Ich rannte
über die Ebene, als wäre der Teufel hinter mir her. Tränen standen mir in den Augen und
verschleierten meinen Blick, strömten mir über die Wangen und die Schläfen und
vermischten sich mit dem Rotz, der wie Seifenblasen aus meiner Nase quoll. Mein Herz
hämmerte, und meine Lungenflügel schmerzten, als erfüllte sie reines Ozon. Unter meinen
nackten Sohlen kratzte nasser bleigrauer Sand. Einst trug ich Schuhe, doch sie waren mir
im Laufe der Zeit von den Füßen gefault, ebenso wie meine Kleidung. Manchmal hatte ich
das Gefühl, vom Boden abzuheben, für Sekunden mit angezogenen Beinen schwerelos
dahinzugleiten, die Arme ausgebreitet wie Ikarus. Die undurchdringlichen Wolken zu
durchstoßen war mein Traum, oder hinüberzuschweben auf die andere Seite der Welt, wo es
Nacht war. Oh ja, es mußte eine Nachtseite geben, und irgendwann würde ich sie
erreichen, ob zu Fuß oder fliegend. Ich schwor es mir, seit ich hier war, wo immer hier
auch sein mochte. Tagein, tagaus wäre eine passende Umschreibung, wenn sie denn zuträfe,
aber hier wurde es nie dunkel; ich gelobte diesen gottverdammten Schwur auf dieser
gottverdammten Ebene schon den gesamten ewig dauernden Tag lang.
Oft rannte ich bis zur Erschöpfung, eines der wenigen Gefühle, die mir
noch zu empfinden vergönnt waren, doch hin und wieder stieß ich mich aus dem Spurt
heraus vom Boden ab, in wilder - irrer - Verzückung, machte einen weiten Satz und kam mit
beiden Füßen gleichzeitig wieder auf. Meterweit rutschte ich dann über den Sand, ehe
ich schlitternd zum Stehen kam oder zu Boden fiel. Ich konnte nichts erkennen, nichts
hören außer den Geräuschen, die ich selbst verursachte. Daher schrie ich, wenn sich
alles wieder zum Stillstand wandelte, schrie die Welt in Formen und Farben, bis ich heiser
war und meine Kehle schmerzte.
Schmerz - ein weiteres verbliebenes Gefühl.
Glänzende Lichtsäulen sanken bald aus den Wolken herab, riesige
Pilaster, Leib an Leib, ohne Zwischenräume. Ich vermochte sie nicht zu zählen. Es waren
Tausende, Myriaden. Reglos lag ich auf dem Rücken, entkräftet von meinem kilometerweiten
Lauf, japste nach Luft, starrte in den Himmel und sah sie stürzen. Wenn jemand wüßte,
wie oft ich diese Säulen sah, wie sie herniederfuhren und zu stampfen begannen,
stampften, stampften, alles um mich herum in Grund und Boden stießen, alle Ideen und
Wünsche unter sich zermalmten und sich irgendwann in Nichts auflösten, wenn die Tränen
in meinen Augen wieder getrocknet waren.
Ich setzte mich langsam auf, wischte mir Sand und Schweiß aus dem
Gesicht und sah in die Ferne. Die Wüste war eindrucksvoll beschrieben worden, von der
Bibel über Lawrence von Arabien bis zu Antoine de Saint-Exupéry, doch keine Schilderung
vermochte die unbarmherzige Intensität dieses Ortes zu verbildlichen. Es war, als irrte
ich auf einem mißlungenen Experiment Gottes umher, einem ballon dessay,
den sein Schöpfer bereits nach dem ersten Akt der Genesis verworfen hatte. Aus dieser
Leere erschuf meine Phantasie imaginäre Gegenüber, die aus der Ferne zu mir sprachen,
höhere Wesen, welche den Weg über diese in die Unendlichkeit reichende Ebene kannten,
hin zu einem fernen Land der Verheißung. Ich saß auf meinem nackten Hintern und hörte
ihre Stimmen, ihr zynisches Flüstern, ihr mitleidiges, dem horror vacui
entspringendes Lachen. Aber keine der Stimmen sagte mir, wohin ich gehen sollte. Einzig
Hohn und Spott waren mir von diesen Geistern beschieden; Gespenster, die sich hämisch
lachend auflösten, wenn ich mich ihnen zu nähern versuchte.
Ich sehnte mich nach dem Anblick lauter, stinkender, überbevölkerter
Städte. Manchmal erblickte ich ihre Trugbilder, sah Häuser aus dem Sand wachsen, riesige
Betongebäude, Straßenlaternen, rauhen Asphalt, Neonlichter, Verkehrsinseln, um die
Autokolonnen kreisten, Pepsi-Cola-Reklameschilder und hastende Menschenmassen. Doch
irgendwann begannen die Visionen wieder zu verfallen, allem voran die Menschen. Sie sanken
in sich zusammen, bekamen ekelhafte Ausschläge und leblose Augen. Es roch nach Schweiß,
faulem Essen, faulem Fleisch und faulen Kleidern. Autos rasten immer schneller durch die
Straßen, an ihren Steuern finster blickende, dauerhupende Dämonen, alle Menschen und
Lichter mit sich reißend. Türen lösten sich aus Wänden; Wände aus Häusern; Häuser
aus Straßen; und ganze Straßen versanken geschlossen im Nichts. Die Städte wurden zu
abstoßenden Zerrbildern und vergingen, viel zu schnell, um einen bleibenden Eindruck zu
hinterlassen. Am Ende umgab mich wieder die unermeßliche Weite der Ebene, ohne Formen und
Farben und Geräusche.
Zurück blieb nur ich, ein freier Mann, der gehen konnte, wohin er
wollte. Jede Richtung stand mir offen. Ich besaß diese gesamte Welt für mich allein.
Dennoch lohnte es sich nicht, einen Fuß vor den anderen zu setzen, denn es gab hier
nichts zu entdecken außer Illusionen. Manchmal wußte ich nicht einmal, ob ich Gott
selbst war, dem ein gewaltiger Irrtum widerfuhr, oder der Teufel, den die Schöpfung hier
zurückgelassen hatte, oder nur eine Milbe, die auf einer schmutzigen, erloschenen
Straßenlaterne herumirrte und sich einbildete, ein Mensch zu sein.
Gütiger Himmel, wann hatte ich zum letzten Mal eine Straßenlaterne
gesehen? Vor hundert Jahren? Vor tausend ...? Es war in der letzten Stadt gewesen, die ich
in meinem Leben erblickt hatte, in der letzten Dunkelheit eines Spätherbstabends - oder
war dies ebenfalls nur ein Fragment aus dem Traum einer Milbe?
Der Name der Stadt besitzt keine Bedeutung mehr. Sie existiert nur noch
in meinen Erinnerungen, ein urbanes Blendwerk, so irreal wie die spottenden Gespenster,
die mich umgeben. Nichts hatte an jenem letzten Abend auf etwas Außergewöhnliches
hingedeutet. Es gab einen malerischen Sonnenuntergang, der den Wolken zu karmesinroter und
glühendgelber Farbenpracht verholfen hatte, untermalt von einem türkisblauen, bis ins
Violette reichenden Himmelsgewölbe, an dem man bereits Venus, Sirius und Wega hatte
erkennen können, bevor die Farben des Abendrots verblaßt waren. Ich hatte die etwa
fünfhundert Meter Fußweg aus dem Stadtkessel zu Fuß zurückgelegt, über Staffeln und
steile Treppen den Berg hinauf. Die Straße, in die schließlich alle Aufstiege mündeten
und in der mein Haus stand, verlief parallel zum Hang und stieg nur noch sanft an. Die
gesamte Wohnsiedlung bestand aus einem verwinkelten System aus Sackgassen, die allenfalls
noch als Treppen oder ungeteerte Fußwege weiterführten. Alle wanden sich bergab in den
Talkessel, in dem krumm und bucklig die Stadt lag, oder in die umliegenden Wälder und
Weinberge. Wer mit dem Fahrzeug unterwegs war und aus Versehen kenntnislos über die
einzige Zufahrtsstraße in das Sackgassennetz einfuhr, um sich eine vermeintliche
Abkürzung hinunter in die Stadt zu erschleichen, benötigte gute Nerven; es war
aussichtslos und deprimierend.
Nachdem ich mich hier angesiedelt und den ersten niederschmetternden
Versuch unternommen hatte, mit dem Wagen in die Stadt und wieder zurück zu gelangen, war
ich auf öffentliche Verkehrsmittel umgestiegen und hatte es gerne in Kauf genommen, dazu
einen Teil des Weges in und aus dem Talkessel heraus zu Fuß zu bewältigen.
