Teil 3

Auf Suthlam spielte Haviland Tuf den Touristen. Es ließ sich nicht leugnen, dass
dieser Planet auf seine Art eindrucksvoll war. Während seiner Jahre als Händler, als er
mit der Füllhorn Exzellenter Güter und Niedriger Preise von Stern zu Stern
gesprungen war, hatte Haviland Tuf mehr Planeten besucht, als ihm auf Anhieb einfallen
wollten aber Suthlam würde er so bald nicht vergessen. Er hatte eine
stattliche Anzahl atemberaubender Sehenswürdigkeiten bestaunt: die Kristalltürme von
Avalon, die Himmelsnetze von Arachne, die aufgewühlten Wasser von Old Poseidon und die
schwarzen Basaltberge auf Clegg. Die Stadt Suthlam die alten Namen
bezeichneten jetzt nur noch Distrikte und Stadtbezirke, die uralten Städte waren vor
Jahrhunderten zu einer einzigen aufgeblähten Megalopolis zusammengewachsen konnte
ihnen allen das Wasser reichen.
Tuf hegte eine gewisse Begeisterung für große Gebäude, und er
betrachtete sowohl bei Tag als auch bei Nacht von Aussichtsplattformen in ein, zwei,
fünf, neun Kilometern Höhe das Panorama der Stadt. Ganz egal, wie hoch er kletterte
die Lichter wollten nicht aufhören, breiteten sich endlos in alle Richtungen über
das Land aus, ohne dass eine Grenze zu erkennen gewesen wäre. Rechtwinklig und eintönig
standen vierzig und fünfzig Stockwerke hohe Gebäude in endlosen Reihen dicht
nebeneinander, eines größer als das andere, im ewigen Schatten der verspiegelten Türme,
die um sie herum aufragten, um die Sonne zu trinken. Ebenen waren auf Ebenen aufgebaut,
die auf wieder anderen Ebenen standen. Die rollenden Bürgersteige kreuzten sich wieder
und wieder in Mustern von labyrinthischer Verworrenheit. Unter der Oberfläche existierte
ein riesiges Netzwerk aus unterirdischen Straßen, wo Röhrenzüge und Lieferkapseln mit
mehreren hundert Stundenkilometern durch die Dunkelheit rasten, und unter diesen Straßen
gab es Keller und Untergeschosse und Tunnel und Unterführungen und Promenaden und
unterirdische Wohnhäuser eine ganze zweite Stadt, die sich genau so tief in die
Erde bohrte, wie sich ihr Spiegelbild an der Oberfläche in die Lüfte erhob.
Tuf hatte die Lichter der Metropole von der Arche aus gesehen,
aus der Umlaufbahn: Die Stadt verschlang einen halben Kontinent. Von der Oberfläche sah
es aus, als könnte sie Galaxien verschlingen. Es gab noch andere Kontinente, und auch sie
erstrahlten nachts im Glanz der Zivilisation. In diesem Meer aus Licht gab es keine Inseln
der Dunkelheit, die Suthlamesen hatten keinen Platz, um sich den Luxus von Parks zu
leisten. Tuf hatte nichts dagegen, er hatte Parks schon immer für eine perverse
Einrichtung gehalten, die in erster Linie dazu diente, die zivilisierte Menschheit daran
zu erinnern, wie roh und brutal und unbequem das Leben gewesen war, als sie noch in der
Natur hausen musste.
Haviland Tuf war auf seinen Reisen einer großen Vielzahl von Kulturen
begegnet, und er kam zu der Feststellung, dass die Kultur der Suthlamesen nicht
schlechter war als irgendeine andere. Es war eine Welt der Vielfalt, der Schwindel
erregenden Möglichkeiten, eines Reichtums, der sich sowohl in Lebensfreude als auch in
Dekadenz ausdrückte. Es war eine kosmopolitische Welt, die an das Netzwerk, das die
Sterne verband, angeschlossen war, und sie plünderte offen die Musik, Dramen und
Sensorien, die von anderen Planeten importiert wurden und benutzte diese unaufhörlichen
Stimuli, um ihre eigene kulturelle Matrix endlos umzugestalten und zu verändern. Die
Stadt bot mehr Erholungsmöglichkeiten und mehr Unterhaltung unterschiedlichster Art, als
Tuf jemals irgendwo gesehen hatte genügend Auswahl, um einen Touristen für
mehrere Standardjahre zu beschäftigen, wollte er alles ausprobieren.
