ALIEN CONTACT
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George R. R. Martin

Brot und Fische

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<-- Teil 6 -->

»Ich kann nicht glauben, dass Sie das getan haben«, sagte Josen Rael ausgesprochen heftig. Tolly Mune hatte die Lautstärke an ihrer Komm-Einheit aufgedreht, um den ständigen irritierenden Protest ihrer gefangenen Katze zu übertönen.
   »Benehmen Sie sich doch vernünftig, Josen«, sagte sie mürrisch. »Das ist gottverdammt brillant.«
   »Sie haben die Zukunft unseres Planeten verwettet! Milliarden und Abermilliarden Leben! Erwarten Sie ernsthaft, dass ich Ihren kleinen Pakt auch noch gutheiße?«
   Tolly Mune saugte an ihrer Bierblase und seufzte. Dann sagte sie in dem Tonfall, in dem sie einem Kind, das besonders schwer von Begriff ist, etwas erklären würde: »Wir können nicht verlieren, Josen. Denken Sie darüber nach, wenn dieses wurmstichige Ding in Ihrem Schädel durch die Schwerkraft nicht zu sehr geschrumpft ist, um einen klaren Gedanken fassen zu können. Warum zur Hölle wollten wir die Arche? Um uns zu ernähren, natürlich. Um die Hungersnot zu vermeiden, um das Problem zu lösen, um ein beschissenes biologisches Rätsel zu lösen. Um Brot und Fische zu vermehren.«
   »Brot und Fische?«, sagte der Oberste Ratsherr verwirrt.
   »Unendlich oft. Das ist eine klassische Anspielung, Josen. Christlich, glaube ich. Tuf versucht, Fischbrötchen für dreißig Milliarden zu machen. Ich glaube zwar, dass er nur Mehl ins Gesicht bekommen und sich an einer Fischgräte verschlucken wird, aber das spielt keine Rolle. Wenn er versagt, bekommen wir dieses gottverdammte Saatschiff, ganz einfach und legal. Wenn er Erfolg hat, brauchen wir die Arche nicht mehr. So oder so gewinnen wir. Und auf die Art, wie ich alles eingefädelt habe, schuldet uns Tuf immer noch vierunddreißig Millionen Standards, selbst wenn er gewinnt. Wenn er es wie durch ein Wunder schafft, stehen die Wetten gut, dass wir das Schiff trotzdem bekommen, falls er seinen verdammten Schuldschein nicht einlösen kann.« Sie trank noch einen Schluck Bier und grinste ihn an. »Josen, Sie haben verdammtes Glück, dass ich Ihren Job nicht haben will. Ist Ihnen jemals in den Sinn gekommen, dass ich ein ganzes Stück gerissener bin als Sie?«
   »Sie sind auch ein ganzes Stück weniger diplomatisch, Ma«, sagte er, »und ich bezweifle, dass Sie in meinem Job auch nur einen Tag überstehen würden. Ich kann allerdings nicht abstreiten, dass Sie den Ihren gut erledigen. Ich nehme an, Ihr Plan ist realisierbar.«
   »Sie nehmen es an
   »Es gilt politische Sachzwänge zu berücksichtigen. Sie müssen bedenken, die Expansionisten wollen das Schiff für sich. Im Vorgriff auf den Tag, an dem sie die Macht wiedererlangen. Glücklicherweise sind sie eine Minderheit. Wir werden sie im Rat mal wieder überstimmen.«
   »Sehen Sie zu, dass Sie das tun, Josen«, sagte Tolly Mune. Sie unterbrach die Verbindung und saß schwebend im Zwielicht ihres Heims. Auf dem Videoschirm kam die Arche wieder in Sicht. Ihre Arbeitsmannschaften waren jetzt überall auf dem Schiff und errichteten ein Behelfsdock. Das richtige würde später folgen. Sie erwartete, dass die Arche für ein paar Jahrhunderte da sein würde, also brauchten sie Platz, um das verdammte Ding unterzubringen, und selbst wenn Tuf sich durch irgendeinen dummen Zufall damit aus dem Staub machen sollte, war eine grundlegende Erweiterung des Netzes lange überfällig und würde Hunderte neuer Andockmöglichkeiten schaffen. Wenn Tuf die Rechnung bezahlte, sah sie keinen Sinn darin, den Bau noch länger aufzuschieben. Eine lange, durchsichtige Plastahlröhre wurde Stück für Stück zusammengesetzt, um das riesige Saatschiff mit dem Ende der nächstgelegenen Hauptspeiche zu verbinden, so dass Spinneret-Teams und Schiffsladungen von Material es einfacher erreichen konnten. Cybertechs waren bereits an Bord und mit dem Computersystem des Schiffs verbunden, das sie so umprogrammierten, dass es Tufs Anforderungen gerecht wurde und um, rein zufällig, irgendwelche internen Verteidigungsmechanismen aufzuspüren, die er eingegeben haben könnte. Geheimbefehl von der Stählernen Witwe persönlich; Tuf wusste nichts davon. Es war nur eine kleine zusätzliche Vorkehrung für den Fall, dass er ein schlechter Verlierer sein sollte. Sie wollte keine Monster oder Seuchen aus ihrem Überraschungspaket hüpfen sehen, wenn sie es öffnete.
   Was Tuf anbelangte, so berichteten ihre Quellen, dass er sich fast ununterbrochen in seinem Computerraum aufhielt, seit er den Spielsalon des Weltblick verlassen hatte. Mit ihrer Autorität als Hafenmeisterin hatte sie die Datenbanken des Rates befugt, ihm jede Information zu geben, die er verlangte, und er verlangte wirklich eine ganze Menge, den Berichten nach zu urteilen, die sie erhielt. Die Computer der Arche spuckten umfangreiche Vorausberechnungen und Simulationen aus. Tolly Mune musste zugeben, dass er sein Bestes tat.
   Der Käfig in der Ecke wackelte, als Sodom dagegen krachte und ein leises, verletztes Miauen von sich gab. Die Katze tat ihr Leid. Auch Tuf tat ihr Leid. Vielleicht konnte sie ihm, wenn er versagte, das Langstrecken Neun trotzdem geben.

