epilog.de > Texte > Kueper-thorsten-1969 > Radio Orbit [Story]
epilog.de
Filme
Bücher
Personen
Texte

Magnet-Manufaktur

Epilog zum
verschenken:

Thorsten Küper

Radio Orbit

Seite 1 »

In den Momenten nach dem Aufwachen, die Augen noch geschlossen, erinnerte er sich. Er erinnerte sich an blauen Himmel. Er erinnerte sich an Regen auf seiner Haut. Er erinnerte sich an Lärm auf der Treppe eines Hauses. Er erinnerte sich an ein zersplitterndes Fenster. Er erinnerte sich, einem Mann ins Gesicht geschossen zu haben.

Salem öffnete die Augen und blickte durch sein eigenes Spiegelbild im Glas hindurch auf ein Sturmtief über den britischen Inseln. Ein Wirbel in seiner Stirn, wie es schien. Hinter den Abbildern seiner Augen flackerten weiße Lichtpunkte auf, als wären es elektrische Entladungen im Inneren seines Schädels. Heftige Gewitter durchzogen die geschlossene Wolkendecke über weiten Teilen Westeuropas, Adern gleich, durch die ein glühendes Kontrastmittel floss.

So nah. Er hätte zu Fuß gehen können. 756 km immer nur bergab, einfach fallen lassen, direkt durchs Vakuum, bei 273 Grad unter Null. Vielleicht, dachte er, würde er wirklich eines Tages genau das tun. In die Schleuse, ohne Anzug, einfach den Sicherheitsmechanismus überbrücken. Druckausgleich und ins Nichts. Sein Blut, jede Flüssigkeit in seinem Körper würde zu sieden beginnen, seine Organe würden sich aufblähen, aber er wäre draußen und er würde zurückkehren. Als glühender Lichtpunkt am Himmel, als ein paar Gramm Asche irgendwo in der stürmischen Atmosphäre.

Von hier aus, wenn er seine Nase ans Glas presste und zum gekrümmten Horizont der Erdkugel sah, war die Lufthülle nicht mehr als eine dünne Membran. Sie deckte die ebenso dünne, harte Kruste des Planeten gegen die absolute Schwärze und Kälte des Alls ab. Als würdest du dir in der Arktis ein Taschentuch aufs Gesicht legen, um nicht zu erfrieren, dachte er.

Eine scharfe, weißglühende Naht prägte sich plötzlich in den Rand der Weltkugel, so als hätte Gott einen Schnitt in die Schwärze gemacht, hinter dem sich die gleißende, wahre Natur des Universums offenbarte. Hier, ich zeig dir, woraus ich die Welt gemacht habe. Und es ward Licht.

In Sekundenbruchteilen überschwemmte es den Innenraum der Kabine, bis die Tönung des Bullauges sich automatisch an die neue Helligkeit angepasst hatte.

Der Summton weckte ihn aus seinen umhertreibenden Gedanken. Er konnte die Bewegung im Halbdunkel nur erahnen. Wie an jedem Morgen hatten die Vibrationen des Tons den Wecker aus seiner Halterung getrieben. Er hatte sich pünktlich eingeschaltet, aber Salem war ihm zuvorgekommen. Seit mehr als 450 Tagen gehorchte sein Körper demselben Rhythmus, wie es diese Maschine tat. Ich bin zu einem Schaltkreis geworden, dachte er. Er löste den Gurt, in dem er sich fixiert hatte, und sah zu, wie das kleine Gerät auf die Glasscheibe prallte und von dort zurück in den Raum trudelte, sich nun um die Querachse drehend.

Salem schaltete das Licht in seiner Kabine ein, rieb sich die Augen, fuhr sich durchs Haar. Der mühsamen Prozedur einer Dusche würde er sich erst am Nachmittag unterziehen. Körpergeruch fiel in den engen Räumen des Habitates umso deutlicher auf, aber man gewöhnte sich daran und baute Hemmschwellen ab. Für einen stummen, unbewussten Protest hielt er seine mangelnde Körperpflege nicht. Er war träge geworden, das war alles.

Einmal mehr streifte sein Blick das Foto an der Wand. Ein kanadischer Highway, der sich durch baumbewachsene Weiten auf ein fernes Gebirge zu schlängelte. Er versuchte sich an das Gefühl eines frischen Lufthauches zu erinnern. Echte Luft, die aus den Bergen kam, nicht aus einem Filter, der nach Desinfektionsmitteln stank.

Es gelang ihm nicht.

Dann begab er sich in einen Tag, an dem es keinen blauen Himmel, keinen Regen und keinen Wind geben würde.

Willkommen auf RX678.

© 2003 by Heise Zeitschriftenverlag GmbH & Co. KG
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages und des Autors
Erschienen in
fd
fd
Links
Homepage von Thorsten Küper
Homepage von c't – Magazin für Computertechnik
Lieferbare Titel mit dem Stichwort Thorsten Küper
© copyright 1997-2011 by EPILOGmedia • Alle Rechte vorbehalten
eMail: dialog@epilog.de | Impressum | AGB + Widerrufsrecht