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ALIEN CONTACT
ALIEN CONTACT 50 Inhalt Archiv

George R. R. Martin

Brot und Fische

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<-- Teil 4 -->

Die Funkzentrale der Arche war länglich und schmal, die Wände mit Reihen leerer, dunkler Bildschirme bedeckt. Haviland Tuf hatte es sich dort mit seinen Katzen bequem gemacht. Sodom, das stürmische, schwarzweiße Weibchen, hatte sich zum Schlafen auf seinem Schoß zusammengerollt, während der langhaarige graue Gomorrha, kaum den Kinderschuhen entwachsen, auf Tufs breiter Schulter hin und her wanderte, sich an seinem Nacken rieb und laut schnurrte. Tuf hatte seine Hände geduldig auf dem Bauch gefaltet, während mehrere Computer seine Aufträge entgegennahmen und durchsahen, weiterleiteten, überprüften, übermittelten und mit Querverweisen versahen. Er wartete bereits seit einiger Zeit. Als die geometrische Pavane auf dem Bildschirm schließlich erlosch, blickte er in die scharf geschnittenen Gesichtszüge einer älteren s’uthlamesischen Frau. »Ich bin als Kuratorin«, stellte sie sich vor, »für Datenbanken des Rates zuständig.«
   »Ich bin Haviland Tuf an Bord des Raumschiffs Arche«, erwiderte er.
   Sie lächelte. »Ich kenne Sie aus den Nachrichten. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?« Sie blinzelte. "Igitt, da sitzt etwas in Ihrem Nacken.«
   »Ein Kätzchen, Madam. Ein überaus freundliches Tier.« Er griff nach oben und kraulte Gomorrha unter dem Kinn. »Ich benötige bei einer Sache von minderer Bedeutung Ihre Unterstützung. Da ich der hoffnungslose Sklave meiner Neugier und immer bemüht bin, mein bescheidenes Wissen zu erweitern, habe ich kürzlich damit begonnen, mich mit Ihrem Planeten zu beschäftigen – mit seiner Geschichte, seinen Gebräuchen, seiner Folklore und Politik, den herrschenden gesellschaftlichen Eigenheiten und dergleichen. Natürlich habe ich alle Standardwerke und landläufigen Datendienste zu Rate gezogen, aber es gibt eine spezielle Information, die ich bisher nicht erhalten konnte – sicher nur eine Kleinigkeit und zweifelsohne lächerlich leicht zu finden, wenn ich denn wüsste, wo ich suchen muss. Aber nichtsdestotrotz fehlt sie unerklärlicherweise in allen Quellen, die ich durchgesehen habe. Im Streben nach diesem kleinen Datenkrümel habe ich das s’uthlamesische Fortbildungszentrum und Ihre planetare Zentralbibliothek kontaktiert, die mich beide an Sie verwiesen haben. Nun, hier bin ich.«
   Die Miene der Kuratorin war immer reservierter geworden. »Ich verstehe. Die Datenbanken des Rates sind der Öffentlichkeit im Allgemeinen nicht zugänglich, aber vielleicht kann ich eine Ausnahme machen. Was suchen Sie?«
   Tuf hob einen Finger. "Eine winzig kleine Information, wie ich bereits sagte, aber ich stünde tief in Ihrer Schuld, wenn Sie so freundlich wären, meine Frage zu beantworten und meine brennende Neugier zu befriedigen. Wie groß genau ist die gegenwärtige Bevölkerung von S’uthlam?«
   Das Gesicht der Frau wurde kalt und finster. »Diese Information ist geheim«, sagte sie unmissverständlich. Der Bildschirm wurde schwarz.
   Haviland Tuf wartete einen Moment, bevor er wieder auf den Datenservice zugriff, mit dem er gearbeitet hatte. »Ich bin an einem groben Überblick über die s’uthlamesischen Religionen interessiert«, sagte er dem Suchprogramm, »und im Besonderen an einer Beschreibung des Glaubens und der Ethik der Kirche des Strebenden Lebens.«
   Einige Stunden später war Tuf tief in seine Lektüre versunken. Er spielte geistesabwesend mit Sodom, die aufgewacht und nun munter und hungrig war, als Tolly Munes Ruf ihn erreichte. Rasch speicherte er die Informationen ab, die er gerade durchgesehen hatte, und schaltete ihr Gesicht auf einen anderen Bildschirm des Raumes. »Hafenmeisterin.«
   »Ich habe gehört, dass Sie versuchen, Ihre Nase in planetare Geheimnisse zu stecken, Tuf«, sagte sie und grinste ihn an.
