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Helge Kautz

Nopileos

Ein Roman aus dem X2-Universum • 2004 • Auszug


Kapitel 1

Nif-Nakh (»Schwärende Wunde«) ist eine wunderschöne Welt. Wild wuchernder, planetenweiter Dschungel, saftiggrün, abertausende kleiner, blutroter Teiche und Seen, überdacht von einem außergewöhnlich klaren, königsblauen Himmel. Gelegentlich ziehen verglühende Meteoriten ihre leuchtenden Spuren über das Firmament. Die Split, Herrscher über diesen Ort, mögen grausam und unduldsam sein. Doch irgendwo, tief in ihrem grimmigen Innern, müssen sie sich einen Funken Bewunderung und Ehrfurcht vor der Schönheit bewahrt haben, dessen bin ich mir sicher.
Melissa Banks, Korridor der Sterne

Es geschah alles so schnell, dass er nicht einmal Zeit fand, erschreckt »Eiersalat« auszurufen, einen der unanständigsten Flüche, den sich ein Volk griesgrämiger Brutpfleger überhaupt denken konnte. In dem einen Moment noch hockte er im Kommandostand seines Schiffes, der wunderschönen Nyanas Glück, beide Arme bis zu den Gelenken in die Steuerungsschäfte getaucht, Flammen überall um ihn herum, seine letzte Sezura kommen sehend. Im nächsten schon schwenkte die kardanische Aufhängung der Kommandobank mit einem Schwindel erregenden Ruck nach unten, wo eine Luke im Deck klaffte, der er nie zuvor Beachtung geschenkt hatte. Einen Augenblick lang sah er die rötliche Beleuchtung des kugelförmigen Bordaufzugs hinter der Öffnung glimmen; wie seltsam, dachte er. Dann katapultierte ihn auch schon ein schmerzhafter Tritt in den Aufzug hinein, wo eine schäumende Substanz ihn abrupt, aber halbwegs schonend abbremste und auffing. Bevor er noch einen klaren Gedanken fassen konnte, wurde er von einem weiteren Stoß durchgerüttelt, dem ein halbsezuralanges Rumpeln folgte, dessen niederfrequente Vibration nichts Gutes verhieß. Danach wurde es schlagartig still, geradezu beängstigend ruhig, nur manchmal schien außen ein gespenstisches Rauschen vorbeizuflüstern.
   Der junge Teladi – seine Retina war noch fast gelb und die sechseckigen Schuppen seiner ledrigen Haut schmal wie bei einem Schlupfling - lag mit angstbleicher Stirnschuppe halb versunken in einer Art hellblauen Rettungsschaums, der sich eng an ihn schmiegte, um Erschütterungen besser abzufedern. Sein Atem ging beklemmend flach und die drei Herzen schlugen Angst erregend zäh und bleiern; sein Körper war in die unwillkürliche Schutzkatalepsie verfallen, die ein schon lange nicht mehr adäquates Vermächtnis der weit entfernten Vorfahren seine Art darstellte.
   Nopileos, so lautete der informelle Name des Echsenjünglings, versuchte, etwas zu sagen, doch die Körperstarre presste seine Kehle zusammen und ließ nur unartikuliertes Zischeln erklingen.
   »Gsshh!«, kam heraus, als er nach Inanias, dem Bordcomputer der Nyanas Glück, rief. Eiskalte Furcht krabbelte seine Rückenfinne hinauf und legte sich um seinen Nacken. Was war geschehen? Hätten die mächtigen Schutzschilde seines Schiffes diesen Zusammenstoß nicht eigentlich überstehen sollen? Das hilflose Entsetzen über diese grauenvolle Ungerechtigkeit verlieh ihm für einen Moment zusätzliche Kräfte, sodass er seinen rechten Arm gegen den Widerstand der Lähmung und des Schaums zu bewegen vermochte. Vielleicht war der Crash doch nicht so geringfügig gewesen, mutmaßte er, während er mühsam testend die Schwimmhäute seiner rechten Klaue spreizte und wieder schloss. Immerhin waren die Energieschilde seiner eiförmigen Yacht durch den rasenden Abstieg in der planetaren Atmosphäre, der dem Zusammenstoß vorausgegangen war, bereits bis an die Grenze ihrer Kapazität beansprucht gewesen! Ein weiterer frostiger Hauch durchfuhr ihn, als er an seine Freunde, die Sternenkriegerin Elena Kho und den immer zu Späßen aufgelegten Kyle Brennan, dachte, die beiden Menschenwesen von der Sagen umwobenen Erde, dem verlorenen Planeten der Argonen. Hatten sie es überlebt?
