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Thorsten Küper

Der Atem Gottes

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Wie der eisige Atem eines zornigen Gottes traf ihn der Fahrtwind, drang in die winzigen Öffnungen seiner Kleidung, bahnte sich sogar einen Weg unter den Helm und ließ seine Augen tränen. Über Villon erstreckte sich ein unglaublich klarer Sternenhimmel, wie man ihn selbst hier nur in einer unendlich schwarzen und kalten Nacht erleben kann. Den Scheinwerfer konnte er nicht einschalten, sonst hätte man ihn bereits von weitem sofort gesehen. Trotzdem trieb er das ATV mit Höchstgeschwindigkeit über die endlose Ebene. Das grüne Bild, das das Nachtsichtgerät lieferte, war trügerisch, enthüllte Hindernisse wie größere Felsbrocken oder den Kadaver eines Wildpferdes oft erst in letzter Sekunde. Nur die Vibrationen des Lenkers unter seinen Händen verrieten, wie zerklüftet der Untergrund wirklich war. Mehr als einmal verriss eine Bodenwelle die Vorderräder, und es gelang ihm nur mit Glück, die Kontrolle über die Maschine zurückzuerlangen.

Ódádhahraun war eine unwirkliche Landschaft. Eines der größten Lavafelder der Erde, zurückgeblieben nach einem gewaltigen Vulkanausbruch. Früher ein Ort, an den Straftäter verbannt wurden, heute das ideale Gebiet, um Wissenschaftler wie ihn in eine Art Forschungsexil zu schicken. Etwas anderes als eine Verbannung war es nicht gewesen. Eine Sklaventätigkeit im Dienste anonymer Profiteure. Parasiten, die sich an den Früchten seiner Arbeit nährten, ihm jedoch jede Anerkennung verweigerten. Ein Forschungsgebiet wie das seine verurteilte einen Wissenschaftler zur Namenlosigkeit. Fachzeitschriften erwähnten seine Person niemals, wohl jedoch seine Ergebnisse. Ganz gleichgültig wie brillant diese auch waren, ihm würde dafür niemals jemand die Hand schütteln, geschweige denn eine angemessen hohe Überweisung auf sein Konto tätigen.

Ja, Villon hatte keine Zweifel an der Richtigkeit seines Entschlusses. Die hatte er nie. Zu lange hatte er seine Fähigkeiten in den Dienst des Konzerns gestellt – jetzt war es an der Zeit, die Ernte einzubringen. Er würde seinen Kunden nur die CD zeigen müssen. Das würde sie überzeugen. Zumindest wenn es ihm gelang, sich durchzuschlagen.

Sebing hatte ihm zwar keinen Strich durch die Rechnung gemacht, ihn aber immerhin gezwungen, viel früher zu fliehen als ursprünglich geplant. Lange vor dem verabredeten Zeitpunkt, an dem sie ihn nahe der Station abholen sollten. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als so nah wie möglich an die Küste zu kommen. Bevor die Jäger des Konzerns die Suche nach ihm aufnahmen.

Er hatte den Gedanken noch nicht beendet, als er den Sog spürte. Ein Blick über die Schulter offenbarte eine seltsame sternlose Fläche direkt über ihm. Ein riesiger Umriss zeichnete sich am Himmel ab.

In einem absurden Fluchtversuch gab er Vollgas. Der scharfe Schmerz holte ihn mühelos ein, grub seine Krallen tief in seine Schulter. Von dort breiteten sich Wärme und Taubheit in seinem ganzen Körper aus, raubten ihm das Gefühl in Armen und Beinen. Villon schwanden die Sinne, noch bevor das Vorderrad des ATV gegen einen Felsen prallte und die Maschine sich überschlug. Während sein Körper einige Meter weit durch die Luft segelte, erfüllte die schwarze Nacht bereits seinen Kopf.

© Thorsten Küper 2004
Entnommen aus: Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Der Atem Gottes und andere Visionen 2004 (Berlin: Shayol, 2004)
Erschienen in
Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Der Atem Gottes und andere Visionen 2004 (Berlin: Shayol, 2004)
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