Teil 3

Es dauerte beinahe zehn Tage, um den Waffenstillstand zu arrangieren, und weitere drei,
bis die alliierten Botschafter nach Suthlam gefunden hatten. Tolly Mune verbrachte
die Zeit damit, in der Arche herumzustreifen, stets zwei Schritte und einen
flüchtigen Gedanken hinter Tuf, wollte alles wissen, was er tat, schaute ihm über die
Schulter, wenn er an seiner Konsole arbeitete, fuhr an seiner Seite, wenn er seine Runde
um die Klonfässer machte, half ihm, die Katzen zu füttern (und den feindseligen Dax von
Blackjack fern zu halten). Er unternahm nichts offensichtlich Verdächtiges.
Dutzende von Anrufen kamen tagtäglich für sie. Sie richtete sich ein
Büro im Kommunikationsraum ein, sodass sie nie zu weit weg von Tuf war, und kümmerte
sich um alle Probleme, die nicht warten konnten.
Hunderte von Anrufen kamen tagtäglich für Haviland Tuf. Er instruierte
seinen Computer, sie allesamt abzuweisen.
Als der Tag gekommen war, stiegen die Abgesandten aus ihrem langen,
luxuriösen Diplomatenshuttle, standen gaffend auf dem höhlenartigen Landedeck der Arche
und bestaunten die Flotte der schrottreifen Raumschiffe. Es war ein buntes und sehr
unterschiedliches Trüppchen. Die Frau von Jazbo hatte hüftlange schwarzblaue Haare, die
mit duftenden irisierenden Ölen eingerieben waren; ihre Wangen waren mit komplizierten
Rangesnarben verziert. Skyrmir sandte einen untersetzten Mann mit eckigem rotem Gesicht
und Haaren in der Farbe von Gletschereis. Seine Augen waren von einem Kristallblau, das
gut zu seinem metallisch changierenden Hemd passte. Der Abgesandte der Azurnen Dreiheit,
eine zarte, in sich gebrochene, verschwimmende Gestalt, die mit einem echohaften Flüstern
sprach, bewegte sich in einem Nebel aus holografischen Projektionen. Roggandors
Cyborg-Botschafter war genauso breit, wie er hoch war, zu gleichen Teilen aus rostfreier
Hartlegierung, dunklem Plastahl und schwarzrot marmoriertem Fleisch gemacht. Eine
schlanke, zerbrechlich aussehende Frau in transparenter Kunstseide vertrat Henrys Welt;
sie hatte einen knabenhaft schlanken Körper und alterslose scharlachrote Augen. Die
alliierte Gesellschaft wurde angeführt von einem großen, dicken, reich gekleideten Mann
von Vandeen. Seine vom Alter gefurchte Haut hatte die Farbe von Kupfer, sein langes Haar
fiel ihm in dünnen, sorgfältig geflochtenen Zöpfen über die Schultern.
Haviland Tuf, der ein aus mehreren Segmenten bestehendes Vehikel fuhr,
das wie eine Schlange auf Rädern über das Deck glitt, hielt direkt vor den Botschaftern.
Der Vandeeni trat mit strahlendem Gesicht vor, zwickte sich äußert energisch in die
eigene Wange und verbeugte sich. »Ich würde Ihnen ja die Hand reichen, aber ich erinnere
mich an Ihre Auffassung über diesen Brauch«, sagte er. »Kennen Sie mich noch, Fliege?«
Haviland Tuf blinzelte. »Ich kann mich schwach daran erinnern, Ihnen
vor ungefähr zehn Jahren in einem Zug zur Oberfläche von Suthlam begegnet zu
sein«, sagte er.
»Ratch Norren«, sagte der Mann. »Ich bin kein regulärer Diplomat,
aber das Büro für Koordination war auf die Idee gekommen, jemanden zu schicken, der Sie
und auch die Suthies bereits kennt.«
»Das ist ein widerlicher Begriff, Norren«, sagte Tolly Mune
geradeheraus.
»Sie sind eine widerliche Meute«, entgegnete Ratch Norren.
»Und gefährlich«, flüsterte der Gesandte der Azurnen Dreiheit aus
der Mitte des holografischen Nebels.
»Sie sind doch die verdammten Angreifer«, begann Tolly Mune.
»Defensive Angreifer«, dröhnte der Cyborg von Roggandor.
»Wir erinnern uns nur zu gut an den letzten Krieg«, sagte die
Jazboitin. »Dieses Mal werden wir nicht abwarten, bis Ihre verdammten Evolutionisten
ausbrechen und noch einmal versuchen, unsere Planeten zu kolonisieren.«
»Wir haben keine derartigen Pläne«, sagte Tolly Mune.