Während seiner Wanderjahre hatte Haviland Tuf die fortgeschrittenen
wissenschaftlichen und technologischen Zauberkünste von Avalon und Newholme,
Tober-in-the-Veil, Old Poseidon, Baldur, Arachne und einem Dutzend anderer Planeten an der
Spitze der menschlichen Entwicklung gesehen. Das technologische Niveau auf Suthlam
war den am höchsten entwickelten Welten ebenbürtig. Schon der Orbitalfahrstuhl war ein
eindrucksvolles Meisterwerk die Alte Erde soll solche Konstrukte angeblich in den
längst vergangenen Tagen vor dem Kollaps gebaut haben, und auf Newholme war einst einer
errichtet worden, allerdings während des Krieges eingestürzt. Aber sonst hatte Tuf
nirgendwo ein derartig kolossales Bauwerk entdeckt, nicht einmal auf Avalon selbst, wo an
solchen Fahrstühlen geforscht und sie aus wirtschaftlichen Gründen abgelehnt worden
waren. Und die Bürgersteige, die Röhrenzüge, die Fabriken alles war
fortschrittlich und effizient. Sogar die Regierung schien zu funktionieren.
Suthlam war eine Welt der Wunder.
Haviland Tuf sah sich auf ihr um, bereiste sie und testete ihre Wunder
drei Tage lang, bevor er zu seinem kleinen, vollgestopften Erste-Klasse-Schlafquartier in
der neunundsiebzigsten Etage eines Hotelturms zurückkehrte und den Manager zu sich
bestellte. »Ich wünsche, dass Sie Vorbereitungen für meine sofortige Rückreise zu
meinem Schiff treffen«, sagte er. Er saß auf dem Rand seines schmalen Bettes, das er aus
einer Wand geklappt hatte; die Stühle waren unangenehm klein. Er faltete seine großen
weißen Hände sorgfältig über dem Bauch.
Der Manager, ein winziger Mann, kaum halb so groß wie Tuf, schien
verblüfft zu sein. »Ich hatte Sie so verstanden, dass Sie noch für zehn weitere Tage
bleiben wollten.«, sagte er.
»Das ist richtig«, sagte Tuf. »Allerdings liegt es in der Natur von
Plänen, geändert zu werden. Ich wünsche in den Orbit zurückzukehren, sobald es irgend
möglich ist. Ich wäre äußerst dankbar, wenn Sie sich um die Vorbereitungen kümmern
würden, Sir.«
»Es gibt so vieles, was Sie noch nicht gesehen haben!«
»In der Tat. Allerdings finde ich das, was ich gesehen habe wie
klein der Anteil an der Gesamtheit auch gewesen sein mag mehr als ausreichend.«
»Mögen Sie Suthlam nicht?«
»Es leidet an einem Übermaß an Suthlamesen«, entgegnete
Haviland Tuf. »Man könnte auch noch andere Makel nennen.« Er hielt einen einzelnen
langen Finger empor. »Das Essen ist miserabel, zum größten Teil chemisch erzeugt,
meistens ohne Geschmack, von einer deutlich unangenehmen Textur, voll von unüblichen und
störenden Farben. Außerdem sind die Portionen unzureichend. Ich könnte auch so kühn
sein, die ständige aufdringliche Anwesenheit einer großen Anzahl von
Nachrichtenreportern zu erwähnen. Ich habe gelernt, sie an den Multifokuskameras zu
erkennen, die sie als drittes Auge in der Stirn tragen. Vielleicht haben Sie sie auch
schon in Ihrer Lobby, dem Sensorium und dem Restaurant herumlungern sehen. Meiner groben
Schätzung nach müssten es ungefähr zwanzig sein.«
»Sie sind eine Berühmtheit«, sagte der Manager. »Eine Person des
