ALIEN CONTACT
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George R. R. Martin

Brot und Fische

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Sie hieß Tolly Mune, aber man gab ihr alle möglichen Namen.
   Diejenigen, die ihre Domäne zum ersten Mal betraten, gebrauchten ihren Titel mit einer gewissen Ehrfurcht. Seit mehr als vierzig Standardjahren war sie Hafenmeisterin, und davor war sie stellvertretende Hafenmeisterin gewesen – sie gehörte schlicht zum Inventar der großen Orbitalgemeinschaft, die offiziell als der Hafen von S’uthlam bekannt war. Auf der Oberfläche des Planeten war das Büro im Flussdiagramm der Bürokratie nur ein Kästchen unter vielen, aber oben in der Umlaufbahn war der Hafenmeister Vorarbeiter, Geschäftsführer, Richter, Bürgermeister, Schiedsrichter, Gesetzgeber, Chefmechaniker und Oberbulle in einer Person. Also nannte man sie die HM.
   Der Hafen hatte klein angefangen und war über die Jahrhunderte hinweg gewachsen. S’uthlams Bevölkerungswachstum machte den Planeten zu einem immer bedeutenderen Markt und einem Schlüsselglied im Netzwerk des interstellaren Handels für diesen Sektor. Im Mittelpunkt des Hafens lag die Station selbst, ein hohler Asteroid von etwa sechzehn Kilometern Durchmesser, mit Parks, Geschäften und Schlafsälen, Lagerhäusern und Labors. Sechs vorherige Stationen, jede größer als die letzte, waren inzwischen aufgegeben worden und hingen am Spinnennest wie fette metallene Keimlinge an einer Steinkartoffel. Die Älteste war vor dreihundert Jahren gebaut worden und nicht größer als ein mittelprächtiges Raumschiff.
   Spinnennest hieß es jetzt, weil es in der Mitte des Netzes saß, eines verschlungenen silbermetallenen Netzes, ausgeworfen in die Dunkelheit des Alls. Sechzehn gigantische Streben ragten von der Station aus in alle Richtungen. Die Neueste war vier Kilometer lang und immer noch im Bau; sieben der ursprünglichen (die achte war bei einer Explosion zerstört worden) ragten zwölf Kilometer in den Weltraum hinaus. In diesen großen Röhren waren die Industriegebiete des Hafens untergebracht – Lagerhäuser, Fabriken, Werften, Passagierschleusen und Verladezentren sowie Schleusen und Reparaturbuchten für alle im Sektor bekannten Raumschiffe. Lange pneumatische Röhrenzüge fuhren durch die Mitte der Streben, transportierten Fracht und Passagiere von Sperre zu Sperre, zum überfüllten, lauten, geschäftigen Knotenpunkt des Spinnennestes und zum Fahrstuhl nach unten.
   Andere, dünnere Röhren zweigten von den Streben ab und noch dünnere Gänge wiederum von diesen, durchkreuzten immer und immer wieder das Nichts und verbanden alles zu einem Muster, das jedes Jahr immer komplexer wucherte, da immer mehr Anbauten hinzukamen.
   Und zwischen den Strängen des Netzes hingen die Fliegen – Fähren, die mit Ladungen, die für den Fahrstuhl zu groß oder zu gefährlich waren, zwischen der Oberfläche und S’uthlam hin und her flogen; Minenschiffe, die mit Erz und Eis von den Frags reinkamen; Lebensmittelfrachter von den Terraform-Farmasteroiden, die man Larder nannte; und alle Arten interstellaren Verkehrs: luxuriöse Transcorp-Linienschiffe, Kaufleute von Planeten wie dem nahe gelegenen Vandeen oder den weit entfernten Caissa und Newholme, Handelsflotten von Kimdiss, Kriegsschiffe von Bastion und Citadel, sogar außerirdische Raumschiffe, Freie Hruun, Raheemai, Gethsoiden und andere, noch fremdartigere Spezies. Sie alle zog es zum Hafen von S’uthlam, und sie waren willkommen.
