Teil
1 
Sie hieß Tolly Mune, aber man gab ihr alle möglichen Namen.
Diejenigen, die ihre Domäne zum ersten Mal betraten, gebrauchten ihren
Titel mit einer gewissen Ehrfurcht. Seit mehr als vierzig Standardjahren war sie
Hafenmeisterin, und davor war sie stellvertretende Hafenmeisterin gewesen sie
gehörte schlicht zum Inventar der großen Orbitalgemeinschaft, die offiziell als der
Hafen von Suthlam bekannt war. Auf der Oberfläche des Planeten war das Büro im
Flussdiagramm der Bürokratie nur ein Kästchen unter vielen, aber oben in der Umlaufbahn
war der Hafenmeister Vorarbeiter, Geschäftsführer, Richter, Bürgermeister,
Schiedsrichter, Gesetzgeber, Chefmechaniker und Oberbulle in einer Person. Also nannte man
sie die HM.
Der Hafen hatte klein angefangen und war über die Jahrhunderte hinweg
gewachsen. Suthlams Bevölkerungswachstum machte den Planeten zu einem immer
bedeutenderen Markt und einem Schlüsselglied im Netzwerk des interstellaren Handels für
diesen Sektor. Im Mittelpunkt des Hafens lag die Station selbst, ein hohler Asteroid von
etwa sechzehn Kilometern Durchmesser, mit Parks, Geschäften und Schlafsälen,
Lagerhäusern und Labors. Sechs vorherige Stationen, jede größer als die letzte, waren
inzwischen aufgegeben worden und hingen am Spinnennest wie fette metallene
Keimlinge an einer Steinkartoffel. Die Älteste war vor dreihundert Jahren gebaut worden
und nicht größer als ein mittelprächtiges Raumschiff.
Spinnennest hieß es jetzt, weil es in der Mitte des Netzes saß, eines
verschlungenen silbermetallenen Netzes, ausgeworfen in die Dunkelheit des Alls. Sechzehn
gigantische Streben ragten von der Station aus in alle Richtungen. Die Neueste war vier
Kilometer lang und immer noch im Bau; sieben der ursprünglichen (die achte war bei einer
Explosion zerstört worden) ragten zwölf Kilometer in den Weltraum hinaus. In diesen
großen Röhren waren die Industriegebiete des Hafens untergebracht Lagerhäuser,
Fabriken, Werften, Passagierschleusen und Verladezentren sowie Schleusen und
Reparaturbuchten für alle im Sektor bekannten Raumschiffe. Lange pneumatische
Röhrenzüge fuhren durch die Mitte der Streben, transportierten Fracht und Passagiere von
Sperre zu Sperre, zum überfüllten, lauten, geschäftigen Knotenpunkt des Spinnennestes
und zum Fahrstuhl nach unten.
Andere, dünnere Röhren zweigten von den Streben ab und noch dünnere
Gänge wiederum von diesen, durchkreuzten immer und immer wieder das Nichts und verbanden
alles zu einem Muster, das jedes Jahr immer komplexer wucherte, da immer mehr Anbauten
hinzukamen.
Und zwischen den Strängen des Netzes hingen die Fliegen Fähren,
die mit Ladungen, die für den Fahrstuhl zu groß oder zu gefährlich waren, zwischen der
Oberfläche und Suthlam hin und her flogen; Minenschiffe, die mit Erz und Eis von
den Frags reinkamen; Lebensmittelfrachter von den Terraform-Farmasteroiden, die man Larder
nannte; und alle Arten interstellaren Verkehrs: luxuriöse Transcorp-Linienschiffe,
Kaufleute von Planeten wie dem nahe gelegenen Vandeen oder den weit entfernten Caissa und
Newholme, Handelsflotten von Kimdiss, Kriegsschiffe von Bastion und Citadel, sogar
außerirdische Raumschiffe, Freie Hruun, Raheemai, Gethsoiden und andere, noch
fremdartigere Spezies. Sie alle zog es zum Hafen von Suthlam, und sie waren
willkommen.
