Googol
Roman 2000 Leseprobe
Erstes Buch Zwölftes Kapitel

Es war soweit
- der Tag der Abreise war gekommen.
Ich stand alleine in meinem Appartement und schaute mich prüfend im
Raum um. Es war alles erledigt und nun hatte ich noch eine halbe Stunde für mich selbst,
bevor ich mich zu dem Kopter begeben mußte, der mit hängenden Rotorschrauben unten auf
dem Vorfeld wartete. Der größte Teil der Besatzung der NOSTRADAMUS befand sich hier in
Manching. Hagen Lorenzen, Richard Ballhaus und Karen Cahor würden schon viel zu früh auf
dem Weg zu dem Fluggerät sein, das uns nach Rom bringen sollte. Von dort würden wir nach
einem kurzen Stop bei der Firma Meridiana Glasses mit einem Swan nach Südamerika
aufbrechen. Viktor Sargasser, Karlheinz »Voodoo« Wörner und Luis Santana hielten sich
wahrscheinlich ähnlich wie ich in ihren Appartements auf und hingen ihren Gedanken nach.
Mit einem Bedauern löste ich meine antike Uhr vom Handgelenk und ging
zu dem kleinen Tresor, der schmucklos als stahlblaues Viereck in der Wand neben der Tür
zur Küche eingelassen war. Für Personen meines Ranges war er vom Konzern vorgeschrieben
und wurde von der Sicherheitszentrale überwacht. Ich legte die alte Gruen aus dem Jahre
1941 hinein und holte den kantigen Micro-Rechner mit dem zusammenfaltbaren Bildschirm und
dem integrierten Scanner heraus. Für die nächste Zeit würde er mir keine anderen
Dienste leisten müssen als die Gruen, nämlich die Uhrzeit anzeigen, da ich alle weiteren
Informationen und Anweisungen über Suzanne leiten würde, aber während des Raumfluges
war der Micro-Rechner Vorschrift.
Als ich ihn anlegte, fiel mein Blick auf ein weißes Papierpäckchen,
das rechts am Rand im Tresor lag. Darin hatte ich respektlos die roten Steinchen vom Mars
aufbewahrt, die mir Fritz Bachmeier in Siena geschenkt hatte. Ich hatte damals aus einer
Serviette eine Tüte geformt und die seltsamen Steinchen wie Bonbons hineingeschüttet.
Mir fiel Karen Cahor und ihr Ohrring wieder ein. Mit einem Schmunzeln nahm ich das
Päckchen in die Hand. Irgendwo hatte ich noch eine silberne Kette, an der ein kleiner
aufklappbarer Rahmen aus Silber hing. Sie stammte von meiner Großmutter, die sie
ihrerseits an meine Mutter vererbt hatte. Nach dem Tod meiner Eltern ging eine
mittelalterliche Schmuckschatulle in meinen Besitz über, die ich mich aus sentimentalen
Gründen nicht traute, einem Antiquitätenhändler zu übergeben oder gar zu verschenken.
Ich suchte eine Weile an verschiedenen potentiellen Plätzen und fand
sie schließlich in der Küche in einer Schublade hinter dem Eßbesteck. Verschlungen mit
einer Brosche aus Rheinkiesel und einem Armreifen aus Muschelkalk zerrte ich die silberne
Kette vorsichtig aus dem reichlich verzierten Behältnis. Ich klappte den kleinen Rahmen
auf und mein Großvater blickte mir ernst auf einer winzigen Farbvergrößerung entgegen.
Ich hatte nie ein gutes Verhältnis zu ihm gehabt, also löste ich das Bild vorsichtig mit
einem Messer heraus und legte die Steinchen hinein. Sie paßten ganz gut, nur der
Verschluß ging nicht vollständig zu. Kurzerhand zog ich meinen High Heat
Thermokolben aus einer Schublade und versiegelte das Rähmchen mit einem dampfenden
Silberfaden. Nachdem das Werk abgekühlt war, hing ich mir die Kette um den Hals und
betrachtete mich im Spiegel. Unmöglich! Ich sah aus wie der frisch ernannte
Bürgervertreter von Ingolstadt! Gerade wollte ich dem Blödsinn ein Ende bereiten und die
Kette ablegen, als es in meinem Ohr piepste.
»Ja, Suzanne?«
Es dauerte eine Weile, bis sie antwortete. Suzanne war vor einigen Tagen
auf der NOSTRADAMUS installiert worden, deswegen kam es zu dieser Zeitverzögerung.
Herr Hellbrügge läßt ausrichten, er würde dich in der LH-137
auf dem Vorfeld in Manching erwarten!
Mein Gott, ich hatte mich so intensiv mit der Kette beschäftigt, daß
ich gar nicht auf die Zeit geachtet hatte! Ich stopfte das Schmuckstück unter das Hemd,
wo es sich wegen der vorangegangenen Erhitzung sehr warm anfühlte, schob die Schatulle
samt Thermokolben kurzerhand in den Tresor und klappte ihn zu.
»Suzanne, sag' Hellbrügge, ich bin auf dem Weg!«
Ich benötige eine genaue Definition: auf welchem Weg?Ich
stöhnte auf und griff nach dem handlichen kleinen Reisekoffer aus Fibergeflecht. Alles,
was ich an persönlichen Sachen für die nächsten 15 Monaten mitnehmen wollte, hatte ich
gestern schon gepackt. Viel war es nicht. Alle anderen Dinge, die ich fürs tägliche
Leben benötigen würde, waren reichlich auf der NOSTRADAMUS vorhanden.
»Suzanne, richte ihm aus, ich bin in fünf Minuten an der LH-137!«
Die Nachricht wird übermittelt! kam es Sekunden später
zurück.
Während mich der Aufzug nach unten brachte, zog ich meine blau-gelbe
Jacke mit den Kapitänsstreifen an. Nachdem sich einige TV-Teams angekündigt hatten,
hätte es Berchtold wahrscheinlich lieber gesehen, wenn ich schon hier in Manching im
offiziellen NOSTRADAMUS-Overall in den Kopter gestiegen wäre, aber überraschenderweise
hatte sich Hellbrügge meiner Meinung angeschlossen, mit dem letzten Showeffekt erst in
Kourou zu beginnen.
Ursprünglich war geplant gewesen, mit dem Transalpin, einer
Magnet-Bahn, nach Rom zu fahren. Da es jedoch in den letzten Tagen vermehrt
Demonstrationen gegen das NOSTRADAMUS-Projekt gegeben hatte, verbunden mit anonymen
Drohungen, Anschläge auf die Bahntrasse zu verüben, hatte sich Hellbrügge schweren
Herzens für den Kopter entschieden. In dem Zug hätte eine ganze Garnison Journalisten
Platz gefunden, denen er gerne seine spektakuläre Besatzung während der Fahrt noch
ausführlicher vorgestellt hätte.
Mir war es ganz recht so, denn zum einen würde es keine zwei Stunden
dauern, bis wir uns in einem angenehmen mediterranen Klima einfinden würden und zum
anderen meinte ich, daß wir in den letzten Wochen der Presse während allen möglichen
Gelegenheiten genügend Rede und Antwort gestanden hatten.
Auf meinem Weg zum Vorfeld traf ich auf viele Angehörige von Space
Cargo, die sich nicht gerade zufällig hier befanden. Sie traten auf mich zu, gaben mir
die Hand zum Abschied und einige hatten sogar Tränen in den Augen.
Nachdenklich und gerührt kam ich mit den verschiedensten
Glücksbringern im Arm zehn Minuten zu spät an der Maschine an, vor der sich eine
beträchtliche Menschenmenge versammelt hatte. Angehörige der verschiedenen Abteilungen
hatten sich zusammengefunden und bildeten mit ihrer farbigen Kleidung einen bunt
zusammengewürfelten Haufen. Als ich näher kam, verstummten die Gespräche. Langsam
traten die am Rand stehenden Personen zurück und es bildete sich ein Spalier zum Einstieg
des weiß glänzenden Kopters. Es mußte für die laufenden Kameras ein herrliches Bild
sein, als ich mit einem geschmeichelten Lächeln und putzigen Stofftierchen auf dem Arm
durch die Menge schritt. Nachdem mich unzählige Hände betatscht und beklopft hatten, kam
ich an der Gangway an, wo mich Molly Steenburgen empfing und mir lachend meine
Maskottchenfamilie abnahm.
