Teil 2

Kurz nachdem Haviland Tuf sich für die Reise nach unten festgeschnallt hatte, schob
der Steward im Röhrenzug einen Wagen mit Getränken heran. Tuf hatte in den Restaurants
des Spinnennestes suthlamesisches Bier probiert und fand es dünn, wässrig und
bemerkenswert geschmacklos. »Beinhaltet Ihr Angebot eventuell auch einige
Gerstenprodukte, die auf anderen Planeten gebraut wurden?«, fragte er. »Wenn dem so ist,
würde ich sehr gern eines erwerben.«
»Sicher«, sagte der Steward. Er griff in den Wagen und brachte eine
Saugblase mit einer dunkelbraunen Flüssigkeit zum Vorschein. Darauf prangte ein kursiver
Schriftzug, den Tuf als ShanDellar-Schrift erkannte. Ein Kartenlesegerät wurde gereicht,
und Tuf schob seine Kreditkarte hinein. Die suthlamesische Währung war die Kalorie;
der Preis für die Blase betrug allerdings fast das Viereinhalbfache des tatsächlichen
Kaloriengehaltes des Biers. »Importkosten«, erklärte der Steward.
Tuf saugte mit großer Würde an der Blase, während der Röhrenzug den
Fahrstuhl zur Oberfläche des Planeten hinuntersauste. Es war keine komfortable Reise.
Haviland Tuf hatte die Preise für Plätze der Sternenklasse unerschwinglich hoch gefunden
und sich daher mit der Premiumklasse zufrieden gegeben, der nächstbesten, die verfügbar
war nur um festzustellen, dass er in einen Sitz gequetscht wurde, der anscheinend
für ein suthlamesisches Kind entworfen worden war (ein kleines
suthlamesisches Kind) und der in einer Reihe von acht gleichartigen Sitzen stand,
die durch einen schmalen Mittelgang getrennt waren.
Pures Glück hatte ihm zu einm Sitz am Gang verholfen; Tuf hegte ernste
Zweifel, ob er die Reise ohne diese Platzierung überhaupt hätte unternehmen können.
Sogar hier war es unmöglich, sich zu bewegen, ohne den nackten dünnen Arm der Frau zu
seiner Linken zu streifen, eine Berührung, die Tuf äußerst unangenehm fand. Wenn er in
der für ihn gewohnten Weise dasaß, stieß sein Kopf gegen die Decke, also war er
gezwungen, sich zusammenzukauern und einen ärgerlich steifen Nacken hinzunehmen. Weiter
hinten im Röhrenzug befanden sich die Sitze der ersten, zweiten und dritten Klasse. Tuf
entschloss sich, deren zweifelhaften Komfort um jeden Preis zu vermeiden.
Als die Reise nach unten begann, zog sich die Mehrheit der Passagiere
Abschirmhelme über den Kopf und wählte die gewünschte persönliche Zerstreuung. Das
Angebot, so bemerkte Haviland Tuf, bestand aus drei verschiedenen Musikprogrammen, einem
historischen Drama, zwei Schleifen mit erotischen Fantasien, einem Geschäfts-Interface,
etwas, das als »geometrische Pavane« aufgeführt war, und der direkten Stimulation des
Lustzentrums im Gehirn. Tuf zog in Betracht, die geometrische Pavane zu erkunden, bis er
bemerkte, dass der Privatsphärenhelm für seinen Kopf zu klein war sein Schädel
war für suthlamesische Verhältnisse übermäßig groß und lang.
»Bist du die große Fliege?«, fragte eine Stimme von der anderen Seite
des Ganges.
Tuf wandte sich um. Die Suthlamesen saßen in stiller Isolation,
die Köpfe von den dunklen, augenlosen Helmen eingeschlossen. Abgesehen von einer Gruppe
von Stewards weiter hinten im Wagen war der Mann im Sitz auf der anderen Seite des Ganges
und eine Reihe hinter ihm der einzige Passagier, der immer noch in der realen Welt weilte.
Langes, geflochtenes Haar, kupferfarbene Haut und rundliche, fleischige Wangen
brandmarkten ihn ebenso als Außenweltler wie Tuf selbst. »Die große Fliege, nicht
wahr?«
»Ich bin Haviland Tuf, ein ökologischer Ingenieur.«
»Ich wusste, dass Sie ne Fliege sind«, sagte der Mann. »Ich
auch. Ich bin Ratch Norren, von Vandeen.« Er hielt ihm eine Hand hin.
