ALIEN CONTACT
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George R. R. Martin

Manna vom Himmel

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<-- Teil 2 -->

»Es scheint so«, sagte Haviland Tuf und legte die Fingerspitzen gegeneinander, während er sie aus den Tiefen eines riesigen Lehnstuhls heraus betrachtete, »dass sich die Umstände ein klein wenig verändert haben, seit ich das letzte Mal auf S’uthlam war.«
   Tolly Mune musterte ihn sorgfältig. Sein Bauch war größer geworden, und sein langes Gesicht zeigte den Ausdruck purer Trübsal, und ohne Dax in seinem Schoß sah Tuf beinahe nackt aus. Er hatte den großen schwarzen Kater auf einem der unteren Decks eingeschlossen, um ihn von Blackjack fernzuhalten. Da das uralte Saatgutschiff dreißig Kilometer lang war und mehrere von Tufs Katzen das betreffende Deck bewohnten, würde es Dax an Bewegungsfreiheit oder Gesellschaft kaum mangeln, aber trotzdem musste das Ganze verwirrend und beunruhigend für ihn sein. Die telepathische Katze war seit Jahren Tufs ständiger und untrennbarer Gefährte gewesen, hatte als Kätzchen sogar in Tufs geräumiger Hosentasche gesessen. Tolly Mune war deswegen ein klein wenig betrübt.
   Aber nicht allzu betrübt. Dax war Tufs Pik Ass, und sie hatte ihn übertrumpft. Sie lächelte und fuhr mit den Fingern durch Blackjacks dickes, rauchfarbenes Fell und löste damit ein weiteres lautes Schnurren aus. »Je mehr die Dinge sich verändern, umso mehr bleiben dieselben«, erwiderte sie auf Tufs Kommentar.
   »Wieder eines dieser seltsamen Sprichwörter, die jeglicher logischer Grundlage entbehren, da sie sich selbst widersprechen«, sagte Tuf. »Wenn sich tatsächlich etwas auf S’uthlam verändert hat, so kann es doch nicht gleichzeitig unverändert geblieben sein. Für mich, der von weither kommt, scheinen die Veränderungen höchst bemerkenswert zu sein. Vor allem dieser Krieg und Ihre Wahl zur Obersten Ratsherrin, was doch eine beträchtliche und unvorhersehbare Beförderung darstellt.«
   »Und einen verdammt fürchterlichen Job«, sagte Tolly Mune und schnitt eine Grimasse. »Ich würde sofort wieder Hafenmeisterin werden, wenn ich nur könnte.«
   »Ihre Zufriedenheit mit Ihrer Arbeit steht hier nicht zur Diskussion«, sagte Tuf. »Außerdem muss ich feststellen, dass mein Willkommen auf S’uthlam deutlich weniger herzlich ausgefallen ist als bei meinem letzten Besuch, was ich sehr bedaure, wobei doch die Tatsache nicht zu verachten ist, dass ich mich zweimal zwischen S’uthlam und eine Hungersnot, Seuchen, Kannibalismus, Pestilenz, sozialen Kollaps und andere unangenehme und unbequeme Ereignisse gestellt habe. Mehr sogar noch, selbst die bösartigsten Völker zeigen von Zeit zu Zeit eine gewisse rudimentäre Etikette gegenüber jemandem, der ihnen elf Millionen Standards bringt, was ja die Summe meiner Restschuld gegenüber dem Hafen von S’uthlam darstellt, wenn Sie sich erinnern wollen. Ergo hatte ich wohl jeden Grund, einen etwas anderen Empfang zu erwarten.«
   »Da lagen Sie falsch«, sagte sie.
   »In der Tat«, antwortete Tuf. »Nun, da ich weiß, dass Sie das höchste politische Amt auf S’uthlam bekleiden, anstatt eine unterwürfige Position auf einer Straffarm, erscheint es mir noch mysteriöser, warum es die Planetare Verteidigungsflottille für nötig hielt, mich mit finsteren Drohungen, ernst gemeinten Warnungen und Feindseligkeitserklärungen zu begrüßen.«
   Tolly Mune kraulte Blackjacks Ohr. »Ich hatte meine Befehle, Tuf.«
   Tuf faltete die Hände über dem Bauch. »Ich erwarte Ihre Erklärungen.«
   »Je mehr Dinge sich verändern ...« begann sie.
