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Helmuth W. Mommers

Ein Programm zum Verlieben

Seite 1 »
1. Tag

Gebannt starrte Michael auf den Mega-Touchscreen, der ihn im Winkel von 45° blau oszillierend begrüßte, untermalt von psychedelischen Sphärenklängen. Der Download war beendet, das System hatte sich selbst installiert und würde gleich mit einer Überraschung aufwarten ...

Wie hatte Bertram gesagt? »Das glaubst du nicht. Das musst du einfach gesehen haben!« Und Tim hatte sekundiert: »Echt megageil!«

Aber wie lange ging es denn, bis sich das Programm aufgebaut hatte? Die zwei Minuten waren ihm schon zuviel.

Ein zarter Gong erlöste Michael aus seiner Ungeduld. In der Mitte des Bildschirms materialisierte das Gesicht eines Avatars, androgyn in seinen Konturen, Augen, Nase und Mund nur angedeutet, unfertig wie der Rohling einer Puppe, in menschlicher Größe.

»Hallo«, begrüßte ihn eine neutrale, fast monoton wirkende Stimme. »Ich bin Ihr neuer Führer.« Die rudimentären Lippen bewegten sich synchron mit den Worten. »Willkommen bei Free-World! – Wie heißen Sie, bitte?«

»Michael«, sagte er nach kurzem Zögern.

»Männlich, nicht wahr?«

Michael nickte.

»Wollen Sie lieber von einer Frau oder von einem Mann betreut werden?«

»Einer Frau.«

Der Kopf schrumpfte minimal zu einem Oval, die Konturen nahmen weichere Züge an. Schon wirkte der Mund voller, die Nase schmäler, die Augen größer.

»Eurasisch-kaukasisch? – soll es eine Weiße sein oder bevorzugen Sie eine andere Rasse?«

Michael nickte wieder. »Weiß.«

Das Gesicht auf dem Bildschirm war jetzt eindeutig hellhäutig. »In etwa Ihrem Alter? Oder jünger oder älter?«

»Mein Alter.« Michael äugte in die Linse der Webcam; wer weiß, ob das Programm sein Alter richtig einschätzen konnte. Dann unaufgefordert: »So um die zwanzig, wenn’s geht.«

»Ich zeige Ihnen jetzt Bilder und bitte Sie, jedes davon anzutippen, das Ihnen vom Typ her gefällt.« Die Stimme war jetzt melodischer, hatte einen mädchenhaften Klang.

Der Bildschirm füllte sich mit drei Reihen zu je vier Portraits. Alles hübsche Mädchen, ein Querschnitt durch die Top Ten eines jeden Viertsemesters.

Zaghaft tippte Michael auf ein Bild.

»Keine sonst? – Bitte alle antippen, die Ihnen wirklich gut gefallen.« In rascher Folge füllte sich der Bildschirm immer wieder von neuem, bis: »Danke. Das reicht jetzt.«

Die Worte kamen aus einem Gesicht, das die Synthese aller seiner Träume war.

»Wahnsinn!«, entfuhr es Michael.

»Hallo, Michael – da bin ich.« Ein blondgelocktes Engelsgesicht mit Pfirsichhaut und kleinen Sommersprossen um die Nasenwurzel, dazu einem Kussmund mit geschwungenen, vollen Lippen, großen blauen Augen, die verschmitzt blitzten, über einer leicht himmelwärts gebogenen Nase, strahlte ihm entgegen, als treffe es soeben den Mann seiner Träume. Dazu saß der Kopf jetzt auf Hals und Schultern; er konnte eine hellblaue Bluse erkennen, deren Kragenknopf geöffnet war. Nur die Stimme erinnerte ihn noch daran, dass dieses himmlische Geschöpf ein Avatar war.

»Und jetzt nicken Sie einfach bei jeder Stimme, die Sie mögen.«

Michaels Wangen begannen zu glühen vor Aufregung; er nickte und nickte und ...

»Na, war doch nicht so schwierig«, tönte ihre liebreizende Stimme jetzt neu. »Zufrieden so?« Das Mädchen befeuchtete sich die Lippen.

Michael fühlte sich fast wie beim ersten Rendezvous.

Er nickte heftig. »Doch – super!« Er schluckte.

»Sie können mich immer noch ändern, wenn Ihnen was nicht passt ...«

Michael schüttelte stumm den Kopf. Da gab es nichts zu ändern, was denn auch? – sie war zu schön, um wahr zu sein, wenn sie bloß Wirklichkeit wäre!

»Jetzt brauch’ ich nur noch einen Namen«, sagte die Märchenfee. »Wie soll ich heißen?«

»Äh, ja – also – ich weiß nicht ... Pam vielleicht, oder ...« Michael ließ die Namen aller seiner Bekannten Revue passieren; er spürte, er durfte nicht irgendeinen nehmen, nein, das war jetzt ganz wichtig – der Name würde sie personifizieren, würde ihr eine Seele geben, sozusagen.

»Wie wär’s mit Angela?«, assoziierte er. »Ja, Angela – das passt!« Angie-Darling, dachte er, mein süßer, süßer Schatz!

»Wunderbar! Also ich bin Angela, und du bist Michael. – Ich darf doch ›Du‹ sagen?«

»Klar, Angela.« Es kam ganz automatisch.

»Also gut. – Michael, jetzt geht’s los!«

Michael beugte sich unwillkürlich vor.

»Womit fangen wir an? Email? Chat? Game? Surf? ... Was immer du willst.«

Michael schwankte, die Zeit lief ihm davon; in schneller Folge ließ er sich von Angela durch eine Vielfalt von Applikationen zappen, nur um ihr Gesicht möglichst oft zu sehen.

»Ich muss jetzt«, endete er fast traurig.

»Oje, wie schade!«, bedauerte Angela. Auch sie blickte traurig. Dann spitzte sie aber die Lippen und machte einen Kussmund. »Komm bald wieder.«

Er nickte heftig. »Heute noch.« Er tupfte mit dem Zeigefinger auf ihren Mund. »Tschüss dann.«

Unglaublich, aber wahr, sie küsste seinen Finger. »Ich freu’ mich.«

© Helmuth W. Mommers 2004
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erschienen in
Siehe auch
Helmuth W. Mommers: Habemus papam [Story]
Die Rückkehr des Zeitreisenden – Interview mit Helmuth W. Mommers
Helmuth W. Mommers: Personal Android [Story]
Helmuth W. Mommers: Stimme des Gewissens [Story]
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