Haviland Tuf betrachtete die Hand. »Das uralte Ritual des
Händeschüttelns ist mir vertraut, mein Herr. Mir ist aufgefallen, dass Sie keine Waffen
tragen. Soweit ich weiß, sollte dieser Brauch ursprünglich diese Tatsache unter Beweis
zu stellen. Ich bin ebenfalls unbewaffnet. Sie können Ihre Hand nun zurücknehmen, wenn
Sie so freundlich wären.«
Ratch Norren grinste und zog seinen Arm zurück. »Sie sind n
komischer Kauz«, sagte er.
»Mein Herr«, sagte Haviland Tuf. »Ich bin weder ein komischer Kauz
noch eine große Fliege. Ich würde meinen, dass dies für jede Person von normaler
menschlicher Intelligenz offensichtlich ist. Vielleicht gelten auf Vandeen andere
Maßstäbe.«
Ratch Norren langte nach oben und kniff sich in die Wange. Es war eine
runde, volle, fleischige Wange, bedeckt mit rotem Puder, und er verpasste ihr einen guten,
kräftigen Kniff. Tuf entschied, dass dies entweder ein besonders perverser Tick oder eine
vandeenische Geste war, deren Bedeutung ihm unbekannt war. »Diese Fliegensache«, sagte
der Mann, »das ist nur Spinneret-Geplapper. Eine Redensart. Die nennen alle Außenweltler
Fliegen.«
»Tatsächlich«, sagte Tuf.
»Sie sind doch der, der mit diesem riesigen Kriegsschiff angekommen
ist, nicht wahr? Der in allen Nachrichten war?« Norren wartete nicht auf eine Antwort.
»Warum tragen Sie diese Perücke.«
»Ich reise inkognito«, sagte Haviland Tuf, »obwohl Sie meine Tarnung
anscheinend durchschaut haben, mein Herr.«
Norren kniff sich wieder in die Wange. "Nennen Sie mich Ratch«,
sagte er und sah Tuf von oben bis unten an. »Ziemlich miese Tarnung, muss ich schon
sagen. Perücke oder nicht, sie sind immer noch ein großer fetter Riese mit der Hautfarbe
eines Pilzes.«
»In Zukunft werde ich Make-up auflegen«, sagte Tuf.
»Glücklicherweise verfügt keiner der einheimischen Suthlamesen über Ihre
Scharfsinnigkeit.«
»Die sind nur zu höflich, etwas zu sagen. So ist das eben auf
Suthlam. Es gibt so viele von ihnen. Die meisten können sich keine wirkliche
Privatsphäre leisten, also ist es ihnen wichtig, sie vorzutäuschen. Sie werden in der
Öffentlichkeit keinerlei Notiz von Ihnen nehmen, bis Sie selbst bemerkt werden wollen.«
Haviland Tuf sagte: »Die Einwohner von Port Suthlam, denen ich
bisher begegnet bin, schienen weder übermäßig zurückhaltend zu sein noch sich mit
übermäßigen Verhaltensregeln herumzuschlagen.«
»Die Spinnerets sind anders«, entgegnete Ratch Norren leichthin. »Da
oben geht es lockerer zu. Lassen Sie sich von mir einen kleinen Rat geben. Verkaufen Sie
ihr Schiff nicht hier, Tuf. Bringen Sie es nach Vandeen. Wir würden Ihnen einen
wesentlich besseren Preis dafür zahlen.«
»Ich beabsichtige nicht, die Arche zu verkaufen«, entgegnete
Tuf.
