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The phantastic Worlds of Science Fiction Story

Florian F. Marzin

Palimpsest

Science Fiction
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Ich wachte auf und glaubte mich in einem Traum. Also schloss ich die Augen, um zu sehen wie die Sache weiterging. Es dauerte nicht lange, bis ich davon überzeugt war, wirklich wach zu sein. Ich lag in meinem Bett und blickte in meine Vergangenheit, die auf einmal Gegenwart zu sein schien. Dann begriff ich endgültig. Da war sie, die zweite Chance. Unglaublich, aber es war so. Ich lag in meinem Zimmer, im Hause meiner Eltern. Ein Zimmer in einem Haus, dass meine Eltern schon lange nicht mehr bewohnten, angefüllt mit Möbelstücken, die es längst nicht mehr gab. Ich strich mir durchs Gesicht und vermisste das rauhe Kratzen der Bartstoppeln, dafür waren meine Haare dicht und lang. Ich riss die Bettdecke zurück. Es war der Körper eines Jungen. Kaum Brustbehaarung und schon gar nicht grau. Die Frage war: wann war ich genau. Ich schaute auf den großen Wecker auf der Bettkonsole, dessen lautes Ticken mir erst jetzt bewusst wurde. Es war halb elf. Ich blieb noch einen Moment liegen und blickte mich im Zimmer um. Die Sonne fiel durch die beiden kleinen über meinem Bett befindlichen Fenster, an der Wand gegenüber hing das Poster aus dem Weißen Album der Beatles und auf dem Boden lagen die Kleidungsstücke verstreut, die ich gestern wohl getragen hatte. Bedächtig stand ich auf und ging an meinen Schreibtisch. Das oberste Blatt des Abreißkalenders zeigte den 22. September 1968, ein Samstag. Also mußte heute Sonntag sein. Sehr wahrscheinlich, denn offensichtlich kein Schultag. Ich ging zur Toilette und traf meine Mutter.
   "Ist was nicht in Ordnung? War wieder ein bisschen spät gestern abend."
   Ich starrte sie einfach an. Sie war eine gutaussehende Frau. Zumindest für ihr Alter. Ich rechnete nach. Sie mußte Anfang vierzig sein. Durchaus attraktiv für einen Mann Mitte fünfzig. Der einzige Fehler war, dass er im Körper eines Siebzehnjährigen steckte und ihr Sohn war.
   "Nein, nein alles in Ordnung", stammelte ich und der Klang meiner eigenen Stimme erschreckte mich. Dann verschwand ich in die Toilette. Ich stützte mich auf das Waschbecken und brachte es nach einiger Zeit fertig, einen Blick in den Spiegel zu werfen. Da ich erwartet hatte zu sehen, was ich jetzt wirklich sah, war der Schock nicht allzu groß. Dennoch brauchte ich ein paar Minuten, bis ich mich mit meinem neuen, alten, längst vergangenen Äußeren angefreundet hatte. Ich sah so aus, wie auf den wenigen Bildern, die ich aus jener längst vergangenen Zeit noch besaß. Lange Haare, schmales Gesicht und ein Anflug von Flaum auf der Oberlippe. Dafür war der Rettungsring um meine Hüften und die schon weit fortgeschrittene Stirnglatze verschwunden. Jetzt musste ich aber wirklich pinkeln.
   Drei Stunden später, nach dem Mittagessen, das ich sehr einsilbig hinter mich gebracht hatte, saß ich vor meinem Schreibtisch, angeblich um zu lernen, und versuchte, mir über meine Situation klar zu werden. Es war unglaublich, aber war es auch wahr? Ich konnte mir allerdings nicht vorstellen, dass ein Traum so realistisch sein konnte. Trotzdem war es eigentlich unmöglich. Es war eine zweite Chance, doch wie sollte ich sie nutzen? Eigentlich wusste ich schon genau wie, aber in Anbetracht der eingetretenen Realität erschien mir das doch nicht so einfach. Mein Vater, er sah mir erschreckend ähnlich, das heißt mir in gut dreißig Jahren, hatte mich mit seinen Fragen über mein zu spätes Nachhause kommen genervt und ich hatte keine Ahnung, was ich gestern abend gemacht hatte. Natürlich nicht, denn gestern abend hatte ich am Swimmingpool eines Hotels in Hua Hin gesessen. Ich klammerte die Frage, was mit meinem Körper in jener anderen Welt passiert war, einfach aus. In dieser Welt war ich anscheinend auf einer Party gewesen.
   Ich musste die Sache systematisch angehen. Wenn das Datum stimmte, dann war ich gerade siebzehn geworden, ging in die elfte Klasse des Gymnasiums und war bestenfalls als durchschnittlicher Schüler zu bezeichnen. Ich durchwühlte meinen Schreibtisch und versuchte ein schon gelebtes Leben zusammenzusetzen. Das Wichtigste war Silvia. Sie war der Grund, warum ich hier war. Warum ich diese zweiten Chance herbei gewünscht hatte. Und nun war sie Wirklichkeit geworden. Oder vielleicht nicht? Bestand nicht die Möglichkeit, dass ich doch träumte? Oder schlimmer noch, dass ich eben jetzt an diesem Pool in Hua Hin starb und es das perfide Spiel irgendeiner Macht, an die wir nicht glauben, war, mir in diesem Moment vorzuspiegeln, es gäbe eine zweite Chance? Egal, ich wollte sie nutzen.
   "Bernd! Bernd, Telefon!"
   Meine Mutter rief aus der Diele herauf. Ich stand schwerfällig und halb benommen von meinem Stuhl auf und polterte die Treppe hinunter. Meine Mutter stand neben dem Telefon, den Hörer in der Hand und flüsterte mir zu: "Es ist Silvia."
   "Hallo", meldet ich mich und meine Hände zitterten.
   "Hallo ist gut", klang eine vertraute, doch in diesem Moment sehr kindliche Stimme aus dem Hörer. "Wo bleibst du denn? Was ist denn los? Wir waren doch um drei verabredet."
   "Bist du das, Silvia?" fragte ich nach kurzen Zögern mit rauher Stimme.
   "Natürlich bin ich das. Wer denn sonst."
   "Ja, ja ich war nur...", ich ließ den Satz verklingen, denn ich wußte eigentlich nicht weiter. "Einfach so..."
   "Was heißt, so? Hast du das etwa vergessen. Ich warte hier seit einer halben Stunde auf dich."
   "Tut mir leid. Ich habe mich auf die Schule vorbereitet", log ich nicht sehr glaubwürdig.
   "Steht deine Mutter neben dir oder was ist? Du und auf die Schule vorbereiten..."
   "Schon gut. Tut mir leid ich komme sofort. Wo bist du?"
   "Na hör mal, leidest du an Gedächtnisschwund? Ich bin in der Telefonzelle am Park und warten dann an der Stelle, wo wir uns immer treffen, auf dich."
   "Ich bin in zehn Minuten bei dir", gab ich zurück. "Bis gleich."
   Ich legte auf. Der Kurpark war nicht allzu groß und schemenhaft kam auch die Erinnerung wieder, wo wir uns üblicherweise getroffen hatten. Alles das lag weit zurück, oder alles andere lag in ferner Zukunft, wie der Tag, an dem ich Silvia wiedergetroffen hatte.
   Eines Morgens saß sie mit ihrem Mann und ihren beiden, fast erwachsenen Töchtern beim Frühstück auf der Terrasse eben jenes Hotels in Hua Hin, in dem auch ich meinen Urlaub verbrachte. Als ich an ihrem Tisch vorbeiging blickte sie nur kurz auf. Dann ein weiterer Blick, vielleicht auch mehr, die ich nicht alle bemerkte und dann erkannten wir uns. "Bist du nicht... natürlich und du?" Das übliche Geplänkel, das Erstaunen und am Abend nahmen wir alle zusammen einen Drink an der Bar. Sie war stolz auf ihren Mann, ihre Töchter und man versuchte über dreißig Jahre Leben in wenige Sätze zu fassen. An diesem Abend vor vier Tagen ging ich mit einem eigenartigen Gefühl ins Bett, aber nicht für lange. Nachdem ich ein paar Mal wieder aufgestanden war und die Minibar in meinem Zimmer geplündert hatte, war klar, dass ich sie besser nicht wieder getroffen hätte. Am nächsten Morgen wurde ich beim Frühstück mit einem freudigen "Hallo" begrüßt. Eigentlich hatte ich gehofft, Silvia erst einmal aus dem Weg gehen zu können und war schon um sieben Uhr am Buffet erschienen, aber da saßen sie und waren schon fast fertig. Sie wollten alle zusammen zum Golfplatz, bevor es so richtig heiß würde. Ich nickte und wir wechselten noch ein paar belanglose Worte. Dann ging ich zu dem thailändischen Koch hinüber und bestellte mein übliches Omelette mit Zwiebeln, Pilzen und Käse. Während er ans Werk ging holte ich mir einen Kaffee, legte zwei Scheiben Toast in den unförmigen Toastautomaten und brachte meinen Kaffee zu einem kleinen Tisch am Rande der Terrasse.
   Ich war ganz in mein Frühstück vertieft, als Silvia noch einmal zu mir kam. "Laß uns doch heute abend etwas gemeinsam unternehmen. Wir wollen in die Stadt. Treffen wir uns um sieben an der Bar." Es war eigentlich keine Frage. Ich nickte hilflos mit vollem Mund. Den Tag verbrachte ich am Swimmingpool und schwankte, ob ich dieses abendliche Beisammensein wollte oder nicht. Zumindest in die Bar mußte ich gehen, alles andere wäre unhöflich gewesen. Der Tag verging mit dem Erfinden von schlechten Ausreden und dem Verwerfen derselben. Silvia schien auf eine unschuldige Art davon begeistert zu sein, einen alten Schulkameraden wieder getroffen zu haben. Ich war mir zu diesem Zeitpunkt nicht so sicher. Trotzdem fand ich mich pünktlich in der Bar ein und hatte keine Einwände mit ihnen zusammen das Hoteltaxi in die kleine thailändische Stadt zu nehmen. Wir aßen in einem einheimischen Restaurant, schlenderten über den Nachtmarkt, erstanden billige Kopien von Markenwaren, auf denen noch nicht einmal das aufgenähte Logo echt war und achteten darauf, dass uns die Töchter nicht abhanden kamen. Unser Ausflug endeten gegen Mitternacht in der Hotelbar mit einem letzte Drink. Am zweiten Abend umarmte mich Silvia zum Abschied. Der flüchtige Kontakt mit ihrem Körper unter einem Hauch von Seidenkleid brachte mit einen Mal die Erinnerung zurück und die Erkenntnis, dass ich sie liebte, immer noch liebte. Und den Wunsch, die vergangenen Jahre ungeschehen zu machen.
   Genau an diesem Punkt befand ich mich jetzt.
   Ich legte den Telefonhörer auf und rief meinen Eltern zu, dass ich mich mit Silvia treffen würde. Wenn alles so war, wie ich mich glaubte zu erinnern, dann mußte mein Fahrrad in der Garage sein. Es stand unter der Terrasse. Wahrscheinlich war ich gestern so spät nach Hause gekommen, dass ich meinen Eltern durch das Öffnen des Garagentors nicht mehr wecken wollte. Das brachte mich wieder an den Punkt, wo ich gern wissen wollte, was ich gestern getan hatte und ob ich mit Silvia zusammen gewesen war. Ich merkte wie meine Hände zitterten als ich mich vor unserm Haus auf das Rad schwang und die leicht abschüssige Straße hinunterfuhr. In meinen Kopf verwischten sich das Bild einer reifen Frau mit dem eines jungen Mädchens. Ich wußte nicht, welcher Person ich begegnen wollte. Ich selbst war eine Mißgeburt der Natur. Ein fünfzigjähriges Bewußtsein in einem siebzehnjährigen Körper. Wie küßten man in diesem Alter? Ich konnte mich nicht erinnern. Natürlich wußte ich noch um unsere verschämten sexuellen Spielchen, meine Hand unter ihrem Pulli und in ihrer Hose, besonders unter ihrem Rock, wenn sie mal einen trug, aber könnte ich das jetzt auch noch? Und natürlich wußte ich, dass es keine drei Monate mehr dauern würde, bis Silvia mit mir Schluss machte. Ich war fest entschlossen, es nicht dazu kommen zu lassen. Zwischen heute und dem anderen heute lagen eine Reihe von Frauen und eine gescheiterte Ehe. Aus allem hatte ich viel gelernt, was es jetzt auf ein junges Mädchen anzuwenden galt.