»Ich bin leider etwas aufgehalten worden«, sagte ich verlegen.
»Ja, das sehe ich!« lachte sie und wischte mir mit einem Taschentuch
die Spuren einer ganzen Lippenstiftkollektion von den Wangen. Nachdem ich keimfrei war,
trat sie zurück und gab mich noch mal frei für die Journalisten, denen aber in dieser
Situation auch nicht mehr einfiel, als mir und meiner Mannschaft viel Glück zu wünschen.
Nach einem kurzen Verlegenheitsmoment trat Molly wieder zu mir. »John, die anderen warten
schon in der Maschine. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und kommen Sie gesund und unversehrt
wieder zurück!«
Ich sah ihr in die Augen, die mich wässerig von oben anblinzelten. Dann
lagen wir uns in den Armen.
Schließlich lösten wir uns voneinander und ich spielte anschließend
den harten Mann. »Komm', Molly, ist doch nicht so schlimm! Schließlich flieg' ich ja
nicht zum Mars!«
»Mensch, du blöder Hund! Paß' ja auf dich auf!« schniefte sie und
schubste mich zur Gangway. Erst jetzt registrierte ich, daß wir uns spontan geduzt
hatten. Außerdem hatte ich gar nicht gewußt, daß es in Molly's Sprachschatz ordinäre
Worte gab. Jetzt wurde ich doch ein bißchen sentimental. Ich drehte mich noch mal zu ihr
um und sagte: »Mist! Jetzt ist mir was ins Auge geflogen!«
Sie wuschelte mir mit der Hand liebevoll durchs Haar und trat dann
gleichzeitig lachend und heulend ein paar Schritte zurück, als der Kopter mit einem
leisen Zirpen das Anlaufen der Rotorblätter ankündigte.
Schnell hastete ich die Treppen hinauf und drehte mich oben angekommen
noch einmal kurz um und winkte zurück. Dann verschwand ich im Kopter, wo mich Luis
Santana mit einem Videoboard in der Hand empfing. Er tippte darauf herum und grinste mich
an: »Nurminen, Kapitän. Damit ist die Passagierliste vollständig!«
Ich umfaßte ihn freundschaftlich an der Schulter und lachte befreit
auf. Von einem Moment zum anderen hatte ich die Vergangenheit weit hinter mir gelassen.
Entschlossen stellte ich meinen Koffer im Gepäckfach ab, wo er sofort
von automatischen Magnetverschlüssen festgezurrt wurde.
In der Kabine herrschte eine nervöse Aufbruchsstimmung. Hellbrügge und
Berchtold saßen nebeneinander in der hinteren rechten Reihe, hatten die
gegenüberliegende Sitzreihe umgelegt und benutzten sie als Ablage für ihre
Kommunikationskoffer, die aufgeklappt kreuz- und querstanden. Vor ihnen auf dem Tisch
lagen zwei Videoboards, über deren Inhalte sie gerade heftig diskutierten. Sie schauten
kurz auf und registrierten mit einem nebensächlichen Anheben der Hände meine
Anwesenheit.
Das anschließende Geviert bestand aus Ballhaus, Lorenzen, Halbmond und
Kadett Wolfen. Die ersten drei schenkten mir ein unsicheres Lächeln, während Wolfen sehr
unglücklich aussah. Ich wunderte mich ein wenig darüber, schließlich erwartete ihn eine
aufregende Reise mit unserer gemeinsamen Freundin. Ob er wußte, daß ich mit ihr mehr als
nur befreundet gewesen war? Na egal, ich nahm mir jedenfalls vor, keine Anspielungen
darauf zu machen und begrüßte herzlich die Runde, indem ich jedem die Hand gab und
passende Worte von mir gab. Kadett Wolfen sah danach nicht viel glücklicher aus.
In der linken Reihe hatten drei wichtige Personen aus Berchtolds Bereich
Platz genommen: die Hofberichterstatter des Königreiches, wie Voodoo sie nannte. Es waren
nette, aber resolute Typen, die ich seit langer Zeit kannte und schätzte. Sie versorgten
die Presse mit Bildmaterial aus dem internen Bereich des Konzerns und genossen damit eine
gewisse Vertrauensstellung. Sie empfingen mich mit den üblichen Scherzen und natürlich
mit laufenden Kameras.
Viktor Sargasser und Voodoo lümmelten scheinbar gelangweilt am letzten
Tisch in der Kabine. Luis Santana hatte gerade die Tür des Kopters geschlossen, als die
Maschine auch schon mit einem deutlichen Rucken abhob. Ich flüchtete mich rasch neben
Viktor. Luis hielt sich geistesgegenwärtig am Türrahmen fest.
»Porco mio!« fluchte er und hangelte sich schnell in den Sessel neben
Voodoo.
»Kotztüten und Hygienetücher befinden sich an beiden Seiten
außerhalb des Kopters!« feixte Voodoo, und streckte beide Arme aus und deutete
demonstrativ mit ausgebreiteten Armen zur Seite. Dabei hielt er seinen linken Unterarm
Luis direkt vors Gesicht und drückte damit den Kopf des Spaniers nachdrücklich ein
paarmal nach hinten in den Sessel. »Heute werden wir von einem richtigen Menschpiloten
chauffiert, Konnie Harder. Wir nannten ihn immer `Max, den...'...Oh, Entschuldigung, Luis,
ich habe deinen Kopf gar nicht bemerkt!«
Luis blickte ihn empört an, fiel jedoch sofort mit uns in ein
befreiendes Lachen ein, als er Viktor und mich schmunzeln sah.
Na, in meiner Mannschaft war jedenfalls alles beim alten geblieben!
Der Kopter gewann rasch an Höhe und nahm zielstrebig Kurs auf die
schneebedeckten Gipfel der Alpen.
Wir begannen, uns über verschiedene Themen zu unterhalten und vermieden
bewußt, die NOSTRADAMUS zu erwähnen, alleine schon wegen der Anwesenheit der
Presseleute, die recht bald anfingen, Aufnahmen für ihre Dokumentation einzufangen und in
der Kabine ausschwärmten. Zufrieden registrierte ich eine aufkommende Ausgelassenheit an
Bord. Die Reporter verstanden es, durch ihren heiteren Umgangston die verschiedenen
Gruppen einander näherzubringen. Durch die zahlreichen Interviews und Aufnahmen wurde die
anfänglich starre Ordnung so durcheinandergewürfelt, daß bei unserer Ankunft in Rom
jeder auf einem anderen Platz saß. Nur Wolfen hielt sich bedeckt und sonderte sich ab.
Mit mir hatte er kein einziges Wort gewechselt.
Rom empfing uns mit brütender Hitze.
Der Kopter flog den Hafen vom Meer aus an und landete am Pier 49 in
direkter Nähe eines blau-gelben Swans, der mit eingefahrenen und damit hochaufragenden
Flügelflächen auf einem drehbaren Landungsdeck knapp über der Wasseroberfläche stand.
Es war keine der gewaltigen Flugmaschinen, die mit tausenden von Menschen an Bord die
Ozeane überquerten, sondern ein Typ der Wrexham-Mittelklasse und einem Katamarankiel. Mit
seiner großzügigen und geräumigen Ausstattung konnte man den Swan dafür getrost als
einen Luxus Liner bezeichnen, denn obwohl in ihm über 800 Passagiere befördert werden
konnten, gab es ausschließlich Zweier - und Einzelkabinen, von denen sich die meisten an
der Außenseite befanden, weiterhin einen Imagplex mit den neuesten
MovieDigs, ein
Wellenbad und eine Aussichtskuppel, die sich vollständig über den Rücken des Swans
hinzog.
Wie in fast allen großen Häfen standen die Swans auf Landungsdecks,
auf die sie mit Hilfe ihrer Magnetkissen nach der Wasserung hinauffuhren. Danach wurden
die riesigen Flügelflächen nach oben geklappt und das Deck transportierte die Maschine
durch einen Finger, der sich unter der Wasseroberfläche befand, in die Parkposition.