»Sie brauchen nicht mit mir zu schachern«, sagte Norren. »Ich
verfüge sowieso nicht über die Autorität, es zu kaufen. Oder über das Geld. Ich
wünschte, ich hätte es.« Er lachte. »Fliegen Sie einfach nach Vandeen und kontaktieren
Sie unseren Koordinierungsvorstand. Sie werden es nicht bereuen.« Er schaute sich um, als
wollte er nachsehen, ob die Stewards weit genug entfernt waren und die anderen Passagiere
immer noch unter ihren Abschirmhelmen träumten. Dann senkte er die Stimme zu einem
verschwörerischen Flüstern. »Nebenbei bemerkt: Selbst wenn der Preis keine Rolle
spielen sollte ich habe gehört, dass Ihr Kriegsschiff über einen Antrieb der
Albtraumklasse verfügt, stimmts? Sie wollen doch den Suthlamesen keine solche
Macht in die Hände geben. Ohne Quatsch, ich liebe sie, wirklich, ich komme regelmäßig
geschäftlich hierher, und sie sind gute Leute, wenn man einen oder zwei von ihnen alleine
trifft. Aber es gibt so viele von ihnen, Tuffy, und sie gebären und gebären und
gebären wie gottverdammte Nagetiere. Sie werden schon sehen. Vor ein paar Jahrhunderten
gab es genau aus diesem Grund einen örtlich beschränkten Krieg. Die Suthies haben
überall Kolonien gegründet und sich jedes Stückchen Land gegriffen, das sie bekommen
konnten. Auch wenn dort zufällig jemand anders lebte, die Suthies waren einfach ruck,
zuck in der Überzahl. Wir haben dem schließlich ein Ende bereitet.«
»Wir?«, fragte Haviland Tuf.
»Offiziell Vandeen, Skyrmir, Henrys Welt und Jazbo, aber wir hatten
Hilfe von einer Menge Neutraler, müssen Sie wissen. Der Friedensvertrag beschränkte die
Suthlamesen auf ihr eigenes Sonnensystem. Aber wenn Sie ihnen Ihr Höllenschiff
geben, könnten sie vielleicht wieder ausbrechen.«
»Ich war der Meinung, die Suthlamesen seien überaus ehrbare und
moralische Leute.«
Ratch Norren kniff sich wieder in die Wange. »Ehrbar, moralisch,
sicher, sicher. Großartige Leute, um Handel mit ihnen zu treiben, und die Mädels kennen
einige heiße erotische Tricks. Ich sage Ihnen, ich habe hundert Suthie-Freunde, und ich
liebe jeden einzelnen von ihnen. Aber allein die haben inzwischen schon ungefähr tausend
Kinder. Diese Leute vermehren sich in rasendem Tempo, das ist das Problem, Tuf, hören Sie
auf Ratch. Das sind alle Lebensjünger, wissen Sie.«
»Tatsächlich«, sagte Haviland Tuf. »Und was, wenn ich fragen darf,
ist ein Lebensjünger?«
»Lebensjünger«, wiederholte Norren ungeduldig. »Anti-Entropisten,
Kinder-Kultler, Helix-Ficker, Genpool-Planscher. Religiöse Fanatiker, Tuffy, religiöse
Irre.« Er wäre noch fortgefahren, aber der Steward kam gerade in diesem Moment mit
seinem Getränkewagen den Gang herunter. Norren zog sich wieder auf seinen Sitz zurück
und Haviland Tuf hob einen langen, blassen Finger, um die Aufmerksamkeit des Stewards auf
sich zu lenken. »Ich möchte noch eine Blase, wenn Sie so freundlich wären«, sagte er.
Den Rest der Reise hockte er ruhig auf seinem Sitz und saugte nachdenklich an seinem Bier.
Tolly Mune schwebte im Durcheinander ihres Zimmer, trank und dachte nach. Eine Wand
bildete einen riesigen Videoschirm, sechs Meter lang und drei Meter hoch. Üblicherweise
programmierte Tolly ihn so, dass er Landschaftspanoramen zeigte. Ihr gefiel es, ein
Fenster zu haben, das die Aussicht auf die hohen, kühlen Berge von Skyrmir bot oder auf
die trockenen Canyons von Vandeen mit ihren gewundenen Wildwasserflüssen oder die
endlosen Lichter von Suthlam selbst, die sich über die Nacht verteilten, der
glänzende Silberturm, der die Basis des Fahrstuhls bildete und der höher und höher und
höher in den dunklen und mondlosen Himmel stieg und sogar die vier Kais hohen
Sternenklassen-Turmhäuser deutlich überragte.