   Die Straßen zum Park waren leer, wie vor dreißig Jahre, sagte ich mir mit einem Grinsen. Die Sonne schien und ein neues Leben lag vor mir, als ich von der Hauptstraße in den Kurpark einbog und an der Telefonzelle vorbei rollte, von wo aus mich Silvia angerufen hatte. Der Kies knirschte vertraut unter den Reifen als ich bremste und abstieg. Ich trat in eine Welt ein, die seltsam vertraut und doch fremd war. Die herausgeputzten Kinder, die Männer in Anzügen und Krawatte und die Frauen in Kleidern, die irgendwann in den späten neunziger Jahren eine Renaissance erlebt hatten. Kurgäste schlenderten zwischen den Blumenrabatten und im Schatten der Bäume entlang und nirgendwo klingelte ein Handy. Von der Hauptstraße her klangen nur vereinzelte Geräusche von Autos herüber. Ich musterte vielleicht etwas zu auffällig die Menschen, denen ich begegnete und sah schnell weg, wenn sie mich fragend anblickten. Ich sah in die Augen von Toten, wurde mir plötzlich klar. Die meisten von denen, die über fünfzig waren, mussten in meiner Gegenwart schon tot sein. Ich beschleunigte meine Schritte und folgte dem breiten Kiesweg in den hinteren Teil des Parks, dessen Grenze von einem Bach gebildet wurde auf dessen anderer Seite sich Wiesen erstreckten. Dort hinten wartete Silvia auf mich. Hinter hohen Hecken gab es ein verstecktes Plätzchen mit einer alten, ziemlich wackligen Bank und dem Vorteil, dass sich kaum jemand dorthin verirrte. Ich zögerte, mein Herz schlug bis zum Halse und ich war nervös wie bei meinem ersten Rendezvous und eigentlich war es das ja auch fast. Wie würde dieses Wiedersehen nach so langer Zeit verlaufen? Das Problem war, dass es nur für mich eine lange Zeit war.
   "Hallo, da bist du ja endlich." Silvia hatte nicht an unserem Platz gewartet, sondern stand an der Weggabelung, wo der schmale Pfad zum Bach hinunter und zu unserem Heckenversteck führte.
   Im ersten Moment war ich erstaunt, ja entsetzt. Vor mir stand ein Kind, na ja nicht direkt ein Kind, aber ein verdammt junges Mädchen. Ein Wesen, das ich nur als Tochter meiner gleichaltrigen Freunde und Bekannten kannte. Ich blickte an mir herab, um mich noch einmal zu vergewissern, dass zumindest mein Körper ihrem Alter entsprach. Silvia stand da und wartete auf eine Begrüßung. Mit der einen Hand hielt ich mein Fahrrad fest, nahm sie in den Arm und gab ihr einen flüchtigen Kuss. Den Kuss eines Vaters, der seine Tochter begrüßt.
   "He, was ist los?" fragte sie mich erstaunt.
   "Was soll los sein?" gab ich unsicher zurück. Sie drückte sich an mich, legte mir den Arm um den Nacken und preßte ihre halb geöffneten Lippen auf die meinen. Ein süßlicher Geschmack von Schokolade breitete sich mit ihrer Zunge in meinem Mund aus. Wenn man uns sah, was sollten die Leute denken, fuhr es mir durch den Kopf, bis ich mich daran erinnerte, dass wir nur zwei verliebte Teenager waren. Silvia löste sich von mir und holte ihr Fahrrad, das sie neben dem Weg an einen Baum gelehnt hatte. Hand in Hand, unsere Räder neben uns herschiebend, gingen wir am Bach entlang zu unserer Bank. Sie plapperte drauflos, bemerkte glücklicherweise nicht meine Einsilbigkeit und so erfuhr ich ziemlich viel über den gestrigen Abend. Verstohlen versuchte ich das Bild der erwachsenen Silvia in Hua Hin mit dem Mädchen an meiner Seite zur Deckung zu bringen. Das Bild, das ich von meiner Jugendliebe im Kopf hatte, traf noch einigermaßen zu. Die langen, braunen Haare waren dreißig Jahre später kurz und rot gefärbt, das schmale Gesicht war glatt ohne Schminke und Krähenfüße und an der schlanken, fast knabenhaften Figur fehlten die Spuren von zwei Schwangerschaften. Die Aussicht mein Leben mit Silvia zu verbringen, ließ mich zittern. Die Vorstellung, irgendwann in nächster Zeit mit ihr zu schlafen, noch viel mehr.
   Wir waren in unserem Versteck angekommen, stellten die Räder ab und ich setzte mich auf die Bank; Silvia auf meinen Schoß und machte da weiter, wo sie bei unserer Begrüßung aufgehört hatte. Deutlich spürte ich, dass mein Körper wirklich eine paar entscheidende Jahre jünger war, als das, was über die Zeit seinen Weg hierher gefunden hatte. Silvias Küsse waren wild, ungestüm und von überraschender Unbeholfenheit, die ich versuchte mit der Erfahrung eines alten Mannes auszugleichen. Nach einer Weile rutschte sie von meinem Schoß herunter neben mich.
   "Jetzt sag mal was los ist, Bernd. Erst vergisst du unsere Verabredung und dann bist du am Telefon noch so komisch."
   Aus dem was sie bis jetzt erzählt oder auch nur angedeutet hatte, wusste ich, dass wir gestern Abend auf einer Party gewesen waren, sie um zehn Uhr zu Hause sein musste, aber erst um elf mit mir gegangen war und mit ihren Eltern Krach bekommen hatte. Zu unserem verabredeten Treffen hatte sie sich aus dem Haus geschlichen und war natürlich stinksauer gewesen, als ich nicht aufgetaucht bin. Langsam wurde mir mulmig. Um elf Uhr zu Hause sein. Morgen in die Schule. Und noch endlose Jahre das tun, was mir Leute sagen, die zehn Jahre jünger waren als ich. Es würden ein Tanz auf einer Nadelspitze werden, der jetzt in diesem Augenblick begann. Zuerst mußte ich mich einmal aus dieser Situation retten.
   "Ich fühle mich nicht besonders. Irgendwie habe ich nicht gut geschlafen und weiß kaum noch, was gestern Abend eigentlich passiert ist."
   "Das wundert mich nicht. Du hast ganz schön geschwankt, als du mich nach Hause gebracht hast. Mein Vater hat das auch gemeint."
   "Wieso?"
   "Er hat natürlich hinter dem Fenster gestanden und auf mich gewartet."
   "Ja, ja dein Vater", räumte ich ein und versuchte mich an Herrn Seewald zu erinnern. Er war nur noch ein schwacher Schemen in meinem Kopf. "Lebt er eigentlich noch?" Kaum hatte ich es ausgesprochen, wurde mir mein Fehler bewusst. Silvia schaute mich dementsprechend erstaunt an.
   "Was soll denn die Frage?"
   "Na, ich dachte, er hat sich vielleicht tot geärgert weil du gestern zu spät nach Hause gekommen bist."
   Sie lächelte etwas gezwungen. "Nein, so schlimm war es auch wieder nicht. Aber du kennst ihn ja."
   Eigentlich nicht mehr, ging es mir durch den Kopf, gefolgt von dem Gedanken, ob ich Silvia nicht alles erzählen sollte, den ich aber sofort wieder verwarf. Zumindest nicht jetzt. Ich musste mir noch über vieles selbst erst einmal Gedanken machen. Doch das konnte ich in diesem Moment nicht, da sich Silvia wieder in meine Arme drängte und weiter unschuldige Zärtlichkeiten austauschen wollte. Meine Hand schlich sich unter ihren Pullover, mehr weil ich annahm, dass sie es erwartete, als dass ich es in diesem Moment wirklich wollte. Ich streichelte ihre Brüste, dann glitt meine Hand an ihren Jeans entlang zwischen ihre Beine und rieben an dem harten Stoff.
   "Liebst du mich?" eine Frage wie sie nur ein junges Mädchen in einem solchen Moment stellen konnte. Natürlich liebte ich sie, sogar noch nach über dreißig Jahren, doch das ahnte sie nicht. Aber was wusste sie schon von Liebe? In drei Monaten würde das alles nichts mehr zählen. Ich brummte etwas in ihre langen Haare hinein, was man als "Ja" interpretieren konnte. Sie ließ sich dadurch nicht irritieren und wir knutschten weiter auf unserer Bank herum. Ein Teil von mir, der siebzehn war, machte sich in meiner engen Jeans unangenehm bemerkbar und konnte doch nicht auf Erleichterung hoffen, während der alte Mann in mir kopfschüttelnd neben uns stand und nicht wusste, ob er weinen oder lachen sollte.
   Schließlich löste sich Silvia von mir und strich sich die Haare glatt. Sie warf einen Blick auf ihre Uhr und meinte: "Ich muß jetzt. Ich bin schon viel zu lange weg, aber eigentlich weiß meine Mutter genau, dass ich mich mit dir treffe. Gesagt habe ich, dass ich zur Eisdiele fahre. Das war vor zwei Stunden."
   "Soll ich noch mitkommen?" fragte ich unsicher.
   "Natürlich, aber nur bis zur Ecke. Man braucht dich nicht unbedingt zu sehen. Mein Vater meint nämlich, dass du der Grund bist, weshalb ich mich über seine Anordnungen hinwegsetze."
   "So?"
   Sie lachte und stand auf.

Der nächste Tag war Montag und ein Schultag. Abends um neun saß ich an meinem Schreibtisch und gewöhnte mich gerade wieder daran, wie verkratzt Schallplatten klingen, wenn man aus einer Zeit stammt, in der sie als Relikt der Jugendtage neben den CD's verstauben. Ich hätte ein Königreich für eine Zigarette gegeben, doch zu dieser Zeit war ich noch Nichtraucher. Eigentlich brauchte ich sie auch nicht, denn mein Körper war noch nicht an das Nikotin gewöhnt, doch mein Geist sehnte sich nach einer Beruhigung. Ich hatte geglaubt, meine neue Situation im Griff zu haben, aber vielleicht war das zu kurz gedacht. Nach zwei Schulstunden stand ich kurz davor, mich krank zu melden und nach Hause zu gehen. Am liebsten wäre ich in mein Bett gekrochen und hätte die Decke über den Kopf gezogen, bis ich im nächsten Jahrtausend wieder aufwachte. Der Traum von der zweiten Chance entwickelte sich mit rasender Geschwindigkeit zum Alptraum. Willy Brandt war gerade Außenminister geworden und eine ganze Menge anderer Leute, die den Sozialkundeunterricht dominierten, waren schon lange tot. Studentenproteste im weit entfernten Frankfurt und noch weiter entfernten Berlin, die Alt-68er waren noch quietschfidel und feierten fröhliche Urstände. Ich saß da und biss mir die Zunge ab, nachdem ich einmal aufgerufen, die Frage nach dem amerikanischen Präsidenten mit Ronald Reagan beantwortete, weil der mir, ohne lang nachzudenken, am besten in die Zeit paßte. Nun, Politik war noch nie meine Stärke gewesen, aber vielleicht hätte ich mich doch an Johnson erinnern sollen. Egal, zumindest kannte sich Dr. Bruckner nicht so gut mit amerikanischen Filmen aus, als dass er Reagan gekannt, und vielleicht den Schluss gezogen hätte, dass ich ihn auf die Schippe nehmen wollte. Der Rest ging in dem Gelächter der Klasse unter. Ich zuckte hilflos mit den Schultern und grinste, was mir zumindest die Anerkennung meiner Klassenkameraden einbrachte und einen bösen Blick von Bruckner.
   In den naturwissenschaftlichen Fächern lief es besser, bis auf die Tatsache, dass ich wohl keine Chancen hatte, das Klassenziel zu erreichen. Ich mußte praktisch wieder bei Null anfangen. Während im Mathematikunterricht die anderen mehr oder weniger gekonnt irgendwelche Kurven berechneten, blätterte ich unauffällig und völlig hilflos im Lehrbuch herum. Physik und Biologie verstärkten nur meine Gewissheit, dass eine entsetzlich harte Zeit vor mir lag. Dann hatte ich meinen ersten Schultag überstanden. Den gesamten Nachmittag verbrachte ich sehr zum Erstaunen meiner Mutter in meinem Zimmer und versuchte mir einen Überblick zu verschaffen, wie schlecht ich wirklich dran war. Um halb sieben, als mein Vater nach Hause kam und wir zu Abend aßen, schätze ich meine Lage sehr beschönigend als aussichtslos ein. Und dann war da noch Silvia.