In meiner Wohnstraße angekommen, bot sich dem Kletterer zwischen Hecken
und Kastanienbäumen die Gelegenheit, von einer vorgelagerten, ummauerten Aussichtsgalerie
einen Blick hinunter auf die Stadt und die umliegenden Berghänge zu werfen, ein Ausblick,
den ich, wenn es bereits früh dunkel wurde, gerne für ein paar Minuten genoß, um dabei
eine Zigarette zu rauchen. Die Stadt lag so lautlos unter mir, als wäre sie von einer
unsichtbaren Barriere umgeben, deren Grenze ich auf dem Weg bergauf unmerklich
überschritten hatte. Nur die Lichter des sich in ihr bewegenden Verkehrs und der
Neonreklamen zeugten von dem ruhelosen Leben, das sie beherrschte. Sie nahm den gesamten
Talkessel ein, zog sich an seinen Hängen entlang wie ein Zivilisationsgeschwür und fraß
sich über die Jahre hinweg immer weiter die Bergflanken hinauf und in die Wälder hinein.
Ich ließ meinen Blick schweifen und schließlich auf dem
ballonförmigen Glasschutz der Straßenlaterne neben mir verweilen, welche die Galerie
erhellte. Zahllose Motten umschwärmten den künstlichen Mond oder krochen auf dem Glas
umher. Das Flattern ihrer Flügel mischte sich mit dem Auftreffen ihrer Leiber auf der
Lampe und dem Surren des Stroms.
Von einem Moment zum anderen erfüllte plötzlich ein vielstimmiger,
melodischer Ton die Atmosphäre. Er drang wie ein millionenfaches Anklingen von
Äolsharfen an meine Ohren, die in den Bergwäldern rings um die Stadt verborgen waren,
ein Timbre, das das Tal zu erfüllen begann und kontinuierlich an Intensität gewann, bis
es jedwedes Geräusch überlagerte. Wenn ich mich konzentrierte, hörte ich die
unbeschreiblichen Tiefen oder Höhen heraus, die in ihm verborgen waren. Jegliches Denken
und Fühlen galt einzig mehr ihm, und ich lauschte gebannt, erstarrt, furchtsam und
verzaubert, als was er sich offenbaren würde.
Irgendwann glaubte ich, dieser überirdische Ton schwebe genau über
mir, so grandios und schön und intensiv, daß ich ihn zu fassen vermochte, wenn ich nur
meine Arme ausstreckte. Dann brach er abrupt ab, und es herrschte eine unbeschreibliche
Stille, so absolut und erdrückend, daß ich nicht einmal mehr zu atmen wagte. Dies war
wohl, dachte ich halb ironisch, der Moment gewesen, in dem Gott die Welt verlassen hatte.
Ich dachte es mit der Nüchternheit und dennoch unbeirrbaren Bestimmtheit eines
freidenkerischen Menschen, der fünf Tage in der Woche damit verbrachte, die Welt in Raum-
und Zahlenprobleme zu zerlegen, Gott als Matrix zu definieren und komplizierte
Computerprogramme für Industriekonzerne zu entwickeln. Trotzdem dachte ich es,
lächelte schief und blickte wieder in das kalte Licht der Straßenlaterne. Die Motten,
die sie umschwirrt hatten, waren verschwunden. Als mein Blick auf den Boden fiel, sah ich
sie dort liegen, steif und leblos allesamt.
Sekunden nach dem Ton bebte die Erde. Es war, als ob die Landschaft in
wohligem Schauer erzitterte. Verwundert starrte ich in ein Licht, das sich weit außerhalb
der Stadt über den Hügeln gebildet hatte. Es war hell, unwahrscheinlich hell und
blendend, so daß ich meine Augen schließen mußte, ehe sie zu tränen begannen. Aus dem
strahlenden Glanz wuchs lautlos ein schillerndes, rosenförmiges Gebilde aus reinem Licht
empor, stieg hoch hinauf in den Abendhimmel und entließ sieben blutrote Sonnen, die ihm
an langen Schweifen zu entwachsen schienen.
Die ersten Menschen verließen ihre Wohnungen, versammelten sich auf den
Straßen und schauten ebenfalls gebannt in die Ferne über den Hügeln. Niemand schien
wegen des phantastischen Spektakels verwundert, jeder sah nur ins Licht. Nach wenigen
Sekunden schon brach das flimmernde Gebilde wieder in sich zusammen, um in einer lautlosen
Explosion nach allen Seiten davonzustreben. Es öffnete sich in seiner Mitte, wurde zu
einem irisierenden Ring, dessen Ausläufer nun die ersten bewohnten Regionen der Hügel
erreichten. Wie eine riesige Welle schoß das Licht über die Vororte hinweg. Gleichzeitig
ertönte ein gewaltiger Donnerschlag, der die Fensterscheiben der ganzen Umgebung
erzittern ließ.
Hinter der Lichtwoge gab es keine Häuser mehr, nur noch einförmiges,
konturloses Grau. Alles, was von dem sich ausdehnenden Glühen verschluckt wurde, löste
sich einfach auf. Ich sah keine Trümmer, keine brennenden Häuser, keine entwurzelten
Bäume oder leergefegten Straßen - nur noch abstoßende, graue Oberfläche wie eine
ekelhafte Glasur. Nach endloser Zeit der Faszination und Fassungslosigkeit fiel der
lähmende Schleier schließlich von mir ab.
Was ich sah, war keine Einbildung. Ich konnte nicht mit Bestimmtheit
sagen, was all die anderen Menschen hinter dem Licht erblickten. Ein Schauder befiel mich,
als ich ihre Gesichter sah. Lächelnd, schwärmerisch verträumt blickten sie dem Glanz
entgegen. Begriffen sie es nicht? Sahen sie nicht das gleiche wie ich? Was sahen
sie?
Ich stolperte rückwärts, bis ich mit den Fersen gegen den
gegenüberliegenden Randstein stieß, dann wirbelte ich herum und rannte die Straße
hinunter. Das Licht wurde heller. Als wäre die vor Stunden untergegangene Sonne wider
ihre Natur noch einmal über den Horizont gestiegen, überflutete es den klaren
Abendhimmel. Aus den Häusern strömten nun die Menschen in Scharen. Manche lachten und
scherzten, formierten sich zu kleinen Gruppen, um zu diskutieren, doch alle wirkten
seltsam gelöst und heiter. Einige hatten sich scheinbar noch umgezogen, ehe sie auf die
Straße getreten waren, trugen nun ihre schicksten Kleider und adrettesten Anzüge, als
wohnten sie einem Lichterfest bei. Ich war allem Anschein nach der einzige, der
drittklassig gekleidet war und es zudem eilig hatte. Nur eine ältere Frau ging in
Schürze und Pantoffeln auf und ab und rief etwas Unverständliches, in Italienisch oder
Spanisch vielleicht. Der Rest lachte sie aus, und sie lief allein davon.
Ich hetzte weiter, zurück zu dem Aufstieg, den ich erst vor kurzem
bewältigt hatte. Jene, die mir im Weg standen, stieß ich zur Seite, achtete nicht auf
ihre empörten Beschimpfungen, wenn sie zu Boden stürzten, mit einem seltsamen Ausdruck
in ihren Gesichtern, den man als Entzücken mißdeuten konnte - als wären sie alle von
plötzlichem Stumpfsinn befallen. Weiter, hämmerte es in meinem Kopf, du schaffst es!
Weiter!
Ein kleines Mädchen kniete lächelnd in der Mitte der Straße auf dem
Asphalt neben ihrem umgestürzten Fahrrad. Eine große Schürfwunde verunzierte ihr
rechtes Knie. Ihr rechter Unterarm war blutverschmiert und stand in groteskem Winkel ab,
ein offener Bruch - doch sie kicherte vergnügt!Das Pärchen im Garten nebenan,
vermutlich ihre Eltern, kümmerten sich nicht um sie. Eng umschlungen und selbstvergessen
tanzten sie zu Ravels Bolero, während ihre Blicke wie hypnotisiert in das Licht
gerichtet waren, als würden sie etwas Wundervolles darin erblicken. Im Vorbeirennen griff
ich nach dem Mädchen, wollte ihre kleine Hand packen, um wenigstens sie in Sicherheit zu
bringen, doch sie zog den Arm zurück, und meine Finger rutschten von ihrer blutigen Haut
ab. Ich sah sie fassungslos an und eilte weiter.
Die irisierende Lichtwoge hatte bereits das Zentrum der Stadt erreicht
und begann, die Innenstadt einzuhüllen. Alle Farben des Regenbogens schimmerten in ihr,
als assimiliere sie das Kolorit der Umgebung, um nur farbloses Grau zurückzulassen.
Irgendwo sangen viele Leute, und ich hielt kurz inne, um zu lauschen. Es war ein
jahrhundertealtes Lied, das durch die Straßen geisterte: »That woe is me, poor child
of thee! And ever morn and day, for thy parting neither say no sing: By by, lully
lullay!«
Ich bekam eine Gänsehaut und preßte mir die Hände gegen die
Ohren. Drei, vier Stufen gleichzeitig überspringend, rannte ich die Staffeln wieder
hinunter. Meine gesamte rechte Körperhälfte schmerzte vor Überanstrengung. Ich keuchte
und schmeckte das warme Blut meiner Lippen. Dann sah ich das Leuchtschild der
Untergrundbahn und die Treppe hinab in die Station.