   »Ich versichere Ihnen, dass ich nichts dergleichen beabsichtige«, entgegnete Tuf. »Auf jeden Fall bin ich ein äußerst ineffektiver Spion, denn mein Versuch war ein völliger Reinfall.«
   »Lassen Sie uns gemeinsam zu Abend essen. Vielleicht kann ich Ihnen Ihre kleine Frage beantworten.«
   »Tatsächlich? In diesem Fall, Hafenmeisterin, gestatten Sie mir, Sie zum Abendessen auf die Arche einzuladen. Meine Kochkunst ist – obwohl nur durchschnittlich – nichtsdestotrotz wohlschmeckender und wesentlich reichhaltiger als die Kost, die in Ihrem Hafen erhältlich ist.«
   »Es tut mir Leid«, sagte Tolly Mune. »Ich habe zu viel zu tun, Tuf, ich kann meine Station nicht verlassen. Trotzdem, kein Grund zur Aufregung. Von Larder ist gerade ein großer Frachter eingetroffen. Larder gehört zu unseren Anbau-Asteroiden. Liegt nicht weit von hier, ist terraformt und höllisch fruchtbar. Der HM hat als erster Zugriff auf die Kalorien. Frischer Neogras-Salat, Tunnelschwein-Schinkensteaks und Sauce mit braunem Zucker, Gewürzschoten, Pilzbrot, Geleefrucht in richtiger Schlagsahne und Bier.« Sie lächelte. »Importiertes Bier.«
   »Pilzbrot? Ich esse zwar kein tierisches Fleisch, aber der Rest Ihres Menüs klingt äußerst vielversprechend. Ich werde Ihre nette Einladung mit Freuden annehmen. Wenn Sie ein Dock für meine Ankunft vorbereiten wollen, werde ich mit der Manticore rüberkommen.«
   »Nehmen Sie Dock 4. Das liegt direkt neben dem Spinnennest. Ist das Gomorrha oder Sodom?«
   »Sodom«, entgegnete Tuf. »Gomorrha hat sich auf eine seiner mysteriösen Wanderungen begeben, wie das für Katzen typisch ist.«
   »Ich habe noch nie ein lebendiges Tier gesehen«, sagte Tolly Mune fröhlich.
   »Ich werde Sodom zu Ihrer Aufklärung mitbringen.«
   »Wir sehen uns bald«, sagte Tolly Mune und unterbrach die Verbindung.

Sie speisten bei fünfundzwanzigprozentiger Schwerkraft.
   Die Kristallkammer hing an der Unterseite des Spinnennestes, nach außen hin eine Kuppel aus transparentem kristallinem Plastahl. Jenseits der beinahe unsichtbaren Wände der Kuppel waren sie von der schwarzen Klarheit des Alls umgeben, von Feldern aus kühlen, klaren Sternen und dem komplexen Muster des Netzes. Unter ihnen lag die felsige Außenhülle der Station. Transportröhren überzogen die Oberfläche, an Verbindungsstellen hingen die aufgeblähten silbrigen Blasen der Habitate. Statuenhafte Minarette und glänzende Pfeiltürme der Sternenklassehotels ragten in die kalte Dunkelheit empor. Direkt über ihnen hing die riesige Kugel von S’uthlam – blassblau und braun, mit wirbelnden Wolkenmustern bedeckt. Der Fahrstuhl raste auf sie zu, höher und höher, bis der riesige Schaft zu einem dünnen, hellen Faden wurde und sich dem Auge endgültig entzog. Die Perspektiven waren verwirrend und mehr als nur ein wenig beunruhigend.
   Der Saal wurde üblicherweise nur für große Staatsakte benutzt. Zuletzt war er vor drei Jahren geöffnet worden, als Josen Rael nach oben gekommen war, um einem durchreisenden Würdenträger die Ehre zu erweisen. Aber Tolly Mune zog alle Register. Das Essen wurde von einem Chefkoch zubereitet, den sie sich für diese Nacht von einem Transcorp-Linienschiff ausgeliehen hatte; das Bier wurde von einem Händler requiriert, der zu Henrys Welt unterwegs war; das Geschirr war eine seltene Antiquität aus dem Museum für Planetare Geschichte, und der große Ebenholzfeuertisch, gefertigt aus glänzendem schwarzem Holz und durchzogen von langen, scharlachroten Masern, bot Platz für zwölf. Und die Speisen wurden von einer leisen, diskreten Phalanx von Kellnern in gold-schwarzer Livree serviert.
   Tuf betrat seine Katze kraulend den Raum, bewunderte den luxuriösen Tisch und blickte zu den Sternen und zum Netz empor.
   »Sie können die Arche sehen«, erklärte ihm Tolly Mune. »Dort, der helle Punkt auf der anderen Seite des Netzes, von uns aus gesehen links oben.«
   Tuf folgte ihrem Blick. »Wird dieser Effekt durch eine dreidimensionale Projektion erzielt?«, fragte er und streichelte seine Katze.