Dadurch, daß die Flügel wie metallene Segel wirkten, drehten sich die Fluggeräte auf
dem beweglichen Unterbau von selbst in den Wind.
In dem weitläufigen Hafenareal lagen unzählige Giganten wie
überdimensionierte farbige Seerosen dicht über dem Wasser. Unser Kopter rollte noch ein
Stück und blieb dankbarerweise in einem meterbreiten Schattenbalken eines steil
aufragenden Swanflügels mit einem sanften Schaukeln stehen.
Voodoo holte aus einem Fach über seinem Sitz einen Panamahut heraus, an
dessen Krempe eine braun getönte Sonnenblende eingearbeitet war. »Hab' ich mir extra
für die südlichen Kolonien gekauft! Ist absolut der letzte Schrei!«
Für mich sah er aus wie ein Imkerhut, dem die untere Hälfte fehlte,
aber über Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten.
Als wir die kleine Gangway betraten, empfing uns ein schrilles
Pfeifkonzert einer nicht unbeträchtlichen Menschenmenge, die sich etwa 200 Meter entfernt
hinter einer provisorischen Absperrung befand. Davor standen in dichter Reihe schwarz-rot
gekleidete Sicherheitskräfte. Ich hatte die Ansammlung schon aus der Luft bemerkt, aber
ich hatte nicht damit gerechnet, daß wir der Grund waren.
»Das gilt uns«, bemerkte Berchtold trocken. »Es sind noch weitere
Demonstrationen angesagt, deswegen gehen wir kein Risiko ein und begeben uns gleich in den
Swan. Der Kopter bleibt hier. Wir fliegen mit ihm heute abend zu Meridiana
Glasses.«
Schweigend drehten wir uns dem Eingang zu den unterirdischen Gängen zu,
von wo aus wir direkt durch das Landungsdeck in den Bauch des Swans gelangen konnten.
Voodoo schwenkte seinen Hut in Richtung der Menschenmasse und schickte Kußhändchen
hinterher. Als Antwort gellten die Dissonanzen der Pfiffe noch lauter und vermischten sich
mit häßlichen Rufen, die ich nicht verstand. Dann kam eine deutlich sichtbare Bewegung
in die Menge. Nachdem Hellbrügge ihn barsch angefahren hatte, trottete Voodoo wie ein zum
Tode Verurteilter mit hängenden Schultern weiter.
»Ich wußte gar nicht, daß diese Demonstrationen solch ein Ausmaß
angenommen haben,« wandte ich mich wieder an Berchtold.
»Wir auch nicht,« gab er zu. »Es wurde in den letzten Tagen immer
schlimmer! Deswegen gehen wir davon aus, daß die Aktionen profimäßig organisiert und
gesteuert werden.« Mit einem abfälligen Grinsen fügte er hinzu: »Hätte ich übrigens
viel besser gemacht! Viel zu wenig Leute. Kein Channel sendet Bilder von so einem
armseligen Haufen.«
»Gesteuert? Von wem denn und wozu soll das gut sein?«
Er antwortete hintergründig. »Von unseren lieben Konkurrenten
natürlich! Vielleicht würden wir das an ihrer Stelle ebenfalls arrangieren. Und warum?
Weil sie die öffentliche Meinung beeinflussen möchten! In den letzten Jahren hat sich
die Anzahl unabhängiger Zeitungen mehr als verdoppelt und wenn unser Projekt schon
ständig durch den Nachrichtendschungel rauscht, dann ist es ihnen lieber, wenn ein fader
Nachgeschmack zurückbleibt!«
Skeptisch blickte ich noch einmal hinüber zu der lärmenden Ansammlung
und wäre beinahe über unsere eigenen Presseleute gestolpert, die eifrig auch diese
Vorfälle dokumentierten. Ich zweifelte daran, ob sich die Vorgänge so einfach erklären
ließen, aber Berchtold war in solchen Dingen bestimmt mehr bewandert als ich. Mit einem
nachdenklichen Kopfschütteln versuchte ich, meine Gedanken zu ordnen. In ein paar Tagen
würde ich weit weg von der Erde sein und versuchen, den Auftrag zu erfüllen, der das
Ziel der Demonstrationen war. Aus welchen Gründen sie stattfanden, sollte jetzt nicht
mein Problem sein und weit draußen im Raum erst recht nicht.
Unser Weg führte uns nach unten an weiteren Absperrungen und freundlich
winkenden Uniformierten vorbei. Wir rollten auf bequemen Laufbändern durch smaragdfarbene
Gänge, die allmählich eine polarisblaue Färbung annahmen und schließlich in einem
bernsteingetönten Aufgang mündeten.
Eine Viertelstunde später saß ich in einer angenehm kühlen
Luxuskabine vor einem ovalen Fenster aus Thermoglas und schaute gedankenverloren auf die
Wasseroberfläche hinaus.
Meridiana Glasses war eine beeindruckend gut organisierte Firma am
Südufer des Tibers vor den Toren Roms. Ihre Auftraggeber waren nicht nur Space Cargo,
sondern alle technischen Zweige, die hochwertige Gläser benötigten. Gerade in der
Raumfahrt, in der es enorme Schwierigkeiten in der Herstellung von hoch beanspruchbaren
Karenzgläsern bestand, war Meridiana ein bedeutender Partner. Aber die italienische Firma
war nicht nur ein Lieferant; seit gut einem Jahr unterhielt sie in Zusammenarbeit mit dem
Konzern ein Entwicklungslabor auf dem Mond, das auf dem Gebiet von nachträglich
verformbaren Gläsern hervorragende Ergebnisse erzielte.
Wir waren am späten Abend mit dem Kopter direkt auf dem gepflegten
Rasen vor dem kunstvoll aus Glas und Holz gestalteten Eingangsgebäude gelandet. Unsere
kleine Gruppe wurde sofort von begeistert applaudierenden Menschen dicht umringt.
Wenige Augenblicke später rollte der Hauptgrund unseres Besuches, Fabio
Fastido Jr., der Kopf des Unternehmens, über die Treppen des Gebäudes auf uns zu.
Fastido war ein kleiner kugelrunder Mann mit einem herzlichen, fast kindlich wirkenden
Temperament. Auch jetzt hatte man den Eindruck, er wäre von unserer Ankunft überrascht
worden, denn ganz im Gegensatz zu dem prunkvollen Anwesen, hinter dem sich die
Produktionsstätten und Labors versteckten, flatterte sein Hemd an der Seite aus der Hose,
seine Krawatte hing wie ein Halsband um seinen Hals und sein Jackett wurde von einem ernst
dreinblickenden Diener hinterhergetragen, ohne freilich mit dem schnellen Schritt seines
Herrn mithalten zu können.
Die Menge beklatschte den Auftritt Fastidios und bildete ein Spalier,
durch das er mit glücklichem Gesicht und hochrotem Kopf hindurcheilte. Kurz bevor er mit
wie ein Meteor auf Hellbrügge aufgeschlagen wäre, verlangsamte er sein Tempo und
begrüßte uns mit überschwenglichen Worten und Gesten. Als ich ihm schließlich mit
sorgfältig ausgewählten Worten auf italienisch meine Besatzung vorstellte, war seine
Begeisterung grenzenlos. Halbmond nahm er sofort in Beschlag, indem er sich bei ihr
einhakte und Hellbrügge gleichzeitig beschimpfte, wie man so eine wunderschöne Frau in
den Weltraum schicken könne. Außerdem wäre es eine Schande, daß man sie in diese
scheußliche Hülle gesteckt hätte. Wir von der Besatzung sahen uns gegenseitig an und
lachten, schließlich hatten wir zu Ehren Fastidios unsere offiziellen Ausgehuniformen
angelegt, die speziell für solche Anlässe angefertigt worden waren.
Umgehend bestand er darauf, Halbmond ins Haus zu begleiten, um etwas
Anständiges zum Anziehen herauszusuchen, wie er sich ausdrückte. Wir schlossen uns ihm
alle an und wurden noch auf dem Weg dorthin von Fastidios Dienern mit Sekt versorgt.
