Bernhard Kempen

Der Gourmet

Shayol
Stories und Romane
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Fleisch

Ich spürte nicht mehr, wie die Zeit verging, während ich Leona in den Armen hielt. Ich sah nur verschwommen, wie gelegentlich eine Träne auf ihren Rücken fiel, langsam herabrann und schließlich zwischen den Pobacken versickerte.
   Ihre Haut war bereits spürbar kälter geworden. Ich wusste, dass ich eine Tote in den Armen hielt, aber ich wollte das, was wir miteinander geteilt hatten, so lange wie möglich auskosten. Wir waren immer noch vereint, vielleicht sogar tiefer als je zuvor, und ich wollte diese Verbindung nicht zerreißen.
   Leona war genauso gestorben, wie sie gelebt hatte. Der Höhepunkt ihres Lebens war nicht der »kleine Tod« gewesen, sondern ein großer und großartiger Tod. Sie hatte ihr Leben bis zum letzten Augenblick mit allen Sinnen genossen. Eine unbändige Lust nach Essen und nach Sex hatte sie am Leben erhalten und ihr schließlich einen lustvollen Tod bereitet. Sie war so gierig nach Leben gewesen, dass sie schließlich zu viel davon bekommen hatte.
   Erst als die Schmerzen in meinen verkrampften Rücken- und Beinmuskeln unerträglich wurden, stand ich ächzend vom Stuhl auf, ging vorsichtig in die Knie und ließ Leona behutsam zu Boden gleiten. Es war wie das Zerreißen einer Nabelschnur, als sich mein geschrumpfter Schwanz aus ihrer erstarrten Scheide löste.
   Ich hockte mich neben Leona und strich über ihre kühlen Schenkel, ihren festen Bauch, ihre leblosen Brüste. Allmählich wurde mir jedoch klar, dass meine Andacht nicht ewig dauern konnte, dass etwas geschehen musste.
   Ich musste mir überlegen, was jetzt zu tun war.
   Sollte ich die Polizei rufen? Eine Aussage machen? Was würden die Beamten denken, wenn ich ihnen zu erklären versuchte, wie die Frau ums Leben gekommen war? Oder sollte ich als Gentleman dieses pikante Detail verschweigen? Doch falls man beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen, würde man unweigerlich die eindeutigen Spuren entdecken, die ich in ihr hinterlassen hatte.
   Plötzlich brach mir der kalte Schweiß aus, als ich daran dachte, dass man bei einer Autopsie vermutlich auch ihren Mageninhalt untersuchen würde ...
   Nein, ich musste dieses Problem auf andere Weise lösen. Leonas Leiche musste verschwinden, und zwar möglichst unauffällig. Wenn ich sie im Grunewald verscharrte oder in der Havel versenkte, würde sie früher oder später von irgendwem entdeckt werden. Im Krimi sah alles so einfach aus, aber in Wirklichkeit war es keine leichte Aufgabe, einen Verstorbenen so zu entsorgen, dass keine verräterischen Spuren zurückblieben.
   Vermutlich war es das Beste, Leona in meinem Garten zu begraben. Ohne konkreten Verdacht würde niemand auf die Idee kommen, dort nach einer Leiche zu suchen. Und auf diese Weise würde Leona immer in meiner Nähe sein.
   Ich streichelte mit den Fingerspitzen die feste, kalte Haut ihrer Schenkel. Erschaudernd dachte ich daran, wie ihr Fleisch allmählich in der Erde verfaulen und von Maden und Würmern gefressen werden würde.
   Nein, dazu war es viel zu schade und zu kostbar. Durfte ich Leonas Fleisch verschmähen, nachdem sie es mir immer wieder hingegeben hatte? Nachdem sie sich mir nun geradezu geopfert hatte?
   Ihr Körper war ein Geschenk an mich, eine Aufforderung, sie zu nehmen. Ihr Geist war von mir gegangen, aber ihr Fleisch hatte sie für mich zurückgelassen.
    
   Das alles gehört jetzt dir,
schien sie mir zu sagen. Ich brauche es nicht mehr, es interessiert mich nicht mehr. Du kannst damit machen, was du willst.
