Kapitel 1 
Ich könnte mich totärgern, dass ich nicht gleich in Innamincka vollgetankt hatte.
Einen großen Unterschied würde es nicht machen, aber immerhin. fünfhundert Kilometer
waren zu einer Entfernung geworden, die inzwischen nicht mehr mit einem Druck aufs
Gaspedal und fünf oder sechs Stunden Langeweile zu überbrücken waren. Und dabei war es
ein ganz passabler Tag gewesen. In der Nacht hatte der Wind die harten, länglichen
Blätter der Eukalyptusbäume, unter denen mein Toyota RV 50 geparkt war, klappern lassen
und kurz nachdem ich hinten auf der Pritsche in meinen Swag gekrochen war, musste ich noch
einmal hoch, um das Feuer, das durch den starken Luftzug wieder angefacht worden war, mit
Sand zu bedecken. Es war Juli und die Nächte hier draußen im Outback von Australien
waren trotz der annehmbaren Tagestemperaturen ziemlich kalt. Ich sah zu, dass ich wieder
in meinen Schlafsack kam. Das letzte, an das ich mich vor dem Einschlafen erinnerte, waren
die zwischen den Zweigen aufblitzenden Sterne und der Gedanke, morgen zur
Innamincka-Station zu fahren, zu tanken und ein paar Vorräte einzukaufen.
Der nächste Morgen brach gegen sechs Uhr an als die weißen Kakadus in
ihren Schlafbäumen erwachten. Zuerst ein vereinzeltes Krächzen, das unwillig beantwortet
wurde, dann wiederholte Rufe, die sich von Ast zu Ast des mit Hunderten von Vögeln
besetzten Baumes fortsetzten und schließlich in ein Crescendo einmündete, das mich
endgültig aufweckte. Es dauerte noch ein paar Minuten, in denen ich mit offenen Augen vor
mich hindöste, bis eine vielflüglige weiße Wolke über mich hinwegrauschte.
Mittlerweile war es hell geworden und zwischen den weit auseinander stehenden Bäumen
hindurch schimmerte ein blassroter Streifen, der den baldigen Sonnenaufgang ankündigte.
Ich öffnete ein Stück den Reißverschluss des Swag und schob mich auf die Ellenbogen
hoch, bis ich den Rücken an die Fahrerkabine des Pickup lehnen konnte. Die morgentliche
Kühle kroch langsam von meinen bloßliegenden Schultern hinunter in den Schlafsack. Genau
genommen ist ein Swag eher eine Kombination von Matratze und Schlafsack, aber hier im
Busch sehr praktisch. Ich griff nach unten und suchte nach meinem Pullover und der Hose.
Nachdem ich mich, ohne meine warme Höhle zu verlassen, unter den üblichen Verrenkungen
in die beiden Kleidungsstücke gequält hatte, war ich bereit, den Tag zu beginnen. Ich
stieg von der Ladefläche, ging zu den Überresten des Lagerfeuers und schob mit dem
Spaten den Sand von der Asche. Ein dünner Rauchfaden deutete auf einen Rest von Glut hin.
Ich nahm ein Stück Zeitung, knäulte es locker zusammen und wartete darauf, dass es Feuer
fing. Als nächstes wanderten ein paar dünne Zweige in die hochschlagenden Flammen und
nach ein paar Minuten war das Feuer in Gang. Ich setzte den kleinen Kessel mit Wasser
direkt auf die brennenden Äste und schaute mich um. Weit und breit war niemand zu sehen,
aber das überraschte mich nicht. Gestern nachmittag waren zwar noch zwei Off-Roader an
mir vorbeigefahren, die Leute darin hatten kurz gegrüßt, sich aber dann irgendwo weiter
oben an den Fluss gestellt. Noch nicht einmal ihre Lagerfeuer hatte ich in der Nacht
gesehen. Im Outback ließ man sich nach Möglichkeit in Ruhe. Wahrscheinlich waren sie
schon längst wieder aufgebrochen. Ich klappte den Campingstuhl auseinander, stellte den
alten hölzernen Klapptisch auf und warf einen ersten Blick in den Kessel. Ein bewachter
Topf kocht nicht, fand ich wieder einmal bestätigt. Aus der Küchenkiste nahm ich Teller,
Tasse und Besteck, holte die Wurst und den Käse aus der Kühlbox, wo er in dicht
verschließbaren Plastikbehältern auf dem Wasser, zu dem die Eiswürfel inzwischen
geschmolzen waren, schwamm und fischte die Margarine heraus. Der Kessel gab jetzt
deutliche Rauchsignale und ich hob ihn mit einem Stöckchen, das ich unter den Henkel
schob, aus dem Feuer.
Ich genoss gerade meine letzte Tasse Kaffee, als die Fliegen kamen. Wie
jeden Morgen und wie immer einem unerklärlichen Zeitgefühl folgend. Die Fliegen sind
wirklich eine Plage. Wenn ihre Zeit gekommen ist, dann sind diese Quälgeister durch
nichts aufzuhalten oder abzuschütteln. Abends verschwinden sie mehr oder minder mit der
Dämmerung und wenn man nicht allzuviel Wert darauf legt, zu sehen was man isst, dann kann
man dies nach Einbruch der Dunkelheit unbelästigt tun. Wenn nicht, dann führt man einen
von vorne herein aussichtslosen Kampf gegen diese schwarze Flut. Morgens, kurz nach
Sonnenaufgang, wenn die Luft sich zu erwärmen beginnt und es richtig gemütlich wird,
erscheint sie von ihren geheimen Schlafplätzen. So wie jetzt. Ich ließ ihnen die Reste
meines Frühstücks, rückte ein Stück vom Tisch weg, was aber auch nicht viel half, und
deckte meinen Kaffeebecher mit dem Deckel des Kessels zu. Wenn man einige Zeit im Outback
zugebracht hat, dann gewöhnt man sich an das beständige Krabbeln von Fliegenfüßen am
Hals und im Gesicht, die wegzuscheuchen kaum der Mühe wert und von ebenso wenig Erfolg
gekrönt ist.
