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Thorsten Küper

Spiegelbild des Teufels

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Es wäre die einfachere Wahl gewesen, zu ertrinken.

Um mein Gesicht aus dem brackigen Wasser der Pfütze zu heben, muss ich mich auf meine zerschrammten und geprellten Arme stützen, meinen schmerzenden Hals recken. Ich bin nicht sicher, ob mein Genick gebrochen ist, erwarte ein krachendes Geräusch zu hören und Schwärze, die über mir zusammenschlägt, sobald ich durch meine Bewegung das Rückenmark endgültig durchtrenne.

Doch das geschieht nicht.

Tränen aus Schlamm rinnen mir über Wangen und Nase, tropfen mir in den halb geöffneten Mund, vermischen sich mit dem Blut, das aus zerschmetterten Zahnstümpfen quillt, verbinden sich zu einem Aroma salziger Fäulnis. Mein Universum besteht aus diesem Geschmack nach Kupfer und Morast, aus jeden Knochen, jedes Organ durchdringendem Schmerz und den triumphierenden Schreien der Jäger. Selbst in diesem Zustand kann ich sie spüren, ihre unbändige Freude und ihren Hass, und ich kann es ihnen nicht verdenken.

Nicht einmal Männer sind sie, es sind Jungen, die kleinsten etwa elf, die ältesten vielleicht neunzehn. Kinder, die ihre Kraft verkaufen.

Nur verschwommen, durch einen rosafarbenen Schleier aus Blut, sehe ich die Sonne weit jenseits der riesigen Stadt, wo sie unförmig und gequetscht wie mein Gesicht im Meer erlischt – so wie mein Leben hier oben auf dem Dach in einer Pfütze erlischt.

Sie haben mich in der winzigen Zelle eines Kapselhotels hier in Antofagasta aufgespürt. Ein Mietsarg, in dem ich mich verkrochen hatte, eingepfercht mit meinen Erinnerungen, meiner Angst und meinem Gestank. Über den winzigen Monitor hatte ich Tag und Nacht die Nachrichten verfolgt und die Datennetze durchkämmt, um herauszufinden, wie nah sie mir sind. Ob sie wissen, dass ich noch immer in der Stadt bin. Bis sie plötzlich auftauchten und mich aus der Kapsel zerrten und hier herauf aufs Dach prügelten.

So lange haben sie mich gejagt, und nun kosten sie es aus. Bestimmt sieht ihr Vertrag vor, dass sie mich lebend ausliefern, aber sie können ihr Verlangen nach Rache nicht zügeln. Könnte ich es?

Auf den riesigen Werbeflächen und auf den Commercialholos über den Bankentürmen flimmert Werbung für antibakterielle Sonnencreme, synapsenstimulierende Algenflakes, nervengasresistente Gasmasken, und auf manchen meine ich auch, undeutlich mein Gesicht zu erkennen. Kann das sein? Bin ich so bedeutsam?

Eine Schuhspitze rammt sich in meine Genitalien, erzeugt eine Explosion von schwarzem Schmerz bis hinauf in meine geprügelten Eingeweide, und ich glaube, mein Darm entleert sich. Es ist nur ein weiterer Schmerz, einer von unendlich vielen und damit nichts, worum ich mich sorgen müsste.

Ich bin frei.

»Lasar wird sterben«, jubeln sie auf Spanisch, und einer von ihnen zermalmt meinen kleinen Finger unter seinem Stiefel.

Ich sehe ihn an, und es ist entweder das Blut, das aus meinen aufgeplatzten Lippen und meinem Mund hervorbricht, oder mein Lächeln, das ihn zurückweichen lässt.

»Ist ein gutes Gefühl, endlich zurücktreten zu können, nicht wahr?«, bringe ich heraus und dazu noch mehr Blut. Nicht aus meinem Mund, sondern irgendwo aus meinem Brustkorb. Ich würge es tief aus meinem Inneren hervor. Mit einem Klatschen ergießt es sich warm über meine Hände.

Angewidert brüllen sie mich an, spucken auf mich. Doch mein Lachen, obwohl ganz lautlos, lässt ihren Kreis um mich größer werden, sie sich von mir entfernen. Sie haben mich fast totgeschlagen, mich in einen Klumpen blutiges hilfloses Fleisch verwandelt, doch noch immer ist da diese infantile Angst vor IHM.

»Er hat mir ...«, setze ich an, doch einer tritt in meine schon längst gebrochenen Rippen.

Wieso dringen die Schmerzen kaum noch an mein Bewusstsein, obwohl meine Erinnerungen so klar sind? Liegt es daran, dass mein Gehirn gelernt hat, Informationen auch unter heftigsten Qualen weiter aufzunehmen und zu verarbeiten? Oder flieht meine Wahrnehmung tief hinab in mein Gedächtnis, um mir so das Schlimmste zu ersparen? Erfahre ich die Gnade des nahenden Todes?

»Was flüsterst du da, Teufel?«, kreischt einer von ihnen wie ein wütendes Kind. Er ist wirklich noch eines, höchstens dreizehn und genau wie ein verängstigtes Kind schreckt er zurück, als ich die Hand zu heben versuche, um auf den Himmel zu deuten.

Dann bringe ich keuchend die Worte hervor, die sie verstummen lassen.

Ich weiß nicht einmal, was sie daran so schockiert.

»Lasar hat mir die Sterne erklärt.«

© Thorsten Küper 2005
Entnommen aus: Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Die Legende von Eden und andere Visionen (Berlin: Shayol, 2005)
Erschienen in
Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Die Legende von Eden und andere Visionen (Berlin: Shayol, 2005)
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