ALIEN CONTACT
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George R. R. Martin

Brot und Fische

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<-- Teil 2 -->

Kurz nachdem Haviland Tuf sich für die Reise nach unten festgeschnallt hatte, schob der Steward im Röhrenzug einen Wagen mit Getränken heran. Tuf hatte in den Restaurants des Spinnennestes s’uthlamesisches Bier probiert und fand es dünn, wässrig und bemerkenswert geschmacklos. »Beinhaltet Ihr Angebot eventuell auch einige Gerstenprodukte, die auf anderen Planeten gebraut wurden?«, fragte er. »Wenn dem so ist, würde ich sehr gern eines erwerben.«
   »Sicher«, sagte der Steward. Er griff in den Wagen und brachte eine Saugblase mit einer dunkelbraunen Flüssigkeit zum Vorschein. Darauf prangte ein kursiver Schriftzug, den Tuf als ShanDellar-Schrift erkannte. Ein Kartenlesegerät wurde gereicht, und Tuf schob seine Kreditkarte hinein. Die s’uthlamesische Währung war die Kalorie; der Preis für die Blase betrug allerdings fast das Viereinhalbfache des tatsächlichen Kaloriengehaltes des Biers. »Importkosten«, erklärte der Steward.
   Tuf saugte mit großer Würde an der Blase, während der Röhrenzug den Fahrstuhl zur Oberfläche des Planeten hinuntersauste. Es war keine komfortable Reise. Haviland Tuf hatte die Preise für Plätze der Sternenklasse unerschwinglich hoch gefunden und sich daher mit der Premiumklasse zufrieden gegeben, der nächstbesten, die verfügbar war – nur um festzustellen, dass er in einen Sitz gequetscht wurde, der anscheinend für ein s’uthlamesisches Kind entworfen worden war (ein kleines s’uthlamesisches Kind) und der in einer Reihe von acht gleichartigen Sitzen stand, die durch einen schmalen Mittelgang getrennt waren.
   Pures Glück hatte ihm zu einm Sitz am Gang verholfen; Tuf hegte ernste Zweifel, ob er die Reise ohne diese Platzierung überhaupt hätte unternehmen können. Sogar hier war es unmöglich, sich zu bewegen, ohne den nackten dünnen Arm der Frau zu seiner Linken zu streifen, eine Berührung, die Tuf äußerst unangenehm fand. Wenn er in der für ihn gewohnten Weise dasaß, stieß sein Kopf gegen die Decke, also war er gezwungen, sich zusammenzukauern und einen ärgerlich steifen Nacken hinzunehmen. Weiter hinten im Röhrenzug befanden sich die Sitze der ersten, zweiten und dritten Klasse. Tuf entschloss sich, deren zweifelhaften Komfort um jeden Preis zu vermeiden.
   Als die Reise nach unten begann, zog sich die Mehrheit der Passagiere Abschirmhelme über den Kopf und wählte die gewünschte persönliche Zerstreuung. Das Angebot, so bemerkte Haviland Tuf, bestand aus drei verschiedenen Musikprogrammen, einem historischen Drama, zwei Schleifen mit erotischen Fantasien, einem Geschäfts-Interface, etwas, das als »geometrische Pavane« aufgeführt war, und der direkten Stimulation des Lustzentrums im Gehirn. Tuf zog in Betracht, die geometrische Pavane zu erkunden, bis er bemerkte, dass der Privatsphärenhelm für seinen Kopf zu klein war – sein Schädel war für s’uthlamesische Verhältnisse übermäßig groß und lang.
   »Bist du die große Fliege?«, fragte eine Stimme von der anderen Seite des Ganges.
   Tuf wandte sich um. Die S’uthlamesen saßen in stiller Isolation, die Köpfe von den dunklen, augenlosen Helmen eingeschlossen. Abgesehen von einer Gruppe von Stewards weiter hinten im Wagen war der Mann im Sitz auf der anderen Seite des Ganges und eine Reihe hinter ihm der einzige Passagier, der immer noch in der realen Welt weilte. Langes, geflochtenes Haar, kupferfarbene Haut und rundliche, fleischige Wangen brandmarkten ihn ebenso als Außenweltler wie Tuf selbst. »Die große Fliege, nicht wahr?«
   »Ich bin Haviland Tuf, ein ökologischer Ingenieur.«
   »Ich wusste, dass Sie ‘ne Fliege sind«, sagte der Mann. »Ich auch. Ich bin Ratch Norren, von Vandeen.« Er hielt ihm eine Hand hin.
