Ich wachte auf
und glaubte mich in einem Traum. Also schloss ich die Augen, um zu sehen wie die Sache
weiterging. Es dauerte nicht lange, bis ich davon überzeugt war, wirklich wach zu sein.
Ich lag in meinem Bett und blickte in meine Vergangenheit, die auf einmal Gegenwart zu
sein schien. Dann begriff ich endgültig. Da war sie, die zweite Chance. Unglaublich, aber
es war so. Ich lag in meinem Zimmer, im Hause meiner Eltern. Ein Zimmer in einem Haus,
dass meine Eltern schon lange nicht mehr bewohnten, angefüllt mit Möbelstücken, die es
längst nicht mehr gab. Ich strich mir durchs Gesicht und vermisste das rauhe Kratzen der
Bartstoppeln, dafür waren meine Haare dicht und lang. Ich riss die Bettdecke zurück. Es
war der Körper eines Jungen. Kaum Brustbehaarung und schon gar nicht grau. Die Frage war:
wann war ich genau. Ich schaute auf den großen Wecker auf der Bettkonsole, dessen lautes
Ticken mir erst jetzt bewusst wurde. Es war halb elf. Ich blieb noch einen Moment liegen
und blickte mich im Zimmer um. Die Sonne fiel durch die beiden kleinen über meinem Bett
befindlichen Fenster, an der Wand gegenüber hing das Poster aus dem Weißen Album
der Beatles und auf dem Boden lagen die Kleidungsstücke verstreut, die ich gestern wohl
getragen hatte. Bedächtig stand ich auf und ging an meinen Schreibtisch. Das oberste
Blatt des Abreißkalenders zeigte den 22. September 1968, ein Samstag. Also mußte heute
Sonntag sein. Sehr wahrscheinlich, denn offensichtlich kein Schultag. Ich ging zur
Toilette und traf meine Mutter.
"Ist was nicht in Ordnung? War wieder ein bisschen spät gestern
abend."
Ich starrte sie einfach an. Sie war eine gutaussehende Frau. Zumindest
für ihr Alter. Ich rechnete nach. Sie mußte Anfang vierzig sein. Durchaus attraktiv für
einen Mann Mitte fünfzig. Der einzige Fehler war, dass er im Körper eines
Siebzehnjährigen steckte und ihr Sohn war.
"Nein, nein alles in Ordnung", stammelte ich und der Klang
meiner eigenen Stimme erschreckte mich. Dann verschwand ich in die Toilette. Ich stützte
mich auf das Waschbecken und brachte es nach einiger Zeit fertig, einen Blick in den
Spiegel zu werfen. Da ich erwartet hatte zu sehen, was ich jetzt wirklich sah, war der
Schock nicht allzu groß. Dennoch brauchte ich ein paar Minuten, bis ich mich mit meinem
neuen, alten, längst vergangenen Äußeren angefreundet hatte. Ich sah so aus, wie auf
den wenigen Bildern, die ich aus jener längst vergangenen Zeit noch besaß. Lange Haare,
schmales Gesicht und ein Anflug von Flaum auf der Oberlippe. Dafür war der Rettungsring
um meine Hüften und die schon weit fortgeschrittene Stirnglatze verschwunden. Jetzt
musste ich aber wirklich pinkeln.
Drei Stunden später, nach dem Mittagessen, das ich sehr einsilbig
hinter mich gebracht hatte, saß ich vor meinem Schreibtisch, angeblich um zu lernen, und
versuchte, mir über meine Situation klar zu werden. Es war unglaublich, aber war es auch
wahr? Ich konnte mir allerdings nicht vorstellen, dass ein Traum so realistisch sein
konnte. Trotzdem war es eigentlich unmöglich. Es war eine zweite Chance, doch wie sollte
ich sie nutzen? Eigentlich wusste ich schon genau wie, aber in Anbetracht der
eingetretenen Realität erschien mir das doch nicht so einfach. Mein Vater, er sah mir
erschreckend ähnlich, das heißt mir in gut dreißig Jahren, hatte mich mit seinen Fragen
über mein zu spätes Nachhause kommen genervt und ich hatte keine Ahnung, was ich gestern
abend gemacht hatte. Natürlich nicht, denn gestern abend hatte ich am Swimmingpool eines
Hotels in Hua Hin gesessen. Ich klammerte die Frage, was mit meinem Körper in jener
anderen Welt passiert war, einfach aus. In dieser Welt war ich anscheinend auf einer Party
gewesen.
Ich musste die Sache systematisch angehen. Wenn das Datum stimmte, dann
war ich gerade siebzehn geworden, ging in die elfte Klasse des Gymnasiums und war
bestenfalls als durchschnittlicher Schüler zu bezeichnen. Ich durchwühlte meinen
Schreibtisch und versuchte ein schon gelebtes Leben zusammenzusetzen. Das Wichtigste war
Silvia. Sie war der Grund, warum ich hier war. Warum ich diese zweiten Chance herbei
gewünscht hatte. Und nun war sie Wirklichkeit geworden. Oder vielleicht nicht? Bestand
nicht die Möglichkeit, dass ich doch träumte? Oder schlimmer noch, dass ich eben jetzt
an diesem Pool in Hua Hin starb und es das perfide Spiel irgendeiner Macht, an die wir
nicht glauben, war, mir in diesem Moment vorzuspiegeln, es gäbe eine zweite Chance? Egal,
ich wollte sie nutzen.
"Bernd! Bernd, Telefon!"
Meine Mutter rief aus der Diele herauf. Ich stand schwerfällig und halb
benommen von meinem Stuhl auf und polterte die Treppe hinunter. Meine Mutter stand neben
dem Telefon, den Hörer in der Hand und flüsterte mir zu: "Es ist Silvia."
"Hallo", meldet ich mich und meine Hände zitterten.
"Hallo ist gut", klang eine vertraute, doch in diesem Moment
sehr kindliche Stimme aus dem Hörer. "Wo bleibst du denn? Was ist denn los? Wir
waren doch um drei verabredet."
"Bist du das, Silvia?" fragte ich nach kurzen Zögern mit
rauher Stimme.
"Natürlich bin ich das. Wer denn sonst."
"Ja, ja ich war nur...", ich ließ den Satz verklingen, denn
ich wußte eigentlich nicht weiter. "Einfach so..."
"Was heißt, so? Hast du das etwa vergessen. Ich warte hier seit
einer halben Stunde auf dich."
"Tut mir leid. Ich habe mich auf die Schule vorbereitet", log
ich nicht sehr glaubwürdig.
"Steht deine Mutter neben dir oder was ist? Du und auf die Schule
vorbereiten..."
"Schon gut. Tut mir leid ich komme sofort. Wo bist du?"
"Na hör mal, leidest du an Gedächtnisschwund? Ich bin in der
Telefonzelle am Park und warten dann an der Stelle, wo wir uns immer treffen, auf
dich."
"Ich bin in zehn Minuten bei dir", gab ich zurück. "Bis
gleich."
Ich legte auf. Der Kurpark war nicht allzu groß und schemenhaft kam
auch die Erinnerung wieder, wo wir uns üblicherweise getroffen hatten. Alles das lag weit
zurück, oder alles andere lag in ferner Zukunft, wie der Tag, an dem ich Silvia
wiedergetroffen hatte.
Eines Morgens saß sie mit ihrem Mann und ihren beiden, fast erwachsenen
Töchtern beim Frühstück auf der Terrasse eben jenes Hotels in Hua Hin, in dem auch ich
meinen Urlaub verbrachte. Als ich an ihrem Tisch vorbeiging blickte sie nur kurz auf. Dann
ein weiterer Blick, vielleicht auch mehr, die ich nicht alle bemerkte und dann erkannten
wir uns. "Bist du nicht... natürlich und du?" Das übliche Geplänkel, das
Erstaunen und am Abend nahmen wir alle zusammen einen Drink an der Bar. Sie war stolz auf
ihren Mann, ihre Töchter und man versuchte über dreißig Jahre Leben in wenige Sätze zu
fassen. An diesem Abend vor vier Tagen ging ich mit einem eigenartigen Gefühl ins Bett,
aber nicht für lange. Nachdem ich ein paar Mal wieder aufgestanden war und die Minibar in
meinem Zimmer geplündert hatte, war klar, dass ich sie besser nicht wieder getroffen
hätte. Am nächsten Morgen wurde ich beim Frühstück mit einem freudigen
"Hallo" begrüßt. Eigentlich hatte ich gehofft, Silvia erst einmal aus dem Weg
gehen zu können und war schon um sieben Uhr am Buffet erschienen, aber da saßen sie und
waren schon fast fertig. Sie wollten alle zusammen zum Golfplatz, bevor es so richtig
heiß würde. Ich nickte und wir wechselten noch ein paar belanglose Worte. Dann ging ich
zu dem thailändischen Koch hinüber und bestellte mein übliches Omelette mit Zwiebeln,
Pilzen und Käse. Während er ans Werk ging holte ich mir einen Kaffee, legte zwei
Scheiben Toast in den unförmigen Toastautomaten und brachte meinen Kaffee zu einem
kleinen Tisch am Rande der Terrasse.
Ich war ganz in mein Frühstück vertieft, als Silvia noch einmal zu mir
kam. "Laß uns doch heute abend etwas gemeinsam unternehmen. Wir wollen in die Stadt.
Treffen wir uns um sieben an der Bar." Es war eigentlich keine Frage. Ich nickte
hilflos mit vollem Mund. Den Tag verbrachte ich am Swimmingpool und schwankte, ob ich
dieses abendliche Beisammensein wollte oder nicht. Zumindest in die Bar mußte ich gehen,
alles andere wäre unhöflich gewesen. Der Tag verging mit dem Erfinden von schlechten
Ausreden und dem Verwerfen derselben. Silvia schien auf eine unschuldige Art davon
begeistert zu sein, einen alten Schulkameraden wieder getroffen zu haben. Ich war mir zu
diesem Zeitpunkt nicht so sicher. Trotzdem fand ich mich pünktlich in der Bar ein und
hatte keine Einwände mit ihnen zusammen das Hoteltaxi in die kleine thailändische Stadt
zu nehmen. Wir aßen in einem einheimischen Restaurant, schlenderten über den Nachtmarkt,
erstanden billige Kopien von Markenwaren, auf denen noch nicht einmal das aufgenähte Logo
echt war und achteten darauf, dass uns die Töchter nicht abhanden kamen. Unser Ausflug
endeten gegen Mitternacht in der Hotelbar mit einem letzte Drink. Am zweiten Abend umarmte
mich Silvia zum Abschied. Der flüchtige Kontakt mit ihrem Körper unter einem Hauch von
Seidenkleid brachte mit einen Mal die Erinnerung zurück und die Erkenntnis, dass ich sie
liebte, immer noch liebte. Und den Wunsch, die vergangenen Jahre ungeschehen zu machen.
Genau an diesem Punkt befand ich mich jetzt.
Ich legte den Telefonhörer auf und rief meinen Eltern zu, dass ich mich
mit Silvia treffen würde. Wenn alles so war, wie ich mich glaubte zu erinnern, dann
mußte mein Fahrrad in der Garage sein. Es stand unter der Terrasse. Wahrscheinlich war
ich gestern so spät nach Hause gekommen, dass ich meinen Eltern durch das Öffnen des
Garagentors nicht mehr wecken wollte. Das brachte mich wieder an den Punkt, wo ich gern
wissen wollte, was ich gestern getan hatte und ob ich mit Silvia zusammen gewesen war. Ich
merkte wie meine Hände zitterten als ich mich vor unserm Haus auf das Rad schwang und die
leicht abschüssige Straße hinunterfuhr. In meinen Kopf verwischten sich das Bild einer
reifen Frau mit dem eines jungen Mädchens. Ich wußte nicht, welcher Person ich begegnen
wollte. Ich selbst war eine Mißgeburt der Natur. Ein fünfzigjähriges Bewußtsein in
einem siebzehnjährigen Körper. Wie küßten man in diesem Alter? Ich konnte mich nicht
erinnern. Natürlich wußte ich noch um unsere verschämten sexuellen Spielchen, meine
Hand unter ihrem Pulli und in ihrer Hose, besonders unter ihrem Rock, wenn sie mal einen
trug, aber könnte ich das jetzt auch noch? Und natürlich wußte ich, dass es keine drei
Monate mehr dauern würde, bis Silvia mit mir Schluss machte. Ich war fest entschlossen,
es nicht dazu kommen zu lassen. Zwischen heute und dem anderen heute lagen eine Reihe von
Frauen und eine gescheiterte Ehe. Aus allem hatte ich viel gelernt, was es jetzt auf ein
junges Mädchen anzuwenden galt.