   »Ohg! Bitte!«, schluchzte er leise. Wenn es etwas gab, das ihm wichtiger war, als die Nyanas Glück, dann waren es diese beiden wunderbaren Menschen! Vor den Angriffen des Split-Kriegers Cho t'Nnt hatte er ihre Schiffe bewahren wollen; dabei hatte er Chos Abfangjäger gerammt. Gerammt? Nein, das klang zu sehr nach einem Unfall! In Wirklichkeit hatte er seine Yacht mit voller Absicht auf Chos Maschine gestürzt, was sonst hätte er auch tun sollen? Die Nyanas Glück trug schließlich keine Waffen!
   »Ishanshniashh!«, nuschelte Nopileos erneut und versuchte mit der Kraft der Verzweiflung, die Starre ganz abzuschütteln. Der Bordcomputer antwortete noch immer nicht. Offensichtlich hatte Inanias ihn absichtlich in den Bordaufzug katapultiert, der von den Konstrukteuren auch als Aufprallkäfig für den Piloten im Falle einer Notlandung konzipiert worden war. Bei dem Gedanken daran, dass dies vermutlich bedeutete, dass die Nyanas Glück in diesem Moment unkontrolliert abstürzte, und er mit ihr, wäre um eine Schuppe die Schutzstarre zurückgekehrt. Doch mit einem entschlossenen Fauchen, das sein Aufbegehren gegen die vermeintliche Unabänderlichkeit des Schicksals dokumentierte, wischte der Teladi diesen beunruhigenden Gedanken beiseite und riss beide Arme hoch, die Krallen und Schwimmhäute mit dem Geräusch einer Million zerstäubender Seifenbläschen durch den Rettungsschaum pflügend.
   »Inaniasssshh, tsssetzt antworte doshh! Tshhh!«, rief er, bereits deutlicher artikuliert als zuvor, nun, da er die Katalepsie zusehends in den Griff bekam. Doch der Schiffscomputer schwieg sich weiterhin beharrlich aus, so, als könne er nichts hören. Aber das ist doch unmöglich, dachte Nopileos verzweifelt, Inanias bekommt immer alles mit, was an Bord gesprochen wird! Wo ist er, wenn man ihn wirklich braucht?
   Mit einem unangenehmen Knacksen, das plötzlich durch die Struktur der Aufzugskugel ging und dem Teladi durch Mark und Bein fuhr, veränderte sich die Schwerkraft. Sie nahm nicht nur deutlich zu und ließ den blauen Schaum sichtbar zusammensacken, sondern veränderte auch ihre Ausrichtung, sodass Nopileos gestürzt wäre, hätte ihn der Rettungsschaum nicht gehalten. Er stemmte die Beine suchend in das poröse Material hinein, bis seine Krallen den metallischen Boden berührten. Er musste hier raus, um jeden Preis! Als Teladi kannte er zwar keine Platzangst, aber wenn es irgendetwas gab, das er tun konnte, um seine Lage zu verbessern – hier würde er es nicht tun können!
   Der Aufzug schwankte jetzt ein wenig, sackte nach unten durch, um sodann wieder nach oben aufzusteigen. Verfluchter Debitor! Was ging bloß vor?