»Sie vielleicht nicht, Spinneret«, sagte Ratch Norren. »Aber
sehen Sie mir in die Optik und sagen Sie mir ins Gesicht, dass Ihre Expansionisten keine
feuchten Träume davon haben, sich über ganz Vandeen auszubreiten.«
»Und Skyrmir.«
»Roggandor will nichts von Ihrem ausrangierten menschlichen Müll
abhaben.«
»Niemals werden Sie die Azurne Dreiheit einnehmen.«
»Wer zur Hölle will denn schon die beschissene Azurne Dreiheit?«,
bellte Tolly Mune. Blackjack schnurrte zustimmend.
»Dieser Einblick in die innersten Mechanismen interstellarer Diplomatie
ist äußerst aufschlussreich gewesen«, bemerkte Haviland Tuf. »Trotzdem denke ich, dass
uns dringendere Geschäfte erwarten. Wenn die Gesandten so kooperativ wären, mein
Gefährt zu besteigen, dann könnten wir uns zu unserer Konferenz begeben.«
Immer noch leise schimpfend taten die alliierten Gesandten, worum Tuf
sie gebeten hatte. Voll beladen bewegte sich das Gefährt über das Landedeck, fand seinen
Weg zwischen den Myriaden verlassener Raumschiffe. Eine Luftschleuse, rund und schwarz wie
der Eingang zu einem Tunnel oder das Maul eines gefräßigen Tieres, öffnete sich bei
ihrer Ankunft und verschlang sie. Sie fuhren hindurch und hielten; die Schleuse schloss
sich hinter ihnen und umfing die Gruppe mit Dunkelheit. Tuf ignorierte die geflüsterten
Beschwerden. Um sie herum ertönte ein quietschendes, metallisches Geräusch; der Boden
gab nach. Als sie schließlich zwei Decks tief gesunken waren, öffnete sich vor ihnen
eine weitere Tür. Tuf schaltete die Scheinwerfer an, und sie fuhren durch einen
rabenschwarzen Gang.
Sie durchquerten einen dunklen, eiskalten Korridor nach dem anderen,
fuhren vorbei an zahllosen geschlossenen Türen, folgten einer schwachen blauen Spur, die,
eingebettet in den staubigen Boden, wie ein Geist vor ihnen aufleuchtete. Das einzige
Licht waren die Scheinwerferstrahlen des Zuges und das schwache Leuchten der Instrumente
vor Tuf. Anfangs hänselten sich die Botschafter gegenseitig, aber die dunklen Tiefen der Arche
waren bedrückend und klaustrophobisch, und einer nach dem anderen verstummten die
Mitglieder der Delegation. Blackjack knetete Tolly Munes Knie rhythmisch mit den Krallen.
Nachdem sie lange Zeit durch Staub, Dunkelheit und Stille gefahren
waren, erreichte der Zug ein Paar turmhoher Doppeltüren, die sich bei ihrer Ankunft wie
von Geisterhand zischend öffneten und mit einem lauten, endgültigen Knall hinter ihnen
schlossen. Drinnen war die Luft heiß und feucht. Haviland Tuf hielt und schaltete die
Scheinwerfer aus. Vollkommene Dunkelheit hüllte sie ein.
»Wo sind wir?«, fragte Tolly Mune fordernd. Ihre Stimme brach sich an
einer offenbar ziemlich hohen Decke, obgleich das Echo seltsam gedämpft klang. Obwohl er
tiefschwarz war, schien der Raum eine Art Höhle zu sein. Blackjack fauchte nervös, sog
die Luft ein und gab ein schwaches, unsicheres Miauen von sich.
Sie hörte Schritte, und ein kleines Licht flackerte zwei Meter entfernt
auf. Tuf stand über eine Instrumentenkonsole gebeugt und beobachtete ein paar Monitore.
Er drückte eine Taste auf dem beleuchteten Paneel und drehte sich um. Ein gepolsterter
Lehnstuhl kam flüsternd aus der warmen Dunkelheit geschwebt. Wie ein König, der einen
Thron besteigt, kletterte Tuf hinein und berührte eine Tastatur in der Armlehne. Der
Sessel leuchtete in schwach violett phosphoreszierendem Licht auf. »Wenn Sie mir
freundlicherweise folgen würden«, bemerkte Tuf. Der Schwebesessel drehte sich in der
Luft und flog davon.
»Verdammt noch mal«, murmelte Tolly Mune. Eilig kletterte sie aus
ihrem Sitz, packte Blackjack und hastete hinter Tufs langsam verschwindendem Thron her.
Die verbündeten Botschafter folgten, bei jedem Schritt jammernd und klagend. Sie konnte
die schweren Schritte des Cyborgs hinter sich hören. Tufs Schwebesessel war der einzige
Lichtschein in einem alles umhüllenden Meer aus Dunkelheit. Während sie ihm nacheilte,
trat sie auf etwas.