   »Teufel, nein. Das ist alles wirklich, Tuf.« Sie grinste. »Keine Sorge, hier besteht keine Gefahr. Das ist dreifacher Plastahl. Weder der Planet noch der Fahrstuhl werden auf uns herunterfallen, und die Wahrscheinlichkeit, dass die Kuppel von einem Meteoriten getroffen wird, ist astronomisch gering.«
   »Ich kann nicht umhin, eine Menge Verkehr wahrzunehmen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kuppel von einem Touristen mit einem gemieteten Vakuumschlitten, von einem verlorenen Spannungsprüfer oder einem ausgebrannten Impulsring getroffen wird?«
   »Höher«, gab Tolly Mune zu. »Aber in dem Augenblick, in dem das geschieht, werden die Luftschleusen versiegelt, Sirenen werden ertönen, und eine Notfallbucht wird aufspringen. Dergleichen ist in jedem Gebäude vorgeschrieben, das an Vakuum grenzt. Hafenverordnung. Außerdem haben wir für den unwahrscheinlichen Fall, dass etwas passiert, Skinthins, Sauerstoffpacks und sogar eine Laserfackel, falls wir versuchen wollten, den Schaden zu reparieren, bevor die Spinnerets hier sind. Aber in all den Jahren, in denen der Hafen existiert, ist es erst zwei, drei Mal passiert, also sollten Sie einfach den Ausblick genießen und nicht nervös werden.«
   »Madam«, sagte Haviland Tuf mit umständlicher Würde, »ich war nicht nervös, sondern eher neugierig.«
   »Natürlich«, stimmte sie zu. Sie wies auf einen Stuhl. Tuff nahm umständlich Platz und streichelte in aller Ruhe Sodoms schwarzweißes Fell, während die Kellner die Teller mit den Vorspeisen und Körbe mit heißem Pilzbrot brachten. Es gab zwei verschiedene Vorspeisen – winzige Pasteten, gefüllt mit scharf gewürztem Käse sowie Pilzpaste, und etwas, das aussah wie kleine Schlangen oder vielleicht große Würmer, die in einer aromatischen Orangensoße gekocht worden waren. Tuf gab zwei davon seiner Katze, die sie gierig verschlang, bevor er eine Pastete anhob, daran roch und vorsichtig hineinbiss. Er schluckte und nickte. »Vorzüglich«, erklärte er.
   »Das ist also eine Katze.«
   »In der Tat.« Tuf brach etwas Pilzbrot ab und eine Dampfwolke stieg aus dem Inneren des Fladens empor. Methodisch bestrich er es mit einer dicken Schicht Butter.
   Tolly Mune griff ebenfalls nach einem Stück Brot und verbrannte sich dabei die Finger an der heißen Kruste. Aber sie verzog keine Mine – es wäre nicht gut gewesen, vor Tuf eine Schwäche zu zeigen. »Gut«, sagte sie während des ersten Bissens. Sie schluckte. »Sie müssen wissen, Tuf, diese Mahlzeit, die wir uns gerade gönnen – die meisten S’uthlamesen essen nicht so gut.«
   »Diese Tatsache ist meiner Aufmerksamkeit nicht entgangen.« Tuf nahm eine weitere Schlange zwischen Daumen und Zeigefinger und hielt sie Sodom hin, die halb seinen Arm hinaufkletterte, um sie zu erreichen.
   »Tatsächlich«, sagte Tolly Mune, »entspricht der Kaloriengehalt dieser Mahlzeit dem, was der durchschnittliche Bewohner des Planeten in einer Woche zu sich nimmt.«
   »Allein aufgrund der Vorspeisen und des Brotes würde ich vermuten, dass wir bereits mehr Gaumenfreuden genossen haben als der durchschnittliche S’uthlamese während seines ganzen Lebens«, entgegnete Tuf gelassen.
   Der Salat wurde serviert. Tuf probierte ihn und befand ihn für gut. Tolly Mune schob ihr Essen am Tellerrand hin und her und wartete, bis die Kellner auf ihre Plätze an der Wand zurückgekehrt waren. »Tuf«, sagte sie, »ich denke, Sie haben eine Frage.«
   Haviland Tuf blickte von seinem Teller auf und betrachtete sein Gegenüber. Sein langes weißes Gesicht blieb ausdruckslos. »Richtig«, sagte er. Auch Sodom blickte Tolly aus zusammengekniffenen Augen an, die so grün waren wie das Neongras in ihrem Salat.
   »Neununddreißig Milliarden«, sagte Tolly Mune leise.