   »Nachdem Sie mich bereits mit diesem abgedroschenen Spruch bedacht haben, denke ich, dass ich die Spur von Ironie, die darin liegt, inzwischen begriffen habe. Es gibt also keinen Grund für Sie, ihn ständig zu wiederholen, Oberste Ratsherrin Mune. Wenn Sie nun zum Kern der Sache kommen würden, wäre ich Ihnen zutiefst verbunden.«
   Sie seufzte. »Sie kennen unsere Situation.«
   »Die groben Umrisse auf jeden Fall«, gab Tuf zu. »S’uthlam leidet an einer exzessiven Form der Humanität und an zu wenig Nahrungsmitteln. Zweimal habe ich wahre Kunststückchen an ökologischen Entwicklungen vollbracht, um die S’uthlamesen in die Lage zu versetzen, der furchtbaren Vision einer Hungersnot entgegenzutreten. Die Details Ihrer Nahrungsmittelkrise variieren von Jahr zu Jahr, aber ich denke, dass die Grundzüge der Situation immer noch so sind, wie ich sie beschrieben habe.«
   »Die letzten Prognosen sind bisher die schlimmsten.«
   »Tatsächlich«, sagte Tuf. »Wenn ich mich recht erinnere, war S’uthlam ungefähr einhundertundneun Standardjahre von einer den gesamten Planten betreffenden Massenhungersnot und dem gesellschaftlichen Zusammenbruch entfernt, vorausgesetzt, dass meine Empfehlungen und Vorschläge entsprechend umgesetzt wurden.«
   »Wir haben es versucht, verdammt! Wir haben es wirklich versucht. Die Fleischtiere, die Kapseln, die Ororos, Neptuns Schal – alles so, wie es sein soll. Aber die Erfolge waren nur partiell. Zu viele machtvolle Leute waren nicht willens, ihre geliebte luxuriöse Nahrung aufzugeben, also gibt es immer noch große Teile Weideland für die Herden der ursprünglichen Fleischlieferanten, ganze Farmen mit Neogras und Omni-Korn und Nanoweizen – und so weiter. Die Bevölkerungskurve steigt inzwischen weiter an, sogar noch schneller als zuvor, und die beschissene Kirche des Lebens predigt die Heiligkeit des Lebens und die goldene Rolle der Reproduktion in der Evolution der Menschheit zu Transzendenz und Göttlichkeit.«
   »Wie lauten die gegenwärtigen Prognosen?«, fragte Tuf frei heraus.
   »Zwölf Jahre«, antwortete Tolly Mune.
   Tuf hob einen Finger. »Um Ihre Lage ein bisschen zu dramatisieren, sollten Sie vielleicht Kommandant Wald Ober Gesellschaft leisten und die verbleibende Zeit über die Videonetze herunterzählen. Dies würde eine gewisse Dringlichkeit vermitteln, die die S’uthlamesen vielleicht dazu inspiriert, ihre Lebensweise zu ändern.«
   Tolly Mune zuckte zusammen. »Ersparen Sie mir Ihre Ironie, Tuf. Ich bin jetzt Oberste Ratsherrin, verdammt noch mal, und ich starre geradewegs in das picklige, hässliche Gesicht einer Katastrophe. Der Krieg und die Nahrungsmittelrationierung sind nur ein Teil davon. Sie können sich nicht vorstellen, welchen Problemen ich gegenüberstehe.«
   »Vielleicht nicht bis ins kleinste Detail«, sagte Tuf, »aber die groben Umrisse sind leicht zu erkennen. Ich behaupte nicht, allwissend zu sein, aber jeder halbwegs intelligente Mensch kann bestimmte Fakten erkennen und daraus gewisse Rückschlüsse ziehen. Vielleicht sind diese Folgerungen falsch. Ohne Dax kann ich die Wahrheit nicht überprüfen. Zumindest glaube ich das irgendwie nicht.«
   »Was für beschissene Fakten? Was für Rückschlüsse?«
   »Erstens«, sagte Tuf, »befindet sich S’uthlam im Krieg mit Vandeen und seinen Verbündeten. Ergo kann ich schlussfolgern, dass die technokratische Fraktion, die einst die s’uthlamesische Politik bestimmte, die Macht an ihre Rivalen, die Expansionisten, verloren hat.«
   »Nicht ganz«, sagte Tolly Mune, »aber Sie sind auf dem richtigen Weg. Seit Ihrer Abreise haben die Expansionisten bei jeder Wahl Sitze dazugewonnen, aber wir haben sie mit einer Reihe von Koalitionsregierungen in Schach halten können. Die Verbündeten haben vor Jahren klar gemacht, dass eine Expansionistenregierung Krieg bedeutet. Zur Hölle noch mal, wir haben zwar immer noch keine Expansionistenregierung, aber den gottverdammten Krieg haben wir trotzdem.« Sie schüttelte den Kopf. »In den letzten fünf Jahren hatten wir neun Oberste Ratsherren. Zur Zeit bin ich es, aber ich bin hoffentlich nicht die letzte.«
   »Die Dringlichkeit Ihrer letzten Voraussage lässt vermuten, dass der Krieg bisher noch keinen Einfluss auf Ihre Bevölkerungsstärke hatte«, sagte Tuf.