Unaufhaltsam näherte sich die schillernde Woge aus Licht. Sie rollte
über die Stadt, fegte alles verschlingend über die Häuser und hinterließ nur amorphes
Ödland. Ein anschwellendes, unirdisches Grollen erfüllte die Luft und steigerte sich
bald zu einem infernalischen Heulen. Ich indes spurtete auf den Zugang zur Station zu,
mobilisierte die letzten Kräfte meines schmerzenden Körpers. Und doch hatte ich das
Gefühl, als entferne sich mein Ziel um so weiter, je näher ich ihm kam und je schneller
ich rannte.
Ich bildete mir ein, bereits den Gestank der U-Bahn zu riechen, das
Odeur der Tiefe, Urin und Kot, verwesende kleine pelzige Körper und menschliche
Ausdünstungen, die der Unterwelt entstiegen. Dann, nur wenige Meter vor dem vermeintlich
rettenden Zugang, erfaßte mich ein orkanartiger Sturm. Ich schrie auf, Enttäuschung und
Wut in der Stimme, und verlor den Boden unter den Füßen. Ich wurde zurückgeworfen in
einen Berg verrottender Kartons, leerer Holzkisten und Mülltonnen, der am Straßenrand
lagerte, sich kurz nach meiner unsanften Landung selbständig machte und vom Sturm die
Straße hinaufgeschleudert wurde.
Nein! Nein, ich wollte es nicht wahrhaben. Undeutliche Objekte flogen
wie Geschosse an meinem Kopf vorbei, aufgewirbelter Staub raubte mir die Sicht, ungeheures
Brausen und Toben umgab mich. Ich rutschte über die Straße, riß mir Haut und Knöchel
auf, ohne Halt zu finden. Verzweifelt klammerte ich mich in den breiten Schlitzen eines
Kanalrostes fest, doch der schwere, gußeiserne Körper hob sich aus seiner Lagerung und
schoß über mich hinweg wie eine vom Wind erfaßte Plastiktüte. Krachend zerschlug er
die Heckscheibe eines parkenden Kleinwagens.
Dutzende von Menschen, die ich zuvor nicht wahrgenommen hatte, wirbelten
vor mir durch die Luft. Sie jubelten und jauchzten. Ihre Körper leuchteten auf und
verschwanden. Keine Schreie, kein Blut. Sie wurden vom Licht verschluckt, ehe sie auf dem
Boden aufschlugen. Autos hupten wie bei einer Hochzeit, und irgendwo heulte eine einsame
Sirene. Jemand schlug mir im Fallen seinen Fuß ins Gesicht und brachte meine Nase zum
Bluten. Er entschuldigte sich lächelnd, während ihn der Sturm davontrieb.
Ich nahm das Geschehen um mich herum wie durch einen Schleier wahr. Die
Treppe erreichen, um alles in der Welt, nur die Treppe! Langsam kroch ich vorwärts,
schürfte meine Fingerkuppen auf, brach mir die Nägel. Die glühende Woge schien sich nur
noch für mich aufzubäumen.
Nach unendlichen Mühen erreichte ich die Treppe. Ich krallte meine
Finger um die Kante der obersten Stufe, zog mich nach vorne, ließ mich einfach hinunter
rutschen, überschlug mich und rollte die Stufen hinab. Ein rasender Sturm erfaßte jäh
meinen Körper, drang direkt aus dem U-Bahn-Schacht, packte mich und wirbelte mich wieder
empor wie ein Stück Unrat. Halb benommen, halb gebrochen schlug ich auf dem Boden auf,
ließ mich über den Asphalt schleifen, wartete mit geschlossenen Augen auf das Licht.
Blendendes Weiß umgab mich.
An meine Ohren drang ein Geräusch wie reißender Stoff ... das Licht
wurde unerträglich ... ein Gefühl des Fallens ... Heulen, leiser, immer leiser ...
Stille ...
... dann nichts mehr ...
Als ich erwachte und die Augen aufschlug, lag ich auf nachgiebigem,
naßkaltem Grund. Ich sah empor in ein gleichförmiges, bewegungsloses Grau und hielt es
anfänglich für die Betondecke eines Gebäudes. Als mein Blick an Schärfe gewann,
erkannte ich, daß es Wolken waren, ein dicker, schwerer Dunst, der die Sonne verdunkelte.
Mein erster Gedanke war: Gott sei Dank, ich lebe! Dann, beim Anblick der Wolken: was für
ein häßliches Firmament!
Ich verspürte keinerlei Schmerzen, und während ich mich vorsichtig
erhob und meinen Körper untersuchte, meine Glieder streckte und meine Haut abtastete,
stellte ich auch keine Verletzungen fest. Es glich einem Wunder.
Als ich mich jedoch umsah, beschlich mich zunehmend ein Gefühl der
Beunruhigung, denn meine Umgebung war alles andere als das, was ich erwartet hatte
vorzufinden.
Um mich herum existierte nur trübes Grau, das sich vor mir ausdehnte,
weiter als das Auge blicken konnte. Grauer Himmel, grauer Grund. Über mir und um mich
herum bleierner, niedrig hängender Himmel. Und alles, absolut alles war von stumpfer,
leblos grauer Farbe. Und formlos. So weit ich blicken konnte, durchbrach kein Kieselstein,
kein Büschel Gras die Eintönigkeit. Irgendwo dort draußen vereinigten sich Himmel und
Sand, aber ich konnte unmöglich ausmachen, wo der Horizont lag. Das war keine Landschaft
mehr, es war der Endzustand aller Materie, ein Skelett. Diese Verlassenheit provozierte
meine Sinne, ließ meine Augen nach etwas Grünem suchen, nach einem Vogel, einem
Anzeichen von Zivilisation. Aber so angestrengt ich auch schaute, ich sah nichts. Über
dem Sand hingen dünne Nebelschwaden, regungslos, als wären sie vor Grauen erstarrt.
Nicht der geringste Lufthauch wirbelte sie durcheinander. Es ging kein Wind, kein
Niederschlag fiel. Ebensowenig verirrte sich ein Sonnenstrahl durch eine Lücke in der
Wolkendecke. Die Ebene selbst wies nicht die geringste Spur von Tiefe und Farbe auf. Oder
von Leben, abgesehen von mir.
Aber ich bin ehrlich: ob ich wirklich lebe, weiß ich nicht.
Es ist häßlich hier. Es ist die häßlichste, trostloseste Landschaft,
die man sich vorstellen kann, eine allseits gleiche graue Leere, die sich unendlich ins
Nichts ausdehnt. Damals sah es so aus, heute sieht es so aus, und in tausend Jahren wird
es noch immer so aussehen.
Meine anfängliche Freude und Erleichterung über das behaltene Leben
wandelte sich im Laufe der Zeit zu Ernüchterung, schließlich zu Verzweiflung. Viele
weitere Empfindungen gaben sich in den Jahren, Jahrhunderten oder Jahrtausenden, die ich
hier weile, ihr Stelldichein; Einsamkeit, Wut, Hilflosigkeit, Trotz, Resignation, Haß ...
Heute verfluche ich Gott dafür, daß ich noch lebe.
Lebe, lebe ... Es ist das falsche Wort, verdammt, aber das richtige will
mir partout nicht einfallen. Ich lebe geht einem an diesem Ort nicht gut von
der Zunge, besitzt einen faden Nachgeschmack, hat etwas Schales an sich, das den
ursprünglichen Wert des Gedankens unablässig mit Füßen tritt. Existieren
ist vielleicht ein passenderer Terminus. Körperlich geht es mir gut. Ich bin nicht
unterernährt, habe keine Anzeichen von Vitaminmangel, war schon seit mindestens
fünfhundert Jahren nicht mehr krank - zumindest nicht physisch -, habe weder Mundfäule
noch Fußgeruch ... Aber ich weiß nicht, ob ich alle Eingeweide in mir trage, die ein
lebendiger Mensch in sich trägt; Magen, Gedärme, Galle und dieses ganze übrige
schwammige Gesindel. Denn die Kehrseite ist, daß ich keinen Hunger habe; daß ich niemals
Hunger habe an diesem Ort, und auch keinen Durst. Daß ich, seit ich hier bin, keinen
Schiß mehr getan habe, daß ich niemals müde werde, daß es hier keine Träume gibt,
keine Nacht - ha, die Nacht ... ein Treppenwitz! Nacht ist, wenn ich die Augen schließe.
Und dennoch ...
... dennoch trage ich alle übrigen Bürden eines lebenden
Menschen. Ich erschöpfe mich, ich fühle Schmerz, mir läuft der Rotz, ich kann heulen
wie ein Schloßhund, meine Tränensäcke sind immer voll. Und mein Herz, es klopft, pumpt,
hämmert, wenn ich renne. Meine Lungen lechzen nach Luft, und meine Adern sind angefüllt
mit Blut.