   Tuf blinzelte. »Tatsächlich.«
   Sie lächelte. »Ist das alles, was sie dazu zu sagen haben?«
   Tuf blickte zu dem riesigen Globus von S’uthlam empor. »Da Sie meine Meinung hören wollen, Hafenmeisterin, darf ich mir die Bemerkung erlauben, dass ich mich frage, ob der Planet über uns, obwohl er ziemlich groß zu sein scheint, tatsächlich groß genug ist. Ohne Ihre Sitten, Ihre Kultur und Ihre Zivilisation tadeln zu wollen, kommt mir der Gedanke, dass eine Bevölkerung von neununddreißig Milliarden Menschen insgesamt als ein wenig übertrieben betrachtet werden könnte.«
   Tolly Mune grinste. »Was Sie nicht sagen!« Sie lehnte sich zurück, winkte einen Kellner heran und bestellte ein Getränk. Das Bier war dick und braun, mit einer stark duftenden Blume, und es wurde in riesigen zweihenkeligen Krügen aus geschliffenem Glas serviert. Sie hob den ihren etwas schwerfällig an und beobachtete, wie die Flüssigkeit herumschwappte. »An eine Eigenschaft der Schwerkraft werde ich mich nie gewöhnen«, sagte sie. »Flüssigkeiten gehören in Saugblasen, verdammt nochmal. Das hier sieht so verdammt ... unordentlich aus, als würde gleich ein Unglück geschehen.« Sie nahm einen Schluck und tauchte mit einem Schaumschnurrbart wieder auf. »Aber es schmeckt.« Sie wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab. »Es ist Zeit, dieses verdammte Wortgefecht zu beenden, Tuf«, fuhr sie fort, als sie den Krug mit der übertriebenen Vorsicht eines Menschen, der selbst an diese geringe Schwerkraft nicht gewöhnt war, zurück auf den Tisch stellte. »Sie hatten offensichtlich einen Verdacht hinsichtlich unseres Bevölkerungsproblems, sonst hätten Sie nicht danach gefragt. Und Sie haben alle anderen Informationen geradezu aufgesaugt. Warum?«
   »Neugierde ist eine meiner schlechten Angewohnheiten, Madam, und ich habe hauptsächlich versucht, das Puzzle S’uthlam zu vervollständigen, vielleicht in der schwachen Hoffnung, dass ich durch Beobachtung einige Mittel finden würde, unsere gegenwärtige ausweglose Situation zu beenden.«
   »Und?«
   »Sie haben die Vermutung bestätigt, die ich hinsichtlich Ihrer exzessiven Bevölkerung gezwungenermaßen angestellt habe. Dank dieser Information wird mir alles klar. Ihre sich ausbreitenden Städte klettern immer höher, weil Sie ihre wachsende Bevölkerung unterbringen müssen, ebenso wie Sie vergeblich darum kämpfen, Ihre landwirtschaftlichen Gebiete vor Übergriffen zu schützen. In ihrem stolzen Hafen ist beeindruckend viel los, und Ihr riesiger Fahrstuhl bewegt sich unablässig auf und ab, weil Ihnen die Kapazitäten fehlen, Ihre Bevölkerung selbst zu ernähren und Sie deswegen Nahrungsmittel von anderen Planeten importieren müssen. Von Ihren Nachbarn werden Sie gefürchtet und vielleicht sogar gehasst, weil Sie vor Jahrhunderten versucht haben, Ihr Bevölkerungsproblem durch Emigration und Annexion nach außen zu verlagern – bis Sie durch einen grausamen Krieg aufgehalten wurden. Ihre Bürger halten keine Haustiere mehr, weil S’uthlam keinen Platz für nichtmenschliche Spezies hat, die kein direktes, effizientes und notwendiges Glied innerhalb der Nahrungskette sind. Aufgrund der Unbilden von jahrhundertelangem Hunger und der Lebensmittelrationierung, die ökonomisch notwendig war, sind Sie im Durchschnitt deutlich kleiner als die menschliche Norm. So folgte Generation auf Generation, jede kleiner und dünner als die letzte, im Kampf darum, mit immer weniger Nahrung auszukommen. All dieses Elend ist direkt auf Ihren Bevölkerungsüberschuss zurückzuführen.«
   »Sie hören sich nicht so an, als ob Sie das gutheißen würden, Tuf.«
   »Es liegt nicht in meiner Absicht, Sie zu kritisieren. Sie haben durchaus Ihre Erfolge vorzuweisen. In erster Linie sind Sie ein industrielles, kooperatives, moralisches, zivilisiertes und erfinderisches Volk, und Ihre Gesellschaft, Ihre Technologie und speziell der Stand Ihres intellektuellen Fortschritts sind bewundernswert.«
   »Unsere Technologie«, entgegnete Tolly Mune trocken, »ist das Einzige, das unsere gottverdammten Ärsche gerettet hat. Wir importieren vierunddreißig Prozent unserer Rohkalorien. Weitere zwanzig Prozent bauen wir auf dem an, was uns an landwirtschaftlicher Anbaufläche verblieben ist. Der Rest unserer Nahrung kommt aus den Nahrungsmittelfabriken und wird aus petrochemischen Erzeugnissen hergestellt. Dieser Anteil steigt jedes Jahr. Und das muss er auch. Nur die Nahrungsmittelfabriken können schnell genug reagieren, um mit der Bevölkerungskurve Schritt zu halten. Allerdings haben wir ein gottverdammtes Problem.«
   »Ihnen geht das Erdöl aus«, vermutete Haviland Tuf.