   Der Schaum leistete erheblichen Widerstand gegen alle Bewegungen – beinahe so, als besäße er einen eigenen, widerspenstigen Willen – aber letztendlich konnte Nopileos sich so weit vorkämpfen, dass er mit der linken Gehklaue den manuellen Öffnungsmechanismus erreichte, der sich, wie alle teladianischen Licht- und Türschalter, auf Bodenhöhe befand. Er musste zunächst ein wenig herumtasten, um den Öffner unten im Schaum ausfindig zu machen, doch schließlich spürte er den kleinen Vorsprung zwischen den Krallen. Einen Moment hielt er inne. War es wirklich klug, die Tür manuell zu öffnen? Er wackelte mit den Ohren. Ja – es war nicht nur klug, es war sogar die einzig vernünftige Alternative! Entschlossen drückte er den Taster in die Fassung. Sezuralang geschah nichts; verunsichert betätigte Nopileos den Schalter erneut, dann noch einmal, doch die Tür folgte ihrem eigenen Zeitplan. Irgendwo in den Eingeweiden der Aufzugskugel begann es dumpf zu surren, kurz darauf ertönte ein schrilles Alarmsignal, das die Stirnschuppe des Teladi eine zusätzliche Nuance blasser werden ließ. Mit einem plätschernden Geräusch, ähnlich zusammenrutschenden Yalfurs, veränderte sich die Konsistenz des Rettungsschaums schlagartig von fest nach flüssig. Die hellblaue Substanz erwärmte sich während des Umwandlungsprozesses leicht und reichte Nopileos in ihrer verflüssigten Form nur noch bis an die Knöchel. Auf einmal füllte intensiv süßlicher Blütenduft die Kugel aus; der überraschte Teladi kam jedoch nicht dazu, dies bewusst wahrzunehmen, denn mit einem urplötzlichen, heftigen Knall explodierte die Tür der Aufzugskugel und flog in hohem Bogen nach außen davon. Für einen Moment fiel helles Tageslicht durch die eben entstandene Öffnung hinein. Doch Nopileos blieb keine Zeit, sich darüber zu wundern, dass die weggesprengte Tür nicht, wie erwartet, den Blick auf Deck A der Nyanas Glück freigab. Stattdessen schwappte ein gewaltiger Schwall roten Wassers gischtend in das Innere der Kugel, vermischte sich mit der blauen Flüssigkeit und stieg unaufhaltsam und rasend schnell immer weiter an. Durch die Gewalt der hineinströmenden Fluten wurde der völlig perplexe Teladi von den Gehklauen gerissen und an die gegenüberliegende Wand gespült, wo er sich, verwirrt und hilflos mit den Armen rudernd, instinktiv darauf vorbereitete, dass das Wasser in wenigen Augenblicken über seinem Kopf zusammenschlagen würde. Unwillkürlich nahm er einen tiefen Atemzug der abgestandenen, mit Blumenduft geschwängerten Kabinenluft, bevor sich seine Nüstern fest verschlossen. Teladi waren ausgezeichnete Schwimmer und Taucher; die Vorstellung, sich in ein paar Sezurabruchteilen vollständig unter Wasser zu befinden, bereitete Nopileos noch die geringste Sorge. Als viel beklemmender empfand er es, dass es immer dunkler in der Aufzugskugel wurde, je tiefer diese sank. Nun begann auch noch die künstliche Beleuchtung unstet zu flackern; kurz darauf gab sie mit einem elektrischen Knistern vollends ihren Geist auf.
   Unheimliches Dämmerlicht breitete sich aus. Auch das Wasser fühlte sich fremdartig an, es schien viel dünner, als es hätte sein dürfen! Gleich würde es wie Alkohol unter seine Schuppen kriechen und ihn in eine aufgeschwemmte Leiche verwandeln... Unsinn! Nopileos schüttelte die beängstigende Horrorvision rasch ab. So etwas konnte überhaupt nicht geschehen, seine Schuppen waren dank seiner Jugend noch fest miteinander verwachsen, nichts konnte darunterkriechen!
   Jetzt, da der nachtdunkle Innenraum der Kugel bis auf eine kleine Luftblase an der Decke vollständig mit Flüssigkeit gefüllt war, ließ der Druck des hereinströmenden Wassers schnell nach. Nopileos nahm die Gelegenheit kurzerhand wahr: Er drückte sich mit einem kräftigen Stoß von der Wand ab und steuerte auf die Öffnung zu. Hier im Wasser konnte er sich wesentlich eleganter bewegen als an Land, denn viele Äonen lang hatten die Vorfahren seines Volkes in den ausgedehnten Sümpfen und Ufergewässern von Ianamus Zura gelebt und dieses Vermächtnis schließlich ihrer raumfahrenden Brut weitervererbt. Die empfindlichen Augen des Teladi passten sich rasch dem vorherrschenden Dämmerlicht an und so konnte er sich endlich einen Überblick über die Situation verschaffen. Er blickte zurück. Der Aufzug, schemenhaft sichtbar als kugelförmige Silhouette, setzte soeben auf dem Grund des trüben, mit dichten Schwebstoffen durchdrungenen Gewässers auf. Die Kugel kullerte eine schwerfällige halbe Drehung und wirbelte dabei Schlamm hoch, der die ohnehin schon schlechte Sicht noch weiter trübte, dann blieb sie mit der Türöffnung nach unten regungslos liegen.
