ALIEN CONTACT
ALIEN CONTACT 57 Inhalt Archiv

George R. R. Martin

Die Zweite Speisung

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<-- Teil 3 -->

Tolly Mune war alles andere als naiv. Da sie ihr ganzes Leben auf S’uthlam verbracht hatte, mit den riesigen Städten von kontinentaler Ausdehnung, den wimmelnden Milliarden, den Türmen, die zehn Ka-Emm hoch in den Himmel ragten, den langen Straßen weit unter der Oberfläche und dem großen Orbitalelevator, war sie keine Frau, die man mit purer Größe beeindrucken konnte. Aber diese Arche hatte was, dachte sie sich.
   Sie fühlte es vom Moment ihrer Ankunft an, als die große Kuppel des Landedecks sich unter ihnen öffnete und Tuf die Wilder Brüller der Savanne in die Dunkelheit hinabsenkte und zwischen den Fähren und alten Raumschiffen auf einem kreisförmigen Landeplatz parkte, der als Willkommensgruß blassblau leuchtete. Die Kuppel schloss sich über ihnen, und Atmosphäre wurde hineingepumpt; einen so großen Raum so schnell zu füllen hieß, sie mit Sturmstärke einschießen zu lassen, sodass alles um sie herum heulte und stöhnte. Schließlich öffnete Tuf die Schleusen und führte sie eine verzierte Treppe hinunter, die wie eine vergoldete Zunge aus dem Maul des Löwenschiffes herausglitt. Unten wartete ein kleiner dreirädriger Wagen. Tuf fuhr am Durcheinander aus toten und verlassenen Schiffen vorbei, von denen einige so fremdartig waren, wie sie Tolly Mune noch nie gesehen hatte. Er fuhr schweigend, schaute weder nach rechts noch nach links, und Dax lag wie ein schlaffer, knochenloser schnurrender Fellball auf seinen Knien ausgestreckt.
   Tuf gab ihr ein vollständiges Deck ganz für sich allein. Hunderte von Schlafkojen, Computerstationen, Labors, Zugangswegen, Sanitärstationen, Erholungshallen, Küchen, und keine Bewohner außer ihr. Auf S’uthlam hätte eine Stadt von dieser Größe eintausend Menschen beherbergt, in Wohnungen, die kleiner waren als die Vorratsschränke der Arche. Tuf schaltete das Schwerkraftgitter auf dieser Ebene aus, da er wusste, dass sie Null-G bevorzugte.
   »Wenn Sie mich benötigen, finden Sie meine eigenen Quartiere auf dem Oberdeck, in voller Schwerkraft«, sagte er ihr. »Ich beabsichtige, alle meine Energie auf die Probleme von S’uthlam zu richten. Ich werde Ihren Rat oder Ihre Hilfe nicht benötigen. Es liegt nicht in meiner Absicht, Sie zu beleidigen, Hafenmeisterin, aber ich habe die bittere Erfahrung gemacht, dass derartige Beziehungen mehr Ärger verursachen, als sie es wert sind, und nur dazu dienen, mich abzulenken. Wenn es eine Antwort auf Ihre äußerst beunruhigende und verzwickte Lage gibt, werde ich sie am schnellsten finden, wenn man mich allein und ungestört lässt. Ich werde eine langsame Fahrt nach S’uthlam und dem Netz programmieren; ich habe die Hoffnung, dass ich in der Lage sein werde, Ihre Probleme zu lösen, wenn wir dort ankommen.«
   »Wenn Sie das nicht können«, erinnerte sie ihn scharf, »bekommen wir das Schiff. So waren die Bedingungen.«
   »Dessen bin ich mir bewusst«, sagte Haviland Tuf. »Für den Fall, dass Ihnen langweilig wird, bietet die Arche ein umfangreiches Spektrum an Zerstreuung, Unterhaltung und Beschäftigung. Fühlen Sie sich außerdem so frei, sich an den Nahrungsautomaten zu bedienen. Diese entsprechen zwar nicht den Mahlzeiten, die ich mir selbst zubereite, aber wenn man es mit der typischen s’uthlamesischen Verpflegung vergleicht, wird es sich ohne Zweifel als annehmbar erweisen. Egal, wie viele Mahlzeiten Sie am Tag zu sich nehmen, ich wäre erfreut, wenn sie mir beim Abendessen um achtzehnhundert Schiffszeit Gesellschaft leisten würden. Bitte seien Sie pünktlich.« Und mit diesen Worten verließ er sie.
