7. März
Die letzte Nacht habe ich fast gar nicht geschlafen. Gestern abend ist es sehr spät
geworden, bis ich diese Aufzeichnungen in mein Tagebuch geschrieben hatte. Doch als ich
dann endlich im Bett lag, konnte ich trotzdem nicht einschlafen. Ich griff zu dem Buch in
dem roten Ledereinband, das ich auf meinen Nachttisch gelegt hatte, um darin zu blättern.
Es war 1953 in Neu Dehli in englischer Übersetzung erschienen, so daß ich keine
Schwierigkeiten hatte, den Text zu verstehen. Illustriert war es mit drastischen
Zeichnungen, die Paare in allen möglichen und (wie mir schien) unmöglichen Stellungen im
Liebesakt darstellten.
Ich blätterte auf die erste Seite zurück und starrte lange auf die mir
unverständliche Schrift der Widmung.
"Mögen unsere Bewegungen auf der Erde weiter in den Himmel
führen!" Was war damit gemeint? Welcher Himmel? Der göttliche oder der Siebte
Himmel der Liebe? Welche Bewegungen? Die in dem Buch dargestellten Verrenkungen? Ich
verstand es nicht, doch in mir kam eine vage Ahnung auf, daß diese Frau und dieser Mann
(ich konnte jetzt nicht an sie als meine Eltern denken) Erfahrungen miteinander
geteilt hatten, die für mich ein Mysterium waren. Ich spürte in mir eine ungeheure
Sehnsucht, in dieses Mysterium einzudringen, eine Unruhe ergriff meinen Körper, die ich
nicht bändigen konnte. Ich begann, im KAMASUTRA zu lesen, und diese Lektüre
verwirrte mich noch viel mehr. Das war so völlig anders als die Anleitungen zum
effektiven Gebrauch der Stätten oder ähnliche moderne Sex-Ratgeber, die ich kenne.
Es ist auch viel mehr als nur ein Sex-Ratgeber, es ist ein aus unzähligen detaillierten
Regeln zusammengesetzter Kodex für die Lebensführung des gebildeten Mannes von Welt.
Natürlich wehte mir aus vielen der skurrilen Anweisungen der Geist einer seit mehr als
zweieinhalbtausend Jahren vergangenen Epoche entgegen. Da wird empfohlen, im Sommer
anstatt der Gärten das Wasser zur Erfrischung aufzusuchen, so man denn "über eine
von Krokodilen freie Badegelegenheit verfüge", es wird das "Schaukeln in hellen
Vollmondnächten", "das gegenseitige Bespritzen mittels eines mit Wasser
gefüllten Bambusrohrs", "das blumenzarte Schlagen der Spielpartner mit den
Blüten und Knospen des Kadambabaums" und unzähliges weitere angepriesen. Es gibt
ganze Kapitel, die sich damit beschäftigen, wie Kurtisanen aus ihren Liebhabern
möglichst viel Geld und Geschenke herauspressen können, wie sich die älteste Ehefrau
zur jüngsten Ehefrau und umgekehrt zu verhalten habe, wie sich die Frauen im Harem des
Königs zu benehmen haben und dergleichen mehr. Aber auch die Kapitel, die sich ganz
konkret mit der körperlichen Liebe beschäftigen, enthalten für mich sehr befremdliche
Ratschläge. Da soll der Mann der Frau mit den Fingernägeln Male in die Haut ritzen, die
auszusehen haben wie "ein Halbmond, eine Tigerpranke, eine Pfauenkralle, ein
hüpfender Hase". Ähnlich romantische Symbole werden für Bisse verwendet, da gibt
es die "Korallenlinie, die Juwelenkette, die zerborstene Wolke und den Biß des
Ebers". Auch wohin und wie der entflammte Liebhaber die Frau schlagen und mit welchen
Schreien sie antworten sollte (mit Geräuschen "wie splitternder Bambus"
"als ob eine Beere ins Wasser fällt" oder dem "Gurren der Tauben, den
Rufen der Papageien, Schwäne, Wachteln ...") ist genau festgelegt. Alles, aber auch
alles, folgt vorherbestimmten Riten. Das ist mir so fremd und stößt mich auch regelrecht
ab. Andererseits muß ich zugeben, daß es auch etwas Faszinierendes hat, diese ganze
Kultur, die um ein so banales Bedürfnis herum aufgebaut wurde. Denn als banales
körperliches Bedürfnis wird es in den modernen Ratgebern dargestellt, als ein Trieb, den
es abzureagieren gilt, mithilfe gegenseitiger Vereinbarungen, jeder nach seiner Facon,
jede nach ihren Vorlieben.