   »Dem Leben sei Dank, nein«, entgegnete Tolly Mune. »Wir waren vorbereitet, als die Kriegsflotte der Verbündeten unterwegs war. Neue Schiffe, neue Waffensysteme, alles im Geheimen entwickelt. Als die Alliierten sahen, was sie erwartete, traten sie ohne einen Schuss den Rückzug an. Aber sie kommen wieder, verdammt. Es ist nur eine Frage der Zeit. Wir haben Berichte erhalten, dass sie sich auf einen Großen Schlag vorbereiten.«
   »Aus Ihrer generellen Einstellung und einer gewissen Verzweiflung Ihrerseits kann ich schließen, dass sich auch die Bedingungen auf S’uthlam selbst rapide verschlechtern«, sagte Tuf.
   »Woher zur Hölle wissen Sie das?«
   »Das ist doch offensichtlich«, sagte Tuf. »Ihre Berechnungen mögen in der Tat ergeben, dass es in etwa zwölf Jahren eine Hungersnot und den totalen Zusammenbruch geben wird, aber ich denke kaum, dass das Leben auf S’uthlam angenehm und friedlich bleiben wird, bis irgendwann eine Glocke läutet und Ihre Welt in Stücke zerfällt. Eine derartige Vorstellung ist absurd. Da Sie nun so nahe am Abgrund stehen, ist es nur zu erwarten, dass viele der Leiden, die für eine zerfallende Kultur symptomatisch sind, bereits in Erscheinung getreten sind.«
   »Es ist alles so ... verdammt noch mal, wo soll ich anfangen?«
   »Am besten vielleicht am Anfang«, sagte Tuf.
   »Es ist mein Volk, Tuf. Es ist mein Planet, der sich da unten dreht. Es ist ein guter Planet. Aber seit einiger Zeit ... wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, dass Irrsinn ansteckend ist. Die Kriminalitätsrate ist seit Ihrem letzten Besuch auf zweihundert Prozent gestiegen. Mord auf fünfhundert Prozent, Selbstmord auf mehr als zweitausend Prozent. Die Dienstleistungssysteme brechen beinahe jeden Tag zusammen – Stromausfälle, Systemfehler, spontane Streiks, Vandalismus. Wir haben Berichte von Kannibalismus tief unten in den Unterstädten – keine Einzeltäter, sondern ganze verdammte Kannibalengruppen. Gruppen, die eigene Gesellschaften bilden. Eine Gruppe besetzte eine Nahrungsmittelfabrik, hielt sie zwei Wochen lang und lieferte sich einen verbissenen Kampf mit der Planetenpolizei. Ein paar andere Verrückte haben schwangere Frauen entführt und ...« Tolly Mune runzelte die Stirn, Blackjack fauchte. »Es ist schwer, darüber zu reden. Eine schwangere Frau war schon immer etwas Besonderes in der s’uthlamesischen Gesellschaft, aber diese ... Man kann sie kaum noch Menschen nennen, Tuf. Diese Kreaturen haben eine Vorliebe für ...«
   Haviland Tuf hob eine Hand. »Sagen Sie nichts mehr«, entgegnete er. »Ich habe verstanden. Fahren Sie fort.«
   »Es gibt auch eine Menge Einzeltäter«, sagte sie. »Vor achtzehn Monaten hat einer hochgiftigen Abfall in den Speichertank einer Nahrungsmittelfabrik gekippt. Es gab mehr als zwölfhundert Tote. Die Kultur der Bevölkerungsmassen ... S’uthlam ist schon immer tolerant gewesen, aber seit einiger Zeit muss man schon ziemlich tolerant sein, wenn Sie verstehen, was ich meine. Es gibt zum Beispiel eine wachsende Begeisterung für Verstümmelungen, Tod, Gewalt. Es gab massiven Widerstand gegen unsere Versuche, das