Das plötzliche Gejaule einer Katze ließ sie zurückschrecken, wobei
sie gegen die gepanzerte Brust des Cyborgs prallte. Verwirrt kniete Tolly Mune nieder und
tastete vorsichtig mit der Hand, Blackjack unbeholfen in der Armbeuge haltend. Ihre Finger
strichen über weiches Fell. Die Katze rieb sich heftig an ihr und schnurrte laut. Sie
konnte gerade eben ihre Gestalt ausmachen eine kleine Kurzhaarkatze, kaum größer
als ein Kätzchen. Sie rollte sich auf den Rücken, sodass Tolly Mune ihr den Bauch
kraulen konnte. Die Jazboitin stolperte fast über sie, als sie dort so kniete. Und dann
hatte sich Blackjack plötzlich frei gemacht und beschnüffelte die fremde Katze. Diese
erwiderte die Gunstbezeugung kurz, wirbelte dann herum und war im nächsten Augenblick in
der Dunkelheit verschwunden. Blackjack zögerte, jaulte auf und verfolgte sie. »Verdammt
noch mal!«, rief Tolly Mune. »Verdammt, Jack, beweg deinen beschissenen Arsch hierher
zurück!« Ein Echo hallte zurück, aber der Kater kam nicht. Ihr Abstand zum Rest der
Gesellschaft wurde größer. Tolly Mune fluchte laut und beeilte sich, auf die Beine zu
kommen.
Eine Insel aus Licht erschien vor ihr. Als sie dort ankam, saßen die
anderen bereits in Sitzen entlang der einen Seite eines langen Metalltisches. Haviland Tuf
in seinem thronähnlichen Schwebesessel befand sich auf der anderen Seite. Sein Gesicht
war ausdruckslos, seine blassen Hände über dem Bauch gefaltet.
Dax kletterte auf seinen Schultern hin und her und schnurrte.
Tolly Mune hielt inne, glotzte, fluchte. »Verdammt sollen Sie sein!«,
sagte sie zu Tuf. Sie drehte sich um. »Blackjack!«, schrie sie, so laut sie
konnte. Die Echos erstarben seltsam gedämpft wie in einem dicken Material. »Jack!«
Nichts.
»Ich hoffe, wir sind nicht den ganzen Weg angereist, um zuzuhören, wie
die Oberste Ratsherrin von Suthlam Tierrufe übt«, sagte der Gesandte von Skyrmir.
»In der Tat nicht«, antwortete Tuf. »Oberste Ratsherrin Mune, wenn
sie nun freundlicherweise Ihren Platz einnehmen würden, damit wir fortfahren können.«
Sie runzelte die Stirn und sank in den einzigen frei gebliebenen Sitz.
»Wo zur Hölle ist Blackjack?«
»Woher soll ich das wissen«, sagte Tuf unbekümmert. »Er ist
schließlich Ihr Kater.«
»Und er ist einer von Ihren Katzen hinterhergerannt«, bellte Tolly
Mune.
»In der Tat«, sagte Tuf. »Interessant. Dummerweise habe ich momentan
eine junge Katze, die gerade rollig geworden ist. Vielleicht erklärt das sein Verhalten.
Ich hege keinen Zweifel, dass er wohlbehalten zurückkehren wird, Oberste Ratsherrin.«
»Ich möchte ihn bei dieser verdammten Konferenz dabei haben!«, sagte
sie.
»Du meine Güte!«, sagte Tuf. »Die Arche ist ein großes
Schiff, und sie könnten an tausend Orten herumtollen, und im Übrigen wäre eine
Unterbrechung ihrer sexuellen Vereinigung nach suthlamesischen Maßstäben wohl
unzumutbar lebensfeindlich. Es liegt mir fern, Ihren Moralansichten derartige Gewalt
anzutun. Darüber hinaus haben Sie mir wiederholt zu Verstehen gegeben, dass die Zeit
knapp ist, da so viele Menschenleben auf dem Spiel stehen. Also denke ich, dass wir mit
aller gebotenen Eile fortfahren sollten.«
Tuf bewegte leicht eine Hand und berührte eine Taste. Eine Sektion des
langen Tisches versank im Boden. Einen Augenblick später erhob sich an seiner Stelle eine
Pflanze, direkt vor Tolly Mune.
»Siehe da!«, sagte Tuf, »Manna.«
Es wuchs aus einer flachen Pflanzschale, ein Gewirr aus blassgrünen
Ranken, beinahe einen Meter hoch, ein lebender Gordischer Knoten, Ranken schwankten
aneinander vor und zurück und ragten über den Rand des Behälters. Überall an den
Ranken waren dicke Blattknoten, so klein wie Fingernägel; ihre wächserne grüne
Oberfläche war mit einem komplizierten Muster aus schwarzen Äderchen durchzogen. Tolly
Mune beugte sich vor, berührte das nächste Blatt und stellte fest, dass dessen
Unterseite mit einer Schicht aus feinem Pulver bedeckt war, das sich bei Berührung
löste. Zwischen den Blattknoten waren die Zweige mit dicken, weißen Geschwüren besetzt,
die im Inneren der Pflanze größer und wulstiger wirkten. Halb verborgen unter einem
Baldachin aus Blättern sah sie eine Art Warze, die so groß wie eine Männerhand
gewachsen war.