   Haviland Tuf betrachtete die Hand. »Das uralte Ritual des Händeschüttelns ist mir vertraut, mein Herr. Mir ist aufgefallen, dass Sie keine Waffen tragen. Soweit ich weiß, sollte dieser Brauch ursprünglich diese Tatsache unter Beweis zu stellen. Ich bin ebenfalls unbewaffnet. Sie können Ihre Hand nun zurücknehmen, wenn Sie so freundlich wären.«
   Ratch Norren grinste und zog seinen Arm zurück. »Sie sind ‘n komischer Kauz«, sagte er.
   »Mein Herr«, sagte Haviland Tuf. »Ich bin weder ein komischer Kauz noch eine große Fliege. Ich würde meinen, dass dies für jede Person von normaler menschlicher Intelligenz offensichtlich ist. Vielleicht gelten auf Vandeen andere Maßstäbe.«
   Ratch Norren langte nach oben und kniff sich in die Wange. Es war eine runde, volle, fleischige Wange, bedeckt mit rotem Puder, und er verpasste ihr einen guten, kräftigen Kniff. Tuf entschied, dass dies entweder ein besonders perverser Tick oder eine vandeenische Geste war, deren Bedeutung ihm unbekannt war. »Diese Fliegensache«, sagte der Mann, »das ist nur Spinneret-Geplapper. Eine Redensart. Die nennen alle Außenweltler Fliegen.«
   »Tatsächlich«, sagte Tuf.
   »Sie sind doch der, der mit diesem riesigen Kriegsschiff angekommen ist, nicht wahr? Der in allen Nachrichten war?« Norren wartete nicht auf eine Antwort. »Warum tragen Sie diese Perücke.«
   »Ich reise inkognito«, sagte Haviland Tuf, »obwohl Sie meine Tarnung anscheinend durchschaut haben, mein Herr.«
   Norren kniff sich wieder in die Wange. "Nennen Sie mich Ratch«, sagte er und sah Tuf von oben bis unten an. »Ziemlich miese Tarnung, muss ich schon sagen. Perücke oder nicht, sie sind immer noch ein großer fetter Riese mit der Hautfarbe eines Pilzes.«
   »In Zukunft werde ich Make-up auflegen«, sagte Tuf. »Glücklicherweise verfügt keiner der einheimischen S’uthlamesen über Ihre Scharfsinnigkeit.«
   »Die sind nur zu höflich, etwas zu sagen. So ist das eben auf S’uthlam. Es gibt so viele von ihnen. Die meisten können sich keine wirkliche Privatsphäre leisten, also ist es ihnen wichtig, sie vorzutäuschen. Sie werden in der Öffentlichkeit keinerlei Notiz von Ihnen nehmen, bis Sie selbst bemerkt werden wollen.«
   Haviland Tuf sagte: »Die Einwohner von Port S’uthlam, denen ich bisher begegnet bin, schienen weder übermäßig zurückhaltend zu sein noch sich mit übermäßigen Verhaltensregeln herumzuschlagen.«
   »Die Spinnerets sind anders«, entgegnete Ratch Norren leichthin. »Da oben geht es lockerer zu. Lassen Sie sich von mir einen kleinen Rat geben. Verkaufen Sie ihr Schiff nicht hier, Tuf. Bringen Sie es nach Vandeen. Wir würden Ihnen einen wesentlich besseren Preis dafür zahlen.«
   »Ich beabsichtige nicht, die Arche zu verkaufen«, entgegnete Tuf.