   Konnte ich dieses Geschenk annehmen? Würde es mich nicht irgendwann in Schwierigkeiten bringen? Was war, wenn man sie vermisste, wenn sich irgendwer nach ihrem Verbleib erkundigte? Wenn man mir Fragen stellte und mir dieses Vermächtnis streitig machte?
   Da Leona viel unterwegs war, würde es vermutlich Wochen dauern, bis jemand auf die Idee kam, Nachforschungen über sie anzustellen. Im günstigsten Fall verlor sich ihre Spur irgendwo zwischen Berlin und St. Petersburg. Man würde suchen, aber nichts finden. Leona wäre spurlos verschwunden ...
   Nein, ich durfte dieses kostbare Geschenk nicht verschmähen. Jetzt gehörte sie ganz allein mir!

*

Irgendwann hob ich Leona vom Fußboden auf, trug sie in die Küche und legte sie behutsam auf den Tisch. Obwohl sie jetzt nur noch nacktes, totes Fleisch war, bemühte ich mich, ihr nicht wehzutun. Ich legte sogar ihren heruntergerutschten rechten Arm auf den Tisch zurück. Der Gedanke, die Unversehrtheit ihres Körpers zu verletzen, war mir unerträglich, aber wenn ich dieses Geschenk annehmen wollte, musste ich es tun.
   Vorsichtig prüfte ich die Festigkeit ihrer Schenkel, ihrer Hüften, ihrer Arme. Ich versuchte, ihr Fleisch genauso sachlich zu beurteilen, wie ich es schon unzählige Male beim Einkauf in der Metzgerei getan hatte. An den üblichen Problemzonen neigte sie zwar zu leichtem Fettansatz, doch ansonsten waren die Muskeln kräftig und gut entwickelt. Wenn ich ihr Fleisch verwerten wollte, durfte ich nicht zu lange warten. Ich wusste genau, wie ich vorgehen musste. Während meiner Zeit in der Schweiz hatte ich es oft genug miterlebt, da das abgelegene Hotel über eine eigene kleine Metzgerei verfügte. Jetzt ging es im Grunde nur darum, auf einige anatomische Besonderheiten Rücksicht zu nehmen.
   Endlich raffte ich mich auf und schob einen Stuhl an die Seite des Tisches, wo Leonas Kopf lag. Aus dem Schrank holte ich die größte Schüssel, die ich besaß, und stellte sie auf den Stuhl. Dann nahm ich das große Küchenmesser von der Wand und reinigte es unter fließendem Wasser, bevor ich damit zum Tisch zurückkehrte.
   Vorsichtig hob ich Leonas Kopf an und legte das Messer an ihren Hals. Ich musste ein paar Mal tief durchatmen und mir mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen wischen. Dann setzte ich noch einmal an und öffnete mit einem entschlossenen Schnitt ihre Kehle.
   Ich hatte mir bereits Sorgen gemacht, ob ich vielleicht schon zu lange gewartet hatte. Das Blut war in der Tat etwas zähflüssig, aber es quoll sofort aus der Wunde und tropfte in die Schüssel.
   Ich schnitt immer tiefer und durchtrennte schließlich die Nackenwirbel, bis sich der Kopf vom Rumpf löste. Aus dem Halsstumpf floss das Blut träge in die Schüssel und bildete eine immer größere Lache. Auch aus dem Kopf ließ ich alles Blut herauslaufen.
   Dann betrachtete ich Leonas blasses Gesicht. Obwohl ihre Züge im Tod entstellt waren, küsste ich liebevoll ihren kühlen Mund.
   Es war das erste Mal, dass sich unsere Lippen berührt hatten, wie mir plötzlich bewusst wurde.
   Ich wandte den Blick ab und legte den Kopf auf die Anrichte. Dann ging ich zu Leonas Körper zurück, hob ihre Arme und Beine und massierte sie, um auch die letzten Blutstropfen herauszupressen. Schließlich nahm ich einen Holzlöffel aus der Schublade und rührte schnell das noch leicht warme Blut, bis das Holz die Gerinnungsstoffe gebunden hatte, und der kostbare Saft nicht mehr verklumpen konnte.
