| Nur Pixel. Es
sind doch nur Pixel ... Ermittlungen nach Eklat um Neujahrsansprache des
Kanzlers
Immer noch unklar ist, wie es Unbekannten gelungen ist, das Video der
Neujahrsansprache von Bundeskanzler Weveling am gestrigen 1. Januar 2011 zu manipulieren.
Die erschütterten Zuschauer musste für etwas mehr als eine Minute mit ansehen, wie ein
anscheinend nackter Bundeskanzler mit Hitlerbärtchen seine Ansprache an die Bevölkerung
richtete. Experten bezeichneten die Manipulation des Videos als außergewöhnlich
komplizierte technische Operation ...
Bin ich ein grotesker Anblick?
Vermutlich ja. Mein lebloser Körper auf dem Stuhl vor den drei
Monitoren, auf denen du nun diese Aufzeichnung siehst. Mich, in derselben Kleidung, mit
demselben Gesicht wie die Leiche davor. Das lebendige Spiegelbild eines Toten.
Verrat mir, habe ich einen seltsamen Gesichtsausdruck im Tod? Hängt
meine Zunge heraus, siehst du das Weiße in meinen Augen? Stinke ich etwa schon? Es wäre
mir unangenehm. Roll mich in den Nebenraum, falls es so sein sollte. Ich würde selbst nur
ungern neben der Fäulnis verströmenden Leiche eines wildfremden alten Mannes sitzen und
mir seinen Monolog anhören. Und dann nimm dir den Stuhl, der hinter dir an der Wand
steht.
Immerhin bist du hier. Bist also in diese Stadt gereist, zu dem
Schließfach gegangen, in dem du meinen Wohnungsschlüssel und meine Adresse gefunden
hast. Falls du dich gefragt hast, wie ich dich nach meinem Ableben über meinen Tod
informieren konnte, schau auf mein linkes Handgelenk und das Kabel, das in meinen Kragen
hinein läuft. Wahrscheinlich hast du das Prinzip längst durchschaut, schließlich bist
du so analytisch veranlagt wie ich. Die Sensoren auf meiner Brust und am Handgelenk messen
Herzschlag und Puls. Der Computer hat zwei Stunden lang kein Lebenszeichen mehr
aufgezeichnet, und dann die Mail mit dem Code für das Schließfach und für meine
Maschinen an dich geschickt. Es hat funktioniert, denn du bist hier, hast das Passwort
eingegeben und siehst nun diese Aufzeichnung.
Ich war mir nicht ganz sicher, wann ich sterben würde.
Selbstverständlich konnte ich meinen Tod nicht abwenden, aber der Wunsch Kontrolle
auszuüben, war ein wesentlicher Bestandteil meiner Persönlichkeit. Also wollte ich als
letzten Beweis meines lebenslangen Trotzes wenigstens bestimmen, in welcher Haltung ich
auf die andere Seite wechseln würde. Cowboys sollen in ihren Stiefeln sterben. Männer
wie wir müssen dementsprechend stilecht an einer Tastatur sitzend über den Styx reisen.
Für mich macht das Sinn. Die bedeutsamsten Augenblicke meines Lebens habe ich nicht mit
Menschen, sondern gemeinsam mit Maschinen verbracht.
Meine genaue Todesursache kenne ich nicht. Jedenfalls war es ein
natürlicher Tod. Dem Druckgefühl und den Schmerzen in den letzten eineinhalb Jahren nach
zu urteilen, tippe ich auf einen Tumor hinter meinem rechten Auge. Eine Folge der
Strahlung. Vor allem von den Monitoren und Displays. Weiche Röntgenstrahlung,
Mikrowellen, Infrarot, UV-Licht. Ich habe zuviel Zeit vor ihnen verbracht, mein Hirn
getoastet. Aber ich habe es freiwillig getan. Willst du wissen, wieso? Hast du dich das
jemals selbst gefragt?
Für mich kann ich es beantworten: Die Realität und ich, wir haben uns
nie gemocht. Die Realität verweigert sich deinen Wünschen, Erwartungen oder Hoffnungen.
Dafür habe ich sie gehasst und nach Möglichkeiten gesucht, die Wirklichkeit zu
modellieren. Oh ja, es gibt Mittel und Wege. Aber dazu muss man sich selbst auf einen
Standpunkt außerhalb der Realität begeben, sie hinter sich lassen. Das habe ich getan.
Und darum habe ich diese Wohnung seit acht Jahren nicht mehr verlassen.
Wenn du dich fragst, wer den Schlüssel und die Adresse im Schließfach
deponiert hat: Es war ein Pizzabote. Der Typ, der mir seit acht Jahren immer mal wieder
Nummer 47, Nummer 72 oder Nummer 112 geliefert hat und den ich nach einigen Recherchen als
vertrauenswürdig eingestuft habe. Um sicherzugehen, dass er den Schlüssel wirklich
deponiert, habe ich ihn damit beauftragt, die ganze Aktion zu filmen, von hier bis zum
Bahnhof und wie er die Sachen ablegt.
Das war nichts Neues für ihn. Ich habe vor einigen Jahren eine Kamera
für ihn gebaut, die er an seiner Brille befestigen kann. Er hat das Ding umsonst
gekriegt, dafür hat er gelegentlich mit Mädchen geschlafen und dabei ... nun ja, die
Brille getragen. Die Aufzeichnungen hat er mir zugemailt. Ich bin sicher, dass dich diese
Offenbarung über meine voyeuristischen Neigungen nicht schockieren wird. Pornographie war
eins der Themen, über die wir beide schließlich besonders häufig diskutiert haben. Das
und unsere Vorliebe dafür, in der einen oder anderen Weise Kontrolle auszuüben. Ich bin
mir übrigens ganz sicher, dass beides unmittelbar miteinander zu tun hat. Ich hatte fast
keine realen Beziehungen in meinem Leben. Nicht, weil es keine Möglichkeiten dazu gegeben
hätte; nein, reale Menschen haben ein Eigenleben, lassen sich nicht inszenieren, wie es
mir gefällt. Jedenfalls nicht auf direkte Weise. Deswegen habe ich künstliche Partner
bevorzugt - auch wenn sie nur auf einem Monitor oder als Hologramm existierten.
Langweile ich dich? Du bist nicht hergekommen, um meine Leiche zu
bestaunen oder dir meine Selbstanalysen anzuhören. Es geht dir um meine Meisterwerke,
nicht wahr? Es als Programmiererei zu bezeichnen, empfände ich als Herabsetzung. Für
mich war es immer eine eigene Kunstform.