»Komisches Unkraut«, bemerkte Ratch Norren.
»Ich verstehe nicht, warum es nötig war, einen Waffenstillstand
auszurufen und den ganzen Weg hierher zu reisen, um sich irgendein faulendes
Gewächshausmonster anzusehen«, sagte der Mann von Skyrmir.
»Die Azurne Dreiheit wird ungeduldig«, flüsterte deren Entsandter.
»In diesem Irrsinn liegt irgendeine beschissene Methode«, sagte Tolly
Mune zu Tuf. »Machen Sie weiter. Manna, sagten Sie. Was soll das?«
»Es wird die Suthlamesen ernähren«, sagte Tuf. Dax schnurrte.
»Für wie viele Tage?«, fragte die Frau von Henrys Welt mit
zuckersüßer Stimme, die vor Sarkasmus nur so troff.
»Oberste Ratsherrin, wenn Sie so freundlich wären, eine der größeren
Warzen abzubrechen, werden Sie feststellen, dass deren Fleisch erfreulich saftig und
äußerst nahrhaft ist«, sagte Tuf.
Tolly Mune schnitt eine Grimasse und beugte sich vor. Sie schloss die
Finger um die größte Frucht. Diese fühlte sich weich und fleischig an. Sie zog daran,
und die Frucht löste sich leicht vom Stängel. Sie zerbrach sie mit den Fingern. Das
Fruchtfleisch roch wie frisches Brot. Tief im Inneren verborgen war ein Beutel mit einer
dunklen, klebrigen Flüssigkeit, die verlockend langsam floss. Ein wunderbarer Duft stieg
ihr in die Nase, und ihr lief das Wasser im Mund zusammen. Sie zögerte einen Moment, aber
es roch zu gut. Schnell nahm sie einen Bissen. Sie kaute, schluckte, nahm einen weiteren
Bissen und noch einen. Nach vier Bissen hatte sie alles aufgegessen und leckte sich den
klebrigen Saft von den Fingern.
»Milchbrötchen«, sagte sie, »und Honig. Fettig, aber lecker.«
»Und dieses Geschmackes wird man niemals überdrüssig«, bemerkte Tuf.
»Die Sekrete in der Mitte jeder Frucht sind leicht narkotisierend. Jede Manna-Pflanze hat
ihren eigenen Geschmack, der von der chemischen Zusammensetzung des Bodens, in dem die
Pflanze wächst, und dem genetischen Erbe der Pflanze selbst beeinflusst wird. Die
Geschmacksvielfalt ist äußerst breit und kann durch Kreuzungen noch weiter verändert
werden.«
»Moment mal«, sagte Ratch Norren laut. Er zog an seiner Wange und
runzelte die Stirn. »Diese verdammte Brot-und-Honigfrucht schmeckt also gut, in Ordnung.
Aber was soll das? Da haben die Suthies jetzt was zum Naschen, nachdem sie noch mehr
kleine Suthies gemacht haben. Ein hübscher Festschmaus, um die Langeweile etwas zu
mildern, während man Vandeen erobert und besiedelt. Tut mir leid, Leute, aber Ratch
findet das nicht gerade begrüßenswert.«
Tolly Mune runzelte die Stirn. »Er hat zwar keinen Anstand«, sagte
sie, »aber er hat Recht. Sie haben uns früher schon Wunderpflanzen gegeben, Tuf.
Omni-Korn, erinnern Sie sich? Neptuns Schal. Jersee-Kapseln. Warum sollte dieses Manna so
anders sein?«
»Aus mehreren Gründen«, antwortete Haviland Tuf. »Zum Ersten waren
meine vorangegangenen Anstrengungen darauf gerichtet, Ihr Ökosystem effizienter zu
gestalten, die Kalorienausbeute in den begrenzten Gebieten zu steigern, die auf
Suthlam der Landwirtschaft zur Verfügung stehen, also von weniger mehr zu erlangen.
Unglücklicherweise habe ich die Perversität der menschlichen Spezies nicht in
genügendem Maße berücksichtigt. Wie Sie selbst berichtet haben, ist die
suthlamesische Nahrungskette immer noch weit von ihrer maximalen Effizienz entfernt.