Es versprach, ein sehr angenehmer Abend, beziehungsweise eine angenehme
Nacht zu werden, denn unser Gastgeber hatte keine Mühe gescheut, uns zu verwöhnen. Er
hatte den Garten seines Hauses, das gleich am Rande seines Firmengeländes stand, in eine
Art Vergnügungspark verwandelt und erreichte dadurch, daß sich die Anwesenden, die nicht
nur aus Angehörigen seiner Firma bestanden, sondern teilweise auch aus der Gesellschaft
Roms zusammenstellten, beliebig vermischten und untereinander ins Gespräch kamen. Er kam
uns damit sehr entgegen, denn wir spürten, wie sich unsere Anspannung auf die kommenden
Ereignisse löste und stürzten uns nur zu gerne in den Trubel, der schon bald den ersten
Höhepunkt erfuhr, als Fastidio Halbmond in einem Abendkleid von Kaselnjikov
präsentierte.
Es dauerte nicht lange und schon bald war unsere Gruppe über das
Gelände verstreut. Ich gönnte der Besatzung die Abwechslung von ganzem Herzen und ich
hatte Vertrauen zu Fastidios Auswahl der Gäste und vor allem zu seinen
Sicherheitsvorkehrungen. Überall auf seinem Grundstück erspähte ich Personen, die sich
offensichtlich nicht ohne Vorbehalte ausschließlich nur dem heiteren Geschehen widmeten.
Zusätzlich fing ich ein beruhigendes Nicken von Hellbrügge auf, der mir damit zu
verstehen gab, daß ich mir keine Sorgen zu machen brauchte. Es hätte auch keinen Sinn
gehabt, mich um meine Besatzung zu kümmern, denn ich wurde von verschiedensten Leuten
derart in Diskussionen verwickelt, so daß ich mich bald nach einem ruhigen Plätzchen
sehnte und vor allem nach einem Getränk, das keinen Alkohol enthielt.
Ich fand beides erst kurz vor Mitternacht. Mit einem Glas Fiorentino
lümmelte ich mich in eine seidig glänzende Sitzgelegenheit, die mehr in ein antikes
Zimmer gepaßt hätte, als zwischen zwei hochaufragende Marmorsäulen, die scheinbar
sinnlos inmitten von blühenden Orangenbäumchen standen.
Kaum hatte ich jedoch an meinem Glas genippt, bemerkte ich, wie sich
eine Gestalt zuerst vorsichtig, dann aber zielstrebig näherte.
»Herr Kapitän, darf ich kurz mit Ihnen sprechen?«
Es war Wolfen, der ebenfalls ein Glas in beiden Händen hielt, das der
Färbung nach zu urteilen kein Mineralwasser enthielt.
»Natürlich, Wolfen, setzen Sie sich zu mir!«
Er nickte dankbar und versuchte, mit kontrollierten Bewegungen auf dem
bankähnlichen Gebilde Platz zu nehmen. Es war mir recht, daß er von sich aus Kontakt zu
mir aufnahm, denn ich hatte mich den ganzen Tag über schon gefragt, wie ich in Zukunft
mit ihm umgehen sollte. Jetzt hatten wir in aller Ruhe Gelegenheit, das zu klären.
»Es ist mir nicht leicht gefallen«, begann er und drehte sein Glas
nervös in den Händen. Er beendete den Satz nicht und hob statt dessen hilflos seine
Schultern.
»Vivian Weiss«, fing er endlich neu an und dieses Mal war er
anscheinend entschlossen, ohne Vorgeplänkel zur Sache zu kommen. Er blickte mir offen in
die Augen. »Unsere Bordärztin. Ich liebe sie!«
Nachdem ich keine Reaktion zeigte, überlegte er kurz und wandte sich
von mir weg. »Sie wissen es schon!« stellte er resignierend fest.
Du armes Schwein, dachte ich bei mir und hüllte mich in Schweigen. Mit
Vivian verband mich nichts mehr, noch nicht einmal Haß. Es wäre mir recht gewesen, wenn
sie mir einfach nie mehr begegnet wäre, aber es sollte nicht sein. Ich
wußte, ich würde
damit umgehen können, nun aber würde die Begegnung mit einer Variante erschwert werden.
Auch damit würde ich fertig werden. Wolfen tat mir leid. Ich beschloß, ihm zu helfen und
baute ihm eine Brücke.
»Na gut. Ich weiß es. Und wo liegt das Problem?«
»Sie hat mir letzte Woche von ihrer Beziehung mit Ihnen erzählt«,
antwortete er ohne Emotionen. »Aber das ist nicht das Problem!« fügte er schnell hinzu
und sprach hastig weiter. »Das heißt, natürlich war es zuerst ein Schock für mich,
aber es war mir nicht so wichtig, verstehen Sie?«
Nein, ich verstand nichts. So kamen wir nicht weiter.
»Jetzt mal eins nach dem andern: Was bedrückt Sie denn am meisten?«
»Sie hat von mir verlangt, daß ich meine Teilnahme an der Mission
zurückziehe«, sagte er schnell. »Wissen Sie, ich wußte, daß die Umstände für unsere
Beziehung während der Mission vielleicht nicht die besten sein würden, aber ich habe sie
fast ein halbes Jahr nicht gesehen, seit sie sich für ein Projekt auf dem Mond
entschieden hatte. Ich hatte mich darauf gefreut, mit ihr für die nächsten langen
Monate...äh... zusammenarbeiten zu können und nun habe ich das Gefühl, daß sie darauf
überhaupt keinen Wert legt.«
»Was haben Sie ihr denn auf ihre Forderung hin geantwortet?«
»Ich war empört! Ich habe ihr gesagt, daß ich gar nicht daran denke,
meine Teilnahme zurückzuziehen. Daraufhin hat sie die Verbindung unterbrochen. Seitdem
habe ich nichts mehr von ihr gehört.«
Er hatte die letzten Worte fast wütend herausgespuckt. Du armes
Würstchen, dachte ich wieder und korrigierte mich gleich: Vielleicht sind wir beide arme
Würstchen! Das erste Zusammentreffen auf der NOSTRADAMUS versprach sehr spannend zu
werden. Natürlich wußte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie recht ich damit haben
sollte!
»Kapitän Nurminen!«
Wir schreckten beide hoch. Vor uns standen zwei schwarz gekleidete
Männer. Der eine, der mich angesprochen hatte, blickte entschuldigend Wolfen an, der
zweite betrachtete teilnahmslos das bunte Treiben, das sich nicht weit weg von uns
abspielte.
Gleichzeitig piepste es in meinem Ohr.
Angespannt hielt ich die Hand hoch. Im ersten Moment hatte ich die
schlimmsten Befürchtungen, aber angesichts des gleichbleibenden Geräuschpegels im Garten
fühlte ich keine Bedrohung.
»Ja, Suzanne?« sagte ich laut.
Fritz Bachmeier befindet sich in meiner Leitung. Gleich im
Anschluß hörte ich seine Stimme.
»John, erschrick' bitte nicht, die beiden Herren habe ich dir
geschickt. Du kannst ihnen vertrauen!«
Ohne Aufforderung hielten mir die beiden grüne Ausweise vor die Nase.
Damit konnte ich nichts anfangen.
»Und was wollen sie von mir?« fragte ich Fritz und musterte die dunkel
gekleideten Gestalten. Dann bedeutete ich Wolfen, der sich schützend vor mich gestellt
hatte, mit einer Handbewegung, sich wieder zu setzen.
»Sie sollen dich zu einem kurzen Gespräch in den Vatikan bringen!«
Mein Gott, schon wieder so ein mysteriöses Treffen!
»Und warum kommst du nicht hierher? Hier ist es sehr gemütlich!«
Fritz lachte am anderen Ende der Leitung. »Du sollst dich nicht mit mir
treffen, sondern mit Seiner Heiligkeit Papst Hadrian VII. Er bittet dich, trotz der
späten Stunde zu ihm zu kommen!«
Verblüfft und gleichzeitig skeptisch blickte ich die beiden Gestalten
an, die geduldig auf eine Reaktion von mir warteten. Wer garantierte mir, daß die
Einladung keine geschickt inszenierte Entführung sein würde.