Diejenigen, die im Spinnennest lebten, die in den Bars und Kasinos
arbeiteten, die Fracht bewegten, kauften und verkauften, die Schiffe reparierten und
auftankten sie nannten sich selbst Spinnerets, und das stellte durchaus eine
Auszeichnung dar. Für sie und für die Fliegen, die so oft kamen, dass man sie als
Stammkunden bezeichnen konnte, war Tolly Mune »Ma Spider« jähzornig, gemein, mit
rauem Humor, erschreckend kompetent, allgegenwärtig, unverwüstlich, so groß wie eine
Naturgewalt und doppelt so bösartig. Einige von denen, die ihr in die Quere gekommen
waren oder ihr Missfallen erregt hatten, mochten die Hafenmeisterin nicht besonders; für
sie war sie die Stählerne Witwe.
Sie war eine grobknochige, muskulöse, hässliche Frau so hager
wie jeder echte Suthlamese, aber so groß (beinahe zwei Meter) und so breit (diese
Schultern!), dass man sie auf dem Planeten schon für eine Missgeburt gehalten hatte. Ihr
Gesicht war zernkittert und angenehm wie altes Leder. Nach Ortszeit war sie
fünfunddreißig Jahre alt, fast neunzig Standardjahre, aber sie sah nicht eine Stunde
älter aus als sechzig. Sie führte das auf das Leben in der Umlaufbahn zurück.
»Schwerkraft macht einen verdammt alt«, war ihr Kommentar dazu. Mit Ausnahme einiger
Kurbäder der Sternenklasse, den Krankenhäusern und Touristenhotels im Spinnennest sowie
den großen Linienschiffen mit ihren Schwerkraftgittern drehte sich der Hafen in ewiger
Schwerelosigkeit, und der freie Fall war Tolly Munes Element.
Ihr Haar hatte die Farbe von Silber und Eisen. Wenn sie arbeitete, war
es fest zusammengebunden, aber nach Dienstende schwebte es wie ein Kometenschweif hinter
ihr und folgte jeder ihrer Bewegungen. Und wie sie sich bewegte! Dieser große, hagere,
grobknochige Körper war fest und anmutig; so leicht wie ein Fisch im Wasser schwamm sie
durch die Speichen des Netzes und die Korridore, durch die Hallen und Parks des
Spinnennestes. Ihre langen Arme und dünnen, muskulösen Beine schoben, tasteten und
beförderten sie vorwärts. Schuhe trug sie nie; mit den Füßen war sie fast so geschickt
wie mit den Händen.
Sogar draußen im tiefen Raum, wo Spinneret-Veteranen sperrige Anzüge
trugen und sich schwerfällig an Führungsleinen entlangbewegten, wählte Tolly Mune
lieber Mobilität und figurbetonte Skinthins. Skinthins boten nur minimalen Schutz gegen
die harte Strahlung von Sultstar, aber Tolly Mune war hoffnungslos stolz auf die
tief blauschwarze Färbung ihrer Haut und schluckte lieber jeden Morgen ganze Hände voll
Pillen gegen Krebs, anstatt die langsame, plumpe Sicherheit zu wählen. Draußen in der
strahlenden, harten Schwärze zwischen den Fäden des Netzes war sie Herrin der Lage. An
an Hand- und Fußgelenken trug sie Antriebsdüsen, und keiner konnte besser damit umgehen
als sie. Sie huschte ungehindert von Fliege zu Fliege, überprüfte dort etwas, besuchte
hier jemanden, nahm an allen möglichen Sitzungen teil, überwachte die Arbeiten,
begrüßte bedeutende Fliegen, stellte Personal ein und entließ es wieder löste
alle nur möglichen Probleme.
Oben in ihrem Netz war Hafenmeisterin Tolly Mune, Ma Spider, die
Stählerne Witwe, alles, was sie immer hatte sein wollen, jeder Aufgabe gewachsen und mehr
als zufrieden mit den Karten, die sie gezogen hatte.
Dann kam ein Nachtzyklus, in dem sie durch ihren stellvertretenden
Hafenmeister aus festem Schlaf gerissen wurde. »Hoffentlich ist es verdammt wichtig«,
sagte sie, als sie ihn über ihren Videoschirm anstarrte.
»Sie sollten lieber die Überwachung einschalten«, sagte er.