   Diejenigen, die im Spinnennest lebten, die in den Bars und Kasinos arbeiteten, die Fracht bewegten, kauften und verkauften, die Schiffe reparierten und auftankten – sie nannten sich selbst Spinnerets, und das stellte durchaus eine Auszeichnung dar. Für sie und für die Fliegen, die so oft kamen, dass man sie als Stammkunden bezeichnen konnte, war Tolly Mune »Ma Spider« – jähzornig, gemein, mit rauem Humor, erschreckend kompetent, allgegenwärtig, unverwüstlich, so groß wie eine Naturgewalt und doppelt so bösartig. Einige von denen, die ihr in die Quere gekommen waren oder ihr Missfallen erregt hatten, mochten die Hafenmeisterin nicht besonders; für sie war sie die Stählerne Witwe.
   Sie war eine grobknochige, muskulöse, hässliche Frau – so hager wie jeder echte S’uthlamese, aber so groß (beinahe zwei Meter) und so breit (diese Schultern!), dass man sie auf dem Planeten schon für eine Missgeburt gehalten hatte. Ihr Gesicht war zernkittert und angenehm wie altes Leder. Nach Ortszeit war sie fünfunddreißig Jahre alt, fast neunzig Standardjahre, aber sie sah nicht eine Stunde älter aus als sechzig. Sie führte das auf das Leben in der Umlaufbahn zurück. »Schwerkraft macht einen verdammt alt«, war ihr Kommentar dazu. Mit Ausnahme einiger Kurbäder der Sternenklasse, den Krankenhäusern und Touristenhotels im Spinnennest sowie den großen Linienschiffen mit ihren Schwerkraftgittern drehte sich der Hafen in ewiger Schwerelosigkeit, und der freie Fall war Tolly Munes Element.
   Ihr Haar hatte die Farbe von Silber und Eisen. Wenn sie arbeitete, war es fest zusammengebunden, aber nach Dienstende schwebte es wie ein Kometenschweif hinter ihr und folgte jeder ihrer Bewegungen. Und wie sie sich bewegte! Dieser große, hagere, grobknochige Körper war fest und anmutig; so leicht wie ein Fisch im Wasser schwamm sie durch die Speichen des Netzes und die Korridore, durch die Hallen und Parks des Spinnennestes. Ihre langen Arme und dünnen, muskulösen Beine schoben, tasteten und beförderten sie vorwärts. Schuhe trug sie nie; mit den Füßen war sie fast so geschickt wie mit den Händen.
   Sogar draußen im tiefen Raum, wo Spinneret-Veteranen sperrige Anzüge trugen und sich schwerfällig an Führungsleinen entlangbewegten, wählte Tolly Mune lieber Mobilität und figurbetonte Skinthins. Skinthins boten nur minimalen Schutz gegen die harte Strahlung von S’ultstar, aber Tolly Mune war hoffnungslos stolz auf die tief blauschwarze Färbung ihrer Haut und schluckte lieber jeden Morgen ganze Hände voll Pillen gegen Krebs, anstatt die langsame, plumpe Sicherheit zu wählen. Draußen in der strahlenden, harten Schwärze zwischen den Fäden des Netzes war sie Herrin der Lage. An an Hand- und Fußgelenken trug sie Antriebsdüsen, und keiner konnte besser damit umgehen als sie. Sie huschte ungehindert von Fliege zu Fliege, überprüfte dort etwas, besuchte hier jemanden, nahm an allen möglichen Sitzungen teil, überwachte die Arbeiten, begrüßte bedeutende Fliegen, stellte Personal ein und entließ es wieder – löste alle nur möglichen Probleme.
   Oben in ihrem Netz war Hafenmeisterin Tolly Mune, Ma Spider, die Stählerne Witwe, alles, was sie immer hatte sein wollen, jeder Aufgabe gewachsen und mehr als zufrieden mit den Karten, die sie gezogen hatte.
   Dann kam ein Nachtzyklus, in dem sie durch ihren stellvertretenden Hafenmeister aus festem Schlaf gerissen wurde. »Hoffentlich ist es verdammt wichtig«, sagte sie, als sie ihn über ihren Videoschirm anstarrte.
   »Sie sollten lieber die Überwachung einschalten«, sagte er.