öffentlichen Interesses. Ganz Suthlam möchte etwas über Sie erfahren. Nun gut,
wenn Sie keine Interviews geben möchten die Spanner haben es doch nicht gewagt, in
Ihre Privatsphäre einzudringen? Die Moral dieser Berufsgruppe ist ...«
»... ist ohne Zweifel makellos«, schloss Haviland Tuf. »Und ich
muss zugeben, dass sie sich zurückgehalten haben. Nichtsdestoweniger konnte ich jede
Nacht, wenn ich in diesen viel zu kleinen Raum zurückgekehrt bin und die Nachrichten
abgerufen habe, mich selbst begutachten, wie ich über die Stadt blicke, geschmacklose
Gummispeisen zu mir nehme, diverse touristische Attraktionen besuche und
Sanitäreinrichtungen betrete. Eitelkeit ist einer meiner großen Fehler, das muss ich
zugeben, aber trotz allem wurde ich des Charmes dieser traurigen Berühmtheit schnell
überdrüssig. Und außerdem sind die meisten Kameraeinstellungen außerordentlich wenig
schmeichelhaft, und der Humor der Nachrichtenkommentatoren war fast schon beleidigend.«
»Das kann man leicht ändern«, entgegnete sein Gastgeber. »Sie
hätten früher zu mir kommen sollen. Wir können Ihnen eine Abschirmung vermieten, die
man am Gürtel befestigt, und wenn irgendein Spanner sich auf zwanzig Meter nähert, wird
sein drittes Auge gestört, und er bekommt rasende Kopfschmerzen.«
»Weniger leicht zu ändern«, sagte Tuf ausdruckslos, »ist das
völlige Fehlen von tierischem Leben, das mir aufgefallen ist.«
»Schädlinge?«, erwiderte der Manager mit angsterfülltem Blick. »Sie
regen sich auf, weil es hier keine Schädlinge gibt?«
»Nicht alle Tiere sind Schädlinge. Auf vielen Planeten werden Vögel,
Hunde und andere Spezies als Haustiere gehalten und geliebt. Ich selbst mag Katzen. Eine
wirklich zivilisierte Welt würde Katzen einen Platz bieten, aber auf Suthlam
könnte sie die Bevölkerung wohl nicht von Läusen und Mückenlarven unterscheiden. Als
ich die Absprachen für meinen Aufenthalt hier getroffen habe, versicherte mir
Hafenmeisterin Tolly Mune, dass ihre Leute sich um meine Katzen kümmern würden, und ich
habe besagte Zusicherung akzeptiert. Aber wenn kein Suthlamese je zuvor einem Tier
außer dem Menschen begegnet ist, glaube ich, dass ich allen Grund habe, die Qualität der
Pflege anzuzweifeln, die sie gegenwärtig erhalten.«
»Wir haben Tiere«, widersprach der Manager. »Draußen in den
agroindustriellen Zonen. Haufenweise Tiere ich habe entsprechende Aufzeichnungen
gesehen.«
»Zweifellos haben Sie das«, sagte Tuf. »Ein Film über eine Katze und
eine Katze sind allerdings zwei völlig unterschiedliche Dinge und müssen unterschiedlich
behandelt werden. Bänder kann man in einem Regal lagern. Katzen dagegen nicht.« Er
deutete auf den Manager. »Darüber wollte ich mich jedoch nicht beschweren. Die Krux
dieser Angelegenheit, wie ich eingangs erwähnte, liegt mehr in der Anzahl der
Suthlamesen als in ihrem Verhalten. Es sind zu viele, mein Herr. Ich bin andauernd
von ihnen angerempelt worden. In Restaurationen stehen die Tische zu dicht beieinander,
die Stühle sind für meine Größe unzureichend, und manchmal setzen sich Fremde neben
