ALIEN CONTACT
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George R. R. Martin

Die Zweite Speisung

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<-- Teil 2 -->

Sie wartete im Inneren Büro, schwebend im Zentrum des Durcheinanders, die Beine überkreuzt, das lange, silbergraue Haar bewegte sich träge über ihrem hageren, offenen, warmherzigen Gesicht wie ein Ring aus Rauch. »Also sind Sie zurückgekommen«, sagte sie, als Tuf in ihr Gesichtsfeld schwamm.
   Haviland Tuf fühlte sich unwohl bei Null-G. Er zog sich in den Besucherstuhl, der sicher an dem festgeschraubt war, was der Fußboden sein sollte, und schnallte sich darauf an. Die Hände faltete er sorgfältig über der großen Wölbung seines Bauches. Seine Mähne driftete verloren in der Luftströmung. »Ihr Sekretär weigerte sich, meine Botschaft weiterzuleiten«, sagte er. »Wieso sind Sie zu der Vermutung gelangt, das ich es sein könnte?«
   Sie grinste. »Wer sonst würde ein Raumschiff Wilder Brüller der Savanne nennen?«, sagte sie. »Außerdem ist es fast auf den Tag genau fünf Jahre her. Ich hatte es im Gefühl, dass Sie einer von der ganz genauen Sorte sind, Tuf.«
   »Ich verstehe«, sagte Haviland Tuf. Umständlich und würdevoll griff er in seine Synthafelle, zerriss den versiegelten Saum der Innentasche und brachte ein Vinyletui zum Vorschein, das mit kristallenen Datenchips in winzigen Täschchen bestückt war. »Hiermit, Madam, überreiche ich Ihnen mit Freuden die Summe von sechzehn Millionen fünfhunderttausend Standards als Bezahlung der ersten Hälfte meiner Schulden an den Hafen von S’uthlam für die Wiederherstellung und Neuausstattung der Arche. Sie finden die Gelder sicher angelegt in geeigneten Finanzdepots auf Osiris, ShanDellor, Old Poseidon, Ptola, Lyss und Neu-Budapest. Diese Chips werden Ihnen den Zugang dazu verschaffen.«
   »Danke.« Sie nahm das Etui, klappte es auf, schaute kurz darauf und ließ es los. Es schwebte zur Perücke hinauf. »Irgendwie habe ich gewusst, dass Sie die Standards aufbringen würden, Tuf«.
   »Ihr Vertrauen in meinen Geschäftssinn ist beruhigend«, sagte Haviland Tuf. »Kommen wir nun zu dieser Videoshow.«
   »Tuf und Mune? Sie haben es also gesehen?«
   »In der Tat«, sagte Tuf.
   »Gottverdammt«, sagte Tolly Mune und grinste schief. »Und, was denken Sie darüber, Tuf?«
   »Ich muss zugeben, dass es aus nahe liegenden Gründen eine gewisse perverse Faszination in mir erweckt hat. Die Idee eines solchen Dramas hat eine unbestreitbare Anziehungskraft auf meine Eitelkeit, aber die Ausführung lässt einiges zu wünschen übrig.«
   Tolly Mune lachte. »Was stört Sie am meisten?«
   Tuf hob einen einzelnen langen Finger. »Mit einem Wort, die Ungenauigkeit.«
   Sie nickte. »Nun, der Videoshow-Tuf ist halb so massig wie Sie, würde ich sagen, sein Gesicht ist wesentlich beweglicher, seine Sprache ist nur halb so gestelzt, und er hat die Muskulatur eines Spinneret und die Koordination eines Akrobaten, aber man hat ihm der Authentizität wegen den Kopf rasiert.«
   »Er hatte einen Schnauzbart«, sagte Haviland Tuf. »Ich nicht.«
   »Man fand, es würde verwegen aussehen. Aber denken Sie nur daran, was man mit mir angestellt hat. Es stört mich nicht, dass ich fünfzig Jahre jünger gemacht wurde, und es stört mich nicht, dass mein Gesicht verändert wurde, bis ich aussah wie eine vandeenische Traumprinzessin, aber diese gottverdammten Brüste
