The phantastic Worlds of Science Fiction Roman - Leseprobe

Birgit Rabisch

Unter Markenmenschen

2002 • Auszug

Science Fiction
> Kurd Laßwitz Preis > Stories & Romane
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7. März

Die letzte Nacht habe ich fast gar nicht geschlafen. Gestern abend ist es sehr spät geworden, bis ich diese Aufzeichnungen in mein Tagebuch geschrieben hatte. Doch als ich dann endlich im Bett lag, konnte ich trotzdem nicht einschlafen. Ich griff zu dem Buch in dem roten Ledereinband, das ich auf meinen Nachttisch gelegt hatte, um darin zu blättern. Es war 1953 in Neu Dehli in englischer Übersetzung erschienen, so daß ich keine Schwierigkeiten hatte, den Text zu verstehen. Illustriert war es mit drastischen Zeichnungen, die Paare in allen möglichen und (wie mir schien) unmöglichen Stellungen im Liebesakt darstellten.
   Ich blätterte auf die erste Seite zurück und starrte lange auf die mir unverständliche Schrift der Widmung.
   "Mögen unsere Bewegungen auf der Erde weiter in den Himmel führen!" Was war damit gemeint? Welcher Himmel? Der göttliche oder der Siebte Himmel der Liebe? Welche Bewegungen? Die in dem Buch dargestellten Verrenkungen? Ich verstand es nicht, doch in mir kam eine vage Ahnung auf, daß diese Frau und dieser Mann (ich konnte jetzt nicht an sie als meine Eltern denken) Erfahrungen miteinander geteilt hatten, die für mich ein Mysterium waren. Ich spürte in mir eine ungeheure Sehnsucht, in dieses Mysterium einzudringen, eine Unruhe ergriff meinen Körper, die ich nicht bändigen konnte. Ich begann, im KAMASUTRA zu lesen, und diese Lektüre verwirrte mich noch viel mehr. Das war so völlig anders als die Anleitungen zum effektiven Gebrauch der Stätten oder ähnliche moderne Sex-Ratgeber, die ich kenne. Es ist auch viel mehr als nur ein Sex-Ratgeber, es ist ein aus unzähligen detaillierten Regeln zusammengesetzter Kodex für die Lebensführung des gebildeten Mannes von Welt. Natürlich wehte mir aus vielen der skurrilen Anweisungen der Geist einer seit mehr als zweieinhalbtausend Jahren vergangenen Epoche entgegen. Da wird empfohlen, im Sommer anstatt der Gärten das Wasser zur Erfrischung aufzusuchen, so man denn "über eine von Krokodilen freie Badegelegenheit verfüge", es wird das "Schaukeln in hellen Vollmondnächten", "das gegenseitige Bespritzen mittels eines mit Wasser gefüllten Bambusrohrs", "das blumenzarte Schlagen der Spielpartner mit den Blüten und Knospen des Kadambabaums" und unzähliges weitere angepriesen. Es gibt ganze Kapitel, die sich damit beschäftigen, wie Kurtisanen aus ihren Liebhabern möglichst viel Geld und Geschenke herauspressen können, wie sich die älteste Ehefrau zur jüngsten Ehefrau und umgekehrt zu verhalten habe, wie sich die Frauen im Harem des Königs zu benehmen haben und dergleichen mehr. Aber auch die Kapitel, die sich ganz konkret mit der körperlichen Liebe beschäftigen, enthalten für mich sehr befremdliche Ratschläge. Da soll der Mann der Frau mit den Fingernägeln Male in die Haut ritzen, die auszusehen haben wie "ein Halbmond, eine Tigerpranke, eine Pfauenkralle, ein hüpfender Hase". Ähnlich romantische Symbole werden für Bisse verwendet, da gibt es die "Korallenlinie, die Juwelenkette, die zerborstene Wolke und den Biß des Ebers". Auch wohin und wie der entflammte Liebhaber die Frau schlagen und mit welchen Schreien sie antworten sollte (mit Geräuschen "wie splitternder Bambus" "als ob eine Beere ins Wasser fällt" oder dem "Gurren der Tauben, den Rufen der Papageien, Schwäne, Wachteln ...") ist genau festgelegt. Alles, aber auch alles, folgt vorherbestimmten Riten. Das ist mir so fremd und stößt mich auch regelrecht ab. Andererseits muß ich zugeben, daß es auch etwas Faszinierendes hat, diese ganze Kultur, die um ein so banales Bedürfnis herum aufgebaut wurde. Denn als banales körperliches Bedürfnis wird es in den modernen Ratgebern dargestellt, als ein Trieb, den es abzureagieren gilt, mithilfe gegenseitiger Vereinbarungen, jeder nach seiner Facon, jede nach ihren Vorlieben.