Die Straßen zum Park waren leer, wie vor dreißig Jahre, sagte ich mir
mit einem Grinsen. Die Sonne schien und ein neues Leben lag vor mir, als ich von der
Hauptstraße in den Kurpark einbog und an der Telefonzelle vorbei rollte, von wo aus mich
Silvia angerufen hatte. Der Kies knirschte vertraut unter den Reifen als ich bremste und
abstieg. Ich trat in eine Welt ein, die seltsam vertraut und doch fremd war. Die
herausgeputzten Kinder, die Männer in Anzügen und Krawatte und die Frauen in Kleidern,
die irgendwann in den späten neunziger Jahren eine Renaissance erlebt hatten. Kurgäste
schlenderten zwischen den Blumenrabatten und im Schatten der Bäume entlang und nirgendwo
klingelte ein Handy. Von der Hauptstraße her klangen nur vereinzelte Geräusche von Autos
herüber. Ich musterte vielleicht etwas zu auffällig die Menschen, denen ich begegnete
und sah schnell weg, wenn sie mich fragend anblickten. Ich sah in die Augen von Toten,
wurde mir plötzlich klar. Die meisten von denen, die über fünfzig waren, mussten in
meiner Gegenwart schon tot sein. Ich beschleunigte meine Schritte und folgte dem breiten
Kiesweg in den hinteren Teil des Parks, dessen Grenze von einem Bach gebildet wurde auf
dessen anderer Seite sich Wiesen erstreckten. Dort hinten wartete Silvia auf mich. Hinter
hohen Hecken gab es ein verstecktes Plätzchen mit einer alten, ziemlich wackligen Bank
und dem Vorteil, dass sich kaum jemand dorthin verirrte. Ich zögerte, mein Herz schlug
bis zum Halse und ich war nervös wie bei meinem ersten Rendezvous und eigentlich war es
das ja auch fast. Wie würde dieses Wiedersehen nach so langer Zeit verlaufen? Das Problem
war, dass es nur für mich eine lange Zeit war.
"Hallo, da bist du ja endlich." Silvia hatte nicht an unserem
Platz gewartet, sondern stand an der Weggabelung, wo der schmale Pfad zum Bach hinunter
und zu unserem Heckenversteck führte.
Im ersten Moment war ich erstaunt, ja entsetzt. Vor mir stand ein Kind,
na ja nicht direkt ein Kind, aber ein verdammt junges Mädchen. Ein Wesen, das ich nur als
Tochter meiner gleichaltrigen Freunde und Bekannten kannte. Ich blickte an mir herab, um
mich noch einmal zu vergewissern, dass zumindest mein Körper ihrem Alter entsprach.
Silvia stand da und wartete auf eine Begrüßung. Mit der einen Hand hielt ich mein
Fahrrad fest, nahm sie in den Arm und gab ihr einen flüchtigen Kuss. Den Kuss eines
Vaters, der seine Tochter begrüßt.
"He, was ist los?" fragte sie mich erstaunt.
"Was soll los sein?" gab ich unsicher zurück. Sie drückte
sich an mich, legte mir den Arm um den Nacken und preßte ihre halb geöffneten Lippen auf
die meinen. Ein süßlicher Geschmack von Schokolade breitete sich mit ihrer Zunge in
meinem Mund aus. Wenn man uns sah, was sollten die Leute denken, fuhr es mir durch den
Kopf, bis ich mich daran erinnerte, dass wir nur zwei verliebte Teenager waren. Silvia
löste sich von mir und holte ihr Fahrrad, das sie neben dem Weg an einen Baum gelehnt
hatte. Hand in Hand, unsere Räder neben uns herschiebend, gingen wir am Bach entlang zu
unserer Bank. Sie plapperte drauflos, bemerkte glücklicherweise nicht meine Einsilbigkeit
und so erfuhr ich ziemlich viel über den gestrigen Abend. Verstohlen versuchte ich das
Bild der erwachsenen Silvia in Hua Hin mit dem Mädchen an meiner Seite zur Deckung zu
bringen. Das Bild, das ich von meiner Jugendliebe im Kopf hatte, traf noch einigermaßen
zu. Die langen, braunen Haare waren dreißig Jahre später kurz und rot gefärbt, das
schmale Gesicht war glatt ohne Schminke und Krähenfüße und an der schlanken, fast
knabenhaften Figur fehlten die Spuren von zwei Schwangerschaften. Die Aussicht mein Leben
mit Silvia zu verbringen, ließ mich zittern. Die Vorstellung, irgendwann in nächster
Zeit mit ihr zu schlafen, noch viel mehr.
Wir waren in unserem Versteck angekommen, stellten die Räder ab und ich
setzte mich auf die Bank; Silvia auf meinen Schoß und machte da weiter, wo sie bei
unserer Begrüßung aufgehört hatte. Deutlich spürte ich, dass mein Körper wirklich
eine paar entscheidende Jahre jünger war, als das, was über die Zeit seinen Weg hierher
gefunden hatte. Silvias Küsse waren wild, ungestüm und von überraschender
Unbeholfenheit, die ich versuchte mit der Erfahrung eines alten Mannes auszugleichen. Nach
einer Weile rutschte sie von meinem Schoß herunter neben mich.
"Jetzt sag mal was los ist, Bernd. Erst vergisst du unsere
Verabredung und dann bist du am Telefon noch so komisch."
Aus dem was sie bis jetzt erzählt oder auch nur angedeutet hatte,
wusste ich, dass wir gestern Abend auf einer Party gewesen waren, sie um zehn Uhr zu Hause
sein musste, aber erst um elf mit mir gegangen war und mit ihren Eltern Krach bekommen
hatte. Zu unserem verabredeten Treffen hatte sie sich aus dem Haus geschlichen und war
natürlich stinksauer gewesen, als ich nicht aufgetaucht bin. Langsam wurde mir mulmig. Um
elf Uhr zu Hause sein. Morgen in die Schule. Und noch endlose Jahre das tun, was mir Leute
sagen, die zehn Jahre jünger waren als ich. Es würden ein Tanz auf einer Nadelspitze
werden, der jetzt in diesem Augenblick begann. Zuerst mußte ich mich einmal aus dieser
Situation retten.
"Ich fühle mich nicht besonders. Irgendwie habe ich nicht gut
geschlafen und weiß kaum noch, was gestern Abend eigentlich passiert ist."
"Das wundert mich nicht. Du hast ganz schön geschwankt, als du
mich nach Hause gebracht hast. Mein Vater hat das auch gemeint."
"Wieso?"
"Er hat natürlich hinter dem Fenster gestanden und auf mich
gewartet."
"Ja, ja dein Vater", räumte ich ein und versuchte mich an
Herrn Seewald zu erinnern. Er war nur noch ein schwacher Schemen in meinem Kopf.
"Lebt er eigentlich noch?" Kaum hatte ich es ausgesprochen, wurde mir mein
Fehler bewusst. Silvia schaute mich dementsprechend erstaunt an.
"Was soll denn die Frage?"
"Na, ich dachte, er hat sich vielleicht tot geärgert weil du
gestern zu spät nach Hause gekommen bist."
Sie lächelte etwas gezwungen. "Nein, so schlimm war es auch wieder
nicht. Aber du kennst ihn ja."
Eigentlich nicht mehr, ging es mir durch den Kopf, gefolgt von dem
Gedanken, ob ich Silvia nicht alles erzählen sollte, den ich aber sofort wieder verwarf.
Zumindest nicht jetzt. Ich musste mir noch über vieles selbst erst einmal Gedanken
machen. Doch das konnte ich in diesem Moment nicht, da sich Silvia wieder in meine Arme
drängte und weiter unschuldige Zärtlichkeiten austauschen wollte. Meine Hand schlich
sich unter ihren Pullover, mehr weil ich annahm, dass sie es erwartete, als dass ich es in
diesem Moment wirklich wollte. Ich streichelte ihre Brüste, dann glitt meine Hand an
ihren Jeans entlang zwischen ihre Beine und rieben an dem harten Stoff.
"Liebst du mich?" eine Frage wie sie nur ein junges Mädchen
in einem solchen Moment stellen konnte. Natürlich liebte ich sie, sogar noch nach über
dreißig Jahren, doch das ahnte sie nicht. Aber was wusste sie schon von Liebe? In drei
Monaten würde das alles nichts mehr zählen. Ich brummte etwas in ihre langen Haare
hinein, was man als "Ja" interpretieren konnte. Sie ließ sich dadurch nicht
irritieren und wir knutschten weiter auf unserer Bank herum. Ein Teil von mir, der
siebzehn war, machte sich in meiner engen Jeans unangenehm bemerkbar und konnte doch nicht
auf Erleichterung hoffen, während der alte Mann in mir kopfschüttelnd neben uns stand
und nicht wusste, ob er weinen oder lachen sollte.
Schließlich löste sich Silvia von mir und strich sich die Haare glatt.
Sie warf einen Blick auf ihre Uhr und meinte: "Ich muß jetzt. Ich bin schon viel zu
lange weg, aber eigentlich weiß meine Mutter genau, dass ich mich mit dir treffe. Gesagt
habe ich, dass ich zur Eisdiele fahre. Das war vor zwei Stunden."
"Soll ich noch mitkommen?" fragte ich unsicher.
"Natürlich, aber nur bis zur Ecke. Man braucht dich nicht
unbedingt zu sehen. Mein Vater meint nämlich, dass du der Grund bist, weshalb ich mich
über seine Anordnungen hinwegsetze."
"So?"
Sie lachte und stand auf.Der nächste Tag war Montag und ein
Schultag. Abends um neun saß ich an meinem Schreibtisch und gewöhnte mich gerade wieder
daran, wie verkratzt Schallplatten klingen, wenn man aus einer Zeit stammt, in der sie als
Relikt der Jugendtage neben den CD's verstauben. Ich hätte ein Königreich für eine
Zigarette gegeben, doch zu dieser Zeit war ich noch Nichtraucher. Eigentlich brauchte ich
sie auch nicht, denn mein Körper war noch nicht an das Nikotin gewöhnt, doch mein Geist
sehnte sich nach einer Beruhigung. Ich hatte geglaubt, meine neue Situation im Griff zu
haben, aber vielleicht war das zu kurz gedacht. Nach zwei Schulstunden stand ich kurz
davor, mich krank zu melden und nach Hause zu gehen. Am liebsten wäre ich in mein Bett
gekrochen und hätte die Decke über den Kopf gezogen, bis ich im nächsten Jahrtausend
wieder aufwachte. Der Traum von der zweiten Chance entwickelte sich mit rasender
Geschwindigkeit zum Alptraum. Willy Brandt war gerade Außenminister geworden und eine
ganze Menge anderer Leute, die den Sozialkundeunterricht dominierten, waren schon lange
tot. Studentenproteste im weit entfernten Frankfurt und noch weiter entfernten Berlin, die
Alt-68er waren noch quietschfidel und feierten fröhliche Urstände. Ich saß da und biss
mir die Zunge ab, nachdem ich einmal aufgerufen, die Frage nach dem amerikanischen
Präsidenten mit Ronald Reagan beantwortete, weil der mir, ohne lang nachzudenken, am
besten in die Zeit paßte. Nun, Politik war noch nie meine Stärke gewesen, aber
vielleicht hätte ich mich doch an Johnson erinnern sollen. Egal, zumindest kannte sich
Dr. Bruckner nicht so gut mit amerikanischen Filmen aus, als dass er Reagan gekannt, und
vielleicht den Schluss gezogen hätte, dass ich ihn auf die Schippe nehmen wollte. Der
Rest ging in dem Gelächter der Klasse unter. Ich zuckte hilflos mit den Schultern und
grinste, was mir zumindest die Anerkennung meiner Klassenkameraden einbrachte und einen
bösen Blick von Bruckner.
In den naturwissenschaftlichen Fächern lief es besser, bis auf die
Tatsache, dass ich wohl keine Chancen hatte, das Klassenziel zu erreichen. Ich mußte
praktisch wieder bei Null anfangen. Während im Mathematikunterricht die anderen mehr oder
weniger gekonnt irgendwelche Kurven berechneten, blätterte ich unauffällig und völlig
hilflos im Lehrbuch herum. Physik und Biologie verstärkten nur meine Gewissheit, dass
eine entsetzlich harte Zeit vor mir lag. Dann hatte ich meinen ersten Schultag
überstanden. Den gesamten Nachmittag verbrachte ich sehr zum Erstaunen meiner Mutter in
meinem Zimmer und versuchte mir einen Überblick zu verschaffen, wie schlecht ich wirklich
dran war. Um halb sieben, als mein Vater nach Hause kam und wir zu Abend aßen, schätze
ich meine Lage sehr beschönigend als aussichtslos ein. Und dann war da noch Silvia.