   »Zweifelsohne sollte betont werden, dass Sie von Säugetieren abstammen«, sagte Tuf. »All dies könnte man als geringfügige Abweichungen im Bestreben einer ästhetischeren Unterhaltung abtun, aber ich betrachte die leichtfertigen Freiheiten bezüglich meiner Auffassungen und Anschauungen als wesentlich ernsthaftere Angelegenheit. Im Besonderen habe ich etwas gegen meine Schlussrede einzuwenden, in der ich die Meinung äußere, dass der Genius der sich entwickelnden Menschheit alle Probleme lösen kann und wird und dass die ökologischen Entwicklungen den S’uthlamesen die Freiheit gegeben haben, sich ohne Ängste oder Begrenzungen zu vermehren und sich somit zu Größe und ultimativer Göttlichkeit zu entwickeln. Dies steht in völligem Gegensatz zu den tatsächlichen Anschauungen, die ich Ihnen damals zum Ausdruck gebracht hatte, Hafenmeisterin Mune. Wenn Sie sich an unsere Gespräche erinnern wollen, so habe ich Ihnen eindringlich gesagt, dass jede Lösung Ihres Nahrungsmittelproblems, ob nun technischer oder ökologischer Art, notwendigerweise nur eine Notlösung sein wird, wenn Ihr Volk sich weiterhin ungehindert vermehrt.«
   »Sie waren der Held«, sagte Tolly Mune, »Da konnten Sie doch nicht wie ein Lebensgegner klingen, nicht wahr?«
   »Es gibt noch weitere Fehler in der Geschichte. Diejenigen, die das Pech hatten, diesen Film zu sehen, haben eine weitestgehend verzerrte Sicht auf die Ereignisse vor fünf Jahren erfahren. Sodom ist eine harmlose, wenn auch beherzte Katze, deren Vorfahren seit den wahrhaftigen Ursprüngen der Menschheit domestiziert worden sind, und in meiner Erinnerung boten sie und ich unsere friedliche Kapitulation an, als Sie sie in betrügerischer Weise unter einem legalen, wenn auch zweifelhaften Vorwand in Ihren Besitz brachten, um mich dazu zu zwingen, Ihnen die Arche zu übergeben. Niemals hat sie auch nur einen einzigen Sicherheitsmann mit Ihren Krallen zerrissen, geschweige denn sechs von ihnen.«
   »Sie hat mir einmal den Handrücken zerkratzt«, sagte Tolly Mune. »Noch was?«
   »Ich empfinde keinerlei Zustimmung für die Politik und die Führung von Josen Rael und dem Hohen Rat von S’uthlam«, sagte Tuf. »Es ist wahr, dass sie, und im Besonderen der Erste Ratsherr Rael, sich in einer unethischen und skrupellosen Weise verhalten haben: Nichtsdestotrotz muss zu seinen Gunsten gesagt werden, dass Josen Rael mich niemals foltern oder eine meiner Katzen töten ließ, um meinen Willen zu brechen.«
   »Da hatte der gar nicht drüber nachgedacht«, sagte Tolly Mune, »Und ihm hat das nie Spaß gemacht. Er war in Wirklichkeit ein anständiger Mensch.« Sie seufzte. »Armer Josen.«
   »Schließlich kommen wir zur Crux der ganzen Sache. Eine Crux in der Tat – ein seltsames Wort, wenn es einem über die Zunge rollt, aber in diesem Fall durchaus angebracht. Die Crux, Hafenmeisterin Mune, war und ist die Natur unserer Wette. Als ich Ihnen die neu erworbene Arche zum Umbau brachte, entschied Ihr Hoher Rat, dass er sie haben wollte. Ich weigerte mich, sie zu verkaufen, und da Sie keinen legalen Grund fanden, sich das Schiff anzueignen, haben Sie Sodom als Schädling beschlagnahmt und damit gedroht, sie zu töten, falls ich den Vertrag nicht unterzeichne. Ist dies so weit korrekt?«
   »Scheint so«, sagte Tolly Mune freundlich.
   »Wir lösten das Problem mit einer Wette. Ich wollte versuchen, S’uthlams Nahrungsmittelkrise mittels Öko-Entwicklungen zu bewältigen und somit die Hungersnot zu vermeiden, die Sie bedrohte. Sollte ich versagen, gehörte die Arche Ihnen. Wenn ich erfolgreich wäre, sollten Sie mir Sodom zurückgeben und darüber hinaus die Umbauten und Reparaturen vornehmen, die ich wünschte, und mir zehn Standardjahre Zeit lassen, die Rechnung zu bezahlen.«
   »Richtig«, sagte sie.