»Warum?«
»Eine Fliege ist im Anflug«, sagte er. »Ne große Fliege.«
Tolly Mune machte ein mürrisches Gesicht. »Sie würden es nicht wagen,
mich grundlos aufzuwecken. Lassen Sie sehen.«
»Eine wirklich große Fliege«, betonte er. »Sie sollten sich
das ansehen. Es ist die größte verdammte Fliege, die mir je untergekommen ist. Ma, ohne
Witz, das Ding ist dreißig Ka-Emm lang.«
»Zur Hölle damit«, sagte sie im letzten unkomplizierten Augenblick
ihres Lebens bevor sie Bekanntschaft mit Haviland Tuf machte.
***
Sie schluckte eine Hand voll strahlend blauer Antikarzinogene, spülte sie mit einem
kräftigen Schluck aus einer Bierblase hinunter und studierte die holografische
Erscheinung, die vor ihr schwebte. »N großes Schiff haben Sie da«, sagte sie
beiläufig. »Was zur Hölle ist das?«
»Die Arche ist ein Saatschiff für die biologische
Kriegsführung des Ökologischen Pionierkorps«, erwiderte Haviland Tuf.
»Das ÖPK?«, fragte sie. »Was Sie nicht sagen.«
»Muss ich mich wiederholen, Hafenmeisterin Mune?«
»Meinen Sie jetzt das Ökologische Pionierkorps des alten
Bundesimperiums?«, fragte sie. »Das auf Prometheus stationiert war? Die Spezialisten
für Klonen, biologische Kriegsführung die alle Arten von Umweltkatastrophen
maßgeschneidert ausgelöst haben?« Während sie sprach, behielt sie Tufs Gesicht im
Auge. Er nahm den größten Teil ihres kleinen, engen, unordentlichen und nur selten
besuchten Büros im Spinnennest ein. Seine holografische Projektion stand wie ein riesiger
weißer Geist inmitten des schwerelosen Durcheinanders. Von Zeit zu Zeit schwebte ein
zusammengeknülltes Stück Papier durch ihn hindurch.
Tuf war groß. Tolly Mune hatte Fliegen getroffen, die sich in den
Holografien gern vergrößerten, so dass sie eindrucksvoller wirkten, als sie eigentlich
waren. Vielleicht machte dieser Haviland Tuf das auch. Obwohl sie das irgendwie nicht
glaubte zu dieser Sorte schien er nicht zu gehören. Und das bedeutete, dass er
wirklich ungefähr zweieinhalb Meter groß war, einen guten halben Meter größer als der
größte Spinneret, den sie je getroffen hatte. Und der war genau so ein Freak wie Tolly
selbst gewesen. Suthlamesen waren kleine Menschen das lag an der Ernährung
und den Genen.
Tufs Gesicht gab absolut nichts preis. Ruhig legte er seine langen
Finger auf seinen gewölbten Bauch. »Eben dieses«, entgegnete er. »Ihr historisches
Wissen ist bemerkenswert.«
»Ich danke Ihnen«, sagte sie entgegenkommend. »Korrigieren Sie mich,
wenn ich mich irre, aber Geschichtswissen hin oder her ich glaube mich erinnern zu
können, dass das Bundesimperium vor, ... etwa tausend Jahren zusammengebrochen ist.
Und dass damit auch das ÖPK verschwand aufgelöst, zurückberufen nach Prometheus
oder zur Alten Erde, im Kampf zerstört, aus dem von Menschen besiedelten Raum geflohen,
was auch immer. Natürlich, die Prometheaner verfügen noch immer über einen Haufen alter
Biotechnologie, heißt es. Hier draußen kommen nicht viele Prometheaner vorbei, also kann
ich das nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber sie reagieren ein bisschen misstrauisch, wenn
es darum geht, ihr Wissen in irgend einer Form weiterzugeben, habe ich gehört. So, lassen
Sie mich mal sehen, ob ich das jetzt richtig verstanden habe. Sie haben ein voll
funktionstüchtiges, tausend Jahre altes ÖPK-Saatschiff, das Sie einfach so gefunden
haben, Sie sind die einzige Person an Bord, und das Schiff gehört Ihnen?«
»Korrekt«, sagte Haviland Tuf.