   »Da haben Sie verdammt Recht«, erwiderte Tolly Mune. »Eine nicht erneuerbare Ressource und so weiter, Tuf.«
   »Zweifelsohne wissen Ihre Regierungsbehörden ungefähr, wann die Hungersnot über Sie kommen wird.«
   »In siebenundzwanzig Standardjahren. Mehr oder weniger. Der Zeitpunkt ändert sich ständig, abhängig von verschiedenen Faktoren. Es könnte zu einem Krieg kommen, bevor es zu einer Hungersnot kommt. Das glauben einige unserer Experten. Oder vielleicht kommt es zu einem Krieg und einer Hungersnot. Auf jeden Fall werden eine Menge Leute sterben. Wir sind zivilisierte Menschen, Tuf, das haben Sie selbst gesagt. So gottverdammt zivilisiert, wie Sie es nicht für möglich halten würden. Kooperativ, ethisch, lebensbejahend, all dieser Kram. Aber sogar das bricht zusammen. Die Bedingungen in den unterirdischen Städten werden immer schlechter, seit Generationen schon, und einige unserer Führer gehen so weit zu sagen, dass die Menschen dort degenerieren, sich in beschissene Schädlinge verwandeln. Mord, Vergewaltigung, sämtliche nur denkbaren Gewaltverbrechen – die Rate steigt jedes Jahr. Innerhalb der letzten achtzehn Monate gab es zwei Berichte über Kannibalismus. All das wird in den kommenden Jahren noch weit schlimmer werden. Es nimmt mit der beschissenen Bevölkerungskurve zu. Verstehen Sie mich, Tuf?«
   »In der Tat.«
   Die Kellner kamen zurück und trugen das Hauptgericht herein. Fleischscheiben stapelten sich hoch auf der Platte, noch ofenwarm und dampfend, und sie konnten aus vier verschiedenen Gemüsesorten auswählen. Haviland Tuf sah zu, wie sein Teller übervoll mit Gewürzbohnen, Quetschkartoffeln, Süßwurzeln und Buttersprossen gefüllt wurde, und bat den Kellner, für Sodom mehrere dünne Schinkenscheiben aufzuschneiden. Tolly Mune selbst nahm sich eine dicke Scheibe Schinken und tränkte sie in brauner Soße, aber nach dem ersten Bissen verspürte sie keinen Appetit mehr; sie sah Tuf beim Essen zu.
   »Nun?«, sagte sie ungeduldig.
   »Vielleicht kann ich Ihnen in dieser verzwickten Lage ein wenig zu Diensten sein«, sagte Tuf, während er geschickt eine Gabel voll Gewürzbohnen aufspießte.