   »Wenn ich mich recht erinnere, war eine fleischliche Erfahrung Ihres Körpers meinerseits nicht enthalten, Hafenmeisterin Mune. Ich wäre der Letzte, der Ihren Mut herabwürdigen würde, den Sie in dieser Notlage zeigten, als der Hohe Rat die Röhren schließen und alle Decks sichern ließ. Sie haben Ihr Leben und Ihre Karriere riskiert, sind durch ein Plastahlfenster gesprungen, kilometerweit durchs Vakuum geflogen, mit nichts bekleidet außer Skinthins und angetrieben durch Airjets, die ganze Zeit von Sicherheitstrupps verfolgt, und sind am Ende knapp der Vernichtung durch die eigene Planetare Verteidigungsflottille entkommen, die gerade gegen mich im Anmarsch war. Sogar jemand, der so einfach und direkt ist wie ich, muss zugeben, dass diese Taten eine gewisse heldenhafte, ja sogar romantische Qualität haben, die in den alten Zeiten der Stoff für Legenden hätte sein können. Der Grund dieser melodramatischen, wenngleich auch waghalsigen Reise war es jedoch, Sodom in meine Obhut zurückzubringen, wie es Bestandteil unseres Vertrages war, und nicht, Ihren Körper meinen«, er blinzelte, »Lüsten zuzuführen. Weiterhin haben Sie damals sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, dass Ihre Aktionen von einem gewissen Ehrgefühl und der Furcht vor dem korrumpierenden Einfluss der Arche motiviert waren, den diese auf Ihre Anführer würde haben können. Wenn ich mich recht erinnere, haben weder körperliche Begierde noch romantische Liebe irgendeine Rolle in unseren Berechnungen gespielt.«
   Hafenmeisterin Tolly Mune grinste. »Schauen Sie uns an, Tuf. Ein verdammt ungleiches Paar Liebender im Weltraum. Aber Sie müssen doch zugeben, dass die Story dadurch gewinnt.«
   Tufs langes Gesicht war unbeweglich und ausdruckslos. »Sie wollen diese überwiegend ungenaue Videoshow doch nicht verteidigen«, sagte er flach.
   Die Hafenmeisterin lachte wieder. »Sie verteidigen? Zur Hölle damit, ich habe sie geschrieben
   Haviland Tuf blinzelte sechsmal.
   Bevor er eine Antwort formulieren konnte, glitt die äußere Tür auf, und die Paparazzi kamen hereingeschwärmt, gut zwei Dutzend, brüllend und schreiend und aufdringliche Fragen rufend. In der Mitte einer jeden Stirn surrte und blinkte ein drittes Auge.
   »Hierher, Tuffer. Lächeln!«
   »Haben Sie irgendwelche Katzen dabei?«
   »Werden Sie einen Ehevertrag aufsetzen, Hafenmeisterin?«
   »Wo ist die Arche
   »Umarmen Sie sich doch mal, na los!«
   »Wann sind Sie so braun geworden, Händler?«
   »Wo ist der Schnurrbart?«
   »Was halten Sie von Tuf und Mune, Bürger Tuf?«
   »Wie geht es Sodom jetzt?«
   Bewegungsunfähig auf seinem Stuhl festgeschnallt blickte Haviland Tuf in einer Reihe schneller, präziser Kopfbewegungen auf und nieder und ringsumher. Er blinzelte und schwieg. Die Flut von Fragen hörte nicht auf, bis Hafenmeisterin Tolly Mune mühelos durch die Menge geschwommen kam, mit jeder Hand ein paar Journalisten beiseite stieß und sich neben Tuf niederließ. Sie schob ihren Arm unter seinen und küsste ihn leicht auf die Wange. »Zur Hölle nochmal«, sagte sie, »haltet eure gottverdammten Mäuler, er ist doch gerade erst angekommen!« Sie hob eine Hand. »Keine Fragen, sorry! Wir berufen uns auf unser Recht auf Privatsphäre. Es ist schließlich fünf Jahre her. Gebt uns etwas Zeit, uns wieder aneinander zu gewöhnen.«
   »Fliegen Sie jetzt zusammen zur Arche?«, fragte eine etwas aggressivere Reporterin. Sie schwebte einen halben Meter vor Tufs Gesicht, ihr drittes Auge surrte.