Aus dem fast niedergebrannten Lagerfeuer stieg noch eine dünne
Rauchfahne und die Schatten der Eukalyptusbäume begannen die tägliche Wanderschaft um
ihre eigene Achse. Ich hatte mir ein Plätzchen ein paar Meter von meinem Wagen entfernt
gesucht und ließ gemütlich die Sonne meinen Körper auf Betriebstemperatur bringen.
Irgendwo, ein paar hundert Meter flussaufwärts, musste etwas die Vögel aufgescheucht
haben. Kreischend flog ein ganzer Schwarm Galas aus den Bäumen hoch und drehte eine Runde
um sich dann ans andere Flussufer zu verziehen. Ich warf meine Zigarettenkippe ins
Lagerfeuer und machte mich daran, meine Sachen zusammenzupacken. Es war viertel nach acht.
Die beiden Männer bemerkte ich erst, als sie mich ansprachen. Sie
standen ungefährt zwanzig Meter von mir und meinem Off-Roader entfernt und musterten mich
eingehend. Ich zuckte hoch und erwiderte ihren Gruß, den ich allerdings nicht verstanden
hatte. Nach einem genaueren Blick war ich mir sicher, die beiden mussten Stockmen sein,
die australische Abart des Cowboys. Sie trugen hohe Stiefel, ziemlich zerissene grobe
Hosen, Lederwesten und natürlich, wie auch ich, den unvermeidlichen breitkrempigen Hut
gegen die herab brennende Sonne. Sie standen immer noch unschlüssig herum und tuschelten
miteinander. Da ich auch nicht wusste, was ich sagen sollte, lehnte ich mich an die
Ladefläche meines Pickups, zog eine Zigarette aus dem Päckchen und wartete erst einmal
ab. Natürlich stellte sich die Frage, was sie hier zu suchen hatten. Ich befand mich im
Nationalpark und da gab es kein Vieh und damit auch keinen Grund für die Anwesenheit von
Viehtreibern. Aber vielleicht suchten sie versprengte Rinder, die sich hierher verlaufen
hatten. Erst jetzt bemerkte ich, dass beide Waffen trugen. Revolver, die in
Gürtelhalftern steckten und Gewehre. Das war nun schon mehr wie im Film.
"He, Leute, was treibt euch denn hierher?" rief ich ihnen zu,
um endlich die gespannte Stille zwischen uns zu brechen. Ihre Köpfe ruckten in meine
Richtung und sie schienen nicht verstanden zu haben.
"He, was macht ihr hier?" wiederholte ich meine Frage.
Sie zuckten ratlos mit den Schultern. Der linke, etwas ältere Mann
meinte dann: "Wisenschagen."
"Wie bitte?" Ich hatte nichts verstanden. Wahrscheinlich
sprachen sie ein Stockmenkauderwelsch, das niemand außer ihnen verstand. Gleichzeitig
trat ich ein paar Schritte auf sie zu.
"Wirsen jagen." bestätigte der jüngere Mann.
Es sollte wohl heißen, wir sind jagen, überlegte ich mir und nickte.
"Gutes Wetter zum Jagen", sagte ich nur um das Gespräch nicht gleich wieder
einschlafen zu lassen. Die beiden nickten und schauten an mir vorbei. Irgendwas sagte mir,
dass ich für die beiden von ziemlich untergeordnetem Interesse war. Ihre Blicke hingen
wie gebannt an meinem Wagen und nur weil ich mich bei ihrem Eintreffen direkt daneben
befunden hatte war mir der Fehler unterlaufen, ihr Interesse auf mich zu beziehen. Ich
befand mich jetzt genau zwischen den beiden und meinem Toyota, der etwas rechts hinter mir
stand. Und dort war auch, gut versteckt unter der Plane, die ich während der Fahrt über
die Ladefläche spannte, damit meine Habseligkeiten nicht total verstaubten, mein Gewehr.
"Wo kommsten her", fragte jetzt der Ältere. Entweder bemühte
er sich deutlicher zusprechen, oder ich hatte mich schnell an den eigenartigen Dialekt
gewöhnt. Wahrscheinlich von beidem etwas. Es war die übliche Frage, die man bei einer
Begegnung im Outback stellte. Die nächste wäre, wo willst du hin und wie ist der Zustand
des Tracks von da, wo du herkommst. Damit sind dann die wichtigsten Informationen, die es
unter Off-Roadern im Gelände gibt, ausgetauscht.
"Ich bin gestern von Birdsville heruntergekommen", antwortete
ich und fügte dann noch hinzu, "den westlichen Track." Denn es gab zwei. Einmal
von Birdsville Richtung Osten und dann nach knapp hundert Kilometern Richtung Süden, quer
durch die Sturt Stony Dessert, woran ich mich lieber nicht erinnern wollte, da dieses
verdammte Stück Land seinen Namen zu Recht trägt und ich meinen Wagen durch endlose
Steinfelder hatte lenken müssen. Insgesamt vierhundert Kilometer, für die ich über
sieben Stunden gebraucht hatte. Der andere führte an Bedoulia vorbei und dann Richtung
Süden nach Innamincka, war auf der Karte gut einhundertfünfzig Kilometer länger, konnte
aber auf keinen Fall schlechter sein. Das alles waren die notwendigen Informationen, die
ich geraden den beiden geben wollte, als der jüngere meinte: "Birdsville, was isn
das?"