Sie riss mich mit ihren Telefonanruf gegen vier Uhr aus meinen
Grübeleien. Ihre Stimme klang ziemlich wütend und ich war froh, dass meine Mutter den
Anstand besaß, in der Küche zu verschwinden und die Tür hinter sich zuzumachen.
Unvorstellbar, ein einziges Telefon im ganzen Haus und das auch noch in der Diele.
"Hör mal, was ist denn eigentlich los? Ich stehe vor der Schule
und wer kommt nicht? Du! Ich kam mir richtig blöd vor. Petra und Gabi haben natürlich
ihre dummen Kommentare abgegeben."
"Wieso?" konnte ich nur fragen.
"Wieso, wieso! Fällt dir auch noch etwas anderes ein? Ich hatte
heute bis zur sechsten. Warum hast du nicht auf mich gewartet?"
"Auf dich gewartet? Wieso?" Am anderen Ende der Leitung wurde
deutlich ausgeatmet. Das gab mir eine minimale Pause, in der meine Gedanken unterstützt
von Erinnerungsfetzen sich blitzschnell zusammenreimten, was passiert war. Ich hätte wohl
auf sie warten müssen, war aber von dem Tag so mitgenommen gewesen, dass ich wirklich
keinen Gedanken daran verschwendet hatte. "Tut mir leid, ich habe das total
vergessen." Das konnte doch wohl nicht so schlimm sein, dachte ich mir und außerdem
gab es jetzt wirklich Dringenderes. Meine Zukunft stand auf dem Spiel und nicht nur meine,
sondern auch die von uns beiden. Ich hatte damals oder in zwei Jahren kein besonders gutes
Abitur gemacht, aber mir damit den Zugang zur Universität verschafft, ein paar numerus
clausus Fächer mal ausgenommen, die ich sowieso nicht studieren wollte.
"Total vergessen..." Ihre Stimme war jetzt nicht mehr nur
wütend, es klang Enttäuschung und Unglaube mit. Mir wurde auf einmal klar, dass ich
nicht mit einem erwachsenen Menschen sprach.
"Bin ich dir denn gleichgültig? Liebst du mich nicht mehr?"
An diesen Worten erkannte ich, dass sie wohl mit dem Anruf gewartet hatte, bis sie alleine
zu Hause war.
"Natürlich liebe ich dich", flüsterte ich ins Telefon.
"Bitte Silvia, versteh doch, ich hatte einen Scheißtag in der Schule. In zwei Wochen
schreiben wir eine Mathearbeit und ich habe keinen blassen Schimmer, in Sozialkunde war
ich völlig daneben und in Bio haben ich mich unsterblich blamiert." Ich durfte gar
nicht mehr daran denken, wie ich mich enthusiastisch, Vererbungslehre stand auf dem Plan,
gemeldet hatte, nicht zuletzt um eine Scharte aus den Sozialkundeunterricht auszumerzen
und kurz über das Schaf Dolly und die Entschlüsselung der menschlichen Gene referiert
hatte. Frau Metzler hatte den Anstand, meine Ausführungen nur als Zukunftsmusik
hinzustellen, etwas wovon die Wissenschaftler noch lange träumen werden. Ungefähr
fünfundzwanzig Jahre, Frau Metzler, hielt ich mich zurück zu entgegnen.
"Das ist doch kein Grund mich einfach stehen zu lassen. Als ob die
Schule so wichtig ist."
"Natürlich hast du recht", antwortete ich. "Du bist viel
wichtiger und ich verspreche dir, es wird nicht wieder passieren. Ich lade dich dafür zum
Essen ein?" Wieder einmal zu spät bemerkte ich, dass aus mir der alte Mann sprach.
"Was für Essen?" fragte Silvia dann auch sofort.
"Na, ein Rieseneisbecher", lenkte ich schnell ein.
"Und wann? Am besten jetzt gleich. Ich kann für eine Stunde weg.
Treffen wir uns gleich im Dolomiti?"
Ich dachte an das Buch über Infinitesimalrechnung, das oben auf meinem
Schreibtisch lag, und lehnte ab; vertröstete sie auf morgen nach der Schule und versuchte
die nächste halbe Stunde an meinem Schreibtisch sitzend die Enttäuschung in ihrer Stimme
zu vergessen.
Im Wohnzimmer murmelte leise und unverständlich der Fernseher, während
ich, das Physikbuch vor mir, aus dem Fenster auf die Straße schaute. Die Dämmerung kroch
zwischen den einzelnen Bäumen entlang und die dunklen Silhouetten der Straßenlampen
waren Galgen, an denen sich mein Schicksal besiegeln würde. Es war unglaublich, was man
in einem Leben alles vergessen konnte. Ich hatte keinen blassen Schimmer mehr von der
Physik der elften Klasse, dafür erhoffte ich mir morgen einige Vorteile in den Fächern
Englisch und Französisch, zwei Sprachen, die ich während der Schulzeit mehr schlecht als
recht gemeistert hatte, doch mittlerweile ziemlich gut beherrschte. Deutsch würde auch
hinhauen, machte ich mir Mut, es waren nur die naturwissenschaftlichen Fächer. Inzwischen
war es dunkel geworden und die Straßenlampen waren keine Mordinstrumente mehr, sondern
helle Flecken, die ihre Lichtinseln in regelmäßigen Abständen auf die Straße warfen.
Ich dachte an Silvia, bis mein Verlangen nach ihr so groß wurde, dass ich nach unten in
den Flur schlich und ihre Nummer wählte.
"Seewald." Es war ihr Vater.
"Guten abend, hier ist Bernd. Kann ich bitte Silvia sprechen?"
"Jetzt? So spät?"
Es war zehn und das sollte spät sein. "Ja - Entschuldigung, aber
ich habe gar nicht auf die Uhr gesehen", quälte ich mich zu sagen.
"Ich werde nachsehen, ob sie noch auf ist." Dann wurde der
Telefonhörer irgendwohin gelegt.
Meine Mutter steckte den Kopf aus der Wohnzimmertür. "Wen rufst du
denn noch an? Weißt du, wie spät es ist?"
"Ja doch", gab ich unwirsch zurück. "Es ist zehn, die
beste Zeit des Tages." Sie schüttelte den Kopf und schloss die Wohnzimmertür. Ich
wußte gar nicht mehr, wie rücksichtsvoll meine Mutter damals in solchen Dingen gewesen
war. Es dauerte eine Ewigkeit bis Silvia sich endlich meldete und da wusste ich eigentlich
nicht, was ich sagen sollte, nur was ich sagen wollte.
"Tut mir leid, aber ich mußte dich unbedingt anrufen, deine Stimme
noch mal hören", begann ich.
"So?" es klang ziemlich reserviert.
"Was ist denn los? Bist du immer noch sauer? Ich dachte, du freust
dich, wenn ich anrufe."
"So kann man das nicht sagen. Ich war schon fast im Bett."
"Tut mir leid, aber da wäre ich jetzt auch gerne mit dir. Die
Schule macht mich ziemlich fertig, besonders Mathe und Physik. Ich könnte jetzt etwas
Trost gebrauchen. Du weißt schon, körperliche Nähe. Alles einfach vergessen bis morgen
früh."
"Da weiß ich auch nichts. Da kann ich dir nicht helfen. Ich bin
auch keine große Leuchte in Mathe, aber vielleicht fragst du morgen mal den
Gerhard."
"He, spinnst du", sagte ich ohne darüber nachzudenken.
"Ich rede hier von uns beiden und dass ich dich jetzt gerne im Arm halten würde und
du erzählst etwas über Mathe."
"Am besten, wir reden morgen in der Schule darüber", gab sie
völlig unbeeindruckt zurück. "Gute Nacht." Und dann hatte sie aufgelegt. Ich
hielt den Hörer weiter an mein Ohr und lauschte dem Freizeichen. Ein Rest von Vernunft
hinderte mich daran, Silvias Nummer gleich noch einmal zu wählen. Ich schlich in mein
Zimmer, stülpte mir die Kopfhörer über und hörte bis zwei Uhr nachts meine wenigen
Platten durch und versuchte mich zu erinnern und vielleicht eine Antwort auf meine Fragen
zu finden.
"Sag mal, bist du wahnsinnig geworden?" stürzte Silvia in der ersten großen
Pause auf mich zu. "Mich mitten in der Nacht anzurufen und mich dann noch so in
Schwierigkeiten zu bringen. Was glaubst du denn, was ich sagen kann, wenn mein Vater neben
mir steht und jedes Wort mithört?"
Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Natürlich, ihr Vater hatte
neben ihr gestanden, deshalb Silvias seltsames Verhalten. Ich hätte es mir eigentlich
denken können. "Tut mir leid, ich habe wirklich in dem Moment nicht
nachgedacht."
"Dir tut in letzter Zeit ziemlich oft etwas leid. Das sind jetzt
schon zwei Eisbecher. Ich habe dir doch gesagt, dass du nach acht nicht anrufen sollst. Es
hat wirklich keinen Zweck, da steht dann immer jemand in Hörweite."
"Schon gut, schon gut." Ich hob beschwichtigend die Hände und
legte dann einen Arm um Silvia. Wir gingen in einer Ecke des Schulhofs auf und ab. Der
Englischunterricht war heute morgen gut gelaufen, meine Lehrerin hatte ihr Erstaunen über
meinen sprunghaften Fortschritt kaum verbergen können und auch mit Deutsch war ich
zufrieden. Die ersten beiden Stunden hatte mir einen kleinen Silberstreif am Horizont
gezeigt.
"Es war einfach", versuchte ich Silvia zu erklären,
"dass ich gestern abend gerne mit dir zusammen gewesen wäre." Was ich da am
liebsten mit ihr gemacht hätte, sagte ich ihr nicht. Das hätte ich ihrem späteren Ich
vielleicht sagen können. Sie nickte, so als ob sie verstanden hätte und nicht abgeneigt
gewesen wäre, wenn sie nicht sechzehn und ziemlich unschuldig wäre. Letzteres war ihr
sicher nicht bewusst, sie hielt sich sicher schon für sehr erfahren und ließ einiges zu,
was andere Mädchen nicht erlaubten.
"Ich habe heute bis drei Uhr Sport, du erinnerst dich doch?"
Ich erinnerte mich nicht, nickte aber wissend und sagte gleich:
"Ich hole dich ab, dann bekommst du den versprochenen Eisbecher."
"Sehr gut."
Geld. An Geld hatte ich überhaupt noch nicht gedacht, war auch in
meinem neuen, alten Leben noch nicht dazu gekommen, welches auszugeben. Sicherlich bekam
ich Taschengeld, aber wie viel, daran konnte ich mich beim besten Willen nicht erinnern.
Dreißig Mark im Monat? Und was kostete ein Eisbecher im Jahre 1968 überhaupt und was ein
Päckchen Zigaretten? "Gut, dann bin ich um drei an der Turnhalle."
"Halb vier, ich muß mich schließlich noch duschen und umziehen,
okay."
"Geht in Ordnung", bestätigte ich noch einmal und dann war
die Pause vorbei.
Ich war nicht der einzige, der sich kurz nach drei Uhr vor der Turnhalle
einfand. Noch vier andere Jungs warteten wie ich an ihre Fahrrädern gelehnt auf ihre
Freundinnen. Einige von ihnen rauchten und ich schnorrte mir eine Zigarette. Das war dann
also der erneute Beginn meines Lasters, diesmal viel früher als in dem anderen Leben, wo
ich erst zwei Jahre später mit dem Rauchen begonnen hatte. Silvia kam kurz nachdem ich
die Kippe ausgetreten hatte aus der Glasflügeltür, das Gesicht noch leicht gerötet, die
Haare mit einem Gummiband im Nacken zusammengebunden. Ich nahm sie in den Arm und gab ihr
einen Kuß. Dann stieg sie auf ihr Fahrrad und wir radelten zusammen in die Eisdiele. Geld
hatte ich, denn die zehn Mark, die ich im Portemonnaie in meiner Schreibtischschublade
gefunden hatte, würden reichen. Das kleine Päckchen Zigaretten mit elf Stück kostete,
wie ich inzwischen festgestellt hatte, eine Mark. Irgendwie musste ich meinen Eltern
begreiflich machen, dass ich dem Laster verfallen war. Weder meine Mutter noch mein Vater
rauchten und das in einer Zeit, wo alle rauchten und meist überall. Gute alte Zeit.