   »Natürlich«, sagte Tolly Mune. »Wohin denn sonst?«
   Erst nachdem die Wilder Brüller der Savanne auf dem Rückweg zur Arche und weit genug weg vom Netz war, ließ sich Haviland Tuf dazu herab, zur Kabine zurückzugehen, die er Tolly Mune zugewiesen hatte. Er war frisch geduscht, gewaschen und gebürstet, alle Spuren seiner Tarnung waren beseitigt. Sein langes, haarloses Gesicht war so weiß und unergründlich wie ein leeres Blatt Papier. Er trug einen einfachen grauen Overall, der seinen formidablen Bauch kaum verstecken konnte, und eine grüne Schirmmütze mit dem goldenen Theta der Ökologischen Ingenieure bedeckte seinen kahlen Schädel. Dax ritt auf seiner breiten Schulter.
   Tolly Mune hatte sich zurückgelehnt und sog an einer Blase St. Christophers Malzbier, aber sie grinste, als er eintrat. »Das ist verdammt gutes Zeug«, sagte sie. »Na, wer ist das denn? Das ist doch nicht Sodom.«
   »Sodom ist in Sicherheit an Bord der Arche, zusammen mit ihrem Gefährten und ihren Jungen, obwohl man sie in Wahrheit kaum mehr Junge nennen kann. Die Katzenpopulation meines Schiffes ist seit meinem letzten Besuch auf S’uthlam ein wenig angewachsen, wenn auch nicht so extrem wie die menschliche Bevölkerung auf S’uthlam.« Er ließ sich steif auf einem Sitz nieder. »Dies ist Dax. Obwohl natürlich jede Katze etwas Besonderes ist, müsste man Dax als außergewöhnlich bezeichnen. Alle Katzen besitzen gewisse Psi-Kräfte, das ist allgemein bekannt. Auf Grund gewisser ungewöhnlicher Umstände, die ich auf einem Planeten namens Namor entdeckte, initiierte ich ein Programm, diese angeborenen felinen Fähigkeiten zu verbessern und zu erweitern. Dax ist das Resultat, Madam. Wir haben ein besonderes Verhältnis zueinander, und Dax ist mit Psi-Kräften gesegnet, die alles andere als nur rudimentär sind.«
   »Kurz gesagt«, sagte Tolly Mune, »Sie haben sich selbst eine Katze geklont, die Gedanken lesen kann.«
   »Ihr Scharfsinn ist wie immer äußerst fein, Hafenmeisterin«, entgegnete Tuf und faltete die Hände. »Wir haben vieles zu besprechen. Wären Sie vielleicht so freundlich, mir zu erklären, warum Sie mich gebeten haben, die Arche zurück nach S’uthlam zu bringen, warum Sie darauf bestanden haben, mich zu begleiten, und letztendlich, warum Sie mich in diese seltsame, wenngleich schillernde Betrügerei verwickelt haben und sogar so weit gegangen sind, meine Person völlig frei zu verändern?«
   Tolly Mune seufzte. »Tuf, erinnern Sie sich daran, wie die Dinge standen, als wir uns vor fünf Jahren trennten?«
   »Mein Gedächtnis ist unbeeinträchtigt«, sagte Haviland Tuf.
   »Gut. Dann werden Sie sich vielleicht auch daran erinnern, dass Sie mich ganz schön in die Scheiße geritten hatten.«
   »Ihre zu erwartende unverzügliche Absetzung als Hafenmeisterin, eine Verhandlung wegen Hochverrats und die Verbannung auf eine Straffarm auf den Larder«, sagte Tuf. »Trotzdem haben Sie meine Bemühungen abgelehnt, Sie mit einem freien Transport in ein anderes System Ihrer Wahl zu versorgen. Stattdessen zogen Sie es vor, zurückzukehren, um sich Ihrer Verhaftung und Entehrung zu stellen.«
   »Was zur Hölle ich auch sein mag, ich bin in erster Linie S’uthlamesin«, sagte sie. »Das sind meine Leute, Tuf. Manchmal ganz schön große beschissene Idioten, aber immer noch meine gottverdammten Leute.«
   »Ihre Loyalität ist zweifelsohne bemerkenswert. Da Sie immer noch Hafenmeisterin sind, muss ich annehmen, dass sich die Umstände geändert haben.«
   »Ich habe sie geändert«, sagte Tolly Mune.