   Als ich die Schüssel aufhob und mir der süßliche Geruch in die Nase stieg, erinnerte ich mich daran, wie ich hier in der Küche schon einmal von Leonas Blut gekostet hatte. Vorsichtig setzte ich die Schüssel an die Lippen und nahm einen tiefen Schluck. Den Geschmack menschlichen Blutes kannte ich genauso wie jeder andere, der sich schon einmal auf die Lippe gebissen oder in den Finger geschnitten hatte – nur dass er in dieser Menge viel intensiver war. Es hieß, dass der Blutgeruch eine berauschende Wirkung hatte. Vielleicht bereitete es mir deshalb weniger Schwierigkeiten, meine Arbeit fortzusetzen.
   Ich füllte den Rest des Blutes in einen Plastikbehälter, den ich in den Kühlschrank stellte. Dann holte ich einen großen Eimer aus der Abstellkammer und platzierte ihn auf dem Küchentisch. Einen Moment lang beobachtete ich, wie das Blut jetzt nur noch in längeren Abständen aus dem Halsstumpf auf die Fußbodenkacheln tropfte. Ich ging um Leona herum und trat zwischen ihre Schenkel. Sie hingen über die Tischkante herab und waren leicht gespreizt, als wollte sie mich unzweideutig dazu auffordern, noch einmal in sie einzudringen.
   Prompt erwachte mein Schwanz zu neuem Leben und richtete sich langsam auf. Ich überlegte, ob ich sie noch ein letztes Mal nehmen sollte, und strich mit dem Daumen über die Schamlippen. Doch als ich spürte, wie kalt und fest sie geworden waren, ließ meine Erregung sehr schnell nach.
   Statt dessen nahm ich das Messer, setzte es knapp unter dem Brustbein an und schnitt die Bauchdecke bis zum Schamhügel auf. Dann schob ich langsam meine rechte Hand in die Öffnung. Die inneren Organe leisteten meinen vordringenden Fingern kaum Widerstand. Ich schloss die Augen, als ich tief innen die letzten Reste ihrer Lebenswärme spürte, und genoss es noch einmal, von ihrem feuchten, warmen Fleisch umschlossen zu sein.
   Dann drang ich auch mit der linken Hand ein und erweiterte die Körperöffnung. Schnell holte ich die Gedärme heraus und warf sie in den bereitstehenden Eimer. Die Leber und die Nieren hob ich für spätere lukullische Experimente auf.
   Den Magen wog ich eine Weile nachdenklich in der Hand. Darin war das Fleisch beider Frauen vereinigt, die mir einen außergewöhnlichen Genuss verschafft hatten. Doch ich musste einsehen, dass sich diesem Umstand in kulinarischer Hinsicht nichts mehr abgewinnen ließ. Alle Gaumenfreuden endeten zwar im Magen, aber das bedeutete gleichzeitig, dass dort der unappetitliche Teil begann. Da der Mensch kein Wiederkäuer war, eignete sich dieses Organ nicht einmal für ein Kuttelgericht – zum Beispiel für Tripes à la mode oder gar den legendären Königsberger Fleck. Bestenfalls wäre eine Variante des Saumagens denkbar. Doch derartige Verirrungen der deutschen Küche interessierten mich genauso wenig wie die der deutschen Politik.
   Nachdem ich Leona ausgeweidet hatte, füllte ich den Inhalt des Eimers in einen Müllbeutel um, den ich sorgfältig verschloss, da sich in der Küche ein übler Gestank ausgebreitet hatte. Ich stellte die Dunstabzugshaube auf volle Leistung und brachte den Sack nach draußen zur Mülltonne.
   Als ich in die Küche zurückkehrte, war der Gestank fast verflogen. Nur noch der schwere, süßliche Blutgeruch hing in der Luft. Nun öffnete ich den Brustkorb mit einer starken Knochenschere, holte die Lungen und das Herz heraus und legte sie zu Leonas Kopf auf die Anrichte.
   Schließlich betrachtete ich den Körper, der nun im wahrsten Sinne des Wortes nur noch eine Hülle war. Er sah aus wie ein abgelegter hellbrauner Overall mit Armen und Beinen und roter Innenfütterung. Ich ließ meine Hand noch einmal von Leonas Schulter über eine Brust und von der Taille über die Hüfte bis zum Schenkel gleiten, bevor diese Einheit unwiderruflich zerstört war. Ich legte meine Hand auf ihr Geschlecht, dann drang ich durch die große Öffnung ein, die ihren Körper spaltete. Jetzt konnte ich sie tiefer als je zuvor berühren – nicht nur ihre Haut, sondern wirklich ihr Fleisch.