Und zur Bestätigung meinte auch der andere. "Wo solln das
sein?"
Jetzt war ich verblüfft. Birdsville ist für das australische Outback,
was Rom für einen guten Katholiken ist. Tausende pilgern jeden September dorthin, um die
berühmt berüchtigten Birdsville Races mitzuerleben. Ein Wochenende, an dem die kleine
Ansiedllung am Trailhead des Birdsvilletrack Kopf steht. Die Pferderennen spielen dabei
nur eine Nebenrolle. Viel wichtiger ist das drei Tage dauernde Besäufnis. Auf großen
Kühllastern wird das Bier in den Ort gebracht und kistenweise von der Ladefläche
herunter verkauft. Das Birdsville Hotel, in ganz Australien bekannt, ist wohl die einzige
Kneipe, die statt eines Parkplatzes eine Landebahn vor der Tür hat, wo die Bewohner der
umliegenden Stations mit ihren Kleinflugzeugen einfliegen und direkt in die Kneipe fallen.
Und die beiden hier wollten nicht wissen, was Birdsville ist und wo es liegt. Ich lachte
kurz auf.
"He, ihr könnt mir doch nicht weiß machen, dass ihr Birdsville
nicht kennt?"
Die beiden schüttelten überzeugend den Kopf. Dann meinte der Ältere:
"Ist das ein Wasserloch?" Und auf einmal schien er mehr an der Auskunft
interessiert, als an meinem Wagen. Auch der Jüngere richtete jetzt seinen Blick auf mich
und ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Ich machte möglichst unauffällig ein
paar Schritte in Richtung meines Pickup, um in Reichweite meines Gewehrs zu kommen.
Bedrohlich war die Situation eigentlich nicht, doch irgendwie auch nicht so, wie ich es
von einer Begegnung im Outback gewohnt war. Wir sollten jetzt eigentlich schon längst
über das Wetter oder andere Nichtigkeiten plaudern, die Wegstrecke, wo man hin wollte,
wie lange man schon unterwegs war und bestenfalls die erste Dose Bier aufgemacht haben.
Auf keinen Fall sollte man erklären müssen, was Birdsville ist. Vielleicht, wenn es
Touristen gewesen wären, aber so sahen die beiden nun wirklich nicht aus. Ihre Hüte
waren, wie ich inzwischen feststellen konnte, schon einige Jahre in Gebrauch und nicht nur
spazierengetragen worden. Die Klamotten hätten eine Wäsche vertragen können und auch
wenn meine eigenen schon zu Fuß in die Wäsche gehen konnten, dann war zwischen denen und
ihren noch ein Unterschied wie zwischen Samstag Abend in Melbourne und Montagmorgen in
Coober Pedy. Ich beschloss, davon auszugehen, dass sie wirklich nichts von Birdsville
wussten und mich nicht auf dem Arm nehmen wollten.
"Ja, Wasser gibt es auch in Birdsville. Es ist ein kleiner Ort,
vierhundert Kilometer von hier. Ungefähr einhundert Einwohner."
"Sooo.", und die beiden dehnten unisono den Laut bis zur
Grenze des Erträglichen. Ihr Unglaube war deutlich zu spüren. Eigentlich mehr als dies.
Ich hatte den Eindruck, sie hielten mich für komplett verrückt. Ich spürte wie mir der
Schweiß den Rücken hinunterlief. Binnen der letzten halben Stunde war es drückend heiß
geworden. Die Quecksilbersäule des Thermometers musste gut und gerne auf dem Weg nach
oben ein paar Zentimeter überwunden haben.
"Wie weit soll das sein?" fragte der eine nochmals.
"Na, ungefähr vierhundert Kilometer", antwortete ich
widerwillig, denn ich hatte wenig Lust mich von den beiden weiter nerven zu lassen.
"Wie viele Meilen sind das denn?"
Aha, dachte ich mir, noch jemand, der immer noch in Meilen und Fuß
rechnete, wie ich es bei manchen älteren Australiern schon häufig festgestellt hatte,
die sich selbst nach über zwanzig Jahren, die seit der Einführung des metrischen Systems
auf dem fünften Kontinent vergangen waren, immer noch nicht daran gewöhnt hatten und
durchaus fragten, wieviel Meilen mein Wagen denn mit einer Gallone machte. Nun gut. Ich
überschlug schnell im Kopf und meinte dann: "Das sind zweihundertfünfzig
Meilen."
Die beiden schauten sich an und grinsten mir dann ins Gesicht. Sie
mussten sich köstlich auf meine Kosten amüsieren. Schließlich meinte der Ältere der
beiden zweifelnd: "Un' wo solln dein Birdsville liegen?"
Ich dachte kurz nach und deutete dann über den Cooper Creek grob in
Richtung Nordwesten. Die Köpfe der beiden drehten sich in die von mir angegebene Richtung
und starrten über den schmalen Wasserlauf in die sich jenseits ausbreitende Ebene, über
der inzwischen die Hitze flimmerte. Mein Blick folgte ihrer Kopfbewegung und ich hatte auf
einmal den Eindruck, als wäre der Wasserspiegel im Coppers Creek über Nacht deutlich
gefallen. Blödsinn, bescheinigte ich mir sofort, jetzt lass' dich durch die beiden nicht
verrückt machen. Ich verfolgte wie zwei Pelikane langsam zwischen den Bäumen
hereinschwebten und dann mit einem Plätschern auf der Wasseroberfläche landeten.