Meine Gefühle, die zwischen Ablehnung und Faszination schwankten,
ließen mich nicht zur Ruhe kommen. Immer wieder fragte ich mich auch, warum mein Vater
meiner Mutter ausgerechnet dieses uralte Buch geschenkt hatte und was es ihr wohl bedeutet
haben mag. Erst im Morgengrauen schlief ich endlich ein, und als Benjamin mich zum
Frühstück weckte, fühlte ich mich völlig gerädert.
Jetzt werde ich mich in die längst überfällige
Mathe-Unterrichtseinheit einwählen. Hoffentlich kann ich mich nach der schlaflosen Nacht
überhaupt auf Formeln und Gleichungen konzentrieren!
Eben kam Benjamin rein. Jean-Paul, einer seiner Doktoranden, ist bei
ihm, und er will ihn zum Mittagessen einladen. Ich habe mich gleich bereit erklärt, etwas
Leckeres zu kochen. Dazu habe ich sowieso viel mehr Lust als mich mit Differentialen und
Integralen herumzuplagen. Ich werde also die Fertigmahlzeit abbestellen und Zutaten
ordern. Aber für was? Was soll ich kochen? Vielleicht ein Fischgericht? Die liebt
Benjamin jedenfalls sehr.
Was mich ein bißchen wundert, ist Benjamins ungewohnte Gastlichkeit.
Sonst empfängt er seine Doktoranden ausschließlich in seinem Sprechzimmer an der Uni.
Aber von diesem Jean-Paul, den er heute zu sich eingeladen hat, scheint er sehr angetan zu
sein. Er hat mir schon ein paar Mal von ihm und seinem Forschungsprojekt vorgeschwärmt.
Irgend etwas über Integrationsprojekte für Behinderte im ausgehenden zwanzigsten
Jahrhundert, wenn ich mich recht erinnere. Jedenfalls scheinen die beiden so ziemlich
auf einer Wellenlänge zu liegen, und das freut mich für Benjamin. Ich mache mir oft
Sorgen um ihn, denn er ist an seinem Fachbereich ziemlich isoliert. Erst neulich klagte er
wieder, daß seine Kollegen das zwanzigste Jahrhundert nur als eine Zeit der genetischen
Mängel ansehen würden, als Zeit, die zwar ihre Maschinen optimieren konnte, aber nicht
das wichtigste: den Menschen selbst. Benjamin dagegen hat es gewagt, in einer seiner
Life-Vorlesungen vom heutigen Perfektionierungswahn zu sprechen, der die Menschen
nicht besser, sondern nur den Maschinen ähnlicher mache, der zu einer
Gesellschaftsstruktur führe, die durch immer verfeinertere Ab- und Ausgrenzungen geprägt
sei, denn die Optimierung der Gen-Technologen schreite ständig voran, und die
bereits lebenden Menschen würden innerhalb weniger Jahre zu Auslaufmodellen.
Mit dieser Vorlesung hat er sich in seinem Kollegenkreis nur Feinde
geschaffen.