   Sie riss mich mit ihren Telefonanruf gegen vier Uhr aus meinen Grübeleien. Ihre Stimme klang ziemlich wütend und ich war froh, dass meine Mutter den Anstand besaß, in der Küche zu verschwinden und die Tür hinter sich zuzumachen. Unvorstellbar, ein einziges Telefon im ganzen Haus und das auch noch in der Diele.
   "Hör mal, was ist denn eigentlich los? Ich stehe vor der Schule und wer kommt nicht? Du! Ich kam mir richtig blöd vor. Petra und Gabi haben natürlich ihre dummen Kommentare abgegeben."
   "Wieso?" konnte ich nur fragen.
   "Wieso, wieso! Fällt dir auch noch etwas anderes ein? Ich hatte heute bis zur sechsten. Warum hast du nicht auf mich gewartet?"
   "Auf dich gewartet? Wieso?" Am anderen Ende der Leitung wurde deutlich ausgeatmet. Das gab mir eine minimale Pause, in der meine Gedanken unterstützt von Erinnerungsfetzen sich blitzschnell zusammenreimten, was passiert war. Ich hätte wohl auf sie warten müssen, war aber von dem Tag so mitgenommen gewesen, dass ich wirklich keinen Gedanken daran verschwendet hatte. "Tut mir leid, ich habe das total vergessen." Das konnte doch wohl nicht so schlimm sein, dachte ich mir und außerdem gab es jetzt wirklich Dringenderes. Meine Zukunft stand auf dem Spiel und nicht nur meine, sondern auch die von uns beiden. Ich hatte damals oder in zwei Jahren kein besonders gutes Abitur gemacht, aber mir damit den Zugang zur Universität verschafft, ein paar numerus clausus Fächer mal ausgenommen, die ich sowieso nicht studieren wollte.
   "Total vergessen..." Ihre Stimme war jetzt nicht mehr nur wütend, es klang Enttäuschung und Unglaube mit. Mir wurde auf einmal klar, dass ich nicht mit einem erwachsenen Menschen sprach.
   "Bin ich dir denn gleichgültig? Liebst du mich nicht mehr?" An diesen Worten erkannte ich, dass sie wohl mit dem Anruf gewartet hatte, bis sie alleine zu Hause war.
   "Natürlich liebe ich dich", flüsterte ich ins Telefon. "Bitte Silvia, versteh doch, ich hatte einen Scheißtag in der Schule. In zwei Wochen schreiben wir eine Mathearbeit und ich habe keinen blassen Schimmer, in Sozialkunde war ich völlig daneben und in Bio haben ich mich unsterblich blamiert." Ich durfte gar nicht mehr daran denken, wie ich mich enthusiastisch, Vererbungslehre stand auf dem Plan, gemeldet hatte, nicht zuletzt um eine Scharte aus den Sozialkundeunterricht auszumerzen und kurz über das Schaf Dolly und die Entschlüsselung der menschlichen Gene referiert hatte. Frau Metzler hatte den Anstand, meine Ausführungen nur als Zukunftsmusik hinzustellen, etwas wovon die Wissenschaftler noch lange träumen werden. Ungefähr fünfundzwanzig Jahre, Frau Metzler, hielt ich mich zurück zu entgegnen.
   "Das ist doch kein Grund mich einfach stehen zu lassen. Als ob die Schule so wichtig ist."
   "Natürlich hast du recht", antwortete ich. "Du bist viel wichtiger und ich verspreche dir, es wird nicht wieder passieren. Ich lade dich dafür zum Essen ein?" Wieder einmal zu spät bemerkte ich, dass aus mir der alte Mann sprach.
   "Was für Essen?" fragte Silvia dann auch sofort.
   "Na, ein Rieseneisbecher", lenkte ich schnell ein.
   "Und wann? Am besten jetzt gleich. Ich kann für eine Stunde weg. Treffen wir uns gleich im Dolomiti?"
   Ich dachte an das Buch über Infinitesimalrechnung, das oben auf meinem Schreibtisch lag, und lehnte ab; vertröstete sie auf morgen nach der Schule und versuchte die nächste halbe Stunde an meinem Schreibtisch sitzend die Enttäuschung in ihrer Stimme zu vergessen.
   Im Wohnzimmer murmelte leise und unverständlich der Fernseher, während ich, das Physikbuch vor mir, aus dem Fenster auf die Straße schaute. Die Dämmerung kroch zwischen den einzelnen Bäumen entlang und die dunklen Silhouetten der Straßenlampen waren Galgen, an denen sich mein Schicksal besiegeln würde. Es war unglaublich, was man in einem Leben alles vergessen konnte. Ich hatte keinen blassen Schimmer mehr von der Physik der elften Klasse, dafür erhoffte ich mir morgen einige Vorteile in den Fächern Englisch und Französisch, zwei Sprachen, die ich während der Schulzeit mehr schlecht als recht gemeistert hatte, doch mittlerweile ziemlich gut beherrschte. Deutsch würde auch hinhauen, machte ich mir Mut, es waren nur die naturwissenschaftlichen Fächer. Inzwischen war es dunkel geworden und die Straßenlampen waren keine Mordinstrumente mehr, sondern helle Flecken, die ihre Lichtinseln in regelmäßigen Abständen auf die Straße warfen. Ich dachte an Silvia, bis mein Verlangen nach ihr so groß wurde, dass ich nach unten in den Flur schlich und ihre Nummer wählte.
   "Seewald." Es war ihr Vater.
   "Guten abend, hier ist Bernd. Kann ich bitte Silvia sprechen?"
   "Jetzt? So spät?"
   Es war zehn und das sollte spät sein. "Ja - Entschuldigung, aber ich habe gar nicht auf die Uhr gesehen", quälte ich mich zu sagen.
   "Ich werde nachsehen, ob sie noch auf ist." Dann wurde der Telefonhörer irgendwohin gelegt.
   Meine Mutter steckte den Kopf aus der Wohnzimmertür. "Wen rufst du denn noch an? Weißt du, wie spät es ist?"
   "Ja doch", gab ich unwirsch zurück. "Es ist zehn, die beste Zeit des Tages." Sie schüttelte den Kopf und schloss die Wohnzimmertür. Ich wußte gar nicht mehr, wie rücksichtsvoll meine Mutter damals in solchen Dingen gewesen war. Es dauerte eine Ewigkeit bis Silvia sich endlich meldete und da wusste ich eigentlich nicht, was ich sagen sollte, nur was ich sagen wollte.
   "Tut mir leid, aber ich mußte dich unbedingt anrufen, deine Stimme noch mal hören", begann ich.
   "So?" es klang ziemlich reserviert.
   "Was ist denn los? Bist du immer noch sauer? Ich dachte, du freust dich, wenn ich anrufe."
   "So kann man das nicht sagen. Ich war schon fast im Bett."
   "Tut mir leid, aber da wäre ich jetzt auch gerne mit dir. Die Schule macht mich ziemlich fertig, besonders Mathe und Physik. Ich könnte jetzt etwas Trost gebrauchen. Du weißt schon, körperliche Nähe. Alles einfach vergessen bis morgen früh."
   "Da weiß ich auch nichts. Da kann ich dir nicht helfen. Ich bin auch keine große Leuchte in Mathe, aber vielleicht fragst du morgen mal den Gerhard."
   "He, spinnst du", sagte ich ohne darüber nachzudenken. "Ich rede hier von uns beiden und dass ich dich jetzt gerne im Arm halten würde und du erzählst etwas über Mathe."
   "Am besten, wir reden morgen in der Schule darüber", gab sie völlig unbeeindruckt zurück. "Gute Nacht." Und dann hatte sie aufgelegt. Ich hielt den Hörer weiter an mein Ohr und lauschte dem Freizeichen. Ein Rest von Vernunft hinderte mich daran, Silvias Nummer gleich noch einmal zu wählen. Ich schlich in mein Zimmer, stülpte mir die Kopfhörer über und hörte bis zwei Uhr nachts meine wenigen Platten durch und versuchte mich zu erinnern und vielleicht eine Antwort auf meine Fragen zu finden.

"Sag mal, bist du wahnsinnig geworden?" stürzte Silvia in der ersten großen Pause auf mich zu. "Mich mitten in der Nacht anzurufen und mich dann noch so in Schwierigkeiten zu bringen. Was glaubst du denn, was ich sagen kann, wenn mein Vater neben mir steht und jedes Wort mithört?"
   Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Natürlich, ihr Vater hatte neben ihr gestanden, deshalb Silvias seltsames Verhalten. Ich hätte es mir eigentlich denken können. "Tut mir leid, ich habe wirklich in dem Moment nicht nachgedacht."
   "Dir tut in letzter Zeit ziemlich oft etwas leid. Das sind jetzt schon zwei Eisbecher. Ich habe dir doch gesagt, dass du nach acht nicht anrufen sollst. Es hat wirklich keinen Zweck, da steht dann immer jemand in Hörweite."
   "Schon gut, schon gut." Ich hob beschwichtigend die Hände und legte dann einen Arm um Silvia. Wir gingen in einer Ecke des Schulhofs auf und ab. Der Englischunterricht war heute morgen gut gelaufen, meine Lehrerin hatte ihr Erstaunen über meinen sprunghaften Fortschritt kaum verbergen können und auch mit Deutsch war ich zufrieden. Die ersten beiden Stunden hatte mir einen kleinen Silberstreif am Horizont gezeigt.
   "Es war einfach", versuchte ich Silvia zu erklären, "dass ich gestern abend gerne mit dir zusammen gewesen wäre." Was ich da am liebsten mit ihr gemacht hätte, sagte ich ihr nicht. Das hätte ich ihrem späteren Ich vielleicht sagen können. Sie nickte, so als ob sie verstanden hätte und nicht abgeneigt gewesen wäre, wenn sie nicht sechzehn und ziemlich unschuldig wäre. Letzteres war ihr sicher nicht bewusst, sie hielt sich sicher schon für sehr erfahren und ließ einiges zu, was andere Mädchen nicht erlaubten.
   "Ich habe heute bis drei Uhr Sport, du erinnerst dich doch?"
   Ich erinnerte mich nicht, nickte aber wissend und sagte gleich: "Ich hole dich ab, dann bekommst du den versprochenen Eisbecher."
   "Sehr gut."
   Geld. An Geld hatte ich überhaupt noch nicht gedacht, war auch in meinem neuen, alten Leben noch nicht dazu gekommen, welches auszugeben. Sicherlich bekam ich Taschengeld, aber wie viel, daran konnte ich mich beim besten Willen nicht erinnern. Dreißig Mark im Monat? Und was kostete ein Eisbecher im Jahre 1968 überhaupt und was ein Päckchen Zigaretten? "Gut, dann bin ich um drei an der Turnhalle."
   "Halb vier, ich muß mich schließlich noch duschen und umziehen, okay."
   "Geht in Ordnung", bestätigte ich noch einmal und dann war die Pause vorbei.
   Ich war nicht der einzige, der sich kurz nach drei Uhr vor der Turnhalle einfand. Noch vier andere Jungs warteten wie ich an ihre Fahrrädern gelehnt auf ihre Freundinnen. Einige von ihnen rauchten und ich schnorrte mir eine Zigarette. Das war dann also der erneute Beginn meines Lasters, diesmal viel früher als in dem anderen Leben, wo ich erst zwei Jahre später mit dem Rauchen begonnen hatte. Silvia kam kurz nachdem ich die Kippe ausgetreten hatte aus der Glasflügeltür, das Gesicht noch leicht gerötet, die Haare mit einem Gummiband im Nacken zusammengebunden. Ich nahm sie in den Arm und gab ihr einen Kuß. Dann stieg sie auf ihr Fahrrad und wir radelten zusammen in die Eisdiele. Geld hatte ich, denn die zehn Mark, die ich im Portemonnaie in meiner Schreibtischschublade gefunden hatte, würden reichen. Das kleine Päckchen Zigaretten mit elf Stück kostete, wie ich inzwischen festgestellt hatte, eine Mark. Irgendwie musste ich meinen Eltern begreiflich machen, dass ich dem Laster verfallen war. Weder meine Mutter noch mein Vater rauchten und das in einer Zeit, wo alle rauchten und meist überall. Gute alte Zeit.