"Dort soll ne Stadt liegen? Von da willste gekommen sein?"
"Ja, gestern abend", erklärte ich unwirsch, ohne viel Lust
die Unterhaltung fortzusetzen. Ich drehte mich demonstrativ um und ging zu meinem Wagen
zurück, um endlich aus der prallen Sonne herauszukommen. Sie folgten mir bis in den
Schatten neben dem Pickup. Auf einmal schien die ganze Angelegenheit mit Birdsville
bedeutungslos geworden zu sein, denn sie starrten wieder auf den Toyota, als würden sie
einen rosa Elefanten oder ein geflügeltes Schwein oder beides zugleich sehen. Ich
beschloss, keine Notiz mehr von ihnen zu nehmen und packte weiter meine Sachen zusammen.
Sie schlichen um den Off-Roader herum, strichen über das Blech und schüttelten den Kopf.
Irgendwie lag die Frage, was dieses Ding denn sei, in der Luft. Als sie dann endlich kam,
überraschte sie mich nicht mehr. Ich hatte gerade die Kiste mit den Küchengeräten
eingeräumt und mich für eine Zigarette auf meinen Klappstuhl gesetzt. Die beiden standen
vor der Motorhaube und starrten an der Funkantenne, die eine scharfe Trennungslinie
zwischen ihnen zog, vorbei zu mir herüber. Ich beschloss so zu tun, als wäre dies eine
ganz normale Frage und antwortete darauf, wie man einem Kind antworten würde, das zum
wiederholten Male die gleiche Sache erklärt haben möchte.
"Das ist ein Toyota Landcruiser, Modell RV 50 Pickup, vierkommazwei
Liter, Sechzylinderdieselmaschine." Ich hätte genausogut eine kabbalistische
Beschwörungsformel murmeln können. Es war deutlich zu sehen, dass sie kein Wort
verstanden hatten. In diesem Moment kam ich mir ziemlich blöd vor. Der Pickup war das
Standardmodell des australischen Outback. So ziemlich jeder Farmer und jede Cattlestation
hat mindestens einen von der Art, was nicht zuletzt ein Grund dafür war, warum ich mir
dieses Modell für meine Touren in Australien angeschafft hatte. Selbst der letzte
Mechaniker in der kleinsten Ansiedlung konnte das Ding reparieren. Ersatzteile bekam man
praktische wie zu Zeiten des Ford T-Modells in Amerika, an jeder Tankstelle, ganz
abgesehen von den Reifen, die hier im Busch selten länger als ein paar tausend Kilometer
hielten. Wenn man Glück hatte. Anscheinend hatte die beiden ein ähnlich mulmiges Gefühl
beschlichen wie mich, denn der Jüngere zog seinen Gefährten weg. Sie murmelten mir noch
etwas zu und verschwanden dann in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
"Macht's gut", rief ich ihnen noch hinterher, doch sie drehten
sich nicht einmal mehr um. Die ganze Sache gefiel mir gar nicht. Als erstes zog ich mein
Gewehr unter der Plane hervor und legte es griffbereit auf den Beifahrersitz. Wenn die
beiden wiederkommen würden, wäre ich zumindest vorbereitet. Aber was heißt das schon.
Eigentlich wäre es viel schlimmer, wenn der Ranger vorbeikäme und das Gewehr sehen
würde. Schließlich befand ich mich in einem Nationalpark und da waren Schusswaffen
absolut verboten. Ich packte meine restlichen Sachen zusammen, schaufelte Sand auf die
Asche des Lagerfeuers und schwitzte schrecklich. Ein Blick auf das am Führerhaus
angebrachte Thermometer versetzte mich dann doch in Staunen. Es zeigte knapp vierzig Grad
und die Uhr im Wagen zeigte erst viertel nach zehn. Dafür war es wirklich ziemlich heiß.