Es gab Augenblicke, da habe ich mir die Unterarme zerbissen und das
warme, wunderschöne, rosenrote Blut über meinen Körper sprudeln lassen, um etwas
Farbiges in dieser grauen Einöde zu sehen. Wie schön kann doch der Anblick eines
blutverschmierten Körpers sein, wenn man eine Ewigkeit nur in fahles Grau gestarrt hat.
Blutige Spinnennetze auf nackter Haut, dürres, korallenrotes Astwerk, Blitze aus
kalypsorotem Sanguis, Aurora auf grauem Sand!
Aurora und Karmin! -
Oft habe ich solche Akzente gesetzt, wenn ich es nicht mehr ausgehalten
habe. Vielleicht sollte ich nicht nur Gott hassen, denn er allein kann mir dieses Los
unmöglich zugedacht haben. Irgend jemand, irgend etwas mußte ihn zu dieser kosmischen
Kabale verleitet haben.
»Amüsierst du dich gut über mich, großer Weltenschöpfer?« rief ich
in die Wolken. »Ich wette mit dir um eine Frau aus Fleisch und Blut, daß deine Existenz
ebenso trist und grau ist wie die meine. Ich könnte eine Frau hier gebrauchen. Ich würde
ihr den Glauben an die Welt zurückgeben, da kannst du Gift drauf nehmen! Hörst du mich,
verflucht noch mal? Antworte mir ...!«
Er tat es nicht.
Bis heute nicht. Und auch niemand sonst. Nur die absolute Stille, die
vollkommene Einsamkeit, die Unendlichkeit und die Ewigkeit.
Ich formte mir aus dem feuchten Sand nackte Weiber mit riesigen
Brüsten, die mit gespreizten Armen und Beinen dalagen, und fiel über sie her wie ein
Tier. Ich stieß sie in Grund und Boden, während mein Schwanz Löcher in ihre Schöße
stach, und als ihre mürbe Fülle dabei mehr und mehr eins wurde mit der Ebene, nahm ich
schließlich die Hände und grub mein Gesicht in die Stelle, wo ehemals ihre Sandschenkel
zusammenliefen. Danach wälzte ich mich heulend über den Boden und wünschte mir sogar
eine Hundefut, Hauptsache etwas, das wärmer und weicher war als dieser ekelhafte, kalte,
graue Sand ...
Als ich mich damit abgefunden hatte, das einzige Lebewesen auf dieser
Welt zu sein, lief ich ziellos in ihre Unendlichkeiten, wußte niemals, ob ich geradeaus
ging oder mich unablässig im Kreis bewegte, denn es gab nichts, an dem ich mich hätte
orientieren können. Ein Ort war wie der andere, und nach hunderten, tausenden von
Kilometern Fußmarsch waren und blieben die einzigen von menschlichem Leben zeugenden
Spuren die Abdrücke meiner eigenen Schritte im nassen Sand.
Oft rannte ich, schrie dabei oder sang Lieder, deren Texte ich kaum
vollständig kannte, in irgendeiner Phantasiesprache, in der ich irgendwann sogar zu
denken begann. Ich wünschte mir, wahnsinnig zu werden und die Ewigkeit, die man mir hier
zugedacht hatte, in geistiger Umnachtung zu fristen - wer immer man auch sein
mochte. Ich kam zu der Überzeugung, daß mich fremde Mächte hier ausgesetzt hatten,
außerirdische Sadisten, auf irgendeiner Welt, irgendeinem unermeßlichen Planeten
irgendwo im Universum, auf dem es keine Farben, keine Dunkelheit, kein Licht und keine
Krankheiten gab, der sich niemals drehte und auf dem man nie hungerte. Es mußte
ein Planet sein. Ein Planet mit einer Oberfläche von 7000 7000 km2
...
Was, außer einem fernen, trostlosen Planeten, sollte es sonst sein?
Die Hölle?
Ich konnte nicht der einzige Mensch in der Hölle sein ...
Oder war dies Eden - Eden nach dem Sündenfall, leergefegt von Gabriel,
verbrannte Erde im Namen Gottes? War ich der erste Mensch, der es seit der Vertreibung vor
fast 6000 Jahren wieder sah? Waren doch die Anthropologen die Scharlatane gewesen? Glaube
oder nicht, hier an diesem Ort zweifelte ich alle Wissenschaft an. Doch wieder blieb die
Frage: war ich das einzige Geschöpf in Eden?
Vielleicht irrte die nächste menschliche Seele nur eine Milliarde
Kilometer von mir entfernt umher, wie ich auf der verzweifelten Suche nach ihresgleichen.
Wäre das nicht wunderbar ...?
Aber diese Ebene war nicht dazu geschaffen, einander zu begegnen. Sie
schien so riesig, als seien alle Monde und Planeten, alle feste Materie des Universums zu
einer einzigen Welt zusammengefügt, und sie war so farblos grau, als hätte jener, der
für diese Torheit verantwortlich war, sämtliche Farben zum Verblassen gebracht -
jegliches Grün der Wälder aller kosmischen Welten, das Gelb und Braun ihrer Wüsten und
Gebirge, das Blau ihrer Meere, das Weiß ihrer Pole und das Rot und Gelb ihrer glühenden
Kerne, dazu die Dunkelheit des Universums und das grelle Licht seiner unzähligen Sonnen -
als hätte er all dies zermahlen und zusammengerührt zu einem stumpfen, widerlichen,
abscheulichen, schmierigen grauen Pampf aus feuchtem Sand, wie ein dilettantischer
göttlicher Koch, dem nach Kotzen zumute war. Ich hasse ihn dafür, doch weit mehr
verabscheue ich ihn für die Impertinenz, seinen phantasielosen, platten Scheißkuchen mit
mir zu garnieren wie mit einer Lorbeerkirsche.
Auf diesem großen grauen Nichts gedeiht nur der Haß.
Hier blühen alle - alle! - negativen Emotionen.
Allein die Seele selbst, sie verwelkt.
Und alles ist unendlich, unendlich weit fort ...
O Himmel ...
Manchmal hatte ich das Gefühl, während meiner ziellosen Wanderungen
über die Ebene mit jemandem zusammenzustoßen, einem unsichtbaren Leidensgenossen, der
meinen Weg kreuzte und in der gleichen Leere lebte wie ich, ohne mich
wahrzunehmen, doch es war nur ein Gefühl. Niemand war da, nur ich, eine einsame Hölle en
miniature, angefüllt mit verlorenen Seelen und ihren Gedanken.
Salomon erblickte das Licht der Welt, als ich ein tiefes Loch zu graben
begann, um herauszufinden, warum der Sand unentwegt feucht war, ohne daß es je regnete.
Ich glaubte, daß ich auf Wasser stoßen würde, wenn ich nur tief genug grub, ähnlich
wie an einem Küstenstrand, wo es irgendwann in die Grube sickerte, wenn man Meeresniveau
erreichte. Meine Vermutung war, daß die graue Weite der Grund eines einstigen Ozeans oder
riesigen Sees sein könnte, unter dem ich auf das abgesunkene Naß treffen würde. Eine
Ewigkeit, so schien es mir, hatte ich kein Wasser mehr auf der Haut gespürt. Es konnte
sich nicht weit unter der Oberfläche befinden ...
Aber ich stieß nicht auf Wasser. Der Boden war in fünf Metern Tiefe
nicht mehr und nicht weniger klamm als sonst, nicht kälter und nicht wärmer. Auch
entdeckte ich keinerlei Muscheln, Krebstiere oder Würmer. Nur Sand, allseits derselbe
tote, graue Sand. Ein Brunnen hätte es werden können, ein Bassin zum Schwimmen und
Herumtollen - albern, zugegeben, aber was hatte Blödsinn hier noch für eine Bedeutung?
Du hast nicht tief genug gegraben, warf ich mir vor. Grab
weiter, weiter, es geht ewig hinab ...
Aber ich resignierte.
Zu Beginn war Salomon nicht mehr als ein amorpher Aushub, der um das Loch herum
verteilt war. Ich nahm ihn nicht wahr, als ich nach vergeblicher Mühsal wieder aus meiner
Grube kletterte und mir den Sand vom Körper rieb. Im Gegenteil: samt und sonders scharrte
ich ihn wieder hinunter ins Loch, wo er in Formlosigkeit zerging. Erst als ich es
zugeschüttet hatte, frustriert auf dem Boden saß und gedankenverloren kleine,
haubenartige Gebilde auf ihm zu formen begann - neun an der Zahl, die aussahen wie ein
afrikanisches Hüttendorf aus der Vogelperspektive - fing ich an, aus dem Sand langsam
etwas Größeres zu erschaffen.