Ökosystem Ihren Vorschlägen entsprechend umzubilden. Fleischtiere wurden vergiftet oder in die Luft gesprengt und Kapselfelder in Brand gesteckt. Organisierte Banden jagen die gottverdammten Windgleiter mit Harpunen und Hochgeschwindigkeitsgleitern. Das ergibt doch alles keinen Sinn. Der religiöse Konsens ... alle möglichen Arten von total abwegigen Kulten sind entstanden. Und dieser Krieg! Das Leben allein weiß, wie viele Menschen sterben werden, aber dieser Krieg ist so populär wie ... Gott, ich weiß nicht, ich glaube fast, er ist noch populärer als Sex.«
   »In der Tat«, sagte Tuf, »bin ich nicht im Geringsten überrascht. Ich nehme an, das unmittelbare Bevorstehen der Katastrophe bleibt, wie in den vergangenen Jahren auch, ein wohl gehütetes Geheimnis des S’uthlamesischen Hohen Rates.«
   »Unglücklicherweise nicht«, entgegnete Tolly Mune. »Eine der Ministerinnen konnte nicht länger an sich halten, rief die beschissenen Journalisten an und verbreitete die Nachrichten über das gesamte Videonetz. Ich glaube, sie wollte ein paar Millionen Stimmen für sich gewinnen. Das Schlimme daran ist, dass es funktioniert hat. Es hat außerdem einen gottverdammten Skandal losgetreten und einen weiteren Obersten Ratsherren das Amt gekostet. Damals konnte man nirgendwo anders nach einem neuen Menschenopfer suchen als oben. Raten Sie mal, wen es erwischt hat? Unsere beliebteste Videoshow-Heldin, umstrittene Bürokratin, und Ma Spider, die war’s.«
   »Anscheinend meinen Sie damit sich selbst«, sagte Tuf.
   »Inzwischen hasste man mich nicht mehr gar so sehr. Ich hatte einen gewissen Ruf, was Effizienz anbelangte, die Reste eines populären romantischen Images, und für die meisten der großen Ratsfraktionen war ich zumindest halbwegs akzeptabel. Das war vor drei Monaten. Und das Regieren war seitdem die reinste Hölle.« Sie lächelte grimmig. »Auch die Vandeeni hören unsere Nachrichten. Zeitgleich mit meiner verdammten Beförderung entschieden sie, das S’uthlam, ich zitiere, eine Gefahr für den Frieden und die Stabilität in diesem Sektor sei, Zitat Ende, und haben ihre gottverdammten Alliierten zusammengerufen, um zu überlegen, was man gegen uns unternehmen könnte. Schließlich stellten sie uns ein Ultimatum: Wir sollten umgehend eine zwangsweise Geburtenkontrolle einführen, oder die Allianz würde S’uthlam besetzen und das für uns erledigen.«
   »Eine praktikable Lösung, aber nicht besonders taktvoll«, kommentierte Tuf. »Daher also Ihr gegenwärtiger Krieg. Aber das alles erklärt noch immer nicht Ihr Verhalten mir gegenüber. Ich habe Ihrem Planeten zweimal Hilfe leisten können. Sicherlich denken Sie nicht, dass ich meine beruflichen Pflichten dieses dritte Mal vernachlässigen würde.«
   »Ich denke, Sie würden tun, was Sie können.« Sie zeigte mit dem Finger auf ihn. »Aber zu Ihren eigenen Bedingungen, Tuf. Verdammt, Sie haben geholfen, ja, aber immer nur zu Ihren Bedingungen, und all Ihre Lösungen haben sich unglücklicherweise nicht als dauerhaft erwiesen.«
   »Ich hatte Sie wiederholt gewarnt, dass meine Anstrengungen nur Verzögerungstaktiken sein würden«, entgegnete Tuf.