   Das Computersystem, das das große Schiff betrieb, befolgte Hell- und Dunkelzyklen, um den Wechsel von Tag und Nacht zu simulieren. Tolly Mune verbrachte ihre Nächte vor einem Holomonitor und sah sich Dramen an, die mehrere Jahrtausende alt waren und von Welten stammten, die schon fast Legenden waren. An den Tagen unternahm sie Erkundungstouren – zuerst auf dem Deck, das Tuf ihr überlassen hatte, und dann im Rest des Schiffes. Je mehr sie sah und lernte, desto ehrfürchtiger und unwohler wurde Tolly Mune.
   Tagelang saß sie im alten Sitz des Captains auf dem Dach des Turmes, den Tuf als unbequem abgetan hatte, und schaute sich zufällig ausgewählte Stücke des uralten Logbuches an, die auf dem großen Bildschirm abrollten. Sie spazierte durch ein Labyrinth aus Decks und Korridoren, fand drei Skelette in weit auseinander liegenden Bereichen der Arche (von denen nur zwei menschlich waren), wunderte sich über einen Abschnitt eines Korridors, in dem dicke Schotten aus Hartlegierung wie durch große Hitze Blasen geworfen hatten und aufgeplatzt waren.
   Sie verbrachte Stunden in der Bibliothek, die sie entdeckt hatte, berührte die alten Bücher und nahm sie in die Hand. Einige waren auf dünnen Blättern aus Metall oder Plastik gedruckt, andere auf richtigem Papier.
   Sie kehrte zum Landedeck zurück und kletterte auf den uralten Raumschiffe herum, die Tuf dort aufbewahrte. Sie stand in der Waffenkammer und starrte auf eine beängstigende Anzahl von Waffen, einige davon veraltet, einige völlig unbekannt, einige verboten.
   Sie spazierte die dämmrige Weite des Zentralschaftes entlang, der den Kern des Schiffes bildete, lief die ganzen dreißig Kai-Emm zu Fuß, hörte das Echo ihrer Schritte, und am Ende ihrer täglichen Touren ging ihr Atem schwer. Um sie herum gab es Bottiche zum Klonen, Wachstumstanks, Einrichtungen für Mikrochirurgie und Computerstationen in unglaublicher Vielzahl. Neunzig Prozent der Bottiche waren leer, aber hier und dort fand die Hafenmeisterin Leben. Sie linste durch verstaubtes Glas und dicke, leuchtende Flüssigkeiten auf undeutliche, lebende Gestalten, so klein wie ihre Hand und so groß wie ein Röhrenzug. Sie fühlte sich unbehaglich dabei.
   In der Tat erschien Tolly Mune das gesamte Schiff kalt und beängstigend.
   Die einzige wirkliche Wärme fand sie in jenem winzigen Bereich auf dem Oberdeck, in dem Haviland Tuf seine Tage und Nächte verbrachte. Der lange, schmale Kommunikationsraum, den er zu seiner Zentrale umgebaut hatte, war gemütlich und bequem. Sein Quartier war angefüllt mit zerschlissenen Polstermöbeln und einer erstaunlichen Auswahl an Kitsch, den er auf seinen Reisen gesammelt hatte. Der Geruch von Essen und Bier schwängerte die Luft, die Schritte hallten hier nicht so, und hier waren Licht und Geräusche und Leben. Und Katzen.
   Tufs Katzen konnten sich fast überall im Schiff frei bewegen, aber die meisten von ihnen schienen lieber in seiner Nähe bleiben zu wollen. Er besaß jetzt insgesamt sieben. Gomorrha, ein langhaariger, grauer Kater mit durchdringenden Augen und einem gleichgültigen, dominierenden Charakter, war der Herr über sie alle. Meistens saß er auf Tufs Masterkonsole in der Kontrollraum, wo sein buschiger Schweif wie ein Metronom hin und her schlug. Sodom hatte mit den Jahren an Energie verloren und an Gewicht zugelegt. Sie schien sich anfangs nicht an die Hafenmeisterin zu erinnern, aber nach ein paar Tagen kehrte die alte Vertrautheit zurück, und Sodom machte da weiter, wo sie damals aufgehört hatte. Manchmal begleitete sie Tolly sogar auf ihren Spaziergängen.