   Ich ging um den Tisch herum und trat vor das Halsende, zwängte meine Hände in ihren leeren Brustkorb und zog die Rippen auseinander, bis sie mit einem leisen Knacken nachgaben. Dann beugte ich mich vor und legte meinen Kopf hinein – genau dort, wo ihr Herz geschlagen hatte. Erregt sog ich den intensiven Geruch nach Fleisch und Blut ein, in dem ich immer noch Leonas persönlichen Duft wahrnehmen konnte. Außen berührten meine Hände ihre festen Brüste, innen küsste ich ihr Rückgrat und kostete mit der Zunge ihr rohes Fleisch.
   Leonas Brustkorb schloss sich beklemmend um meinen Hals. Ich bekam kaum noch Luft, ich drohte zu ersticken – genau dort, wo ihre Lungen geatmet hatten. Aber ich wehrte mich nicht dagegen.
   Beim Sex hatten sich unsere Körper immer nur an der Oberfläche berührt. Erst der Tod ermöglichte uns die innigste Vereinigung. Wäre es nicht angemessen, wenn ich nun in ihr starb, so wie sie in meinen Armen gestorben war?
   Mit den Händen zog ich den Brustkorb wieder auseinander und befreite mich. Ich schnappte nach Luft und trat einen Schritt zurück, um noch einmal ihren nahezu vollständigen Körper zu betrachten.
   Nein, ich durfte ihr Opfer nicht verschmähen. Ich musste weiterarbeiten, damit sich unser Fleisch auf noch viel innigere Weise vereinen konnte. Das war ich Leona und allem, was uns miteinander verband, schuldig.
   Ich nahm das Fleischerbeil von der Wand, prüfte die Schärfe der schweren Klinge und überlegte, wo ich beginnen sollte.
   Schließlich hielt ich ihren rechten Arm fest und zielte auf eine Stelle knapp unterhalb des Schultergelenks. Schon mit dem ersten Schlag durchtrennte die Klinge Fleisch und Knochen. Ich betrachtete das losgelöste Glied in meiner Hand und legte es dann auf den Tisch zurück, um mit einem weiteren Hieb die Hand abzutrennen. Den Rest des Armes zerhackte ich in vier etwa gleich große Stücke.
   Nachdem ich auch Leonas linken Arm auf diese Weise zerlegt hatte, holte ich eine große Packung Gefrierbeutel aus dem Schrank und stopfte die Stücke hinein. Bevor ich sie im Gefrierschrank verstauen konnte, räumte ich mehrere Packungen mit leicht ersetzbaren Lebensmitteln aus, die ich in den Abfall warf.
   Schließlich trat ich wieder zwischen Leonas Beine, legte noch einmal meinen Kopf auf ihr Becken und küsste ihre kühlen Schamlippen. Dann hob ich das Beil und zielte auf den rechten Oberschenkel. Leonas Körper bäumte sich unter dem Schlag auf, doch die Klinge blieb im dicken Oberschenkelknochen stecken. Ich zerrte sie heraus und schlug ein zweites Mal in die gleiche Kerbe. Diesmal zertrennte das Beil den Knochen. Leonas Bein löste sich vom Körper, rutschte von der Tischplatte und fiel mit einem dumpfen Geräusch auf den Fußboden.
   Es erwies sich als schweißtreibende Arbeit, beide Beine in handliche Portionen zu zerteilen, die in die Plastikbeutel passten. Endlich hatte ich Leonas Gliedmaßen im Gefrierschrank eingelagert, so dass jetzt nur noch ihr offener Rumpf auf dem Küchentisch lag.
   Wieder hob ich das Beil und hackte in die Wirbelsäule, um den Körper der Länge nach zu halbieren. Ich hielt noch einmal inne, bevor ich mit dem letzten Hieb den Beckenknochen und die Geschlechtsorgane spaltete.