   Meine Gefühle, die zwischen Ablehnung und Faszination schwankten, ließen mich nicht zur Ruhe kommen. Immer wieder fragte ich mich auch, warum mein Vater meiner Mutter ausgerechnet dieses uralte Buch geschenkt hatte und was es ihr wohl bedeutet haben mag. Erst im Morgengrauen schlief ich endlich ein, und als Benjamin mich zum Frühstück weckte, fühlte ich mich völlig gerädert.
   Jetzt werde ich mich in die längst überfällige Mathe-Unterrichtseinheit einwählen. Hoffentlich kann ich mich nach der schlaflosen Nacht überhaupt auf Formeln und Gleichungen konzentrieren!
   Eben kam Benjamin rein. Jean-Paul, einer seiner Doktoranden, ist bei ihm, und er will ihn zum Mittagessen einladen. Ich habe mich gleich bereit erklärt, etwas Leckeres zu kochen. Dazu habe ich sowieso viel mehr Lust als mich mit Differentialen und Integralen herumzuplagen. Ich werde also die Fertigmahlzeit abbestellen und Zutaten ordern. Aber für was? Was soll ich kochen? Vielleicht ein Fischgericht? Die liebt Benjamin jedenfalls sehr.
   Was mich ein bißchen wundert, ist Benjamins ungewohnte Gastlichkeit. Sonst empfängt er seine Doktoranden ausschließlich in seinem Sprechzimmer an der Uni. Aber von diesem Jean-Paul, den er heute zu sich eingeladen hat, scheint er sehr angetan zu sein. Er hat mir schon ein paar Mal von ihm und seinem Forschungsprojekt vorgeschwärmt. Irgend etwas über Integrationsprojekte für Behinderte im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert, wenn ich mich recht erinnere. Jedenfalls scheinen die beiden so ziemlich auf einer Wellenlänge zu liegen, und das freut mich für Benjamin. Ich mache mir oft Sorgen um ihn, denn er ist an seinem Fachbereich ziemlich isoliert. Erst neulich klagte er wieder, daß seine Kollegen das zwanzigste Jahrhundert nur als eine Zeit der genetischen Mängel ansehen würden, als Zeit, die zwar ihre Maschinen optimieren konnte, aber nicht das wichtigste: den Menschen selbst. Benjamin dagegen hat es gewagt, in einer seiner Life-Vorlesungen vom heutigen Perfektionierungswahn zu sprechen, der die Menschen nicht besser, sondern nur den Maschinen ähnlicher mache, der zu einer Gesellschaftsstruktur führe, die durch immer verfeinertere Ab- und Ausgrenzungen geprägt sei, denn die Optimierung der Gen-Technologen schreite ständig voran, und die bereits lebenden Menschen würden innerhalb weniger Jahre zu Auslaufmodellen.
   Mit dieser Vorlesung hat er sich in seinem Kollegenkreis nur Feinde geschaffen.
   Manchmal denke ich voller Schadenfreude, auch meine Klassenkameradinnen, die sich so viel auf ihr Markengenom einbilden und aus deren genetischem Bauplan so Überflüssiges wie Hymen, Blinddarm und Steißbein gestrichen ist, werden von ihren Kindern später nur mitleidig belächelt werden, weil sie keine Ultraschallsignale wahrnehmen können (wie die Fledermäuse) oder keine Hochfrequenztöne hören können (wie die Hunde). Diese Fähigkeiten werden den heute gezeugten Kindern schon transferiert, und demnächst wird auch die Ausnutzung magnetischer Ströme zur Orientierung aus dem Genom der Zugvögel isoliert und transferbereit sein. Und wenn sich erst die Idee der Markensicherheit durchsetzt, wie sie jetzt ständig propagiert wird, dann werden meine lieben Klassenkameradinnen, die jetzt so stolz auf ihr normgerechtes Aussehen sind, sich bald aussätzig fühlen, weil sie keine dreieckigen Ohrläppchen haben. Vielleicht bin ich doch gar nicht so schlecht dran, denn ich bin es von klein auf an gewöhnt, nicht den herrschenden Normen zu entsprechen.
   Verdammt, jetzt muß ich mich aber um das Essen kümmern. Aber den letzten Gedanken, den ich notiert habe, finde ich sehr wichtig. Wenn ich öfter so denken könnte, würde ich nicht mehr so selbstquälerisch mit meinem Schicksal hadern.