Ich holte hinter der Fahrersitzlehne meine Shorts hervor und tauschte die Jeans gegen sie
aus. Es war jeden Tag das gleiche Spiel. In der morgentlichen Kühle begann man mit langen
Hosen, einem Pullover über dem T-Shirt und manchmal sogar noch eine Daunenweste. In dem
Maße, wie die Sonne den Horizont erkletterte, legte man ein Kleidungsstück nach dem
anderen ab, bis man abends den Vorgang in umgekehrter Reihenfolge wiederholte. Hier in den
Wüstengebieten des Landesinneren konnte der Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht
gut zwanzig bis fünfundzwanzig Grad betragen, aber es war nicht so schwer sich daran zu
gewöhnen. Jetzt wurde es aber wirklich Zeit, mich aufzumachen. An der Station würde ich
mich erkundigen, ob irgendwelche Cattlestations mit ihren Stockmen im Nationalpark zugange
waren und zur Sicherheit nächste Nacht in der Nähe der Station campen. Irgendwie war mir
nicht nach einer zweiten Begegnung mit den beiden, oder etwaigen Kameraden von ihnen,
zumute. Ich setzte als letztes die Kühlbox hinten auf die Ladefläche, klappte die
Bordwand hoch und warf einen Blick in die Runde, um mich zu vergewissern, dass nicht noch
etwas herumlag. Viel zu schnell vergisst man ein Paar Schuhe, die man wegen der Schlangen
und Skorpione auf das Autodach gestellt hat und die dann beim Wegfahren auf
Nimmerwiedersehen verschwinden, oder ein Werkzeug, das noch an einen Baumstamm gelehnt vor
sich hindämmert. Nichts dergleichen; ich hatte mein Lehrgeld inzwischen gezahlt und hielt
leidlich Ordnung. Ich schaute noch einmal in die Richtung, aus der meine beiden Besucher
gekommen waren, doch auch dort war nur Busch und kein Anzeichen von menschlichem Leben zu
bemerkten. Ich nahm das Gewehr wieder vom Beifahrersitz, schob es ganz unten unter meine
Sachen und zurrte zuletzt die Plane fest. Dann stieg ich ein. Die Vorglühkontrolle
erlosch, kaum dass sie aufgeleuchtet hatte. Kein Wunder bei der Hitze und mit einer
Drehung des Zündschlüssel erwachten die sechs Zylinder unter der weitausladenden
Motorhaube zum Leben. Das Geräusch des Diesels kam erst stotternd, bis es nach einigen
Augenblicken seine vertrauenerweckende Gleichmäßigkeit gefunden hatte. Wenn man sich mit
einem Off-Roader über staubige Pisten, steinige Tracks, durch Geröllfelder und
Flussläufe quält, dann graben sich in dem Moment, in dem man das Steuerrad umfasst,
winzige Fühler aus den Handflächen in das Material des Lenkrads, finden ihren Weg durch
die Steuersäule bis in die entferntesten Winkel das Wagens und man weiß sofort, wenn
etwas nicht stimmt. Ein besonderes Geräusch des Fahrtwindes, der sich hinten auf der
Ladefläche verfängt, flüstert einem zu, dass man besser nachschaut, ob sich nicht
gleich ein Ausrüstungsstück verabschiedet, ein besonderes Ruckeln beim Fahren, das neben
den Schlägen und Schütteln der Piste auf einmal spürbar wird und die traurige
Mitteilung macht, dass wieder mal ein Reifen sein Leben ausgehaucht hat. Ich brauchte
keine zehn Meter, um mir dessen sicher zu sein und ordentlich zu fluchen. Ich stellte den
Motor ab und stieg aus. Natürlich hoffte ich, mich geirrt zu haben, doch zu deutlich war
die Schräglage des Pickup nach hinten links. Wenigstens hatte es mich nicht bei höherem
Tempo auf der Piste erwischt, denn dann wäre der Reifen völlig hinüber gewesen. So war
er einfach nur platt. Ich trat dagegen, mehr aus Routine, denn aus wirklicher Wut. Dann
fielen mir wieder meine Besucher vom Morgen ein, was die Phase des Ärgerns auf fast Null
verkürzte. Ich machte mich an die Arbeit.
Gut eine halbe Stunde später war ich in Schweiß gebadet,
dreckverschmiert und das Rad war gewechselt. Ich wuchtete die Felge mit dem platten Reifen
auf die Ladefläche und in die Halterung hinter der Fahrerkabine, sammelte den Wagenheber
und das Werkzeug ein und war zur Weiterfahrt fertig, als drei Reiter in schnellem Trab auf
mich zukamen. Zwei davon, darauf hätte ich jeden Betrag gewettet, waren bestimmt meine
frühmorgentlichen Besucher, die sich anscheinend Verstärkung geholt hatten. Ich zog mit
zitternden Händen das Gewehr aus seinem Versteck und legte es griffbereit auf die
Ladefläche. Sie gleich mit schussbereiter Waffe in der Hand zu empfangen, schien mir
nicht angeraten. Überhaupt sollte der Griff zum Gewehr sowieso nur die letzte
Möglichkeit sein, da ich befürchtete, bei einer solchen Konfrontation den Kürzeren zu
ziehen.
Die drei Männer brachten ihre Pferde gut zwanzig Meter vor mir zum
Stehen. Wie ich vermutet hatte waren es die beiden Stockmen. Der Neue stieg vom Pferd
herab und gab die Zügel dem Jüngeren, der zusammen mit seinem Gefährten, im Sattel
sitzenblieb, während der Unbekannte mit langsamen Schritte, wobei er wie gebannt auf
meinen Wagen starrte, auf mich zukam. Schon seine ersten Worte machten deutlich, dass er
ein paar Jahre mehr in der Schule zugebracht haben musste.
"Guten Tag, Sir. Ich bin William Brahe." Und damit streckte er
mir die Hand entgegen. Im ersten Moment war ich zu verdutzt, um etwas darauf zu antworten
oder seine Geste zu beantworten. Dann wischte ich mir instinktiv die fettverschmierte Hand
an den Shorts ab, ergriff die seine und schüttelte sie, wobei ich ihm meinen Namen
nannte. Mein Gegenüber war höchstens einen Meter siebzig groß, hager mit eingefallenen
Wangen, schulterlangem dunkelblondem Haar und einem ziemlich zerfransten Kinnbart. Seine
blauen Augen wirkten müde, sein Blick war sorgenvoll und die Hand, die ich schüttelte,
war rauh und ich spürte Risse und Narben in der Haut. Er trug lange, helle und ziemlich
schmutzige Hosen aus groben Baumwollstoff, die in wadenhohen Lederstiefeln steckte. Ein
grobes Hemd ohne Kragen, darüber eine Lederweste und ein Halstuch. Auf dem Kopf hatte er
einen altertümlich spitz zulaufenden Hut mit breiter, runder Krempe. Von der Kleidung her
machte er einen genauso abgerissenen Eindruck wie die beiden anderen. Aber nach meinem
Reifenwechsel sah ich bestimmt auch nicht besser aus.