   Dann gab es noch Undankbarkeit, Zweifel, Feindseligkeit und Verdacht. »Die Kätzchen«, nannte Tuf sie, obwohl sie eigentlich schon junge Katzen waren. »Die Nachkommen von Gomorrha und Sodom, Madam. Ursprünglich waren es fünf. Ich habe Torheit auf Namor zurückgelassen.«
   »Es ist immer gut, die Torheit zurückzulassen«, sagte sie. »Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass Sie sich von einer Katze trennen.«
   »Torheit entwickelte eine unerklärliche Anhänglichkeit an eine aufbrausende und unberechenbare junge Frau namorianischer Herkunft«, sagte er. »Da ich nun so viele Katzen habe und sie gar keine, schien es mir unter diesen Umständen eine angemessene Geste zu sein. Obwohl die Katze eine herrliche und bewundernswerte Kreatur ist, bleibt sie in dieser traurigen modernen Galaxis relativ selten. Daher veranlassen mich meine angeborene Großzügigkeit und ein gewisses Pflichtbewusstsein gegenüber meinen Mitmenschen, Planeten wie Namor Katzen anzubieten. Eine Kultur mit Katzen ist reicher und humaner als eine, die auf ihre einzigartige Gesellschaft verzichten muss.«
   »Das stimmt«, sagte Tolly Mune lächelnd. Feindseligkeit war in ihrer Nähe. Sie nahm ihn vorsichtig hoch und streichelte ihn. Sein Fell war sehr weich. »Seltsame Namen haben Sie ihnen gegeben.«
   »Vielleicht passen sie mehr zur menschlichen Natur als zu der der Katzen«, gab Tuf zu.« Ich habe sie ihnen aus einer Laune heraus verliehen.«
   Undankbarkeit, Zweifel und Verdacht waren grau wie ihr Vater; Feindseligkeit war schwarz-weiß wie Sodom. Zweifel war fett und tobte gern, Feindseligkeit war aggressiv und lärmend, Verdacht war scheu und versteckte sich gern unter Tufs Sitz. Sie spielten miteinander, ein ausgelassenes Katzenvolk, und schienen Tolly Mune unendlich faszinierend zu finden, kletterten überall auf ihr herum, wann immer sie Tuf einen Besuch abstattete. Manchmal tauchten sie an den unmöglichsten Orten auf. Einmal landete Feindseligkeit auf ihrem Rücken, als sie eine Rolltreppe hinauffuhr; vor Überraschung blieb ihr die Luft weg. Sie gewöhnte sich daran, Zweifel während der Mahlzeiten auf ihrem Schoß zu haben, wo er um Essensstückchen bettelte.
   Und dann gab es da noch eine siebte Katze: Dax.
   Dax mit dem nachtfarbenen Fell und Augen wie kleine goldene Lampen. Dax, der lethargischste Schädling, den sie je gesehen hatte, der es vorzog, getragen zu werden, anstatt zu laufen. Dax, der aus Tufs Tasche oder unter seiner Kappe hervorlugte, der auf seinem Schoß oder seiner Schulter saß. Dax, der nie mit den älteren Katzenkindern spielte, der selten ein Geräusch von sich gab, dessen goldener Blick irgendwie sogar den riesigen, herrschaftlichen Gomorrha von einem Sitzplatz vertreiben konnte, den beide begehrten. Die schwarze Katze war ständig bei Tuf. »Ihr Vertrauter«, sagte Tolly Mune einmal während des Essens zu ihm, nachdem sie beinahe zwanzig Tage an Bord gewesen war. Sie deutete mit dem Messer auf ihn. »Das macht Sie zu einem … wie heißt das noch?«
   »Es gab mehrere Bezeichnungen«, sagte Tuf. »Hexer, Zauberer, Magier. Die Nomenklatur bezieht sich auf Erdmythen, glaube ich.«
   »Das passt«, sagte Tolly Mune. »Manchmal spüre ich, dass es in diesem Schiff spukt.«