   »Sie brauchen nicht mit mir zu schachern«, sagte Norren. »Ich verfüge sowieso nicht über die Autorität, es zu kaufen. Oder über das Geld. Ich wünschte, ich hätte es.« Er lachte. »Fliegen Sie einfach nach Vandeen und kontaktieren Sie unseren Koordinierungsvorstand. Sie werden es nicht bereuen.« Er schaute sich um, als wollte er nachsehen, ob die Stewards weit genug entfernt waren und die anderen Passagiere immer noch unter ihren Abschirmhelmen träumten. Dann senkte er die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. »Nebenbei bemerkt: Selbst wenn der Preis keine Rolle spielen sollte – ich habe gehört, dass Ihr Kriegsschiff über einen Antrieb der Albtraumklasse verfügt, stimmt’s? Sie wollen doch den S’uthlamesen keine solche Macht in die Hände geben. Ohne Quatsch, ich liebe sie, wirklich, ich komme regelmäßig geschäftlich hierher, und sie sind gute Leute, wenn man einen oder zwei von ihnen alleine trifft. Aber es gibt so viele von ihnen, Tuffy, und sie gebären und gebären und gebären wie gottverdammte Nagetiere. Sie werden schon sehen. Vor ein paar Jahrhunderten gab es genau aus diesem Grund einen örtlich beschränkten Krieg. Die Suthies haben überall Kolonien gegründet und sich jedes Stückchen Land gegriffen, das sie bekommen konnten. Auch wenn dort zufällig jemand anders lebte, die Suthies waren einfach ruck, zuck in der Überzahl. Wir haben dem schließlich ein Ende bereitet.«
   »Wir?«, fragte Haviland Tuf.
   »Offiziell Vandeen, Skyrmir, Henrys Welt und Jazbo, aber wir hatten Hilfe von einer Menge Neutraler, müssen Sie wissen. Der Friedensvertrag beschränkte die S’uthlamesen auf ihr eigenes Sonnensystem. Aber wenn Sie ihnen Ihr Höllenschiff geben, könnten sie vielleicht wieder ausbrechen.«
   »Ich war der Meinung, die S’uthlamesen seien überaus ehrbare und moralische Leute.«
   Ratch Norren kniff sich wieder in die Wange. »Ehrbar, moralisch, sicher, sicher. Großartige Leute, um Handel mit ihnen zu treiben, und die Mädels kennen einige heiße erotische Tricks. Ich sage Ihnen, ich habe hundert Suthie-Freunde, und ich liebe jeden einzelnen von ihnen. Aber allein die haben inzwischen schon ungefähr tausend Kinder. Diese Leute vermehren sich in rasendem Tempo, das ist das Problem, Tuf, hören Sie auf Ratch. Das sind alle Lebensjünger, wissen Sie.«
   »Tatsächlich«, sagte Haviland Tuf. »Und was, wenn ich fragen darf, ist ein Lebensjünger?«
   »Lebensjünger«, wiederholte Norren ungeduldig. »Anti-Entropisten, Kinder-Kultler, Helix-Ficker, Genpool-Planscher. Religiöse Fanatiker, Tuffy, religiöse Irre.« Er wäre noch fortgefahren, aber der Steward kam gerade in diesem Moment mit seinem Getränkewagen den Gang herunter. Norren zog sich wieder auf seinen Sitz zurück und Haviland Tuf hob einen langen, blassen Finger, um die Aufmerksamkeit des Stewards auf sich zu lenken. »Ich möchte noch eine Blase, wenn Sie so freundlich wären«, sagte er. Den Rest der Reise hockte er ruhig auf seinem Sitz und saugte nachdenklich an seinem Bier.

Tolly Mune schwebte im Durcheinander ihres Zimmer, trank und dachte nach. Eine Wand bildete einen riesigen Videoschirm, sechs Meter lang und drei Meter hoch. Üblicherweise programmierte Tolly ihn so, dass er Landschaftspanoramen zeigte. Ihr gefiel es, ein Fenster zu haben, das die Aussicht auf die hohen, kühlen Berge von Skyrmir bot oder auf die trockenen Canyons von Vandeen mit ihren gewundenen Wildwasserflüssen oder die endlosen Lichter von S’uthlam selbst, die sich über die Nacht verteilten, der glänzende Silberturm, der die Basis des Fahrstuhls bildete und der höher und höher und höher in den dunklen und mondlosen Himmel stieg und sogar die vier Kais hohen Sternenklassen-Turmhäuser deutlich überragte.
   Aber heute Nacht hatte sie eine Sternenlandschaft auf ihrer Wand ausgebreitet, und dagegen hob sich grimmig, metallisch und erhaben das riesige Raumschiff namens Arche ab. Sogar ein so großer Bildschirm wie der ihre – eine der Vergünstigungen ihres Status als Hafenmeisterin – konnte die wahren Ausmaße des Schiffes nicht wiedergeben.
   Und die Dinge, die es repräsentierte – die Hoffnungen, die Gefahren – waren unvergleichlich größer als die Arche selbst, das wusste Tolly Mune.