»Stehst du mit deinen Abgesandten in Verbindung?«
»Aber natürlich«, antwortete Fritz mit ein wenig Ungeduld in seiner
Stimme.
»Dann verrate ihnen doch bitte, welchen Wein wir vor ein paar Monaten
in Siena getrunken haben, damit ich sicher sein kann, daß sie von dir kommen!«
Der Teilnahmslose räusperte sich leise und antwortete, ohne auf die
Antwort seines Chefs zu warten: »Es war ein Nobile di Montepulciano aus dem Jahre 2031.
Er stammte aus dem Keller meines Vaters. Ich hoffe, er hat Ihnen zugesagt, Herr
Nurminen!«
Ein vergnügtes Lachen ertönte in meinem Ohr.
»O.K., O.K., ich komme!« winkte ich ab. »Ich muß nur noch...«
»Herr Hellbrügge weiß Bescheid, Herr Kapitän«, erriet der
Schwarzgekleidete meine Absicht und lud mich mit einer Handbewegung ein, ihnen zu folgen.
Ich stand auf und drehte mich kurz zu Wolfen um, der mit den
zusammenhanglosen Gesprächsfetzen nichts anzufangen wußte.
»Keine Angst, es ist alles in Ordnung«, beruhigte ich ihn. »Ich soll
jemandem einen Besuch abstatten. Wir können später noch einmal über unser Problem
reden, aber ich denke, gemeinsam stehen wir das durch!«
Überflüssigerweise reichte ich ihm die Hand, merkte aber an seinem
Händedruck, daß er mir dankbar dafür war.
Wir verließen den Park unbemerkt und gelangten durch das leere, hell
erleuchtete Empfangsgebäude zu einer schwarzen Limousine mit den Kennzeichen SCV-1.
Ich war noch nie zuvor in der Sixtinischen Kapelle gewesen.
Genaugenommen hatte ich auch jetzt nicht das Gefühl, mich an diesem berühmten Ort zu
befinden, denn ich stand im Dunkeln, weit von mir entfernt glimmten gelbe Lichter über
zwei Türen.
Nach einer halbstündigen Fahrt waren meine Bodyguards und ich an einem
großen Tor angekommen. Nach einem kurzen Wortwechsel mit buntgekleideten Wächtern der
Schweizer Garde waren wir im Schrittempo durch die engen Gassen des Vatikans gefahren.
Fritz Bachmeier hatte uns in einem Hof erwartet und mich schweigend durch spärlich
beleuchtete Gänge in die unbeleuchtete Kapelle geführt.
»Bleib' hier stehen!« Er drückte mich kurz am Arm, um seine
Aufforderung zu unterstreichen und verschwand hinter mir lautlos in der Finsternis. Ich
hatte keine Ahnung, was er damit beabsichtigte und drehte mich vorsichtig um. Meine Schuhe
scharrten frevelhaft auf dem heiligen Steinboden. An dem leisen Hall ahnte ich, daß sich
um mich herum mehr als nur ein einfacher Raum befinden mußte. Langsam gewöhnten sich
meine Augen an die Dunkelheit und ich erkannte vor mir schwache Umrisse, zunächst
schemenhaft, dann immer deutlicher. Es war wie ein Sonnenaufgang! Was als Andeutung einer
Dämmerung begann, steigerte sich nach und nach über ein sanftes Aufglühen der
Butzenscheiben hoch an den Seiten bis hin zu einem ersten fahlen Sonnenstrahl, der träge
einen neuen Morgen durchdrang.
Erst jetzt wurde mir bewußt, daß der Vorgang nichts mit der Gewöhnung
meiner Augen an die Dunkelheit zu tun hatte, sondern daß es das Ergebnis einer
lichttechnischen Spielerei war, die Fritz in Gang gesetzt hatte!
Mit dieser Erkenntnis begann ich, das Schauspiel zu genießen. In einem
ausgewogenen Zeitraffertempo wurde der Sonnenaufgang in der Sixtinischen Kapelle simuliert
und führte mich aus meinem orientierungslosen Standpunkt in ein farbenprächtiges
Crescendo aus Darstellungen des alten Testaments an den Längsseiten des Kirchenschiffes
(von wegen Kapelle!), massenhaft nackten Fleisches an der Decke, vermengt mit ein wenig
Architektur. Lange bevor jedoch das künstliche Sonnenlicht die Fresken von
Perugino,
Botticelli, Ghirlandajo, Roselli und deren Gehilfen aus dem Halbdunkel heraustreten ließ,
erstrahlte an der Stirnseite über dem Altar Das Jüngste Gericht von
Michelangelo, von versteckten Lichtquellen beleuchtet. Das Wandgemälde drängte sich
besonders mit seinem hellen Blau in meine Netzhaut und ließ die noch im Dämmerlicht
liegenden restlichen Werke scheinbar verblassen.
»Wie gefällt es dir?« Fritz war lautlos hinter mich getreten und
genoß sichtlich meine Ehrfurcht vor dem Schaffen, das weit vor unserer Zeit lag.
»Wirklich sehr beeindruckend«, murmelte ich. »Besonders in der
Kombination mit deinem Sonnenaufgang!«
Er lächelte geschmeichelt. »Ich habe die lichttechnischen Mätzchen
zusammen mit einigen Ingenieuren entworfen! Wir haben auch noch Gewitterstimmungen,
wechselndes Licht durch Wolken verursacht oder auch bedeckten Himmel im Programm, aber der
Sonnenaufgang ist eindeutig der Renner!«
Ich bewegte mich vorsichtig nach vorne und suchte an der Decke das
berühmte Fresko, das Adam nach seiner Erschaffung von Gott zeigte. Etwas enttäuscht
entdeckte ich es als sechstes Mittelbild an der Decke, wo es unter den Abbildungen nur
eine von vielen war.
»Viele Historiker behaupten, Michelangelo war ein starrköpfiger
Eigenbrötler, der es mit seiner Sturheit geschafft habe, bei Papst Julius II seine
eigenen Vorstellungen bei der Bemalung der Kapelle durchzusetzen«, erklärte Fritz, der
mir gefolgt war und ebenfalls mit zurückgelegtem Kopf an die Decke schaute. »Ich meine,
daß er einer Eingebung folgte und sich nur auf die Intuition seiner Gedanken verließ,
als er sich ans Werk machte. Nichts war lange vorher geplant. Ich wüßte gerne, was er
gedacht hat, als er tagtäglich alleine dort oben an der Decke arbeitete.«
»Ich habe einmal gehört, er wollte sich an dem Papst rächen, weil er
ihn gezwungen hatte zu malen. Eigentlich war er doch Bildhauer, oder?«
»Michelangelo ließ sich nicht zwingen. Er kam aus Florenz, und Rom war
nie seine Welt, obwohl er hier mehr als dreißig Jahre lebte. Gewiß, das Auftreten des
Papstes und der Kurienkardinäle war ihm zuwider, aber die Chance, sein eigenes
Gedankengut der kirchlichen Vergangenheit zu hinterlassen, hat ihm die Kraft gegeben,
diese Leistung zu vollbringen.«
Fritz drehte sich auf dem Absatz nach links herum und zeigte nach oben.
Ȇbrigens wurden die Fresken vor gut einem halben Jahrhundert von Colalucci in
mühevoller Arbeit vollständig restauriert. Der heutige brillante Anblick übertrifft die
rußigen Bilder von vorher bei weitem. Hier drüben, unser aller Liebling: Die
Sibylle von Delphi. Ist sie nicht schön?«
Ich folgte seinem Zeigefinger und erkannte eine für mich römisch
gekleidete junge Frau, die eine Pergamentrolle in der linken Hand hielt und mit großen
Augen ihren Blick skeptisch hinter uns richtete.
Zweifellos mußte ich ihm zustimmen, denn inmitten all dieser kantigen
Charakterköpfe mit ihren muskulösen Körpern hatte diese Gestalt durchaus etwas
Zeitgenössisches, obwohl mir ihr nackter Oberarm sehr männlich ausgebildet erschien.