   »Warum?«
   »Eine Fliege ist im Anflug«, sagte er. »’Ne große Fliege.«
   Tolly Mune machte ein mürrisches Gesicht. »Sie würden es nicht wagen, mich grundlos aufzuwecken. Lassen Sie sehen.«
   »Eine wirklich große Fliege«, betonte er. »Sie sollten sich das ansehen. Es ist die größte verdammte Fliege, die mir je untergekommen ist. Ma, ohne Witz, das Ding ist dreißig Ka-Emm lang.«
   »Zur Hölle damit«, sagte sie im letzten unkomplizierten Augenblick ihres Lebens – bevor sie Bekanntschaft mit Haviland Tuf machte.

***

Sie schluckte eine Hand voll strahlend blauer Antikarzinogene, spülte sie mit einem kräftigen Schluck aus einer Bierblase hinunter und studierte die holografische Erscheinung, die vor ihr schwebte. »’N großes Schiff haben Sie da«, sagte sie beiläufig. »Was zur Hölle ist das?«
   »Die Arche ist ein Saatschiff für die biologische Kriegsführung des Ökologischen Pionierkorps«, erwiderte Haviland Tuf.
   »Das ÖPK?«, fragte sie. »Was Sie nicht sagen.«
   »Muss ich mich wiederholen, Hafenmeisterin Mune?«
   »Meinen Sie jetzt das Ökologische Pionierkorps des alten Bundesimperiums?«, fragte sie. »Das auf Prometheus stationiert war? Die Spezialisten für Klonen, biologische Kriegsführung – die alle Arten von Umweltkatastrophen maßgeschneidert ausgelöst haben?« Während sie sprach, behielt sie Tufs Gesicht im Auge. Er nahm den größten Teil ihres kleinen, engen, unordentlichen und nur selten besuchten Büros im Spinnennest ein. Seine holografische Projektion stand wie ein riesiger weißer Geist inmitten des schwerelosen Durcheinanders. Von Zeit zu Zeit schwebte ein zusammengeknülltes Stück Papier durch ihn hindurch.
   Tuf war groß. Tolly Mune hatte Fliegen getroffen, die sich in den Holografien gern vergrößerten, so dass sie eindrucksvoller wirkten, als sie eigentlich waren. Vielleicht machte dieser Haviland Tuf das auch. Obwohl sie das irgendwie nicht glaubte – zu dieser Sorte schien er nicht zu gehören. Und das bedeutete, dass er wirklich ungefähr zweieinhalb Meter groß war, einen guten halben Meter größer als der größte Spinneret, den sie je getroffen hatte. Und der war genau so ein Freak wie Tolly selbst gewesen. S’uthlamesen waren kleine Menschen – das lag an der Ernährung und den Genen.
   Tufs Gesicht gab absolut nichts preis. Ruhig legte er seine langen Finger auf seinen gewölbten Bauch. »Eben dieses«, entgegnete er. »Ihr historisches Wissen ist bemerkenswert.«
   »Ich danke Ihnen«, sagte sie entgegenkommend. »Korrigieren Sie mich, wenn ich mich irre, aber Geschichtswissen hin oder her – ich glaube mich erinnern zu können, dass das Bundesimperium vor, ... etwa tausend Jahren zusammengebrochen ist. Und dass damit auch das ÖPK verschwand – aufgelöst, zurückberufen nach Prometheus oder zur Alten Erde, im Kampf zerstört, aus dem von Menschen besiedelten Raum geflohen, was auch immer. Natürlich, die Prometheaner verfügen noch immer über einen Haufen alter Biotechnologie, heißt es. Hier draußen kommen nicht viele Prometheaner vorbei, also kann ich das nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber sie reagieren ein bisschen misstrauisch, wenn es darum geht, ihr Wissen in irgend einer Form weiterzugeben, habe ich gehört. So, lassen Sie mich mal sehen, ob ich das jetzt richtig verstanden habe. Sie haben ein voll funktionstüchtiges, tausend Jahre altes ÖPK-Saatschiff, das Sie einfach so gefunden haben, Sie sind die einzige Person an Bord, und das Schiff gehört Ihnen?«
   »Korrekt«, sagte Haviland Tuf.