   Nachdem ich meine Schuld bei Silvia in Form eines Hawaii-Bechers abgetragen hatte, radelten wir wie selbstverständlich hinter dem Kurpark entlang in Richtung der Wiesen, auf denen das Gras hoch stand und einzelne Buschgruppen ein gutes Versteck bildeten. Ich versuchte in meiner Erinnerung ein Bild des Plätzchens zu finden, auf das Silvia zusteuerte und erkannte es auch nicht wieder als wir dort waren. Wir legten unsere Räder ins Gras, uns selbst im Schutze der Büsche daneben und begannen mit dem, was sich später erste sexuelle Erfahrungen nennt. Sie waren nichts weiter als ein unschuldiges Gefummel unter Silvias Pulli, den sie sich weit genug nach oben schieben ließ, damit ich ihre Brustwarzen küssen konnte. Meine Hand schaffte es tief genug in ihre enge Jeans, dass ich mit einiger Mühe zwischen ihre Beine kam, doch meine Versuche, ihr die Hose zumindest bis über den Po nach unten zu schieben scheiterten an deutlichen Unmutsäußerungen. Dass ihre Hände auf Entdeckungsreise gingen war gänzlich undenkbar. Nach einiger Zeit hatte ich das Gefühl, neben mir zu stehen und mich zu fragen, was das eigentlich alles soll. Auf der einen Seite hatte ich eine Erektion, die eingeklemmt in meiner Hose schon fast an Folter grenzte, auf der anderen Seite kam ich mir lächerlich vor, wie ich da ein junges Mädchen betatschte, das natürlich schon gehört hatte, was Männer und Frauen miteinander machten, aber vor Angst, dass ich eben dies versuchen könnte, gar nichts unternahm, ihre eigene Neugierde auf das andere Geschlecht zu stillen. Aber vielleicht war diese auch gar nicht vorhanden, oder unter einem Berg von schrecklich ausgemalten Konsequenzen begraben.
   Ich zog meine Hand aus Silvias Hose und legte mich im Gras zurück. Etwas krabbelte an meinem Ohr entlang und ich schlug danach. Silvia richtete sich auf dem Ellenbogen auf und schaute mich an. Das Gummiband, das ihre Haare zusammenhielt hatte sich verschoben und ihr Gesicht war halb von ihrem Haar bedeckt. Sie strich es hinter das Ohr, wo es aber nicht bleiben wollte. Einzelne Strähnen fielen ihr sofort wieder ins Gesicht.
   "Ist was?"
   "Was soll sein?" gab ich ausweichend zurück.
   "Irgendwie bist du komisch. Anders. Magst du mich nicht mehr?" In ihrer Stimme schwang Unsicherheit.
   Ich holte tief Luft, dachte einen Moment nach und sagte dann: "Ach was, das ist doch Blödsinn." Am liebsten hätte ich mein knochenhartes Glied herausgeholt, es ihr in die Hand gedrückt und zumindest so etwas Erleichterung bekommen. Ich wagte mir nicht auszumalen, was dann passiert wäre. Ich durfte nichts überstürzen, ich mußte mich darauf konzentrieren, dass es in drei Monaten nicht zu unserem Bruch kam, von dem ich selbst dreißig Jahre später noch nicht wusste wieso überhaupt. Natürlich war ein anderer Junge im Spiel. Sie hatte sich damals Andreas ausgesucht, nun ja, die Geschichte dauerte auch nur ein paar Wochen, dann war es vorbei, doch ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls anders orientiert, war mit Petra befreundet und irgendwie sind Silvia und ich nie mehr zusammengekommen. Die Beziehungen, wenn man es überhaupt so nennen konnten, waren kurzlebig, denn man hatte fast nichts gemeinsam, außer dem bisschen Knutschen, ein paar Partys und Petting.
   "Komm schon", riss mich Silvia aus meinen Gedanken, "sag, was los ist."
   "Ich möchte gerne mit dir schlafen", nun war es heraus.
   Sie schaute mich nachdenklich an und setzte sich auf. Der immer noch offene Reißverschluss ihrer Jeans klaffte auseinander und über dem Saum ihres Höschens lugten ein paar Schamhaare hervor. "Ich weiß", kam die entwaffnende Antwort.
   "Und du", fragte ich, "willst du nicht?"
   "Ich weiß nicht", sagte sie zögerlich. "Ich glaube, ich habe Angst. Ich nehme doch die Pille nicht und das wird auch eine Weile noch so bleiben. Meine Eltern würden das nie erlauben."
   "Was haben deine Eltern damit zu tun, ob du die Pille nimmst?"
   "Ich muß zum Arzt, sie mir verschreiben lassen und bevor ich nicht achtzehn bin, brauche ich dazu das Einverständnis meiner Eltern."
   Jetzt war es an mir, erstaunt zu sein. Habe ich das damals gewusst? Hätte ich es wissen müssen? Ich versuchte mich zu erinnern. Ich war jetzt siebzehn, bis ich mit einer Frau zum erstenmal schlief sind damals noch zwei Jahre vergangen und ich hatte mich nicht darum gekümmert wo Angelika die Pille her hatte. "Es gibt auch andere Möglichkeiten, zum Beispiel Präservative", warf ich ein.
   Silvia nickte. "Die sind aber ziemlich unsicher, hat man uns im Aufklärungsunterricht gesagt."
   "Nur wenn man nicht weiß, wie man richtig damit umgehen muss", versuchte ich sie zu beruhigen. "Wenn man weiß, wie's geht, dann sind sie genauso sicher wie die Pille", fügte ich selbstsicher hinzu.
   Sie schaute mich groß an. "Und du weißt das?"
   "Natürlich, was denkst du denn?"
   "Und woher?"
   "Von den...", setzte ich unwirsch zu einer Erwiderung an und wollte sagen "den hunderten von Malen, an denen ich mir schon so ein Ding übergestülpt habe", doch gerade noch rechtzeitig fiel mir ein, wer ich war. "... aus Büchern und aus Broschüren. Habt ihr so etwas nicht bekommen?"
   "Ja schon, aber das war alles nur sehr vage", meinte Silvia zweifelnd. "Und du weißt das auch nur aus Büchern?"
   Man brauchte kein Hellseher sein, um den eigentlichen Grund hinter dieser Frage zu erkennen. Würde ich praktische Erfahrungen ins Feld führen, um sie zu beruhigen und ihr die Angst zu nehmen, dann bestände die Gefahr, dass sie nicht erst in drei Monaten, sondern sofort mit mir Schluß machte, denn dann wäre es, wenn es dazu käme, nicht mehr unser gemeinsames erstes Mal. Beriefe ich mich auf Bücherwissen, dann waren ihre Zweifel an meinen Kenntnissen im Umgang mit Präservativen berechtigter als sie ahnte. Ich konnte mich nur zu gut an das leidige Gefummel erinnern und dass ich, obwohl schon über zwanzig und mit einiger Erfahrung ausgestattet, beim erstenmal drei von den Dingern gebraucht hatte, bis eins schließlich richtig saß. Meine damalige Freundin und ich konnten uns darüber amüsieren, da es nur zur Überbrückung der Pillenpause notwendig war. "Natürlich, woher denn sonst", wählte ich die unschuldige Variante.
   Silvia blickte mich unsicher an. Ich nahm sie in den Arm und küsste sie. Meine Hände strichen sanft über ihren Rücken. Leise flüsterte sie in mein Ohr: "Wirklich."
   "Ja, du weißt doch, dass du die erste sein sollst, nur du." Und dabei stellte sich mir ein interessantes philosophisches Problem. War dies nun eine Lüge oder nicht. Der Körper, den Silvia zu diesem Zeitpunkt im Arm hielt, hatte noch nie mit einer Frau geschlafen, der Geist, der ihr das sagte, kannte so gut wie jede gebräuchliche Spielart von Sexualität und auch einige weniger gebräuchliche und einige, die eine Schwangerschaft von vornherein ausschlossen.
   "Ich muß jetzt gehen", erklärte Silvia nach einiger Zeit. Sie brachte ihre Kleidung in Ordnung und wir machten uns auf den Weg.

Am Ende dieser ersten Woche in der alten, neuen Zeit war ich mit den Nerven fertig. Am Mittwoch hatte ich einen Riesenkrach mit meinen Eltern über das Rauchen gehabt, nachdem ich, ohne weiter darüber nachzudenken, mein Zimmer vollgequalmt hatte. Natürlich hatte sie Recht, viel mehr als sie wahrscheinlich ahnten, doch ich war schließlich alt genug, das für mich selbst zu entscheiden. Mein Vater war da ganz anderer Meinung und drohte, wenn ich nicht sofort wieder damit aufhörte, Zwangsmaßnahmen an. In diesem Moment konnte ich nicht anders und lachte ihn aus, was die Situation nicht gerade vereinfachte. Am Donnerstag Nachmittag besuchte mich Silvia. Ich hatte am morgen gerade eine Physikarbeit geschrieben oder besser gesagt, ich hatte ein paar mehr oder minder weiße Blätter abgegeben und wollte mich nur in ihre Arme flüchten. Das verhinderte sie mit dem ängstlichen Hinweis, dass meine Mutter ja jeden Augenblick hereinschauen konnte. Es blieb bei ein paar gehetzten Zärtlichkeiten, obwohl sich meine Mutter den ganzen Nachmittag nicht blicken ließ. Noch nicht einmal meine Hand durfte ich in ihrer Hose vergraben. Den Abend verbrachte ich mit meinem Physikbuch. Das allerdings schien meinen Eltern zu gefallen. In ihren Augen hatte ich wohl den Ernst des Lebens erkannt, und mein Vater gab sich versöhnlich, als er gegen halb zehn in mein Zimmer schaute und mich über meine Schulbücher gebeugt sah. Ich rauchte jetzt auch nur noch außer Haus.
   Den Freitagabend verbrachte ich mit meinen Eltern vor dem Fernseher und suchte vergeblich die Fernbedienung und ungefähr fünfundzwanzig weitere Kanäle. Bei den Nachrichten schimpfte mein Vater über die Studenten und ihre Proteste, über die unhaltbaren Zustände und fragte, was einmal aus Deutschland werden solle. Mein Hinweis, dass einige von ihnen Minister und andere erfolgreiche Geschäftsleute werden würden hielt er für einen guten Witz. Samstag mußte ich natürlich auch in die Schule und als ich nach dem Mittagessen den Rasen mähen sollte, rastete ich aus. Der alte Mann in mir schrie herum und gebärdete sich wie ein Wahnsinniger. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich alles gesagt habe, aber es muß vieles dabei gewesen sein, was meine Eltern entsetzt hat. Sie waren sprachlos. Irgendwann merkte ich, was ich dabei war anzurichten und kriegte die Kurve, indem ich behauptete, ich müsse für die Schule lernen. Das rettete mich.
   Am Abend waren Silvia und ich mit zwei anderen Pärchen verabredet. Wir wollten ins Kino. Der Film war schon seit der ganzen Woche das heimliche Gesprächsthema auf dem Schulhof und erst ab achtzehn freigegeben. Silvia hatte sich erst geweigert mitzukommen, dann geziert und schließlich eingewilligt. Ich war mir sicher, dass ich als achtzehn durchgehen würde, sie nicht. Und außerdem, wenn ihre Eltern davon erführen, dass sie in diesem Film war, dann würden wir uns die nächsten zwei Wochen nur auf dem Schulhof sehen. Dann hätte sie Hausarrest und wenn es mit zwei Wochen getan wäre, könnte sie froh sein. Zum Glück gab es in unserer Stadt zwei Kinos und sie konnte einfach behaupten, sie ginge in das andere. Aber insgeheim glaubte ich noch nicht einmal, dass das der Punkt war. Auch die anderen Mädchen stellten sich an und waren nicht besonders begeistert davon. Die Jungs gaben sich lächerlich weltmännisch und ich versprach mir von dem Abend zumindest einen Spaß.
   Punkt sieben klingelte ich bei Silvia. Es dauerte nur Sekunden, bis ihr zwölfjähriger Bruder die Tür aufriß, mich sah und daraufhin sofort in den Hausflur hinein brüllte: "Silvia, da ist dein Liebling." Bevor ich etwas sagen konnte war er schon wieder verschwunden, weil ich ihm sonst auch den Hals umgedreht hätte. In der Wohnzimmertür, am Ende des kurzen Flurs, von dem gleich links neben der Eingangstür die Treppe nach oben abging, von wo hoffentlich bald Silvia erscheinen würde, zeigte sich jetzt Herr Seewald. "Komm rein. Silvia wir gleich herunterkommen."