Manchmal denke ich voller Schadenfreude, auch meine Klassenkameradinnen,
die sich so viel auf ihr Markengenom einbilden und aus deren genetischem Bauplan
so Überflüssiges wie Hymen, Blinddarm und Steißbein gestrichen ist, werden von ihren
Kindern später nur mitleidig belächelt werden, weil sie keine Ultraschallsignale
wahrnehmen können (wie die Fledermäuse) oder keine Hochfrequenztöne hören können (wie
die Hunde). Diese Fähigkeiten werden den heute gezeugten Kindern schon transferiert, und
demnächst wird auch die Ausnutzung magnetischer Ströme zur Orientierung aus dem Genom
der Zugvögel isoliert und transferbereit sein. Und wenn sich erst die Idee der Markensicherheit
durchsetzt, wie sie jetzt ständig propagiert wird, dann werden meine lieben
Klassenkameradinnen, die jetzt so stolz auf ihr normgerechtes Aussehen sind, sich
bald aussätzig fühlen, weil sie keine dreieckigen Ohrläppchen haben. Vielleicht bin ich
doch gar nicht so schlecht dran, denn ich bin es von klein auf an gewöhnt, nicht den
herrschenden Normen zu entsprechen.
Verdammt, jetzt muß ich mich aber um das Essen kümmern. Aber den
letzten Gedanken, den ich notiert habe, finde ich sehr wichtig. Wenn ich öfter so denken
könnte, würde ich nicht mehr so selbstquälerisch mit meinem Schicksal hadern. |
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nachmittags
Man soll sich auch mal selbst loben, das Essen ist mir ausgesprochen gut gelungen. Ich
hatte mir aus der Medienstation ein französisches Rezept rausgesucht: Flétan
á la mode de Lille, ein Heilbuttgericht mit Estragon und Weißwein auf Tomatensoße,
eine Komposition in rot-weiß, ziemlich kompliziert zuzubereiten, aber sehr lecker.
Jedenfalls wurden meine Kochkünste von unserem Gast gebührend gelobt.
Benjamin und er sprachen auch während des Essens die meiste Zeit über seine
Doktorarbeit. Benjamin sah Schwierigkeiten für Jean-Paul voraus. Der zweite Prüfer
würde wenig Verständnis für den Tenor seiner Interpretationen zeigen. In
vorangegangenen Untersuchungen waren die Integrationsprojekte für Behinderte am Ende des
zwanzigsten Jahrhunderts immer als Musterbeispiel für fortschrittsfeindliche Maßnahmen
dargestellt worden, als Zumutung für die Normmenschen, die so gezwungen wurden,
mit Krüppeln und Bekloppten, also Mindernormmenschen, zusammenzuleben.
In all diesen Arbeiten wurde darauf hingewiesen, daß ein heutiger Mensch mit seinem
hochzivilisierten ästhetischen Empfinden so etwas gar nicht mehr ertragen könnte.
"Und nun kommst du, mein lieber Jean-Paul", sagte Benjamin und
prostete seinem Doktoranden zu, "und statt auf den Segen der genetischen Auslese, auf
die zunehmende Befreiung der Gesellschaft von allen Anormalen hinzuweisen, preist du die
damaligen Modelle als Chance, mit Andersartigkeit umgehen zu lernen und so - ich zitiere
dich - ein breiteres menschliches Gefühlsspektrum zu entwickeln. Da
stichst du natürlich in ein Wespennest. Und das an unserer altehrwürdigen Peter
Singer-Universität! Unser Namenspatron wird sich im Grabe umdrehen, wenn du mit dieser
Arbeit deinen Doktortitel erlangst!"
Ich kenne Benjamins Aversion gegen den australischen Philosophen Peter
Singer, der schon in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts die Weichen in der
ethischen Diskussion neu gestellt hatte. Während mein Bruder und sein Gast sich darüber
unterhielten, daß Singer einer der ersten war, der dem menschlichen Leben an sich
Wert und Würde absprach und statt dessen seinen Wert nach einer Punkteskala für
Lebensqualität bemaß, betrachtete ich Jean-Paul genauer. Er mußte Ende zwanzig sein,
schätzte ich, ein großer Mann mit braunen Augen und gelockten Haaren, deren Farbe ein
undefinierbares graubraunblond war. Nicht nur daran, sondern auch an seinem vorspringenden
Kinn und den viel zu eng stehenden Augen konnte man gleich erkennen, daß er kein Markenmensch
war. Das machte ihn für mich sehr interessant, denn No name-Studenten an den
Universitäten kann man an den Fingern seiner Hände abzählen. Ich beschloß, Benjamin
später auszufragen, was es mit diesem Jean-Paul auf sich hat. Gehört er zu den wenigen
Aufsteigern aus der untersten genetischen Klasse?