Ich war neun, als ich zum ersten Mal die Tastatur eines Computers unter
meinen Fingern spürte. Eine Kiste mit einem langsamen Prozessor und einer Taktfrequenz
weit unter einem Gigahertz. Eine simple Maschine, wenig mehr als ein Spielzeug. Sie hatten
sie mir geschenkt, weil man von einem Krankenbett aus damit arbeiten konnte. Ich habe die
meiste Zeit meines Lebens liegend oder sitzend verbracht. Kannst du dir vorstellen, dass
ich immer davon geträumt habe, mal ein Auto zu fahren? Leider konnte ich diesen Traum nie
in die Tat umsetzen. Genauso wenig habe ich dieses Land jemals verlassen. Und dass ich die
letzten Jahre ohne Unterbrechung in dieser Wohnung verbracht habe, ist dir ja nicht neu.
Aber zurück zu diesem Computer. Er hat mein Leben verändert, es
umprogrammiert, wie ein Virus es tun würde. Ich war vom ersten Augenblick an besessen von
den Tasten, dem klickenden Geräusch, dem Monitor, dem bläulichen Licht, dass mir
vertrauter wurde als das Tageslicht. Ich begann zu lernen, schrieb Programme, baute
einfache Roboter, umging den Kopierschutz von Spielen und entdeckte sehr bald das Internet
für mich. Gerade mal elf Jahre alt war ich, als ich zum ersten Mal das world wide web
betrat und mich für immer im Netz verfing. Weißt du, aus welcher Motivation
heraus ich zum Hacker wurde? Ich meine abgesehen von meiner technischen Neugierde?
Es wird dich enttäuschen: Meine ersten Hacks zielten auf Pornoseiten.
Ich habe mir zu tausenden davon Zugriff verschafft. Damals war ich gerade mal zwölf. Aber
was ich in dieser Zeit auf meiner Jagd nach Wichsvorlagen lernte, bildete die Basis für
meine spätere Karriere. Das und meine Besessenheit von Filmen und Romanen. Ich liebe gute
Geschichten. Du nicht auch?
Ich lebte selbst in einer. Sie war tragisch und ziemlich humorlos. Aber
es gab eine Menge sehr ironischer Momente. Manchmal frage ich mich, wer sie geschrieben
hat. Ich war es jedenfalls nicht.
Ich stelle mir meine Geschichte gern als Epos vor. Ein dickes Buch mit
tausenden von Seiten. Aber vielleicht ist sie auch nicht mehr als ein paar Zeilen falscher
Code in einem großen Programm. So wie der falsche Code im Programm meiner Zellen.
Er brachte mich nicht um, aber er machte meinen Körper fast
unbrauchbar. Es gibt schlimmere Erbkrankheiten als die, unter der ich litt. Doch sie ließ
mich schwach und unbeweglich werden und verurteilte mich dazu, einen großen Teil meiner
Lebenspanne in geschlossenen Räumen zu verbringen. Aber letztlich verdanke ich dieser
Eigenheit meiner DNA alles, was ich in meinem Leben erreicht habe.
Vielleicht grinst du ja gerade. Was sollte dieser alte tote Sack vor dir
auf dem Stuhl schon erreicht haben? Vegetierte in seinem einsamen modrigen Leben dahin,
hauste in dieser dunklen Kammer. Aber bevor du lachst, denk genau über dich selbst nach.
Na los, komm näher an den Monitor, und hör genau zu:
Ich habe Geschichte geschrieben. Ich habe Schlagzeilen gemacht. Und ich
meine das verdammt wörtlich. Ich habe die wohl gewaltigsten Theaterstücke aller Zeiten
ersonnen und inszeniert. Ich habe Menschen wie Marionetten an meinen Fäden tanzen lassen,
habe sie zu Tänzern gemacht und den Tanz choreographiert.
Was redet der alte Narr da, fragst du dich?
Wir haben über Echtzeitsimulationen philosophiert, entsinnst du dich?
Als ich ein Kind war, kamen die ersten auf den Markt. Man konnte zu einem Ritter im
Mittelalter werden, einen Vergnügungspark verwalten, ein römischer Feldherr im Kampf
gegen die Germanen oder ein deutscher General im zweiten Weltkrieg nur wenige Kilometer
vor Stalingrad sein. Auf diesem Wege konnte man immer wieder neue Leben leben, immer
wieder von vorn beginnen.
Neu starten. Mit mehr Leben. Schneller sein, stärker sein gesund
sein. Das war es, was mir das normale Leben vorenthielt. In den Spielen konnte man kleine
Welten erschaffen und mit ihnen experimentieren, Wirtschaftskreisläufe wie präzise
Uhrwerke funktionieren lassen, oder nur zum Spaß ein winziges Universum ins Chaos
stürzen. Ich habe Tage und Nächte damit verbracht Napoleon, Hitler, Alexander der Große
oder ein griechischer Gott zu sein.
Kontrolle. Darum geht es. Ich war besessen davon, Kontrolle auszuüben,
die Schalter des Schicksals unter meinen Fingerkuppen zu spüren. Ursache und Wirkung, das
ewige Spiel.
Aber ich wollte kein Sklave der Wirkung sein. Ich wollte die Ursache
sein.
Irgendwo in der Pubertät wurde ich mir meiner Situation wirklich
bewusst. Begriff ich zum ersten Mal, was mir in meinem Leben alles verwehrt bleiben
würde. Und damit wurde ich zornig. Man schickte mich zu einem Psychotherapeuten, hetzte
mir sogar so einen Priester auf den Hals, der irgendwie auf der religiösen Schiene in
meinen Kopf fahren wollte. Da war ich sechzehn und mir war gerade klar geworden, dass die
weitesten Reisen, die ich in meinem Leben zurücklegen würde, die zu irgendwelchen
Spezialisten sein würden, die in mir ein großartiges Objekt für ihre Forschungen sahen.
Und dieser Pfaffe hatte nichts Besseres zu tun, als mir zu verklickern, dass dieser ganze
Mist einen Sinn hatte. Genauso wie in der blinden Idiotie solcher klerikal verblendeter
Hornochsen jedes Unglück, jede Katastrophe einem Zweck dient - der natürlich weit über
das Verständnis von uns kleinen Menschlein hinausgeht. Muss wirklich beruhigend sein,
sich in das flauschige Mäntelchen dieser ignoranten Illusion zu hüllen.
Internetnetseite des Vatikans wird Ziel einer Hacker-Attacke
Unbekannten ist es in der Nacht zum Sonntag gelungen, die Internetseiten des Vatikans
unter ihre Kontrolle zu bringen und zu manipulieren. Statt der öffentlichen Archive der
katholischen Kirche eröffnete sich Besuchern der vatikanischen Online-Präsenz für fast
zwölf Stunden der Zugriff auf pornographische Bilder und Filme ...
Einige Tage nachdem mir der Priester diesen Blödsinn hatte verkaufen wollen, drang
jemand in die Internetseite des Vatikans ein und verwandelte sie für fast 12 Stunden in
ein gut frequentiertes Pornoportal unter dem Titel »Nageln hat auch bei uns Tradition«.