Nachdem ich meine Schuld bei Silvia in Form eines Hawaii-Bechers
abgetragen hatte, radelten wir wie selbstverständlich hinter dem Kurpark entlang in
Richtung der Wiesen, auf denen das Gras hoch stand und einzelne Buschgruppen ein gutes
Versteck bildeten. Ich versuchte in meiner Erinnerung ein Bild des Plätzchens zu finden,
auf das Silvia zusteuerte und erkannte es auch nicht wieder als wir dort waren. Wir legten
unsere Räder ins Gras, uns selbst im Schutze der Büsche daneben und begannen mit dem,
was sich später erste sexuelle Erfahrungen nennt. Sie waren nichts weiter als ein
unschuldiges Gefummel unter Silvias Pulli, den sie sich weit genug nach oben schieben
ließ, damit ich ihre Brustwarzen küssen konnte. Meine Hand schaffte es tief genug in
ihre enge Jeans, dass ich mit einiger Mühe zwischen ihre Beine kam, doch meine Versuche,
ihr die Hose zumindest bis über den Po nach unten zu schieben scheiterten an deutlichen
Unmutsäußerungen. Dass ihre Hände auf Entdeckungsreise gingen war gänzlich undenkbar.
Nach einiger Zeit hatte ich das Gefühl, neben mir zu stehen und mich zu fragen, was das
eigentlich alles soll. Auf der einen Seite hatte ich eine Erektion, die eingeklemmt in
meiner Hose schon fast an Folter grenzte, auf der anderen Seite kam ich mir lächerlich
vor, wie ich da ein junges Mädchen betatschte, das natürlich schon gehört hatte, was
Männer und Frauen miteinander machten, aber vor Angst, dass ich eben dies versuchen
könnte, gar nichts unternahm, ihre eigene Neugierde auf das andere Geschlecht zu stillen.
Aber vielleicht war diese auch gar nicht vorhanden, oder unter einem Berg von schrecklich
ausgemalten Konsequenzen begraben.
Ich zog meine Hand aus Silvias Hose und legte mich im Gras zurück.
Etwas krabbelte an meinem Ohr entlang und ich schlug danach. Silvia richtete sich auf dem
Ellenbogen auf und schaute mich an. Das Gummiband, das ihre Haare zusammenhielt hatte sich
verschoben und ihr Gesicht war halb von ihrem Haar bedeckt. Sie strich es hinter das Ohr,
wo es aber nicht bleiben wollte. Einzelne Strähnen fielen ihr sofort wieder ins Gesicht.
"Ist was?"
"Was soll sein?" gab ich ausweichend zurück.
"Irgendwie bist du komisch. Anders. Magst du mich nicht mehr?"
In ihrer Stimme schwang Unsicherheit.
Ich holte tief Luft, dachte einen Moment nach und sagte dann: "Ach
was, das ist doch Blödsinn." Am liebsten hätte ich mein knochenhartes Glied
herausgeholt, es ihr in die Hand gedrückt und zumindest so etwas Erleichterung bekommen.
Ich wagte mir nicht auszumalen, was dann passiert wäre. Ich durfte nichts überstürzen,
ich mußte mich darauf konzentrieren, dass es in drei Monaten nicht zu unserem Bruch kam,
von dem ich selbst dreißig Jahre später noch nicht wusste wieso überhaupt. Natürlich
war ein anderer Junge im Spiel. Sie hatte sich damals Andreas ausgesucht, nun ja, die
Geschichte dauerte auch nur ein paar Wochen, dann war es vorbei, doch ich hatte mich zu
diesem Zeitpunkt ebenfalls anders orientiert, war mit Petra befreundet und irgendwie sind
Silvia und ich nie mehr zusammengekommen. Die Beziehungen, wenn man es überhaupt so
nennen konnten, waren kurzlebig, denn man hatte fast nichts gemeinsam, außer dem bisschen
Knutschen, ein paar Partys und Petting.
"Komm schon", riss mich Silvia aus meinen Gedanken, "sag,
was los ist."
"Ich möchte gerne mit dir schlafen", nun war es heraus.
Sie schaute mich nachdenklich an und setzte sich auf. Der immer noch
offene Reißverschluss ihrer Jeans klaffte auseinander und über dem Saum ihres Höschens
lugten ein paar Schamhaare hervor. "Ich weiß", kam die entwaffnende Antwort.
"Und du", fragte ich, "willst du nicht?"
"Ich weiß nicht", sagte sie zögerlich. "Ich glaube, ich
habe Angst. Ich nehme doch die Pille nicht und das wird auch eine Weile noch so bleiben.
Meine Eltern würden das nie erlauben."
"Was haben deine Eltern damit zu tun, ob du die Pille nimmst?"
"Ich muß zum Arzt, sie mir verschreiben lassen und bevor ich nicht
achtzehn bin, brauche ich dazu das Einverständnis meiner Eltern."
Jetzt war es an mir, erstaunt zu sein. Habe ich das damals gewusst?
Hätte ich es wissen müssen? Ich versuchte mich zu erinnern. Ich war jetzt siebzehn, bis
ich mit einer Frau zum erstenmal schlief sind damals noch zwei Jahre vergangen und ich
hatte mich nicht darum gekümmert wo Angelika die Pille her hatte. "Es gibt auch
andere Möglichkeiten, zum Beispiel Präservative", warf ich ein.
Silvia nickte. "Die sind aber ziemlich unsicher, hat man uns im
Aufklärungsunterricht gesagt."
"Nur wenn man nicht weiß, wie man richtig damit umgehen
muss", versuchte ich sie zu beruhigen. "Wenn man weiß, wie's geht, dann sind
sie genauso sicher wie die Pille", fügte ich selbstsicher hinzu.
Sie schaute mich groß an. "Und du weißt das?"
"Natürlich, was denkst du denn?"
"Und woher?"
"Von den...", setzte ich unwirsch zu einer Erwiderung an und
wollte sagen "den hunderten von Malen, an denen ich mir schon so ein Ding
übergestülpt habe", doch gerade noch rechtzeitig fiel mir ein, wer ich war.
"... aus Büchern und aus Broschüren. Habt ihr so etwas nicht bekommen?"
"Ja schon, aber das war alles nur sehr vage", meinte Silvia
zweifelnd. "Und du weißt das auch nur aus Büchern?"
Man brauchte kein Hellseher sein, um den eigentlichen Grund hinter
dieser Frage zu erkennen. Würde ich praktische Erfahrungen ins Feld führen, um sie zu
beruhigen und ihr die Angst zu nehmen, dann bestände die Gefahr, dass sie nicht erst in
drei Monaten, sondern sofort mit mir Schluß machte, denn dann wäre es, wenn es dazu
käme, nicht mehr unser gemeinsames erstes Mal. Beriefe ich mich auf Bücherwissen, dann
waren ihre Zweifel an meinen Kenntnissen im Umgang mit Präservativen berechtigter als sie
ahnte. Ich konnte mich nur zu gut an das leidige Gefummel erinnern und dass ich, obwohl
schon über zwanzig und mit einiger Erfahrung ausgestattet, beim erstenmal drei von den
Dingern gebraucht hatte, bis eins schließlich richtig saß. Meine damalige Freundin und
ich konnten uns darüber amüsieren, da es nur zur Überbrückung der Pillenpause
notwendig war. "Natürlich, woher denn sonst", wählte ich die unschuldige
Variante.
Silvia blickte mich unsicher an. Ich nahm sie in den Arm und küsste
sie. Meine Hände strichen sanft über ihren Rücken. Leise flüsterte sie in mein Ohr:
"Wirklich."
"Ja, du weißt doch, dass du die erste sein sollst, nur du."
Und dabei stellte sich mir ein interessantes philosophisches Problem. War dies nun eine
Lüge oder nicht. Der Körper, den Silvia zu diesem Zeitpunkt im Arm hielt, hatte noch nie
mit einer Frau geschlafen, der Geist, der ihr das sagte, kannte so gut wie jede
gebräuchliche Spielart von Sexualität und auch einige weniger gebräuchliche und einige,
die eine Schwangerschaft von vornherein ausschlossen.
"Ich muß jetzt gehen", erklärte Silvia nach einiger Zeit.
Sie brachte ihre Kleidung in Ordnung und wir machten uns auf den Weg.
Am Ende dieser ersten Woche in der alten, neuen Zeit war ich mit den Nerven fertig. Am
Mittwoch hatte ich einen Riesenkrach mit meinen Eltern über das Rauchen gehabt, nachdem
ich, ohne weiter darüber nachzudenken, mein Zimmer vollgequalmt hatte. Natürlich hatte
sie Recht, viel mehr als sie wahrscheinlich ahnten, doch ich war schließlich alt genug,
das für mich selbst zu entscheiden. Mein Vater war da ganz anderer Meinung und drohte,
wenn ich nicht sofort wieder damit aufhörte, Zwangsmaßnahmen an. In diesem Moment konnte
ich nicht anders und lachte ihn aus, was die Situation nicht gerade vereinfachte. Am
Donnerstag Nachmittag besuchte mich Silvia. Ich hatte am morgen gerade eine Physikarbeit
geschrieben oder besser gesagt, ich hatte ein paar mehr oder minder weiße Blätter
abgegeben und wollte mich nur in ihre Arme flüchten. Das verhinderte sie mit dem
ängstlichen Hinweis, dass meine Mutter ja jeden Augenblick hereinschauen konnte. Es blieb
bei ein paar gehetzten Zärtlichkeiten, obwohl sich meine Mutter den ganzen Nachmittag
nicht blicken ließ. Noch nicht einmal meine Hand durfte ich in ihrer Hose vergraben. Den
Abend verbrachte ich mit meinem Physikbuch. Das allerdings schien meinen Eltern zu
gefallen. In ihren Augen hatte ich wohl den Ernst des Lebens erkannt, und mein Vater gab
sich versöhnlich, als er gegen halb zehn in mein Zimmer schaute und mich über meine
Schulbücher gebeugt sah. Ich rauchte jetzt auch nur noch außer Haus.
Den Freitagabend verbrachte ich mit meinen Eltern vor dem Fernseher und
suchte vergeblich die Fernbedienung und ungefähr fünfundzwanzig weitere Kanäle. Bei den
Nachrichten schimpfte mein Vater über die Studenten und ihre Proteste, über die
unhaltbaren Zustände und fragte, was einmal aus Deutschland werden solle. Mein Hinweis,
dass einige von ihnen Minister und andere erfolgreiche Geschäftsleute werden würden
hielt er für einen guten Witz. Samstag mußte ich natürlich auch in die Schule und als
ich nach dem Mittagessen den Rasen mähen sollte, rastete ich aus. Der alte Mann in mir
schrie herum und gebärdete sich wie ein Wahnsinniger. Ich kann mich nicht mehr erinnern,
was ich alles gesagt habe, aber es muß vieles dabei gewesen sein, was meine Eltern
entsetzt hat. Sie waren sprachlos. Irgendwann merkte ich, was ich dabei war anzurichten
und kriegte die Kurve, indem ich behauptete, ich müsse für die Schule lernen. Das
rettete mich.
Am Abend waren Silvia und ich mit zwei anderen Pärchen verabredet. Wir
wollten ins Kino. Der Film war schon seit der ganzen Woche das heimliche Gesprächsthema
auf dem Schulhof und erst ab achtzehn freigegeben. Silvia hatte sich erst geweigert
mitzukommen, dann geziert und schließlich eingewilligt. Ich war mir sicher, dass ich als
achtzehn durchgehen würde, sie nicht. Und außerdem, wenn ihre Eltern davon erführen,
dass sie in diesem Film war, dann würden wir uns die nächsten zwei Wochen nur auf dem
Schulhof sehen. Dann hätte sie Hausarrest und wenn es mit zwei Wochen getan wäre,
könnte sie froh sein. Zum Glück gab es in unserer Stadt zwei Kinos und sie konnte
einfach behaupten, sie ginge in das andere. Aber insgeheim glaubte ich noch nicht einmal,
dass das der Punkt war. Auch die anderen Mädchen stellten sich an und waren nicht
besonders begeistert davon. Die Jungs gaben sich lächerlich weltmännisch und ich
versprach mir von dem Abend zumindest einen Spaß.
Punkt sieben klingelte ich bei Silvia. Es dauerte nur Sekunden, bis ihr
zwölfjähriger Bruder die Tür aufriß, mich sah und daraufhin sofort in den Hausflur
hinein brüllte: "Silvia, da ist dein Liebling." Bevor ich etwas sagen konnte
war er schon wieder verschwunden, weil ich ihm sonst auch den Hals umgedreht hätte. In
der Wohnzimmertür, am Ende des kurzen Flurs, von dem gleich links neben der Eingangstür
die Treppe nach oben abging, von wo hoffentlich bald Silvia erscheinen würde, zeigte sich
jetzt Herr Seewald. "Komm rein. Silvia wir gleich herunterkommen."