   Sie hörte das Summen der Komm-Einheit. Der Computer hätte sie nicht gestört, wäre es nicht der Anruf gewesen, den sie erwartet hatte. »Ich nehme ihn entgegen«, sagte sie. Die Sterne verschwanden, die Arche verschwand, und der Videoschirm zeigte für einen Moment ineinander zerfließende Farben, die schließlich das Gesicht des Obersten Ratsherren Josen Rael bildeten, des Führers der Mehrheit des Hohen Planetaren Rates.
   »Hafenmeisterin Mune«, sagte er. In der unbarmherzigen Vergrößerung konnte sie die ganze Anspannung in seinem langen Nacken, das Verkniffene seiner dünnen Lippen, das harte Glitzern in seinen dunkelbraunen Augen erkennen. Sein runder, haarloser Schädel war gepudert, und trotzdem kam er ins Schwitzen.
   »Ratsherr Rael«, entgegnete sie. »Es freut mich, dass Sie anrufen. Haben Sie den Bericht durchgesehen?«
   »Ja. Ist die Leitung sicher?«
   »Natürlich«, sagte sie. »Sprechen Sie offen.«
   Er seufzte. Josen Rael war in der planetaren Politik seit einem Jahrzent eine Institution. Zuerst hatte er als Kriegsrat für Schlagzeilen gesorgt, später war er zum Landwirtschaftsrat aufgestiegen, und seit vier Standardjahren war er der Führer der größten Fraktion im Rat, der Technokraten, und entsprechend der mit Abstand mächtigste Mann auf S’uthlam. Die Macht hatte ihn alt, hart und müde werden lassen, und so wie heute hatte Tolly Mune ihn noch nie gesehen. »Sie sind also sicher, dass Ihre Daten stimmen?«, fragte er. »Ihre Leute haben keinen Fehler gemacht? Das ist zu wichtig, um einen Fehler zu machen, das muss ich Ihnen wohl nicht erst sagen. Das ist wirklich ein ÖPK-Saatschiff?«
   »Verdammt richtig«, sagte Tolly Mune. »Es ist beschädigt und in schlechtem Zustand, ja, aber das beschissene Ding ist immer noch mehr oder weniger funktionsfähig, und die Zellbibliothek ist intakt. Wir haben sie durchgecheckt.«
   Rael fuhr sich mit langen, gespreizten Fingern durch das dünner werdende weiße Haar. »Ich sollte mich wohl freuen. Wenn das hier vorbei ist, werde ich für die Nachrichten so tun müssen, als würde ich mich freuen. Aber im Moment muss ich unablässig an die Gefahren denken. Wir haben eine Ratssitzung abgehalten. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wir können nicht riskieren, dass zu viel durchsickert, bevor die Angelegenheit geregelt ist. Der Rat war sich im Großen und Ganzen einig – Technokraten, Expansionisten, Zeros, die Kirchenpartei, die Randgruppenfraktion.« Er lachte. »Während meiner ganzen Dienstjahre habe ich noch nie eine solche Einmütigkeit erlebt. Hafenmeisterin Mune, wir müssen dieses Schiff haben.«
   Tolly Mune hatte gewusst, dass das kommen würde. Sie wäre nicht so lange Hafenmeisterin geblieben, wenn sie die politischen Rangeleien dort unten nicht durchschaut hätte. S’uthlam steckte schon seit sie denken konnte in endlosen Krisen. »Ich werde versuchen, es für Sie zu kaufen«, sagte sie. »Dieser Haviland Tuf hat sich ursprünglich als unabhängiger Händler durchgeschlagen, bevor er über die Arche gestolpert ist. Meine Leute haben sein altes Schiff auf dem Landedeck gefunden, und es ist in schrecklichem Zustand. Händler sind gierige Missgeburten, ausnahmslos. Das sollten wir ausnutzen können.«
   »Bieten Sie ihm an, was immer notwenig ist«, sagte Josen Rael. »Haben Sie verstanden, Hafenmeisterin? Sie verfügen über ein unbegrenztes Budget.«
   »Verstanden«, sagte Tolly Mune. Aber da war noch eine andere Frage offen. »Und wenn er nicht verkaufen will?«
   Josen Rael zögerte. »Schwierig«, murmelte er. »Er muss verkaufen. Eine Weigerung wäre tragisch. Nicht für diesen Mann, aber vielleicht für uns.«
   »Wenn er nicht verkaufen will?«, wiederholte Tolly Mune. »Ich muss die Alternativen kennen.«
   »Wir müssen das Schiff haben«, sagte Rael. »Wenn sich dieser Tuff als unvernünftig erweist, lässt er uns keine Wahl. Der Hohe Rat wird sein Enteignungsrecht wahrnehmen und das Schiff konfiszieren. Der Mann erhält natürlich eine Entschädigung.«
   »Verdammt. Sie reden davon, das Schiff mit Gewalt zu übernehmen.«