   »Warnungen kann man nicht essen, Tuf. Es tut mir leid, aber wir haben keine Wahl. Dieses Mal können wir Ihnen nicht gestatten, einfach ein Pflaster über unsere Hämorrhoiden zu kleben und abzuhauen. Das nächste Mal, wenn Sie wiederkommen und nachsehen wollen, wie es uns so geht, würden sie keinen Planeten mehr vorfinden, den Sie besuchen könnten. Wir brauchen die Arche, Tuf, und wir brauchen sie ständig. Wir sind in der Lage, sie zu nutzen. Vor zehn Jahren sagten Sie, Biotechnologie und Ökologie wären nicht unsere bevorzugten Gebiete, und Sie hatten damit Recht. Damals. Aber die Zeiten ändern sich. Wir sind einer der entwickeltsten Planeten der menschlichen Zivilisation, und vor einem Jahrzehnt haben wir damit begonnen, die meisten unserer Anstrengungen auf dem Bildungssektor darauf zu verwenden, Ökologen und Biotechnologen auszubilden. Meine Vorgänger holten Spitzenlehrkräfte von Avalon, Newholm und einem Dutzend anderer Planten nach S’uthlam. Brillante Leute, Genies. Wir haben sogar ein paar führende Genetiker von Prometheus zu uns holen können.« Sie streichelte ihre Katze und lächelte. »Die haben auch bei Blackjack geholfen. Ziemlich viel sogar.«
   »Tatsächlich«, sagte Tuf.
   »Wir sind bereit, die Arche zu nutzen. Ganz gleich, wie fähig Sie sein mögen, Tuf, Sie sind nur einer. Wir wollen Ihr Saatgutschiff ständig im s’uthlamesischen Orbit haben, mit einer Dauerbesatzung von zweihundert Spitzenwissenschaftlern und Gentechnikern, sodass wir uns tagtäglich neu auf die Nahrungsmittelkrise einstellen können. Dieses Schiff und seine Zellbibliothek und all die verborgenen Daten in den Computern stellen unsere letzte, unsere einzige Hoffnung dar, das ist ganz eindeutig. Glauben Sie mir, Tuf, ich hätte Ober nicht den Befehl gegeben, Ihr Schiff zu übernehmen, ohne jede gottverdammte Möglichkeit zu bedenken, die mir eingefallen ist. Verdammt, ich wusste, dass Sie nie verkaufen würden. Welche Wahl hätte ich denn gehabt? Wir wollen Sie nicht betrügen. Sie wären gerecht entlohnt worden. Darauf hätte ich bestanden.«
   »Dies setzt voraus, dass ich nach der Übernahme noch am Leben gewesen wäre«, bemerkte Tuf. »Eine zumindest äußerst zweifelhafte Theorie.«
   »Sie sind doch am Leben, und ich werde Ihr verdammtes Schiff kaufen. Sie könnten an Bord bleiben, mit unseren Leuten zusammenarbeiten. Ich bin in der Lage, Ihnen eine lebenslange Anstellung anzubieten – nennen Sie mir Ihre Gehaltsvorstellungen, alles, was Sie wollen. Sie wollen diese elf Millionen Standards behalten? Kein Problem. Sie wollen, dass wir unseren verdammten Planeten Ihnen zu Ehren umbenennen? Sagen Sie es, und wir tun es.«
   »Planet S’uthlam oder Planet Tuf, egal, wie er hieße, er wäre auf jeden Fall überbevölkert«, entgegnete Haviland Tuf. »Sollte ich diesem Kauf zustimmen, so ist es ohne Zweifel einzig und allein Ihre Absicht, die Arche dazu zu benutzen, Ihre Kalorienproduktion zu steigern und Ihr hungerndes Volk zu ernähren.«
   »Natürlich«, sagte Tolly Mune.