Aber heute Nacht hatte sie eine Sternenlandschaft auf ihrer Wand
ausgebreitet, und dagegen hob sich grimmig, metallisch und erhaben das riesige Raumschiff
namens Arche ab. Sogar ein so großer Bildschirm wie der ihre eine der
Vergünstigungen ihres Status als Hafenmeisterin konnte die wahren Ausmaße des
Schiffes nicht wiedergeben.
Und die Dinge, die es repräsentierte die Hoffnungen, die
Gefahren waren unvergleichlich größer als die Arche selbst, das wusste
Tolly Mune.
Sie hörte das Summen der Komm-Einheit. Der Computer hätte sie nicht
gestört, wäre es nicht der Anruf gewesen, den sie erwartet hatte. »Ich nehme ihn
entgegen«, sagte sie. Die Sterne verschwanden, die Arche verschwand, und der
Videoschirm zeigte für einen Moment ineinander zerfließende Farben, die schließlich das
Gesicht des Obersten Ratsherren Josen Rael bildeten, des Führers der Mehrheit des Hohen
Planetaren Rates.
»Hafenmeisterin Mune«, sagte er. In der unbarmherzigen Vergrößerung
konnte sie die ganze Anspannung in seinem langen Nacken, das Verkniffene seiner dünnen
Lippen, das harte Glitzern in seinen dunkelbraunen Augen erkennen. Sein runder, haarloser
Schädel war gepudert, und trotzdem kam er ins Schwitzen.
»Ratsherr Rael«, entgegnete sie. »Es freut mich, dass Sie anrufen.
Haben Sie den Bericht durchgesehen?«
»Ja. Ist die Leitung sicher?«
»Natürlich«, sagte sie. »Sprechen Sie offen.«
Er seufzte. Josen Rael war in der planetaren Politik seit einem Jahrzent
eine Institution. Zuerst hatte er als Kriegsrat für Schlagzeilen gesorgt, später war er
zum Landwirtschaftsrat aufgestiegen, und seit vier Standardjahren war er der Führer der
größten Fraktion im Rat, der Technokraten, und entsprechend der mit Abstand mächtigste
Mann auf Suthlam. Die Macht hatte ihn alt, hart und müde werden lassen, und so wie
heute hatte Tolly Mune ihn noch nie gesehen. »Sie sind also sicher, dass Ihre Daten
stimmen?«, fragte er. »Ihre Leute haben keinen Fehler gemacht? Das ist zu wichtig, um
einen Fehler zu machen, das muss ich Ihnen wohl nicht erst sagen. Das ist wirklich ein
ÖPK-Saatschiff?«
»Verdammt richtig«, sagte Tolly Mune. »Es ist beschädigt und in
schlechtem Zustand, ja, aber das beschissene Ding ist immer noch mehr oder weniger
funktionsfähig, und die Zellbibliothek ist intakt. Wir haben sie durchgecheckt.«
Rael fuhr sich mit langen, gespreizten Fingern durch das dünner
werdende weiße Haar. »Ich sollte mich wohl freuen. Wenn das hier vorbei ist, werde ich
für die Nachrichten so tun müssen, als würde ich mich freuen. Aber im Moment muss ich
unablässig an die Gefahren denken. Wir haben eine Ratssitzung abgehalten. Unter
Ausschluss der Öffentlichkeit. Wir können nicht riskieren, dass zu viel durchsickert,
bevor die Angelegenheit geregelt ist. Der Rat war sich im Großen und Ganzen einig
Technokraten, Expansionisten, Zeros, die Kirchenpartei, die Randgruppenfraktion.« Er
lachte. »Während meiner ganzen Dienstjahre habe ich noch nie eine solche Einmütigkeit
erlebt. Hafenmeisterin Mune, wir müssen dieses Schiff haben.«
Tolly Mune hatte gewusst, dass das kommen würde. Sie wäre nicht so
lange Hafenmeisterin geblieben, wenn sie die politischen Rangeleien dort unten nicht
durchschaut hätte. Suthlam steckte schon seit sie denken konnte in endlosen Krisen.