   »Das ist wohl der Grund, warum es weiser ist, auf seinen Intellekt zu vertrauen als auf sein Gespür, Hafenmeisterin. Lassen Sie mich Ihnen versichern, wenn Geister oder andere übernatürliche Wesen wirklich existierten, dann wären sie in den Zellarchiven der Arche vertreten, damit man sie klonen könnte. Ich habe nie eine derartige Probe entdeckt. Mein Archiv umfasst Spezies, die manchmal auch als Drakulas, Windgeister, Lykanthropen, Vampire, Hexenkraut und anders bezeichnet werden, aber es handelt sich nicht um die ursprünglichen mythischen Wesen, fürchte ich.«
   Tolly Mune lächelte. »Gut so.«
   »Vielleicht noch etwas Wein? Es ist ein exzellenter rhiannesischer Jahrgang.«
   »Das ist eine gute Idee«, sagte sie und goss sich noch etwas ins Glas. Sie hätte schon lieber eine Saugblase gehabt, offene Flüssigkeiten waren hinterhältig und warteten nur darauf, verschüttet zu werden. »Meine Kehle ist sowieso schon trocken. Sie brauchen keine Monster, Tuf. Dieses Schiff kann Welten zerstören, so wie es ist.«
   »Das ist offensichtlich«, sagte Tuf. »Ebenso offensichtlich kann es Welten retten.«
   »Wie unsere? Haben Sie ein zweites Wunder im Ärmel, Tuf?«
   »Ach, Wunder sind genauso mysteriös wie Geister und Kobolde, und in meinen Ärmeln ist nichts außer meinen Armen. Trotzdem ist der menschliche Intellekt immer noch zu gewissen weniger mysteriösen Durchbrüchen fähig.« Langsam erhob er sich zu seiner vollen Größe. »Wenn Sie mit Ihrem Puffzwiebelauflauf und dem Wein fertig sind, begleiten Sie mich bitte in den Computerraum. Ich habe mich intensiv mit Ihrem Problem beschäftigt und bin zu ein paar Schlussfolgerungen gelangt.«
   Tolly Mune erhob sich schnell. »Gehen Sie voran«, sagte sie.

»Passen Sie auf«, sagte Haviland Tuf. Er drückte eine Taste, und eine Projektion leuchtete auf dem Bildschirm auf.
   »Was ist das?«, fragte Tolly Mune.
   »Das ist die Prognose, die ich vor fünf Jahren aufgestellt habe«, sagte er. Dax sprang auf seinen Schoß, Tuf griff nach ihm und streichelte das Kätzchen. »Die Parameter, die ich verwendet habe, waren die damaligen s’uthlamesischen Bevölkerungskurven und das voraussichtliche Bevölkerungswachstum zu dieser Zeit. Meine Analyse indiziert, dass die zusätzlichen Nahrungsmittelreserven, die Ihrer Gesellschaft durch das zur Verfügung gestellt wurde, was Cregor Blaxon freundlicherweise als Tufs Blütezeit bezeichnete, Ihnen mindestens vierundneunzig Standardjahre verschafft hätten, bevor S’uthlam erneut durch das Gespenst einer Hungersnot bedroht wäre.«
   »Nun, diese gottverdammte Prognose war keinen Topf voll Ungeziefer wert«, sagte Tolly Mune frei heraus.
   Tuf hob einen Finger. »Ein unbeherrschterer Mann als ich könnte Anstoß an der Unterstellung nehmen, dass diese Analyse fehlerhaft sei. Glücklicherweise bin ich von ruhigem und tolerantem Gemüt. Trotzdem haben Sie Unrecht, Hafenmeisterin Mune. Meine Berechnungen waren so genau, wie sie es nur sein konnten.«
   »Also sagen Sie, dass wir in achtzehn Jahren keine Hungersnot und keinen Zusammenbruch erleiden werden? Dass wir – wie war das noch? – fast ein Jahrhundert Zeit haben?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich würde das ja gerne glauben, aber ...«
   »Ich habe nichts dergleichen gesagt, Hafenmeisterin. Innerhalb ihrer beschriebenen Fehlertoleranzen scheint die letzte s’uthlamesische Prognose ebenfalls äußerst genau zu sein, soweit ich das beurteilen kann.«
   »Beide Berechnungen können nicht korrekt sein«, sagte sie. »Das ist unmöglich, Tuf.«