   Tufs Gesicht blieb ruhig und ernst. »Es freut mich zu hören, dass es weder Ihnen noch irgendeinem Ihrer Kollegen im Hohen Rat je in den Sinn gekommen ist, dass man die Arche als das Instrument der biologischen Kriegsführung verwenden könnte, als das sie ursprünglich einmal gedacht war. Traurigerweise habe ich diese erfrischende Unschuld verloren und sehe mich selbst als Opfer von unbarmherzigen und zynischen Visionen, in denen die Arche benutzt wird, um ein ökologisches Chaos über Vandeen, Skyrmir, Jazbo und die anderen verbündeten Heimatwelten zu bringen, sogar bis hin zum Völkermord, um diese Planeten für eine Kolonialisierung vorzubereiten, welche doch die bevorzugte Politik Ihrer peinlichen Expansionistenfraktion darstellt, wenn ich mich recht erinnere.«
   »Das ist eine gottverdammte Unterstellung«, bellte Tolly Mune. »Das Leben ist den S’uthlamesen heilig, Tuf.«
   »In der Tat. Nun, zynisch, wie ich nun mal bin, kann ich nicht anders, als zu vermuten, dass die S’uthlamesen letztendlich entscheiden könnten, das einige Leben heiliger sind als andere.«
   »Sie kennen mich, Tuf«, sagte sie scharf und eisig. »Ich würde so etwas nie erlauben.«
   »Und wenn etwas Derartiges ohne Ihre Kenntnis geplant worden wäre, so habe ich keinen Zweifel, dass Sie Ihr Rücktrittsgesuch sicherlich entsprechend formulieren würden«, sagte Tuf einfach. »Ich denke, dies ist keine besonders gute Rückversicherung, und ich habe eine gewisse Vorahnung, ja, eine Vorahnung, das die Alliierten meine Bedenken diesbezüglich sicher teilen.«
   Tolly Mune kraulte Blackjack unter dem Kinn. Die Katze grollte tief in der Kehle. Beide starrten Tuf an. »Tuf«, sagte sie, »Millionen Leben stehen auf dem Spiel, vielleicht Milliarden. Ich könnte Ihnen Dinge zeigen, da würden sich Ihnen die Haare kräuseln. Wenn Sie denn Haare hätten, meine ich.«
   »Da ich keine habe, ist dies offensichtlich eine Übertreibung«, sagte Tuf.
   »Wenn Sie einwilligen würden, mit mir zum Spinnennest zu fliegen, könnten wir den Röhrenzug hinunter zur Oberfläche von S’uthlam ...«
   »Nein, danke. Es erscheint mir gänzlich unklug, die Arche allein und schutzlos zurückzulassen, zumal in diesem Klima des Kriegszustandes und des Misstrauens, das gegenwärtig auf S’uthlam herrscht. Auch wenn Sie mich für despotisch und überpenibel halten mögen, so habe ich nach all den Jahren der Reise jede noch so kleine Toleranz gegen wimmelnde Menschenmengen, misstönenden Lärm, aufdringliche Blicke, unwillkommene Berührungen, wässriges Bier und winzige Portionen geschmacklosen Essens verloren. Und wie ich mich erinnere, sind dies die wesentlichsten Genüsse, die auf der Oberfläche von S’uthlam zu finden sind.«
   »Ich will Ihnen ja nicht drohen, Tuf ...«
   »Und trotzdem tun Sie es die ganze Zeit.«
   »Ich fürchte, Sie dürfen das System nicht verlassen. Versuchen Sie nicht, mich übers Ohr zu hauen, wie Sie es mit Ober getan haben. Das Ding mit der Bombe ist eine gottverdammte Lüge, und das wissen wir beide.«
   »Sie haben mich durchschaut«, sagte Tuf ausdruckslos.
   Blackjack fauchte ihn an.
   Tolly Mune schaute ihre riesige Katze überrascht an. »Ist es nicht?«, sagte sie ängstlich. »Oh, verdammt noch mal!«
   Tuf lieferte sich mit dem silbergrauen Kater einen Anstarrwettstreit. Keiner von beiden blinzelte.
   »Spielt auch keine Rolle«, sagte Tolly Mune. »Sie werden hier bleiben, Tuf. Finden Sie sich damit ab. Unsere neuen Schiffe können Sie zerstören, und das werden sie auch, wenn Sie versuchen, zu verschwinden.
   »In der Tat«, sagte Tuf. »Und was mich betrifft, so werde ich die Zellbibliothek zerstören, wenn Sie versuchen, die Arche zu entern. Es sieht so aus, als hätten wir ein kleines Patt. Glücklicherweise muss es nicht von langer Dauer sein. S’uthlam war nie ganz aus meinem Blickwinkel verschwunden, als ich so kreuz und quer durch das sternenbesetzte All geflogen bin, und wenn ich nicht beruflich gefordert war, habe ich mich mit methodischen Forschungen beschäftigt, um eine wahrhaftige, vernünftige und dauerhafte Lösung für Ihre Probleme zu finden.«
   Blackjack setzte sich wieder und schnurrte. »Ach, ja?«, fragte Tolly Mune misstrauisch.