Sie grinste. »Und ich bin die Kaiserin des Krebsnebels.«
Tufs Gesicht blieb ausdruckslos. »Ich fürchte, ich bin mit der
falschen Person verbunden worden. Ich hatte darum gebeten, mit dem Hafenmeister von
Suthlam zu sprechen.«
Sie gönnte sich noch einen Spritzer Bier. »Ich bin die verdammte
Hafenmeisterin!«, bellte sie. »Schluss mit diesem himmelschreienden Unsinn, Tuf! Sie
sitzen da draußen in einem Ding, das mir verdächtig nach einem Kriegsschiff aussieht und
dreißigmal größer ist als das größte so genannte Schlachtschiff in unserer so
genannten Planetaren Verteidigungsflottille, und Sie machen verdammt viele Leute äußerst
nervös. Die Hälfte der Erdwürmer in den großen Hotels denkt, dass Sie ein Alien sind,
das gekommen ist, um uns die Luft zu stehlen und unsere Kinder zu fressen, und die andere
Hälfte ist sich nicht sicher, ob Sie ein Spezialeffekt sind, den wir aufmerksamerweise zu
ihrer Unterhaltung bereitgestellt haben. Hunderte von denen leihen sich gerade Anzüge und
Vakuumschlitten aus, und in ein paar Stunden werden die alle über Ihren Rumpf krabbeln.
Meine Leute wissen genausowenig, was zum Teufel sie von Ihnen halten sollen. Also kommen
Sie verdammt noch mal zur Sache, Tuf. Was wollen Sie?«
»Ich bin enttäuscht«, sagte Tuf. »Ich bin unter großen
Schwierigkeiten hierher geeilt, um die Spinnerets und Cybertechs von Port Suthlam zu
konsultieren, deren Können weithin berühmt ist und die in Bezug auf ehrbares und
moralisches Handeln niemandem nachstehen. Ich hatte nicht erwartet, mit Ablehnung und
unbegründeten Verdächtigungen konfrontiert zu werden. Ich möchte gewisse Umbauten und
Reparaturen durchführen lassen, sonst nichts.«
Tolly Mune hörte nur mit halbem Ohr zu. Sie starrte auf die Füße der
holografischen Projektion. Dort war plötzlich ein kleines, haariges, schwarzweißes Ding
erschienen war. »Tuf«, sagte sie, und ihre Kehle war ein wenig trocken. »Entschuldigen
Sie bitte, aber irgendein gottverdammter Schädling reibt sich da an Ihrem Bein.« Sie
nuckelte an ihrem Bier.
Haviland Tuf beugte sich nach unten und nahm das Tier auf den Arm.
»Katzen kann man nicht direkt zu den Schädlingen zählen, Hafenmeisterin Mune«, sagte
er. »Die Katze ist sogar ein erbarmungsloser Feind der meisten Schädlinge und Parasiten,
und dies ist nur eine der vielen faszinierenden und nützlichen Eigenschaften dieser
erstaunlichen Spezies. Ist Ihnen bekannt, dass die Menschheit einst Katzen als Gottheiten
verehrte? Das ist Gomorrha.«
Die Katze begann ein tiefes, rumpelndes Geräusch von sich zu geben, als
Tuf sie in die Beuge eines massigen Arms legte und langsam und gleichmäßig über ihr
schwarzweißes Fell strich.
»Oh«, sagte sie. »Ein ... Haustier ... kann man das so sagen? Die
einzigen Tiere auf Suthlam sind Fleischlieferanten, aber wir haben Besucher, die
Haustiere besitzen. Lassen Sie Ihre ... Katze, nicht wahr?«
»In der Tat«, sagte Tuf.
»Gut, lassen Sie sie nicht vom Schiff. Ich erinnere mich an das eine
Mal, als ich stellvertretende HM war, da passierte uns der schönste Schlamassel ...
Irgendeine verdammte Fliege verlor ihr beschissenes Haustier zur gleichen Zeit, als dieser
Aliengesandte uns besuchte, und unsere Sicherheitsleute machten einen Fehler nach dem
anderen. Sie würden nicht glauben, wie aufgebracht alle waren.«
»Die Leute sind oft zu leicht erregbar«, sagte Haviland Tuf.