   »Tatsächlich.«
   »Das musste ich tun, wenn ich nicht den Rest meines Lebens damit verbringen wollte, ein Unkrautrad durch das Neogras zu fahren, während mich die Schwerkraft zerreißt.« Sie zog eine Grimasse. »Sobald ich zurück im Hafen war, griffen mich die Sicherheitsleute auf. Ich hatte mich dem Hohen Rat widersetzt, Gesetze gebrochen, öffentliches Eigentum zerstört, und Ihnen bei der Flucht mit einem Schiff geholfen, das man eigentlich beschlagnahmen wollte. Ganz schön dramatisch, denken Sie nicht auch?«
   »Meine Meinung ist in diesem Fall nicht von Belang.«
   »In der Tat so dramatisch, dass es entweder ein Verbrechen von enormem Ausmaß oder ein Akt von enormem Heldentum sein musste. Josen war sehr betrübt deswegen. Wir waren einen langen Weg zusammen gegangen, er und ich, und er war wirklich kein schlechter Mensch, das sagte ich Ihnen bereits. Aber er war der Erste Ratsherr, und er wusste, was er zu tun hatte. Er hatte mich wegen Hochverrat anzuklagen. Und ich bin auch kein verdammter Narr, Tuf. Auch ich wusste, was ich zu tun hatte.« Sie beugte sich vor. »Ich war auch nicht besonders begeistert von meinen Karten, aber ich musste sie ausspielen oder aufgeben. Um meinen knochigen Arsch zu retten, musste ich Josen vernichten – ihn und die meisten anderen des Hohen Rates. Ich musste mich selbst zur Heldin machen und ihn zum Verbrecher, und zwar mit Worten, die jedem gottverdammten Idioten in der Unterstadt begreiflich waren.«
   »Ich verstehe«, sagte Tuf. Dax schnurrte, die Hafenmeisterin war vollkommen aufrichtig zu ihm. »Deshalb das überzogene Melodrama, das man Tuf und Mune genannt hat.«
   »Ich brauchte Kals für die Prozesskosten«, sagte sie. »Das ist leider wahr, verdammt, aber ich benutzte es auch als Entschuldigung, um meine Version der Ereignisse an eines der großen Videonetze zu verkaufen. Sagen wir, ich habe die Story ein bisschen gewürzt. Die waren so begeistert, dass sie sich entschieden, auf die Nachrichten exklusiv eine dramatisierte Version folgen zu lassen. Ich war überglücklich, das Drehbuch zu liefern. Ich hatte natürlich einen Ko-Autor, aber ich sagte ihm, was er zu schreiben hatte. Josen hatte nie verstanden, was geschah. Er war nie der kluge Politiker, für den er sich immer gehalten hat, und er war nie mit dem Herzen dabei. Außerdem hatte ich auch Hilfe.«
   »Von wem?« fragte Tuf nach.
   »Zumeist von einem jungen Mann namens Cregor Blaxon.«
   »Dieser Name ist mir unbekannt.«
   »Er war im Hohen Rat, als Ratsherr für Landwirtschaft. Ein ziemlich wichtiger Posten, und Blaxon war der Jüngste, der ihn je bekleidet hat. Außerdem der Jüngste im Rat. Denken Sie nicht auch, dass ihn das zufrieden stellen sollte?«
   »Bitte maßen Sie sich nicht an, mir zu sagen, was ich denke, es sei denn, Sie haben während meiner Abwesenheit Psi-Kräfte entwickelt. Ich würde so etwas nicht denken, Madam. Ich habe herausgefunden, dass es fast immer ein Fehler ist zu vermuten, dass irgendein menschliches Wesen jemals zufrieden sein könnte.«
   »Cregor Blaxon ist und war ein sehr ambitionierter Mann«, sagte Tolly Mune. »Er war Mitglied von Josens Regierung. Beide waren sie Technokraten, aber Blaxon war Anwärter auf den Stuhl des Ersten Ratsherrn, und dort war Josen Rael mit seinem Hintern festgewachsen.«
   »Ich verstehe seine Motivation.«