Es war der erste richtige Hack, den ich durchführte. Absurderweise
verstand ich nach dieser Aktion, dass der Pfaffe recht gehabt hatte mit seiner Behauptung,
meine Krankheit ergäbe einen Sinn. Sie hatte mich dazu gezwungen, abgeschottet zu leben
und mir auf diesem Wege ermöglicht, mein Talent in Ruhe zu entfalten. Ein Talent, das ich
nun für meine neuen, großen, ganz eigenen Echtzeitstrategiespiele nutzte.
Autopsie statt Musikvideos
Über mehrere Minuten hinweg sind während der Ausstrahlung eines Videos der
englischen Boygroup »Fungerms« beim Musiksender S-Channel Bilder von den Leichen der
fünf Musiker eingeblendet worden. Die Mitglieder der Gruppe sowie deren Manager und die
beiden Lebensgefährten zweier Sänger waren in der letzten Woche bei einem tragischen
Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen. Die Leitung von S-Channel bedauerte den Vorfall
und kündigte personelle Konsequenzen an. Nach bisherigen Ermittlungen muss es Unbekannten
gelungen sein, die Bilder von außen einzuspielen ...
Zum Beispiel gelang es mir, mich in die Sendezentrale eines Musiksenders zu hacken.
Gerade war eine dieser Boygroups komplett bei einem Hubschrauberabsturz ausgelöscht
worden. Man machte eine Sondersendung. Die lieben kleinen Fans durften sich dann aber
statt an eines Video ihrer Idole an deren Autopsiebildern erfreuen, die wie durch
göttliche Intervention plötzlich über den Sender gingen. Eine böse Geschichte. An
diesem Nachmittag hat so manches kleine Mädchen dicke Tränen vergossen, während ich
mich vor Lachen kaum halten konnte. Irgendwie blieb ich auf dieser Linie und richtete
meine Aktionen immer wieder gegen die Medien.
Massenkarambolagen in München, Berlin und Hamburg
Zu mysteriösen Massenkarambolagen kam es am gestrigen Morgen in den Innenstädten von
Berlin, Hamburg und München. Zeugen berichteten einstimmig, dass die Ampelanlagen
gleichzeitig in beiden Fahrrichtungen in den Zentren aller drei Städte gleichzeitig auf
grün geschaltet gewesen wären. Der von verschiedenen Stellen geäußerte Theorie,
Unbekannte hätten Zugriff auf die Verkehrsleitsysteme erlangt, wurden von Experten als
unwahrscheinlich bezeichnet ...
Okay, ich versuchte mich auch mal an den Standardgeschichten, schaltete alle Ampeln in
der Berliner, Münchner und Hamburger Innenstadt gleichzeitig auf Grün. Aber mir fehlte
dabei der Reiz. Es ergab keinen wirklichen Sinn und hatte keine Botschaft. Für mich hatte
das Spiel damals schon einen künstlerischen Anspruch.
Es machte mir mehr Spaß, manipulierte in Nachrichtensendungen zu
schleusen. Einige Jahre davor wäre das undenkbar gewesen, aber die Kameraleute schickten
ihre Aufnahmen mehr und mehr in digitalen Formaten übers Netz an die Agenturen. Wenn man
die Wege kannte, konnte man sich reinschalten, Filme an Knotenpunkten abfangen,
modifizieren und dann die korrekten Versionen auf den Servern gegen die falschen
austauschen.
Kultusminister wird von Penis interviewt
Tausende von Zuschauern äußerten sich in Anrufen und Emails schockiert über eine
gestern auf TPO gezeigte Pressekonferenz von Kultusminister von Hohnreid. Statt in ein
Mikrofon schien der Minister in einen erigierten Penis zu sprechen ...
Du kennst doch bestimmt meine alten Kabinettstückchen, in denen Politiker nicht in
Mikros, sondern erigierte Schwänze vor ihren Gesichtern sprechen. Mikro gegen Penis
austauschen war eine Kleinigkeit schon mit der damaligen Software.
Innenministerin Karenbaum beklagt Mangel an Geschlechtsverkehr
Wieder ist es Unbekannten gelungen, einen manipulierten Filmbeitrag über die Sender
zu schicken. Die Aufzeichnung war so verfremdet worden, dass die Ministerin Karenbaum
scheinbar sehr befremdliche Details über ihr Privatleben preisgab. Die Innenministerin
zeigte sich später bestürzt über die ihr in den Mund gelegten Äußerungen ...
Eine andere Variante war es, denen neue Sätze in den Mund zu legen. Etwas später
hatte ich sogar eine Software, die leistungsfähig genug war, um ihre Lippenbewegung zu
synchronisieren. Da erklärte die Ministerin einer konservativen Partei plötzlich den
Fernsehzuschauern, dass es ihr Leid täte, in letzter Zeit soviel Unsinn verzapft zu
haben. Dies läge an einem persönlichen Mangel an Geschlechtsverkehr. Ihr unveränderter
Originalschlusssatz, dass dies eine Aufgabe sei, der sich die gesamte Bevölkerung stellen
müsse, erhielt dadurch einen völlig neuen Bedeutungskontext. Solche Aufnahmen sind mehr
als einmal über den Äther gegangen, weil die nicht bemerkten, dass ich in ihren Systemen
herumfuhrwerkte. Den Politschwätzern war das kolossal peinlich und bei den Sendern
rollten Köpfe.
Roboter produzieren Skulpturen aus Autoteilen
Zu einem außergewöhnlichen Zwischenfall kam es gestern im Dortmunder Werk eines
großen deutschen Autoherstellers. Die Roboter mehrer Produktionsstraßen, auf denen
Karosserien zusammengeschweißt werden, unterlagen für fast eine Stunde einer
Produktionsstörung, deren Ursache innerhalb des Computernetzwerkes des Werkes zu suchen
gewesen sei. Gerüchte, die Maschinen hätten aus Autoteilen Skulpturen hergestellt, die
an eine Hand mit aufgerichtetem Mittelfinger erinnern, wurden von der Werksleitung
dementiert. Allerdings kursiert seit einigen Stunden ein Video im Internet, das angeblich
die maschinelle Herstellung einer solchen Skulptur - gefilmt von einer werkseigenen
Überwachungskamera - dokumentiert ...
Ich bezeichnete mich selbst als Echtzeitsatiriker und ich war äußerst
erfolgreich dabei. Natürlich blieb ich gesichtslos. Ein Phantom, das Nachahmer fand. Aber
keiner war annähernd so brillant wie ich. Leider machte mich diese Erkenntnis großkotzig
und unvorsichtig.
Ich hatte es damals auf einen bestimmten Konzern abgesehen, der lauthals
danach schrie, dass man Sozialhilfeempfänger für seine Werke zwangsverpflichtete. Ich
sah mich ein wenig um und stellte fest, dass die Geschichte dieser Firma bis ins Dritte
Reich zurückreichte. Und schon damals hatten die Zwangsarbeiter eingesetzt.
