum bereithält - und aus den Reaktionen der Charaktere auf all dies.

THQ: Nehmen wir mal Nopileos oder Cho als Beispiele: spiegeln diese Charaktere in deinem Roman authentische Personen wider oder entspringen sie allein deiner Fantasie?

HK: Keine der Figuren im Roman entspricht einer realen Figur; aber jede von ihnen enthält einen Teil von mir, meinen Erfahrungen und Erlebnissen.

THQ: Denkst du bereits über eine Fortsetzung zu Farnhams Legende nach?

HK: Zurzeit bereite ich bereits die Fortsetzung vor. Sie wird nicht einfach ein platt weitergesponnener Faden werden, sondern noch viel ausgeklügelter und bunter, als der erste Teil. Ob das Projekt jedoch über die Vorbereitungsphase hinausgeht und ich die Fortsetzung tatsächlich schreiben werde, hängt davon ab, ob sie verlegt wird; nur für mich alleine werde ich sie nicht schreiben. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass sich bei genügend großer Resonanz der Leser ein Verleger finden ließe.

THQ: Könnte in dieser Situation nicht insbesondere das Internet jungen Nachwuchsautoren neue Möglichkeiten bieten, unabhängig von großen Verlagen ihre Bücher zu veröffentlichen?

HK: Veröffentlichen ja - gelesen wird es vermutlich nicht. Denn wer liest schon einen mehrere hundert Seiten starken Roman am Bildschirm oder druckt ihn sich aus?

THQ: Wie bringst du nach deinem sicherlich ausfüllenden Job noch die Disziplin auf, an einem Buch zu schreiben? Machst du dir einen festen (Tages)Plan, der dir vorgibt, bis wann du welches Kapitel fertig gestellt haben musst? Wie gehst du mit Schreibblockaden um?

HK: Das mit der Disziplin frage ich mich auch manchmal. Ich glaube, ich habe das nur deshalb geschafft, weil mir sehr viel an dem Science-Fiction-Genre, diesem Roman und dem Schreiben generell liegt. Schreibblockaden sind bei mir normalerweise eine Folge von nicht ausreichender Planung oder Schlafmangel. Oft sitze ich dann stundenlang vor dem Computer und starre den leeren Bildschirm an. Meist gibt sich das nach einem guten Gespräch mit meinem Mitbewohner. Einen Tagesplan, der über den Vorsatz, nicht zu schreiben, wenn ich mich nicht danach fühle, hinausgeht, habe ich nicht - aber eigentlich bräuchte ich schon einen.

THQ: Was würdest du anderen mit auf den Weg geben, die ebenfalls mit dem Gedanken spielen, ein Buch zu schreiben? Manche Autoren schwören ja auf Karteikarten, auf denen sie ihre Gedanken ordnen, andere schreiben einen Roman, ohne zuvor alle Details ausgearbeitet zu haben.

HK: Wenn man es darauf anlegt, veröffentlicht zu werden, sollte man mit dem Gedanken an den Verlagslektor im Hinterkopf schreiben und sich an feste Schemata halten. Zu diesem Thema gibt es auch ausreichend Literatur. Hat man sich als Autor erst mal etabliert, darf man auch anfangen, etwas flexibler mit den »Regeln der Kunst« umzugehen.
Wie man das Schreiben als solches dann organisiert, bleibt wohl jedem selbst überlassen. Ich persönlich finde es sehr praktisch, wenn man im Vorhinein nicht nur den groben Handlungsablauf festlegt, sondern alles bis hinunter zu einzelnen Szenen skizziert.

THQ: So mancher war erstaunt, dass du neben deinem Beruf als Webmaster auch noch Bücher schreibst. Lässt sich »Romane schreiben« erlernen oder ist das ein Talent, das man nicht nachträglich erwerben kann?