Obwohl Sie Fleischtiere haben, die Ihnen Protein zur Verfügung stellen, züchten Sie
immer noch verschwenderische Herdentiere, und zwar einfach deshalb, weil Ihre
wohlhabenderen Fleischfresser den Geschmack deren Fleisches einer Scheibe Fleischtier
vorziehen. Außerdem bauen Sie weiterhin Omni-Korn und Nanoweizen an, und zwar nur des
Geschmacks und der kulinarischen Vielfalt wegen, obwohl Jersee-Kapseln Ihnen wesentlich
mehr Kalorien pro Quadratmeter liefern würden. Kurz gesagt, die Suthlamesen
bestehen weiterhin darauf, der Genusssucht den Vorzug gegenüber der Rationalität zu
geben. Dann soll es so sein. Die Möglichkeiten des Manna und sein Geschmack sind
einzigartig. Wenn die Suthlamesen erst davon gegessen haben, werden sie keinen
Widerstand mehr aus Geschmacksgründen leisten.«
»Mag sein«, sagte Tolly Mune nachdenklich, »aber trotzdem ...«
»Zweitens«, fuhr Tuf fort, »wächst Manna sehr schnell. Extreme
Schwierigkeiten erfordern extreme Lösungen. Manna stellt eine solche Lösung dar. Es ist
eine künstliche Kreuzung, ein genetischer Flickenteppich, zusammengesetzt aus
DNS-Sequenzen von einem Dutzend Planeten; seine natürlichen Vorfahren schließen zum
Beispiel den Brotbusch von Hafeer ein, außerdem wurde Nachtkraut von Noctos
hineingeschmuggelt, Gulliverianische Zuckerbeutel und eine speziell veränderte Form von
Kudzu von der Alten Erde. Sie werden sehen, dass es winterhart ist und sich schnell
ausbreitet, kaum Pflege benötigt und in der Lage ist, ein Ökosystem in erstaunlich
kurzer Zeit umzugestalten.«
»Wie erstaunlich?«, wollte Tolly Mune wissen.
Tufs Finger bewegten sich leicht über ein leuchtendes Tastenfeld in der
Armlehne seines Schwebesessels. Dax schnurrte.
Das Licht ging an.
Tolly Mune blinzelte in der plötzlichen Helligkeit.
Sie saßen im Zentrum eines riesigen, kreisrunden Raumes mit einem guten
halben Kilometer Durchmesser, die gewölbte Decke schloss sich einhundert Meter über
ihren Köpfen. Hinter Tuf erschienen ein Dutzend Pflanzgefäße aus Plastahl aus den
Wänden. Jede war oben offen und mit Erde gefüllt. Es waren ein Dutzend verschiedene
Sorten Erde, die ein Dutzend verschiedene Lebensräume darstellten weißer
Pulversand, reiche schwarze Krumen, dicker roter Lehm, blaues kristallines Pulver,
graugrüner Sumpfschlamm, Tundraboden, hartgefroren wie Eis. In jedem Gefäß wuchs eine
Mannapflanze.
Und wuchs.
Und wuchs.
Und wuchs.
Die Hauptpflanzen waren fünf Meter hoch, ihre Ableger waren bereits
über den Rand ihrer Behältnisse herausgewachsen. Die Ranken schlängelten sich bis auf
einen halben Meter an Tuf heran über den Boden, sich umeinander windend, wieder und
wieder teilend. Mannatriebe bedeckten sämtliche Wände des Raumes drei Viertel hoch.
Mannatriebe hingen an der weichen, weißen Plastahldecke und bedeckten halb die
Lichtleisten, sodass die Beleuchtung auf dem Boden in unglaublich verworrenen Mustern
ankam. Das gefilterte Licht schien grünlich zu sein. Überall wuchsen die Mannafrüchte,
weiße Schoten von der Größe eines Männerkopfes hingen von den Ranken über ihren
Köpfen und schoben sich durch das Blätterdach. Während sie zuschauten, fiel eine der
Schoten mit einem sanften Plopp auf den Boden. Jetzt verstand sie, warum die Echos so
seltsam verwaschen klangen.
»Diese speziellen Exemplare«, führte Haviland Tuf mit ausdrucksloser
Stimme aus, »sind seit vierzehn Tagen aus Keimlingen gewachsen, kurz vor meinem ersten
Treffen mit der verehrten Obersten Ratsherrin. Ein einziger Keimling in jedem
Pflanzgefäß war alles, was nötig war; seitdem habe ich sie weder gegossen noch
gedüngt. Hätte ich das getan, wären die Pflanzen nicht annähernd so klein und
kümmerlich, wie die armseligen Exemplare, die Sie hier vor sich sehen.«
Tolly Mune erhob sich. Sie hatte jahrelang in der Schwerelosigkeit gelebt, sodass es
sie anstrengte, unter der vollen Schwerkraft zu stehen, aber sie hatte ein Gefühl der
Enge in der Brust und einen schlechten Geschmack tief in der Kehle, und sie hatte das
dringende Verlangen nach jedem noch so kleinen physischen Vorteil, und sei es nur, dass
sie stand, während der Rest von ihnen saß. Tuf hatte ihr mit diesem
Manna-aus-dem-Hut-Trick den Atem genommen, sie war in der Minderheit, und Blackjack war
weiß das Leben wo, während Dax selbstgefällig schnurrend auf Tufs Schulter saß und sie
mit seinen großen goldenen Augen musterte, die direkt durch sie hindurchschauen konnten.