Hacker verhaftet
Ein zwanzigjähriger Mann aus Berlin wurde gestern im Zusammenhang mit einer
Hackerattacke auf das deutsche Unternehmen Syberg-Hetzler verhaftet. Ihm wird vorgeworfen,
unautorisierten Zugriff auf das Computernetzwerk der Firmenzentrale erlangt zuhaben. Unter
anderem waren im Verlauf der Attacke sämtliche Lichter im Gebäude gelöscht worden, bis
auf die Leuchtkörper von etwa vier Dutzend Räumen, die so ausgewählt waren, dass die
erleuchteten Fenster das Bild eines Hakenkreuzes ergaben. Außerdem wurden während dieses
Zeitraums über firmeneigene Mailkonten rund eine Million Emails mit dem Text »Arbeit
macht frei« versandt. Über die Motive des Mannes ist nichts Näheres bekannt, die Tat
habe jedoch möglicherweise politische Hintergründe. Polizeisprecher bezeichneten den an
einer schweren Muskelkrankheit leidenden Täter jedoch als psychisch labil ...
Sie erwischten mich kurz vor meinem zwanzigsten Geburtstag. Schuld daran war mein
Schwachpunkt. Ich war darauf angewiesen, von meiner Wohnung aus zu arbeiten, konnte meine
Identität nicht verbergen, indem ich mich aus öffentlichen Terminals ins Netz begab, wie
es andere Profis getan hätten. In den Knast sperren konnten sie mich nicht. Aber in ein
Krankenhaus. Eins für Strafgefangene. Vierzehn Monate war ich da drin, abgeschnitten von
meiner gewohnten Umgebung und meinen über alles geliebten Rechnern. Es war die reinste
Hölle. Ich war umgeben von Abschaum. Du weißt doch, was sie darüber sagen, was mit
Eierköpfen wie uns im Knast geschieht. Untertreibungen sind das.
Also floh ich noch weiter in mich hinein, vergrub meine Nase in Bücher.
Las alles was ich in die Finger kriegen konnte. So entstand in meinem Kopf ein Cocktail
aus brodelnden Ideen, die weit über alles hinausgingen, was ich davor geplant hatte.
Dieser Knast war so was wie ein Reaktionsbehälter und die Bücher Enzyme, die mich in
einer chemischen Reaktion umwandelten, weiterentwickelten. Was auch immer.
Hast du schon einmal die hoch auflösenden Aufnahmen von
Überwachungssatelliten gesehen? Diese einfachen geometrischen Bilder aus der
Vogelperspektive, auf denen man Gebäude und Straßen sehen und Truppenbewegungen
verfolgen kann? Eine nukleare Waffe besteht auf so einem Bild gerade einmal aus
achtunddreißig Pixeln.
Achtunddreißig Pixel, die wie von der Geisterhand irgendwo im Computer
hinzu addiert werden, wo die CCDs der Kameraoptik nie welche gesehen haben. Glaubst du
ernsthaft, für jemanden wie mich wären achtunddreißig Pixel eine ernsthafte
Herausforderung? Ich war der Mann, der den Kanzler nackt und mit einem Hitlerbärtchen die
Neujahrsansprache 2011 hat halten lassen.
Fragst du dich nun, ob ich meine Idee umgesetzt habe? Denkst du darüber
nach, welcher militärische Konflikt der letzten Jahre, ausgelöst durch die Jagd nach
vermeintlichen Nuklearwaffen, von mir inszeniert worden ist?
Vielleicht war es gut, dass sie auf mich aufmerksam geworden waren.
Dieser Talentsucher tauchte einen Tag vor meiner Entlassung aus dem Krankenhaus auf. Und
mit ihm endete alles. Oder es begann. So ganz genau kann ich es auch heute noch nicht
untertscheiden ...
Er wollte, dass ich »es« für ihn tue. Genau so sagte er es und war
sich der Zweideutigkeit nicht mal bewusst. »Es« bedeutete, ich sollte die Realität für
sie modellieren, manipulieren. Er war so ein hohes Tier bei einem großen Sender und sie
wollten, dass ich das, was ich gegen sie verwendet hatte, nun in ihre Dienste stellte.
Leider muss ich dich enttäuschen, falls du mich für einen
prinzipientreuen Rebellen gehalten hast. Jung und eitel wie ich war, fühlte ich mich mehr
geschmeichelt als gekauft und tat genau das, was sie wollten. Dafür erhielt ich neueste
Technologien, Möglichkeiten die mir vorher nicht zur Verfügung gestanden hatten.
Natürlich gab man mir kein Büro, oder führte mich auf einer Gehaltsliste, denn man
wollte auf gar keinen Fall mit unjournalistischen und unauthentischen Bildern in
Verbindung gebracht werden. Ich stellte für sie Aufnahmen her, die so nie gedreht worden
waren und lernte dabei, wie wertvoll Bilder sein konnten. Vor allem dann, wenn sie nicht
der Wahrheit entsprachen.
Parteichef Gilgenforst erklärt Rücktritt
Als Konsequenz des ihm gegenüber nach wie vor bestehenden Misstrauens gab Werner
Gilgenforst heute seinen Rücktritt bekannt. Dieser Schritt sei jedoch nicht als
Eingeständnis seiner Schuld zu verstehen, sondern als eine vernünftige Konsequenz im
Sinne der Partei, deren erfolgreiche Arbeit ihm weit mehr am Herzen läge als sein
persönlicher Wunsch, sie weiter zu führen. Auch nachdem Experten die Manipulation des
Videos, das Gilgenforst bei der Übergabe eines Koffers zeigt, nachgewiesen hatten, waren
Spekulationen über seine mögliche Verwicklung in eine Schwarzgeldaffäre nicht
verstummt. Bundeskanzler Weveling zeigte sich betroffen über ...
Mein Job war es, brisantes Bildmaterial zu erschaffen, das sich für Polit-Magazine und
Nachrichtensendungen verwenden ließ. Sie konnten alles, was ich fabrizierte, sorglos
über den Sender jagen, in dem sie es selbst als »von zweifelhafter Herkunft«
deklarierten, aber trotzdem zeigten. In mehr als einem Fall durfte ein Politiker seinen
Hut nehmen, obwohl Experten versicherten, die Aufnahmen, die ihn bei einer Geldübergabe
zeigten, seien nicht authentisch. Die Rufschädigung, die er allein durch das Aufsehen um
seine Person erlitten hatte, war völlig ausreichend, um seine Karriere zu ruinieren. Die
Spielregeln einer oberflächlichen Gesellschaft sind simpel und hart.