   »Blaxon wurde zu meinem Verbündeten. Er war sehr von dem beeindruckt, was Sie uns zur Verfügung gestellt hatten. Das Omni-Korn, die Fische und das Plankton, der Schleimschimmel, all diese verdammten Pilze. Und er sah, was passierte. Er benutzte jedes bisschen seiner Macht, um die Biotests zu verkürzen und Ihr Zeug auf die Felder zu bringen. Verlieh allem höchste Priorität. Legte sich mit jedem beschissenen Idioten an, der versuchte, das Ganze zu behindern. Josen Rael war zu beschäftigt, um etwas zu merken.«
   »Der intelligente und effiziente Politiker ist eine Spezies, die in der Galaxis praktisch unbekannt ist«, sagte Haviland Tuf. »Vielleicht sollte ich einen Abstrich von Cregor Blaxon für die Zellbibliothek der Arche nehmen.«
   »Nur zu.«
   »Das Ende der Geschichte ist offensichtlich. Ungeachtet einer gewissen Eitelkeit wage ich zu behaupten, dass meine kleinen Anstrengungen auf dem Gebiet der Öko-Entwicklungen zum Erfolg führten und dass Cregor Blaxons energische Verwirklichung meiner Lösungsvorschläge sich auf sein Ansehen auswirkte.«
   »Er nannte es Tufs Blütezeit«, sagte Tolly Mune mit einem zynischen Zug um den Mund. »Die Nachrichten griffen diese Bezeichnung auf. Tufs Blütezeit, ein neues goldenes Zeitalter für S’uthlam. Bald wuchsen essbare Pilze an den Wänden unseres Abwassersystems. In jeder Unterstadt gründeten wir riesige Pilzfarmen. Teppiche aus Neptunsschal krochen über die Oberfläche unserer Meere, und darunter vermehrten sich Ihre Fische in erstaunlichem Tempo. Wir pflanzten Ihr Omni-Korn anstelle unseres Neograses und Nanoweizens, und die erste Ernte verhalf uns zu beinahe der dreifachen Menge an Kalorien. Sie haben einen Novaklasse-Job für uns erledigt, Tuf.«
   »Das Kompliment wird mit gebührender Dankbarkeit zur Kenntnis genommen«, sagte Tuf.
   »Zum Glück für mich war die Blütezeit bereits voll im Gange, als Tuf und Mune ins Netz kamen, lange bevor ich vor Gericht ging. Creg pries täglich in den Nachrichten Ihre Brillanz und erzählte Milliarden von Menschen, dass unsere Nahrungsmittelkrise vorbei war, erledigt, zu Ende.« Die Hafenmeisterin zuckte mit den Achseln. »So machte er Sie aus seinen eigenen Gründen zum Held. Es konnte ihm nur nützlich sein, wenn er Josen ersetzen wollte. Und es half, aus mir eine Heldin zu machen. Es führt alles zusammen zu einem großen festen beschissenen Knoten – dem besten verdammten Ding, das Sie je zu Gesicht bekommen werden. Ich erspare Ihnen die Einzelheiten. Am Ende wurde Tolly Mune freigesprochen und triumphierend wieder auf ihrem Posten eingesetzt. Josen Rael fiel in Ungnade, wurde von allen Gutachtern öffentlich bloßgestellt und zum Rücktritt gezwungen. Der halbe Hohe Rat folgte ihm. Cregor Blaxon wurde der neue Führer der Technokraten und gewann die folgenden Wahlen. Creg ist jetzt Erster Ratsherr. Josen, die arme Seele, starb vor zwei Jahren. Und Sie und ich sind zur Legende geworden, Tuf, das berühmteste Liebespaar seit, oh, verdammt, seit all diesen berühmten romantischen Paaren aus uralten Zeiten – Sie wissen schon, Romeo und Julia, Samson und Delilah, Sodom und Gomorrha, Marx und Lenin.«
   Auf Tufs Schulter ließ Dax ein tiefes, ängstliches Grollen hören. Winzige Krallen gruben sich durch Tufs Anzug in sein Fleisch. Haviland Tuf blinzelte, griff dann nach oben und streichelte das Kätzchen beruhigend. »Hafenmeisterin Mune, Ihr Lächeln ist breit, und Ihre Neuigkeiten scheinen nichts weiter zu beinhalten als das abgedroschene, aber nichtsdestotrotz ewig populäre Happy End, aber Dax hat alarmiert gegrollt, als ob Sie unter dieser gelassenen Oberfläche ziemlich verärgert wären. Vielleicht verschweigen Sie einen furchtbaren Teil der Geschichte.«
   »Nur die Fußnote, Tuf«, sagte die Hafenmeisterin.