   "Guten Abend, Herr Seewald", sagte ich so höflich wie ich konnte. Und noch mal "Guten Abend" als ich ins Wohnzimmer trat. Rechs ging es ins Eßzimmer, wo auf dem Tisch noch die Restes des Abendessens standen und die übrigen Familienmitglieder saßen, während an Silvias Platz nur noch ein sauber leer gegessener Teller stand. Herr Seewald hatte sich eine Zigarette angesteckt und ein Glas Bier vor sich. Ich starrte seine Frau an. Ihre Ähnlichkeit mit der Silvia in weit entfernter Zukunft war frappierend. Und sie war tot. Ich merkte, wie mir das Herz bis zum Halse schlug. Sie würde in knapp drei Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommen. Ich wendete meinen Blick ab. Ich konnte ihr nicht in die Augen sehen.
   "Und ihr wollt heute abend ins Kino?" sprach sie mich jetzt an, während ich immer noch unschlüssig einen Schritt hinter der Tür stand.
   "Ja", gab ich zurück und versuchte an ihr vorbei zu blicken, doch es gelang mir nicht. Sie würde nie das Alter erreichen, in dem ich ihre Tochter wiedergetroffen hatte.
   "Welchen Film wollt ihr euch denn ansehen?"
   War das jetzt eine Fangfrage? Wollte sie ihre Tochter überprüfen oder einfach nur Konversation machen? Ich nannte natürlich den Film, der im anderen Kino lief. Dann kam glücklicherweise Silvia. Sie trug einen hellen Rock, der knapp oberhalb des Knies endete, ein größeres Zugeständnis an die Minimode war ihren Eltern nicht abzuringen gewesen und darüber ein dunkelblaues Twin-set, das mit einer rot-weißen Borte abgesetzt war.
   "Wir gehen jetzt", erklärte sie und versuchte mich aus dem Wohnzimmer zu ziehen, bevor noch jemand weitere Fragen nach dem Film stellte. Ich konnte meinen Blick nicht von ihrer Mutter lösen.
   "Um halb elf bist du zu Hause", rief uns Silvias Vater noch einmal eindringlich hinterher, dann klappte die Haustür hinter uns zu. Silvia hatte sich, wie ich jetzt sah, geschminkt und wollte wohl ihrem Vater keine Chance geben, es zu bemerken. Sie hoffte, damit eher wie achtzehn auszusehen.
   Es war ein warmer Septemberabend, die Sonne ging gerade hinter den Baumspitzen des Kurparks unter und ich schlenderte Arm in Arm mit Silvia über die Kieswege. Ein paar vereinzelte Spaziergänger begegneten uns noch, doch eigentlich waren wir angenehm allein. Ich spürte ihre Unruhe.
   "Wenn du nicht willst, dann gehen wir nicht in den Film, sondern in den anderen", schlug ich ihr vor. Sie bliebt stehen und blickte mich an.
   "Nein, jetzt habe ich tagelang mit mir gerungen, jetzt gehen wir auch."
   Wir trafen die anderen um kurz vor acht am Kino. Ihre Nervosität war deutlich zu spüren. Die Mädchen kicherten noch mehr als sonst, und die beiden Jungs hielten sich an ihren Zigaretten fest. Der alte Mann in mir lächelte. Ich erklärte mich bereit, die Karten zu holen, während sie etwas abseits im Foyer warteten. Wenn ein Siebzehnjähriger mit der Souveränität eines mehr als erwachsenen Mannes Kinokarten für Oswalt Kolles Das Wunder der Liebe verlangt und weder seine Hände noch seine Stimme zittert, dann ist es keine Frage, dass er sie bekommt. Wir schlichen uns an der Platzanweiserin vorbei auf Plätze in der letzten Reihe. Gut besucht war das Kino nicht. Dann ging das Licht aus.
   Nach zwei Stunden wurde es wieder hell. Wortlos schlichen wir aus dem Saal. Ich war offensichtlich der einzige, der unbefangen war. Silvia vermied, mich anzusehen, ähnlich ging es den anderen mit ihren Freundinnen. Schließlich fragte Andreas: "Na wie fandet ihr den Film?"
   Räuspern, unzusammenhängende Worte. Alle bemühten sich locker zu erscheinen. Ich hielt mich zurück. Der Film war unerträglich gewesen, viel schlimmer als ich es mir vorgestellt hatte, was bedeutete, dass die Zeit, in der ich lebte, viel schlimmer war, als ich die ganze letzte Woche geahnt hatte.
   "Und was hältst du davon, Bernd?"
   "Langweilig und lächerlich", platze es aus mir und einer Zukunft heraus, in der fünfzehnjährige Mädchen Oralverkehr als gängige Methode der Empfängnisverhütung praktizierten.
   Die beiden Mädchen schauten mit großen Augen Silvia an und Andreas und Gerhard ungläubig auf mich.
   "Jetzt haust du aber auf den Putz", meinte Gerhard und Andreas fügte mit einem hämischen Grinsen in Richtung Silvia hinzu: "Der Supercasanova spricht."
   "Nun wirklich", entgegnete ich, "ist doch so, oder?" Dabei dachte ich daran, dass Andreas damals mein Nachfolger bei Silvia geworden war und mich packte die Wut. Er stand hier und tat völlig unschuldig. Ich wollte gerade noch einen bissigen Kommentar in seine Richtung los werden, da meinte Silvia: "Ich muß jetzt nach Hause. Du weißt, halb elf. Und ich will nicht schon wieder Ärger bekommen."
   Ich zuckte mit den Schultern und wir verabschiedeten uns. Als wir durch den Park gingen und ich sie küssen wollte schob sie mich zurück. Mehrmals. "Was ist denn los?" wollte ich wissen.
   "Was los ist? Kannst du dir das nicht denken? Hast du den Blick von Gabi und Karin nicht bemerkt? Was sollen die von mir denken."
   "Wieso? Was sollen sie von dir denken? Ich habe keine Ahnung, was du meinst?"
   "Sag mal, bist du so blöd, oder was?" Ihre Stimme klang seltsam gepresst.
   Ich blieb stehen, drehte Silvia zu mir, dass ich ihr ins Gesicht sehen konnte und erkannte im spärlichen Licht einer trüben Laterne die Tränen in ihren Augen.
   "Was ist denn los, Silvia? Was habe ich dir denn getan?" Ich zog sie an mich. Sie wehrte sich nicht, legte aber auch nicht ihre Arme um meinen Rücken, sondern sie baumelten leblos an ihrer Seite herab. Sie fühlte sich an wie eine Puppe.
   "Was müssen die beiden von mir denken? Und erst recht Andreas und Gerhard?" klang es dumpf von meiner Brust herauf. Ich schob sie ein kleines Stück von mir weg, so dass ich ihr ins Gesicht sehen konnte.
   "Silvia, ich weiß wirklich nicht, was los ist. Willst du es mir nicht erklären?" Ich sprach zu ihr wie zu einem Kind, das sie ja auch irgendwie noch war.
   Sie schniefte deutlich hörbar. "Warum hast du das gesagt?"
   "Was gesagt?"
   "Das mit dem langweilig und lächerlich?"
   "Ich habe nur meine Meinung gesagt. Ich fand den Film langweilig und lächerlich. Was ist schon daran?"
   Silvia trat einen Schritt zurück und wischte sich mit der Hand die Tränen aus dem Gesicht. Dabei verschmierte sie ihre Wimperntusche und den Hauch eines Lidschattens. Ich reichte ihr ein Tempo und sie versuchte unbeholfen, das Unglück zu bereinigen. "Dieser Film", setzte sie an, "dieser Film geht, na ja du weißt schon, jedenfalls geht es da um körperliche Liebe..."
   "Ja und? Ist doch nichts Schlimmes und das wusstest du und die anderen auch vorher, oder? Deshalb sind wir doch hineingegangen."
   "Ja, aber du stellst dich danach hin und sagst es sei langweilig und lächerlich gewesen. Was sollen die anderen denn von mir denken. Mein Freund findet den Film langweilig und lächerlich, das heißt doch wohl, dass er das alles schon mit mir gemacht hat. Das haben auf jeden Fall Gabi und Karin geglaubt. Ihre Blicke waren mehr als eindeutig. Ich habe mich in Grund und Boden geschämt."
   "Und wenn es wirklich so wäre? Was ist daran so schlimm? Der Film hat doch deutlich gesagt, dass Sex etwas ganz Natürliches ist." Ich hätte wohl körperliche Liebe sagen sollen, denn kaum hatte ich das Wort Sex ausgesprochen, war sie schon wieder den Tränen nahe.
   "Ja, wenn man verheiratet ist, aber du hast so getan, als ob wir jeden Tag nichts anderes machen würden."
   Schön wär's, hätte ich am liebsten geantwortet. Statt dessen sagte ich schon wieder: "Tut mir leid."
   "Und warum sagst du Sex dazu. Das klingt so schmutzig."
   "Tut mir leid" wiederholte ich und irgendwie fühlte ich mich wie heute nachmittag bei der Aufforderung, den Rasen zu mähen. Dieses verklemmte junge Ding trieb mich in den Wahnsinn. "Hör mal, die Zeiten waren nicht immer so wie heute und werden auch nicht so bleiben und eigentlich müssten wir Kolle dafür dankbar sein, denn mit seinen blöden Filmen hat er diese Entwicklung eingeleitet..."
   "Was für eine Entwicklung?"
   "Die Entwicklung zu einem offeneren Umgang mit Sex... ich meine körperlicher Liebe", ich hätte dieses beiden Worte am liebsten ausgekotzt.
   "Woher willst du das denn wissen? Ist das auch wieder langweilig und lächerlich?"
   Ich holte tief Luft und schaute Silvia eine Zeit lang stumm an. Auf ihrem Gesicht lag ein trotziger Ausdruck, ihre Haltung war herausfordernd und zaghaft zugleich. Unter dem dünnen Pulli zeichneten sich ihre Brustwarzen ab und in mir stieg das Verlangen, ihr gleich jetzt und hier die erste Lektion in Sachen Sex zu erteilen. Warum hatte nicht auch sie mit mir gemeinsam in der Zeit zurückgehen können. Sie saß jetzt in Hua Hin am Swimmingpool, weiß der Himmel was mit mir dort passiert war, und wusste bestimmt was Sex war.
   "Silvia, es tut mir leid", sagte ich noch einmal, "es tut mir wirklich leid. Ich habe das einfach so dahin gesagt, ohne nachzudenken. Und wenn du willst, dann versichere ich am Montag allen Beteiligten, dass du noch Jungfrau bist und nichts in dem Film Gezeigtes sich zwischen uns abgespielt hat."
   "Jetzt spinnst du total!" Es war fast ein Aufschrei.
   "Gut, dann sag du mir, was ich jetzt machen soll?"
   "Vielleicht..." sie trat einen Schritt auf mich zu.
   Ich nahm sie in den Arm und küsste sie ganz vorsichtig. Nach einem Moment des Zögerns erwiderte sie den Kuss.

"Also Bernd, ich weiß wirklich nicht, was du dir dabei gedacht hast."
   Ich hätte es ihm sagen können, hielt aber lieber den Mund und versuchte so zerknirscht auszusehen wie ich mich fühlte. Ich hatte noch ein bisschen gehofft, aber mit dieser Ankündigung von Reimer, unserem Physiklehrer, wusste ich endgültig, dass die Arbeit vom Donnerstag genauso ausgefallen war, wie ich befürchtet hatte. Ich zuckte mit den Schultern.
   "Hast du an Gedächtnisschwund gelitten oder hattest du einen totalen Blackout?"
   "Er wusste natürlich nicht, dass das Wort Blackout zwei Jahrzehnte oder so später berüchtigte Berühmtheit erlangen würde.
   "Du scheinst ja alles, aber auch alles, vergessen zu haben. Ich kann nichts daran ändern, das ist eine glatte sechs."
   "Fast widerwillig legte er die kaum beschriebenen Blätter meiner Physikarbeit vor mir auf den Tisch. Gerhard, der neben mir saß, schielte darauf und begann zu grinsen. Ich fand das gar nicht komisch und packte sie schnell in mein Ringbuch. Ich musste mir das nicht ansehen. Ich wusste nur zu gut, dass die Note mehr als berechtigt war. Am liebsten hätte ich Gerhard die Faust ins Gesicht gerammt, aber das würde auch nichts ändern. Meine Eltern sagte ich nichts davon, denn ich hoffte zu diesem Zeitpunkt noch, irgendwie mich wieder an den Stoff der elften Klasse heranarbeiten zu können.