   »Sie könnten uns sogar sehr zu Diensten sein. Verkaufen Sie uns die Arche. Das ist der einzige Ausweg, Tuf, das wissen Sie. Ich weiß es. Nennen Sie Ihren Preis. Ich appelliere an Ihren gottverdammten Sinn für Moral. Verkaufen Sie, und Sie werden Millionen das Leben retten – vielleicht Milliarden. Sie werden nicht nur reich sein, sondern auch ein Held. Sagen Sie ein Wort, und wir benennen den gottverdammten Planeten nach Ihnen.«
   »Eine interessante Vorstellung. Obwohl ich, ungeachtet meiner Eitelkeit, fürchte, dass Sie die macht des alten Ökologischen Pionierkorps ziemlich überbewerten. Auf jeden Fall steht die Arche nicht zum Verkauf, wie ich Ihnen bereits gesagt habe. Vielleicht könnte ich es wagen, Ihnen eine offensichtlichere Lösung Ihrer Probleme vorzuschlagen? Wenn sie sich als wirkungsvoll erweist, gestatte ich Ihnen gerne, eine Stadt oder einen kleinen Asteroiden nach mir zu benennen.«
   Tolly Mune lachte und gönnte sich einen kräftigen Schluck Bier. Sie brauchte ihn. »Also los, Tuf. Spucken Sie’s aus. Sagen Sie mir Ihre einfache, offensichtliche Lösung.«
   »Da fallen mir nur allzu viele Begriffe ein«, sagte Tuf. »Bevölkerungskontrolle ist das Schlüsselwort, erreichbar durch biochemische oder mechanische Geburtenkontrolle, sexuelle Abstinenz, kulturelle Konditionierung, gesetzliche Verbote. Die Mechanismen können variieren, aber das Endergebnis wird das Gleiche sein. Die S’uthlamesen müssen sich mit einer etwas verringerten Fortpflanzungsrate abfinden.«
   »Unmöglich.«
   »Das dürfte wohl kaum der Fall sein. Anderen Planeten, noch dazu wesentlich älteren als S’uthlam, ist das gelungen.«
   »Das ist völlig gleichgültig.« Tolly Mune vollführte eine heftige Bewegung mit ihrem Krug, und Bier ergoss sich über den Tisch. Sie sah darüber hinweg. »Damit gewinnen Sie keinen Preis für originelle Einfälle, Tuf. Das ist alles andere als eine neue Idee. Tatsächlich haben wir eine politische Fraktion, die das seit, verdammt, Hunderten von Jahren predigt. Die Nuller nennen wir sie. Sie wollen die Bevölkerungskurve auf Null bringen. Ich würde sagen, sieben, vielleicht acht Prozent der Einwohner unterstützen sie.«
   »Eine Massenhungersnot wird die Anzahl der Anhänger ihrer Sache zweifelsohne ansteigen lassen«, bemerkte Tuf und hob eine schwer beladene Gabel mit Quetschkartoffeln. Sodom miaute zustimmend.
   »Dann wird es viel zu spät sein, und das wissen Sie verdammt genau. Das Problem besteht darin, dass die wimmelnden Massen da unten wirklich nicht glauben, dass es soweit kommen wird – ganz egal, was die Politiker sagen, und egal, wie viele entsetzliche Voraussagen sie in den Nachrichten hören. Das haben wir früher auch schon gehört, sagen sie, und verdammt, das haben sie. Großmutter und Urgroßvater haben die gleichen Voraussagen über eine Hungersnot gehört. Aber bisher ist es S’uthlam gelungen, die Katastrophe zu vermeiden. Die Technokraten stehen seit Jahrhunderten an der Spitze, weil sie ununterbrochen daran gearbeitet haben, den Tag des Zusammenbruchs eine Generation hinauszuschieben. Sie finden immer eine Lösung. Die meisten Einwohner sind überzeugt, dass sie auch in Zukunft immer eine Lösung finden werden.«
   »Derartige Lösungen sind, wie Sie andeuten, ihrer Natur nach immer nur Notbehelfe«, gab Haviland Tuf zu bedenken. »Das muss doch offensichtlich sein – die einzige wirkliche Lösung liegt in einer Bevölkerungskontrolle.«
   »Sie verstehen uns nicht, Tuf. Geburtenbeschränkungen sind der große Mehrheit der S’uthlamesen ein Gräuel. Sie bekommen nie eine ausreichende Anzahl von Leuten zusammen, die das akzeptieren – bestimmt nicht genug, um irgendeine verdammt unreale Katastrophe zu vermeiden, an die sowieso keiner glaubt. Ein paar außerordentlich dumme und außerordentlich idealistische Politiker haben es versucht, und sie wurden über Nacht in den Ruin gedrängt, als unmoralische Lebensgegner denunziert.«
   »Aha. Sind Sie eine religiöse Frau, Hafenmeisterin Mune?«
   Sie zog eine Grimasse und trank noch einen Schluck Bier. »Teufel, nein. Wahrscheinlich bin ich Agnostikerin. Ich weiß es nicht, ich denke nicht viel darüber nach. Aber ich bin auch eine Nullerin, obwohl ich das da unten nie zugeben würde. Eine Menge Spinnerets sind Nuller. In einem kleinen, abgeschlossenen System wie dem Hafen werden die Auswirkungen uneingeschränkter Fortpflanzung schnell offensichtlich und verdammt beängstigend. Da unten ist das nicht so beschissen klar. Und die Kirche ... kennen Sie die Kirche der Lebensentfaltung?«
