In der Dämmerung huschte etwas Warmblütiges vorüber, die plötzliche Hitzewelle ließ ihn noch weiter erstarren. Er hielt den Atem an, während seine Augen der kaum erkennbaren Gestalt durch das Blattgewirr folgten. Das kurze Aufschimmern feuchter Hautplatten, ein verwischtes Muster aus blau und dunkelrot mit einem leisen Laut der Enttäuschung entspannte er sich wieder.
Ein Wandelgänger. Giftig.
»Passivität«, flüsterte er sich zu, »der Klang der Welt ist der Klang der Welt.« Seine Finger zeichneten das Symbol der Wasserschale, das akzeptierende Gleichgewicht, und sein Körper schmiegte sich wieder an das kühle Fleisch des Schirmbaums. Die schwüle Luft trug ihm den betäubenden Duft der Schleierblumen zu, die auf den Ästen entlangwanderten, um herabfallende Tropfen in ihren Kelchen aufzufangen. Vom fernen Boden stieg der herbe Geruch von Erde vermischt mit der süßen Ausdünstung von Fruchtpilzen herauf. Nun drängte sich etwas Fremdes zwischen die ewiggleichen Düfte, etwas Aufregendes, Verheißungsvolles. Witternd hob er den Kopf und richtete sich in einer einzigen geschmeidigen Bewegung lautlos auf. Sein Greifschwanz wand sich automatisch um einen der nahe liegenden Äste, als er in hockender Stellung in die Tiefe starrte, die riesigen mandelförmigen Augen weit geöffnet. Langsam beugte er sich vor, seine Flughäute pulsten in angespannter Konzentration. Es war eindeutig ein Schwirrvogel.
Keine leichte Beute, da er selbst keine komplizierten Luftmanöver, sondern nur den Gleitflug einsetzen durfte. So hatten es die Frühzeitjäger vor der Entwicklung der Gegenschwerkraft tun müssen, und so lauteten die Regeln der Prüfung. Aber der Hunger war ein guter Lehrer. Sein Raubtierkörper erinnerte sich an die Kunst, lautlos auf die Beute herabzufallen, mit der Dunkelheit zu verschmelzen, tödlich, ein Schatten unter Schatten, und zuzuschlagen. Im Geiste spürte er schon die zarten Knochen zwischen seinen Zähnen splittern, Wellen primitiver Jagdlust durchliefen seinen Körper, er versenkte das Gesicht in weiches Federfell und feuchtes Fleisch und spannte die Flughäute in nie gekannter Ekstase. Seine Hände formten das Zeichen der religiösen Hingabe.
Schlagartig erwachte er aus seinem Rausch, entsetzt über das Sakrileg.
Er trug den Jäger in sich, das hatte er immer gewusst. Die Religion sagte es. Doch erst jetzt begriff er wirklich, was damit gemeint war. Er hatte sich die Technik des Tötens mit einer Geschwindigkeit zu eigen gemacht, die ihn erschütterte. Schon nach wenigen Stunden war der zivilisierte Computertechniker der Heimathöhle kaum mehr als blasse Erinnerung, und schon längst hätte er seinen Hunger stillen können. Doch die Prüfung verlangte, dass er seine erste Beute schlug, ohne das seelische Gleichgewicht zu verlieren, sie forderte Selbstbeherrschung, Triebkontrolle In einer Situation, die jeden seiner uralten Raubtierinstinkte wachrief.
Er würde auch diesmal hungrig bleiben.
Mit einem resignierten Senken der Handflächen lehnte sich Schatten im Mittelpunkt der Flamme an den Stamm zurück und witterte sehnsüchtig der viel zu rasch verwehenden Duftspur seiner davonflatternden Mahlzeit nach. Dann begann er, die ersten Töne der Meditation zu singen, die von der Entstehung des Werdenden Gottes kündete. Es war ein Reflex, das Mittel, zu dem jeder Erwachsene ganz automatisch griff, wenn er seinen Seelenfrieden durch unkontrollierte Gefühle in Gefahr geraten sah. In einer Handbewegung vielschichtiger Bedeutung vollführte er das Symbol der großen Leere, überging den Zeitraum des leblosen Alls, der Einzeller und Pflanzen und tanzte die Entstehung der Tiere, das Erste Lebendige Denken. Seine Wahl fiel auf das Symbol des elektrischen Funkens, er unterlegte es mit dem Gesangsthema der sich füllenden Leere: Aus der Stille trat ein einziger Ton hervor, warm und klar, wuchs langsam an, gewann an Fülle und verästelte sich dann immer schneller in eine Vielzahl von Akkorden, jeder von ihnen mit seiner eigenen Bedeutung. Aus dem Funken entstanden durch eine fast unmerkliche Veränderung der Fingerstellung das Feuer und die Elektrovernetzung. Die Bewegungen des Tanzes wurden kraftvoller, ausladender. In präzisen Rhythmuswechseln erstieg er die Stufen der Evolution bis zur Entstehung seiner eigenen Art. Der Entstehung der Gruppe. Der Entstehung des Gleichgewichts.
Er ließ die ungezähmte Gewalt seiner Gefühle in die Wahl der Symbolik einfließen, und sein Tanz erreichte eine neue Kraft der Gestaltung, verwandelte die Verzweiflung und die Ekstase verbotener Leidenschaft in eine Harmonie von herzzerreißender Schönheit. Sein Geist suchte den Weg zur Gruppenseele, stieß immer weiter ins Leere vor. Das Verlangen war so stark, dass es seinen ganzen Körper schüttelte.
Mehr noch als nach Blut hungerte er nach der telepathischen Gemeinschaft der Seele, hungerte danach, sein Ich in den anderen aufzulösen, seine Gefühle in ihrer Vielzahl zu ertränken. Er würde in den Gleichklang ihrer Gedanken eintauchen, nur ein paar Sekunden, und schon würde er die Situation wieder mit der angemessenen Gelassenheit betrachten und endlich seine Beute schlagen dürfen, endlich
Schmerz loderte auf, er wurde zurückgeworfen. Die Gruppenseele war ihm verschlossen bis zum Ende der Prüfung.
Er war allein. Gefangen in einem Kreislauf aus immer wilderem Hunger und immer wilderem Tötungstrieb, der ihm nicht erlaubte, seinen Hunger zu stillen, der seinen Tötungstrieb wach hielt. Er würde die Prüfung nicht bestehen.
Resigniert ließ er die Handflächen sinken und begab sich wieder auf die Jagd. Er war sich fast sicher, dass er inmitten all dieser um ihn herum flatternden, hüpfenden, kriechenden Mahlzeiten verhungern würde.<h3 ALIGN=\"CENTER\">*