Teil 6

»Ich kann nicht glauben, dass Sie das getan haben«, sagte Josen Rael ausgesprochen
heftig. Tolly Mune hatte die Lautstärke an ihrer Komm-Einheit aufgedreht, um den
ständigen irritierenden Protest ihrer gefangenen Katze zu übertönen.
»Benehmen Sie sich doch vernünftig, Josen«, sagte sie mürrisch.
»Das ist gottverdammt brillant.«
»Sie haben die Zukunft unseres Planeten verwettet! Milliarden
und Abermilliarden Leben! Erwarten Sie ernsthaft, dass ich Ihren kleinen Pakt auch noch
gutheiße?«
Tolly Mune saugte an ihrer Bierblase und seufzte. Dann sagte sie in dem
Tonfall, in dem sie einem Kind, das besonders schwer von Begriff ist, etwas erklären
würde: »Wir können nicht verlieren, Josen. Denken Sie darüber nach, wenn
dieses wurmstichige Ding in Ihrem Schädel durch die Schwerkraft nicht zu sehr geschrumpft
ist, um einen klaren Gedanken fassen zu können. Warum zur Hölle wollten wir die Arche?
Um uns zu ernähren, natürlich. Um die Hungersnot zu vermeiden, um das Problem zu lösen,
um ein beschissenes biologisches Rätsel zu lösen. Um Brot und Fische zu vermehren.«
»Brot und Fische?«, sagte der Oberste Ratsherr verwirrt.
»Unendlich oft. Das ist eine klassische Anspielung, Josen. Christlich,
glaube ich. Tuf versucht, Fischbrötchen für dreißig Milliarden zu machen. Ich glaube
zwar, dass er nur Mehl ins Gesicht bekommen und sich an einer Fischgräte verschlucken
wird, aber das spielt keine Rolle. Wenn er versagt, bekommen wir dieses gottverdammte
Saatschiff, ganz einfach und legal. Wenn er Erfolg hat, brauchen wir die Arche
nicht mehr. So oder so gewinnen wir. Und auf die Art, wie ich alles eingefädelt habe,
schuldet uns Tuf immer noch vierunddreißig Millionen Standards, selbst wenn er gewinnt.
Wenn er es wie durch ein Wunder schafft, stehen die Wetten gut, dass wir das Schiff
trotzdem bekommen, falls er seinen verdammten Schuldschein nicht einlösen kann.« Sie
trank noch einen Schluck Bier und grinste ihn an. »Josen, Sie haben verdammtes Glück,
dass ich Ihren Job nicht haben will. Ist Ihnen jemals in den Sinn gekommen, dass ich ein
ganzes Stück gerissener bin als Sie?«
»Sie sind auch ein ganzes Stück weniger diplomatisch, Ma«, sagte er,
»und ich bezweifle, dass Sie in meinem Job auch nur einen Tag überstehen würden. Ich
kann allerdings nicht abstreiten, dass Sie den Ihren gut erledigen. Ich nehme an, Ihr Plan
ist realisierbar.«
»Sie nehmen es an?«
»Es gilt politische Sachzwänge zu berücksichtigen. Sie müssen
bedenken, die Expansionisten wollen das Schiff für sich. Im Vorgriff auf den Tag, an dem
sie die Macht wiedererlangen. Glücklicherweise sind sie eine Minderheit. Wir werden sie
im Rat mal wieder überstimmen.«
»Sehen Sie zu, dass Sie das tun, Josen«, sagte Tolly Mune. Sie
unterbrach die Verbindung und saß schwebend im Zwielicht ihres Heims. Auf dem Videoschirm
kam die Arche wieder in Sicht. Ihre Arbeitsmannschaften waren jetzt überall auf
dem Schiff und errichteten ein Behelfsdock. Das richtige würde später folgen. Sie
erwartete, dass die Arche für ein paar Jahrhunderte da sein würde, also
brauchten sie Platz, um das verdammte Ding unterzubringen, und selbst wenn Tuf sich durch
irgendeinen dummen Zufall damit aus dem Staub machen sollte, war eine grundlegende
Erweiterung des Netzes lange überfällig und würde Hunderte neuer Andockmöglichkeiten
schaffen. Wenn Tuf die Rechnung bezahlte, sah sie keinen Sinn darin, den Bau noch länger
aufzuschieben. Eine lange, durchsichtige Plastahlröhre wurde Stück für Stück
zusammengesetzt, um das riesige Saatschiff mit dem Ende der nächstgelegenen Hauptspeiche
zu verbinden, so dass Spinneret-Teams und Schiffsladungen von Material es einfacher
erreichen konnten. Cybertechs waren bereits an Bord und mit dem Computersystem des Schiffs
verbunden, das sie so umprogrammierten, dass es Tufs Anforderungen gerecht wurde und um,
rein zufällig, irgendwelche internen Verteidigungsmechanismen aufzuspüren, die er
eingegeben haben könnte. Geheimbefehl von der Stählernen Witwe persönlich; Tuf wusste
nichts davon. Es war nur eine kleine zusätzliche Vorkehrung für den Fall, dass er ein
schlechter Verlierer sein sollte. Sie wollte keine Monster oder Seuchen aus ihrem
Überraschungspaket hüpfen sehen, wenn sie es öffnete.