"Guten Abend, Herr Seewald", sagte ich so höflich wie ich
konnte. Und noch mal "Guten Abend" als ich ins Wohnzimmer trat. Rechs ging es
ins Eßzimmer, wo auf dem Tisch noch die Restes des Abendessens standen und die übrigen
Familienmitglieder saßen, während an Silvias Platz nur noch ein sauber leer gegessener
Teller stand. Herr Seewald hatte sich eine Zigarette angesteckt und ein Glas Bier vor
sich. Ich starrte seine Frau an. Ihre Ähnlichkeit mit der Silvia in weit entfernter
Zukunft war frappierend. Und sie war tot. Ich merkte, wie mir das Herz bis zum Halse
schlug. Sie würde in knapp drei Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommen. Ich
wendete meinen Blick ab. Ich konnte ihr nicht in die Augen sehen.
"Und ihr wollt heute abend ins Kino?" sprach sie mich jetzt
an, während ich immer noch unschlüssig einen Schritt hinter der Tür stand.
"Ja", gab ich zurück und versuchte an ihr vorbei zu blicken,
doch es gelang mir nicht. Sie würde nie das Alter erreichen, in dem ich ihre Tochter
wiedergetroffen hatte.
"Welchen Film wollt ihr euch denn ansehen?"
War das jetzt eine Fangfrage? Wollte sie ihre Tochter überprüfen oder
einfach nur Konversation machen? Ich nannte natürlich den Film, der im anderen Kino lief.
Dann kam glücklicherweise Silvia. Sie trug einen hellen Rock, der knapp oberhalb des
Knies endete, ein größeres Zugeständnis an die Minimode war ihren Eltern nicht
abzuringen gewesen und darüber ein dunkelblaues Twin-set, das mit einer rot-weißen Borte
abgesetzt war.
"Wir gehen jetzt", erklärte sie und versuchte mich aus dem
Wohnzimmer zu ziehen, bevor noch jemand weitere Fragen nach dem Film stellte. Ich konnte
meinen Blick nicht von ihrer Mutter lösen.
"Um halb elf bist du zu Hause", rief uns Silvias Vater noch
einmal eindringlich hinterher, dann klappte die Haustür hinter uns zu. Silvia hatte sich,
wie ich jetzt sah, geschminkt und wollte wohl ihrem Vater keine Chance geben, es zu
bemerken. Sie hoffte, damit eher wie achtzehn auszusehen.
Es war ein warmer Septemberabend, die Sonne ging gerade hinter den
Baumspitzen des Kurparks unter und ich schlenderte Arm in Arm mit Silvia über die
Kieswege. Ein paar vereinzelte Spaziergänger begegneten uns noch, doch eigentlich waren
wir angenehm allein. Ich spürte ihre Unruhe.
"Wenn du nicht willst, dann gehen wir nicht in den Film, sondern in
den anderen", schlug ich ihr vor. Sie bliebt stehen und blickte mich an.
"Nein, jetzt habe ich tagelang mit mir gerungen, jetzt gehen wir
auch."
Wir trafen die anderen um kurz vor acht am Kino. Ihre Nervosität war
deutlich zu spüren. Die Mädchen kicherten noch mehr als sonst, und die beiden Jungs
hielten sich an ihren Zigaretten fest. Der alte Mann in mir lächelte. Ich erklärte mich
bereit, die Karten zu holen, während sie etwas abseits im Foyer warteten. Wenn ein
Siebzehnjähriger mit der Souveränität eines mehr als erwachsenen Mannes Kinokarten für
Oswalt Kolles Das Wunder der Liebe verlangt und weder seine Hände noch seine
Stimme zittert, dann ist es keine Frage, dass er sie bekommt. Wir schlichen uns an der
Platzanweiserin vorbei auf Plätze in der letzten Reihe. Gut besucht war das Kino nicht.
Dann ging das Licht aus.
Nach zwei Stunden wurde es wieder hell. Wortlos schlichen wir aus dem
Saal. Ich war offensichtlich der einzige, der unbefangen war. Silvia vermied, mich
anzusehen, ähnlich ging es den anderen mit ihren Freundinnen. Schließlich fragte
Andreas: "Na wie fandet ihr den Film?"
Räuspern, unzusammenhängende Worte. Alle bemühten sich locker zu
erscheinen. Ich hielt mich zurück. Der Film war unerträglich gewesen, viel schlimmer als
ich es mir vorgestellt hatte, was bedeutete, dass die Zeit, in der ich lebte, viel
schlimmer war, als ich die ganze letzte Woche geahnt hatte.
"Und was hältst du davon, Bernd?"
"Langweilig und lächerlich", platze es aus mir und einer
Zukunft heraus, in der fünfzehnjährige Mädchen Oralverkehr als gängige Methode der
Empfängnisverhütung praktizierten.
Die beiden Mädchen schauten mit großen Augen Silvia an und Andreas und
Gerhard ungläubig auf mich.
"Jetzt haust du aber auf den Putz", meinte Gerhard und Andreas
fügte mit einem hämischen Grinsen in Richtung Silvia hinzu: "Der Supercasanova
spricht."
"Nun wirklich", entgegnete ich, "ist doch so, oder?"
Dabei dachte ich daran, dass Andreas damals mein Nachfolger bei Silvia geworden war und
mich packte die Wut. Er stand hier und tat völlig unschuldig. Ich wollte gerade noch
einen bissigen Kommentar in seine Richtung los werden, da meinte Silvia: "Ich muß
jetzt nach Hause. Du weißt, halb elf. Und ich will nicht schon wieder Ärger
bekommen."
Ich zuckte mit den Schultern und wir verabschiedeten uns. Als wir durch
den Park gingen und ich sie küssen wollte schob sie mich zurück. Mehrmals. "Was ist
denn los?" wollte ich wissen.
"Was los ist? Kannst du dir das nicht denken? Hast du den Blick von
Gabi und Karin nicht bemerkt? Was sollen die von mir denken."
"Wieso? Was sollen sie von dir denken? Ich habe keine Ahnung, was
du meinst?"
"Sag mal, bist du so blöd, oder was?" Ihre Stimme klang
seltsam gepresst.
Ich blieb stehen, drehte Silvia zu mir, dass ich ihr ins Gesicht sehen
konnte und erkannte im spärlichen Licht einer trüben Laterne die Tränen in ihren Augen.
"Was ist denn los, Silvia? Was habe ich dir denn getan?" Ich
zog sie an mich. Sie wehrte sich nicht, legte aber auch nicht ihre Arme um meinen Rücken,
sondern sie baumelten leblos an ihrer Seite herab. Sie fühlte sich an wie eine Puppe.
"Was müssen die beiden von mir denken? Und erst recht Andreas und
Gerhard?" klang es dumpf von meiner Brust herauf. Ich schob sie ein kleines Stück
von mir weg, so dass ich ihr ins Gesicht sehen konnte.
"Silvia, ich weiß wirklich nicht, was los ist. Willst du es mir
nicht erklären?" Ich sprach zu ihr wie zu einem Kind, das sie ja auch irgendwie noch
war.
Sie schniefte deutlich hörbar. "Warum hast du das gesagt?"
"Was gesagt?"
"Das mit dem langweilig und lächerlich?"
"Ich habe nur meine Meinung gesagt. Ich fand den Film langweilig
und lächerlich. Was ist schon daran?"
Silvia trat einen Schritt zurück und wischte sich mit der Hand die
Tränen aus dem Gesicht. Dabei verschmierte sie ihre Wimperntusche und den Hauch eines
Lidschattens. Ich reichte ihr ein Tempo und sie versuchte unbeholfen, das Unglück zu
bereinigen. "Dieser Film", setzte sie an, "dieser Film geht, na ja du
weißt schon, jedenfalls geht es da um körperliche Liebe..."
"Ja und? Ist doch nichts Schlimmes und das wusstest du und die
anderen auch vorher, oder? Deshalb sind wir doch hineingegangen."
"Ja, aber du stellst dich danach hin und sagst es sei langweilig
und lächerlich gewesen. Was sollen die anderen denn von mir denken. Mein Freund findet
den Film langweilig und lächerlich, das heißt doch wohl, dass er das alles schon mit mir
gemacht hat. Das haben auf jeden Fall Gabi und Karin geglaubt. Ihre Blicke waren mehr als
eindeutig. Ich habe mich in Grund und Boden geschämt."
"Und wenn es wirklich so wäre? Was ist daran so schlimm? Der Film
hat doch deutlich gesagt, dass Sex etwas ganz Natürliches ist." Ich hätte wohl
körperliche Liebe sagen sollen, denn kaum hatte ich das Wort Sex ausgesprochen, war sie
schon wieder den Tränen nahe.
"Ja, wenn man verheiratet ist, aber du hast so getan, als ob wir
jeden Tag nichts anderes machen würden."
Schön wär's, hätte ich am liebsten geantwortet. Statt dessen sagte
ich schon wieder: "Tut mir leid."
"Und warum sagst du Sex dazu. Das klingt so schmutzig."
"Tut mir leid" wiederholte ich und irgendwie fühlte ich mich
wie heute nachmittag bei der Aufforderung, den Rasen zu mähen. Dieses verklemmte junge
Ding trieb mich in den Wahnsinn. "Hör mal, die Zeiten waren nicht immer so wie heute
und werden auch nicht so bleiben und eigentlich müssten wir Kolle dafür dankbar sein,
denn mit seinen blöden Filmen hat er diese Entwicklung eingeleitet..."
"Was für eine Entwicklung?"
"Die Entwicklung zu einem offeneren Umgang mit Sex... ich meine
körperlicher Liebe", ich hätte dieses beiden Worte am liebsten ausgekotzt.
"Woher willst du das denn wissen? Ist das auch wieder langweilig
und lächerlich?"
Ich holte tief Luft und schaute Silvia eine Zeit lang stumm an. Auf
ihrem Gesicht lag ein trotziger Ausdruck, ihre Haltung war herausfordernd und zaghaft
zugleich. Unter dem dünnen Pulli zeichneten sich ihre Brustwarzen ab und in mir stieg das
Verlangen, ihr gleich jetzt und hier die erste Lektion in Sachen Sex zu erteilen. Warum
hatte nicht auch sie mit mir gemeinsam in der Zeit zurückgehen können. Sie saß jetzt in
Hua Hin am Swimmingpool, weiß der Himmel was mit mir dort passiert war, und wusste
bestimmt was Sex war.
"Silvia, es tut mir leid", sagte ich noch einmal, "es tut
mir wirklich leid. Ich habe das einfach so dahin gesagt, ohne nachzudenken. Und wenn du
willst, dann versichere ich am Montag allen Beteiligten, dass du noch Jungfrau bist und
nichts in dem Film Gezeigtes sich zwischen uns abgespielt hat."
"Jetzt spinnst du total!" Es war fast ein Aufschrei.
"Gut, dann sag du mir, was ich jetzt machen soll?"
"Vielleicht..." sie trat einen Schritt auf mich zu.
Ich nahm sie in den Arm und küsste sie ganz vorsichtig. Nach einem
Moment des Zögerns erwiderte sie den Kuss.
"Also Bernd, ich weiß wirklich nicht, was du dir dabei gedacht hast."
Ich hätte es ihm sagen können, hielt aber lieber den Mund und
versuchte so zerknirscht auszusehen wie ich mich fühlte. Ich hatte noch ein bisschen
gehofft, aber mit dieser Ankündigung von Reimer, unserem Physiklehrer, wusste ich
endgültig, dass die Arbeit vom Donnerstag genauso ausgefallen war, wie ich befürchtet
hatte. Ich zuckte mit den Schultern.
"Hast du an Gedächtnisschwund gelitten oder hattest du einen
totalen Blackout?"
"Er wusste natürlich nicht, dass das Wort Blackout zwei Jahrzehnte
oder so später berüchtigte Berühmtheit erlangen würde.
"Du scheinst ja alles, aber auch alles, vergessen zu haben. Ich
kann nichts daran ändern, das ist eine glatte sechs."
"Fast widerwillig legte er die kaum beschriebenen Blätter meiner
Physikarbeit vor mir auf den Tisch. Gerhard, der neben mir saß, schielte darauf und
begann zu grinsen. Ich fand das gar nicht komisch und packte sie schnell in mein Ringbuch.
Ich musste mir das nicht ansehen. Ich wusste nur zu gut, dass die Note mehr als berechtigt
war. Am liebsten hätte ich Gerhard die Faust ins Gesicht gerammt, aber das würde auch
nichts ändern. Meine Eltern sagte ich nichts davon, denn ich hoffte zu diesem Zeitpunkt
noch, irgendwie mich wieder an den Stoff der elften Klasse heranarbeiten zu können.