Salomons erste Gestalt war die einer viel zu platten Schildkröte mit
einem Kopf, der aussah wie ein perforierter Rammbock. Ich kratzte mehr Sand zusammen und
modellierte aus der Schildkröte etwas, das an zwei dralle siamesische Sandzwillinge
erinnerte. Eigentlich sollte es eine Frauenfigur werden, doch sie bestand letztlich nur
aus einem unterentwickelten Kopf, der auf zwei medizinballgroßen Brüsten saß, unter
denen zwei Affenfüße im rechten Winkel hervorragten. Hände oder Arme fielen ab, der
Sand war zu locker. Mein Werk wirkte nicht im geringsten erotisch.
Nach und nach wurden die Gestalten höher und abstrakter, wandelten sich
von grotesken Frauenwesen über undefinierbare Phantasiegebilde letztlich zu einem fast
zwei Meter hohen, grimmig dreinblickenden Standbild, das aussah wie ein überlebensgroßer
Krautwickel mit Kürbiskopf. Er war unübersehbar eine Ausgeburt dieser Welt;
potthäßlich, farblos, unvollkommen und über alle Maßen abstoßend. Ein Golem.
Mein Golem!
Es wunderte mich, daß er überhaupt von allein stehenblieb. Skeptisch
schritt ich um das Artefakt herum, wartete darauf, daß der Sand Risse zeigte und Freund
Krautwickel in sich zusammenbrach; aber er tat es nicht. Wie zum Trotz blieb er aufrecht
stehen, mit einem Auge in die Ferne blickend, mit dem anderen gen Boden, den Mund, eine
schmale, dunkle Spalte, die ich mit der Hand hineingestoßen hatte, leicht geöffnet.
Seine Nase war ein platter Knollen, der gerade so weit aus dem Pfannkuchengesicht
herausragte, daß er nicht abfiel. Es sah so aus, als trage die Skulptur statt der von mir
beabsichtigten Haare einen Turban auf dem Kopf und wäre in einen dicken, engen Mantel
gehüllt, die Arme so eng und unsichtbar an den Körper gepreßt, als würde sie
unfreiwillig vor mir strammstehen. Und die Füße, Jesus Christus ... Pas
transversoplanus Rex!
Aber sie trugen wesentlich zur Stabilität der Skulptur bei.
Wie ich letztlich auf den Namen Salomon gekommen war, weiß ich nicht
mehr. Vielleicht lag es an dem Turban, oder ich interpretierte mein Werk als eine
Versinnbildlichung von Weisheit und Welterkenntnis. Letzteres konnte ich gebrauchen.
Somit waren wir also zu zweit, Salomon und ich, wobei es mir
Freude bereitete, seine Rolle mit zu übernehmen und für ihn zu sprechen, Dialoge oder
Streitgespräche mit mir/ihm zu führen, beiderseits aufgestellte Behauptungen in Frage zu
stellen - endlich wieder das Gefühl zu haben, mit jemandem zu reden.
»Welcher Kongregation ich angehöre, fragst du mich? Mich?«
war beispielsweise eine der Arten, auf die unsere Gespräche für gewöhnlich begannen.
Dann schlenderte ich um meinen Golem herum und ließ ihn nicht mehr aus den Augen. »Dem
Orden der Ritter vom heiligen Grab natürlich!«
Sofort trat ich neben Salomon und brummte mit tiefer Stimme: »Hört,
hört. Also bist du der Ordensvorsteher ...«
Eisiges Schweigen.
Nach einer Weile: »Nein!«
Pause.
»Was suchst du dann hier, Mensch?«
»Ich bin der Herr der Ebene.«
»Wirklich?« ließ ich Salomon ungläubig fragen. »Und wer bin ich?«
»Mein Adjutant.«
»Adjutant? Was ist das für ein Wort?«
»Ein spanisches.«
Salomon lachte. Ich benötigte zwei Dutzend Versuche, ehe ich ein ihm
angemessenes Lachen entwickelt hatte. »Ein spanisches ...« gluckste er. »Nie gehört
davon. Was bedeutet es?«
»Du bist mein Gehilfe. Mein Sekundant.«
»Sekundant? Was ist das schon wieder? Auch etwas Spanisches?«
»Es ist lateinisch.«
»Haa!« brüllte Salomon auf. »Besatzer! Schafsköpfiger,
fliegenbedeckter, schleimtropfender Okkupant, du sprichst mit mir, einem König Israels!
Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, das ist mein Land, nicht deines. Und du
bist nur ein Gernegroß! Sieh mich doch an: ich bestehe aus dem Boden, auf dem
ich stehe, heiligem Boden! Und du? Was ist das, aus dem du bestehst?« Pause. »Etwas
Spanisches? Oder ist es Latein?« Er lachte markerschütternd.
»Sei still!« herrschte ich ihn an.
»Nein, du sei still! Weißt du denn nicht, daß ich, König
Salomon, der Sohn König Davids ...« Er unterbrach sich und sah mich skeptisch an. »Bist
du König David?«
»Ich ... nein.«
»Da haben wir es!« Salomon holte tief Luft und fuhr polternd fort:
»Daß ich, Salomon, Sohn Davids, vor 3000 Jahren den ersten jüdischen Tempel erbaute?
Hast du nie die Thora gelesen, du Herr der Ebene? Der erste Tempel, der von den
Babyloniern zerstört wurde - von Nebukadnezar -, nie gehört? Dann hat man den zweiten
Tempel gebaut, den haben die Römer niedergebrannt, unter Titus. - Bist du Titus?«
»Nein.«
»Wie lautet dein Name, Herr der Ebene?«
»Das geht dich nichts an.«
»Ach, nein? Warum nicht?«
»Du bist nur mein Adjutant.«
Und so weiter und so fort ...
Stritt ich mich nicht gerade mit Salomon oder führte mit ihm eine
philosophische Diskussion, unternahm ich ewigweite, ereignislose Erkundungsgänge über
die Ebene. Bahr bela ma nennen die Araber solch eine ozeangleiche Weite,
ein Meer ohne Wasser. Für mich war es ein Hades ohne Dach. Meine Skulptur
blieb oft weit hinter dem Horizont zurück. Dennoch brauchte ich nur meine Fußspuren
zurückzuverfolgen, um wieder nach Hause zu finden.
Ein Problem, das auch die Anwesenheit Salomons nicht zu beseitigen
vermochte, war das immer gleiche, trübe Licht. Niemals Sonne, niemals Nacht, nirgendwo
Schatten oder der Glanz einer Reflexion. Immerzu und allerorts Halbdunkel. Wenn ich nur
einen einzigen Blick über die bleigrauen Wolken werfen könnte ... Nichts wünschte ich
mir sehnlicher, als für einen Moment den wahren Himmel dieser Welt erblicken zu dürfen,
um zu wissen, ob es über dem farblosen Wallen eine Sonne gab, oder einen Mond, oder
vielleicht einen Sternenhimmel. Die Aussicht, einmal wieder Sonnenstrahlen auf der Haut
spüren zu dürfen, wurde irgendwann zur Besessenheit, und ich schrie sie in die Wolken
hinauf, versuchte ein Loch in sie hineinzubrüllen - sie blieben geschlossen.
Bewegungslos, bleischwer, alles Leben erstickend.
»Sag, vermißt du nichts, wenn du in den Himmel blickst?« fragte ich
meine Skulptur, als ich von einem der Märsche hinter den Horizont zurückkehrte. Keine
Antwort. »Gib es ruhig zu, du Hurensohn, dir gefällt es hier!«
Ich funkelte Krautwickel Salomon an. Er schwieg, sah nur teilnahmslos in
die Ferne und schien mitleidig zu grinsen. Wütend ließ ich mich vor ihm zu Boden sinken,
legte mich zusammengekauert auf die Seite, musterte ihn nachdenklich - und staunte.
Plötzlich, aus dieser neuen Perspektive, sah ich in ihm nicht mehr
meine jämmerliche Skulptur; ich erblickte einen mächtigen, düsteren Turm, der in den
Himmel ragte, ein gewaltiges, der Hoffnungslosigkeit trotzendes Monument.
Wie elektrisiert sprang ich auf, gepackt von einer wahnwitzigen Idee,
sah auf die Skulptur und schließlich hinauf in die Wolken.
Ein Turm!
Ich würde einen Turm errichten - nein! Gott, nein, einen Berg! Einen
babylonischen Titanen aus Sand, der über die Wolken wuchs! Heureka! Ich lachte vor
Begeisterung, tanzte, weidete mich an meiner Genialität und schöpfergleichen
Geisteskraft. Liebe Güte, Baumaterial gab es in Hülle und Fülle. Diese ganze Welt
bestand daraus. Ich mußte es nur noch aufschichten, es sinnvoll formen - ich hielt mit
dem Herumgehopse inne - die Ebene zu einem Sinn formen! Ja! Ich war der
Gott dieser Welt! Außer mir gab es hier keinen zweiten. Ich würde ihr Gestalt
geben und die Sonne auf die Welt holen.
Ich! Hier, seht mich an! Ich!