»Ich werde versuchen, es für Sie zu kaufen«, sagte sie. »Dieser Haviland Tuf hat sich
ursprünglich als unabhängiger Händler durchgeschlagen, bevor er über die Arche
gestolpert ist. Meine Leute haben sein altes Schiff auf dem Landedeck gefunden, und es ist
in schrecklichem Zustand. Händler sind gierige Missgeburten, ausnahmslos. Das sollten wir
ausnutzen können.«
»Bieten Sie ihm an, was immer notwenig ist«, sagte Josen Rael. »Haben
Sie verstanden, Hafenmeisterin? Sie verfügen über ein unbegrenztes Budget.«
»Verstanden«, sagte Tolly Mune. Aber da war noch eine andere Frage
offen. »Und wenn er nicht verkaufen will?«
Josen Rael zögerte. »Schwierig«, murmelte er. »Er muss verkaufen.
Eine Weigerung wäre tragisch. Nicht für diesen Mann, aber vielleicht für uns.«
»Wenn er nicht verkaufen will?«, wiederholte Tolly Mune. »Ich muss
die Alternativen kennen.«
»Wir müssen das Schiff haben«, sagte Rael. »Wenn sich dieser Tuff
als unvernünftig erweist, lässt er uns keine Wahl. Der Hohe Rat wird sein
Enteignungsrecht wahrnehmen und das Schiff konfiszieren. Der Mann erhält natürlich eine
Entschädigung.«
»Verdammt. Sie reden davon, das Schiff mit Gewalt zu übernehmen.«
»Nein«, sagte Josen Rael. »Alles würde sich im Rahmen der Gesetze
abspielen das habe ich überprüft. Im Notfall muss das Recht auf Privateigentum
dem Wohl der Mehrheit weichen.«
»Ach, verdammt und zugenäht, das ist eine scheinheilige Begründung,
Josen«, sagte Tolly Mune. »Als Sie hier oben waren, hatten Sie mehr gesunden
Menschenverstand. Was haben die da unten mit Ihnen angestellt?«
Er schnitt eine Grimasse, und für einen kurzen Augenblick sah er ein
bisschen aus wie jener junge Mann, der ein Jahr lang an ihrer Seite gearbeitet hatte, als
sie stellvertretende Hafenmeisterin war und er dritter Assistenzadministrator für
interstellaren Handel. Dann schüttelte er den Kopf, und der alte, müde Politiker war
wieder da. »Ich fühle mich nicht gut bei der Sache, Ma«, sagte er. »Aber welche Wahl
haben wir? Ich habe Hochrechnungen gesehen. Massenhungersnöte in den nächsten
siebenundzwanzig Jahren, wenn sich nicht etwas grundlegend verändert, und das sehe ich
nicht. Bevor es dazu kommt, werden die Expansionisten die Macht zurückgewinnen, und hier
herrscht vielleicht wieder Krieg. Wie auch immer, Millionen werden sterben
Milliarden vielleicht. Was sind die Rechte dieses einen Mannes dagegen?«
»Da widerspreche ich Ihnen nicht, Josen, aber es gibt andere, die das
tun würden, das wissen Sie. Aber keine Sorge. Sie möchten praktisch sein ich
werde Ihnen ein paar gottverdammt praktische Dinge zum Nachdenken geben. Selbst wenn wir
dieses Schiff von Tuf legal kaufen, werden uns die Vandeeni und Skyrmir und der
Rest der Alliierten die Hölle heiß machen, auch wenn ich bezweifle, dass sie irgendwas
unternehmen werden. Wenn wir uns das Schiff jedoch gewaltsam unter den Nagel reißen, ist
das etwas ganz anderes. Sie könnten es eventuell als Piraterie bezeichnen. Sie könnten
die Arche zum Kriegsschiff erklären was sie ja nebenbei gesagt auch war,
und ein beschissener Weltenzerstörer dazu und sagen, wir würden den Vertrag
verletzen, und dann wären sie wieder hinter uns her.«
»Ich werde persönlich mit ihren Gesandten sprechen«, sagte Josen Rael
müde. »Ich werde ihnen versichern, dass das Kolonialisierungsprogramm nicht wieder
aufgenommen wird, so lange die Technokraten an der Macht sind.«
»Und die werden Ihren das abnehmen? Das glauben Sie doch selbst nicht.