HK: Ich glaube daran, dass wirklich jeder das kann! Interessant und spannend erzählen kann fast jeder. Woran es manchmal mangelt, ist die sprachliche Form, die sich aber fast wie von selbst entwickelt, wenn man viel und mit Begeisterung liest. Ein wenig Talent ist sicherlich auch mit im Spiel, aber die sprachlichen Fertigkeiten selber kann man, wie das Benutzen von Werkzeugen auch, erlernen.
Wichtig ist gerade für das Genre SF und Fantasy natürlich ein gehöriges Vorstellungsvermögen und eine möglichst bunte Fantasie.
»Schreibschule«-Seminare an der VHS o. Ä. halte ich generell für eine sehr gute Möglichkeit, um sich mit anderen Autoren auszutauschen. Allerdings gibt es solche und solche Schreibschulen - man sollte sich immer fragen, ob - und wenn ja - was einem der entsprechende Kurs tatsächlich bringt.

THQ: Gibt es Vorbilder unter SF-Autoren, die dich beim Schreiben von Farnhams Legende beeinflusst haben?

HK: Ja, natürlich! Zunächst wäre da Larry Niven zu nennen, der die Space Opera seit den 60er Jahren um bunte, spannende und an Stereotypen arme Hard-SF bereichert hat. Ich denke, Farnhams Legende hat einiges von einem typischen Niven-Roman. Dann wäre da noch David Brin, dessen unglaublich dichten Stil ich eines Tages mal erreichen möchte; von ihm habe ich versucht, die Technik der Verflechtung von Handlungssträngen zu übernehmen. Auch Orson Scott Card hatte ich beim Schreiben stets im Sinn; ich bewundere den ehemaligen Mormonen-Prediger für seine Fähigkeit, komplizierte zwischenmenschliche Beziehungen zwischen den Charakteren wie vor einem Röntgenschirm aufzuschlüsseln. Natürlich muss ich noch sehr viel schreiben und lesen, bis ich das Niveau erreiche, auf dem sich diese großartigen Autoren bewegen. Aber jeder fängt mal klein an, und es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

THQ: Das waren jetzt drei amerikanische Autoren: spielt die neuere deutsche SF-Literatur im Vergleich zum angelsächsischen Raum keine Rolle?

HK: Ich denke, dass in Amerika mit dem Genre Science Fiction viel unverkrampfter umgegangen wird als hier in Deutschland. Neuerscheinungen auf dem Gebiet werden oft genauso in großen Tageszeitungen besprochen wie andere Werke der Belletristik. Es gibt zu fast jedem Titel auch eine Hardcover-Version - sprich, ein »richtiges« Buch im Gegensatz zu den Paperbacks. In Deutschland sind wir leider noch lange nicht so weit. Dementsprechend gibt es hierzulande auch nicht allzu viele bekannte, deutsche Autoren.

THQ: Da du hauptberuflich mit dem Medium Internet arbeitest und dich zugleich für Science-Fiction-Literatur begeisterst - wie sieht die zukünftige Entwicklung deiner Meinung nach aus? Würdest du so weit gehen und das Internet als einen Vorläufer von William Gibsons Vision des Cyberspace bezeichnen?

HK: Vielleicht ist das Internet eine sehr, sehr frühe Version des Cyberspace, wie er von Gibson beschrieben wurde. So weit, wie dort ausgeführt, wird es zu unseren Lebzeiten aber vermutlich nicht kommen. Trotzdem wird die Vernetzung unaufhaltsam weiter fortschreiten. Ich denke, dass in 50 Jahren alles und jedes eine IP-Nummer und einen Netzanschluss hat, bis hinunter zu Nanomaschinen, die es bis dahin vermutlich geben wird. Die Entwicklung des Internets lässt sich mit der Einführung der Mikrochips in den 70er Jahren vergleichen: inzwischen gibt es nahezu keine Geräte mehr, die nicht mit einem Chip ausgerüstet sind. So wird es mit dem Netz auch sein. Ich sehe darin momentan keine reale Gefahr; aber vielleicht bin ich auch zu technikgläubig. In jedem Falle sehe ich der Zukunft der Technik mit großer Spannung entgegen!

THQ: Und zu guter Letzt: Was ist Schubmukh?

HK: Auf jeden Fall ist es qualitativ hochwertig - beteuert zumindest Siobhan im Roman. Mehr wird nicht verraten :-)

• Das Interview wurde geführt von Max Steller
Mit freundlicher Genehmigung von THQ

Siehe auch
Helge Kautz: Nopileos [Roman-Auszug]
Helge Kautz: Farnhams Legende [Roman-Auszug]
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