"Meine beiden Gefährten, Perdy und Jonathan", dabei deutete
er auf die beiden Männer hinter sich, die mir bei der Nennung ihres Names zunickten, so
als ob sie heute morgen nicht ausreichend Zeit gehabt hätten, sich vorzustellen,
"haben mir erzählt, dass sie hier einen Weißen getroffen haben."
Das klang so, als ob sie nicht mich, sondern die Pyramiden entdeckt
hätten. Es klang so, als ob ich einen guten Grund für mein Hiersein nennen müsste. Und
es klang nach Rassismus. Das Lächeln, was dabei über Brahes Gesicht huschte, nahm seiner
Bemerkung allerdings etwas an Schärfe. Ich beschloss, dennoch vorsichtig zu sein.
"Was ist daran so ungewöhnlich?"
"Nun", meinte er zögernd, von meiner Frage etwas überrascht,
"wir sind hier weit weg von jeder Ansiedlung..." Und fügte wie zur
Verdeutlichung hinzu: "Verdammt weit weg."
Irgendwie stimmte das auch, wenn man einmal von Innamincka-Station
absah, wo bestenfalls zehn Personen ständig lebten und man das bestimmt nicht als
Ansiedlung bezeichnen konnte. Aber mir war klar, dass er es ganz anders meinte, doch wie,
das wusste ich nicht. Wir standen uns wortlos gegenüber. Ich musterte den Mann vor mir
und dieser meinen Wagen. Ich schob meinen Akubra in den Nacken und wischte mir den
Schweiß von der Stirn. Dann rückte ich den breitkrempigen Hut wieder sorgfältig zurecht
und unternahm einen Anlauf, das Gespräch in Gang zu bringen.
"Was macht ihr hier? Treibt ihr Vieh zusammen?" Er schaute
mich erstaunt an. Dann schüttelte er den Kopf, so als ob ich ihn gerade verdächtigt
hätte, eine Postkutsche überfallen zu wollen.
"Nein. Wir haben unser Lager ein paar Meilen weiter oben am Creek
aufgeschlagen und warten auf die Rückkehr von Superintendent Burke und seinen
Gefährten."
Polizei, dachte ich, seltsam. Was wollten die hier? Aber
unwahrscheinlich war es ja nicht. Vielleicht war das eine Erklärung für die Pferde. Man
kam hier in der Wildnis, über Stock und Stein, mit Pferden möglicherweise doch noch
besser voran, als mit Geländewagen. Kaum hatte ich den Gedanken gefasst, verwarf ich ihn
auch gleich wieder. Wenn die drei von der Polizei waren, dann würden sie bestimmt etwas
tragen, was man als Uniform identifizieren könnte und ohne Zweifel wüssten sie, wo
Birdsville lag. Meine Überlegungen waren keinen Schritt weiter gediehen, als Brahe mit
der Frage herausrückte, die ihm deutlich sichtbar schon die ganze Zeit auf der Zunge
gebrannt hatte. Er verzog sein Gesicht zu einem Grinsen und überbrückte die paar
Schritte zu meinen Wagen. Er ging einmal um den Off-Roader herum und strich vorsichtig,
als hätte er Angst gebissen zu werden, ein paarmal mit der Hand über das Blech.
"Was ist das für ein Ding?"
"Hör mal, willst du mich auf den Arm nehmen?" Ich benutzt
extra einen etwas älteren englischen Ausdruck, um den von mir vermuteten Sachverhalt
deutlich zu machen, da, auch wenn ich Brahe gut verstand, er doch ein etwas merkwürdiges
Englisch sprach. Doch ihm musste wahrscheinlich mein ausgeprägter amerikanischer Akzent
genauso merkwürdig vorkommen.
"Nein." Es klang fast beleidigt. "Erklär' mir was das
ist." Dabei legte er seine Hand auf die breiten Bullbars über der Stoßstange, die
dazu geeignet waren selbst eine Begegnung mit einem Känguru bei Tempo achtzig unbeschadet
zu überstehen.
"Das ist ein...", begann ich halb gelangweilt, halb gereizt
und wollte meine Erklärung wiederholen, die ich schon seinen beiden Kameraden gegeben
hatte, doch dann wurde mir klar, dass dies nichts erklären würde. Ich brach ab und
dachte nach. Irgendetwas stimmte hier gar nicht, aber im Moment hatte ich keine Zeit,
lange darüber nachzudenken. "Das ist ein Geländewagen."
Er nickte und ich atmete erleichtert auf. Also hatte dieser
Hinterwäldler zumindest schon einmal einen Off-Roader gesehen.
"Was ist ein Geländewagen?"
Ich stöhnte auf, schüttelte ungläubig den Kopf und ging die zwei
Schritte zu ihm hinüber. "Hört mal zu, Leute", sagte ich und schloss seine
beiden Begleiter, die immer noch auf ihren Pferden saßen, gleich mit ein. "Ich weiß
nicht, was hier läuft, aber tut mir einen Gefallen und hört auf, mich zu verarschen. Ich
habe nicht so viel Zeit. Ich wollte jetzt schon längst in Innamincka sein." Es sah
nicht so aus als ob sie allzuviel von dem, was ich gesagt hatte, verstanden hätten.
"Also noch einmal. Das ist ein Toyota Landcruiser, den Rest schenke ich mir. Ein
Geländewagen, mit dem man sich hier im Outback über die Pisten und Tracks quält, um von
einem Ort zum andern zu kommen. Etwas schneller als auf einem Pferd und ich nehme an, auch
etwas bequemer. Und jetzt macht's gut. Nett euch getroffen zu haben."