»An was für Umbauten und Reparaturen hatten Sie gedacht?«
Tuf antwortete mit einem schwerfälligen Schulterzucken. »Ein paar
Kleinigkeiten für Experten, die so fähig sind wie die Ihren zweifellos leicht
auszuführen. Wie Sie schon bemerkt haben, ist die Arche in der Tat ein
ausgesprochen altes Schiff, und die Unbeständigkeiten des Krieges und die Jahrhunderte
der Verwahrlosung haben ihre Spuren hinterlassen. Ganze Decks und Sektoren sind ohne
Energie und funktionieren nicht mehr. Sie sind so stark beschädigt, dass die
bemerkenswerten Selbstinstandsetzungskapazitäten des Schiffes nicht mehr ausgereicht
haben. Ich möchte, dass diese Teile des Schiffes repariert und vollständig
wiederhergestellt werden.
Darüber hinaus verfügte die Arche, wie Sie vielleicht aus
Ihren historischen Studien wissen, einst über eine zweihundert Mann starke Besatzung. Das
Schiff ist ausreichend automatisiert, so dass ich in der Lage war, es allein zu steuern
allerdings nicht ohne gewisse Unannehmlichkeiten, wie ich gestehen muss. Die
Hauptsteuerzentrale auf der Brücke des Turms ist eine ermüdende Tagestour von meinen
Wohnquartieren entfernt. Die Brücke selbst ist mir für meine Zwecke zu ineffizient
gestaltet und zwingt mich dazu, ständig von einer Arbeitsstation zur nächsten zu laufen,
um die Vielzahl der komplexen Aufgaben zu bewältigen, die erforderlich sind, um das
Schiff zu betreiben. Gewisse andere Funktionen zwingen mich dazu, die Brücke gänzlich zu
verlassen und in der ungeheuerlichen Weite des Schiffes hin und her zu wandern. Wieder
andere Aufgaben konnte ich gar nicht ausführen, weil ich dafür an zwei Orten, die
kilometerweit voneinander entfernt auf verschiedenen Decks liegen, gleichzeitig hätte
sein müssen. In der Nähe meiner Wohnquartiere liegt ein kleiner, recht komfortabler
zusätzlicher Kommunikationsraum, der voll funktionsfähig zu sein scheint. Ich hätte
gern, dass Ihre Cybertechs das Kommandosystem so umprogrammieren und umgestalten, dass ich
in Zukunft in der Lage bin, alles von dort aus zu erledigen, ohne den anstrengenden
Tagesmarsch zur Brücke unternehmen zu müssen ja sogar ohne meinen Sessel zu
verlassen.
Von diesen größeren Aufgaben einmal abgesehen habe ich noch ein paar
kleinere Änderungen im Sinn. Einige unbedeutende Modernisierungen vielleicht. Der Einbau
einer Küche mit einer vollständigen Auswahl an Gewürzen und Aromen, und eine große
Rezeptbibliothek, so dass ich mich etwas abwechslungsreicher und gaumenfreundlicher
beköstigen kann als mit der furchtbaren Armeenahrung, auf die die Arche derzeit
programmiert ist. Eine große Auswahl an Bieren und Weinen und die Apparaturen, die
notwendig sind, um zukünftig während längerer Reisen durch den Raum meinen eigenen
Vorrat zu brauen. Die Aufstockung meiner bestehenden Unterhaltungsmöglichkeiten durch die
Anschaffung einiger Bücher, Holospiele und Musik-Chips aus diesem Jahrtausend. Ein paar
neue Sicherheitsprogramme. Andere unbedeutende, winzige Änderungen. Ich werde Ihnen eine
Liste zukommen lassen.«
Tolly Mune hörte ihm erstaunt zu. »Gottverdammt«, sagte sie, als er
fertig war. »Sie besitzen wirklich ein verlassenes ÖPK-Saatschiff, nicht wahr?«
»In der Tat«, sagte Haviland Tuf. Ein bisschen eingebildet, dachte sie
und grinste. »Ich möchte mich entschuldigen. Ich werde eine Mannschaft von Spinnerets