Unter anderen Umständen hätte ich das Privileg einer privaten Führung
durch Fritz Bachmeier mehr gewürdigt, aber ich fühlte, wie mich die Wirklichkeit wieder
einholte.
»Du hast mich doch bestimmt aus einem ganz bestimmten Grund
hierhergeholt, bevor du mich dem Papst vorstellst, oder wolltest du mich einfach der
Kultur etwas näherbringen?«
»Nein, es gibt keinen besonderen Grund, außer, daß du Papst Hadrian
hier begegnen wirst! Er hat darum gebeten, dich an diesem Ort zu sprechen!«
»Hier in der Kapelle? Wieso das denn?«
Fritz deutete auf einen einfachen Tisch mit zwei noch einfacheren
Stühlen, die bestimmt nicht zu den üblichen Einrichtungsgegenständen einer historischen
Kirche gehörten. Sie standen abseits des Hauptganges rechts vor der Marmor-Chorschranke,
die den unteren Bereich des Gotteshauses in zwei Teile trennte.
»Nun, ja, Papst Hadrian besitzt zwar einen gewissen Hang zur
dramatischen Selbstdarstellung, wenn ich es einmal überspitzt formulieren darf, aber
vielleicht möchte er als Gastgeber lediglich einen entsprechenden Rahmen für das
Gespräch schaffen.«
Ich überprüfte seine Gesichtszüge auf diese Aussage hin mit einem
zweifelnden Seitenblick, aber es waren keine ungewöhnlichen Regungen zu entdecken. Die
ganze Vorbereitung dieser Szene erinnerte mich an das Gespräch mit Hellbrügge in seinem
Planetarium.
»Weißt du, was er von mir will?« erkundigte ich mich
mißtrauisch.
»Er hat mit mir nicht darüber gesprochen, aber ich kann mir denken,
daß er dir helfen möchte!«
»Helfen? Wobei helfen?«
Irgendwo fiel eine Tür leise ins Schloß.
Meine Nerven waren anscheinend im Moment nicht die besten, denn ich
zuckte merklich zusammen.
»Verflucht...oh, entschuldige, man sollte hier wohl
nicht...Fritz, was
muß ich machen, wie spreche ich ihn überhaupt an?« flüsterte ich leise.
Ich sah ihm an, daß er die Situation sichtlich genoß.
»Die richtige Anrede ist Heiliger Vater und ansonsten
benimmst du dich wie im normalen Leben!«
Normales Leben, dachte ich verächtlich. Vor ein paar Tagen hatte ich in
einem Simulationstank mit einem Menschen gesprochen, der aus Pixeln zusammengesetzt war,
heute stand ich mitten in der Nacht in der Sixtinischen Kapelle und sollte den Papst
treffen und in einer Woche würde ich mich in der Mondumlaufbahn auf einem Schiff
befinden, mit dem ich ein bißchen durch die Zeit reisen sollte!
Eine ganz in Weiß gekleidete Gestalt trat durch den Eingang, benetzte
die Finger der rechten Hand mit Weihwasser aus einer goldenen Schale und bekreuzigte sich
mit konzentrierten Handbewegungen. Dann kniete sie andeutungsweise nieder und kam
anschließend mit schnellen Schritten auf uns zu.
Papst Hadrian VII war der erste deutsche Papst der zweitausendjährigen
Überlieferung in der Nachfolge des heiligen Petrus. Mit bürgerlichem Namen Dr. Markus
Guthmann, ehemals Erzbischof von Köln, wurde er im Jahre 2034 in einer fünf Tage
währenden Conclave aus den Reihen der Kurienkardinäle gewählt. Sein Pontifikat war
nicht unumstritten, was alleine schon die langandauernde Wahlperiode zu Beginn seiner
Karriere als oberster Bischof der Kirche bewies. Anschließend bekämpfte er vehement die
zunehmend komplizierte Verwicklung der Einflußnahme des Vatikans in Finanzierungsprojekte
von deutschen Konzernen, konnte aber keinen entscheidenden Umbruch erzielen.
Ich hatte Hadrian VII als gutaussehenden und großgewachsenen Menschen
in Erinnerung, der mit seiner sportlichen Erscheinung alles andere als einen weisen
Kirchenführer darstellte. Als er uns aber näher kam, entdeckte ich die ersten Anzeichen
von Erschöpfung in dem durch viele Enttäuschungen gezeichneten Gesicht eines
Kirchenführers, der sich weit in den Siebzigern befand.
Er näherte sich uns in leicht gebeugter Haltung und hielt seine linke
Hand an den Oberschenkel angelegt, als ob er dort einen Schmerz verspürte. Kurz bevor er
uns erreichte streckte er beide Hände aus und begrüßte mich herzlich, aber mit ernstem
Gesicht.
Fritz verabschiedete sich unauffällig durch einen leichten Klaps auf
meinen Arm. Ich wollte ihm noch zunicken, aber da hatte mich Papst Hadrian VII schon mit
einer knappen Geste zum Sitzen eingeladen.
Uns war beiden bewußt, daß wir ein gewisses Mindestmaß an
Höflichkeitsbezeugungen nicht vermeiden konnten, aber erfreulicherweise kam er sehr
schnell zum Thema, indem er mich unvermittelt fragte: »Was verdient ein Astronaut
heutzutage, Kapitän Nurminen?«
Verblüfft hielt ich die Luft an und blies ratlos die Backen auf.
Merkwürdigerweise dachte ich sofort an einen Erpressungsversuch, aber das konnte doch
nicht sein...
Er lächelte verschämt und winkte verlegen ab.
»Nein, bitte verzeihen Sie mir meine ungeschickte Einleitung, ich
glaube, ich bin allzu forsch an Sie herangetreten! Lassen Sie mich die Frage neu
formulieren: Können Sie sich das Leben eines Menschen vorstellen, der auf Grund seiner
Herkunft nie finanzielle Nöte kannte und auch niemals mit solchen weltlichen Problemen
konfrontiert war? Und der...« Er streckte seinen rechten Zeigefinger mahnend nach oben,
als wollte er mehr Aufmerksamkeit von mir verlangen. »...von Geburt an in einem absoluten
Elitedenken erzogen wurde?«
»Nun ja«, begann ich vorsichtig. »Den ersten Teil Ihrer Frage stelle
ich mir recht angenehm vor. Was den Elitegedanken betrifft: Gewissermaßen wurde ich in
einer Eliteschule des Konzerns erzogen, meine Eltern sind früh gestorben...«
Er nickte einen kurzen Moment mitfühlend. »Ihr Lebenslauf ist mir
bekannt, ein wirklich beklagenswerter Schicksalsschlag, auf dem Ihre einzigartige Karriere
basiert. Aber ich will Sie nicht weiter im Unklaren lassen. Mir ist beides von dem
widerfahren, was ich zu Beginn andeutete! Meine Familie ist seit Generationen reich
begütert und verkehrt in den allerersten gesellschaftlichen Kreisen. Ich hatte in meiner
Jugendzeit Schulen in Deutschland, in der Schweiz und in Italien besucht, hatte auf
Universitäten in Paris, London und San Diego promoviert. Anschließend war ich
eingebunden in die Welt des Mega-Set, wie es einem aufstrebenden jungen Mann aus dem Hause
Guthmann-Heyerthal zustand.« Er lächelte mit einer seltsamen Geringschätzigkeit seinem
letzten Satz hinterher. »So wie allen Mitglieder des Blauen Erdzirkels!«
ergänzte er hart.
Im ersten Augenblick begriff ich die Aussage seiner letzten Bemerkung
nicht, dann aber erkannte ich den ungeheuerlichen Inhalt.
»Sie sind ein Mitglied dieser Loge?«
Er wischte meine Frage mit einer einfachen, aber bestimmten Handbewegung
zur Seite. »Es gibt keine Loge in diesem Sinne und es gibt keine offizielle
Mitgliedschaft! Der Blaue Erdzirkel ist im Kern eine intensive Vereinigung
eines gemeinsamen Gedankenguts von drei oder vier sehr einflußreichen Personen auf dieser
Welt; eine Mitgliedschaft als eine manifestierte Zugehörigkeit existiert nicht,
allenfalls ein verdecktes Signalisieren von Wohlwollen von seiten der Urheber des
Zirkels!«
Mit dieser äußerst vorsichtig vorgetragenen Beschreibung konnte ich
wenig anfangen und ich drückte dies durch ein zweifelndes Gesicht aus.