   »Tatsächlich. Was könnte das sein?«
   »Siebenundzwanzig Jahre, Tuf. Klingelt’s da bei Ihnen?«
   »In der Tat. Bevor ich mein Programm der ökologischen Entwicklungen in Angriff nahm, besagten Ihre Prognosen, dass S’uthlam siebenundzwanzig Standardjahre von einer Hungersnot entfernt ist, wenn man das alarmierende Bevölkerungswachstum und die abnehmenden Nahrungsmittelressourcen berücksichtigt.«
   »Das war vor fünf Jahren«, sagte Tolly Mune.
   »In der Tat.«
   »Siebenundzwanzig minus fünf.«
   »Zweiundzwanzig«, sagte Tuf. »Eine einfache arithmetische Aufgabe.«
   »Zweiundzwanzig Jahre, die noch bleiben«, sagte Hafenmeisterin Tolly Mune. »Ja, aber das war vor der Arche, bevor der geniale Ökologe Tuf und die verwegene Spinneret Mune alles in Ordnung gebracht haben, vor dem Brot-und-Fische-Wunder, bevor der couragierte junge Cregor Blaxon Tufs Blütezeit eingeführt hat.«
   Haviland Tuf drehte den Kopf, um die Katze auf seiner Schulter anzusehen. »Ich stelle einen gewissen Sarkasmus in ihrer Stimme fest«, sagte er zu Dax.
   Tolly Mune seufzte, griff in ihre Tasche und holte ein Etui mit kristallinen Datenchips hervor. »Hier hast du, Liebling«, sagte sie und warf sie durch die Luft.
   Tuf fing das sich drehende Etui mit seiner großen, weißen Hand auf und schwieg.
   »Alles, was Sie brauchen, ist da drin. Direkt aus den Datenbanken des Rates. Die vertraulichen Daten natürlich. Die ganzen Berichte, die ganzen Prognosen, all die Analysen, und es ist streng geheim. Verstehen Sie? Deshalb war ich so verdammt geheimnisvoll, und deswegen fliegen wir zurück zur Arche. Creg und der Hohe Rat machen aus unserer Romanze ein Ablenkungsmanöver. Lass die Milliarden Nachrichtenzuschauer nur denken, dass wir uns die Seele aus dem Leib ficken. So lange ihre Köpfe voll sind mit Visionen vom Piraten und der Hafenmeisterin, die neue sexuelle Grenzen überschreiten, machen sie sich keine Gedanken darüber, was wir wirklich tun, und alles kann im Geheimen vonstatten gehen. Wir brauchen Brot und Fische, Tuf, aber dieses Mal auf einem abgedeckten Teller, verstehen Sie? Dies sind meine Instruktionen.«
   »Wie lauten die jüngsten Prognosen?«, fragte Haviland Tuf mit gleichmäßiger und ausdruckloser Stimme.
   Dax stand auf und fauchte alarmiert und ängstlich.
   Tolly Mune nippte an ihrem Bier und ließ sich tief in ihren Sessel zurückfallen. Sie schloss die Augen. »Achtzehn Jahre.« Sie sah aus wie die hundertjährige Frau, die sie war, nicht mehr wie sechzig, und ihre Stimme war unendlich traurig. »Achtzehn Jahre«, wiederholte sie, »und es werden immer weniger.«

Teil 3 von »Die zweite Speisung« -->

Deutsche Erstveröffentlichung
Originaltitel: »Second Helpings«
© 2003 by George R. R. Martin. Alle Rechte vorbehalten.
Mit freundlicher Genehmigung seines Agenten Werner Fuchs
Übersetzung © 2003 Berit Neumann
Erstveröffentlichung in ANALOG, November 1985
Die Übersetzung folgt der Buchausgabe in Tuf Voyaging (London: Victor Gollancz, 1988)
Mit herzlichem Dank an George R. R. Martin & Werner Fuchs
Grafik © 2002 Manfred Lafrentz

Alle Rechte vorbehalten. Dieser Text ist, wie alle Texte in epilog.de, durch das Urheberrecht geschützt. Die unautorisierte Reproduktion, auch in Online- und Offlinemedien, ist verboten und wird straf- und zivilrechtlich verfolgt.
Siehe auch
Legenden - Interview mit George R. R. Martin
»Brot und Fische« • Story von George R. R. Martin
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