und Cybertechs zusammenstellen, sie zu Ihnen rüberschicken, damit sie sich das Ganze
anschauen, und dann werden wir Ihnen einen Kostenvoranschlag erstellen. Aber rechnen sie
nicht damit, dass das bis übermorgen erledigt ist. Das ist ein großes Schiff, und es
wird eine Weile dauern, bis die Techniker sich damit zurechtfinden werden. Ich werde auch
ein paar Sicherheitskräfte postieren, sonst werden bald alle möglichen Schaulustigen
durch Ihre Gänge trampeln und Souvenirs mitgehen lassen.« Nachdenklich sah sie sein
Hologramm von oben bis unten an. »Ich brauche Sie, um meine Leute einzuweisen und ihnen
zu sagen, wos langgeht. Danach wäre es besser, wenn Sie ihnen aus dem Weg gehen
würden, damit sie in Ruhe Amok laufen können. Sie können diese verdammte Monstrosität
nicht ins Netz bringen, dummerweise ist sie zu groß. Haben Sie eine Möglichkeit, da
rauszukommen?«
»Die Arche ist großzügig mit Shuttles ausgestattet, die alle
funktionsfähig sind«, sagte Haviland Tuf. »Aber ich habe wenig Lust, mein behagliches
Quartier zu verlassen. Sicher ist mein Schiff groß genug, so dass meine Anwesenheit Ihre
Leute nicht ernsthaft behindert.«
»Zur Hölle, Sie wissen das und ich weiß das, aber sie arbeiten
besser, wenn sie nicht denken, dass ihnen jemand über die Schulter schaut«, sagte Tolly
Mune. »Außerdem denke ich, dass Sie vielleicht auch mal aus dieser Blechdose rauswollen.
Wie lange sind Sie jetzt allein dort eingeschlossen?«
»Mehrere Standardmonate«, gab Tuf zu, »auch wenn ich nicht ganz
allein bin. Ich erfreue mich der Gesellschaft meiner Katzen und habe Spaß daran, die
Fähigkeiten der Arche auszuloten und mein Wissen über ökologische Technologien
zu erweitern. Allerdings werde ich Ihr Argument in Betracht ziehen vielleicht ist
ein wenig Erholung wirklich angebracht. Man sollte die Gelegenheit, ein neue Küche zu
kosten, stets wahrnehmen.«
»Warten Sie, bis Sie suthlamesisches Bier probiert haben! Und der
Hafen bietet auch andere Möglichkeiten der Zerstreuung Trainingszentren, Hotels,
Sportanlagen, Drogenhöhlen, Sensorien, Sexsalons, Livetheater, Spielhallen.«
»Mit manchen Spielen kenne ich mich durchaus aus«, sagte Tuf.
»Und es gibt touristische Angebote«, fuhr Tolly Mune fort. »Sie
können einfach mit den Röhrenzügen den Fahrstuhl runter zur Oberfläche fahren, und
alle Bezirke Suthlams gehören Ihnen.«
»Tatsächlich«, sagte Tuf. »Sie haben mich überzeugt, Hafenmeisterin
Mune. Ich fürchte, ich bin von Natur aus neugierig. Das ist meine große Schwäche.
Unglücklicherweise schließen meine Mittel einen längeren Aufenthalt aus.«
»Machen Sie sich darüber keine Sorgen«, entgegnete sie lächelnd.
»Wir schlagen das einfach auf Ihre Reparaturrechnung drauf und rechnen später ab. Und
jetzt steigen Sie in Ihr gottverdammtes Shuttle und kommen zu ... lassen Sie mal sehen
... Dock neun-elf ist frei. Besichtigen Sie zuerst das Spinnennest, und dann nehmen
Sie den Zug nach unten. Sie werden eine gottverdammte Sensation sein. Sie sind schon in
den Nachrichten, wissen Sie. Die Erdwürmer und die Fliegen werden Sie nicht mehr in Ruhe
lassen.«
»Ein verdorbenes Stück Fleisch mag diese Aussicht anziehend finden«,
sagte Haviland Tuf. »Ich jedoch nicht.«
»Nun«, sagte die Hafenmeisterin, »dann bleiben Sie eben inkognito.«
Teil 2 von »Brot
und Fische«  |
 |