Diese Arbeit brachte mir eine Menge Geld ein. Und glaub mir, ich habe
sie sehr gern gemacht. Aber wer Nachrichten verkauft, verkauft ein gewöhnliches
Produkt, das nur dann gefragt ist, wenn es einzigartig und möglichst nicht austauschbar
ist. Nachrichten haben einen Wert, und der hängt von der Geschwindigkeit ab, mit der man
sie in Umlauf bringt. Dabei gibt es zwei Probleme: Erstens kennt man nie das Wann und
zweitens gibt es immer wieder lange Phasen in denen rein gar nichts geschieht.
Ich war zweiundzwanzig, als ich den Kerl anrief, der mich damals im
Krankenhaus angeheuert hatte. Um ihm etwas Außergewöhnliches vorzuschlagen, das die
Medien revolutionieren würde. Ich brachte ihn dazu, dass man ein geheimes Treffen mit der
Führungsspitze für mich arrangierte. Ich entsinne mich, dass es ausgerechnet in einem
alten Kloster vor einem riesigen offenen Kamin stattfand, in dem ein unglaublich großes
Feuer prasselte.
»Es gibt grob gesehen zwei mögliche Stadien bei der Manipulation von
Nachrichten«, habe ich erklärt, und man lauschte mir mit großen Gläsern voll Wein in
den Händen. »Sie meine Herren, befinden sich im ersten Stadium, indem Sie die Bilder,
also erst die Wirkung eines Ereignisses, manipulieren. Das zweite Stadium erreichen Sie,
wenn Sie die Ursache eines Ereignisses manipulieren.«
Die drei Kerle ließen sich nicht aus der Ruhe bringen. Einer rang sich
ein Lächeln ab, das entweder spöttisch oder verlegen war, ich weiß es nicht. Jedenfalls
fragte er mich dann, wie ich die Ursache von Ereignissen manipulieren wollte.
Ich muss wohl ziemlich selbstverliebt und überheblich ausgesehen haben,
als ich sagte: »Indem ich sie auslöse.«
Danach zeigte ich ihnen die Bilder von den Massenkarambolagen in Berlin,
Hamburg und München und erklärte ihnen, dass sie Wirkung eines Hackerangriffes auf die
Verkehrsleitsysteme gewesen wären. Selbstverständlich erwähnte ich nicht, dass ich der
Hacker gewesen war, aber ich nehme an, sie konnten es sich denken.
Sie reagierten bei weitem nicht so enthusiastisch, wie ich gehofft
hatte. Hackerangriffe wären doch wohl zurückzuverfolgen und solche Unfälle zu
arrangieren, läge weit unter dem Niveau jedes ernsthaften Journalisten. Sie nahmen mich
wirklich nicht für voll, deswegen versteckten sie sich hinter Prinzipien, die ihnen
selbst völlig fremd waren. Doch gerade bevor sie gehen konnten, startete ich eine
Computeranimation. Was sie da sahen, waren zunächst einmal nur Schwärme winziger
verschiedenfarbiger Punkte, die sich durch ein Labyrinth bewegten, um sich an einer Stelle
zusammenzuballen. Wahrscheinlich haben sie mich in diesem Augenblick wirklich für
verrückt gehalten, aber als ich ihnen erklärte, was sie da in einer Simulation mit
ansahen und was ich ihnen vorschlug, spürte ich, wie die Stimmung im Raum sich wandelte.
Schwere Ausschreitungen in Berlin, Bonn und Düsseldorf
In Berlin, Bonn und Düsseldorf ist es am vergangenen Sonntag zu schweren
Ausschreitungen gekommen. Teilnehmer einer von rechtsextremen Gruppierungen veranstalteten
ungenehmigten Demonstration trafen auf Anhänger der islamistisch-extremistischen 2015
Dji-Had. Bei den Zusammenstößen in den Innenstädten Berlins, Bonns und Düsseldorfs
wurden vier Menschen getötet und mehrere hundert Demonstranten sowie mehr als vierzig
Polizeibeamte teilweise schwer verletzt. Zwei weitere Personen sind mittlerweile ihren
Verletzungen erlegen, fast ein Dutzend schwebt nach wie vor in Lebensgefahr. Die
Sachschäden an Ladenlokalen und Fahrzeugen belaufen sich nach ersten Schätzungen
insgesamt auf über 12 Millionen Euro.
Ich halte mich für einen Individualisten, einen Egozentriker und Exzentriker. Ich
glaube an die Möglichkeit einer Selbstbestimmung, jedenfalls innerhalb gewisser Grenzen.
Doch für mich steht ebenso fest, dass die meisten Menschen nicht fähig sind, sich
individuell zu verhalten. Ihre Handlungen sind statistisch und unterliegen Gesetzen, die
man mit den physikalischen Gleichungen vergleichen könnte, die die Strömung einer
Flüssigkeit beschreiben.
Die Echtzeitstrategiespiele, die ich als Kind gespielt hatte, waren
Abfallprodukte der Forschung nach künstlicher Intelligenz und nach Simulationen, die die
Entwicklung einer Gesellschaft extrapolieren konnten. Daraus waren in den letzten Jahren
Social Sims geworden, die für sich beanspruchten, das Verhalten großer Menschengruppen
vorausberechnen zu können. Unter anderem setzte man sie ein, um die Effizienz von
Fluchtwegen in großen Gebäuden in Computermodellen austesten zu können. Die Polizei
benutzte sie, um vor Fußballspielen zu ermitteln, auf welchem Weg gegnerische Hooligans
am besten zum Stadion hin und wieder heraus geleitet werden konnten. Diese Programme
lieferten neben kritischen Punkten auf einem vorgegebenen Stadtplan sogar Schätzungen
über die Art der Schäden und die Anzahl möglicher Opfer. Im Grunde genommen gab es
zwischen ihnen und den Spielen meiner Kindheit keinen Unterschied. Also spielte ich mit
ihnen. Mit dem einen Unterschied, dass die Spiele jetzt nicht mehr nur auf einem Monitor
stattfanden.
Jede extremistische Vereinigung dieser Welt verfügt neben der großen
Herde pöbelnder, gedankenloser Mitläufer auch über einen intellektuellen Kern. Und wie
das Licht die Motten anzieht, ziehen moderne Medien die elitären Angehörigen dieses
Kerns an. Wusstest du, dass der Webspace, der durch faschistoide Inhalte beansprucht wird,
etwa zwölfmal so groß ist wie der der katholischen Kirche? Faschistoides Gedankengut
schwirrt da draußen in tausenden von Terabytes herum. Nur Pornographie nimmt einen noch
größeren Anteil an Datenvolumen ein.
Extremisten koordinieren Aktionen über ihre Websites. Sie legen
Aufmarschpunkte und Anfangszeiten für ihre Demos auf Websites fest, verschicken Pläne
ihrer Aktionen per Mail. Alles nicht besonders gut gesichert. Religiöse Fundamentalisten
halten es nicht viel anders.