mich und stoßen mich mit den Ellbogen an. Die Sitze in Theatern und Sensorien sind eng
und schmal. Die Bürgersteige sind überlaufen, die Foyers sind überlaufen, die
Röhrenzüge sind überlaufen überall gibt es Menschen, die mich ohne meine
Erlaubnis oder Zustimmung berühren.«
Der Manager setzte ein professionelles Lächeln auf. »Ach, die
Menschheit!«, sagte er begeistert. »Der Ruhm von Suthlam! Die von Menschen
wimmelnden Straßen, das Meer von Gesichtern, das endlose Schauspiel des Lebens! Gibt es
etwas Belebenderes, als sich an den Schultern seiner Mitmenschen zu reiben?«
»Möglicherweise nicht«, sagte Haviland Tuf ausdruckslos. »Allerdings
habe ich den Eindruck, dass ich ausreichend belebt wurde. Weiterhin erlaube ich mir die
Bemerkung, dass der durchschnittliche Suthlamese zu klein ist, um sich an meiner
Schulter zu reiben, und daher gezwungen war, sich ständig an meinen Armen, meinen Beinen
und meinem Bauch zu reiben.«
Das Lächeln des Managers verschwand. »Sie haben die falsche
Einstellung, mein Herr. Um unsere Welt voll und ganz genießen zu können, müssen Sie
lernen, sie mit suthlamesischen Augen zu sehen.«
»Ich bin nicht gewillt, mich auf Knien fortzubewegen«, entgegnete
Haviland Tuf.
»Sie sind doch nicht lebensfeindlich, oder?«
»Natürlich nicht. Das Leben ist seinen Alternativen unbedingt
vorzuziehen. Meiner Erfahrung nach gibt es allerdings auch des Guten zu viel. Dies scheint
auf Suthlam zuzutreffen.« Er hob eine Hand, um den Hotelbesitzer an einer
Erwiderung zu hindern. »Im Besonderen«, fuhr Tuf fort, »habe ich zweifelsohne
vorschnell und ungerechtfertigt eine Antipathie gegenüber einigen ausgewählten
Exemplaren des Lebens entwickelt, auf die ich rein zufällig während meiner Reisen
gestoßen bin. Ein paar haben mir gegenüber sogar offene Feindseligkeit zum Ausdruck
gebracht oder gaben mir Schimpfnamen, die sich eindeutig abschätzig auf meinen
Leibesumfang bezogen.«
»Nun ja«, sagte der Manager und wurde rot. »Entschuldigen Sie, aber
Sie sind, ähem, stattlich, und auf Suthlam ist es, ähem, gesellschaftlich
inakzeptabel, ähm, übergewichtig zu sein.«
»Gewicht, mein Herr, ist allein eine Frage der Schwerkraft und
entsprechend großen Schwankungen unterworfen. Außerdem bin ich nicht willens, Ihnen die
Autorität zuzubilligen, unter diesen äußerst subjektiven Kriterien über mein Gewicht
zu urteilen. Die Ästhetik variiert von Planet zu Planet, genauso wie Genotypen und
Erbanlagen. Ich bin mit meinem gegenwärtigen Gewicht äußerst zufrieden. Um nun auf das
eigentliche Thema zurückzukommen ich wünsche meinen Aufenthalt unverzüglich zu
beenden.«
»Nun gut. Ich werde im ersten Röhrenzug morgen früh einen Platz für
Sie reservieren lassen.«
»Das genügt mir nicht. Ich würde es vorziehen, unverzüglich
abzureisen. Ich habe den Fahrplan studiert und festgestellt, dass in drei Standardstunden
ein Zug geht.«
»Der ist voll«, schnauzte der Manager. Außer Sitzen in der zweiten
und dritten Klasse ist da nichts mehr frei.«
»Ich werde das ertragen, so gut es geht«, sagte Haviland Tuf.