   Sie grinste. »Und ich bin die Kaiserin des Krebsnebels.«
   Tufs Gesicht blieb ausdruckslos. »Ich fürchte, ich bin mit der falschen Person verbunden worden. Ich hatte darum gebeten, mit dem Hafenmeister von S’uthlam zu sprechen.«
   Sie gönnte sich noch einen Spritzer Bier. »Ich bin die verdammte Hafenmeisterin!«, bellte sie. »Schluss mit diesem himmelschreienden Unsinn, Tuf! Sie sitzen da draußen in einem Ding, das mir verdächtig nach einem Kriegsschiff aussieht und dreißigmal größer ist als das größte so genannte Schlachtschiff in unserer so genannten Planetaren Verteidigungsflottille, und Sie machen verdammt viele Leute äußerst nervös. Die Hälfte der Erdwürmer in den großen Hotels denkt, dass Sie ein Alien sind, das gekommen ist, um uns die Luft zu stehlen und unsere Kinder zu fressen, und die andere Hälfte ist sich nicht sicher, ob Sie ein Spezialeffekt sind, den wir aufmerksamerweise zu ihrer Unterhaltung bereitgestellt haben. Hunderte von denen leihen sich gerade Anzüge und Vakuumschlitten aus, und in ein paar Stunden werden die alle über Ihren Rumpf krabbeln. Meine Leute wissen genausowenig, was zum Teufel sie von Ihnen halten sollen. Also kommen Sie verdammt noch mal zur Sache, Tuf. Was wollen Sie?«
   »Ich bin enttäuscht«, sagte Tuf. »Ich bin unter großen Schwierigkeiten hierher geeilt, um die Spinnerets und Cybertechs von Port S’uthlam zu konsultieren, deren Können weithin berühmt ist und die in Bezug auf ehrbares und moralisches Handeln niemandem nachstehen. Ich hatte nicht erwartet, mit Ablehnung und unbegründeten Verdächtigungen konfrontiert zu werden. Ich möchte gewisse Umbauten und Reparaturen durchführen lassen, sonst nichts.«
   Tolly Mune hörte nur mit halbem Ohr zu. Sie starrte auf die Füße der holografischen Projektion. Dort war plötzlich ein kleines, haariges, schwarzweißes Ding erschienen war. »Tuf«, sagte sie, und ihre Kehle war ein wenig trocken. »Entschuldigen Sie bitte, aber irgendein gottverdammter Schädling reibt sich da an Ihrem Bein.« Sie nuckelte an ihrem Bier.
   Haviland Tuf beugte sich nach unten und nahm das Tier auf den Arm. »Katzen kann man nicht direkt zu den Schädlingen zählen, Hafenmeisterin Mune«, sagte er. »Die Katze ist sogar ein erbarmungsloser Feind der meisten Schädlinge und Parasiten, und dies ist nur eine der vielen faszinierenden und nützlichen Eigenschaften dieser erstaunlichen Spezies. Ist Ihnen bekannt, dass die Menschheit einst Katzen als Gottheiten verehrte? Das ist Gomorrha.«
   Die Katze begann ein tiefes, rumpelndes Geräusch von sich zu geben, als Tuf sie in die Beuge eines massigen Arms legte und langsam und gleichmäßig über ihr schwarzweißes Fell strich.
   »Oh«, sagte sie. »Ein ... Haustier ... kann man das so sagen? Die einzigen Tiere auf S’uthlam sind Fleischlieferanten, aber wir haben Besucher, die Haustiere besitzen. Lassen Sie Ihre ... Katze, nicht wahr?«
   »In der Tat«, sagte Tuf.
   »Gut, lassen Sie sie nicht vom Schiff. Ich erinnere mich an das eine Mal, als ich stellvertretende HM war, da passierte uns der schönste Schlamassel ... Irgendeine verdammte Fliege verlor ihr beschissenes Haustier zur gleichen Zeit, als dieser Aliengesandte uns besuchte, und unsere Sicherheitsleute machten einen Fehler nach dem anderen. Sie würden nicht glauben, wie aufgebracht alle waren.«
   »Die Leute sind oft zu leicht erregbar«, sagte Haviland Tuf.