Was Tuf anbelangte, so berichteten ihre Quellen, dass er sich fast
ununterbrochen in seinem Computerraum aufhielt, seit er den Spielsalon des Weltblick
verlassen hatte. Mit ihrer Autorität als Hafenmeisterin hatte sie die Datenbanken des
Rates befugt, ihm jede Information zu geben, die er verlangte, und er verlangte wirklich
eine ganze Menge, den Berichten nach zu urteilen, die sie erhielt. Die Computer der Arche
spuckten umfangreiche Vorausberechnungen und Simulationen aus. Tolly Mune musste zugeben,
dass er sein Bestes tat.
Der Käfig in der Ecke wackelte, als Sodom dagegen krachte und ein
leises, verletztes Miauen von sich gab. Die Katze tat ihr Leid. Auch Tuf tat ihr Leid.
Vielleicht konnte sie ihm, wenn er versagte, das Langstrecken Neun trotzdem geben.
Siebenundvierzig Tage vergingen.
Siebenundvierzig Tage, in denen die Mannschaften in Dreierschichten
arbeiteten, so dass die Aktivitäten um die Arche gleichbleibend intensiv
blieben. Das Netz kroch hinaus zum Saatschiff und überzog es; Kabel schlängelten sich
darüber wie Weinranken, ein Netzwerk pneumatischer Röhren führte in die Luftschleusen
hinein und aus ihnen heraus, als wäre es ein Sterbender in einem Medcenter;
Plastahlblasen schwollen auf der Hülle wie riesige, fette, silberne Pickel; Ranken aus
Stahl und Alluminiumlegierungen überzogen das Schiff wie Kletterpflanzen; Vakuumschlitten
schwirrten über die ungeheuren Ausmaße wie Stechmücken, die vom Feuer angezogen werden;
und überall, innen und außen, befanden sich Armeen von Spinnerets. Siebenundvierzig Tage
vergingen, und die Arche war repariert, überholt, modernisiert und aufgetankt.
Siebenundvierzig Tage vergingen, ohne dass Haviland Tuf sein Schiff auch
nur für eine Minute verlassen hätte. Zuerst lebte er in seinem Computerraum, so
berichteten die Spinnerets, und ließ die Simulationen Tag und Nacht laufen, und die Daten
brandeten über ihn hinweg. In diesen letzten Wochen wurde er meistens gesehen, wie er mit
einem kleinen dreirädrigen Wagen die dreißig Kilometer der riesigen Zentralachse des
Saatschiffes entlangfuhr, eine grüne Schirmmütze auf dem Kopf, eine kleine langhaarige
graue Katze im Schoß. Er nahm nur knapp und oberflächlich Notiz von den
suthlamesischen Arbeitern, aber von Zeit zu Zeit kam er herüber, um Instrumente an
einzelnen, beliebigen Arbeitsstationen zu rekalibrieren oder die endlosen Reihen von
Fässern zu kontrollieren, die entlang der hohen Wände aufgestapelt waren. Die Cybertechs
bemerkten, dass bestimmte Klon-Programme liefen und dass der Chronowarp in Betrieb war und
enorme Mengen Energie verbrauchte. Siebenundvierzig Tage vergingen, in denen Tuf in fast
völliger Abgeschiedenheit arbeitete, nur von Gomorrha begleitet.
Siebenundvierzig Tage vergingen, während derer Tolly Mune weder mit Tuf
noch mit dem Obersten Ratsherren Josen Rael sprach. Ihre Pflichten als Hafenmeisterin, die
sie seit Beginn der Arche-Krise vernachlässigt hatte, waren mehr als
ausreichend, um sie auf Trab zu halten. Sie musste Streitfälle anhören und entscheiden,
den Transport koordinieren, Baustellen überwachen, hochdekorierte Fliegendiplomaten
unterhalten, bevor sie den Fahrstuhl hinunterfuhren, Budgets verfassen, Lohnlisten
unterzeichnen. Und sie musste sich um eine Katze kümmern.