»Zweifelsohne wird mich die Nähe so vieler Menschen äußerst belebt haben, wenn ich den
Zug verlasse.«
Tolly Mune schwebte im Lotussitz in der Mitte ihres Büros und blickte auf Haviland Tuf
hinunter. Für Fliegen und Erdwürmer, die die Schwerelosigkeit nicht gewohnt waren, hatte
sie einen speziellen Stuhl. Alles in allem war es ein eher unbequemer Stuhl, aber er war
fest angeschraubt und mit einem Netzgeschirr versehen, um den Sitzenden an Ort und Stelle
zu halten. Tuf hatte sich mit unbeholfener Würde hinübermanövriert und darauf
festgeschnallt, während sie es sich ungefähr auf Höhe seines Kopfes bequem gemacht
hatte. Ein Mann von Tufs Größe war sicher nicht daran gewöhnt, während einer
Unterhaltung zu jemandem aufzublicken. Tolly Mune dachte sich, dass ihr das einen gewissen
psychologischen Vorteil verschaffen könnte.
»Hafenmeisterin Mune«, sagte Tuf und schien von seiner niedrigen
Position bemerkenswert unbeeindruckt zu sein. »Ich muss protestieren. Mir ist durchaus
bewusst, dass die wiederholte Bezugnahme auf meine Person als Fliege nur ein
Beispiel des farbenfrohen hiesigen Slangs ist, mit der keine Beleidigung intendiert ist.
Trotzdem muss ich einen gewissen Anstoß an diesem offensichtlichen Versuch nehmen, mir,
sagen wir mal, die Flügel auszureißen.«
Tolly Mune grinste auf ihn herab. »Tut mir Leid, Tuf. Unser Angebot ist
verbindlich.«
»In der Tat«, sagte Haviland Tuf. »Verbindlich. Ein interessantes
Wort. Wäre ich nicht von der bloßen Anwesenheit einer derart hochgeschätzten
Persönlichkeit wie der Ihren beeindruckt, und würde ich nicht befürchten, Sie zu
kränken, könnte ich so weit gehen, anzumerken, dass diese Verbindlichkeit an Sturheit
grenzt. Meine mir eigene Höflichkeit hindert mich daran, Gier, Habsucht und
Weltraumpiraterie auch nur zu erwähnen, obwohl das meiner Seite dieser heiklen
Verhandlungen durchaus förderlich wäre. Ich muss allerdings darauf aufmerksam machen,
dass die Summe von fünfzig Millionen Standards um ein Vielfaches größer ist als das
Bruttosozialprodukt vieler Planeten.«
»Kleinerer Planeten«, entgegnete Tolly Mune, »und das ist ein großer
Auftrag. Sie haben da ein verdammt großes Schiff.«
Tuf verzog keine Mine. »Ich muss zugeben, dass die Arche in
der Tat ein großes Schiff ist. Allerdings möchte ich zu bedenken geben, dass dies nur
von geringer Bedeutung ist es sei denn, Sie berechnen den Preis üblicherweise nach
Quadratmetern anstatt nach Stunden.«
Tolly Mune lachte. »Es geht hier nicht darum, einen alten Frachter mit
ein paar neuen Impulsringen auszustatten oder Ihr Navigationssystem neu programmieren. Wir
reden hier über mehrere tausend Stunden Arbeit, selbst wenn ich drei
Spinneret-Manschaften in Dreierschichten einteile; wir reden von umfangreichen Eingriffen
ins System, für die wir die besten Cybertechs brauchen, die wir haben; wir reden von der
Herstellung von Gegenständen, die seit Hunderten von Jahren nicht mehr in Gebrauch waren,
und das ist erst der Anfang. Wir müssen dieses verdammte Museumsstück gründlich
untersuchen, bevor wir anfangen können, es auseinander zu nehmen, oder wir werden nicht
mehr in der Lage sein, es wieder zusammenzusetzen. Wir müssen ein paar Spezialisten vom
Planeten davon überzeugen, sich den Fahrstuhl heraufzubequemen, vielleicht sogar von
außerhalb des Systems. Bedenken Sie die Zeit, die Energie, die Kalorien. Allein die
Liegegebühren das Ding ist dreißig Kilometer lang, Tuf. Sie können es
nicht ins Netz bringen. Wir müssen ein Spezialdock um sie herumbauen, und selbst dann
beansprucht sie den Liegeplatz von dreihundert normalen Schiffen. Sie wollen gar nicht
wissen, was das kosten würde, Tuf.« Sie führte auf ihrem Handgelenkscomputer ein paar
schnelle Berechnungen durch und schüttelte den Kopf. »Wenn Sie einen Monat hier wären,
und das ist eine wirklich optimistische Schätzung, dann wären das bereits etwa eine
Million Kals an Liegegebühren. Mehr als dreihunderttausend Standards in Ihrer Währung.«
»In der Tat«, sagte Haviland Tuf.