Aber noch etwas anderes verwirrte mich. Ich hatte das Gefühl, ihn schon
einmal gesehen zu haben. Das konnte eigentlich nicht sein, aber irgendwie kam er mir
bekannt vor. Ich schaute immer wieder verstohlen zu ihm hin, und gelegentlich begegneten
sich unsere Blicke. Wahrscheinlich stellte er sich ähnliche Fragen wie ich mir, fragte
sich, wieso sein Professor eine No name-Schwester hat. Ich wich seinem Blick
immer als erste aus. Doch schließlich wurde es mir zu dumm, und ich schaute ihm direkt in
die Augen.
Ein Lächeln überzog sein Gesicht.
"Ich muß mich entschuldigen", sagte er. "Ich führe hier
die ganze Zeit mit Ihrem Bruder Fachgespräche, die Sie sicher vollkommen uninteressant
finden ..."
Ich unterbrach ihn abrupt. Wofür hielt er mich? Für eine dumme Gans,
die dem intellektuellen Austausch der Herren nicht folgen konnte?
"Durchaus nicht! Ich habe mich schon oft gefragt, ob die genetische
Auslese, die heute - jedenfalls für die, die sie bezahlen können - so erfolgreich
praktiziert wird, wirklich hält, was sie verspricht. Durchgesetzt hat sie sich doch
damit, daß sie Leid zu verhindern und die Lebensqualität zu verbessern versprach. Gut, -
die Markenmenschen müssen sich heute mit weniger Erbkrankheiten und
Behinderungen abplagen, aber gibt es deshalb weniger Leid, mehr Lebensqualität? Heute
erscheint es einem Menschen schier unerträglich, wenn er zum Beispiel eine
Bindehautentzündung hat, sein Auge gerötet ist und er weiß, daß die anderen dies als
häßlich empfinden. Die Angst vor Häßlichkeit quält die meisten so sehr, daß sie sich
nicht aus dem Haus trauen, wenn sie einen Pickel auf der Nase haben, und die Angst vor
Entstellung durch einen Unfall oder Krankheiten füllt die Praxen der Psychotherapeuten.
Ich habe wirklich so meine Zweifel, ob wir mit der vermeintlichen Ausmerzung des Leids
nicht auch unsere Fähigkeit zum Glücklichsein ausgemerzt haben."
Jetzt schauten mich beide Männer an. Vor allem Benjamin sah erstaunt
aus, denn ich sage meistens nicht viel und selten so viele zusammenhängende Sätze
hintereinander. Ich bin es gewohnt, daß er es ist, der redet, erklärt, die Welt
interpretiert. Er ist soviel älter als ich, hat soviel mehr erlebt und bedacht. Es war
aber Jean-Paul, der mir jetzt antwortete:
"Ich finde das sehr bemerkenswert, was Sie da gesagt haben. Mir
scheint, daß Sie einen Aspekt angesprochen haben, den ich bei meiner Arbeit auch
berücksichtigen sollte, was meinst du, Benjamin?"
"Durchaus", sagte mein Bruder, "und außerdem könnt ihr
ruhig das alberne Siezen lassen."
Jean-Paul lachte und sah mich fragend an. Ich nickte.
"Einverstanden."
Benjamin füllte unsere Gläser mit Rotwein und ich stieß mit Jean-Paul
auf unser Du an. Da mein Bruder ihn duzte (auch das tat er sonst nie mit einem
seiner Studenten), wäre es lächerlich gewesen, wenn wir es nicht täten, das sah ich
ein.
Nach dem Essen zogen sich Benjamin und Jean-Paul wieder in Benjamins
Arbeitszimmer zurück, und ich habe mich an meinen Schreibtisch gesetzt, um dieses
aufzuschreiben.
Immer noch denke ich darüber nach, warum mir Jean-Paul so bekannt
vorkommt. Ich muß Benjamin fragen. Sicher weiß er mehr über Jean-Paul, und vielleicht
findet sich eine Erklärung für mein Gefühl.
© 2002 by Fischer-Verlag
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin |
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