Siebenundvierzig Tage vergingen.
   Siebenundvierzig Tage, in denen die Mannschaften in Dreierschichten arbeiteten, so dass die Aktivitäten um die Arche gleichbleibend intensiv blieben. Das Netz kroch hinaus zum Saatschiff und überzog es; Kabel schlängelten sich darüber wie Weinranken, ein Netzwerk pneumatischer Röhren führte in die Luftschleusen hinein und aus ihnen heraus, als wäre es ein Sterbender in einem Medcenter; Plastahlblasen schwollen auf der Hülle wie riesige, fette, silberne Pickel; Ranken aus Stahl und Alluminiumlegierungen überzogen das Schiff wie Kletterpflanzen; Vakuumschlitten schwirrten über die ungeheuren Ausmaße wie Stechmücken, die vom Feuer angezogen werden; und überall, innen und außen, befanden sich Armeen von Spinnerets. Siebenundvierzig Tage vergingen, und die Arche war repariert, überholt, modernisiert und aufgetankt.
   Siebenundvierzig Tage vergingen, ohne dass Haviland Tuf sein Schiff auch nur für eine Minute verlassen hätte. Zuerst lebte er in seinem Computerraum, so berichteten die Spinnerets, und ließ die Simulationen Tag und Nacht laufen, und die Daten brandeten über ihn hinweg. In diesen letzten Wochen wurde er meistens gesehen, wie er mit einem kleinen dreirädrigen Wagen die dreißig Kilometer der riesigen Zentralachse des Saatschiffes entlangfuhr, eine grüne Schirmmütze auf dem Kopf, eine kleine langhaarige graue Katze im Schoß. Er nahm nur knapp und oberflächlich Notiz von den s’uthlamesischen Arbeitern, aber von Zeit zu Zeit kam er herüber, um Instrumente an einzelnen, beliebigen Arbeitsstationen zu rekalibrieren oder die endlosen Reihen von Fässern zu kontrollieren, die entlang der hohen Wände aufgestapelt waren. Die Cybertechs bemerkten, dass bestimmte Klon-Programme liefen und dass der Chronowarp in Betrieb war und enorme Mengen Energie verbrauchte. Siebenundvierzig Tage vergingen, in denen Tuf in fast völliger Abgeschiedenheit arbeitete, nur von Gomorrha begleitet.
   Siebenundvierzig Tage vergingen, während derer Tolly Mune weder mit Tuf noch mit dem Obersten Ratsherren Josen Rael sprach. Ihre Pflichten als Hafenmeisterin, die sie seit Beginn der Arche-Krise vernachlässigt hatte, waren mehr als ausreichend, um sie auf Trab zu halten. Sie musste Streitfälle anhören und entscheiden, den Transport koordinieren, Baustellen überwachen, hochdekorierte Fliegendiplomaten unterhalten, bevor sie den Fahrstuhl hinunterfuhren, Budgets verfassen, Lohnlisten unterzeichnen. Und sie musste sich um eine Katze kümmern.
   Anfangs befürchtete Tolly Mune das Schlimmste. Sodom verweigerte die Nahrungsaufnahme, schien nicht in der Lage, sich an die Schwerelosigkeit anzupassen, verpestete die Luft im Apartment der Hafenmeisterin mit ihren Ausscheidungen, und bestand darauf, die erbärmlichsten Geräusche von sich zu geben, die zu hören die Hafenmeisterin je das Missvergnügen hatte. Sie war sogar so besorgt, dass sie sie zum Chef-Schädlingsspezialisten brachte, der ihr versicherte, dass der Käfig geräumig genug war und die Proteinportionen mehr als angemessen waren. Die Katze stimmte dem überhaupt nicht zu und fuhr fort zu kränkeln, zu miauen und zu fauchen, bis Tolly Mune sicher war, dass der Irrsinn, entweder feliner oder humaner Natur, nicht mehr lange auf sich warten ließ.