Tolly Mune breitete hilflos die Hände aus. »Wenn Sie unseren Preis
nicht mögen, könnten Sie Ihre Geschäfte natürlich auch woanders erledigen.«
»Dieser Vorschlag ist undurchführbar. Unglücklicherweise scheinen nur
eine Hand voll Planeten über das Fachwissen zu verfügen, meinen Ansprüchen zu genügen
was eine Menge über das gegenwärtige Niveau menschlicher Technologie aussagt.«
»Nur eine Hand voll?« Tolly Mune zog einen Mundwinkel hoch.
»Vielleicht haben wir unsere Dienstleistung zu preiswert angeboten.«
»Madam«, fuhr Haviland Tuf fort, »Sie wollen doch sicher nicht so
unfein sein, aus meiner naiven Freimütigkeit einen Vorteil zu ziehen.«
»Nein«, sagte sie. »Wie ich schon sagte, unser Preis ist
verbindlich.«
»Allem Anschein nach haben unsere Verhandlungen einen toten Punkt
erreicht. Sie haben Ihren Preis. Ich unglücklicherweise nicht.«
»Das hätte ich nicht erwartet. Mit so einem Schiff sollte man meinen,
dass Sie mit Kalorien nur so um sich werfen können.«
»Zweifelsohne werde ich alsbald eine lukrative Karriere auf dem Gebiet
ökologischer Technologien anstreben. Unglücklicherweise habe ich diese Tätigkeit noch
nicht aufgenommen, und bei meinem letzten Handel musste ich einige unerklärliche
finanzielle Rückschläge hinnehmen. Vielleicht sind Sie an einigen exzellenten
Plastikreproduktionen von cooglischen Orgienmasken interessiert? Sie geben ungewöhnliche
und stimulierende Wanddekorationen ab und sollen außerdem über gewisse mystische
aphrodisierende Eigenschaften verfügen.«
»Ich fürchte nicht«, entgegnete Tolly Mune. »Aber wissen Sie was,
Tuf? Heute ist Ihr Glückstag.«
»Sie wollen mich doch nicht auf den Arm nehmen. Selbst wenn Sie mir
einen fünfzigprozentigen Preisnachlass gewähren oder die doppelte Leistung zum selben
Preis anbieten würden, bin ich nicht direkt in der Lage, daraus einen Vorteil zu ziehen.
Ich werde schonungslos offen zu Ihnen sein, Hafenmeisterin Mune, und zugeben, dass ich
gegenwärtig an einer zeitweiligen Unzulänglichkeit an Mitteln leide.«
»Ich hätte da eine Lösung«
»Ach, tatsächlich?«
»Sie sind Händler, Tuf. Ein Schiff, das so groß ist wie die Arche,
brauchen Sie doch eigentlich gar nicht, oder? Und von ökologischen Technologien haben Sie
keine Ahnung. Dieses Wrack ist Ihnen überhaupt nicht von Nutzen. Aber es hat einen
beträchtlichen Wiederverwertungswert.« Sie lächelte herzlich. »Ich habe mit Leuten
unten auf Suthlam gesprochen. Der Hohe Rat ist der Meinung, dass es ganz in Ihrem
Interesse sein könnte, wenn Sie uns Ihren Fund verkaufen würden.«
»Ihre Sorge rührt mich«, sagte Haviland Tuf.