   »Sie haben Unrecht, Madam. Während der vergangenen fünf Jahre haben sich die Parameter verändert. Passen Sie auf.« Er drückte eine andere Taste. Eine neue, scharf ansteigende Linie zog sich über den Bildschirm. »Dies repräsentiert die gegenwärtige Kurve des Bevölkerungswachstums von S’uthlam. Sehen Sie, wie sie ansteigt, Hafenmeisterin. Eine erstaunliche Wachstumsrate. Wäre ich poetisch veranlagt, würde ich sogar sagen, sie erhebt sich in die Lüfte. Glücklicherweise bin ich von dergleichen nicht geplagt. Ich bin ein einfacher Mann, der gerade heraus redet.« Er hob einen Finger. »Bevor wir darauf hoffen können, Ihre Situation zu verbessern, ist es notwendig, diese Situation zu verstehen und wie es dazu kam. Das ist völlig klar. Vor fünf Jahren benutzte ich die Ressourcen der Arche und, wenn ich so frei sein darf, meine gewohnte Bescheidenheit beiseite zu lassen, ich bot sie Ihnen zu extraordinär effizienten Diensten an. Die S’uthlamesen verschwendeten jedoch keine Zeit, die Anstrengungen wieder zunichte zu machen, die ich unternommen hatte. Lassen Sie es mich kurz und knapp sagen, Hafenmeisterin. Kaum hatte die Blüte Wurzeln geschlagen, um es mal so auszudrücken, da verkrochen sich Ihre Leute wieder in ihre Kämmerlein, ließen ihren fleischlichen Lüsten und elterlichen Bedürfnissen freien Lauf und reproduzierten sich schneller als je zuvor. Die durchschnittliche Familie ist jetzt um 0,0072 Personen größer als vor fünf Jahren, und Ihr durchschnittlicher Bürger wird 0,0102 Jahre früher Vater oder Mutter. Winzige Veränderungen, mögen Sie protestieren, aber wenn man sie mit der enormen Basispopulation Ihres Planeten multipliziert und alle anderen relevanten Parameter daran anpasst, ergibt sich ein dramatischer Unterschied. Der Unterschied, um genau zu sein, zwischen vierundneunzig und achtzehn Jahren.«
   Tolly Mune starrte auf die Linien auf dem Bildschirm. »Verflucht!«, murmelte sie. »Ich hätte daran denken sollen, gottverdammt. Derartige Informationen sind geheim, und zwar aus gutem Grund, aber ich hätte es wissen müssen.« Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. »Gott verdamme es in die Hölle«, sagte sie. »Creg machte solch einen Nachrichtenrummel aus dieser verdammten Blütezeit, kein Wunder, dass das passierte. Warum sollte sich irgendjemand mit der Fortpflanzung zurückhalten – das Nahrungsmittelproblem wurde schließlich gelöst, nicht wahr? Der gottverdammte Erste Ratsherr hat es doch gesagt. Gute Zeiten sind gekommen, nicht wahr? All diese verdammten Zeros haben sich einmal mehr als beschissene Lebensgegner erwiesen, die Technokraten haben ein weiteres Wunder bewirkt. Wie könnte jemand daran zweifeln, dass sie es noch einmal tun werden und noch einmal und noch einmal. Oh ja. Also sei ein gutes Kirchenmitglied, krieg mehr Kinder, hilf der Menschheit, sich zur Göttlichkeit zu entwickeln und bekämpfe die Entropie. He, warum nicht?« Sie schnaufe angewidert. »Tuf, warum sind die Menschen solche beschissenen Idioten?«
   »Dieses Problem ist sogar noch komplizierter als das Dilemma auf S’uthlam«, sagte Tuf, »und ich fürchte, ich bin nicht in der Lage, darauf zu antworten. Und da Sie sich schon mit der Frage der Schuld befassen, sollten Sie sich selbst auch einen Teil zuweisen, Hafenmeisterin. Was immer der Erste Ratsherr Cregor Blaxon für einen irreführenden Eindruck vermittelt hat, es wurde jedenfalls in den Gehirnen der Bevölkerung von der unglückseligen Schlussrede meines Darstellers in Tuf und Mune unterstrichen.«
   »Schon gut, verdammt. Ich bin schuldig. Ich habe mitgeholfen, es anzuheizen. Aber das ist jetzt Vergangenheit. Die Frage ist, was können wir dagegen tun?«
   »Sie können nur wenig tun, fürchte ich«, sagte Haviland Tuf mit ausdruckslosem Gesicht.
