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Boris Koch

Terraforming

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Irgend etwas war faul an dem Befehl. 18 Männer und neun Frauen arbeiteten hier, viel zu wenige im Angesicht ihrer Aufgabe. Und plötzlich sollten alle heimkehren zur Erde, alle bis auf einen. Gonzales hatte sich hierfür freiwillig gemeldet, auch wenn er nicht besonders scharf auf die kommende Einsamkeit war. Sein Instinkt riet ihm dazu, er mißtraute dem unsinnigen Rückruf nach Houston. Wer heim fliegt wird vielleicht entlassen, versetzt oder sonstwas; so lange er hier blieb, war sein Arbeitsplatz sicher. Johnson, der Leiter der Terraforming-Gruppe auf dem Mars wunderte sich über nichts. Er befolgte gerne Befehle, keine Fragen, keine Verantwortung. Damit war er immer gut gefahren. Seine Position hier oben hatte ihm öfter die Grenzen seiner Führungsqualitäten aufgezeigt, doch glücklicherweise waren größere Problemsituationen ausgeblieben. Und jetzt würde er seine Frau wiedersehen, seine beiden Töchter. Zum ersten Mal seit drei Jahren. Die Freude blendete sein Urteilsvermögen, betäubte sein Mißtrauen. Und deshalb hielt Gonzales den Mund und schluckte seine Fragen hinunter; sollten sie doch in ihr Unglück rennen.

Natürlich konnte ein Mann allein das Projekt auf Sparflamme weiter laufen lassen, die Roboter und Rechner überwachen. Doch es würde keine wirkliche Forschung geben, wochenlang kein wichtiges neues Wissen. Und sollten Komplikationen auftreten, wäre er völlig überfordert. Er vertraute den Maschinen nicht übermäßig, dafür kannte er sie zu gut.

»Was soll´s, Menschen haben auch Fehler.«

Außerdem müßte laut Frauenquote noch ein halbes weibliches Wesen bleiben, grinste Gonzales sarkastisch. Die NASA nahm diese Regelung ganz genau. Penibelst. Er sah aus dem Fenster und öffnete ein Marsbier. Gebraut nach dem bayrischen Reinheitsgebot. Wahnsinn, aber Angerhuber hatte darauf bestanden. Durchs Fenster prostete er den abhebenden Raumschiffen zu.

Er würde den Bayer vermissen. Die anderen auch. Verdammt, er sollte die halbe Frau einfordern, deren Anrecht auf Arbeit hier patriarchalisch verweigert worden war. Ein schnaubendes Lachen durch die breite Nase. Jawohl und Prost. Besser eine halbe als keine. Und jetzt noch ´ne Halbe, dann müßte er eine Runde drehen. Wenigstens achtete die nächsten Wochen keiner darauf, wie viel er trank, wie viele Pausen er einlegte. Nachher sollte er sich eine halbe Stunde gönnen. (»Schon wieder was halbes, warum keine ganze?«) Einfach ins All starren. Die Verbindung zum HubbleIII-Teleskop müßte zur Zeit hervorragend sein.

Er verließ das zentrale Stationsgebäude. Die Sonne schien durch das kunstgläserne Dach in den Krater. Acht Quadratkilometer künstlich angelegte Heimat, ein für Menschen bewohnbares Loch auf dem roten Planeten. Die zerklüftete Umgebung war tot, tot wie die Wüsten auf der Nordhalbkugel. Und kalt. Versuche, Pflanzen und Tiere anzusiedeln waren fehlgeschlagen. Abgesehen von ein paar Einzellern. Leben auf dem Mars! Jubelnde Presse auf der Erde. Doch noch gehörte der rote Planet den herum staksenden und kriechenden Robotern. Pfadfinder, Scout, Lederstrumpf und wie sie alle hießen. Keine ernst zu nehmende Gesellschaft für Gonzales.

Die Crew hatte alle Schiffe mitgenommen, obwohl die 26 Personen in der Santa Maria Platz gefunden hätten. Befehl von oben, von der Erde unten. Die Erde wird immer unten sein, das Zentrum, das All oben. Gewohnheit, menschliche Egozentrik, der Wunsch nach festem Heimatboden in der ewigen Leere. Gegen die Realitäten des Universums, gegen die Bedeutungslosigkeit des homo sapiens, gegen den Wahnsinn der richtungslosen Unendlichkeit. Die meditative Unendlichkeit, durch die Gonzales gerne seinen Blick und Gedanken sandte.

Alle Schiffe! Zu Wartungszwecken. Die Idee eines Idioten, oder – nach Gonzales Instinkt – die tarnende Lüge für eine kleine Schweinerei. Eines hätten sie ihm lassen sollen; für Notfälle. Auch wenn er es alleine kaum hätte fliegen können. Selbst für die kleine Himmelsstürmer waren mindestens zwei Besatzungsmitglieder vorgesehen. Peinlich-pathetischer Name, ehrlich. Und doch hätte ihre Anwesenheit draußen auf dem Hangar ihn beruhigt. Er hätte sie schon in die Luft bekommen, falls nötig. Na ja, vielleicht sollte er sich weniger Sorgen machen.