Ich ging an Brahe vorbei, riss die Fahrertür auf und stieg ein. Ich
drückte zur Sicherheit die Zentralverriegelung. Bevor ich startete sah ich durch die
Windschutzscheibe in das erstaunte Gesicht von Brahe, der immer noch direkt vor der
Motorhaube stand und mit großen Augen zu mir hineinstarrte. Ich trat die Kupplung, legte
den ersten Gang ein und ließ den Motor an.
In dem Moment als der Diesel auf Touren kam passierten einige Dinge
gleichzeitig, von denen ich keines erwartet hätte. Die drei Pferde machten einen Satz in
die Höhe, schlugen wild aus und warfen dabei natürlich ihre Reiter in den Staub. Ihr
wieherndes Aufbäumen überraschte mich so, dass ich von der Kupplung abrutschte, der
Wagen einen Satz nach vorne machte und abgewürgt stehenblieb. Brahe sah ich als dunkles
Bündel halb zur Seite springen, halb vom Aufprall des Bullbars geworfen, in einem
Gebüsch landen. Dann knallte ein Schuss, der aber sein Ziel glücklicherweise verfehlte
und ich wurde gegen das Lenkrad geschleudert. Dann legte sich wieder Stille über die
Szene. Als ich vom Lenkrad aufblickte sah ich Perdy und Jonathan zehn Meter von mir
entfernt auf dem Boden knien und ihre beiden Revolver waren auf mich gerichtet.
Anscheinend hatte der ältere von beiden, Jonathan, die Geistesgegenwart besessen, kaum
dass er abgeworfen worden war, einen Schuss abzugeben. Ich sah, wie er an seiner Waffe
wieder den Hahn spannte. Ohne nachzudenken sprang ich aus dem Wagen.
"He, lass den Mist. Hört auf zu schießen. Seit ihr denn
verrückt?"
Er drückte dennoch ab. Der Schuss machte ein Geräusch, als ob man eine
Kanone abgefeuert hätte. Aus dem Lauf kam eine respektable Stichflamme und der Rückstoß
riss ihm die Hand nach oben. Gleichzeitig ertönte ein metallischer Einschlag, danach ein
helles Sirren, das ich aber schon platt auf den Boden neben meinem Wagen liegend hörte.
Irgendetwas musste er getroffen haben, etwas ziemlich Hartes, denn sonst könnte die Kugel
nicht als Querschläger durch die Gegend zischen.
"He", brüllte ich noch einmal und hob vorsichtig den Kopf um
an dem rechten Vorderrad vorbei zu sehen, was los war, "was soll das? Hört auf zu
schießen." Als tatsächlich kein weiterer Schuss fiel stand ich langsam auf und
streckte meine Hände deutlich sichtbar weit von mir. Die beiden knieten immer noch da, wo
ihre Pferde sie abgeworfen hatten und ihre Waffen waren immer noch auf meinen Off-Roader
gerichtet. Rechts neben mir stöhnte Brahe in dem Busch, der seinen Sturz etwas gemildert
hatte.
"Steckt die Waffen weg", forderte ich die beiden Stockmen noch
mal auf und zögernd kamen sie meiner Aufforderung nach, wobei sie keinen Blick von meinem
Wagen ließen. Ich ging zu Brahe und half ihm auf.
"Alles in Ordnung?"
Er schaute mich an als ob ich der Canterville Ghost wäre, ließ sich
aber von mir aus dem Dornengestrüpp helfen. Er hatte ein paar Kratzer an dem Händen und
eine ziemliche Schnittwunde auf der Stirn, aus der ihm das Blut in die Augen tropfte. Und
er schien einigermaßen benommen zu sein. Er hatte Glück gehabt. Wenn der vorspringende
Off-Roader ihn voll erwischt hätte, dann würde er jetzt nicht mehr viel spüren.
Inzwischen hatten auch seine beiden Begleiter ihre Bewegungsfähigkeit wiedergewonnen und
kamen zu uns herüber, wobei sie sich beim Laufen den roten Staub aus den Kleidern
klopften. Auch sie erkundigten sich bei ihrem Gefährten, ob alles in Ordnung wäre, der
es noch ein bisschen benommen bejahte.
"Ich hole Verbandszeug", bot ich mich an. "Damit wir die
Wunde versorgen können." Während ich aus der Fahrerkabine den Verbandskasten holte
und von der Ladefläche den Wasserkanister, führten Perdy und Jonathan Brahe zu einem
Baum, in dessen dünnen Schatten er sich niederließ. Als ich bei ihnen ankam, war
Jonathan gerade dabei mit einem ziemlich dreckigen Taschentuch die Blutung auf Brahes
Stirn zu stillen. Ich zog seine Hand mit dem Lappen weg und meinte: "Lass das lieber.
Ich habe hier saubere Tücher. Wir wollen doch nicht, dass sich die Wunde infiziert."
Ich schraubte den großen, halbvollen Plastikkanister auf, nahm ein
sauberes Verbandstuch aus dem Erste Hilfe Kasten, machte es naß und reinigte die
Rißwunde auf Brahes Stirn. Nachdem das Blut erst einmal weg war, sah es nicht mehr ganz
so schlimm aus. Gut sechs Zentimeter lang verlief sie von der Nasenwurzel schräg zum
Haaransatz, war aber nicht besonders tief. Trotzdem sickerte sofort wieder Blut hervor. Es
wäre wohl besser, sie auf jeden Fall zu nähen. Ich bezweifelte, ob es in Innamincka
einen Arzt gab und ob der Flying Doctor Service für eine Platzwunde kommen würde.