   »Und Sie? Sie haben schon einmal das Brot-und-Fische-Wunder bewirkt. Könnten wir einen Nachschlag haben, Tuf?«
   Haviland Tuf blinzelte. »Ich habe jetzt mehr Erfahrung als ökologischer Ingenieur als beim ersten Versuch, das Problem von S’uthlam zu lösen. Ich bin vertrauter mit dem gesamten Umfang der Spezies, die in der Zellbibliothek der Arche enthalten sind, und mit deren Effekt auf jedes individuelle Ökosystem. Ich habe meinen Bestand in gewissem Maße während meiner Reisen hierhin und dorthin sogar vergrößert. In der Tat kann ich behilflich sein.« Er löschte den Bildschirm und faltete die Hände über dem Bauch. »Es wird allerdings etwas kosten.«
   »Etwas kosten? Wir haben Sie schon bezahlt, falls Sie sich erinnern. Meine Spinnerets haben Ihr gottverdammtes Schiff wiederhergestellt.«
   »Das haben sie in der Tat, genau wie ich Ihr Ökosystem wiederhergestellt habe. Diesmal benötige ich keine weiteren Reparaturen oder Umbauten der Arche. Sie jedoch scheinen Ihr Ökosystem wieder einmal beschädigt zu haben, so dass Sie meine Dienste ein weiteres Mal benötigen. Es erscheint mir nur gerecht, dass ich für meine Anstrengungen entschädigt werde. Ich habe hohe Nebenkosten, deren Hauptbestandteil meine immer noch bestehenden Schuld beim Hafen von S’uthlam ist. Mittels anstrengender und unermüdlicher Arbeit auf zahllosen weit entfernten Planeten habe ich die erste Hälfte der dreiunddreißig Millionen Standards aufgebracht, die Sie mir auferlegt hatten, aber die gleiche Menge bleibt noch zu bezahlen, und ich habe nur fünf weitere Jahre, sie zu verdienen. Ich weiß nicht, ob ich das schaffen werde. Vielleicht hat das nächste Dutzend Planeten, bei denen ich anhalten werde, Ökosysteme ohne Probleme, oder sie sind so verarmt, dass ich gezwungen sein werde, ihnen diverse Preisnachlässe zu gewähren, wenn ich überhaupt für sie arbeiten werde. Tag und Nacht bestimmt die Höhe meiner Schuld meine Gedanken und beeinflusst oft die Klarheit und Präzision meines Intellekts, sodass ich in meinem Beruf uneffektiv werde. In der Tat könnte ich mir vorstellen, dass meine Leistungen in Bezug auf die Lösung einer Herausforderung von so riesigem Ausmaß wie der, die mir von S’uthlam gestellt wird, wesentlich besser sein werden, wenn meine Gedanken klar und ungestört sind.«
   Tolly Mune hatte etwas in dieser Art erwartet. Sie hatte Creg davon erzählt, und er hatte ihr gewisse finanzielle Befugnisse erteilt. Trotzdem brachte sie ein Stirnrunzeln zustande. »Wie viel wollen Sie, Tuf?«
   »Mir schwebt die Summe von zehn Millionen Standards vor«, sagte er. »Das ist eine runde Summe, und es dürfte eine einfache arithmetische Übung sein, sie von meiner Schuld abzuziehen.«
   »Das ist viel zu viel«, sagte sie. »Vielleicht könnte ich den Hohen Rat dazu bringen, einer Reduzierung von, sagen wir, zwei Millionen zuzustimmen. Mehr nicht.«
   »Treffen wir uns doch bei neun Millionen«, sagte Tuf. Ein langer Finger kraulte Dax hinter einem kleinen schwarzen Ohr; die Katze richtete leise ihre goldenen Augen auf Tolly Mune.
   »Neun ist kein großer Kompromiss zwischen zehn und zwei«, sagte sie trocken.
   »Ich bin ein besserer Ökologe als Mathematiker«, sagte Tuf. »Wie wär’s mit acht?«
   »Vier. Mehr nicht. Creg wird mir die Ohren abreißen.«
   Tuf fixierte sie, ohne zu blinzeln, und sagte nichts. Sein Gesicht war kalt und ruhig und unbeweglich.