   »Ich bin ein wenig mit ihren Grundsätzen vertraut.«
   »S’uthlam wurde von den Ältesten der Kirche der Lebensentfaltung besiedelt. Sie befanden sich auf der Flucht vor der religiösen Verfolgung auf Tara, und sie wurden verfolgt, weil sie sich so verdammt schnell fortpflanzten und bald den Planeten übernommen hätten, was dem Rest von Tara nicht sehr gefiel.«
   »Ein verständliches Gefühl.«
   »Aus dem gleichen beschissenen Grund ist das Kolonialisierungsprogramm gescheitert, das die Expansionisten vor ein paar Jahrhunderten begonnen hatten. Die Kirche ... nun, ihre Grundüberzeugung lautet, dass es die Bestimmung des intelligenten Lebens sei, das Universum auszufüllen, und Leben sei das höchste Gut. Lebensfeindlichkeit – Entropie – ist das ultimativ Böse. Die Kirche glaubt, dass Leben und Nichtleben in einem, sagen wir: Wettbewerb stehen. Wir müssen uns entfalten, sagt die Kirche, durch immer höhere Stadien von Bewusstsein und Genie bis hin zur letztendlichen Göttlichkeit, und wir müssen diese Göttlichkeit rechtzeitig erreichen, um den Hitzetod des Universums abzuwenden. Da die Evolution sich durch den biologischen Mechanismus der Fortpflanzung entfaltet, müssen wir uns fortpflanzen, müssen immerzu expandieren und den Genpool bereichern, unsere Saat über die Sterne verstreuen. Die Geburten zu begrenzen ... damit könnten wir den nächsten Schritt der Evolution beeinträchtigen, vielleicht ein Genie abtreiben, einen Protogott, den Träger eines mutierten Chromosoms, das die Rasse auf die nächste, transzendente Sprosse der Leiter heben könnte.«
   »Ich denke, dass ich die Grundlagen dieses Glaubens begreife.«
   »Wir sind ein freies Volk, Tuf«, sagte Tolly Mune mit Nachdruck. »Religiöse Mannigfaltigkeit, freie Wahl, all das. Bei uns gibt es Erikaner, Altchristen, Kinder der Träumer. Wir dulden Bastionen der Stahlengel und Melderkommunen – was Sie wollen. Aber mehr als achtzig Prozent der Bevölkerung gehört immer noch der Kirche der Lebensentfaltung an, und ihr Glaube ist zur Zeit vielleicht sogar stärker, als er es je gewesen ist. Diese Leute sehen sich um, und sie sehen all die offensichtlichen Früchte der Lehren der Kirche. Wenn Milliarden von Menschen leben, sind eine Million Genies darunter, und man hat den Stimulus virulenter Kreuzbefruchtung, den ungezügelten Wettkampf um Verbesserungen der Art im Kampf ums Dasein. Verdammte Scheiße, also ist es nur logisch, dass es auf S’uthlam so oft zu wundersamen technologischen Durchbrüchen kommt. Diese Leute sehen unsere Städte, unseren Fahrstuhl, sie sehen die Besucher, die von hundert Welten kommen, um hier zu lernen, sie sehen, wie wir sämtliche Nachbarwelten in den Schatten stellen. Sie sehen keine Katastrophe, und die Kirchenoberhäupter sagen, dass alles gut wird, also warum zum Teufel sollte irgendjemand aufhören, sich fortzupflanzen!« Sie schlug fest auf den Tisch und drehte sich zu einem Kellner um. »Du!«, bellte sie. »Mehr Bier. Und zwar schnell.« Sie wandte sich wieder Tuf zu. »Also kommen Sie mir nicht mit solchen naiven Vorschlägen. Geburtenbeschränkungen sind in unserer Situation völlig undurchführbar. Unmöglich. Verstehen Sie das, Tuf?«
   »Es gibt keinen Grund, meine Intelligenz in Zweifel zu ziehen.« Er streichelte Sodom, die sich, mit Schinken überfressen, auf seinem Schoß ausgestreckt hatte. »Die Misere von S’uthlam berührt mich zutiefst. Ich werde mich bemühen, alles mir Mögliche zu tun, um das Leid auf Ihrem Planeten zu lindern.«
   »Dann verkaufen Sie uns die Arche?«
   »Dies ist eine unbegründete Schlussfolgerung«, entgegnete Tuf. »Allerdings werde ich tun, was in meinen Möglichkeiten als ökologischer Pionier steht, bevor ich zu anderen Planeten weiterreise.«
   Die Kellner brachten das Dessert – fette, blaugrüne Geleefrüchte, die in Schüsseln voller angedickter Sahne schwammen. Sodom roch die Sahne und sprang neugierig auf den Tisch, während Haviland Tuf den langen Silberlöffel anhob, der ihm überreicht worden war.