   »An was für Umbauten und Reparaturen hatten Sie gedacht?«
   Tuf antwortete mit einem schwerfälligen Schulterzucken. »Ein paar Kleinigkeiten – für Experten, die so fähig sind wie die Ihren zweifellos leicht auszuführen. Wie Sie schon bemerkt haben, ist die Arche in der Tat ein ausgesprochen altes Schiff, und die Unbeständigkeiten des Krieges und die Jahrhunderte der Verwahrlosung haben ihre Spuren hinterlassen. Ganze Decks und Sektoren sind ohne Energie und funktionieren nicht mehr. Sie sind so stark beschädigt, dass die bemerkenswerten Selbstinstandsetzungskapazitäten des Schiffes nicht mehr ausgereicht haben. Ich möchte, dass diese Teile des Schiffes repariert und vollständig wiederhergestellt werden.
   Darüber hinaus verfügte die Arche, wie Sie vielleicht aus Ihren historischen Studien wissen, einst über eine zweihundert Mann starke Besatzung. Das Schiff ist ausreichend automatisiert, so dass ich in der Lage war, es allein zu steuern – allerdings nicht ohne gewisse Unannehmlichkeiten, wie ich gestehen muss. Die Hauptsteuerzentrale auf der Brücke des Turms ist eine ermüdende Tagestour von meinen Wohnquartieren entfernt. Die Brücke selbst ist mir für meine Zwecke zu ineffizient gestaltet und zwingt mich dazu, ständig von einer Arbeitsstation zur nächsten zu laufen, um die Vielzahl der komplexen Aufgaben zu bewältigen, die erforderlich sind, um das Schiff zu betreiben. Gewisse andere Funktionen zwingen mich dazu, die Brücke gänzlich zu verlassen und in der ungeheuerlichen Weite des Schiffes hin und her zu wandern. Wieder andere Aufgaben konnte ich gar nicht ausführen, weil ich dafür an zwei Orten, die kilometerweit voneinander entfernt auf verschiedenen Decks liegen, gleichzeitig hätte sein müssen. In der Nähe meiner Wohnquartiere liegt ein kleiner, recht komfortabler zusätzlicher Kommunikationsraum, der voll funktionsfähig zu sein scheint. Ich hätte gern, dass Ihre Cybertechs das Kommandosystem so umprogrammieren und umgestalten, dass ich in Zukunft in der Lage bin, alles von dort aus zu erledigen, ohne den anstrengenden Tagesmarsch zur Brücke unternehmen zu müssen – ja sogar ohne meinen Sessel zu verlassen.
   Von diesen größeren Aufgaben einmal abgesehen habe ich noch ein paar kleinere Änderungen im Sinn. Einige unbedeutende Modernisierungen vielleicht. Der Einbau einer Küche mit einer vollständigen Auswahl an Gewürzen und Aromen, und eine große Rezeptbibliothek, so dass ich mich etwas abwechslungsreicher und gaumenfreundlicher beköstigen kann als mit der furchtbaren Armeenahrung, auf die die Arche derzeit programmiert ist. Eine große Auswahl an Bieren und Weinen und die Apparaturen, die notwendig sind, um zukünftig während längerer Reisen durch den Raum meinen eigenen Vorrat zu brauen. Die Aufstockung meiner bestehenden Unterhaltungsmöglichkeiten durch die Anschaffung einiger Bücher, Holospiele und Musik-Chips aus diesem Jahrtausend. Ein paar neue Sicherheitsprogramme. Andere unbedeutende, winzige Änderungen. Ich werde Ihnen eine Liste zukommen lassen.«
   Tolly Mune hörte ihm erstaunt zu. »Gottverdammt«, sagte sie, als er fertig war. »Sie besitzen wirklich ein verlassenes ÖPK-Saatschiff, nicht wahr?«