Er kontrollierte alle Rechner, kaute ein paar Fingernägel und gab neue Koordinaten für Lederstrumpf ein. Keine Probleme. Auch bei den Robotern nicht. Ausführlichere neue Programmierungen waren erst für die nächsten Tage vorgesehen. Also heute noch ein Bier. Was für ein Glück, daß Hopfen auf dem Mars am besten gedieh. Hatten komplexe Bepflanzungstests ergeben. Und irgend etwas mußten sie ja trinken. Ewig das bittere Marswasser hielt doch kein Mensch aus. Zumindest Gonzales und Angerhuber nicht. Außerdem hatte ein Werbevertrag mit einer bayrischen Brauerei einiges Geld für das Terraforming-Projekt erwirtschaftet. Und eine Handvoll Kritiker beruhigt. Wo Bier gebraut wurde, das konnte kein schlechter Ort für die Menschheit sein.

Er stieß mit seinem Spiegelbild an, dann rief er die Verbindung zu HubbleIII auf. Er konnte das Teleskop natürlich nicht steuern, leider, aber NASA-Angestellte durften in ihrer Freizeit kostenlos mitgucken. Andere sahen fern, er starrte am Feierabend gerne ins All, träumte und trank. Natürlich konnte er einfach nachts im Freien nach oben blicken, doch er bevorzugte den Monitor, die Vergrößerung, den Anschein von größerer Nähe zur Unendlichkeit, so unsinnig wie das klang. Außerdem schien momentan die Sonne, kein Sternenlicht am Himmel.

Bitte Paßwort eingeben.

Gonzales starrte auf die grünen Buchstaben. Das war neu. Der Zugriff auf das Bild war ihm noch nie verweigert worden. Er funkte zur Erde, forderte Erklärungen und das Paßwort.

»Das ist leider nicht möglich. Da muß ein Fehler vorliegen. Tut uns leid. Der zuständige Beamte hat leider gerade Mittag, dann eine Besprechung und morgen Urlaub. Aber wir kümmern uns darum. Keine Sorge. Dringlichkeitsstufe 4B, das heißt, es kann etwas dauern, wohl ein paar Wochen. Eine Hochstufung der Dringlichkeit ist nur bei persönlichem Vorsprechen möglich. Soll ich einen Termin machen? Von wo rufen Sie an, sagten Sie?«

»Danke, nicht nötig. Ich warte dann eben.«

Entnervt beendete Gonzales das Gespräch. Allgemeines Gewäsch, Hinhaltetaktik! Er würde nichts erfahren, warum also ewig labern. Er zappte zu Kamera 12 im Argyre Becken. Dort sollten in den nächsten Jahren »Freiluftversuche« stattfinden, die sie im überdachten Krater vorbereiteten. Scout quälte sich durch ein Feld von bis zu fußballgroßen Steinen. Gelenkig schoben sich die Ketten über jede Unebenheit. Im Hintergrund führte ein noch unerforschter Stollen in die Tiefe. Gonzales schwenkte die Kamera. Der gesamte Mars sollte bewohnbar gemacht werden. Die Erde war zu klein geworden. Angeblich. Doch genau genommen handelte es sich um das Steckenpferd einiger Politiker und Wissenschaftler. Dazu der Drang herauszufinden, was möglich war. Konnte der Mensch einen ganzen Planeten in die Knie zwingen? Einen fremden? Wie weit das All besiedeln, kolonisieren? Der alte Hunger des Eroberers.

Ihn spürte Gonzales, wenn er ins All starrte. Von Kindheit an hatte er ihn gefühlt, nachts mit dem Feldstecher auf der Dachterrasse, tagsüber in seinen Träumen. Seine Vernunft sprach deutlich gegen eine Besiedelung anderer Planeten, sah darin eine ungeheure Verschwendung. Terraforming-Projekte schienen etwas von einem verdrehten Füllhorn zu besitzen. Sie schluckten pausenlos Geld, sogen es von der Erde ab, wo es gebraucht wurde. Doch gab es nicht genug Geld auf der Erde, nur ungerecht verteilt? Warum also sollte gerade die Raumfahrt die Verantwortung am Hunger der Armen tragen? Gab sie der Menschheit nichts dafür? Stolz, Träume und moderne Helden vergleichbar mit Spitzensportlern...

»Oh ja, ich bin ein Held, hahaha...«

Ein einsamer Held. Die halbe Frau fehlte ihm schon jetzt. Schnaubendes Lachen über den alten Gag. Moment, die halbe Frau fehlte wirklich. Halbe Frauen werden aufgerundet, hatten die FeministInnen durchgesetzt. Streng mathematisch. Das würde Ärger geben, und die NASA wußte das. Großen Ärger. Warum hatten sie das riskiert?

© Boris Koch 2001
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung in: Christian von Aster & Boris Koch, Das goldene Kalb – Die 10 Gebote des Fortschritts (2001)
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