Nehmen wir mal die Neonazis. Man muss nur durch eine Manipulation an
ihren Websites Gerüchte über eine anstehende Demo streuen, dann noch ein paar provokante
Insidernews über die Bullen, die das ganze angeblich unterbinden wollen. Mit der anderen
Seite sagen wir islamische Fundamentalisten - verfährt man ganz ähnlich. Mit
einem Stadtplan und einer Social Sim kann man ein paar wunderbare Szenarios gestalten,
indem man jene besonders kritischen Plätze ermittelt, an denen sich die beiden
Strömungen aus Wirrköpfen zu einem tosenden Strudel aus Aggressionen vereinigen. So
ermittelt man die neuralgischen Punkte, an denen man die Fronten platzieren muss, damit
sie mit größtmöglicher Heftigkeit miteinander reagieren können. Orte und die Zeiten
legt man dann auf deren Websites und Foren fest, damit alle es sehen, aber keiner der
echten Hintermänner unserer fanatischen Freunde Zeit hätte, um laut zu schreien: »Hey,
wir haben das gar nicht geplant!«
Das ist alles ganz mathematisch und hochwissenschaftlich. Menschen
werden zu bunten zappelnden Klecksen auf deinem Display, bevor sie zu roten zappelnden
Klecksen auf dem Asphalt werden. Der Witz ist, dass die Social Sim einem erstaunlich gute
Daten darüber liefern, wo man seine Kameras aufstellen sollte, um das ganze zu filmen.
Meine Freunde aus der Führungsetage wollten genau das tun und waren
mehr als zufrieden mit dem Ergebnis. Die sensationellen Aufnahmen eines Fast-Bürgerkriegs
mitten in diesem unserem Lande katapultierten ihren Sender europaweit in eine
Spitzenposition. Und diesmal waren es sogar authentische Bilder. Unverfälscht,
unbearbeitet, unmanipuliert. Die Wirkung war echt, nur die Ursache nicht. Wir hatten das
nächste Stadium der Manipulation von Nachrichten erreicht. Zu den Ausschreitungen war es
durch winzige Eingriffe in das Informationsnetzwerk von Fanatikern gekommen. Eine kleine
Ursache, die eine enorme Wirkung erzeugte. Aber wir hatten nicht nur eine Flamme an ein
Pulverfass gehalten. Nein, wir hatten die Geschehnisse konzipiert und vorauskalkuliert.
Wir hatten ein Ereignis gestaltet. Ich bin mir nicht sicher, aber vermutlich bin ich der
erste Ereignisdesigner in der Geschichte der modernen Medien. Zumindest, der erste, der
sich selbst so bezeichnet.
Ob ich mich schuldig fühlte wegen der Toten? Es waren vier, aber die
Social Sim hatte rund zwanzig vorauskalkuliert. Nein, ich fühle mich nicht schuldig. Wir
haben denen nur Zeit und Ort genannt. Was sie daraus machten, war ihre Sache. Sie hätten
ja zu Hause bleiben und sich die Show im Fernsehen ansehen können.
Gegnerische Hacker-Banden verwandeln Computernetzwerke in virtuelle
Schlachtfelder
Offenbar stehen die beiden Zugkollisionen in Hannover und in Stuttgart sowie der
Flugzeugabsturz in Dortmund und der Zusammenbruch des Stromnetzes im Ruhrgebiet in
direktem Zusammenhang mit Aktivitäten deutscher Hackergruppen. Nach Aussagen eines
vorgestern verhafteten achtzehnjährigen Studenten aus Düsseldorf tobt zwischen
konkurrierenden Gruppierungen aus dem Bereich der Computerkriminalität derzeit ein
erbitterter Machtkampf. Nach unbestätigten Aussagen aus Insiderkreisen, entwickelt sich
ein neuer Trend im Hackermillieu. Mittels Computerangriffe ausgelöste Katastrophen sollen
gegnerische Hacker nicht nur am Computer, sondern als Person ausgeschaltet werden.
Experten des BKA bezeichneten diese Spekulationen als reine Panikmache ...
Jedenfalls hatte ich mit diesem ersten Coup das enorme Potential designter Ereignisse
bewiesen. Die Grundprinzipien waren einfach. Eine kleine, möglichst unauffällige Ursache
sollte eine möglichst große Wirkung erzeugen. Wichtig für meine Auftraggeber war es,
das Wann und Wo dieser Wirkung zu kennen, um in der Berichterstattung die Nase vorn zu
haben.
Wir spielten das Spiel in den unterschiedlichsten Variationen. Einige
Monate bevor eine Geschichte realisiert wurde, brachten die Sender warnende Beiträge in
den Polit-Magazinen über diese und jene Gruppierung, die sich gerade bildete oder
umstrukturierte. Militante Gentechnologiegegner, die statt mit Argumenten lieber mit
Molotow-Cocktails um sich warfen; Sektierer, die versuchten Kleinstädte aufzukaufen und
mit der Bevölkerung aneinander gerieten; Jugend- und Kinderbanden, die sich erbitterte
Kämpfe um ihre Territorien lieferten. Extreme Tierschützer, die infizierte Versuchstiere
befreien wollten. Es trat immer ziemlich genauso ein, wie es die Herren Journalisten
Monate vorher mit mahnendem Zeigefinger vorgeunkt hatten.
Das Problem war, dass meine Auftraggeber, so schüchtern sie auch am
Anfang gewesen waren, plötzlich keine Grenzen mehr kannten. Sie forderten neue Projekte
von mir. Verlangten von mir, in größeren Dimensionen zu denken und boten mir dafür
immense Summen.
So dumm, jung und eitel wie ich war, ließ ich mich darauf ein. Bei
einem erneuten Treffen in dem alten Kloster präsentierte ich ihnen mein neues Projekt.
Wieder hielten sie große Gläser voll Wein in ihren Händen. Diesmal sah er aus wie Blut.
Wir nannten es Projekt 38.
Wie gut hast du mir zugehört? Wenn du mir genau zugehört hast, weißt
du schon, was das Projekt 38 ist, oder?
Achtunddreißig Pixel. Um mehr ging es nicht. Achtunddreißig Pixel.
Eine winzige Ursache. Ich nahm das Geld und tat es. Aber es war nicht das Gefühl, das ich
erwartet hatte.
Auch in dieser Nacht heftige Bombenangriffe auf El Herain
Wie schon in den vergangenen Tagen wurde auch in dieser Nacht die
Stadt El Herain durch heftige Luftangriffe erschüttert. Nach amerikanischen Angaben
hätten sich die Angriffe auf ausschließlich militärische Ziele konzentriert. Dagegen
spricht allerdings der sich täglich fast verdoppelnde Flüchtlinsstrom in Richtung der
südlichen Grenze.
Wie erst heute bekannt wurde, hatten US-Helikopter in der Nacht zum
Dienstag versehentlich das Feuer auf einen Flüchtlingskonvoi eröffnet, den man in der
Dunkelheit fälschlicherweise für einen Truppentransport gehalten hatte. Nach
amerikanischen Angaben gab es dabei rund zwei dutzend Tote, während der Gegner die Zahl
mit mehreren Hundert beziffert ...