   »Nein«, sagte Josen Rael. »Alles würde sich im Rahmen der Gesetze abspielen – das habe ich überprüft. Im Notfall muss das Recht auf Privateigentum dem Wohl der Mehrheit weichen.«
   »Ach, verdammt und zugenäht, das ist eine scheinheilige Begründung, Josen«, sagte Tolly Mune. »Als Sie hier oben waren, hatten Sie mehr gesunden Menschenverstand. Was haben die da unten mit Ihnen angestellt?«
   Er schnitt eine Grimasse, und für einen kurzen Augenblick sah er ein bisschen aus wie jener junge Mann, der ein Jahr lang an ihrer Seite gearbeitet hatte, als sie stellvertretende Hafenmeisterin war und er dritter Assistenzadministrator für interstellaren Handel. Dann schüttelte er den Kopf, und der alte, müde Politiker war wieder da. »Ich fühle mich nicht gut bei der Sache, Ma«, sagte er. »Aber welche Wahl haben wir? Ich habe Hochrechnungen gesehen. Massenhungersnöte in den nächsten siebenundzwanzig Jahren, wenn sich nicht etwas grundlegend verändert, und das sehe ich nicht. Bevor es dazu kommt, werden die Expansionisten die Macht zurückgewinnen, und hier herrscht vielleicht wieder Krieg. Wie auch immer, Millionen werden sterben – Milliarden vielleicht. Was sind die Rechte dieses einen Mannes dagegen?«
   »Da widerspreche ich Ihnen nicht, Josen, aber es gibt andere, die das tun würden, das wissen Sie. Aber keine Sorge. Sie möchten praktisch sein – ich werde Ihnen ein paar gottverdammt praktische Dinge zum Nachdenken geben. Selbst wenn wir dieses Schiff von Tuf legal kaufen, werden uns die Vandeeni und Skyrmir und der Rest der Alliierten die Hölle heiß machen, auch wenn ich bezweifle, dass sie irgendwas unternehmen werden. Wenn wir uns das Schiff jedoch gewaltsam unter den Nagel reißen, ist das etwas ganz anderes. Sie könnten es eventuell als Piraterie bezeichnen. Sie könnten die Arche zum Kriegsschiff erklären – was sie ja nebenbei gesagt auch war, und ein beschissener Weltenzerstörer dazu – und sagen, wir würden den Vertrag verletzen, und dann wären sie wieder hinter uns her.«
   »Ich werde persönlich mit ihren Gesandten sprechen«, sagte Josen Rael müde. »Ich werde ihnen versichern, dass das Kolonialisierungsprogramm nicht wieder aufgenommen wird, so lange die Technokraten an der Macht sind.«
   »Und die werden Ihren das abnehmen? Das glauben Sie doch selbst nicht. Können Sie ihnen zusichern, dass die Technokraten niemals die Macht verlieren werden? Wie wollen Sie das anstellen? Gedenken Sie, die Arche zu benutzen, um eine wohltätige Diktatur aufrecht zu erhalten?«
   Der Ratsherr presste fest die Lippen zusammen, und ein Anflug von Rot kroch seinen langen, dunklen Nacken empor. »Sie kennen mich besser. Zugegeben, es ist nicht ungefährlich. Das Schiff ist tatsächlich ein außerordentliches Machtmittel. Lassen Sie uns das nicht vergessen. Wenn die Alliierten gegen uns mobil machen, werden wir die Trumpfkarte in der Hand halten.«
   »Unsinn«, sagte Tolly Mune. »Es muss repariert werden, und wir müssen es erst einmal beherrschen lernen. Die entsprechende Technologie ist seit Jahrtausenden verloren. Wir müssten sie monatelang studieren, vielleicht jahrelang, bevor wir dieses gottverdammte Ding wirklich einsetzen könnten. Allerdings würden wir diese Chance nie erhalten. Die Armada der Vandeeni würde uns innerhalb weniger Wochen erreichen, um uns das Schiff abzunehmen, und die anderen würden nicht viel länger auf sich warten lassen.«
   »Nichts davon muss Sie kümmern, Hafenmeisterin«, sagte Josen Rael kühl. »Der Hohe Rat hat das Thema in aller Ausführlichkeit diskutiert.«
   »Versuchen Sie nicht, mich herumzukommandieren, Josen. Erinnern Sie sich an die Zeit, als Sie Narco-Blaster genommen hatten und völlig breit waren? Sie wollten nach draußen und herausfinden, wie schnell Urin im Weltraum kristallisiert? Ich war diejenige, die Ihnen ausgeredet hat, sich den Pimmel abzufrieren, geschätzter Erster Ratsherr. Putzen Sie sich Ihre beschissenen Ohren und hören Sie mir zu. Vielleicht ist ein Krieg nicht meine Angelegenheit, aber der Handel ist es. Der Hafen ist unsere Lebensader. Wir importieren im Augenblick dreißig Prozent unserer Rohkalorien ...«
   »Vierunddreißig Prozent«, korrigierte Rael.