   »Zweimal haben die S’uthlamesen von mir eine wunderbare Erlösung von den Konsequenzen ihrer eigenen Reproduktionsdummheiten und der Starrheit ihres religiösen Glaubens erwartet«, sagte Tuf. »Zweimal wurde ich gerufen, um Brot und Fisch zu vermehren. Während ich das Buch studierte, welches die Hauptquelle für die uralten Mythen ist, aus denen diese Anekdote stammt, kam mir nun kürzlich der Verdacht, dass ich von Ihnen um das falsche Wunder gebeten wurde. Die pure Vermehrung ist eine unzulängliche Antwort auf eine fortschreitende geometrische Progression, und Brot und Fische, ganz gleich, wie ausreichend und wohlschmeckend, sind nach meinen abschließenden Analysen für Ihre Bedürfnisse völlig ungenügend.«
   »Wovon zur Hölle reden Sie da überhaupt?«, verlangte Tolly Mune zu wissen.
   »Dieses Mal«, sagte Tuf, »biete ich Ihnen eine dauerhafte Antwort an.«
   »Was?«
   »Manna«, sagte Tuf.
   »Manna«, wiederholte Tolly Mune.
   »Ein wirklich wunderbares Nahrungsmittel«, sagte Haviland Tuf. »Die Details sollen Sie nicht beunruhigen. Ich werde alles zu gegebener Zeit erklären.«
   Die Oberste Ratsherrin und ihre Katze schauten ihn argwöhnisch an. »Zu gegebener Zeit? Und wann wird das sein, verdammt noch mal?«
   »Wenn meine Bedingungen erfüllt worden sind«, sagte Tuf.
   »Welche Bedingungen?«
   »Erstens«, sagte Tuf, »da ich die Aussicht, den Rest meines Lebens im Orbit um S’uthlam zu verbringen, äußerst unanziehend finde, muss festgelegt werden, dass ich gehen darf, wenn meine Arbeit hier vollendet ist.«
   »Das kann ich Ihnen nicht zusagen«, erwiderte Tolly Mune. »Und wenn ich es täte, würde mich der Hohe Rat in der nächsten Sekunde abwählen.«
   »Zweitens«, fuhr Tuf fort, »muss dieser Krieg beendet werden. Ich fürchte, ich werde mich nicht vernünftig auf meine Arbeit konzentrieren können, wenn es auch nur die leiseste Chance gibt, dass im nächsten Moment eine Weltraumschlacht um mich herum losbricht. Von explodierenden Raumschiffen, Gittern aus Laserfeuer und den Schreien sterbender Menschen lasse ich mich leicht ablenken. Außerdem sehe ich wenig Sinn darin, große Anstrengungen zu unternehmen, um das s’uthlamesische Ökosystem ein weiteres Mal ins Gleichgewicht zu bringen, wenn die alliierten Flotten damit drohen, über meiner Hände Arbeit Plasmabomben abzuwerfen und damit all meine kleinen Fortschritte wieder zunichte zu machen.«
   »Wenn ich könnte, würde ich diesen Krieg sofort beenden«, sagte Tolly Mune. »Aber das ist nicht so einfach, Tuf. Ich fürchte, worum Sie bitten, ist unmöglich.«
   »Wenn schon nicht ein dauerhafter Frieden, dann vielleicht zumindest eine kleine Unterbrechung der Feindseligkeiten«, sagte Tuf. »Sie könnten Botschaften an die alliierten Streitkräfte schicken und um eine kurze Waffenruhe bitten.«
   »Das könnte klappen«, sagte Tolly Mune zögerlich. »Aber warum?« Blackjack gab ein unzufriedenes Miauen von sich. »Sie haben doch was vor, verdammt!«
   »Ihre Erlösung«, gab Tuf zu. »Verzeihen Sie mir, wenn ich mich dazu herablasse, mich in Ihre eifrigen Bemühungen einzumischen, zufällige Mutationen mittels Radioaktivität zu beschleunigen.«
   »Wir verteidigen uns doch nur! Wir haben diesen Krieg nicht gewollt!«
   »Ausgezeichnet. In diesem Fall wird eine kurze Verzögerung Sie ja nicht über Gebühr beeinträchtigen.«
   »Die Alliierten werden uns das niemals abkaufen. Genauso wenig wie der Hohe Rat.«