Man kann sich nicht in die Verbindung zwischen einem Satelliten und der Bodenstation
hacken. Soweit ist das System vor Angriffen sicher. Aber die Daten werden nicht direkt
unter der Parabolantenne ausgewertet. Sie werden so gut wie unbesehen weitergeschickt. Auf
angeblich sicheren Leitungen, angeblich sicher verschlüsselt. Die haben ihre
Bildanalytiker ganz woanders sitzen. Wenn man weiß wo, und wenn man die
Verschlüsselungstechnik geknackt hat, kann man sich da einklinken und die Bilder
verändern.
Achtunddreißig Pixel. Natürlich nicht nur auf einem Bild, sondern auf
einer ganzen Serie, die plötzlich den Weg eines mit Nuklearwaffen beladenen
Fahrzeugkonvois dokumentiert. Ein Konvoi, der gerade so real ist, wie eine Fata Morgana,
die irgendwo unten im Sand flimmert.
Ein guter Hacker könnte das nicht schaffen. Nicht mit der ihm zur
Verfügung stehenden Technik. Aber ich hatte zwei Großrechner für mich allein. Die
neuste Verschlüsselungs- und Entschlüsselungstechnologie. Und ich machte ihnen ihre
achtunddreißig Pixel.
Der Sender CNN erreichte seine Führungsposition, weil er über den
Irak-Krieg berichtete. Meine Auftraggeber hatte dasselbe vor. Sie brauchten dazu nur den
passenden Krieg. Und ich bastelte die passende Ursache dafür.
Achtunddreißig Pixel.
Mehr nicht.
Vorher hatten sie einen Deal mit der Militärdiktatur von El Herain
abgeschlossen. Unsere Journalisten durften im Fall eines militärischen Konfliktes im Land
bleiben und ihrer Arbeit ungehindert nachgehen. Als der böse Diktator den Vertrag
unterschrieb, konnte er ja nicht ahnen, dass wenige Monate später tatsächlich ein Krieg
beginnen würde. Aber er hielt sich an den Vertrag, nicht zuletzt, weil dabei ein großer
Batzen für ihn abfiel und die Mieten, die man für große Villen in Ländern ohne
Auslieferungsabkommen verlangt, sind ja so bescheiden auch nicht. Also wurden einige
auserlesene Topberichterstatter zu eingebetteten Journalisten, aber nicht auf der Seite
der Amis, wo alle großen Agenturen ihre Leute hatten. Nein, diese spezielle Gruppe
bewegte sich in den Reihen des Gegners und lieferte der ganzen Welt zum ersten Mal die
Perspektive der bösen Jungs. Ehrlich gesagt, hatte ich nie geglaubt, dass man
jemanden finden würde, der dumm genug war, um mit einer Kamera vor amerikanischen
Eliteeinheiten wegzurennen. Aber meine Auftraggeber fanden fast zwei Dutzend solcher
Irrer.
Sie lieferten fantastische Bilder. Unter anderem von einem
Flüchtlingskonvoi, den amerikanische Helikoptern eingeäschert hatten. Aber man konnte
noch genug erkennen. Diese verkohlten Leichen. Das waren keine fanatischen Idioten wie die
Nazis und die 2015 Dji-Had Leute, oder diese völlig verblödeten Pseudo-Hacker. Es waren
Greise, Frauen und Kinder gewesen. Jetzt nicht mehr als zusammengeschmolzene Klumpen.
Nur Pixel. Es sind doch nur Pixel auf meinem Fernseher.
Fünf Minuten habe ich versucht mir dies einzureden, dann habe ich über
meine Tastatur gekotzt und die nächsten zwanzig Stunden gezittert und geheult. Zu dumm,
ich hatte nicht gewusst, dass ich ein Gewissen habe. Außerdem stellte es sich nicht
gerade leise und sanft bei mir vor.
Zwei Tage später habe ich fast mein gesamtes Vermögen an irgendwelche
Hilfsorganisationen gespendet. Meine Schuld hätte ich auch gern gespendet, aber die
durfte ich behalten. Das und das Wissen, der erste Mann in der Weltgeschichte gewesen zu
sein, der ganz allein einen Krieg verursacht hatte.
Ich glaube, die suchen heute noch nach Nuklearwaffen, die es nie gegeben
hat.
Fragst du dich gerade, was für ein Kraut dieser alte tote Sack vor dir
geraucht haben muss, um auf diesen Größenwahnsinnstrip zu kommen? Oder denkst du einen
Schritt weiter und fragst dich, welche Rolle du in dieser Geschichte spielen sollst?
Fakt ist jedenfalls, dass ich tot bin und du hier bist. Die Frage ist
also, was wir beide daraus machen.
Lass es mich mal so sagen. Ich bin ein sturer Hund, so stur, dass ich
mich nicht mal durch meinen Tod davon abhalten lassen möchte, weiter zu inszenieren.
Hast du die Presse in den letzten Wochen verfolgt? Der Konflikt zwischen
Taiwan und China hat sich verschärft. So sehr verschärft, dass nun schon amerikanische
und russische Flugzeugträger beunruhigend nahe vor Taiwan stehen. Natürlich nicht zu
nah. Nein, ich will dir jetzt nicht einreden, ich hätte meine Finger da drin. Damit habe
ich nichts zu tun. Mir geht es um etwas ganz anderes.
Die Leute haben sich an solche Situationen gewöhnt. Konflikte wie
diesen gibt es immer mal wieder. Immerhin ist der letzte Krieg fast neunzig Jahre her.
Diese Generation weiß nicht mehr, wie schnell so eine Sache eskalieren kann. Aber ich
habe die letzten Jahre vor allem mit meinen Modellen und Simulationen verbracht. Diesen
Konflikt habe ich auch simuliert und dabei in den letzten Monaten einige ziemlich
unangenehme Szenarios gesehen. Lass es mich auf ein Wort bringen:
Bumm!
Vielleicht liegen die Simulationen falsch. Vielleicht funktionieren sie
nicht richtig, wenn sie das Verhalten völlig unterschiedlicher Kulturen und
Gesellschaften in einer Konfliktsituation extrapolieren sollen. Die Basisdaten, die sie
verwenden, gehen zurück auf den zweiten Weltkrieg und viel kleinere militärische Krisen
der letzten Jahre. Aber wenn sie richtig liegen, würde mich nicht wundern, wenn hier bald
global die Lichter ausgehen.
Wenn man sie daran hindern will, aneinander zu geraten, muss man sich
was Besonderes einfallen lassen. Etwas, dass sie von einander ablenkt. Noch besser ist
etwas, dass sie zur Zusammenarbeit zwingt, statt sich mit irgendwelchen kleinlichen
Streitereien aufzuhalten.