Papst Hadrian deutete meine Reaktion richtig und setzte gleich eine
Erklärung hinzu: »Ich weiß, ich habe mich sehr vage ausgedrückt, aber ich möchte
nicht, daß Sie eine falsche Vorstellung von dem Blauen Erdzirkel bekommen!
Sie dürfen nicht glauben, daß diese kleine Gruppe einen Haufen Verrückter darstellt,
die an einer Art von Weltherrschaft interessiert ist! Diese Machtstellung besitzt sie
bereits, sowohl in finanzieller Hinsicht, als auch im geistigem Vordenken in vielen
Bereichen. Nein, diese Leute sehen sich als tragende Säulen und Bewahrer der
neuchristlichen Geschichte und vor allem als Schöpfer einer neuen Zukunft.«
Er hielt scheinbar erschöpft inne, lehnte sich zurück und verbarg sein
Gesicht in seinen Händen. Mir fiel in diesem Moment Fritz' Bemerkung vom Hang zur
dramatischen Selbstdarstellung des Papstes ein und ich versuchte, mich von dieser Geste
nicht allzu stark ablenken zu lassen, aber ich mußte zugeben, daß ich von der Tragweite
seiner Worte sehr beeindruckt war.
»Das Bemerkenswerte an dem Zirkel«, fuhr er fort und blinzelte mich
mit geröteten Augen an,« liegt in dem bedingungslosen Durchsetzungsvermögen seiner
Ziele, denen in der absoluten Mehrzahl durchaus ehrenwerte Absichten zugrunde liegen. Ich
muß hinzufügen, daß diese Gruppe aus ihrer Sicht heraus ausschließlich aus positiven
Beweggründen handelt und damit für sich das Recht beansprucht, ohne Rücksichten und
Skrupel vorzugehen.«
Es gab einige Fragen, deren Antworten mich brennend interessiert
hätten, aber er befand sich in einem Redefluß, den ich nicht bremsen wollte. Manchmal
drängte sich mir fast der Eindruck auf, als sollte ich ihm eine Beichte abnehmen.
»Man gab mir schon in jungen Jahren zu verstehen, daß der Zirkel ein
Auge auf mich geworfen hatte und ich merkte sehr bald eine wohldosierte Unterstützung,
die meine Karriere wie an unsichtbaren Fäden langsam, aber zielstrebig an einen
vorbestimmten Punkt heranlenkte. Ich wußte von meinen Gönnern und deren
Einfluß; ich
muß zugeben, daß ich damals von ihren Ideen begeistert und felsenfest davon überzeugt
war, nicht nur im rechten Glauben zu handeln, sondern ihn sogar noch zu festigen, um ihn
mit reinem Gewissen an meine Mitmenschen weiterzugeben!«
Er stockte einen Moment, als wäre er sich nicht im klaren darüber, was
er sagen wollte, doch dann atmete er tief durch und fuhr mit fester Stimme fort. »Dann
verstarb unerwartet und viel zu früh, Papst Paul, mein Vorgänger. Als wir
Kurienkardinäle uns zum Conclave der neuen Papstwahl hier in der Kapelle versammelten,
schien der neue oberste Bischof der Kirche schon festzustehen, denn der Erzbischof von
Rom, Kardinal Russoniello, war der heimliche Favorit von uns allen. Überraschenderweise
bekam er aber im ersten Wahldurchgang nicht die erforderliche Mehrheit. Erst in den
darauffolgenden Durchgängen zeichnete sich eine beginnende Übereinstimmung der
Beteiligten für ihn ab. Ich muß Ihnen die Geschichte nicht neu erzählen, denn Sie
kennen den weiteren Verlauf: Russoniello starb in der Nacht vor seiner höchsten Berufung
angeblich an einem Gehirnschlag. Schon gleich, nachdem meine erste Bestürzung abgeklungen
war, kamen mir Zweifel an der Richtigkeit der Ereignisse, die in den darauffolgenden Tagen
ihre Bestätigung fanden: Das Conclave wendete sich immer mehr meiner Person zu, geradeso,
als ob eine unhörbare Stimme die Meinung der Kurie beeinflussen würde. Vor dem
entscheidenden Urnengang erging es mir wie Jesus in der Wüste und ich wehrte mich gegen
die Verführungen des Teufels. Mir wurde in diesen Stunden die Macht des Blauen
Erdzirkels unbarmherzig vor Augen geführt. Ich war verzweifelt, mich befielen
ketzerische Gedanken, ich dachte an Selbstmord, betete, daß dieser Kelch an mir
vorübergehen würde, aber es sollte in der Weise geschehen, wie es einige wenige bestimmt
hatten. Als mich der Sekretär der Kurie fragte, ob ich die Wahl annähme, war ich fest
entschlossen, sie abzulehnen, schon alleine wegen der Versuchung an die Rachegedanken, die
mich befielen, doch dann offenbarte sich mein Vertrauen in Gott, den Allmächtigen, der in
dieser schweren Entscheidung bei mir weilte. Ich nahm die Wahl an, mit dem Vorhaben, einen
starken Verfechter des wahren Glaubens darzustellen und die Grundfesten der Kirche gegen
die Machenschaften dieser Verschwörung zu verteidigen.«
Er sackte nach dieser langen Rede in sich zusammen, wie ein Sünder, der
von mir eine Absolution erwartete und ich sah mich ratlos um. Ich überlegte ernsthaft, ob
er vielleicht ärztliche Hilfe benötigte und stand unsicher auf, um nach ihm zu sehen.
Anscheinend deutete er meine Reaktion falsch, denn er erhob sich ebenfalls und ging ein
paar Schritte zur Seite und vollführte eine Geste hinauf zur Decke der Kapelle.
»Damals, einige Jahre nachdem Michelangelo diese herrlichen Kunstwerke
geschaffen hatte, herrschte Papst Hadrian VI, ein Holländer, der sich vorgenommen hatte,
die Kirchenlehre von Grund auf zu reformieren.«
Er lächelte hintergründig. »Ein überstürzter Versuch, aber es blieb
ihm gar nichts anderes übrig, denn Luther hatte eine große Anhängerschaft hinter sich
und er wollte ihm zuvorkommen. Hadrian VI hatte bald wegen seiner Reformgedanken die ganze
Kirche gegen sich. Sein Pontifikat dauerte nur zwanzig Monate, er starb einsam, ohne
große Veränderungen bewirkt zu haben.«
Ich ahnte, wohin seine geschichtlichen Ausführungen führten und ließ
ihn geduldig weitersprechen. Währenddessen veränderten sich die Lichtverhältnisse in
der Kapelle ständig. Einmal hatte man den Eindruck, die Sonne würde mit kraftvollen
Strahlen die Malereien herausarbeiten, dann wieder hielten wandernde Wolken die
Darstellungen in einem fleckigen Teppich aus Vermutung und Erkennen. Hadrian VI und
Michelangelo hatten vor etwa 500 Jahren gelebt. Damals mußte Nofretete zum letzten Mal am
Himmel vorbeigezogen sein. Ob die beiden Männer von ihrer Existenz gewußt hatten?
Vielleicht hatte sie der Künstler hier in der Kapelle angedeutet? Verstohlen ging ich mit
den Augen über die Felder an der Decke bis hin zum Jüngsten Gericht. Ohne Erfolg suchte
ich die blauen Himmel nach einem verräterischen Dreieck ab, bis ich wieder an den großen
Augen der Sibylle von Delphi hängenblieb.
»Sie haben als Papst den Namen Hadrian gewählt, um ein Zeichen zu
setzen?« fragte ich und versuchte dem Blick der Sibylle zu folgen, aber er führte ins
Nichts.