Als der Adrenalinschock vorüber war und ich etwas nüchterner meine
zukünftige Baustelle abschritt, sie in Planquadrate aufteilte, diese wieder verwarf,
einen gewaltigen Plankreis daraus machte und ihn schließlich in weiß der Teufel was für
Drei- und Vierecke unterteilte, suchten mich unablässig Visionen der vollendeten
Konstruktion heim. Mein Turm, soviel stand schon vor der Grundsandlegung fest, würde die
markanteste geologische Formation auf diesem Planeten bilden.
Stolz und weihevoll trug ich bald die ersten zwei Hände voll Sand in
das auserkorene Zentrum meines Baugrundes und formte daraus einen kleinen, zehn Zentimeter
hohen Kegel. Dann nahm ich gebührenden Abstand und betrachtete ihn aus der Ferne.
Gott hatte mit der Schöpfung begonnen!
Ich grinste hochmütig, meines und des Turmes Wertes bewußt und von
großen Gedanken beflügelt. Dann begann ich ohne Umschweife mit der Arbeit. Zwar war ich
kein begnadeter Architekt, aber einen enormen Haufen Sand aufzuschichten hatte ich bereits
als Kind gelernt. Komplizierter würde es sich dahingehend gestalten, wie hoch
der Berg werden mußte, um über die Wolken zu reichen.
Ich entschloß mich, dieses Problem zurückzustellen, und vergaß es in
der Folgezeit, als der Hügel nach und nach an Höhe gewann. Da es niemals dunkel, aber
auch nie richtig hell wurde, konnte ich unmöglich sagen, wieviel Tage ich geschuftet
hatte, ehe er doppelt so groß war wie ich und ich meine erste Treppe zum
Gipfel anlegte. Vielleicht vier Tage, vielleicht fünf. Um den Hügel entstand
zudem langsam ein Graben, der die eigentliche Höhe der Erhebung übersteigerte, wenn ich
von seinem Grund heraufsah. Hier stieß ich auf die erste Schwierigkeit meines Vorhabens:
Wollte ich vermeiden, beim Aufschichten des gleichsam auch in die Breite wachsenden
Hügels lediglich den Graben, welchen ich zuvor um ihn herum ausgehoben hatte, wieder
zuzuschütten, mußte ich den Sand zukünftig von viel weiter entfernt herbeischaffen.
Sonst wuchs mein Bauwerk lediglich in die Tiefe, ohne den Wolken je einen Meter näher zu
kommen.
So gab es ab diesem Zeitpunkt zwei Baustellen; einen sichtbar höher und
mächtiger werdenden Berg und eine hunderte von Metern von ihm entfernte, größer und
tiefer werdende Fördergrube, aus der ich Handvoll für Handvoll Sand herantrug.
Der Turm wuchs unendlich langsam, aber er wuchs. Irgendwann legte ich
die zweite Treppe an. Nun führte eine bescheidene Serpentine zur Spitze.
Nach vielleicht drei Monaten (es konnte genausogut erst ein Monat
vergangen sein, oder bereits fünf ...) betrug die Höhe des Hügels stattliche -
geschätzte - zwanzig Meter. Hin und wieder war ich während des Errichtens kilometerweit
über die Ebene gelaufen, um zu bewundern, wie sich meine Schöpfung vom Horizont abhob.
Sie sah aus wie ein kleiner Vulkan, eine dunkelgraue Pyramide in der Landschaft,
geheimnisvoll und unübersehbar, ein Wegweiser, der zu mir, dem Gott der Ebene
führte ...
Manchmal hockte ich auch sinnierend auf der Hügelspitze und sah aus
nahezu majestätischer Höhe über mein trostloses Reich, hinunter auf Salomon, meinen
stummen Adlaten, der geduldig der Vollendung meines Werkes harrte. Die Aussicht vom
Gipfel, aus für diese Welt schier unermeßlicher Höhe, verlieh mir ein Gefühl der
Unantastbarkeit. Alles befand sich unter mir. Diese gesamte Welt, ausnahmslos. Nichts
erhob sich über mich. Ich weilte über den Dingen, war ein heiliges Wesen, regierte über
das niedere Land und all die niederen Dinge. Alles war mir untergeordnet - bis auf die
Wolken. Nein, die Wolke.
Ich sah hinauf in den Himmel. Nur eine Wolke, ja ... Eine Wolke, eine
Ebene, eine Welt, eine Hölle ...
»He, Krautwickel, hast du den Plural gesehen?« rief ich zu Salomon
hinab.
Keine Antwort, typisch. Dieser ignorante Bastard schaute nicht einmal
nach oben, um sich zu vergewissern. Seine Tage waren gezählt. Noch zehn Meter etwa, dann
würde die Pappnase langsam von dem sich ausdehnenden Berg verschluckt werden. Schade um
sie, aber nicht zu ändern. Eine Versetzung kam nicht in Frage. Das hier war nicht Abu
Simbel.
Nachdem vielleicht ein weiterer Monat vergangen war, stand Salomon
allerdings noch immer. Die Hügelflanke war ihm gerade mal ein Meter näher gerückt, und
zum ersten Mal seit langer Zeit machte ich mir wieder Gedanken über die Dauer und die
erforderliche Höhe des Berges. Ich verfluchte den so plötzlich über mich gekommenen
Gedanken, doch er ließ mich nicht mehr zur Ruhe kommen. Es war nicht von der Hand zu
weisen: Der Turm wuchs immer langsamer und war noch nicht einmal annähernd der
tiefliegenden Wolkendecke nähergekommen.
Gott zweifelte!
Ich saß am Fuße des Hügels, ließ meine Blicke über die
inzwischen drei Spitzkehren meiner Aufstiegstreppe wandern und begann zögerlich, in den
glatten Sand vor mir eine lange, gerade, waagerechte Linie zu zeichnen: den stilisierten
Boden der Ebene.
Zum ersten Mal ertappte ich mich dabei, mathematische Berechnungen über
mein Projekt anzustellen. Als ob Gott das nötig hätte! durchfuhr es mich.
Dennoch zog ich parallel über der ersten Linie eine weitere. Ich sah hinauf in den
Himmel. Die Wolken mochten in etwa vierhundert Metern Höhe beginnen. Aber: wie dick waren
sie? Hundert Meter? Zweihundert? Nein, entschied ich, dann wäre es weitaus heller.
Angestrengt sammelte ich das wenige meteorologische Wissen, das mir beschieden war, erwog
Für und Wider und zog nach langem Zögern schließlich eine dritte Linie - in deutlich
größerem Abstand zu den beiden ersten, aber alles andere erschien mir illusorisch.
Wahrscheinlich hatte ich sie eh zu niedrig kalkuliert. Ich vermerkte eine Vierhundert
über der mittleren Linie, die den Beginn der Wolkendecke markierte. Noch einmal rechnete
und schätzte ich, dann schrieb ich über die Linie, welche die erhoffte Obergrenze der
Wolken markierte, die Zahl 1100.
Als nächstes zog ich eine Senkrechte von der Wolkenobergrenze bis zum
Boden und bestimmte ihre Höhe auf 1120 Meter - 20 Meter sollten reichen, um über das
Wolkenmeer blicken zu können.
Der Steigungswinkel der Bergflanken stellte das nächste Problem dar. Da
mein Bauwerk nur aus Sand bestand, sollte die Hangneigung wohl 45 Grad nicht übersteigen,
damit die Flanken stabil blieben und nicht abrutschten oder der ganze Berg einfach in sich
zusammensackte. Kritisch betrachtete ich mein bisheriges Werk und war bemüht, den
Neigungswinkel der Hänge zum Grund abzuschätzen. 39 oder 40 Grad mochte er betragen. Ich
notierte 41 Grad, aus purem Optimismus. Dann übertrug ich das Ganze auf meine
Sandzeichnung, berechnete den Grunddurchmesser meines babylonischen Turmes bei
1120 Metern Höhe ...
... und kam auf sagenhafte 2,65 Kilometer!
Erschüttert versuchte ich zu begreifen, was das bedeutete: meine
Fördergrube war viel zu nah! Ich mußte unverzüglich eine neue Grube anlegen, mindestens
eineinhalb Kilometer von hier entfernt! Damit hatte ich nicht gerechnet.
Ich erhob mich und lief eine Runde um den Berg, um mich abzureagieren.
Dann setzte ich mich wieder vor meine Zeichnung und fuhr mit meinen Berechnungen fort.
Ich kratzte eine Zickzacklinie von der Spitze hinab zur Basis des
Dreiecks, das den Berg darstellte, welche irgendwann meine hypothetische Fördertreppe zur
Spitze bilden würde, berechnete ihre Endlänge - 5,5 Kilometer Aufstieg! - und dazu
zwei Kilometer bis zur neuen Fördergrube. Somit ergab sich eine Gesamtlänge von
7,5 Kilometern, was dem Doppelten bei Hin- und Rückweg entsprach.
Fünfzehn Kilometer Weg für zwei Hände voll Sand!