»Sehr beeindruckend«, sagte sie.
»Es freut mich, das von Ihnen zu hören«, antwortete Tuf und
streichelte Dax.
»Was genau haben Sie nun vor?«
»Ich beabsichtige Folgendes: Wir werden auf der Stelle damit beginnen,
Manna auf Suthlam auszusäen. Die Belieferung wird mit Hilfe des Shuttles der Arche
erfolgen. Ich war bereits so frei, den Laderaum des Shuttles mit explosiven Luftkapseln zu
bestücken, die Mannasporen enthalten. Wenn man sie nach einem bestimmten von mir
entwickelten System in der Luft absetzt, werden die Sporen sich mit dem Wind von allein
über Suthlam verteilen. Das Wachstum wird unmittelbar darauf einsetzen. Von den
Suthlamesen werden keine weiteren Anstrengungen nötig sein, als die Früchte zu
pflücken und zu essen.« Sein langes, ruhiges Gesicht wandte sich von Tolly Mune zu den
Gesandten der Alliierten Planeten. »Werte Damen und Herren«, sagte er. »Ich vermute,
dass Sie sich fragen, welche Rolle Sie dabei spielen.«
Ratch Norren zwickte sich in die Wange und sprach für sie alle.
»Genau«, sagte er und schaute sich unbehaglich um. »Und da sind wir wieder bei dem, was
ich vorhin gesagt habe. Dieses Kraut wird also all die Suthies ernähren. Na und?
Das interessiert uns doch nicht.«
»Ich dachte, dass die Konsequenzen offensichtlich sind«, sagte Tuf.
»Suthlam ist doch nur eine Bedrohung für die alliierten Planeten, weil seine
Bevölkerung ständig Gefahr läuft, die Nahrungsmittelreserven aufzubrauchen. Dies macht
Suthlam, eine ansonsten friedliche und zivilisierte Welt, zutiefst instabil. Solange
die Technokraten an der Macht waren und ein ungefähres Gleichgewicht halten konnten,
hatte sich Suthlam seinen Nachbarn gegenüber äußerst kooperativ verhalten, aber
diese Balance, wie ausgefeilt sie auch immer sein mag, muss irgendwann zusammenbrechen,
und dann werden die Expansionisten an Macht gewinnen, und die Suthlamesen werden zu
einem gefährlichen Aggressor.«
»Ich bin kein beschissener Expanisionist!«, sagte Tolly Mune erregt.
»Das habe ich auch nicht unterstellt«, sagte Tuf. »Und Sie sind auch
nicht Ihr Leben lang Oberste Ratsherrin, trotz Ihrer Qualifikationen. Sie haben bereits
einen Krieg, wenn auch einen Verteidigungskrieg. Wenn Sie fallen, könnte ein
Expanisionist Sie ersetzen und der Krieg wird zu einem Angriffskrieg. Unter den
Umständen, die die Suthlamesen sich selbst geschaffen haben, ist ein Krieg genauso
wahrscheinlich wie eine Hungersnot, und kein einziger Anführer, wie wohlwollend und
kompetent er auch sein mag, kann ihn letztendlich vermeiden.«
»Genau«, sagte die knabenhafte junge Frau von Henrys Welt mit scharfer
Stimme. In ihren Augen lag ein Scharfsinn, der nicht zu ihrem jugendlichen Körper passen
wollte. »Und da dieser Krieg unvermeidlich ist, müssen wir ihn jetzt ausfechten und das
Problem ein für alle Mal aus der Welt schaffen.«
»Die Azurne Dreiheit kann dem nur zustimmen«, wurde ihr flüsternd
sekundiert.
»Richtig«, sagte Tuf, »vorausgesetzt, dass dieser Krieg tatsächlich
unvermeidbar ist.«
»Sie haben uns doch gerade gesagt, dass diese verdammten Expansionisten
auf jeden Fall einen Krieg anfangen werden, Tuffer«, warf Ratch Norren ein.