Ein anderes Problem waren meine Freund und Klassenkameraden. Wie
erwachsen wir uns damals vorkamen und wie lächerlich es war, wenn man alles schon einmal
erlebt hatte. Binnen zwei Wochen hatte ich mich zum Einzelgänger entwickelt.
Notgedrungen, weil ich die meiste Zeit an meinem Schreibtisch verbrachte, um Mathe und
Physik, Bio und Chemie zu büffeln und den spärlichen Rest meiner Zeit mit Silvia zu
verbringen. Weder in dem einen noch in dem anderen kam ich viel weiter. In völliger
Unkenntnis der wahren Verhältnisse begannen meine Eltern mich für einen Paulus zu
halten, der jetzt endlich die Bedeutung der Schule begriffen hatte. In derselben
Unkenntnis glaubte Silvia, ich hätte etwas mit einem anderen Mädchen. Nach einem Monat
hatte ich mich in Mathe und Physik auf eine schlechte vier hochgequält, was aber in den
Augen meiner Lehrer immer noch ein ziemlicher Abstieg war, gemessen an meinen Leistungen
im vorherigen Schuljahr.
Und meine Eingewöhnungsschwierigkeiten in die neue Situation wurden
immer größer. Ich saß hier, gestrandet in Jahr 1968, ohne Führerschein, ohne Computer,
ohne Geld, ohne Videorecorder, ein DVD-Player war etwas, was sich noch nicht einmal
Science Fiction Autoren ausgedacht hatten, die Telefone sahen aus, wie ein Dinosaurier in
einer Elefantenherde. Und ich war von zu vielen Toten umgeben. Zum Glück lebten in jener
Zukunft meine Eltern noch, sonst wäre die Situation, wie mir bei Silvias Mutter bewusst
geworden ist, unerträglich. Aber meine Großeltern würden in absehbarer Zeit sterben und
noch ein oder zwei Lehrer, denen ich kaum ins Gesicht blicken konnte. Auch Mechthild
nicht. Sie ging eine Klasse über mir in die Unterprima. War wahrscheinlich der Traum fast
aller Jungs, die aber keine Chance hatten. Angeblich war sie mit einen Studenten
befreundet und verbrachte die Wochenenden bei ihm in Frankfurt. Nie sah man sie bei uns in
der Stadt. Es wurde gemunkelt, dass sie von dort auch schon Haschisch mitgebracht und es
zusammen mit ein paar anderen Mädchen heimlich geraucht hätte. Es war dann 1973 oder
1974, seltsam wie wenig man sich wirklich erinnern kann, als sie nach einem Goldenen
Schuß bei uns auf dem Friedhof beerdigt wurde. Zweimal hatte ich schon versucht, an sie
heranzukommen und sie zu warnen, dabei wusste ich noch nicht einmal, wie ich es anfangen
sollte. Doch sie beachtete mich überhaupt nicht. Dann sagte ich mir, ich musste warten,
bis ich nicht mehr der Obersekundaner wäre. Vielleicht ergebe sich ja später eine
Gelegenheit.
Ich mußte heimlich rauchen und Alkohol war eine weiteres Problem,
seitdem meine Mutter in meinem Schreibtisch die halb leere Flasche Whiskey gefunden hatte.
Ich brauchte einfach abends ein paar kräftige Schlucke, um einschlafen zu können. Meine
Eltern wussten zwar, dass wir auf unseren Partys und auch sonst Alkohol tranken, aber so
regelmäßig, wie ich es gewohnt war, nicht. Mal abends eine Flasche Bier, das war das
höchste der Gefühle. Ich redete mich irgendwie heraus und versteckte die Flasche dann
besser. Ich hatte mehr und mehr das Gefühl, auf einer winzigen Insel zu stehen und das
stetig steigende Wasser spülte mir den Boden unter den Füßen weg. Wenn ich nicht an
meinem Schreibtisch saß und versuchte etwas zu lernen, was ich vor langer Zeit schon
wieder vergessen hatte, lag ich in meinem Sessel, die Füße auf das Bett gelegt, hörte
Musik und folgte unsinnigen, nie endenden Gedankenkreisen, bis der Whiskey mich so
schläfrig gemacht hatte, dass ich den Tag vergessen konnte. Irgendwann gestern, heute
oder in der Zukunft hatte einmal jemand zu mir gesagt: "Wen Gott strafen will, dem
erfüllt er alle Wünsche". Ich war nahe daran, dem zuzustimmen. Doch es gab
niemanden, mit dem ich über die Wahrheit dieser Feststellung hätte reden können. Es gab
niemanden, mit dem ich überhaupt hätte reden können. Alles war belanglos. Was kümmerte
mich der Vietnamkrieg, der in der Schule heftig diskutiert und in den Medien ausführlich
behandelt wurde. Ein paar Jahre noch, dann hätte der Vietcong Saigon eingenommen und die
Amis aus dem Land gejagt. Die Berliner Mauer und die deutsche Teilung, ich wusste, dass
schon jetzt das Regime der DDR nur noch auf Kredit lebte, der in zwanzig Jahren abgelaufen
sein würde - aber wem konnte ich es sagen und wer würde mir glauben. Die Geiselnahme in
München bei der Olympiade, ich wäre der geborene Hellseher, doch wer war bereit mir
zuzuhören, wo ich doch noch nicht einmal wusste, welche Aufgaben in der nächsten
Chemiearbeit gestellt wurden. In einem Jahr würden sich die Beatles trennen, das gerade
herausgekommene Weiße Album war ihr letztes wirklich gemeinsames Werk. Jimi
Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison und später dann John Lennon würden sterben und ich
konnte es nicht verhindern. Robert Kennedy, Mogadischu, Baader-Meinhof, Schleier und was
sonst noch alles passieren würde, obwohl ich es wusste, ich könnte nichts dagegen
unternehmen. Ich würde noch nicht einmal den Tod von Silvias Mutter verhindern können -
oder? Den vielleicht doch. Und dann wunderte sich meine Mutter, dass ich eine halb leere
Flasche Whiskey in meinem Schreibtisch hatte. Sie sollte sich lieber wundern, dass da
nicht jeden Tag eine ganze Batterie von leeren Schnapsflaschen stand.
Das einzige, was mich noch einigermaßen aufrecht erhielt, war Silvia.
Wenn es schon Gottes Danaergeschenk an mich war, dann wollte ich wenigstens diese
Möglichkeit nutzen, obwohl mich auch da manchmal Zweifel beschlichen. Ich versuchte so
gut wie jeden Konflikt zu vermeiden, besonders nach meiner unbedachten Äußerung über
den Film, aber es ist unglaublich wie leicht sechzehnjährige Mädchen etwas in den
falschen Hals kriegen können. Manchmal zweifelte ich, ob es überhaupt einen richtigen
gibt. Vor einigen Tagen hatte ich ihre Klassenkameradin Petra zufällig in der Stadt
getroffen und mich ganz ahnungslos mit ihr unterhalten. Wie es erwachsenen Menschen
einfach tun. Ich wollte nur höflich sein und außerdem würde es in dieser Gegenwart ja
nicht zu ein paar Monaten Gemeinsamkeit zwischen uns kommen. Ich verdrängte schnell die
Erinnerung an die Zeit, in der wir einmal befreundet waren, denn diesmal würden wir es
nicht sein. Ob sie es wohl bedauerte? Vielleicht war ich etwas zu redselig geworden, wer
kann es mir schon verdenken, und hatte nicht bedacht, dass ich mit einem jungen Mädchen
sprach. Am nächsten Tag wollte Silvia wissen, welche Geheimnisse ich mit Petra
ausgetauscht hätte. Es gab nur ein Geheimnis und das würde ich mir noch nicht einmal
selbst anvertrauen.
Es war wieder einmal Samstag und Partyzeit. Gerhard wurde siebzehn und feierte das
gebührend. Es war der Samstag vor den Herbstferien und wir hatten erst einmal eine Wochen
Ruhe vor der Schule. Silvia durfte bis um zwölf Uhr wegbleiben. Ich konnte ihrer Mutter
immer noch nicht ins Gesicht sehen. Das war ihr auch schon aufgefallen und Silvia fragte
mich, nachdem ich sie von Zuhause abgeholt hatte und wir auf dem Weg zu Gerhard waren, ob
ich etwas gegen ihre Mutter hätte.
"Nein, wieso", stellte ich mich unschuldig.
"Na ja, sie meint, du würdest sie so merkwürdig ansehen."
"Das täuscht. Ich bin mir jedenfalls keiner Schuld bewusst."
Außer, dass ich in diesem Fall so viel weiß wie Gott, nämlich Tag und Stunde, um es
etwas übertrieben auszudrücken, was ich Silvia natürlich nicht sagte. Im entscheidenden
Moment, in drei Jahren, würde ich etwas unternehmen. Das war sicher.
Gerhard war einer der Beliebtesten in unserer Klasse. Sein Vater war
Creativ-Direktor in einer Werbeagentur und seine Mutter war seine Stiefmutter. Auch damals
waren die Werbeleute schon immer näher am wahren Leben gewesen als der Rest unserer
Eltern. Das Haus, in dem sie wohnten, war nur als extravagant zu bezeichnen, eine Bauweise
über mehrere Ebenen, die sich erst zwanzig Jahre später in die Reihenhaussiedlungen
einschleichen sollte. Und dieses Haus besaß darüber hinaus noch eine Kellerbar, deren
Bestände auch uns offen standen. Gerhards Vater war der einzige Erwachsene, der, wenn er
sich unseren Feiern auf einen Drink hinzugesellte, nicht störend wirkte. Er behandelte
uns, obwohl wir es wahrscheinlich nicht verdienten, wie Gleichgestellte. Gerhards
Stiefmutter hatte es da einfacher, sie war irgendwo in der Mitte zwischen Gerhards Vater
und uns. Ich konnte mich an ein Gespräch mit Gerhard erinnern, in dem ich versucht hatte,
etwas über sein Verhältnis zu seiner Stiefmutter zu erfahren, aber er war in diesem
Punkt nicht sehr gesprächig gewesen. Er hing an seiner leiblichen Mutter, aber je älter
er wurde, desto mehr war der Kontakt zu ihr eingeschlafen. Er hatte einmal gesagt, er
könne nicht zwei Leben leben und sein Leben wäre das bei seinem Vater und seine
Stiefmutter wäre absolut in Ordnung. Gerhards Vater, Robert, war der einzige, der uns
schon bald das Du angeboten hatte, weil es in der Werbung so üblich wäre. Man hielt da
nicht viel von alten Zöpfen und die werden ja sowieso demnächst alle abgeschnitten.
Es war ein angenehmer Abend, selbst für mich. Es gab genug zu trinken,
wir tanzten und beim Schmusen mussten wir nicht erschrocken hochfahren, wenn die
Kellertür aufging. Robert tat so, als bemerke er nicht, was in den dunkleren Ecken
vorging oder wenn sich ein Pärchen in den Vorratskeller verzogen hatte. Eigentlich kann
man nicht sagen, dass er wegsah, er nahm es eher als etwas Gegebenes hin, so wie das
Wetter oder die Nachrichten im Fernsehen. Er konnte sich vielleicht auch noch zu gut daran
erinnern, was es bedeutete, frisch verliebt zu sein. Schließlich hatte er erst vor drei
Jahren wieder geheiratet. Als ich später am Abend aus der Toilette im Erdgeschoss trat,
sah ich ihn im Wohnzimmer mit seiner Frau sitzen und über irgendwelchen Papieren brüten.
Dem in diesem Haus herrschenden lockeren Umgangston entsprechend fragte ich: "Immer
noch bei der Arbeit?"
Er nickte abwesend, blickte dann hoch und meinte: "Ja leider. Das
ist bei uns nun einmal so."
"Um was geht's denn?" erkundigte ich mich.
Robert blickte mich etwas irritiert an, es war wahrscheinlich wieder so
eine Frage, die man von einem Siebzehnjährigen nicht erwartete. "Ein Auftrag für
eine neue Körperpflegeserie und ich habe hier ein tolles Storyboard, aber keine Ahnung,
wie man es umsetzen könnte." Er schob die Blätter auseinander, so dass ich einen
Blick darauf werfen konnte.
Die grob skizzierte Folge von ungefähr zehn Bildern zeigte ein
weitläufiges Badezimmer, auf dem Wannenrand stand ein Eisbär, der in die Badewanne
sprang, als Seehund wieder auftauchte und dann zu einem Mann wurde, der sich sichtlich
erfrischt und entspannt abtrocknete. Nicht schlecht, dachte ich mir. "Wo liegt das
Problem, das ist doch ein ganz toller Einfall?"