Das bedeutete zweieinhalb Stunden von der Grube bis hinauf zur Spitze
und etwa eine Stunde wieder zurück - im Endstadium des Baus, fügte ich schnell in
Gedanken hinzu. Nahm ich für den Anfang der Arbeiten den kürzesten Weg von zwei Metern
mit einer Handförderzeit von fünf Sekunden ... ich wischte alles wieder aus. Anfangszeit
Null, schrieb ich statt dessen. Das ergab eine durchschnittliche Wegdauer von
1,75 Stunden - für zwei Hände voll Sand!
Jesus Christus, wie lange - ?
Ich schluckte schwer. In den folgenden Stunden zeichnete ich
wenigstens einhundert Quadratmeter Sandfläche voll mathematischer Formeln; analytische
Geometrie, Kubatur von Drehkörpern, Massen- und Volumenberechnung von Geländemodellen
...
Ich berechnete den Rauminhalt des fertigen Berges auf
1 981 130 667 m3 Sand. Zeit dafür hatte ich genug.
Zwei Hände voll Sand schätzte ich auf etwa 700 Gramm Gewicht mit
einem Volumen von etwa 650 cm3. Ein Kubikmeter Sand entspräche somit 1538
Handfüllungen. Diese Anzahl, multipliziert mit dem Rauminhalt des Berges,
ergab eine Gesamtaufschichtmenge von sage und schreibe
3 046 978 965 846 Doppelhänden voll Sand; knapp 3,05 Billionen
... Ich zitterte. Himmel, ich zitterte wie ein Parkinsonkranker. 3,05 Billionen
Hände voll Sand! Bei 700 Gramm pro Förderladung besäße mein Berg ein Gewicht von
nahezu 2,15 Milliarden Tonnen, doch das war es nicht, was mich zittern ließ. Es war
die Zeit, die es in Anspruch nehmen würde, um ihn zu errichten.
Hast Du jemals versucht, 2 Milliarden Kubikmeter Sand mit
bloßen Händen zu einem 1120 Meter hohen Berg aufzuschichten, vernahm ich
Salomons spöttische Stimme im Geiste, - für einen lausigen Blick über die Wolken?
Würdest du es tun, wenn du eine Ewigkeit dafür Zeit hättest?
Ich schüttelte unwirsch den Kopf, um die lästige Stimme zu verbannen,
und kroch ein paar Meter weiter, dorthin, wo der Boden noch unbeschrieben war. Bei einer
durchschnittlichen Dauer von 1,75 Stunden pro Doppelhandfuhre würde ich - meine
Finger flogen wie Spinnenbeine über den Sand - 5 332 213 000 000
Stunden benötigen, um den Berg zu vollenden, ohne die Gewißheit zu haben, daß der graue
Dunst wirklich irgendwo dort oben aufhörte, um einen freien Blick auf den Himmel zu
gewähren.
222 175 540 000 Tage, wenn ich pausenlos
arbeitete ...
608 283 503 Jahre, um einen Blick über die Wolken zu
werfen ...
608 Millionen Jahre!
Apathisch stieg ich hinauf zum Gipfel meines Götterberges. Dort setzte ich mich
verdrossen in den Sand, grub mich regelrecht hinein in die feuchte Kuppe und heulte. Vor
600 Millionen Jahren schwammen auf der Erde gerade einmal Urquallen und primitive
Trilobiten durch die Kambrium-Ozeane, das Leben hatte noch nicht einmal wirklich begonnen.
Und ich sollte so lange an diesem Berg schuften, wie das Leben selbst alt war?
Um - einen einzigen Blick über die Wolken werfen zu dürfen? Auf die
Gefahr hin, daß dort oben vielleicht nichts ist - einfach nichts ...
Was mußte es für ein Gott sein, der ein ganzes Universum in sieben
Tagen schuf?
Meine Sandskulptur stand am Fuß des Berges und blickte aus toten Augen
in die Leere. Ihr saht den weisen Salomon, kam mir eine Strophe aus der
Dreigroschenoper in den Sinn, ihr wißt was aus ihm wurd, dem Mann war alles
sonnenklar, er verfluchte die Stunde seiner Geburt - und sah, daß alles eitel
war ...
Du bräuchtest nur einen einzigen, langen Tag, erklang die
Stimme meines Golems in meinem Kopf. Hier gibt es keine Zeit, die es zu messen bedarf.
Hier ist die einzige Zeit dein Wille.
»Nein!« schrie ich gegen sie an, »denn ich erfahre sie! Ich kann sie
spüren! Ich erlebe sie!«
Aber erlebte ich sie wirklich? Lebte ich denn - noch?
Hier also saß ich auf meinem babylonischen Turm, ich Ebenbild Gottes,
des einzigen dieser Welt; ein niedergeschmetterter Affe auf einem Maulwurfshügel. Er war
noch nicht einmal dreißig Meter hoch ...
Ich tat daraufhin das einzige, was mir in dieser Situation sinnvoll erschien, der
einzige Ausweg, den ich für mich sah: ich rannte davon, floh vor dem Werk meiner
Anmaßung. Ich ließ es hinter mir zurück, ohne es noch einmal eines Blickes zu
würdigen, immer kleiner und unscheinbarer und irgendwann eins werdend mit dem Grau und
dem Horizont. Schließlich umgab mich wieder die Monotonie der unendlichen Ebene, die
gespenstischen, hauchzarten Nebelbänke und das Nichts. Salomon würde meinen Berg bis in
alle Ewigkeit bewachen.
Vielleicht bemitleideten mich jene, die mich einst an diesen Ort
verdammt hatten. Aber nein ... Nein, wie konnte ich das erwarten? Sie gönnten
es mir, oder es war ihnen schlichtweg egal, denn sie waren ja dort, und ich war hier. Nur
ich.
Aber sie würden eines Tages an mich denken ...
Da war sie wieder, die alte Hure Hoffnung. Diese dreckige, unsterbliche
Hoffnung, eines Tages jene zu treffen, die für mein Los verantwortlich waren, und ihnen
ihren verdammten Arsch aufzureißen!
Ha!
Apropos Unsterblichkeit: Dies etwa war der Zeitpunkt, an dem ich
beschlossen hatte, meine trostlose Farce zu beenden. Längst hatte ich eine andere
Hoffnung begraben, nämlich jene, eines Tages wieder aus diesem Alptraum zu erwachen.
Während der ersten Zeit auf der Ebene - meiner Vielleicht-Phase - hatte ich mir
unendlich viele Gedanken darüber gemacht, ob ich in Wirklichkeit nur im Koma
lag, in irgendeinem Krankenhaus, angeschlossen an Beatmungsgeräte, Infusionsständer,
eine lebenserhaltende Maschinenburg, die man um mich herum errichtet hatte. Vielleicht, so
dachte ich, hatte ich die Katastrophe überlebt. Vielleicht hatte ich nur gewaltig eins
auf den Schädel gekriegt. Und vielleicht, wenn ich nur standhaft und geduldig genug war,
wachte ich eines Tages plötzlich auf - im Leben.
Ich fragte mich, ob dies hier die Welt war, in der Komapatienten ihr
nebulöses Dasein fristeten, und ob es noch andere gab, die dieses Schicksal auf der Ebene
mit mir teilten; oder ob jeder Komapatient seine eigene Ebene vorfand, grau, leer, ein
Wartesaal ... - für Gehirntote?
Ich erschrak furchtbar über diese Möglichkeit.
War mein Körper vielleicht noch am Leben, aber mein Gehirn bereits
gestorben?
Depression. Trotz. Hoffnung. Hochmut. Ernüchterung. Und wieder von vorn
das Ganze. So kreiste mein Fühlen, seit ich hier war. Doch erst nach Salomon und
dem Berg (wie ich die vergangene Phase getauft hatte) war meine Befürchtung eine
andere: Die Welt war untergegangen, aber die Apokalypse hatte mich vergessen.
»Wo bist du, Armageddon?« schrie ich gen Himmel, die Fäuste erhoben
wie ein Widersacher, der gegen Gott aufbegehrte. »Komm zurück, Inferno! Du hast jemanden
vergessen!«
Ja, so mußte es gewesen sein ...
Alle waren tot, gerichtet, ausradiert, nur ich nicht. Aus irgendeinem
Grund hatte mich das Jüngste Gericht übersehen oder verschmäht. Also beschloß ich, den
offensichtlichen Fehler zu korrigieren und ebenfalls zu sterben; als Nachsterber
gewissermaßen. Etwas Besseres gab es für mich auf dieser Welt nicht mehr zu tun. Doch
wie dich melken? fragte der Bauer den Ochsen ...