»Wir werden Ihnen eine großzügige Wiederverwertungsgebühr bezahlen.
Dreißig Prozent des geschätzten Wertes des Schiffes.«
»Gemäß der von Ihnen angestellten Schätzung«, sagte Tuf tonlos.
»Ja, aber das ist noch nicht alles. Wir legen noch eine Million
Standards in bar drauf, zusätzlich zur Wiederverwertungsgebühr, und wir geben Ihnen ein
neues Schiff. Einen brandneuen Langstrecken 9, den größten Frachter, den wir
herstellen, mit vollautomatisierter Küche, Passagierquartieren für sechs Personen,
Schwerkraftgitter, zwei Shuttles, Frachtschleusen, die groß genug sind, um an die
größten Handelsschiffe von Avalon und Kimdiss anzudocken, dreifache Redundanz, die
neuesten Schlauberger-Computer, stimmaktiviert, und sogar bewaffnet, wenn Sie wollen. Sie
werden der am besten ausgestattete unabhängige Händler in diesem Sektor sein.«
»Es liegt mir fern, eine solche Großzügigkeit zu missbilligen«,
sagte Tuf. »Der bloße Gedanke an Ihr Angebot bringt mich einer Ohnmacht nahe. Und doch,
obwohl ich ohne Zweifel mit dem schönen neuen Schiff, das Sie mir angeboten haben,
wesentlich bequemer reisen könnte, ist mir klar geworden, dass ich eine gewisse
verschrobene sentimentale Anhänglichkeit an die Arche hege. Verfallen und
nutzlos wie sie ist, ist sie nichtsdestotrotz das letzte verbliebene Saatschiff des
untergegangenen Ökologischen Pionierkorps ein lebendiges Stück Geschichte, ein
Monument der Tapferkeit und des Genies, und auch jetzt noch von einigem Nutzen. Vor
einiger Zeit, als ich einsam und so gut ich konnte durch das All flog, hatte ich die Idee,
das unstete Leben eines Händlers aufzugeben und stattdessen den Beruf des ökologischen
Pioniers zu ergreifen. So unlogisch und zweifelsohne dumm diese Entscheidung auch war, so
übt sie doch immer noch einen gewissen Reiz auf mich aus, und ich fürchte, dass meine
Starrköpfigkeit äußerst ausgeprägt ist. Deshalb, Hafenmeisterin Mune, muss ich Ihr
Angebot mit dem größten Bedauern ablehnen. Ich werde die Arche behalten.«
Tolly Mune ließ sich seitlich wegkippen, drehte sich mit dem Kopf nach
unten und stieß sich leicht von der Decke ab, so dass sie genau vor Tufs Gesicht zum
Stillstand kam. Sie deutete mit dem Finger auf ihn. »Zur Hölle damit«, sagte sie. »Mir
fehlt die Geduld, um um jede einzelne Kalorie zu feilschen, Tuf. Ich bin eine viel
beschäftigte Frau, und ich habe weder die Zeit noch die Energie für Ihre
Händlerspielchen. Sie werden verkaufen ich weiß es, und Sie wissen es also
lassen Sie es uns zu Ende bringen. Nennen Sie Ihren Preis.« Sie stupste mit der
Fingerspitze gegen seine Nase. »Nennen«, stups, »Sie«, stups, »Ihren«, stups,
»Preis«, stups.
Haviland Tuf löste seinen Gurt und stieß sich vom Boden ab. Er war so
riesig, dass sie sich fast zierlich vorkam sie, die ihr halbes Leben als
Riesin gegolten hatte. »Bitte stellen Sie freundlicherweise Ihre Angriffe auf meine
Person ein«, sagte er. »Das wird auf meine Entscheidung keinen positiven Einfluss haben.