   Tolly Mune schüttelte den Kopf. »Bringen Sie das weg«, bellte sie. »Das ist viel zu fett. Ich möchte nur Bier.«
   Tuf blickte auf und hob einen Finger. »Einen Moment! Es besteht keine Notwendigkeit, Ihre Portion dieser köstlichen Süßspeise wegzukippen. Sodom wird sich sicher darüber freuen.«
   Die Hafenmeisterin trank aus einem frischen Krug braunen Biers und runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht mehr, was ich noch sagen soll, Tuf. Wir stecken hier in einer Krise. Wir müssen dieses Schiff haben. Das ist Ihre letzte Chance. Werden Sie verkaufen?«
   Tuf sah sie an. Sodom machte sich schnell über das Dessert her. »Meine Position bleibt unverändert.«
   »Dann tut es mir Leid. Ich wollte das nicht tun.« Sie schnippte mit den Fingern. In der Stille dieses Augenblicks, in der nur Sodom zu hören war, die ihre Sahne schleckte, wirkte dieses Geräusch wie ein Pistolenschuss. Ringsherum an den kristallenen Wänden griffen die großen, aufmerksamen Kellner in ihre schwarzgoldenen Jacken und brachten Nervenpistolen zum Vorschein.
   Tuf blinzelte und drehte den Kopf erst nach rechts, dann nach links, und sah jeden Mann der Reihe nach prüfend an, während sich Sodom über die Geleefrucht hermachte. »Verrat«, sagte er tonlos. »Ich bin zutiefst enttäuscht. Mein Vertrauen und meine Gutmütigkeit sind missbraucht worden.«
   »Sie haben mich dazu gezwungen, Tuf. Sie verdammter Narr ...«
   »Dergleichen vulgäre Beschimpfungen verstärken diesen Betrug eher, als dass sie ihn rechtfertigten«, sagte Tuf mit dem Löffel in der Hand. »Werde ich jetzt hinterrücks erschlagen?«
   »Wir sind zivilisierte Menschen«, sagte Tolly Mune zornig. Sie war wütend auf Tuf, auf Josen Rael, auf die gottverdammte Kirche der Lebensentfaltung und am meisten auf sich selbst, weil sie es hatte so weit kommen lassen. »Nein, Sie werden nicht getötet. Wir werden nicht einmal dieses gottverdammte Schiffswrack stehlen, um das Sie so sehr besorgt sind. Wir halten uns an die Gesetze, Tuf. Sie sind verhaftet.«
   »Tatsächlich. Bitte nehmen Sie meine Kapitulation entgegen. Ich bin immer bemüht, mich an alle einschlägigen Gesetze zu halten. Wessen werde ich beschuldigt?«
   Tolly Mune lächelte dünn und freudlos. Sie wusste genau, dass man sie im Spinnennest heute abend die Stählerne Witwe nennen würde. Sie wies auf das andere Ende des Tisches, wo Sodom saß und sich die Sahne von den Schnurrhaaren leckte. »Sie haben illegale Schädlinge in den Hafen von S’uthlam eingeschleust«, sagte sie.
   Vorsichtig legte Tuf seinen Löffel auf den Tisch und faltete die Hände über dem Bauch. »Ich erinnere mich daran, Sodom auf Ihren besonderen Wunsch hin mitgebracht zu haben.«
   Tolly Mune schüttelte den Kopf. »Das hilft Ihnen nicht weiter, Tuf. Ich habe unser Gespräch aufgezeichnet. Sicher, ich habe gesagt, dass ich noch nie zuvor ein lebendiges Tier gesehen hätte, aber das war eine einfache Feststellung, und kein Gericht könnte es als Aufforderung an Sie verstehen, eine kriminelle Verletzung unserer Gesundheitsstatuten zu begehen. Zumindest keines unserer Gerichte.« Ihr Lächeln war beinahe entschuldigend.
   »Ich verstehe. Lassen Sie uns in diesem Fall auf zeitraubende juristische Intrigen verzichten. Ich bekenne mich schuldig und bezahle die vorgeschriebene Strafe für dieses leichte Vergehen.«
   »Einverstanden«, sagte Tolly Mune. »Die Strafe beläuft sich auf fünfzig Standards.« Sie winkte, und einer ihrer Männer trat vor und nahm Sodom vom Tisch. »Natürlich«, schloss sie, »muss der betreffende Schädling vernichtet werden.«

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Deutsche Erstveröffentlichung
Originaltitel: »Loaves & Fishes«
© 2002 by George R. R. Martin. Alle Rechte vorbehalten.
Mit freundlicher Genehmigung seines Agenten Werner Fuchs
Übersetzung © 2002 Berit Neumann
Erstveröffentlichung in ANALOG, Oktober 1985
Die Übersetzung folgt der Buchausgabe in Tuf Voyaging (London: Victor Gollancz, 1988)
Mit herzlichem Dank an George R. R. Martin & Werner Fuchs
Grafik © 2002 Manfred Lafrentz

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Siehe auch
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