   Ein anderes Problem waren meine Freund und Klassenkameraden. Wie erwachsen wir uns damals vorkamen und wie lächerlich es war, wenn man alles schon einmal erlebt hatte. Binnen zwei Wochen hatte ich mich zum Einzelgänger entwickelt. Notgedrungen, weil ich die meiste Zeit an meinem Schreibtisch verbrachte, um Mathe und Physik, Bio und Chemie zu büffeln und den spärlichen Rest meiner Zeit mit Silvia zu verbringen. Weder in dem einen noch in dem anderen kam ich viel weiter. In völliger Unkenntnis der wahren Verhältnisse begannen meine Eltern mich für einen Paulus zu halten, der jetzt endlich die Bedeutung der Schule begriffen hatte. In derselben Unkenntnis glaubte Silvia, ich hätte etwas mit einem anderen Mädchen. Nach einem Monat hatte ich mich in Mathe und Physik auf eine schlechte vier hochgequält, was aber in den Augen meiner Lehrer immer noch ein ziemlicher Abstieg war, gemessen an meinen Leistungen im vorherigen Schuljahr.
   Und meine Eingewöhnungsschwierigkeiten in die neue Situation wurden immer größer. Ich saß hier, gestrandet in Jahr 1968, ohne Führerschein, ohne Computer, ohne Geld, ohne Videorecorder, ein DVD-Player war etwas, was sich noch nicht einmal Science Fiction Autoren ausgedacht hatten, die Telefone sahen aus, wie ein Dinosaurier in einer Elefantenherde. Und ich war von zu vielen Toten umgeben. Zum Glück lebten in jener Zukunft meine Eltern noch, sonst wäre die Situation, wie mir bei Silvias Mutter bewusst geworden ist, unerträglich. Aber meine Großeltern würden in absehbarer Zeit sterben und noch ein oder zwei Lehrer, denen ich kaum ins Gesicht blicken konnte. Auch Mechthild nicht. Sie ging eine Klasse über mir in die Unterprima. War wahrscheinlich der Traum fast aller Jungs, die aber keine Chance hatten. Angeblich war sie mit einen Studenten befreundet und verbrachte die Wochenenden bei ihm in Frankfurt. Nie sah man sie bei uns in der Stadt. Es wurde gemunkelt, dass sie von dort auch schon Haschisch mitgebracht und es zusammen mit ein paar anderen Mädchen heimlich geraucht hätte. Es war dann 1973 oder 1974, seltsam wie wenig man sich wirklich erinnern kann, als sie nach einem Goldenen Schuß bei uns auf dem Friedhof beerdigt wurde. Zweimal hatte ich schon versucht, an sie heranzukommen und sie zu warnen, dabei wusste ich noch nicht einmal, wie ich es anfangen sollte. Doch sie beachtete mich überhaupt nicht. Dann sagte ich mir, ich musste warten, bis ich nicht mehr der Obersekundaner wäre. Vielleicht ergebe sich ja später eine Gelegenheit.
   Ich mußte heimlich rauchen und Alkohol war eine weiteres Problem, seitdem meine Mutter in meinem Schreibtisch die halb leere Flasche Whiskey gefunden hatte. Ich brauchte einfach abends ein paar kräftige Schlucke, um einschlafen zu können. Meine Eltern wussten zwar, dass wir auf unseren Partys und auch sonst Alkohol tranken, aber so regelmäßig, wie ich es gewohnt war, nicht. Mal abends eine Flasche Bier, das war das höchste der Gefühle. Ich redete mich irgendwie heraus und versteckte die Flasche dann besser. Ich hatte mehr und mehr das Gefühl, auf einer winzigen Insel zu stehen und das stetig steigende Wasser spülte mir den Boden unter den Füßen weg. Wenn ich nicht an meinem Schreibtisch saß und versuchte etwas zu lernen, was ich vor langer Zeit schon wieder vergessen hatte, lag ich in meinem Sessel, die Füße auf das Bett gelegt, hörte Musik und folgte unsinnigen, nie endenden Gedankenkreisen, bis der Whiskey mich so schläfrig gemacht hatte, dass ich den Tag vergessen konnte. Irgendwann gestern, heute oder in der Zukunft hatte einmal jemand zu mir gesagt: "Wen Gott strafen will, dem erfüllt er alle Wünsche". Ich war nahe daran, dem zuzustimmen. Doch es gab niemanden, mit dem ich über die Wahrheit dieser Feststellung hätte reden können. Es gab niemanden, mit dem ich überhaupt hätte reden können. Alles war belanglos. Was kümmerte mich der Vietnamkrieg, der in der Schule heftig diskutiert und in den Medien ausführlich behandelt wurde. Ein paar Jahre noch, dann hätte der Vietcong Saigon eingenommen und die Amis aus dem Land gejagt. Die Berliner Mauer und die deutsche Teilung, ich wusste, dass schon jetzt das Regime der DDR nur noch auf Kredit lebte, der in zwanzig Jahren abgelaufen sein würde - aber wem konnte ich es sagen und wer würde mir glauben. Die Geiselnahme in München bei der Olympiade, ich wäre der geborene Hellseher, doch wer war bereit mir zuzuhören, wo ich doch noch nicht einmal wusste, welche Aufgaben in der nächsten Chemiearbeit gestellt wurden. In einem Jahr würden sich die Beatles trennen, das gerade herausgekommene Weiße Album war ihr letztes wirklich gemeinsames Werk. Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison und später dann John Lennon würden sterben und ich konnte es nicht verhindern. Robert Kennedy, Mogadischu, Baader-Meinhof, Schleier und was sonst noch alles passieren würde, obwohl ich es wusste, ich könnte nichts dagegen unternehmen. Ich würde noch nicht einmal den Tod von Silvias Mutter verhindern können - oder? Den vielleicht doch. Und dann wunderte sich meine Mutter, dass ich eine halb leere Flasche Whiskey in meinem Schreibtisch hatte. Sie sollte sich lieber wundern, dass da nicht jeden Tag eine ganze Batterie von leeren Schnapsflaschen stand.
   Das einzige, was mich noch einigermaßen aufrecht erhielt, war Silvia. Wenn es schon Gottes Danaergeschenk an mich war, dann wollte ich wenigstens diese Möglichkeit nutzen, obwohl mich auch da manchmal Zweifel beschlichen. Ich versuchte so gut wie jeden Konflikt zu vermeiden, besonders nach meiner unbedachten Äußerung über den Film, aber es ist unglaublich wie leicht sechzehnjährige Mädchen etwas in den falschen Hals kriegen können. Manchmal zweifelte ich, ob es überhaupt einen richtigen gibt. Vor einigen Tagen hatte ich ihre Klassenkameradin Petra zufällig in der Stadt getroffen und mich ganz ahnungslos mit ihr unterhalten. Wie es erwachsenen Menschen einfach tun. Ich wollte nur höflich sein und außerdem würde es in dieser Gegenwart ja nicht zu ein paar Monaten Gemeinsamkeit zwischen uns kommen. Ich verdrängte schnell die Erinnerung an die Zeit, in der wir einmal befreundet waren, denn diesmal würden wir es nicht sein. Ob sie es wohl bedauerte? Vielleicht war ich etwas zu redselig geworden, wer kann es mir schon verdenken, und hatte nicht bedacht, dass ich mit einem jungen Mädchen sprach. Am nächsten Tag wollte Silvia wissen, welche Geheimnisse ich mit Petra ausgetauscht hätte. Es gab nur ein Geheimnis und das würde ich mir noch nicht einmal selbst anvertrauen.

Es war wieder einmal Samstag und Partyzeit. Gerhard wurde siebzehn und feierte das gebührend. Es war der Samstag vor den Herbstferien und wir hatten erst einmal eine Wochen Ruhe vor der Schule. Silvia durfte bis um zwölf Uhr wegbleiben. Ich konnte ihrer Mutter immer noch nicht ins Gesicht sehen. Das war ihr auch schon aufgefallen und Silvia fragte mich, nachdem ich sie von Zuhause abgeholt hatte und wir auf dem Weg zu Gerhard waren, ob ich etwas gegen ihre Mutter hätte.
   "Nein, wieso", stellte ich mich unschuldig.
   "Na ja, sie meint, du würdest sie so merkwürdig ansehen."
   "Das täuscht. Ich bin mir jedenfalls keiner Schuld bewusst." Außer, dass ich in diesem Fall so viel weiß wie Gott, nämlich Tag und Stunde, um es etwas übertrieben auszudrücken, was ich Silvia natürlich nicht sagte. Im entscheidenden Moment, in drei Jahren, würde ich etwas unternehmen. Das war sicher.
   Gerhard war einer der Beliebtesten in unserer Klasse. Sein Vater war Creativ-Direktor in einer Werbeagentur und seine Mutter war seine Stiefmutter. Auch damals waren die Werbeleute schon immer näher am wahren Leben gewesen als der Rest unserer Eltern. Das Haus, in dem sie wohnten, war nur als extravagant zu bezeichnen, eine Bauweise über mehrere Ebenen, die sich erst zwanzig Jahre später in die Reihenhaussiedlungen einschleichen sollte. Und dieses Haus besaß darüber hinaus noch eine Kellerbar, deren Bestände auch uns offen standen. Gerhards Vater war der einzige Erwachsene, der, wenn er sich unseren Feiern auf einen Drink hinzugesellte, nicht störend wirkte. Er behandelte uns, obwohl wir es wahrscheinlich nicht verdienten, wie Gleichgestellte. Gerhards Stiefmutter hatte es da einfacher, sie war irgendwo in der Mitte zwischen Gerhards Vater und uns. Ich konnte mich an ein Gespräch mit Gerhard erinnern, in dem ich versucht hatte, etwas über sein Verhältnis zu seiner Stiefmutter zu erfahren, aber er war in diesem Punkt nicht sehr gesprächig gewesen. Er hing an seiner leiblichen Mutter, aber je älter er wurde, desto mehr war der Kontakt zu ihr eingeschlafen. Er hatte einmal gesagt, er könne nicht zwei Leben leben und sein Leben wäre das bei seinem Vater und seine Stiefmutter wäre absolut in Ordnung. Gerhards Vater, Robert, war der einzige, der uns schon bald das Du angeboten hatte, weil es in der Werbung so üblich wäre. Man hielt da nicht viel von alten Zöpfen und die werden ja sowieso demnächst alle abgeschnitten.
   Es war ein angenehmer Abend, selbst für mich. Es gab genug zu trinken, wir tanzten und beim Schmusen mussten wir nicht erschrocken hochfahren, wenn die Kellertür aufging. Robert tat so, als bemerke er nicht, was in den dunkleren Ecken vorging oder wenn sich ein Pärchen in den Vorratskeller verzogen hatte. Eigentlich kann man nicht sagen, dass er wegsah, er nahm es eher als etwas Gegebenes hin, so wie das Wetter oder die Nachrichten im Fernsehen. Er konnte sich vielleicht auch noch zu gut daran erinnern, was es bedeutete, frisch verliebt zu sein. Schließlich hatte er erst vor drei Jahren wieder geheiratet. Als ich später am Abend aus der Toilette im Erdgeschoss trat, sah ich ihn im Wohnzimmer mit seiner Frau sitzen und über irgendwelchen Papieren brüten. Dem in diesem Haus herrschenden lockeren Umgangston entsprechend fragte ich: "Immer noch bei der Arbeit?"
   Er nickte abwesend, blickte dann hoch und meinte: "Ja leider. Das ist bei uns nun einmal so."
   "Um was geht's denn?" erkundigte ich mich.
   Robert blickte mich etwas irritiert an, es war wahrscheinlich wieder so eine Frage, die man von einem Siebzehnjährigen nicht erwartete. "Ein Auftrag für eine neue Körperpflegeserie und ich habe hier ein tolles Storyboard, aber keine Ahnung, wie man es umsetzen könnte." Er schob die Blätter auseinander, so dass ich einen Blick darauf werfen konnte.
   Die grob skizzierte Folge von ungefähr zehn Bildern zeigte ein weitläufiges Badezimmer, auf dem Wannenrand stand ein Eisbär, der in die Badewanne sprang, als Seehund wieder auftauchte und dann zu einem Mann wurde, der sich sichtlich erfrischt und entspannt abtrocknete. Nicht schlecht, dachte ich mir. "Wo liegt das Problem, das ist doch ein ganz toller Einfall?"
