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Helmuth W. Mommers

Stimme des Gewissens

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Heute ist ein besonderer Tag.

Er ist so besonders, dass sogar meine genetischen Eltern angereist kommen, um ihn mitzuerleben. Nicht, weil es mein Geburtstag ist, den feiern wir schon lange nicht mehr, sondern weil ich heute volljährig werde: es ist mein Achtzehnter.

Heute werde ich als freier Mensch in die Welt entlassen.

Heute werde ich abgenabelt.

Grund genug für eine letzte Zwiesprache mit Amy und Joey, meinen Weggefährten. Und für eine Rückbesinnung.

An meine Geburt kann ich mich natürlich nicht erinnern; ich wurde in vitro gezeugt und ex utero herangezüchtet. Als es soweit war, dass ich das Licht der Welt erblicken sollte, genügte ein elektrisches Signal, um dies meinen medizinischen Betreuern anzuzeigen. Der Rest war Routine.

Einige Tage später, so erzählte man mir, sei ich meinen Erzeugern übergeben worden. Auch daran habe ich, natürlich, keine Erinnerung. Aber es gibt ein Foto davon; stolz wurde es immer wieder vorgezeigt, als dokumentiere es eine besondere Leistung. Jedenfalls strahlten beide Elternteile übers ganze Gesicht. Wie damals, als sie, nach über einem Jahr Wartezeit, den neuen Skydiver von GM erhielten – oder endlich die Schlüssel zum Eigenheim. Ich glaube, es war einer jener glücklichen Momente in ihrem Leben.

Meine frühesten Erinnerungen waren an Robbie, der sich um alles kümmerte, auch um mich, und mit mir spielte, als ich noch ganz klein war, und natürlich an Wuff, den mechanischen Hund, der dafür sorgte, dass ich genügend Bewegung hatte. Wir drei, ein Mensch und zwei Automaten, waren das Trio Infernale im Block. Nicht jeder hatte das Glück, solche Spielgefährten zu haben. Manche mussten sich mit ihren Eltern begnügen.

Das erste einschneidende Erlebnis hatte ich mich Vier. Da bekam ich Amy.

Amy ist mein Gewissen.

Es tat gar nicht weh; ich war nur eine Zeitlang benommen von der Op, und es dauerte ein paar Tage, bis das Ziehen in meinem Nacken verschwunden war. Dort sitzt der Biochip. Im Gehirn selbst, also dort, wo Amy wohnt, fühlt man keinen Schmerz. Außer, wenn Amy traurig ist. Dann ist es meine Schuld.

Natürlich will ich nicht, dass Amy traurig ist.

Wenn ich also im Begriff stehe, anderen Kindern einen Streich zu spielen, oder ihnen ihr Spielzeug wegzunehmen, ermahnt mich jetzt Amy, nicht mehr Robbie.

»Timmy«, würde sie mit ihrer lautlosen Stimme tadeln, »findest du das richtig? Möchtest du, dass man dir das antut?« Und auf mein anfängliches Bocken hin: »Was, wenn man dir deinen Gamemaster wegnimmt?«

Ich würde mir vorstellen, wie das wäre, und fände es wirklich nicht toll. »Aber ist doch nur geborgt«, würde ich einen zweiten Versuch unternehmen. Laut, damit es der andere Junge auch hören könnte. Und weil ich es so gewöhnt bin: Viele Leute sprechen ganz offen mit ihrem Gewissen. – Wenn sie eines wie Amy haben. Anders meine Eltern, die führen Selbstgespräche, wenn sie schon nicht miteinander reden, was selten genug ist.

»Dann bitte ihn darum.« Es klang selbst wie eine Bitte; Amy forderte nie, noch befahl sie.

Wenn ich jetzt trotzdem meinen Willen durchsetzte, würde sie traurig sein. Und das würde mich traurig machen.

Robbie würde die ganze Zeit über still dastehen, in seinem chromglänzenden Gehäuse, und einfach nur abwarten. Wuff dagegen würde mit seinem synthetischen Schwanz wedeln und auffordernd kläffen. Wenn ich dann – zur Einsicht gekommen – ihrem Bitten nachgäbe, würde mich ein wohliges Gefühl durchfluten, besser als ein Streicheln meiner Mutter, besser als Eiscreme im Sommer, besser sogar als eine Freifahrt im Magic Park. Es käme von innen her, von Amy aus, und würde sich von ihr über meinen ganzen Körper verbreiten, bis in die Finger- und Zehenspitzen. Es würde sagen ›Das hast du aber gut gemacht! Das war cool. Tim, du bist der King!‹ Wie wenn ich gerade den Rekord eingstellt hätte: Neuer First Player ist TIMMY. Klingeling, ringring, dadada, paff-päng-bumm!

Die anderen Jungs und Mädels würden es vielleicht nicht hören können, aber an meinem Gesichtsausdruck und an meinem stolz geschwellten Brustkorb merken. Und das gemeinsame Spiel würde so fröhlich fortgesetzt werden, wie es begonnen hatte.

Nein, nein – Amy war schwer in Ordnung!

Auch bestrafte sie mich nie.

Anders als damals Carl, das ist mein ›Vater‹, als er mich beim Lügen ertappte. Eine Kurzschlusshandlung, sicher war ihm nur die Hand ausgerutscht. Sogleich entschuldigte er sich bei mir. Die Wut brannte nicht weniger als die Ohrfeige und schlug unvermittelt in Rachegelüste um. Wäre Amy nicht gewesen, die mir mein eigenes Verschulden vor Augen hielt, ich hätte ihn angezeigt; das Familiengericht kannte kein Pardon für jede Art von Gewalt. So aber fühlte ich mich mies. Schluchzend bekannte ich die Wahrheit. Und entschuldigte mich.

Amy war sehr glücklich darüber.

Wir alle weinten und umarmten einander und lachten schließlich wie eine einzige glückliche Familie – wieder einer jener seltenen Augenblicke, in denen man die Verbundenheit, die Zugehörigkeit körperlich spürt, auch wenn Amy keine richtigen Arme hatte.

Damals dachte ich noch, eines Tages würden ihr welche wachsen.

© Helmuth W. Mommers 2004
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erschienen in
Siehe auch
Helmuth W. Mommers: Ein Programm zum Verlieben [Story]
Helmuth W. Mommers: Habemus papam [Story]
Die Rückkehr des Zeitreisenden – Interview mit Helmuth W. Mommers
Helmuth W. Mommers: Personal Android [Story]
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