   »In der Tat«, sagte Haviland Tuf. Ein bisschen eingebildet, dachte sie und grinste. »Ich möchte mich entschuldigen. Ich werde eine Mannschaft von Spinnerets und Cybertechs zusammenstellen, sie zu Ihnen rüberschicken, damit sie sich das Ganze anschauen, und dann werden wir Ihnen einen Kostenvoranschlag erstellen. Aber rechnen sie nicht damit, dass das bis übermorgen erledigt ist. Das ist ein großes Schiff, und es wird eine Weile dauern, bis die Techniker sich damit zurechtfinden werden. Ich werde auch ein paar Sicherheitskräfte postieren, sonst werden bald alle möglichen Schaulustigen durch Ihre Gänge trampeln und Souvenirs mitgehen lassen.« Nachdenklich sah sie sein Hologramm von oben bis unten an. »Ich brauche Sie, um meine Leute einzuweisen und ihnen zu sagen, wo’s langgeht. Danach wäre es besser, wenn Sie ihnen aus dem Weg gehen würden, damit sie in Ruhe Amok laufen können. Sie können diese verdammte Monstrosität nicht ins Netz bringen, dummerweise ist sie zu groß. Haben Sie eine Möglichkeit, da rauszukommen?«
   »Die Arche ist großzügig mit Shuttles ausgestattet, die alle funktionsfähig sind«, sagte Haviland Tuf. »Aber ich habe wenig Lust, mein behagliches Quartier zu verlassen. Sicher ist mein Schiff groß genug, so dass meine Anwesenheit Ihre Leute nicht ernsthaft behindert.«
   »Zur Hölle, Sie wissen das und ich weiß das, aber sie arbeiten besser, wenn sie nicht denken, dass ihnen jemand über die Schulter schaut«, sagte Tolly Mune. »Außerdem denke ich, dass Sie vielleicht auch mal aus dieser Blechdose rauswollen. Wie lange sind Sie jetzt allein dort eingeschlossen?«
   »Mehrere Standardmonate«, gab Tuf zu, »auch wenn ich nicht ganz allein bin. Ich erfreue mich der Gesellschaft meiner Katzen und habe Spaß daran, die Fähigkeiten der Arche auszuloten und mein Wissen über ökologische Technologien zu erweitern. Allerdings werde ich Ihr Argument in Betracht ziehen – vielleicht ist ein wenig Erholung wirklich angebracht. Man sollte die Gelegenheit, ein neue Küche zu kosten, stets wahrnehmen.«
   »Warten Sie, bis Sie s’uthlamesisches Bier probiert haben! Und der Hafen bietet auch andere Möglichkeiten der Zerstreuung – Trainingszentren, Hotels, Sportanlagen, Drogenhöhlen, Sensorien, Sexsalons, Livetheater, Spielhallen.«
   »Mit manchen Spielen kenne ich mich durchaus aus«, sagte Tuf.
   »Und es gibt touristische Angebote«, fuhr Tolly Mune fort. »Sie können einfach mit den Röhrenzügen den Fahrstuhl runter zur Oberfläche fahren, und alle Bezirke S’uthlams gehören Ihnen.«
   »Tatsächlich«, sagte Tuf. »Sie haben mich überzeugt, Hafenmeisterin Mune. Ich fürchte, ich bin von Natur aus neugierig. Das ist meine große Schwäche. Unglücklicherweise schließen meine Mittel einen längeren Aufenthalt aus.«
   »Machen Sie sich darüber keine Sorgen«, entgegnete sie lächelnd. »Wir schlagen das einfach auf Ihre Reparaturrechnung drauf und rechnen später ab. Und jetzt steigen Sie in Ihr gottverdammtes Shuttle und kommen zu ... lassen Sie mal sehen ... Dock neun-elf ist frei. Besichtigen Sie zuerst das Spinnennest, und dann nehmen Sie den Zug nach unten. Sie werden eine gottverdammte Sensation sein. Sie sind schon in den Nachrichten, wissen Sie. Die Erdwürmer und die Fliegen werden Sie nicht mehr in Ruhe lassen.«
   »Ein verdorbenes Stück Fleisch mag diese Aussicht anziehend finden«, sagte Haviland Tuf. »Ich jedoch nicht.«
   »Nun«, sagte die Hafenmeisterin, »dann bleiben Sie eben inkognito.«

Teil 2 von »Brot und Fische« -->

Deutsche Erstveröffentlichung
Originaltitel: »Loaves & Fishes«
© 2002 by George R. R. Martin. Alle Rechte vorbehalten.
Mit freundlicher Genehmigung seines Agenten Werner Fuchs
Übersetzung © 2002 Berit Neumann
Erstveröffentlichung in ANALOG, Oktober 1985
Die Übersetzung folgt der Buchausgabe in Tuf Voyaging (London: Victor Gollancz, 1988)
Mit herzlichem Dank an George R. R. Martin & Werner Fuchs
Grafik © 2002 Manfred Lafrentz

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Siehe auch
Legenden - Interview mit George R. R. Martin
»Die Zweite Speisung« • Story von George R. R. Martin
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