   Nopileos' Pupillen weiteten sich in nachträglichem Entsetzen – niemals hätte er sich aus diesem Gefängnis befreien können, wäre er nicht rechtzeitig ausgestiegen! Ein paar Luftblasen lösten sich von seiner Schnauze und trudelten zielstrebig der Wasseroberfläche entgegen. Großes Ei, was hatte Inanias, dieser zu groß geratene Taschenrechner, bloß angestellt? Hatte er etwa die Rettungskugel aus der Nyanas Glück hinauskatapultiert, um ihn vor dem sicheren Absturz zu bewahren? Er musste sich Gewissheit verschaffen, musste herausfinden, was geschehen war!
   Hastig paddelte Nopileos nach oben, dem Licht entgegen. Das erste, das er wahrnahm, als sein Kopf den Wasserspiegel durchbrach, war die heiße Luft, die in keinem Verhältnis zum vergleichsweise kalten Wasser stand. Er tat einen vorsichtigen Atemzug, blinzelte, schüttelte das bitter riechende und schmeckende Wasser ab und blickte dabei Wasser tretend einmal ringsumher. Hohe Bäume mit dünnen Stämmen und grünen Wipfeln drängten sich dicht an dicht um einen mittelgroßen See, dessen rote Oberfläche im Licht einer winterlich klein anmutenden Sonnenscheibe grelle Lichtreflexe umherschickte. Sein Blick wanderte nach oben. Ein zerfasernder Streifen schmutziggelben Rauchs quoll über die Kronen der Bäume hinweg und zog sich quer über den tiefblauen und wolkenlosen Himmel, um am anderen Ende seines Gesichtsfeldes wieder über den Wipfeln zu verschwinden. Die Qualmspur schien sehr hoch in der Luft zu schweben, bestimmt mehrere tausend teladianische Längen!
   Die Erkenntnis überkam ihn anfänglich nur zögernd, sprang ihm schließlich aber erschreckend plötzlich ins Gesicht: Dies musste die Spur sein, die der brennende Ionenmotor der Nyanas Glück über den Himmel gezogen hatte!
   Offensichtlich zerrten in dieser Höhe beträchtliche Winde an der künstlichen Wolke, denn sie fächerte zügig auf und dünnte immer weiter aus. In ein paar Mizuras ließ sich vermutlich nicht mehr viel davon sehen und schon in einer Inzura würde der Himmel über dem See wieder in makellosem Blau erstrahlen. Der Teladi blickte der sich auflösenden Wolke lange Zeit regungslos nach. Er spürte, wie ein flaues Gefühl in seinem Magen aufstieg. Es durfte einfach nicht sein, dass seine Yacht auf diesem Planeten abgestürzt war! Nein, das wollte er nicht glauben! Der Bordcomputer hatte ihn bloß vorbeugend aus dem Schiff hinausgeschossen, nur für den Fall der Fälle! Inanias hatte sein wunderschönes Schiff sicher gelandet, irgendwo dort am Ende dieses Qualmstreifens, hinter dem Horizont. Ganz bestimmt!
   Hinter ihm plätscherte etwas leise – ein Geräusch, das sich glucksend von der fremdartigen Geräuschkulisse des nahen Urwalds abhob, die er bisher gar nicht richtig wahrgenommen hatte. Aufgeschreckt wollte er sich umdrehen, doch bevor er dazu kam, stieß etwas Hartes und Kaltes unsanft gegen seinen Hinterkopf. Reflexhaft machte er sich schwer und ließ sich ein paar Längen unter die Wasseroberfläche sinken. Der Blick zurück zeigte eine dunkle Fläche, eineinhalb Längen tief und breit, die vom Wasser leicht gewiegt wurde, ansonsten aber keine Eigenbewegung aufwies. Eiseidank, kein Tier! Doch was sonst mochte es sein? Ein Baumstamm? Ein Wrackteil? Vorsichtig näherte er sich dem Ding von unten; je näher er herankam, desto mehr wirkte es wie ein künstlich hergestellter Gegenstand. Schließlich sah Nopileos etwas, das er im ersten Moment für ein Schriftzeichen hielt, doch das dünne Wasser war voll rostroter Schwebstoffe, die das Erkennen nicht gerade erleichterten. Der zweite Blick vertiefte den Eindruck noch: Sollten dies dort wahrhaftig altteladianische Hieroglyphen sein? Er war jetzt dicht genug unter dem Gebilde, um festzustellen, dass das Ding aus Kunstmetall bestand. Er strich mit der rechten Klaue über das Zeichen; weniger, um es dadurch besser erkennen zu können, als um seine eigene Ungläubigkeit wegzuwischen. Dies hier war das Wortzeichen des CEO, seines Großvaters! Er stieß blubbernd ein wenig Luft durch die Nüstern. Das musste der Rumpf eines teladianisches Fahrzeugs sein, eines Boots! Nopileos' Herzen überschlugen sich beinahe vor Erleichterung. Jemand, der von seinem Großvater geschickt worden war, hatte ihn ausfindig gemacht und war zu seiner Rettung herbeigeeilt!