   Schließlich unternahm sie etwas. Sie setzte die Nahrungspaste ab und fütterte das Tier mit den Fleischstäbchen, die Tuf von der Arche geschickt hatte. Die Wildheit, mit der Sodom über sie herfiel, wenn sie die Enden durch die Gitterstäbe steckte, war erstaunlich. Einmal leckte sie an Tolly Munes Finger, nachdem sie ein Stückchen in Rekordzeit vertilgt hatte; es war ein seltsames Gefühl, aber nicht ganz unangenehm. Die Katze rieb sich auch am Käfig, als würde sie Zärtlichkeit suchen; Tolly berührte sie versuchsweise und wurde mit weitaus angenehmeren Geräuschen belohnt als jene, die die Katze zuvor ausgestoßen hatte. Die Berührung des schwarzweißen Fells des Tieres war beinahe sinnlich.
   Nach acht Tagen ließ sie sie aus dem Käfig. Die äußeren Grenzen des Büros wären ein ausreichendes Gefängnis, dachte sie. Kaum hatte Tolly Mune die Käfigtür zur Seite geschoben, da sprang Sodom hindurch, aber als ihr Sprung sie quer durch den Raum segeln ließ, begann sie vor Unbehagen heftig zu fauchen. Tolly schwebte ihr hinterher und packte sie, während sie sich überschlug, aber die Katze hieb wild um sich und hinterließ lange Kratzer auf ihrem Handrücken. Nachdem die Medtechs gekommen und wieder gegangen waren, rief Tolly Mune die Sicherheit an. »Requirierung eines Zimmers im Weltblick«, sagte sie. »Ein Turmzimmer mit Schwerkraftkontrolle. Sagen Sie ihnen, dass sie das Gitter auf ein Viertel G einstellen sollen.«
   »Wer ist der Gast?«, fragte man sie.
   »Ein Hafengefangener«, bellte sie. »Bewaffnet und gefährlich.«
   Nach dem Umzug besuchte sie das Hotel täglich nach der Arbeit – zuerst nur, um ihre Geisel zu füttern und deren Wohlergehen zu überprüfen. Am fünfzehnten Tag blieb sie lange genug, um ein paar Kalorien aufzusaugen und der Katze die Zärtlichkeit zu geben, nach der sie so sehr verlangte. Die Persönlichkeit des Tieres hatte sich dramatisch verändert. Sie machte freudige Geräusche, wenn sie zu ihrer täglichen Inspektion die Tür öffnete (obwohl sie weiterhin ständig zu entkommen versuchte), rieb sich unaufgefordert an ihrem Bein, hielt ihre Krallen eingezogen und schien sogar fett zu werden. Wann immer Tolly Mune sich hinsetzte, sprang Sodom sofort auf ihren Schoß. Am zwanzigsten Tag übernachtete sie dort. Am sechsundzwanzigsten Tag zog sie vorübergehend ein.
   Siebenundvierzig Tage vergingen, und am Ende hatte sich Sodom daran gewöhnt, bei ihr zu schlafen, auf ihrem Kopfkissen zusammengerollt, ihr weiches, schwarzweißes Fell gegen die Wange der Hafenmeisterin gedrückt.
   Am achtundvierzigsten Tag rief Haviland Tuf an. Wenn er erschrocken darüber war, seine Katze auf ihrem Schoß zu sehen, ließ er es sich nicht anmerken. »Hafenmeisterin Mune«, sagte er.
   »Schon aufgegeben?«, fragte sie ihn.
   »Wohl kaum«, entgegnete Tuf. »Tatsächlich bin ich bereit, meinen Preis zu beanspruchen.«

Teil 7 von »Brot und Fische« -->

 

Deutsche Erstveröffentlichung
Originaltitel: »Loaves & Fishes«
© 2002 by George R. R. Martin. Alle Rechte vorbehalten.
Mit freundlicher Genehmigung seines Agenten Werner Fuchs
Übersetzung © 2002 Berit Neumann
Erstveröffentlichung in ANALOG, Oktober 1985
Die Übersetzung folgt der Buchausgabe in Tuf Voyaging (London: Victor Gollancz, 1988)
Mit herzlichem Dank an George R. R. Martin & Werner Fuchs
Grafik © 2002 Manfred Lafrentz

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