   »Vierunddreißig Prozent«, stimmte Tolly Mune zu. »Und diese Zahl steigt immer weiter, das wissen wir beide nur zu gut. Für diese Nahrungsmittel bezahlen wir mit unserem technologischen Können – sowohl mit Fertiggütern wie auch mit den Gewinnen, die der Hafen abwirft. Wir versorgen, reparieren und bauen mehr Raumschiffe als jeder andere Planet in diesem Sektor, und wissen Sie auch, warum? Weil ich mir meinen beschissenen Arsch aufgerissen habe, um dafür zu sorgen, dass wir die Besten sind. Tuf selbst hat das gesagt. Er ist wegen der Reparaturen hierher gekommen, weil wir einen Ruf haben – den Ruf, moralisch, ehrlich und fair zu sein und gute Arbeit zu leisten. Was geschieht mit diesem Ruf, wenn wir sein beschissenes Schiff konfiszieren? Wie viele andere Händler werden ihre Schiffe für Reparatur hierher bringen, wenn wir uns einfach nehmen, was wir brauchen? Was wird aus meinem gottverdammten Hafen?«
   »Es würde sicherlich eine nachteilige Wirkung haben«, gab Josen Rael zu.
   Tolly Mune bedachte ihn mit einem lauten, ordinären Geräusch. »Unsere Wirtschaft wäre am Ende«, sagte sie unverblümt.
   Rael schwitzte jetzt heftig. Die Feuchtigkeit rann seine breite, runde Stirn herab. Er tupfte den Schweiß mit einem Taschentuch ab. »Dann müssen Sie dafür sorgen, dass das nicht passiert, Hafenmeisterin Mune. Sie müssen dafür sorgen, dass es nicht soweit kommt.«
   »Wie?«
   »Kaufen Sie die Arche«, sagte er. »Ich übertrage Ihnen sämtliche Befugnisse, schließlich scheinen Sie die Situation so gut zu durchschauen. Bringen Sie diesen Tuf zur Vernunft. Die Verantwortung liegt bei Ihnen.«
   Er nickte, und der Schirm wurde schwarz.

Teil 3 von »Brot und Fische« -->

 
 

Deutsche Erstveröffentlichung
Originaltitel: »Loaves & Fishes«
© 2002 by George R. R. Martin. Alle Rechte vorbehalten.
Mit freundlicher Genehmigung seines Agenten Werner Fuchs
Übersetzung © 2002 Berit Neumann
Erstveröffentlichung in ANALOG, Oktober 1985
Die Übersetzung folgt der Buchausgabe in Tuf Voyaging (London: Victor Gollancz, 1988)
Mit herzlichem Dank an George R. R. Martin & Werner Fuchs
Grafik © 2002 Manfred Lafrentz

Alle Rechte vorbehalten. Dieser Text ist, wie alle Texte in epilog.de, durch das Urheberrecht geschützt. Die unautorisierte Reproduktion, auch in Online- und Offlinemedien, ist verboten und wird straf- und zivilrechtlich verfolgt.
Siehe auch
Legenden - Interview mit George R. R. Martin
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