Anfangs befürchtete Tolly Mune das Schlimmste. Sodom verweigerte die
Nahrungsaufnahme, schien nicht in der Lage, sich an die Schwerelosigkeit anzupassen,
verpestete die Luft im Apartment der Hafenmeisterin mit ihren Ausscheidungen, und bestand
darauf, die erbärmlichsten Geräusche von sich zu geben, die zu hören die Hafenmeisterin
je das Missvergnügen hatte. Sie war sogar so besorgt, dass sie sie zum
Chef-Schädlingsspezialisten brachte, der ihr versicherte, dass der Käfig geräumig genug
war und die Proteinportionen mehr als angemessen waren. Die Katze stimmte dem überhaupt
nicht zu und fuhr fort zu kränkeln, zu miauen und zu fauchen, bis Tolly Mune sicher war,
dass der Irrsinn, entweder feliner oder humaner Natur, nicht mehr lange auf sich warten
ließ.
Schließlich unternahm sie etwas. Sie setzte die Nahrungspaste ab und
fütterte das Tier mit den Fleischstäbchen, die Tuf von der Arche geschickt
hatte. Die Wildheit, mit der Sodom über sie herfiel, wenn sie die Enden durch die
Gitterstäbe steckte, war erstaunlich. Einmal leckte sie an Tolly Munes Finger, nachdem
sie ein Stückchen in Rekordzeit vertilgt hatte; es war ein seltsames Gefühl, aber nicht
ganz unangenehm. Die Katze rieb sich auch am Käfig, als würde sie Zärtlichkeit suchen;
Tolly berührte sie versuchsweise und wurde mit weitaus angenehmeren Geräuschen belohnt
als jene, die die Katze zuvor ausgestoßen hatte. Die Berührung des schwarzweißen Fells
des Tieres war beinahe sinnlich.
Nach acht Tagen ließ sie sie aus dem Käfig. Die äußeren Grenzen des
Büros wären ein ausreichendes Gefängnis, dachte sie. Kaum hatte Tolly Mune die
Käfigtür zur Seite geschoben, da sprang Sodom hindurch, aber als ihr Sprung sie quer
durch den Raum segeln ließ, begann sie vor Unbehagen heftig zu fauchen. Tolly schwebte
ihr hinterher und packte sie, während sie sich überschlug, aber die Katze hieb wild um
sich und hinterließ lange Kratzer auf ihrem Handrücken. Nachdem die Medtechs gekommen
und wieder gegangen waren, rief Tolly Mune die Sicherheit an. »Requirierung eines Zimmers
im Weltblick«, sagte sie. »Ein Turmzimmer mit Schwerkraftkontrolle. Sagen Sie
ihnen, dass sie das Gitter auf ein Viertel G einstellen sollen.«
»Wer ist der Gast?«, fragte man sie.
»Ein Hafengefangener«, bellte sie. »Bewaffnet und gefährlich.«
Nach dem Umzug besuchte sie das Hotel täglich nach der Arbeit
zuerst nur, um ihre Geisel zu füttern und deren Wohlergehen zu überprüfen. Am
fünfzehnten Tag blieb sie lange genug, um ein paar Kalorien aufzusaugen und der Katze die
Zärtlichkeit zu geben, nach der sie so sehr verlangte. Die Persönlichkeit des Tieres
hatte sich dramatisch verändert. Sie machte freudige Geräusche, wenn sie zu ihrer
täglichen Inspektion die Tür öffnete (obwohl sie weiterhin ständig zu entkommen
versuchte), rieb sich unaufgefordert an ihrem Bein, hielt ihre Krallen eingezogen und
schien sogar fett zu werden. Wann immer Tolly Mune sich hinsetzte, sprang Sodom sofort auf
ihren Schoß. Am zwanzigsten Tag übernachtete sie dort. Am sechsundzwanzigsten Tag zog
sie vorübergehend ein.
Siebenundvierzig Tage vergingen, und am Ende hatte sich Sodom daran
gewöhnt, bei ihr zu schlafen, auf ihrem Kopfkissen zusammengerollt, ihr weiches,
schwarzweißes Fell gegen die Wange der Hafenmeisterin gedrückt.
Am achtundvierzigsten Tag rief Haviland Tuf an. Wenn er erschrocken
darüber war, seine Katze auf ihrem Schoß zu sehen, ließ er es sich nicht anmerken.
»Hafenmeisterin Mune«, sagte er.
»Schon aufgegeben?«, fragte sie ihn.
»Wohl kaum«, entgegnete Tuf. »Tatsächlich bin ich bereit, meinen
Preis zu beanspruchen.«
Teil 7 von »Brot
und Fische«  |
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