nachmittags

Man soll sich auch mal selbst loben, das Essen ist mir ausgesprochen gut gelungen. Ich hatte mir aus der Medienstation ein französisches Rezept rausgesucht: Flétan á la mode de Lille, ein Heilbuttgericht mit Estragon und Weißwein auf Tomatensoße, eine Komposition in rot-weiß, ziemlich kompliziert zuzubereiten, aber sehr lecker.
   Jedenfalls wurden meine Kochkünste von unserem Gast gebührend gelobt. Benjamin und er sprachen auch während des Essens die meiste Zeit über seine Doktorarbeit. Benjamin sah Schwierigkeiten für Jean-Paul voraus. Der zweite Prüfer würde wenig Verständnis für den Tenor seiner Interpretationen zeigen. In vorangegangenen Untersuchungen waren die Integrationsprojekte für Behinderte am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts immer als Musterbeispiel für fortschrittsfeindliche Maßnahmen dargestellt worden, als Zumutung für die Normmenschen, die so gezwungen wurden, mit Krüppeln und Bekloppten, also Mindernormmenschen, zusammenzuleben. In all diesen Arbeiten wurde darauf hingewiesen, daß ein heutiger Mensch mit seinem hochzivilisierten ästhetischen Empfinden so etwas gar nicht mehr ertragen könnte.
   "Und nun kommst du, mein lieber Jean-Paul", sagte Benjamin und prostete seinem Doktoranden zu, "und statt auf den Segen der genetischen Auslese, auf die zunehmende Befreiung der Gesellschaft von allen Anormalen hinzuweisen, preist du die damaligen Modelle als Chance, mit Andersartigkeit umgehen zu lernen und so - ich zitiere dich - ‘ein breiteres menschliches Gefühlsspektrum zu entwickeln’. Da stichst du natürlich in ein Wespennest. Und das an unserer altehrwürdigen Peter Singer-Universität! Unser Namenspatron wird sich im Grabe umdrehen, wenn du mit dieser Arbeit deinen Doktortitel erlangst!"
   Ich kenne Benjamins Aversion gegen den australischen Philosophen Peter Singer, der schon in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts die Weichen in der ethischen Diskussion neu gestellt hatte. Während mein Bruder und sein Gast sich darüber unterhielten, daß Singer einer der ersten war, der dem menschlichen Leben an sich Wert und Würde absprach und statt dessen seinen Wert nach einer Punkteskala für Lebensqualität bemaß, betrachtete ich Jean-Paul genauer. Er mußte Ende zwanzig sein, schätzte ich, ein großer Mann mit braunen Augen und gelockten Haaren, deren Farbe ein undefinierbares graubraunblond war. Nicht nur daran, sondern auch an seinem vorspringenden Kinn und den viel zu eng stehenden Augen konnte man gleich erkennen, daß er kein Markenmensch war. Das machte ihn für mich sehr interessant, denn No name-Studenten an den Universitäten kann man an den Fingern seiner Hände abzählen. Ich beschloß, Benjamin später auszufragen, was es mit diesem Jean-Paul auf sich hat. Gehört er zu den wenigen Aufsteigern aus der untersten genetischen Klasse?
   Aber noch etwas anderes verwirrte mich. Ich hatte das Gefühl, ihn schon einmal gesehen zu haben. Das konnte eigentlich nicht sein, aber irgendwie kam er mir bekannt vor. Ich schaute immer wieder verstohlen zu ihm hin, und gelegentlich begegneten sich unsere Blicke. Wahrscheinlich stellte er sich ähnliche Fragen wie ich mir, fragte sich, wieso sein Professor eine No name-Schwester hat. Ich wich seinem Blick immer als erste aus. Doch schließlich wurde es mir zu dumm, und ich schaute ihm direkt in die Augen.