   Durch einen gut dosierten Stoß seiner, mit rudimentären Schwimmhäuten ausgestatteten, Gehklauen beförderte sich der Teladi wieder an die Oberfläche, die von unten einem wogenden Spiegel glich. In freudiger Erwartung blickte er sich blinzelnd um. Zunächst mochte er gar nicht glauben, was er sah. Er wollte etwas sagen, hielt inne, machte eine rasche Paddelbewegung um seine eigene Achse, um einen Überblick über den gesamten See zu bekommen.
   »Aber...«, stammelte er, und vergaß, die Schnauze zu schließen. Er starrte mit unendlicher Enttäuschung den auf dem Wasser dümpelnden Gegenstand an, bei dem es sich keineswegs um das Fahrzeug eines Rettungstrupps handelte. Wie sollte es auch, schalt er sich selbst. Viele Lichtjazuras und enorme diplomatische Hürden stünden zwischen einem teladianischen Rettungstrupp auf Nif-Nakh und ihm. Überdies lag der Absturz ja kaum eine Inzura zurück!
   »Dumme Echse!«, rief er fauchend. »Sture Echse, naive Echse! Blöde Idee!« Er klatschte mit der flachen Klaue aufs Wasser. Er hätte es wissen können, nein, müssen! Als Mensch wäre ihm jetzt zum Lachen und Weinen zugleich zumute gewesen; Teladi konnten weder das Eine noch das Andere, so brodelte in ihm nur namenlose Frustration. Er hatte sich von seinem eigenen Wunschdenken ins Bockshorn jagen lassen! Das, was dort vor ihm auf dem See dümpelte, war nichts anderes als die abgesprengte Tür des Aufzugs! Ein Luftschlauch hatte sich entfaltet, der sich um sie spannte und ihr den nötigen Auftrieb verlieh. Das Gebilde war gar nicht so sehr als Rettungsinsel gedacht, da die wassergewandten Echsen von Ianamus Zura auch ohne eine solche fast beliebig lang in, über und unter Wasser überleben konnten, und zwar durchaus auch unter rauen Bedingungen. Vielmehr bestand der Zweck eines derartigen Floßes darin, eine Funkboje sowie Notfallausrüstung zu tragen.
   »Eier... Funkboje, gar nicht gut«, murmelte Nopileos bei diesem Gedanken. Das Funkfeuer würde unvermeidlich die Häscher des Patriarchen von Chin auf ihn lenken. Er musste es unbedingt abschalten, sofort! Er griff nach dem Floß und begann, sich daran hochzuziehen. Die Seite, an der er sich festhielt, wurde ein wenig tiefer ins Wasser gedrückt, die andere hob sich etwas empor. Seine krallenbewehrten Klauen fanden nur schwer Halt an dem rutschigen Gummi des Luftschlauches; sie kratzten mit einem reißenden Geräusch darüber hinweg und glitten ab. Nach mehreren Versuchen brachte er es schließlich fertig, sich unter Flüchen in mindestens drei verschiedenen Sprachen auf die treibende Tür hinaufzuziehen; keuchend blieb er dort auf dem Rücken liegen und starrte in den tiefblauen Himmel. Langsam zerfaserten weit über ihm die allerletzten Überreste der Qualmwolke. Eine Weile trieben seine Gedanken bleiern daher, doch endlich gelang es ihm, das dumpfe Brüten abzuschütteln und zusammenhängende Gedanken zu fassen. Ihm blieb nur eines zu tun, wenn er nicht wollte, dass die Split ihn »retteten«, das wusste er jetzt: Er musste dem Verlauf der Qualmspur folgen, bis dieser ihn entweder zum Landeplatz der Nyanas Glück führte, oder aber an ihre Absturzstelle. Und er musste zu Elena finden, sich vergewissern, dass es ihr gut ging, ganz egal, wo sie sich befand! Natürlich galt dasselbe für Kyle-William Brennan. Brennan war so etwas wie Elenas Gelege-Älterer, er bedeutete ihr sehr viel, und daher bedeutete er auch ihm, Nopileos, eine ganze Menge!