Tufs lange, weiße Hand streichelte den schwarzen Kater. »Das ist nicht
ganz richtig, Sir. Meine Ausführungen betreffs der Unvermeidbarkeit von Krieg und Hunger
bezogen sich auf den Zusammenbruch des unstabilen Gleichgewichts zwischen der
suthlamesischen Bevölkerung und deren Nahrungsversorgung. Sollte dieses schwache
Verhältnis wieder ins Gleichgewicht gebracht werden, ist Suthlam keine Bedrohung
für die anderen Planeten in diesem Sektor. Unter diesen Bedingungen ist ein Krieg sowohl
unnötig als auch moralisch unverantwortlich, würde ich denken.«
»Und Sie glauben, dass Ihr scheußliches Unkraut das alles schaffen
kann?«, fragte die Frau von Jazbo verächtlich.
»In der Tat«, sagte Tuf.
Der Botschafter von Skyrmir schüttelte den Kopf. »Nein. Eine
großartige Leistung, Tuf, und ich respektiere Ihre Absichten, aber ich glaube nicht
daran. Ich spreche für alle Verbündeten, wenn ich sage, das wir unser Vertrauen nicht in
eine neue Erfindung setzen werden. Suthlam hat bereits mehrere Frühlinge und
Blütezeiten und ökologische Revolutionen erlebt. Am Ende hat sich nie etwas verändert.
Wir müssen diese Sache jetzt ein für alle Mal beenden.«
»Ich bin weit davon entfernt, Sie in Ihrer selbstmörderischen Narretei
aufzuhalten«, sagte Tuf. Er kraulte Dax hinter dem Ohr.
»Selbstmörderische Narretei?«, sagte Ratch Norren. »Was bedeutet
das?«
Tolly Mune hatte sich das Ganze schweigend angehört. Jetzt wandte sie
sich den Alliierten zu. »Das bedeutet, dass Sie verlieren, Norren«, sagte sie.
Die Abgesandten lachten ein höfliches Hüsteln von der
Henryanerin, schallendes Gelächter von der Jazboitin, dröhnender Donner vom Cyborg.
»Die Arroganz der Suthlamesen erstaunt mich doch immer wieder«, sagte der Mann von
Skyrmir. »Lassen Sie sich von diesem vorübergehenden Patt doch nicht irreführen,
Oberste Ratsherrin. Wir sind sechs Planeten gegen einen. Sogar mit Ihrer neuen Flotte
werden wir Ihnen zahlenmäßig überlegen sein und Sie in Grund und Boden schießen. Wir
haben Sie schon einmal besiegt, wenn Sie sich erinnern wollen. Und wir werden es auch ein
zweites Mal tun.«
»Das werden Sie nicht«, sagte Haviland Tuf.
Alle Köpfe wandten sich ihm zu.
»Ich habe mir in den letzten Tagen die Freiheit genommen, ein klein
wenig nachzuforschen. Dabei haben sich gewisse Fakten herausgestellt. Erstens, der letzte
Krieg wurde hier vor Jahrhunderten ausgetragen. Suthlam erlitt damals eine
Niederlage, das ist nicht zu leugnen, und die Alliierten müssen sich immer noch von ihrem
Sieg erholen. Suthlam jedoch, mit seiner umfangreicheren Bevölkerung und seinen
unersättlichen Technologien hat alle Schäden dieses Kampfes schon lange hinter sich
gelassen. Die suthlamesische Wissenschaft hat sich inzwischen wie Manna entwickelt,
wenn mir diese farbenfrohe Metapher erlaubt sei, während die alliierten Planeten all ihre
kleinen Fortschritte bezüglich Wissenschaft und Technik von Suthlam importiert
haben. Die Gesamtzahl der alliierten Flotten ist sicher beträchtlich größer als die
Suthlamesische Planetare Verteidigungsflottille, allerdings sind die meisten Schiffe
der alliierten Armada bezüglich ihrer veralteten Waffentechnik und Technologie den neuen
suthlamesischen Schiffen hoffnungslos unterlegen. Außerdem ist es äußerst
unkorrekt zu sagen, dass die Alliierten Suthlam in jedem Fall zahlenmäßig
überlegen seien. Sie sind sechs Planeten gegen einen, korrekt, aber die
Gesamtbevölkerung von Vandeen, Henrys Welt, Jazbo, Roggandor, Skyrmir und der Azurnen
Dreiheit beträgt ungefähr vier Milliarden weniger als ein Zehntel der
suthlamesischen Bevölkerung.«
»Ein Zehntel?«, krächzte die Jazboitin. »Das ist falsch, nicht wahr?
Das muss einfach falsch sein.«
»Der Azurnen Dreiheit wurde zu verstehen gegeben, dass ihre Gesamtzahl
kaum sechsmal über der unseren liegt.«
»Und zwei Drittel davon sind Frauen und Kinder«, fügte der Gesandte
von Skyrmir schnell hinzu.
»Unsere Frauen kämpfen auch«, bellte Tolly Mune.
»Wenn Sie zwischen zwei Windelwechseln etwas Zeit finden«,
kommentierte Ratch Norren. »Tuf, sie können nicht zehnmal mehr sein als wir.