Können Sie ihnen zusichern, dass die Technokraten niemals die Macht verlieren
werden? Wie wollen Sie das anstellen? Gedenken Sie, die Arche zu benutzen, um
eine wohltätige Diktatur aufrecht zu erhalten?«
Der Ratsherr presste fest die Lippen zusammen, und ein Anflug von Rot
kroch seinen langen, dunklen Nacken empor. »Sie kennen mich besser. Zugegeben, es ist
nicht ungefährlich. Das Schiff ist tatsächlich ein außerordentliches Machtmittel.
Lassen Sie uns das nicht vergessen. Wenn die Alliierten gegen uns mobil machen, werden wir
die Trumpfkarte in der Hand halten.«
»Unsinn«, sagte Tolly Mune. »Es muss repariert werden, und wir
müssen es erst einmal beherrschen lernen. Die entsprechende Technologie ist seit
Jahrtausenden verloren. Wir müssten sie monatelang studieren, vielleicht jahrelang, bevor
wir dieses gottverdammte Ding wirklich einsetzen könnten. Allerdings würden wir diese
Chance nie erhalten. Die Armada der Vandeeni würde uns innerhalb weniger Wochen
erreichen, um uns das Schiff abzunehmen, und die anderen würden nicht viel länger auf
sich warten lassen.«
»Nichts davon muss Sie kümmern, Hafenmeisterin«, sagte Josen Rael
kühl. »Der Hohe Rat hat das Thema in aller Ausführlichkeit diskutiert.«
»Versuchen Sie nicht, mich herumzukommandieren, Josen. Erinnern Sie
sich an die Zeit, als Sie Narco-Blaster genommen hatten und völlig breit waren? Sie
wollten nach draußen und herausfinden, wie schnell Urin im Weltraum kristallisiert? Ich
war diejenige, die Ihnen ausgeredet hat, sich den Pimmel abzufrieren, geschätzter Erster
Ratsherr. Putzen Sie sich Ihre beschissenen Ohren und hören Sie mir zu. Vielleicht ist
ein Krieg nicht meine Angelegenheit, aber der Handel ist es. Der Hafen ist unsere
Lebensader. Wir importieren im Augenblick dreißig Prozent unserer Rohkalorien ...«
»Vierunddreißig Prozent«, korrigierte Rael.
»Vierunddreißig Prozent«, stimmte Tolly Mune zu. »Und diese Zahl
steigt immer weiter, das wissen wir beide nur zu gut. Für diese Nahrungsmittel bezahlen
wir mit unserem technologischen Können sowohl mit Fertiggütern wie auch mit den
Gewinnen, die der Hafen abwirft. Wir versorgen, reparieren und bauen mehr Raumschiffe als
jeder andere Planet in diesem Sektor, und wissen Sie auch, warum? Weil ich mir meinen
beschissenen Arsch aufgerissen habe, um dafür zu sorgen, dass wir die Besten
sind. Tuf selbst hat das gesagt. Er ist wegen der Reparaturen hierher gekommen, weil wir
einen Ruf haben den Ruf, moralisch, ehrlich und fair zu sein und gute Arbeit zu
leisten. Was geschieht mit diesem Ruf, wenn wir sein beschissenes Schiff konfiszieren? Wie
viele andere Händler werden ihre Schiffe für Reparatur hierher bringen, wenn
wir uns einfach nehmen, was wir brauchen? Was wird aus meinem gottverdammten Hafen?«
»Es würde sicherlich eine nachteilige Wirkung haben«, gab Josen Rael
zu.
Tolly Mune bedachte ihn mit einem lauten, ordinären Geräusch. »Unsere
Wirtschaft wäre am Ende«, sagte sie unverblümt.
Rael schwitzte jetzt heftig. Die Feuchtigkeit rann seine breite, runde
Stirn herab. Er tupfte den Schweiß mit einem Taschentuch ab. »Dann müssen Sie dafür
sorgen, dass das nicht passiert, Hafenmeisterin Mune. Sie müssen dafür sorgen, dass es
nicht soweit kommt.«
»Wie?«
»Kaufen Sie die Arche«, sagte er. »Ich übertrage Ihnen
sämtliche Befugnisse, schließlich scheinen Sie die Situation so gut zu durchschauen.
Bringen Sie diesen Tuf zur Vernunft. Die Verantwortung liegt bei Ihnen.«
Er nickte, und der Schirm wurde schwarz.
Teil 3 von »Brot
und Fische«  |
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