   Ein Lächeln überzog sein Gesicht.
   "Ich muß mich entschuldigen", sagte er. "Ich führe hier die ganze Zeit mit Ihrem Bruder Fachgespräche, die Sie sicher vollkommen uninteressant finden ..."
   Ich unterbrach ihn abrupt. Wofür hielt er mich? Für eine dumme Gans, die dem intellektuellen Austausch der Herren nicht folgen konnte?
   "Durchaus nicht! Ich habe mich schon oft gefragt, ob die genetische Auslese, die heute - jedenfalls für die, die sie bezahlen können - so erfolgreich praktiziert wird, wirklich hält, was sie verspricht. Durchgesetzt hat sie sich doch damit, daß sie Leid zu verhindern und die Lebensqualität zu verbessern versprach. Gut, - die Markenmenschen müssen sich heute mit weniger Erbkrankheiten und Behinderungen abplagen, aber gibt es deshalb weniger Leid, mehr Lebensqualität? Heute erscheint es einem Menschen schier unerträglich, wenn er zum Beispiel eine Bindehautentzündung hat, sein Auge gerötet ist und er weiß, daß die anderen dies als häßlich empfinden. Die Angst vor Häßlichkeit quält die meisten so sehr, daß sie sich nicht aus dem Haus trauen, wenn sie einen Pickel auf der Nase haben, und die Angst vor Entstellung durch einen Unfall oder Krankheiten füllt die Praxen der Psychotherapeuten. Ich habe wirklich so meine Zweifel, ob wir mit der vermeintlichen Ausmerzung des Leids nicht auch unsere Fähigkeit zum Glücklichsein ausgemerzt haben."
   Jetzt schauten mich beide Männer an. Vor allem Benjamin sah erstaunt aus, denn ich sage meistens nicht viel und selten so viele zusammenhängende Sätze hintereinander. Ich bin es gewohnt, daß er es ist, der redet, erklärt, die Welt interpretiert. Er ist soviel älter als ich, hat soviel mehr erlebt und bedacht. Es war aber Jean-Paul, der mir jetzt antwortete:
   "Ich finde das sehr bemerkenswert, was Sie da gesagt haben. Mir scheint, daß Sie einen Aspekt angesprochen haben, den ich bei meiner Arbeit auch berücksichtigen sollte, was meinst du, Benjamin?"
   "Durchaus", sagte mein Bruder, "und außerdem könnt ihr ruhig das alberne Siezen lassen."
   Jean-Paul lachte und sah mich fragend an. Ich nickte.
   "Einverstanden."
   Benjamin füllte unsere Gläser mit Rotwein und ich stieß mit Jean-Paul auf unser Du an. Da mein Bruder ihn duzte (auch das tat er sonst nie mit einem seiner Studenten), wäre es lächerlich gewesen, wenn wir es nicht täten, das sah ich ein.
   Nach dem Essen zogen sich Benjamin und Jean-Paul wieder in Benjamins Arbeitszimmer zurück, und ich habe mich an meinen Schreibtisch gesetzt, um dieses aufzuschreiben.
   Immer noch denke ich darüber nach, warum mir Jean-Paul so bekannt vorkommt. Ich muß Benjamin fragen. Sicher weiß er mehr über Jean-Paul, und vielleicht findet sich eine Erklärung für mein Gefühl.

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Mit freundlicher Genehmigung der Autorin

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