   Als ich die runden Hinterbacken vom Rest des Rumpfes getrennt hatte und prüfend in den Händen wog, beschloss ich, sie später in meinem kleinen Räucherofen haltbar zu machen. Ich stach vorsichtig mit einem Messer hinein und stellte fest, dass der Schinken stärker mit weißem Speck durchwachsen war, als ich gehofft hatte. Für einen Parma- oder Virginiaschinken würde die Qualität auf gar keinen Fall reichen.
   Dann betrachtete ich nachdenklich die noch übrigen Hälften des Oberkörpers. Ich legte eine Hand auf Leonas rechte Brust und säbelte sie vorsichtig mit dem Messer dicht über den Rippen ab. Ehrfürchtig hob ich sie auf, damit ich auch diese Verkörperung der Weiblichkeit von allen Seiten spüren konnte. Doch in meiner Hand fiel sie in sich zusammen und verlor völlig ihre Form. Die Brustwarze war tief eingesunken und die Haut ringsum von runzligen Falten durchzogen. Alles, was einmal den verlockenden Reiz einer weiblichen Brust ausgemacht hatte, war verschwunden.
   Ich drängte mein Gefühl der Enttäuschung zurück und legte sie in die andere Hand, um mir die ansonsten verborgene Seite anzusehen. Das Innere bestand aus hellem, weißem Fett, von dem ich mit den Fingern mühelos ein Stück lösen konnte. Neugierig steckte ich es in den Mund, bereute es jedoch schon im nächsten Augenblick, als ich den intensiven Speckgeschmack auf der Zunge spürte. Schnell spuckte ich es wieder aus und schüttelte den Kopf. Sonderbar, dass ausgerechnet die Brüste der unappetitlichste Teil einer Frau zu sein schienen. Aber ich brachte es trotzdem nicht übers Herz, sie einfach wegzuwerfen. Also deponierte ich sie vorerst in einem Gefrierbeutel.
   Nachdem ich den Rest des Brustkorbs zu schmalen Koteletts und Rippchenstücken zerhackt hatte und die Fächer des Gefrierschranks bis zum Bersten gefüllt waren, wandte ich mich Leonas Kopf zu, der immer noch auf der Anrichte lag.
   Das Gesicht war so bleich, teilnahmslos und abweisend, dass es kaum noch an Leona erinnerte. Mit diesen Augen, die jetzt geschlossen waren, hatte sie mich angesehen, mit diesem Mund hatte sie gegessen, geatmet und gelacht.
   Ich drehte den Kopf um und schnitt mit einem kleinen Messer den Kieferboden auf. Mit den Fingern zog ich von unten die Zunge heraus und trennte sie mit der Klinge ab. Dann ging ich zum Herd, stellte eine kleine Pfanne auf die Platte, goss ein wenig Olivenöl hinein und wartete, bis es sich erwärmt hatte. Als ich Leonas Zunge in die Pfanne legte, zischte das Öl brutzelnd auf. Ich würzte mit einer leichten Prise Salz, gab etwas Pfeffer und Majoran dazu, und wendete sie einmal, bevor ich die Herdplatte wieder abstellte.
   Ich legte die Zunge auf einen kleinen Teller und wartete, bis sie sich etwas abgekühlt hatte. Schließlich hob ich sie mit den Fingerspitzen auf und biss hinein. Während ich das köstlich zarte Muskelfleisch kaute und Leonas Zunge auf meiner spürte, vollzogen wir eine Vereinigung, die uns zu ihren Lebzeiten nicht möglich gewesen war.
   Ich erfuhr gleichzeitig den endgültigen Verlust und die Erfüllung der Liebe, den tiefsten Schmerz und den höchsten Genuss, denn in diesem Augenblick waren für mich die Gegensätze von Leben und Tod zu einer unteilbaren Einheit verschmolzen.

Leseproben:
Zusammenstoß
Artischocken
Fleisch

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Originalausgabe
Bernhard Kempen, Der Gourmet
(Berlin: Shayol-Verlag, 2002) 3-926126-15-9 Bestellen
Titelbild von Klaus Brandt, Hardcover, 368 Seiten
Siehe auch
Der Gourmet - Interview mit Bernhard Kempen
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