Es muss etwas Großes und sehr Beängstigendes sein. Etwas, dass ihnen
eine Scheißangst einjagt und sie regelrecht auf Kuschelkurs bringt.
Und soll ich dir was sagen? Ich habe etwas gefunden. Eigentlich ist die
Idee nicht mal von mir. Aber ich glaube, ich bin der erste und einzige Mensch, der sie in
die Tat umsetzen könnte. Wäre da nicht das Ding hinter meinem rechten Auge. Sozusagen
eine Nebenwirkung meines Lebenswerkes. Nun ja, der Tumor hat seinen Job gut gemacht und
mich umgebracht.
Deswegen wird es jemand anders tun müssen.
Jemand, der gut genug dazu ist.
Jemand, der wie ich ist.
Jemand, der ich bin.
Du.
Fragst du dich gerade, was der alte Sack von dir will? Der gesichtslose
Fremde, mit dem du nächtelang über Philosophie, Politik, Physik, Pornos und
Echtzeitstrategiespiele diskutiert hast? Der dir heiße Tipps für Hacken gab? Mit dem
dich rein gar nichts verbindet, außer Sätzen, die über einen Monitor ausgetauscht
wurden.
Wir haben mindestens eins gemeinsam. Wir sind besessene Spieler.
Ich konnte mich nie damit abfinden, in diesem großen Spiel nur ein
Leben zu haben. Ein so eingeschränktes noch dazu. Nein, ich wollte die Vollversion, und
ich wollte das Spiel von vorn beginnen, sobald das große »Game Over« kommt. Ich war
jung, ich war großkotzig, ich hielt mich für eine Art Gott und hatte genügend Geld.
Meine Auftraggeber hatten gute Beziehungen und waren damals bereit, mir jeden noch so
exklusiven Wunsch zu erfüllen.
Ich musste eigentlich nur noch in den Becher wichsen. Den Rest
erledigten irgendwelche Biotechnikfreaks für mich. Eine Leihmutter zu finden, war kein
Problem.
Wie geht es ihr eigentlich? Hast du in letzter Zeit von ihr gehört?
Nein, es interessiert mich eigentlich nicht.
Falls du immer noch nicht geschaltet haben solltest was ich
natürlich bezweifele, denn du hast meine analytische Begabung, die Landkarte unserer
Großhirnrinde ist sogar völlig identisch: Du bist mein Klon. Du bist meine Kopie.
Ich bin das »Game Over« und du bist der »Neustart«.
Du hast Zweifel an meiner Geschichte? Sieh mich genauer an. Schau nicht
auf das Doppelkinn oder den grauen Bart. Erkennst du meine Augen wieder? Es sind dieselben
Augen, die dich jeden morgen im Spiegel ansehen. Graublau. Es gibt noch mehr
Ähnlichkeiten, oder? Die Hände, das Gesicht, die Statur, die Neigung zur Fettleibigkeit.
Kämpfst du noch dagegen an? Glaub mir, auf Dauer wirst du verlieren.
Und wenn dich die Äußerlichkeiten nicht überzeugen, dann vielleicht
unsere inneren Gemeinsamkeiten. Der Intellekt, die Neigung, sich in sich selbst
zurückzuziehen. Die Angst vor freien Plätzen, die dich in den letzten Jahren ebenso
isoliert hat wie mich - und unsere gemeinsamen Vorlieben.
Du bist ich. Allerdings achtundzwanzig Jahre jünger.
Die Krankheit fragst du? Was mit der Krankheit ist? Als ich geboren
wurde, wusste man nicht mal, dass es das Gen gab, das mein Leiden verursachte, geschweige
denn konnte man davor danach suchen. Aber in dem Jahr bevor du zur Welt kamst, fand man
eine Möglichkeit, das böse Gen zu eliminieren. So wurdest du erst möglich.
Aber du brauchst nicht Papa zu mir zu sagen. Ich bin wohl eher so etwas
wie ein lang verschollener Zwillingsbruder.
Genug der Familiennostalgie.
Von nun an hast du zwei Minuten Zeit um dich zu entscheiden. Drückst du
»Enter«, erhältst du den Zugang zu meiner gesamten Software und allen Informationen
meines Projektes. Nennen wir es doch einfach Projekt 39.
Drückst du nicht, werden sämtliche Daten gelöscht, alle Platten
formatiert und mein gesamtes Wissen ist verloren. Du überlässt die Dinge, die da kommen,
dem Zufall, was dich zumindest vor einer verdammt großen Verantwortung bewahrt. Es ist
keine schlechte Alternative, aber ich hätte wohl die erste Möglichkeit gewählt.
Dass du meine Kopie bist, bedeutet natürlich nicht unbedingt, dass du
auch handelst wie ich.
Vielleicht sollte ich noch mein Bedauern darüber äußern, dass wir uns
nicht persönlich kennen gelernt haben? Ich tue es nicht, denn es wäre eine Lüge. Es
geschieht so, wie ich es vorgesehen habe. Du bist hier, also bin ich tot. Unnötig
hinzuzufügen, dass ich darüber nicht unbedingt erfreut bin.
Machen wir es so: Ich wünsche dir viel Glück mit der Wahl, die du nun
triffst.
Mach mehr daraus als ich.
PRESS ENTER
ESA bestätigt Meldungen über Objekt jenseits der Plutobahn
Die ESA gab gestern im Rahmen einer Pressekonferenz bekannt, dass amerikanische,
russische und chinesische Beobachtungssatelliten und Orbitalteleskope ein Objekt jenseits
der Plutobahn geortet haben, das starke energetische Pulse im Röntgenbereich emittiert.
Aussagen von Experten, die Pulse hätten eine Art Signalcharakter, wurden bestätigt,
allerdings dürfe diese Beobachtung nicht automatisch als Hinweis auf eine intelligente
Steuerung des Objektes ausgelegt werden. Denkbar sei dies jedoch.
Russische Astrophysiker gehen einen Schritt weiter und behaupten mit Hilfe von
Orbitalteleskopen im optischen Spektrum des Flugkörpers Hinweise auf Prozesse gefunden zu
haben, die auf einen triebwerksartigen Ausstoß von Plasma hindeuten.
Trotz der angespannten politischen Situation findet derzeit ein reger
Informationsaustausch zwischen russischen, chinesischen, amerikanischen und weiteren
internationalen Experten statt. Die wenn auch nur geringe Möglichkeit eines Erstkontaktes
mit einer anderen Lebensform lasse jeden irdischen Konflikt bedeutungslos erscheinen,
erklärte der Außenminister der USA. Eine Aussage, die die chinesische Führungsspitze
unterstrich ...
Nur Pixel. Es sind doch nur Pixel ...
Copyright © 2003 by Thorsten Küper
Mit freundlicher Genehmigung des Autors |
 
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