"In der Umsetzung", war Roberts lakonische Antwort.
"Dazu reicht doch wahrscheinlich die Rechnerkapazität eines
normalen PCs. Da muß man doch nicht gleich ILM bemühen."
"Was bitte?" Robert griff nach seinem Whiskyglas, er war
passionierter Scotchtrinker, und auch seine Frau blickte mich erstaunt an.
"Na du machst das Ganze vor einer Bluesscreen und sampelst die
Bilder dann im Computer zusammen..." und in diesem Moment fiel mir auf, dass ich
wieder einmal nicht auf der Höhe der Zeit war.
"Und wo bitte soll ich einen Computer her bekommen, der das
kann?" wollte Robert mit einem schiefen Grinsen wissen. "Ich habe keine
Beziehungen zur NASA, wenn das, was du da sagst, überhaupt möglich sein sollte."
Ich suchte verzweifelt nach einer Ausrede, mit der ich mich schnell
verabschieden konnte.
"Setzt dich mal, Bernd und erkläre mir genau, was du gemeint
hast."
Ich zappelte im Netz und setzte mich neben Robert auf die breite
Ledercouch. Er blickte mich erwartungsvoll von der Seite an und ersetzte seine im
Aschenbecher verglühte Zigarette durch eine neue. Ich nahm mir auch eine. "Es war
nur so ein Gedanke von mir. Ich habe vor kurzem in einer Zeitschrift gelesen, was Computer
in Zukunft alles können und da ist meine Phantasie wohl mit mir durchgegangen."
"Das klingt interessant. Was können Computer den sonst noch in der
Zukunft?" fragte jetzt Roberts Frau interessiert. Sie war ohne Zweifel mehr als
attraktiv und hätte vielleicht das richtige Alter für mich, ich aber wahrscheinlich in
keiner meiner beiden Existenzen für sie. Ihr kurzgeschnittenen, blonden Haare und eine
Menge Sommersprossen um die Nase, ließen sie noch einmal gut fünf Jahre jünger
erscheinen. Sie saß uns gegenüber in einem ausladenden Sessel, hatte die Beine unter den
Körper gezogen und nippte ab und zu an einem Glas Rotwein. Aus dem Keller drang gedämpft
die Musik herauf und vereinzelt übertönte ein lautes Lachen das Hämmern des
Schlagzeugs. Ich konnte nicht erkennen, um welches Musikstück es sich handelte.
"Ach das war nur so ein Artikel, was man alles mit Computern machen
könnte. In zwanzig Jahren würde jeder Haushalt einen haben, er wäre nicht größer als
ein Schuhkarton und man könnte damit mehr anstellen als die NASA heute mit ihren riesigen
Schränken. Es gebe sogar noch kleinere, die man mit sich herumtragen kann und die das
Gleiche leisteten. Und alle diese Computer sind über ein weltweites Netz miteinander
verbunden." Und von den Computern kam ich auf Handys zu sprechen und die vielen
Fernsehkanäle, von Satellitenempfang in jedem Haushalt, von Videorecordern und
DVD-Playern, von dem Verschwinden der Vinylplatten wie wir sie gerade hörten und vom
Siegeszug der CD und das jeder zuhause sein eigener Schallplattenproduzent sein würde.
Irgendwann merkte ich, das aus mir eine Sehnsucht nach einer Zeit sprach, die ich verloren
hatte. Schließlich verstummte ich.
"Das ist ja faszinierend. Und wo hast du das gelesen?"
Ich schluckte. Darüber hatte ich mir keine Gedanken gemacht.
"Weiß ich nicht mehr. Ist schon einige Zeit her."
"Scheint aber ziemlich beeindruckend gewesen zu sein", stellte
Roberts Frau fest und in ihrem nachsichtigen Lächeln glaubte ich zu erkennen, dass sie
alles für eine Ausgeburt meiner Phantasie hielt.
"Das ist halt alles Zukunftsmusik", räumte ich ein und
blickte ihr offen ins Gesicht. "Die Welt wird dadurch auch nicht besser. Es wird mehr
Kriege geben als in den letzten zwanzig Jahren und auch Europa wird davon nicht verschont
bleiben."
Die beiden zogen die Augenbrauen hoch. "Stand das auch in dem
Artikel?" wollte die Frau mir gegenüber wissen. Ihre grünen Augen musterten mich
eindringlich.
"Nein, aber das liegt doch auf der Hand", gab ich mit einem
müden Achselzucken zurück. "Die Amis fliegen aus Vietnam raus dafür marschieren
die Russen in Afghanistan ein. Auf dem Balkan zerfleischen sie sich wieder einmal und ein
drittklassiger Schauspieler wird amerikanischer Präsident..."
"Ach hier bist du." Silvia stand im Flur und schaute zum
Wohnzimmer herein. "Ich habe mich schon gewundert, wo du bleibst."
Mir müssen ein eigenartiges Bild abgegeben haben. Zwei Erwachsene, die
mit entgeisterten Blicken einen Jungen ansahen, der mit müder Stimme die Kassandra gab.
Silvia trat einen Schritt ins Wohnzimmer hinein. Sie hatte wohl unten im Keller getanzt,
denn auf ihrer Stirn und der Oberlippe standen feine Schweißperlen. Auch unter ihren
Achseln zeichneten sich dezente dunkle Flecke im Stoff der Bluse ab. "Ich wollte
nicht stören", und es klang so, als ob sie gerade in eine Lehrerkonferenz geplatzt
wäre.
"Aber nein, setzt dich doch", forderte Robert sie auf. Silvia
zögerte.
"Ist schon gut." Ich stand auf und legte den Arm um sie.
"Ich gehe jetzt auch wieder nach unten." Und bevor noch jemand etwas sagen
konnte, hatte ich Silvia schon aus dem Wohnzimmer geschoben. Es war kein guter Abgang,
aber immerhin, es war ein Abgang, der auch dringend geboten war, sonst hätte ich mich
noch um Kopf und Kragen geredet. Unten im Keller verzog ich mich mit Silvia in eine stille
Ecke, doch ich war nicht so richtig bei der Sache, die sie wollte. Kurz darauf kam Robert
nach unten, sah sich kurz um und stellte sich dann zu ein paar anderen an die Bar. Ich
versuchte ihn nicht zu beachten, doch es war nur zu klar, was er wollte. Das Gespräch
fortsetzen. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie er immer wieder zu Silvia und mir
herüber schielte. Als er endlich wieder nach oben verschwand, nutzte ich die Gelegenheit
und brach mit Silvia auf. Während wir an der Garderobe unsere Jacken aus dem Knäuel der
Kleidungsstücke heraussuchten, trat wie zufällig Robert aus dem Wohnzimmer.
"Ihr wollt schon gehen?"
"Ja", gab ich kurz angebunden zurück und fügte dann noch
hinzu, "Silvia muss um Mitternacht zu Hause sein."
"Und du?"
"Bei mir ist das nicht so streng, aber ich will Silvia nach Hause
bringen."
"Verstehe", meinte Robert und ich hatte den Eindruck, er suche
nach einem guten Grund mich noch einmal ins Wohnzimmer zu bitten. Augenscheinlich fiel ihm
keiner ein. "Wir müssen aber unbedingt unser Gespräch noch fortsetzen."
"Gerne", erklärte ich und hoffte, dass es nicht dazu kam.
"Nächste Woche haben wir ja Ferien und da werde ich einmal vorbeikommen."
Robert nickte und hielt uns die Tür auf. Kaum waren wir aus dem Haus
wollte Silvia natürlich wissen, über was ich mit Gerhards Vater gesprochen hatte. Ich
wiegelte ab und gab ihr pünktlich kurz vor zwölf vor der Gartentür einen letzten
flüchtigen Kuß, die eigentliche, viel intensivere Verabschiedung hatte schon außer
Sichtweite, eine Straßenecke weiter, stattgefunden.
Die ersten drei Tage der Herbstferien regnete es. Vorbei war die Zeit, wo ich mit
Silvia irgendwo im Gras liegen und beständig versuchen konnte, die Grenzen der
körperlichen Erfahrung mit ihr weiter zu stecken. Obwohl meine Erfolge in dieser
Beziehung realistisch betrachtet entmutigend waren. Jetzt hatte die Feuchtigkeit und
Kälte auch dem ein Riegel vorgeschoben. Ich hatte sie am Montag zuhause besucht, aber da
saßen wir uns nur gegenüber, hörten Musik und warteten darauf, bis ihr kleiner Bruder
unter irgendeinem Vorwand ins Zimmer gestürmt kam. Kleine Geschwister sind die fünfte
Kolonne der Eltern. Er würde es wissen, wenn er selbst siebzehn ist. Bei mir Zuhause war
diese Gefahr nicht gegeben, aber Silvias Angst, meine Mutter könnte ins Zimmer kommen,
ließ auch keine Stimmung aufkommen. Ein ungutes Gefühl sagte mir, dass wir uns immer
weiter voneinander entfernten. Es war nicht greifbar, aber meine Dr. Jekyll und Mr. Hyde
Existenz hinterließ in unserer Beziehung ihre Spuren. Und nicht nur in ihr. Seit meiner
Rückkehr aus einer anderen Zeit, war Silvia eigentlich der einzige Mensch meines Alters,
zu dem ich noch Kontakt hatte. Nicht nur weil ich mich in jeder freien Minute hinter
meinen Schulbüchern vergrub, sondern auch weil ich meine damaligen besten und zweitbesten
Freunde nicht ertragen konnte. Der allgemein übliche Gruß mit dem auseinander
gespreizten Mittel- und Zeigefinger zum Peacezeichen löste bei mir fast körperliche
Übelkeit aus, obwohl ich mich damals bestimmt auch nicht anders verhalten hatte und mir
unwahrscheinlich gut dabei vorgekommen war. Unsere Gespräche waren nichtssagend, kindisch
und ich fühlte mich oftmals wie ein Nüchterner in einer Gruppe von Besoffenen. Ich
konnte auch nichts dazu beitragen, denn meine Erinnerung ließ mich auch da im Stich. Ich
hatte keine Ahnung, wer in der Saison 1968/69 in der Bundesliga spielte, hatte mir
mühevoll, da für Sozialkunde wichtig, die wichtigsten Politiker gemerkt und was meine
Kameraden, entflammt von den Studentenunruhen, als notwendige gesellschaftliche
Veränderungen einforderten, war für mich Schnee von gestern. Ich konnte mich keinen
großen Visionen hingeben, ich hatte genug damit zu tun, zu überleben. Meine erste
Taschengeldzahlung, dreißig Mark, war binnen zwei Stunden weg gewesen. Ich war es nicht
mehr gewohnt, mir kleine Wünsche, wie eine Schallplatte oder ein Taschenbuch zu einem
eigentlich lächerlich geringen Preis, nicht sofort zu erfüllen, sondern erst darüber
nachzudenken, wie ich meine kläglichen Ressourcen über dreißig Tage verteilte. Der
Schnaps war ein anderes Problem, das ich bis jetzt noch nicht gelöst hatte. Mit meinen
verfügbaren Mitteln war er nicht zu bezahlen und aus den wenigen Flaschen in der kleinen
Hausbar meiner Eltern hatte ich schon soviel abgetrunken, dass sie es eigentlich hätten
merken müssen. Ich brauchte einfach ein paar ordentliche Drinks, um nicht bei jeder
Kleinigkeit aus der Haut zu fahren. Die ständigen Ermahnungen meiner Mutter über alle
möglichen Kleinigkeiten und die Vorhaltungen meines Vaters, wenn ich wieder einmal eine
schlechte Arbeit in einem Fach nach Hause gebracht hatte, in dem ich vor ein paar Monaten
noch recht gut gewesen war, zerrten an meinen Nerven. Besonders schlimm war es nach dem
Elternsprechtag. Da kam zu der Ratlosigkeit meiner Eltern noch das kollektive
Kopfschütteln der Lehrer über ein solches Absinken der schulischen Leistungen. Das
einzige, was mich rettete, war die Tatsache, dass meine Eltern glaubhaft versichern
konnte, ich würde jeden Tag an meinem Schreibtisch sitzen und büffeln. Im Prinzip
stimmte das und ich war auch willens, aber immer häufiger drifteten dabei meine Gedanken
in die Zeit ab, aus der man mich herausgerissen hatte. Ich hatte nur zwei Wochen Urlaub
vom Stress im Büro machen wollen, nicht bei jedem Telefonklingeln zusammenzucken und mit
einer Beschwerde von Kunden rechnen müssen. Einfach nur in der Sonne liegen, was auch gut
geklappt hatte, bis Silvia aufgetaucht war. Jetzt saß ich hier und mußte die meisten
Jahrzehnte meines Lebens noch einmal durchmachen und es hatte nicht den Anschein, als ob
sie besser werden würden. Und Silvia? Es lief gar nicht so, wie ich mir das vorgestellt
hatte. Ich hatte mir vorgenommen, heute nachmittag einen entscheidenden Schritt zu
unternehmen. Sie würde in ein paar Minuten vorbeikommen und meine Mutter wäre noch
mindestens drei Stunden unterwegs.