   »Viereinhalb Millionen«, sagte sie unter dem Druck seines Blickes. Sie spürte, dass auch Dax sie anstarrte, und fragte sich plötzlich, ob diese verdammte Katze ihre Gedanken las. Sie zeigte auf das Tier. »Verflucht«, sagte sie. »Dieser kleine schwarze Bastard weiß ganz genau, wie weit ich gehen kann, nicht wahr?«
   »Eine interessante Feststellung«, sagte Tuf. »Sieben Millionen erscheinen mir akzeptabel. Ich bin in großzügiger Stimmung.«
   »Fünfeinhalb«, blaffte sie. Warum nur?
   Dax begann, laut zu schnurren.
   »Bleibt eine Nettozahlung von elf Millionen Standards, zahlbar in fünf Jahren«, sagte Tuf. »Einverstanden, Hafenmeisterin Mune, mit einer zusätzlichen Bedingung.«
   »Und die wäre?«, sagte sie misstrauisch.
   »Ich werde meine Lösung dem Ersten Ratsherren Cregor Blaxon und Ihnen in einer öffentlichen Konferenz vorstellen, an der Journalisten von all Ihren Videonetzen teilnehmen werden und die live auf ganz S’uthlam ausgestrahlt wird.«
   Tolly Mune lachte laut auf. »Unmöglich«, sagte sie. »Creg wird dem nie zustimmen. Das können Sie vergessen.«
   Haviland Tuf saß da, streichelte Dax und schwieg.
   »Tuf, Sie verstehen die Probleme nicht. Die Situation ist verdammt unberechenbar. Das müssen Sie doch einsehen.«
   Das Schweigen hielt an.
   »Zur Hölle«, fluchte sie. »Wir machen es so: Sie schreiben auf, was Sie sagen wollen, und wir gehen es durch. Wenn Sie alles vermeiden, was Probleme verursachen könnte, werden wir es Ihnen vielleicht gestatten.«
   »Ich ziehe es vor, meine Anmerkungen spontan zu machen.« sagte Tuf.
   »Vielleicht können wir die Konferenz aufzeichnen und ausstrahlen, nachdem sie redigiert wurde«, sagte sie.
   Haviland Tuf schwieg weiter. Dax starrte sie an, ohne zu blinzeln.
   Tolly Mune schaute tief in diese wissenden goldenen Augen und seufzte. »Sie haben gewonnen«, sagte sie. »Cregor wird wütend sein, aber ich bin eine beschissene Heldin, und Sie sind ein zurückgekehrter Eroberer, also vermute ich, dass ich ihn etwas besänftigen kann. Aber warum, Tuf?«
   »Nur so eine Laune«, sagte Haviland Tuf. »Ich werde oft von derartigen Schrullen angetrieben. Vielleicht möchte ich einen Moment im Licht der Öffentlichkeit stehen und meine Rolle als Retter genießen. Vielleicht möchte ich den Milliarden S’uthlamesen zeigen, dass ich keinen Schnurrbart trage.«
   »Eher glaube ich an Kobolde und Gespenster, bevor ich darauf auch nur einen Standard gebe«, sagte Tolly Mune. »Tuf, es gibt gute Gründe, warum die Größe unserer Population und der Umfang der Nahrungsmittelkrise geheim gehalten werden, wissen Sie. Politische Gründe. Sie denken doch nicht etwa daran, diese spezielle Büchse der Pandora zu öffnen, oder?«
   »Ein interessanter Gedanke«, sagte Tuf blinzelnd, jedoch mit einem Gesicht, das nichts verriet.
   Dax schnurrte.

Teil 4 von »Die zweite Speisung« -->

 
 

Deutsche Erstveröffentlichung
Originaltitel: »Second Helpings«
© 2003 by George R. R. Martin. Alle Rechte vorbehalten.
Mit freundlicher Genehmigung seines Agenten Werner Fuchs
Übersetzung © 2003 Berit Neumann
Erstveröffentlichung in ANALOG, November 1985
Die Übersetzung folgt der Buchausgabe in Tuf Voyaging (London: Victor Gollancz, 1988)
Mit herzlichem Dank an George R. R. Martin & Werner Fuchs
Grafik © 2002 Manfred Lafrentz

Alle Rechte vorbehalten. Dieser Text ist, wie alle Texte in epilog.de, durch das Urheberrecht geschützt. Die unautorisierte Reproduktion, auch in Online- und Offlinemedien, ist verboten und wird straf- und zivilrechtlich verfolgt.
Siehe auch
Legenden - Interview mit George R. R. Martin
»Brot und Fische« • Story von George R. R. Martin
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