Sie sind zwar ziemlich viele, das stimmt, aber unsere günstigsten Berechnungen ...«
»Sir«, sagte Tuf. »Ihre günstigsten Berechnungen sind fehlerhaft.
Tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen. Das ist ein wohlgehütetes Geheimnis, und wenn
man in solchen Größenordnungen rechnet, kann man leicht eine Milliarde hier oder dort
unterschlagen. Nichtsdestotrotz ist es so, wie ich es Ihnen gesagt habe. Im Moment besteht
ein schwaches militärisches Gleichgewicht die alliierten Schiffe sind zahlreicher,
die suthlamesische Flotte ist fortschrittlicher und besser bewaffnet. Aber dieses
Gleichgewicht wird nicht von Dauer sein, da die suthlamesische Technologie in der
Lage ist, ihre Kriegsflotte schneller aufzurüsten als jeder der Alliierten. Ich wage zu
vermuten, dass derartige Anstrengungen zur Zeit bereits unternommen werden.« Tuf schaute
auf Tolly Mune.
»Nein«, sagte sie.
Aber auch Dax schaute sie an. »Ja«, erklärte Tuf den Alliierten. Er
hob einen Finger. »Daher schlage ich Ihnen vor, den Vorteil dieses derzeitigen
Gleichgewichts auszunutzen und aus der Möglichkeit, die ich Ihnen anbiete, Kapital zu
schlagen, um dieses Problem Suthlam betreffend ohne Nuklearbomben und ähnliche
Unannehmlichkeiten zu lösen. Verlängern Sie diesen Waffenstillstand um ein Jahr und
erlauben Sie mir, Manna auf Suthlam auszusäen. Wenn diese Zeit vorbei ist, und Sie
immer noch der Meinung sind, das Suthlam Ihre Heimatplaneten bedroht, dann fühlen
Sie sich frei, Ihre Feindseligkeiten wieder aufzunehmen.«
»Negativ, Händler«, sagte der Cyborg von Roggandor heftig. »Sie sind
unglaublich naiv. Wenn wir ihnen ein Jahr geben und Sie Ihre Tricks machen lassen
wie viele Flotten werden sie in der Zwischenzeit gebaut haben?«
»Wir stimmen einem Moratorium bezüglich neu zu bauender Waffen zu,
wenn Sie das Gleiche tun«, sagte Tolly Mune.
»Das sagen Sie. Ich vermute, wir sollen Ihnen vertrauen?«, spottete
Ratch Norren. »Zur Hölle damit. Ihr Suthies habt bereits bewiesen, wie
vertrauenswürdig ihr seid, als ihr euch erst vor kurzem im Geheimen neu bewaffnet und
damit gegen den Vertrag verstoßen habt. Und zwar in böser Absicht!«
»Oh, sicher, Sie hätten es vorgezogen, wenn wir hilflos gewesen
wären, als Sie kamen, um unseren Planeten zu besetzen. Zur Hölle noch mal, was für ein
verdammter Heuchler!«, entgegnete Tolly Mune empört.
»Es ist zu spät für Abkommen«, erklärte die Jazboitin.
»Sie haben es selbst gesagt, Tuf«, sagte der Skymirianer. »Je länger
wir warten, desto schlimmer wird die Situation. Daher bleibt uns nichts anderes übrig als
ein umgehender und umfassender Schlag gegen Suthlam. Das Schlechte wird niemals
besser werden.«
Dax fauchte ihn an.
Haviland Tuf blinzelte, und faltete die Hände sorgfältig über dem
Bauch. »Vielleicht würden Sie noch einmal neu beraten, wenn ich an Ihre Liebe zum Leben,
Ihre Angst vor Krieg und Zerstörung und Ihre Humanität im Allgemeinen appelliere.«
Ratch Norren gab ein verächtliches Geräusch von sich. Einer nach dem
anderen schauten die übrigen Mitglieder der Delegation ablehnend zur Seite.
»In diesem Fall«, sagte Tuf, »lassen Sie mir keine andere Wahl.« Er
stand auf.
Der Vandeeni runzelte die Stirn. »Wohin gehen Sie?«
Tuf hob umständlich die Schultern. »Auf schnellstem Wege zu einer
sanitären Einrichtung«, entgegnete er, »und danach in meinen Kontrollraum. Bitte
akzeptieren Sie meine Versicherung, dass ich gegen keinen von Ihnen irgendwelche
persönlichen Animositäten hege. Trotzdem scheint es unglücklicherweise so zu sein, dass
ich nun Ihre entsprechenden Planeten zerstören muss. Vielleicht möchten Sie Hölzchen
ziehen, mit welchen Planeten ich beginnen soll.«
Teil 4 von »Manna
vom Himmel«  |
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