Er nickte. »Ich habe lange mit mir gerungen, ob es klug von mir war, so
offen vorzugehen, aber ich hielt es für meine Pflicht, offen und ehrlich für mein
Handeln einzustehen. Ich kann Ihnen vergewissern, daß ich seitdem einen harten Kampf
gegen das Böse führe und ich werde alles versuchen, um das Übel auch von Ihnen und
Ihren tapferen Untergebenen abzuwenden!«
Ich war verwirrt. Von welchem Übel sprach er? Es war an der Zeit, daß
er etwas konkreter wurde, deswegen beschloß ich, ihn direkt darauf anzusprechen:
»Heiliger Vater, es ist nicht einfach für mich, auf Ihre Erklärungen hin einen klaren
Gedanken zu fassen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber damit ich in Zukunft
richtig handeln kann, müssen Sie mir sagen, von woher uns Gefahr droht! Und vor allem:
Warum droht uns Gefahr?«
Er nahm mich eifrig beiseite, als hätte er durch meine Fragen neuen
Lebensmut gefaßt.
»Sie haben mich noch nicht verstanden, Herr Kapitän! Lassen Sie mich
die zweite Frage zuerst beantworten, dann erübrigt sich die erste!«
Er hielt die linke Hand hoch und begann mit der rechten, seine Finger
abzuzählen. »Die Bekanntgabe der Entdeckung der Pyramiden auf dem Mars wurde durch den
Einfluß des Zirkels verhindert, weil er darin eine Gefahr für die christliche Lehre sah.
Er befürchtete eine globale Verunsicherung der Menschen auf der Erde und damit eine
Abwendung von Gott mit einer darauffolgenden Aufsplitterung der Menschen in noch mehr
Sekten oder Glaubensgemeinschaften, denen eine frühere unbekannte Kultur nur willkommen
wäre. Weiterhin befürchtete der Zirkel eine aufkommende Panik, verbunden mit
weltwirtschaftlichen Folgen, die das Ende unserer Gesellschaft bedeuten könnten!«
Vielleicht könnte er damit sogar recht haben, dachte ich insgeheim.
»Das gleiche gilt für die Pyramide, die sich unserem Sonnensystem
nähert! Sie stellt, nachdem die Artefakte auf dem Mars angeblich zerstört wurden, nun
die größte Gefahr dar und soll unter allen Umständen vernichtet werden, deswegen wurde
die Mission der NOSTRADAMUS leichtfertig und voreilig auf die Beine gestellt. Das Ziel ist
ganz klar: die Pyramide zu beseitigen, bevor noch jemand davon erfährt!«
Es überraschte mich keineswegs, daß er von den Marspyramiden und
Nofretete wußte, ich hatte es sogar angenommen.
Papst Hadrian machte hielt beide Zeigefinger beschwörend nach oben und
sah mich ernst an, als er weitersprach: »Dabei dürfen Sie eines nicht aus dem Auge
lassen, nämlich das oberste Prinzip, nach dem der Zirkel handelt, das Gottesurteil!«
Ich mußte ihn sehr skeptisch angesehen haben, denn er mahnte mit einer
warnenden Handbewegung. »Unterschätzen Sie diese Eigenheit nicht! Sie stellt in den
Augen des Zirkels Güte und Erbarmen dar. Mit anderen Worten: Alle Entscheidungen, die von
ihm getroffen wurden, lösen entweder beabsichtigte oder nicht vorher kalkulierbare
Wirkungen aus, die der Zirkel als gottesgegeben akzeptiert, ganz gleich, welcher Art sie
auch sein mögen.«
»Einen Moment mal«, unterbrach ich ihn heftiger, als ich es vorgehabt
hatte. »Ist das nicht alles etwas weit hergeholt? Ich meine, wir leben schließlich nicht
mehr im Mittelalter! Es hat zu jeder Zeit gravierende Änderungen in unserer Kultur
gegeben und zu guter Letzt hat sich immer die Wahrheit durchgesetzt!«
Spöttisch fügte ich nach einer kleinen Pause noch hinzu: »Auch die
Herren vom Zirkel müssen heute zugeben, daß sich die Erde um die Sonne dreht!«
Er lächelte derart zynisch, wie ich es einem Papst nie zugetraut
hätte. »Es sind fast 500 Jahre vergangen, bis die Kirche Galileo Galileii vom Bann
freigesprochen hat und auch das nur mit hörbarem Zähneknirschen. Außerdem habe ich mich
nicht mit Ihnen getroffen, um über Wahrheiten zu diskutieren, sondern Sie vor einer
Gefahr zu warnen! Es würde Sie nicht trösten, wenn ich Ihnen verraten würde, daß Sie
die Mission nicht überleben werden, daß aber letztendlich die Wahrheit triumphieren
wird!«
Das war deutlich! Ich lehnte mich an den kühlen Marmor der Schranke und
blickte abermals hinüber zur delphischen Sibylle. Einen Augenblick lang hatte ich den
Eindruck, sie würde mich warnend anstarren, aber als ich sie mit meinen Augen fixierte,
blickte sie nach wie vor hintergründig zur Seite. Wieder folgte ich unabsichtlich ihrem
Blick und sah Fritz Bachmeier mit schnellem Schritt auf uns zukommen. Seltsam, dachte ich,
vielleicht werden manche Situationen am Ende doch von einem höheren Wesen geleitet!
»Entschuldigt bitte, aber ich muß eure Unterhaltung beenden! Die
Demonstrationen am Hafen nehmen trotz der vorgerückten Stunde immer mehr zu. Außerdem
kam es zu ersten Gewalttätigkeiten! Wir haben zwar die Absperrungen weiter zurückgelegt,
aber die Lage wird ernst. Hellbrügge hat deswegen beschlossen, sofort aufzubrechen.«
Er bedachte Hadrian, der ihn besorgt ansah mit einer beruhigenden Geste.
Mir war der überstürzte Abflug ganz recht, denn zum einen würde ich
in dieser Nacht wegen der Ereignisse bestimmt nicht viel Schlaf bekommen und zum anderen
war mir jede Tätigkeit willkommen, die uns näher an die NOSTRADAMUS brachte, auch wenn
es nur ein paar tausend Kilometer waren.
»Eine Frage hätte ich noch, Heiliger Vater! Wie will uns der
Blaue Erdzirkel dazu zwingen, Nofretete zu zerstören? Was ist, wenn wir uns
weigern?«
»Seien Sie sich nicht zu sicher! Der Zirkel hat schon...er wird Mittel
und Wege finden, seine Pläne durchzusetzen!« antwortete er düster.
Täuschte ich mich oder hatte ich eine warnende Geste von Fritz
Bachmeier bemerkt, die Papst Hadrian veranlaßte, seine letzte Aussage gerade noch zu
korrigieren?
»Na gut, wir werden sehen«, sagte ich zögernd. »Aber wieso sind wir
in Gefahr, wenn wir zur Zerstörung der Pyramide benötigt werden?«
Hadrian hielt wieder seine Hände hoch, an denen er zuvor die Gründe
unserer Bedrohung abgezählt hatte, knickte seinen Mittelfinger ein und bedeckte ihn mit
der rechten Hand. »Der Antrieb der NOSTRADAMUS. In den Augen des Zirkels ist er reine
Ketzerei, denn er stellt für ihn eine Art Zeitmaschine dar, auch wenn in dieser Form
keine Zeitreise möglich ist, wie ich mir habe sagen lassen!«
»Das ist doch...!« entfuhr es mir und bremste mich gerade noch
rechtzeitig, keinen weiteren Fluch in diesen heiligen Räumen auszusprechen. »Aber wenn
der Antrieb funktioniert, dann ist das für diese mächtigen Wirtschaftsbosse bestimmt
auch ein enormer Gewinn!«
Hadrian schüttelte enttäuscht den Kopf.
»Herr Nurminen, ich glaube, Sie haben mir nicht richtig zugehört!«
Nach einer Weile des Überlegens hatte ich begriffen und nickte
nachdenklich.
Er hatte recht: Ich hatte nicht richtig zugehört.
©
2000 Heyne Verlag/H.-D. Klein
Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlages
- H. D. Klein
- Googol (München: Heyne, 2000) [H06/6349]

- Siehe auch
Rezension: H. D. Klein: Googol (2000)
Homepage von H. D. Klein
- Leser-Service
Lieferbare
Titel von H. D. Klein