   "In der Umsetzung", war Roberts lakonische Antwort.
   "Dazu reicht doch wahrscheinlich die Rechnerkapazität eines normalen PCs. Da muß man doch nicht gleich ILM bemühen."
   "Was bitte?" Robert griff nach seinem Whiskyglas, er war passionierter Scotchtrinker, und auch seine Frau blickte mich erstaunt an.
   "Na du machst das Ganze vor einer Bluesscreen und sampelst die Bilder dann im Computer zusammen..." und in diesem Moment fiel mir auf, dass ich wieder einmal nicht auf der Höhe der Zeit war.
   "Und wo bitte soll ich einen Computer her bekommen, der das kann?" wollte Robert mit einem schiefen Grinsen wissen. "Ich habe keine Beziehungen zur NASA, wenn das, was du da sagst, überhaupt möglich sein sollte."
   Ich suchte verzweifelt nach einer Ausrede, mit der ich mich schnell verabschieden konnte.
   "Setzt dich mal, Bernd und erkläre mir genau, was du gemeint hast."
   Ich zappelte im Netz und setzte mich neben Robert auf die breite Ledercouch. Er blickte mich erwartungsvoll von der Seite an und ersetzte seine im Aschenbecher verglühte Zigarette durch eine neue. Ich nahm mir auch eine. "Es war nur so ein Gedanke von mir. Ich habe vor kurzem in einer Zeitschrift gelesen, was Computer in Zukunft alles können und da ist meine Phantasie wohl mit mir durchgegangen."
   "Das klingt interessant. Was können Computer den sonst noch in der Zukunft?" fragte jetzt Roberts Frau interessiert. Sie war ohne Zweifel mehr als attraktiv und hätte vielleicht das richtige Alter für mich, ich aber wahrscheinlich in keiner meiner beiden Existenzen für sie. Ihr kurzgeschnittenen, blonden Haare und eine Menge Sommersprossen um die Nase, ließen sie noch einmal gut fünf Jahre jünger erscheinen. Sie saß uns gegenüber in einem ausladenden Sessel, hatte die Beine unter den Körper gezogen und nippte ab und zu an einem Glas Rotwein. Aus dem Keller drang gedämpft die Musik herauf und vereinzelt übertönte ein lautes Lachen das Hämmern des Schlagzeugs. Ich konnte nicht erkennen, um welches Musikstück es sich handelte.
   "Ach das war nur so ein Artikel, was man alles mit Computern machen könnte. In zwanzig Jahren würde jeder Haushalt einen haben, er wäre nicht größer als ein Schuhkarton und man könnte damit mehr anstellen als die NASA heute mit ihren riesigen Schränken. Es gebe sogar noch kleinere, die man mit sich herumtragen kann und die das Gleiche leisteten. Und alle diese Computer sind über ein weltweites Netz miteinander verbunden." Und von den Computern kam ich auf Handys zu sprechen und die vielen Fernsehkanäle, von Satellitenempfang in jedem Haushalt, von Videorecordern und DVD-Playern, von dem Verschwinden der Vinylplatten wie wir sie gerade hörten und vom Siegeszug der CD und das jeder zuhause sein eigener Schallplattenproduzent sein würde. Irgendwann merkte ich, das aus mir eine Sehnsucht nach einer Zeit sprach, die ich verloren hatte. Schließlich verstummte ich.
   "Das ist ja faszinierend. Und wo hast du das gelesen?"
   Ich schluckte. Darüber hatte ich mir keine Gedanken gemacht. "Weiß ich nicht mehr. Ist schon einige Zeit her."
   "Scheint aber ziemlich beeindruckend gewesen zu sein", stellte Roberts Frau fest und in ihrem nachsichtigen Lächeln glaubte ich zu erkennen, dass sie alles für eine Ausgeburt meiner Phantasie hielt.
   "Das ist halt alles Zukunftsmusik", räumte ich ein und blickte ihr offen ins Gesicht. "Die Welt wird dadurch auch nicht besser. Es wird mehr Kriege geben als in den letzten zwanzig Jahren und auch Europa wird davon nicht verschont bleiben."
   Die beiden zogen die Augenbrauen hoch. "Stand das auch in dem Artikel?" wollte die Frau mir gegenüber wissen. Ihre grünen Augen musterten mich eindringlich.
   "Nein, aber das liegt doch auf der Hand", gab ich mit einem müden Achselzucken zurück. "Die Amis fliegen aus Vietnam raus dafür marschieren die Russen in Afghanistan ein. Auf dem Balkan zerfleischen sie sich wieder einmal und ein drittklassiger Schauspieler wird amerikanischer Präsident..."
   "Ach hier bist du." Silvia stand im Flur und schaute zum Wohnzimmer herein. "Ich habe mich schon gewundert, wo du bleibst."
   Mir müssen ein eigenartiges Bild abgegeben haben. Zwei Erwachsene, die mit entgeisterten Blicken einen Jungen ansahen, der mit müder Stimme die Kassandra gab. Silvia trat einen Schritt ins Wohnzimmer hinein. Sie hatte wohl unten im Keller getanzt, denn auf ihrer Stirn und der Oberlippe standen feine Schweißperlen. Auch unter ihren Achseln zeichneten sich dezente dunkle Flecke im Stoff der Bluse ab. "Ich wollte nicht stören", und es klang so, als ob sie gerade in eine Lehrerkonferenz geplatzt wäre.
   "Aber nein, setzt dich doch", forderte Robert sie auf. Silvia zögerte.
   "Ist schon gut." Ich stand auf und legte den Arm um sie. "Ich gehe jetzt auch wieder nach unten." Und bevor noch jemand etwas sagen konnte, hatte ich Silvia schon aus dem Wohnzimmer geschoben. Es war kein guter Abgang, aber immerhin, es war ein Abgang, der auch dringend geboten war, sonst hätte ich mich noch um Kopf und Kragen geredet. Unten im Keller verzog ich mich mit Silvia in eine stille Ecke, doch ich war nicht so richtig bei der Sache, die sie wollte. Kurz darauf kam Robert nach unten, sah sich kurz um und stellte sich dann zu ein paar anderen an die Bar. Ich versuchte ihn nicht zu beachten, doch es war nur zu klar, was er wollte. Das Gespräch fortsetzen. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie er immer wieder zu Silvia und mir herüber schielte. Als er endlich wieder nach oben verschwand, nutzte ich die Gelegenheit und brach mit Silvia auf. Während wir an der Garderobe unsere Jacken aus dem Knäuel der Kleidungsstücke heraussuchten, trat wie zufällig Robert aus dem Wohnzimmer.
   "Ihr wollt schon gehen?"
   "Ja", gab ich kurz angebunden zurück und fügte dann noch hinzu, "Silvia muss um Mitternacht zu Hause sein."
   "Und du?"
   "Bei mir ist das nicht so streng, aber ich will Silvia nach Hause bringen."
   "Verstehe", meinte Robert und ich hatte den Eindruck, er suche nach einem guten Grund mich noch einmal ins Wohnzimmer zu bitten. Augenscheinlich fiel ihm keiner ein. "Wir müssen aber unbedingt unser Gespräch noch fortsetzen."
   "Gerne", erklärte ich und hoffte, dass es nicht dazu kam. "Nächste Woche haben wir ja Ferien und da werde ich einmal vorbeikommen."
   Robert nickte und hielt uns die Tür auf. Kaum waren wir aus dem Haus wollte Silvia natürlich wissen, über was ich mit Gerhards Vater gesprochen hatte. Ich wiegelte ab und gab ihr pünktlich kurz vor zwölf vor der Gartentür einen letzten flüchtigen Kuß, die eigentliche, viel intensivere Verabschiedung hatte schon außer Sichtweite, eine Straßenecke weiter, stattgefunden.

Die ersten drei Tage der Herbstferien regnete es. Vorbei war die Zeit, wo ich mit Silvia irgendwo im Gras liegen und beständig versuchen konnte, die Grenzen der körperlichen Erfahrung mit ihr weiter zu stecken. Obwohl meine Erfolge in dieser Beziehung realistisch betrachtet entmutigend waren. Jetzt hatte die Feuchtigkeit und Kälte auch dem ein Riegel vorgeschoben. Ich hatte sie am Montag zuhause besucht, aber da saßen wir uns nur gegenüber, hörten Musik und warteten darauf, bis ihr kleiner Bruder unter irgendeinem Vorwand ins Zimmer gestürmt kam. Kleine Geschwister sind die fünfte Kolonne der Eltern. Er würde es wissen, wenn er selbst siebzehn ist. Bei mir Zuhause war diese Gefahr nicht gegeben, aber Silvias Angst, meine Mutter könnte ins Zimmer kommen, ließ auch keine Stimmung aufkommen. Ein ungutes Gefühl sagte mir, dass wir uns immer weiter voneinander entfernten. Es war nicht greifbar, aber meine Dr. Jekyll und Mr. Hyde Existenz hinterließ in unserer Beziehung ihre Spuren. Und nicht nur in ihr. Seit meiner Rückkehr aus einer anderen Zeit, war Silvia eigentlich der einzige Mensch meines Alters, zu dem ich noch Kontakt hatte. Nicht nur weil ich mich in jeder freien Minute hinter meinen Schulbüchern vergrub, sondern auch weil ich meine damaligen besten und zweitbesten Freunde nicht ertragen konnte. Der allgemein übliche Gruß mit dem auseinander gespreizten Mittel- und Zeigefinger zum Peacezeichen löste bei mir fast körperliche Übelkeit aus, obwohl ich mich damals bestimmt auch nicht anders verhalten hatte und mir unwahrscheinlich gut dabei vorgekommen war. Unsere Gespräche waren nichtssagend, kindisch und ich fühlte mich oftmals wie ein Nüchterner in einer Gruppe von Besoffenen. Ich konnte auch nichts dazu beitragen, denn meine Erinnerung ließ mich auch da im Stich. Ich hatte keine Ahnung, wer in der Saison 1968/69 in der Bundesliga spielte, hatte mir mühevoll, da für Sozialkunde wichtig, die wichtigsten Politiker gemerkt und was meine Kameraden, entflammt von den Studentenunruhen, als notwendige gesellschaftliche Veränderungen einforderten, war für mich Schnee von gestern. Ich konnte mich keinen großen Visionen hingeben, ich hatte genug damit zu tun, zu überleben. Meine erste Taschengeldzahlung, dreißig Mark, war binnen zwei Stunden weg gewesen. Ich war es nicht mehr gewohnt, mir kleine Wünsche, wie eine Schallplatte oder ein Taschenbuch zu einem eigentlich lächerlich geringen Preis, nicht sofort zu erfüllen, sondern erst darüber nachzudenken, wie ich meine kläglichen Ressourcen über dreißig Tage verteilte. Der Schnaps war ein anderes Problem, das ich bis jetzt noch nicht gelöst hatte. Mit meinen verfügbaren Mitteln war er nicht zu bezahlen und aus den wenigen Flaschen in der kleinen Hausbar meiner Eltern hatte ich schon soviel abgetrunken, dass sie es eigentlich hätten merken müssen. Ich brauchte einfach ein paar ordentliche Drinks, um nicht bei jeder Kleinigkeit aus der Haut zu fahren. Die ständigen Ermahnungen meiner Mutter über alle möglichen Kleinigkeiten und die Vorhaltungen meines Vaters, wenn ich wieder einmal eine schlechte Arbeit in einem Fach nach Hause gebracht hatte, in dem ich vor ein paar Monaten noch recht gut gewesen war, zerrten an meinen Nerven. Besonders schlimm war es nach dem Elternsprechtag. Da kam zu der Ratlosigkeit meiner Eltern noch das kollektive Kopfschütteln der Lehrer über ein solches Absinken der schulischen Leistungen. Das einzige, was mich rettete, war die Tatsache, dass meine Eltern glaubhaft versichern konnte, ich würde jeden Tag an meinem Schreibtisch sitzen und büffeln. Im Prinzip stimmte das und ich war auch willens, aber immer häufiger drifteten dabei meine Gedanken in die Zeit ab, aus der man mich herausgerissen hatte. Ich hatte nur zwei Wochen Urlaub vom Stress im Büro machen wollen, nicht bei jedem Telefonklingeln zusammenzucken und mit einer Beschwerde von Kunden rechnen müssen. Einfach nur in der Sonne liegen, was auch gut geklappt hatte, bis Silvia aufgetaucht war. Jetzt saß ich hier und mußte die meisten Jahrzehnte meines Lebens noch einmal durchmachen und es hatte nicht den Anschein, als ob sie besser werden würden. Und Silvia? Es lief gar nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich hatte mir vorgenommen, heute nachmittag einen entscheidenden Schritt zu unternehmen. Sie würde in ein paar Minuten vorbeikommen und meine Mutter wäre noch mindestens drei Stunden unterwegs.