Meine einzigen Waffen für die Tat waren meine Fäuste. Ich konnte
versuchen, so lange die Luft anzuhalten, bis ich bewußtlos war, aber dummerweise beginnt
der Körper automatisch wieder zu atmen, sobald dies geschieht. Ich konnte mir ein enges
Loch graben und kopfüber hineinspringen, damit ich erstickte, aber kein Loch würde eng
genug sein, daß ich im letzten Moment nicht doch noch die Arme vor den Kopf bringen und
mich emporstützen konnte, denn ich mußte es ja, nachdem ich es gegraben hatte, auch
irgendwie wieder verlassen können. Ich konnte bis zur vollkommenen Erschöpfung über die
Ebene rennen, bis ich mit einem Herzinfarkt zusammenbrach. Ich konnte Sand fressen, bis
mir der Magen platzte - aber davor würde ich mich hundertprozentig übergeben, abgesehen
davon, daß ich nicht wußte, ob ich überhaupt einen Magen besaß. Ich konnte die Luft
anhalten und so lange und intensiv pressen, daß mir sämtliche Adern im Gehirn platzten.
Ich konnte die japanischen Varianten probieren, mir mit dem Finger das Zungenbändchen
durchreißen und meine Zunge verschlucken, um an ihr zu ersticken, oder versuchen, mir mit
einem kräftigen Ruck selbst das Genick zu brechen ... ich konnte, konnte, konnte ...
Vieles davon versuchte ich tatsächlich, aber meine dilettantischen
Bemühungen waren, wie ich es vermutet hatte, zum Scheitern verurteilt. Beim Rennen über
die Ebene ging mir die Puste aus, so daß ich stolpernd in den Dreck fiel, ehe das Herz
aussetzte, und auch die anderen Selbsttötungsmethoden, allen voran die
Ich-spring-ins-Loch-Variante, verliefen wie Lachakte für eine lausig inszenierte
Bauernkomödie.
Nachdem ich so kläglich gescheitert war, beschloß ich, Nägel mit
Köpfen zu machen und zu verbluten, eine, wie mir schien, todsichere Methode, aus dem
Leben zu scheiden. Einmal begonnen, würde es ganz von selbst geschehen, ein gleitender,
fast sanfter Tod. So setzte ich mich auf den Boden, sammelte all meinen verbliebenen Mut
zusammen, grub die Zähne in meine Unterarme und biß zu. Die Schmerzen waren
fürchterlich, ebenso die Wunden. Das Blut sprudelte aus meinen Pulsadern, floß über den
grauen Sand, wo es zum Teil versickerte - Erythrozyten, Leukozyten, Lymphozyten und
Thrombozyten strömten und strömten ohne Unterlaß. Ich legte mich auf den Rücken und
wartete, die Arme weit ausgestreckt.
So lag ich.
Wartete.
Ich blutete und blutete, als hätte man einen Elefanten geschlachtet,
aber soviel Blut ich verlor, soviel schien mein Körper in gleichem Maße wieder neu zu
produzieren. Ich hätte als Blutspender den gesamten Jahresbedarf einer Kleinstadt decken
können.
Irgendwann begannen die Wunden wieder zu heilen, ohne daß ich mich in
irgendeiner Weise matt, müde oder dem Tode nahe gefühlt hatte. Alles war wie immer, ich
besaß lediglich zwei zerbissene Unterarme und brodelte vor Wut.
Nun sah ich nur noch einen Ausweg, konsequenter und effektiver als alle
anderen zuvor.
Ich grub einen tiefen, etwa drei Meter breiten Graben, der zu einer
Seite senkrecht, zur anderen dagegen sanft abfiel, damit ich hinein und wieder hinaus
gelangen konnte. Als seine Senkrechte etwa fünfzehn Meter maß, betrachtete ich die Höhe
als ausreichend für einen makellosen Sturz mit Genickbruch oder zumindest so schweren
inneren Verletzungen, daß ich innerhalb weniger Minuten das Zeitliche segnen sollte.
Vielleicht bohrten sich auch ein paar gebrochene Rippen durch mein Herz. Und würde es
beim ersten Mal nicht klappen und ich mir nur die Beine brechen, konnte ich dank der Rampe
jederzeit wieder herauskriechen und noch ein zweites oder gar drittes Mal
hinunterspringen. Irgendwann mußte ich auf dem Kopf landen.
Ich kletterte nach oben, umrundete den Schacht und lief ohne Umschweife
an seinen Steilhang. Kein faßbarer Gedanke ging mir in diesen Augenblicken durch den
Kopf, alles in mir war so leer wie die Landschaft. Ein reines Zweckbefinden. Nur kurz sah
ich in die Tiefe, dann hinauf in die Wolken und ließ mich vornüber fallen. Einen Atemzug
lang flogen die Schachtwände an mir vorüber, ehe mir ein unbeschreiblicher Schlag in den
Rücken alle Luft aus den Lungen schmetterte und mir fast die Besinnung raubte - aber eben
nur fast.
Ein nie gekannter Schmerz breitete sich in mir aus, erfüllte
explosionsartig jede Stelle meines Körpers und schien im Rhythmus meines quälend langsam
schlagenden Herzens auf- und abzuschwellen. Massen von Sand, die ich bei meinem Sturz
gelöst hatte, regneten auf mich herab, drangen in Augen, Nase und Mund und begruben mich
nahezu vollständig unter sich.
Wieder wartete ich auf den Tod.
Wieder wartete ich vergebens.
Thanatos ging seiner eigenen Wege.
Ich hob die Arme und wischte mir den Sand vom Gesicht. Dann setzte ich
mich auf. Es schmerzte, aber nicht schlimmer als ein fürchterlicher Muskelkater. Ich
beugte mich hin und her, streckte mich, tastete meine Rippen und meine Wirbelsäule ab.
Alles schien heil zu sein. Ich konnte meine Beine bewegen, meine Zehen spüren ...
Wütend erhob ich mich, spie den Sand aus, kletterte verdrossen die
Rampe wieder hinauf, marschierte zurück zum Steilhang und sprang erneut - diesmal
kopfüber.
In irrwitziger Geschwindigkeit kam der Schachtboden auf mich zu, ehe ich
mich mit dem Gesicht voraus in den Grund bohrte. Schlagartig herrschte Schwärze. Ich
spürte, wie sich mein Rückgrad faltete und mein Genick brach. Das Geräusch, das die
knickende Wirbelsäule verursachte, schien direkt in meinem Kopf zu erschallen. Eine
meiner Fersen schlug mir gegen den Hinterkopf, als ich zusammenklappte, und wiederum ließ
mich der Aufschlag sämtliche Luft aus meinen Lungen auf einen Schlag in den Dreck blasen.
Geschafft! durchfuhr es mich, dann purzelte ich hintüber und blieb
reglos liegen.
Reglos - aber noch immer nicht leblos!
Vielleicht eher fassungslos.
Ich lebte immer noch!
Der Schmerz war grausamer als nach dem ersten Sprung, weitaus
grausamer. Aber er klang ab, während meine Wirbelsäule knirschend und knackend wieder
zusammenwuchs, so wie die restlichen Knochen, die der Aufprall entzweit hatte. Ich starrte
gelähmt in den Ausschnitt des formlos-grauen Himmels über dem Grabeneinschnitt,
einerseits paralysiert durch die unsäglichen Schmerzen und das gebrochene Rückgrat, doch
weitaus mehr noch vor Entsetzen angesichts der Konsequenz, der letzten, endgültigen
Gewißheit.
Vielleicht hätte ich viel früher darauf kommen müssen. Vielleicht
aber hatte ich es schon immer gewußt, doch verdrängt, die Realität nicht akzeptiert,
weil sie zu ... unnatürlich war, zu absurd, eine höhnische Fratze tatsächlichen Lebens.
Schon allein die Tatsache, niemals ein Bedürfnis nach Nahrung zu verspüren, ohne zu
verhungern, hätte mich belehren müssen. Wenn nur die anderen Bedürfnisse nicht gewesen
wären, die niederen, die animalischen und all die gottverdammten Gefühle, welche auf
dieser Ebene ebensowenig eine Existenzberechtigung besaßen wie das Leben. Es war eine
Gewißheit mit Schrecken in einem Schrecken ohne Ende. Er würde bis in alle Ewigkeit
dauern; den gesamten, immerwährenden Tag lang ...
Nichts auf der vorherigen Welt, und sei es noch so elend und
erbärmlich, ist mit dieser farblosen Leere hier vergleichbar. Gott, ich wünsche allen,
die mit diesem törichten Lachen im Gesicht verglüht waren, sie mögen seitdem dasselbe
Los tragen wie ich. Ich bete, daß auch ihnen das Unbegreifliche widerfahren ist, daß sie
aufgewacht sind in ihrem vermeintlichen Paradies und allein waren, und daß alles um sie
herum so aussieht wie hier. Und daß sie nichts daran ändern können! Nichts! Niemals!
Ja, ich bete, daß ihnen das alberne Lachen der Seligkeit ein für
allemal vergangen ist. Vielleicht teilen sie mein Schicksal und beten das gleiche, ha,
wäre das ein Witz.
Ich würde mich totlachen.
Ja, verflucht, totlachen würde ich mich ...!
Herr im Himmel, könnte ich mich hier doch nur totlachen ...
Michael
Marrak © 1999
Erstveröffentlichung in: Franz Rottensteiner
(Hrsg.), Ablaufdatum 31.12.2000  |
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