Ich fürchte, dass Sie mich zutiefst missverstehen, Hafenmeisterin Mune. Ich bin Händler
gewesen, das ist wahr, aber ein schlechter vielleicht, weil ich es nie geschafft
habe, die Fähigkeit des Feilschens zu entwickeln, wie Sie mir fälschlicherweise
unterstellen. Ich habe meine Position kurz und prägnant dargelegt. Die Arche
steht nicht zum Verkauf.«
»Seit meinen Jahren dort oben hege ich eine gewisse Zuneigung für Sie«, sagte Josen
Rael über eine abgeschirmte Verbindung, »und es ist nicht zu leugnen, dass Ihre
Leistungen als Hafenmeisterin beispielhaft waren. Andernfalls würde ich Sie jetzt
entlassen. Sie haben ihm gestattet, auf sein Schiff zurückzukehren? Wie konnten
Sie nur? Da hätte ich Ihnen etwas mehr Vernunft zugetraut.«
»Ich hatte Sie für einen Politiker gehalten«, sagte Tolly Mune mit
einer Spur Verachtung in der Stimme. »Josen, denken Sie, was für Folgen das hätte, wenn
ich ihn mitten im Spinnennest festsetzen würde. Tuf ist nicht gerade unauffällig, selbst
wenn er unter seine alberne Perücke schlüpft und versucht, unerkannt zu bleiben. Hier
oben wimmelt es von Vandeenis, Jazbots, Henrys und was noch alles, und alle beobachten Tuf
und die Arche und warten auf unseren nächsten Schachzug. Er ist sogar schon von
einem gottverdammten Agenten der Vandeeni kontaktiert worden. Sie wurden beobachtet, als
sie im Röhrenzug ein ernstes Gespräch führten.«
»Ich weiß«, erwiderte der Ratsherr betrübt. »Trotzdem, etwas
hätte ... Sie hätten ihn heimlich einsperren können.«
»Und was hätte ich dann mit ihm machen sollen?«, wollte Tolly Mune
wissen. »Ihn umbringen und zur nächstbesten Luftschleuse hinauswerfen? Das werde ich
nicht tun, Josen, und denken Sie nicht einmal daran, jemand anderen damit zu beauftragen.
Wenn Sie das versuchen sollten, werde ich Sie in die Nachrichten bringen und die ganze
beschissene Geschichte auffliegen lassen.«
Josen Rael tupfte sich den Schweiß von der Stirn. »Sie sind hier nicht
die Einzige, die über Prinzipien verfügt«, verteidigte er sich. »Ich würde so etwas
nie auch nur vorschlagen. Trotzdem, wir müssen dieses Schiff haben, und nachdem jetzt Tuf
wieder an Bord ist, ist unser Auftrag noch schwieriger geworden. Die Arche
verfügt über ausgezeichnete defensive Waffen. Ich habe einige Szenarien durchgespielt,
und es spricht einiges dafür, dass er in der Lage sein könnte, einen Totalangriff
unserer gesamten Planetaren Verteidigungsflottille zu überstehen.«
»Oh, verdammte Scheiße, sein Liegeplatz ist nur fünf Ka-emm von der
Endstation von Röhre 9 entfernt. Ein beschissener Totalangriff würde wahrscheinlich den
Hafen zerstören und den Fahrstuhl auf Ihren beschissenen Kopf fallen lassen! Halten Sie
sich zurück und überlassen Sie mir die Angelegenheit. Ich bringe ihn so weit, dass er
verkauft, und ich mache es auf legalem Weg.«
»Sehr gut«, entgegnete der Ratsherr. »Ich gebe Ihnen noch etwas mehr
Zeit. Aber ich warne Sie, der Hohe Rat verfolgt diese Angelegenheit genau, und er ist
ungeduldig. Sie haben drei Tage. Wenn Tuf bis dahin keinen Übergabevertrag unterzeichnet
hat, schicke ich ein paar Sturmtruppen hoch.«
»Keine Sorge«, sagte Tolly Mune. »Ich habe einen Plan.«
Teil 4 von »Brot
und Fische«  |
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