   "Hallo", begrüßte ich Silvia, als sie pünktlich um halb drei klingelte. Sie trat in den Flur und schaute sich um.
   "Ist deine Mutter nicht da?"
   "Nein, sie ist zum Geburtstagskaffee bei einer Bekannten." Dabei grinste ich Silvia verschwörerisch an. Sie blickte sich nochmals, fast misstrauisch um. Das hätte mich eigentlich warnen müssen, aber mein Plan kam ins Rollen und nichts konnte ihn aufhalten. Wir waren allein und jetzt war es endgültig an der Zeit, Silvia in das Wunder der Liebe einzuweihen.
   Als wir auf meiner Bettcouch halb saßen, halb lagen stellte sie sich genauso an, als ob meine Mutter vor der Tür stände. Ich kümmerte mich nicht darum. Widerwillig ließ sie sich die Bluse und den BH ausziehen, zumindest etwas, was sie noch nie zuvor zugelassen hatte. Ich genoss ihren nackten Oberkörper und machte mir an ihrer Hose zu schaffen. Dann dachte ich mir, sie könnte auch etwas für mich tun und legte ihre Hand auf die ausgebeulte zwischen meinen Beinen. Kaum hatte ich meine Hand von der ihren genommen, zog sie sie auch schon wieder zurück. Während meine andere Hand in ihrer Hose und in dem fechten Spalt zwischen ihren Beinen eingeklemmt war, versuchte ich es wieder, doch sobald ich ihre Hand los ließ, verschwand sie wieder von der Stelle, wo unter dem Jeansstoff mein Glied pochte. Schließlich wurde es mir zu dumm. Ich stand auf und zog mir die Jeans samt Unterhose bis zu den Knien herunter. Prall und feucht glänzend reckte sich ein sehnsüchtiger Teil vom mir Silvia entgegen.
   "So sieht ein nackter Mann aus", sagte ich mit rauher Stimme, "und es wäre schön, wenn du das jetzt in die Hand nehmen würdest."
   Silvia schaute mich mit unsicherem Blick an und vermied das anzusehen, worauf ich eigentlich ihre Aufmerksamkeit hatte lenken wollen. "Nun mach schon! Es beißt nicht." So wie ich war legte ich mich wieder neben sie und nahm wieder ihre Hand. Mit einer energischen Bewegung machte sie sich frei. "Was ist? Reizt dich das nicht?" Ihr Gesicht war wie versteinert. "Das hat man in dem langweiligen und lächerlichen Film allerdings nicht gesehen. Aber nur so funktioniert es." Ich versuchte, ihr die Hose ganz auszuziehen.
   "Was hast du vor?" keuchte sie.
   "Ich will mit dir schlafen. Du brauchst keine Angst vor einer Schwangerschaft zu haben, ich habe Präservative hier." Ich griff unter das Bett, wo ich ein Päckchen Kondome deponiert hatte und hielt ihr eins davon vor die Nase. "Das ziehe ich mir über und dann kann nichts passieren."
   "Bist du sicher?" fragte sie mit zitternder Stimme.
   "Natürlich und ich weiß auch damit umzugehen." Sie schien auf eine merkwürdige Weise zugleich ablehnend und bereit. Ich wartete nicht, bis sich die Waagschale nach der falschen Seite neigen konnte.
   "Komm", forderte ich sie auf und zog ihr langsam die Hose aus und dann ihren geblümten Jungmädchenschlüpfer. Hektisch riß ich mir dann die Kleider vom Leibe. Sie half mir nicht dabei, sondern lag nur einfach da. Langsam fuhr ich mit meinem Mund von ihren Brustwarzen über den Bauch bis zu ihren Schamhaaren hinunter. Sanft drückte ich Silvias Beine auseinander und ließ meine Zunge spielen. Ich wollte beim ersten Mal alles richtig machen und mir Zeit lassen, alle Zeit der Welt. Doch um keinen Preis eben dieser Welt, hätte mich Silvia da berührt, wo ich es mir am meisten wünschte.
   "Angst?" fragte ich Silvia.
   Sie schluckte und meinte dann: "Ein bisschen. Du tust mir doch nicht weh?"
   "Nein, ich bin ganz vorsichtig", versicherte ich ihr.
   "Und es kann auch nichts passieren?"
   "Nein, du brauchst dir keine Sorgen zu machen."
   Dann kam der Zeitpunkt meine Kenntnisse in der Benutzung eines Präservativs zu beweisen. Ich riss die Verpackung auf, nahm den aufgerollten Ring aus Gummi heraus und wollte ihn über mein knochenhartes Glied stülpen, das in dem Moment in sich zusammenfiel. Plötzlich lag auf meinem Bauch nur noch ein schrumpliges Würstchen. Zuerst versuchte ich den Gummi darüber zu bringen, was natürlich nicht gelang, dann es durch heftiges Reiben wieder hart zu bekommen, aber es blieb immer ein schlaffes Würstchen.
   "Was ist los?" fragte Silvia, die meine Bemühungen verfolgt hatte.
   Was los ist, schrie es in mir, endlich bin ich am Ziel meiner wochenlangen Tagträume und nun krieg' ich keinen hoch. "Wart mal einen Moment", sagte ich statt dessen. Ich saugte mich wieder an ihren Brustwarzen fest, rieb mit meiner Hand zwischen ihren Beinen herum, drückte meinen Unterleib mit dem schlaffen Etwas an ihren Oberschenkel, aber nichts passierte. Nach einiger Zeit gab ich auf. In einer anderen Zeit hätte eine Frau auf ein paar Tricks zurückgreifen können und es auch wohl getan, aber selbst mir war klar, dass ich so etwas gegenüber Silvia noch nicht einmal hätte andeuten können. Sie war noch einmal davon gekommen. Und mir war klar, die Chance kommt nicht so schnell wieder.
   Der Abschied fiel recht eigenartig aus. War es Enttäuschung, die ich bei ihr zu spüren glaubte? Wie mußte sie sich fühlen, endlich bereit oder durch die Situation dazu gebracht, es über sich ergehen zu lassen und dann das. "Ich rufe dich morgen an", sagte ich noch, als sie schon fast an der Gartentür war.
   "Ja, mach das." Dann war sie hinter der Hecke, die unser Grundstück umschloss, verschwunden. Mir waren die Schnapsvorräte meiner Eltern egal. Ich leerte zuerst die Flasche Asbach, dann den Eckes Edelkirsch und ließ das darauf folgende Donnerwetter mit stoischer Ruhe über mich ergehen. Erklären warum und wieso konnte ich eh nicht. Und das hatte nicht unbedingt nur etwas mit meiner Pleite bei Silvia zu tun. Außerdem wurde mir kotzübel, was meine Eltern wiederum als gerechte Strafe ansahen.

In der Woche nach den Herbstferien kam es Schlag auf Schlag. Am Montag bekamen wir unsere erste Deutscharbeit dieses Schuljahres zurück. Eigentlich hatte ich ein gutes Gefühl und inhaltlich war das, was ich abgeliefert hatte, auch ganz passabel und wäre wohl ein Befriedigend geworden, wenn nicht meine Rechtschreibung eine Katastrophe gewesen wäre. Ich konnte das Kopfschütteln unseres Lehrers nicht begreifen und schaute entsetzt auf das Meer von roter Tinte, das meine Arbeit verunstaltete. Alles war doch in Ordnung. Einige falsche Kommas und ein paar unterkringelte Worte, wie fokusieren, bei denen mir in diesem Augenblick bewußt wurde, dass es sie noch gar nicht gab. Doch die Masse der Fehler waren eindeutig keine. Ich warf erbost das Heft auf die Schulbank.
   "Zeig mal deine Arbeite", forderte ich Gerhard auf. Wir tauschten die Hefte aus. Erst als ich einen Blick auf seine Arbeit warf, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die neue Rechtschreibung. Gleichzeitig meinte Gerhard, wie um mich zu bestätigen: "Sag mal ß kennst du wohl überhaupt nicht und Delfin mit F find ich toll und deine Groß- und Kleinschreibung ist auch ziemlich willkürlich. Mensch Bernd, was ist den los? So etwas habe ich ja noch nie gesehen."
   Ich zuckte resignierend mit den Schultern und nahm meine Arbeit wieder an mich. Schon gut, dachte ich mir, in dreißig Jahren wirst du es verstehen. So ging ich denn hin, mit einem Problemfach in meinem umfangreichen Repertoire mehr. Nach der Schule wartete ich auf Silvia, aber ich verpasste sie. Das redete ich mir zumindest ein, nachdem ich sie nur am Tag nach meinem verunglückten Versuch, mit ihr zu schlafen, kurz am Telefon gesprochen hatte. Bei weiteren Versuchen, hatte mir ihre Mutter gesagt, Silvia sei nicht zuhause und würde zurückrufen, was nicht geschah. Irgendwie hatte ich den Eindruck, ihr war diese Entwicklung nicht ganz unrecht. Bei dem Gedanken an ihren bevorstehenden Tod schlicht sich ein hämischen Grinsen in mein Gesicht. Sie sollte sich genau überlegen, was sie tat, schließlich hielt ich ihr Schicksal in den Händen.
   Die Sache mit Silvia klärte sich schnell auf. Als ich nach Hause kam lag ein Brief für mich auf dem Garderobenschrank im Flur. Er kam von Silvia und enthielt in ein paar Sätzen die Mitteilung unserer Trennung. Obwohl mir meine Erfahrung sagte, dass es zwecklos war, griff ich zum Telefon. Ich hatte Glück, denn es war tatsächlich Silvia, die den Hörer abnahm, aber das war auch schon alles. Mehr als ein paar "Jas", "Es ist nun mal so" und "Ich habe mir das gut überlegt" bekam ich nicht von ihr zu hören. Ein weiteres Treffen mit mir, um über alles noch einmal zu reden, lehnte sie ab. Es gebe nichts mehr zu besprechen. Nun war genau der Fall, dem ich entgegen zu wirken in diese Zeit gekommen war, schon viel früher eingetreten. Damit war mein weiterer Aufenthalt hier sinnlos. Ich hatte es vermasselt und wollte zurück. Doch auch am nächsten Morgen schrieb man wieder und noch das Jahr 1968.
   Und so blieb es auch, zumindest bis Silvester. Irgendwann gab ich auf, abends, wenn ich ins Bett ging, zu hoffen, am nächsten Morgen in einem Liegestuhl am Pool eines Thailändischen Hotels aufzuwachen. Natürlich schaffte ich das Klassenziel nicht und mußte die Obersekunda wiederholen. Zwei Versuche Silvia zurückzugewinnen waren schon im Ansatz dumm und blieben erfolglos. So erfolglos, wie mein zweiter Versuch in die Unterprima versetzt zu werden. Warum auch? Der einzige Grund meines Hierseins hatte sich schon nach einigen Wochen erledigt gehabt. Mit einem zweiten "Nicht versetzt" ging ich von der Schule ab und begann eine Ausbildung als Reisebürokaufmann, die ich einen Tag nach meinem einundzwanzigsten Geburtstag abbrach. Endlich war ich Volljährig. Meine Eltern verstanden mich schon lange nicht mehr. Auch ihnen war nicht verborgen geblieben, dass ich inzwischen Alkoholiker war. Zwei Tage nachdem ich mich aus dem Reisebüro verabschiedet hatte, brach ich auf und trieb mich in den Innenstädten und auf den Platten herum, übernachtete in Schrebergärten und wäre im ersten Winter fast erfroren, bis ich gelernt hatte auf der Straße zu überleben. Wenigstens bin ich jetzt mit Leuten zusammen, denen ich meine Geschichte erzählen kann. Immer und immer wieder und es ist nur eine Geschichte unter unzähligen anderen, die viel unglaublicher klingen.

© 2003 by Florian F. Marzin
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

 
 
 
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Erstveröffentlichung in
Hahn / Iwoleit / Mommers: NOVA 3
(Wuppertal: Verlag Nummer Eins, 2003) Bestellen
Titelbild von Thomas Thiemeyer
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