   Nach einigen weiteren Sezuras drehte er sich schließlich auf den Bauch und richtete sich auf seine Knie auf. Mit den Klauen stützte er sich auf der Kunstmetallfläche ab, so wie ein Sprinter vor dem Startschuss. Die Fläche war glitschig und schaukelte; er musste aufpassen, wollte er nicht versehentlich zurück ins Wasser rutschen! Lange brauchte er nicht suchen, bis er die grellgrün markierten Umrisse einer Klappe entdeckte, zu der er vorsichtig hinüberglitt, um sie zu öffnen. In dem darunter liegenden, etwa acht mal acht Fäuste großen Fach fand er einen Rucksack aus schlammfarbenem Tarnstoff, den er, ohne zuvor hineinzusehen, auf seinem Rücken festzurrte. Links unterhalb der Stelle, an welcher sich der Rucksack befunden hatte, erhob sich eine faustgroße, quadratische Metallglasabdeckung, die einige krallenbreit nach oben ragte. Darunter sah Nopileos ein grünliches Licht in einem hypnotischen Halbsezurarhythmus blinken: der Sender! Die Verriegelung der Abdeckung war mit einem einzigen Griff gelöst und schon hielt der Teladi das flache Gerät in der Hand, das außer der Funktionslampe nur ein weiteres Bedienteil aufwies: einen in argono-teladianisch mit dem Wort für »aus« beschrifteten Druckknopf. Der Schalter war mit einem dünnen Stift gesichert, den man zunächst hinausziehen musste, wollte man das Funkfeuer deaktivieren. Nopileos tat dies und betätigte den Knopf. Augenblicklich erlosch das grüne Lämpchen, der Sender verstummte. Sezuralang kämpfte der Teladi gegen den Impuls, das Gerät weit von sich zu werfen, um es im See zu versenken; dann besann er sich jedoch eines Besseren, nahm den Rucksack vom Rücken und verstaute den Sender sorgsam darin. Er wusste ja nicht, ob und wozu er ihn später würde gebrauchen können.
   Bevor er den Rucksack wieder verschloss und überstreifte, warf er noch einen kurzen Blick auf dessen übrigen Inhalt: Es gab ein Piezozelt, einen mittleren Wasserkondenser, ein halbmechanisches Multifunktionswerkzeug, eine Zweihunderter-Packung Protein-Wontons, eine Stabtaschenlampe, ein Feuerzeug, ein Omnifrequenzfunkgerät, eine Schachtel wetterfester Signalmücken sowie eine schmucklose Geldbörse aus orangeblauem Polymer, in der er zwei schmale Banderolen mit je zweiundzwanzig teladianischen Banknoten à dreiundvierzig Credits entdeckte. Zum ersten Mal seit vielen Stazuras richtete sich Nopileos' Schuppenfinne zur teladianischen Entsprechung eines Grinsens auf. Bündel mit je zweiundzwanzig Noten wurden umgangssprachlich Nesthocker genannt, aber außerhalb des Unterrichtsblocks »Vorbereitende Kreditgeschichte« bei Oberstudienrat Wohalimis im Eibrütheim zu Platinball, hatte er so etwas noch nie gesehen. Er zischelte belustigt, während er das antiquierte Zahlungsmittel zwischen spitzen Krallen hin- und herdrehte. Das sah den Planern seines Volkes ähnlich! Wer sonst würde auf die grandiose Idee verfallen, einem Notfallpack eine Börse mit zwei Nesthockern in ungeraden Scheinchen beizulegen! Bei allem was Gut und Recht war – Absturz hin, Split her – eine gewisse komische Note ließ sich dem nicht absprechen! Aber so waren sie nun einmal, seine Leute.
   Er prüfte noch einmal, ob der wasserdichte Rucksack wirklich dicht hielt, und warf einen flüchtigen Blick nach oben. Die Absturzwolke war inzwischen völlig verflogen, aber ihre Richtung hatte er sich gemerkt. Quer über den See, am anderen Ufer hinauf und hinaus, und dann mitten durch den Dschungel, vermutlich mehr als eine Stazura lang, vielleicht sogar zwei oder drei! Nopileos bereitete sich innerlich auf einen anstrengenden Marsch vor, während er sich nahezu lautlos und ohne jeden Spritzer ins Wasser gleiten ließ.

© 2004 Panini-Dino
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Helge Kautz
Nopileos (Stuttgart: Panini-Dino, 2004) Bestellen
Siehe auch
Helge Kautz: Farnhams Legende [Roman-Auszug]
Interview mit Helge Kautz
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