   »Sehr bedauerlich«, sagte Tuf. »Vielleicht sollten wir S’uthlam etwas Zeit zum Nachdenken geben. In zwölf Jahren sind die überlebenden S’uthlamesen vielleicht etwas flexibler.«
   Tolly Mune kraulte Blackjack hinter den Ohren. Blackjack starrte Tuf an und gab nach einer Minute ein leises, seltsam fiependes Geräusch von sich. Als sich die Oberste Ratsherrin plötzlich erhob, sprang der riesige silbergraue Kater behände von ihrem Schoß. »Sie haben gewonnen, Tuf«, sagte sie. »Bringen Sie mich zu einer Komm-Einheit, und ich werde die verdammte Sache in die Wege leiten. Sie haben die Zeit, ewig zu warten, aber ich nicht. In jedem Moment, den wir zögern, sterben Menschen.« Ihre Stimme war hart, aber tief im Inneren fühlte Tolly Mune zum ersten Mal in diesem Moment Hoffnung in sich aufkeimen. Vielleicht konnte er wirklich den Krieg und die Krise beenden. Vielleicht gab es wirklich eine Chance. Aber davon ließ sie sich nicht auch nur eine Spur anmerken. Sie zeigte auf ihn. »Aber glauben Sie nicht, dass Sie mit irgendeinem Quatsch davonkommen.«
   »Bei Gott«, sagte Haviland Tuf, »Humor war noch nie meine starke Seite.«
   »Ich habe Blackjack, vergessen Sie das nicht. Dax ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt und zu eingeschüchtert, um Ihnen von Nutzen zu sein, und Jack wird es mich sofort wissen lassen, wenn Sie auch nur einen Gedanken daran verschwenden, mich zu betrügen.«
   »Ständig treffen meine besten Absichten auf Misstrauen.«
   »Blackjack und ich, wir sind Ihre verdammten Schatten, Tuf. Ich verlasse dieses Schiff nicht, bis alles geregelt ist, und ich passe ganz genau auf, was Sie machen.«
   »In der Tat«, sagte Tuf.
   »Ein paar Fakten sollten Sie immer im Hinterkopf haben«, sagte Tolly Mune. »Ich bin jetzt Oberste Ratsherrin. Nicht Josen Rael. Nicht Cregor Blaxon. Ich. Damals, als ich Hafenmeisterin war, nannte man mich oft die Stahlwitwe. Sie sollten vielleicht ein oder zwei Stunden lang darüber nachdenken, wie und warum ich zu diesem gottverdammten Namen gekommen bin.«
   »Das sollte ich in der Tat«, sagte Tuf und erhob sich. »Gibt es sonst noch etwas, woran Sie mich erinnern möchten, Madam?«
   »Nur noch eines«, sagte sie. »An eine Szene aus dieser Tuf und Mune-Videoshow.«
   »Ich war eifrig bemüht, diese unglückselige Episode aus meinem Gedächtnis zu streichen«, sagte Tuf. »An welche besondere Stelle werde ich gezwungen, mich zu erinnern?«
   »Die Szene, in der die Katze den Sicherheitsmann in Stücke reißt«, sagte Tolly Mune mit einem kleinen, lieblichen Lächeln. Blackjack rieb sich an ihren Knien, drehte Tuf sein rauchfarbenes Gesicht zu und grummelte tief in seinem kräftigen Körper.

Teil 3 von »Manna vom Himmel« -->

Deutsche Erstveröffentlichung
Originaltitel: »Manna from Heaven«
© 2004 by George R. R. Martin. Alle Rechte vorbehalten.
Mit freundlicher Genehmigung seines Agenten Werner Fuchs
Übersetzung © 2004 Berit Neumann
Erstveröffentlichung in ANALOG, Dezember 1985
Die Übersetzung folgt der Buchausgabe in Tuf Voyaging (London: Victor Gollancz, 1988)
Mit herzlichem Dank an George R. R. Martin & Werner Fuchs
Grafik © 2002 Manfred Lafrentz

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Siehe auch
Legenden - Interview mit George R. R. Martin
»Brot und Fische« • Story von George R. R. Martin
»Die Zweite Speisung« • Story von George R. R. Martin
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