Wahrscheinlich gäbe das ein bleibendes Andenken. Ich nahm das kleine grüne Fläschchen
mit der braunen Flüssigkeit zum Desinfizieren von Wunden.
"Leg' den Kopf in den Nacken", forderte ich Brahe auf und
drückte ihm dabei mit dem blutigen Tuch gegen die Stirn, damit er meine Aufforderung auch
Folge leistete. Dann träufelte ich ihm das Antiseptikum in die Wunde und wartete ab, bis
es sich verteilt hatte. Jonathan und Perdy hatten sich zwei Schritte abseits auf den Boden
gehockt und verfolgten aufmerksam, was ich machte. Ich nahm eine Mullkompresse aus dem
Verbandskasten, zog die Plastikfolie ab und drückte den Mull auf die Wunde.
"Komm her", forderte ich Jonathan mit einem Kopfnicken auf,
"und press' das fest gegen seine Stirn." Er kam zögern herüber und legte seine
schmutzige Hand quer über die Kompresse auf Brahes Stirn. Ich suchte eine Elastikbinde
aus dem Verbandskasten und wickelte damit die Mullkompresse fest. Dann stand ich auf und
begutachtete mein Werk.
"Es wäre wohl besser, wenn ihr nach Innamincka geht. Bestimmt gibt
es da jemanden der sich besser in Erster Hilfe auskennt. Zumindest können die dort den
Flying Doctor anfunken und fragen, was zu tun ist. Ich bin der Meinung, es muss genäht
werden, sonst bleibt eine ziemliche Narbe zurück."
Die drei schauten mich wieder einmal an, als hätte ich ihnen gerade das
Prinzip der kalten Fusion erklärt. Brahe betastete vorsichtig den Verband und kam dann
langsam auf die Beine. Ich sagte nichts mehr und wartete ab, was als nächstes passieren
würde.
"Was war das?" fragte Brahe und machte dabei eine unbestimmte
Geste in Richtung des Wagens.
"Ich habe meinen Wagen gestartet", meinte ich lapidar.
"Was ist das, verdammt noch mal, für ein... Ding?" wollte er
wissen und auf einmal nahm ich ihm und seinen Gefährten ab, dass sie noch nie ein Auto
gesehen hatten. Vielleicht gab es ja irgendwo hier im Outback eine Cattlestation oder eine
Farm in einer abgeschiedenen Ecke, an der die letzten hundert Jahre spurlos vorbei
gegangen waren. Es mussten noch nicht einmal hundert sein. Erst in den dreißiger Jahren
des zwanzigsten Jahrhunderts haben sich die ersten Leute mit Autos ins Innere Australiens
gewagt. Ziemlich unwahrscheinlich war die Sache schon, aber nicht unmöglich, wenn man
bedenkt, dass man noch vierzig Jahre nach Kriegsende versprengte japanische Soldaten auf
abgelegenen Pazifikinseln gefunden hatte, die nicht wussten, dass der Krieg schon längst
vorbei war. Ich atmete tief durch.
"Hört zu Leute, gehen wir einmal davon aus, ihr wisst wirklich
nicht was das ist", begann ich und wusste nicht, wie ich weitermachen sollte. Sie
schüttelten bestätigend die Köpfe. "Dann sagt mir doch einfach mal, wer ihr
überhaupt seid." Dabei grinste ich sie an und holte mein Zigarettenpäckchen aus der
Beintasche meiner Shorts. Brahe, so hatte es den Anschein, war wohl der Boss, denn er
brachte Jonathan, der etwas sagen wollte, mit einer kurzen Handbewegung zum Verstummen.
Ich steckte mir die Zigarette mit dem bunten Plastikfeuerzeug an, das ich vor zwei
Nächten im Birdsville-Hotel geschenkt bekommen hatte. Auch bei dieser nebensächlichen
Handlung stand meinen Besuchern wieder das Staunen ins Gesicht geschrieben.
"Zigarette?" Ich hielt ihnen das Päckchen hin. Sie
schüttelten den Kopf. "Nun", meinte ich und wollte meine Frage nach ihrer
Herkunft beantwortet haben.
"Wir gehören zur Burke Expedition, die letzten August von
Melbourne aufgebrochen ist, um durch die Landesmitte zum Golf von Carpentaria
vorzustoßen. Jonathan, Perdy und ich, zusammen mit Patton, der im Camp geblieben ist,
warten hier auf die Rückkehr von Superindendent Burke, der mit Wills, Gray und King vor
drei Monaten Richtung Norden aufgebrochen ist."
Jetzt war es an mir, erstaunt die Augen aufzureißen. Ganz langsam
formte sich in meinem Kopf ein Bild, das nicht stimmen konnte. "Die Burke und Wills
Expedition?" und meine Stimme war kaum lauter als das Säuseln des Windes in den
Eukalyptusblättern.
"Wieso Burke und Wills?" fragte Brahe. "Es ist die
Expedition von Superintendent Burke. Wills ist nur sein Stellvertreter."
"Schon gut", krächzte ich. Es war schließlich egal, denn
gestern hatte ich, keine fünf Kilometer entfernt, am ehemaligen Grab von Burke Halt
gemacht, der Ende Juni hier am Cooper Creek gestorben war. Doch das war vor über
hundertdreißig Jahren gewesen.
Kapitel
2 von »Die Welt ist eine Wahrscheinlichkeit« 
© 2002 by Florian F. Marzin
Mit freundlicher Genehmigung des Autors |
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