"Hallo", begrüßte ich Silvia, als sie pünktlich um halb
drei klingelte. Sie trat in den Flur und schaute sich um.
"Ist deine Mutter nicht da?"
"Nein, sie ist zum Geburtstagskaffee bei einer Bekannten."
Dabei grinste ich Silvia verschwörerisch an. Sie blickte sich nochmals, fast misstrauisch
um. Das hätte mich eigentlich warnen müssen, aber mein Plan kam ins Rollen und nichts
konnte ihn aufhalten. Wir waren allein und jetzt war es endgültig an der Zeit, Silvia in
das Wunder der Liebe einzuweihen.
Als wir auf meiner Bettcouch halb saßen, halb lagen stellte sie sich
genauso an, als ob meine Mutter vor der Tür stände. Ich kümmerte mich nicht darum.
Widerwillig ließ sie sich die Bluse und den BH ausziehen, zumindest etwas, was sie noch
nie zuvor zugelassen hatte. Ich genoss ihren nackten Oberkörper und machte mir an ihrer
Hose zu schaffen. Dann dachte ich mir, sie könnte auch etwas für mich tun und legte ihre
Hand auf die ausgebeulte zwischen meinen Beinen. Kaum hatte ich meine Hand von der ihren
genommen, zog sie sie auch schon wieder zurück. Während meine andere Hand in ihrer Hose
und in dem fechten Spalt zwischen ihren Beinen eingeklemmt war, versuchte ich es wieder,
doch sobald ich ihre Hand los ließ, verschwand sie wieder von der Stelle, wo unter dem
Jeansstoff mein Glied pochte. Schließlich wurde es mir zu dumm. Ich stand auf und zog mir
die Jeans samt Unterhose bis zu den Knien herunter. Prall und feucht glänzend reckte sich
ein sehnsüchtiger Teil vom mir Silvia entgegen.
"So sieht ein nackter Mann aus", sagte ich mit rauher Stimme,
"und es wäre schön, wenn du das jetzt in die Hand nehmen würdest."
Silvia schaute mich mit unsicherem Blick an und vermied das anzusehen,
worauf ich eigentlich ihre Aufmerksamkeit hatte lenken wollen. "Nun mach schon! Es
beißt nicht." So wie ich war legte ich mich wieder neben sie und nahm wieder ihre
Hand. Mit einer energischen Bewegung machte sie sich frei. "Was ist? Reizt dich das
nicht?" Ihr Gesicht war wie versteinert. "Das hat man in dem langweiligen und
lächerlichen Film allerdings nicht gesehen. Aber nur so funktioniert es." Ich
versuchte, ihr die Hose ganz auszuziehen.
"Was hast du vor?" keuchte sie.
"Ich will mit dir schlafen. Du brauchst keine Angst vor einer
Schwangerschaft zu haben, ich habe Präservative hier." Ich griff unter das Bett, wo
ich ein Päckchen Kondome deponiert hatte und hielt ihr eins davon vor die Nase. "Das
ziehe ich mir über und dann kann nichts passieren."
"Bist du sicher?" fragte sie mit zitternder Stimme.
"Natürlich und ich weiß auch damit umzugehen." Sie schien
auf eine merkwürdige Weise zugleich ablehnend und bereit. Ich wartete nicht, bis sich die
Waagschale nach der falschen Seite neigen konnte.
"Komm", forderte ich sie auf und zog ihr langsam die Hose aus
und dann ihren geblümten Jungmädchenschlüpfer. Hektisch riß ich mir dann die Kleider
vom Leibe. Sie half mir nicht dabei, sondern lag nur einfach da. Langsam fuhr ich mit
meinem Mund von ihren Brustwarzen über den Bauch bis zu ihren Schamhaaren hinunter. Sanft
drückte ich Silvias Beine auseinander und ließ meine Zunge spielen. Ich wollte beim
ersten Mal alles richtig machen und mir Zeit lassen, alle Zeit der Welt. Doch um keinen
Preis eben dieser Welt, hätte mich Silvia da berührt, wo ich es mir am meisten
wünschte.
"Angst?" fragte ich Silvia.
Sie schluckte und meinte dann: "Ein bisschen. Du tust mir doch
nicht weh?"
"Nein, ich bin ganz vorsichtig", versicherte ich ihr.
"Und es kann auch nichts passieren?"
"Nein, du brauchst dir keine Sorgen zu machen."
Dann kam der Zeitpunkt meine Kenntnisse in der Benutzung eines
Präservativs zu beweisen. Ich riss die Verpackung auf, nahm den aufgerollten Ring aus
Gummi heraus und wollte ihn über mein knochenhartes Glied stülpen, das in dem Moment in
sich zusammenfiel. Plötzlich lag auf meinem Bauch nur noch ein schrumpliges Würstchen.
Zuerst versuchte ich den Gummi darüber zu bringen, was natürlich nicht gelang, dann es
durch heftiges Reiben wieder hart zu bekommen, aber es blieb immer ein schlaffes
Würstchen.
"Was ist los?" fragte Silvia, die meine Bemühungen verfolgt
hatte.
Was los ist, schrie es in mir, endlich bin ich am Ziel meiner
wochenlangen Tagträume und nun krieg' ich keinen hoch. "Wart mal einen Moment",
sagte ich statt dessen. Ich saugte mich wieder an ihren Brustwarzen fest, rieb mit meiner
Hand zwischen ihren Beinen herum, drückte meinen Unterleib mit dem schlaffen Etwas an
ihren Oberschenkel, aber nichts passierte. Nach einiger Zeit gab ich auf. In einer anderen
Zeit hätte eine Frau auf ein paar Tricks zurückgreifen können und es auch wohl getan,
aber selbst mir war klar, dass ich so etwas gegenüber Silvia noch nicht einmal hätte
andeuten können. Sie war noch einmal davon gekommen. Und mir war klar, die Chance kommt
nicht so schnell wieder.
Der Abschied fiel recht eigenartig aus. War es Enttäuschung, die ich
bei ihr zu spüren glaubte? Wie mußte sie sich fühlen, endlich bereit oder durch die
Situation dazu gebracht, es über sich ergehen zu lassen und dann das. "Ich rufe dich
morgen an", sagte ich noch, als sie schon fast an der Gartentür war.
"Ja, mach das." Dann war sie hinter der Hecke, die unser
Grundstück umschloss, verschwunden. Mir waren die Schnapsvorräte meiner Eltern egal. Ich
leerte zuerst die Flasche Asbach, dann den Eckes Edelkirsch und ließ das darauf folgende
Donnerwetter mit stoischer Ruhe über mich ergehen. Erklären warum und wieso konnte ich
eh nicht. Und das hatte nicht unbedingt nur etwas mit meiner Pleite bei Silvia zu tun.
Außerdem wurde mir kotzübel, was meine Eltern wiederum als gerechte Strafe ansahen.
In der Woche nach den Herbstferien kam es Schlag auf Schlag. Am Montag bekamen wir
unsere erste Deutscharbeit dieses Schuljahres zurück. Eigentlich hatte ich ein gutes
Gefühl und inhaltlich war das, was ich abgeliefert hatte, auch ganz passabel und wäre
wohl ein Befriedigend geworden, wenn nicht meine Rechtschreibung eine Katastrophe gewesen
wäre. Ich konnte das Kopfschütteln unseres Lehrers nicht begreifen und schaute entsetzt
auf das Meer von roter Tinte, das meine Arbeit verunstaltete. Alles war doch in Ordnung.
Einige falsche Kommas und ein paar unterkringelte Worte, wie fokusieren, bei
denen mir in diesem Augenblick bewußt wurde, dass es sie noch gar nicht gab. Doch die
Masse der Fehler waren eindeutig keine. Ich warf erbost das Heft auf die Schulbank.
"Zeig mal deine Arbeite", forderte ich Gerhard auf. Wir
tauschten die Hefte aus. Erst als ich einen Blick auf seine Arbeit warf, fiel es mir wie
Schuppen von den Augen. Die neue Rechtschreibung. Gleichzeitig meinte Gerhard, wie um mich
zu bestätigen: "Sag mal ß kennst du wohl überhaupt nicht und Delfin mit F find ich
toll und deine Groß- und Kleinschreibung ist auch ziemlich willkürlich. Mensch Bernd,
was ist den los? So etwas habe ich ja noch nie gesehen."
Ich zuckte resignierend mit den Schultern und nahm meine Arbeit wieder
an mich. Schon gut, dachte ich mir, in dreißig Jahren wirst du es verstehen. So ging ich
denn hin, mit einem Problemfach in meinem umfangreichen Repertoire mehr. Nach der Schule
wartete ich auf Silvia, aber ich verpasste sie. Das redete ich mir zumindest ein, nachdem
ich sie nur am Tag nach meinem verunglückten Versuch, mit ihr zu schlafen, kurz am
Telefon gesprochen hatte. Bei weiteren Versuchen, hatte mir ihre Mutter gesagt, Silvia sei
nicht zuhause und würde zurückrufen, was nicht geschah. Irgendwie hatte ich den
Eindruck, ihr war diese Entwicklung nicht ganz unrecht. Bei dem Gedanken an ihren
bevorstehenden Tod schlicht sich ein hämischen Grinsen in mein Gesicht. Sie sollte sich
genau überlegen, was sie tat, schließlich hielt ich ihr Schicksal in den Händen.
Die Sache mit Silvia klärte sich schnell auf. Als ich nach Hause kam
lag ein Brief für mich auf dem Garderobenschrank im Flur. Er kam von Silvia und enthielt
in ein paar Sätzen die Mitteilung unserer Trennung. Obwohl mir meine Erfahrung sagte,
dass es zwecklos war, griff ich zum Telefon. Ich hatte Glück, denn es war tatsächlich
Silvia, die den Hörer abnahm, aber das war auch schon alles. Mehr als ein paar
"Jas", "Es ist nun mal so" und "Ich habe mir das gut
überlegt" bekam ich nicht von ihr zu hören. Ein weiteres Treffen mit mir, um über
alles noch einmal zu reden, lehnte sie ab. Es gebe nichts mehr zu besprechen. Nun war
genau der Fall, dem ich entgegen zu wirken in diese Zeit gekommen war, schon viel früher
eingetreten. Damit war mein weiterer Aufenthalt hier sinnlos. Ich hatte es vermasselt und
wollte zurück. Doch auch am nächsten Morgen schrieb man wieder und noch das Jahr 1968.
Und so blieb es auch, zumindest bis Silvester. Irgendwann gab ich auf,
abends, wenn ich ins Bett ging, zu hoffen, am nächsten Morgen in einem Liegestuhl am Pool
eines Thailändischen Hotels aufzuwachen. Natürlich schaffte ich das Klassenziel nicht
und mußte die Obersekunda wiederholen. Zwei Versuche Silvia zurückzugewinnen waren schon
im Ansatz dumm und blieben erfolglos. So erfolglos, wie mein zweiter Versuch in die
Unterprima versetzt zu werden. Warum auch? Der einzige Grund meines Hierseins hatte sich
schon nach einigen Wochen erledigt gehabt. Mit einem zweiten "Nicht versetzt"
ging ich von der Schule ab und begann eine Ausbildung als Reisebürokaufmann, die ich
einen Tag nach meinem einundzwanzigsten Geburtstag abbrach. Endlich war ich Volljährig.
Meine Eltern verstanden mich schon lange nicht mehr. Auch ihnen war nicht verborgen
geblieben, dass ich inzwischen Alkoholiker war. Zwei Tage nachdem ich mich aus dem
Reisebüro verabschiedet hatte, brach ich auf und trieb mich in den Innenstädten und auf
den Platten herum, übernachtete in Schrebergärten und wäre im ersten Winter fast
erfroren, bis ich gelernt hatte auf der Straße zu überleben. Wenigstens bin ich jetzt
mit Leuten zusammen, denen ich meine Geschichte erzählen kann. Immer und immer wieder und
es ist nur eine Geschichte unter unzähligen anderen, die viel unglaublicher klingen.
© 2003 by Florian F. Marzin
Mit freundlicher Genehmigung des Autors |
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