Beschäftigt
man sich intensiver mit phantastischer Literatur in Deutschland, stößt man unweigerlich
auf den Namen Hannes Riffel. Und zwar so oft, dass der Verdacht nahe liegt, es würde sich
dabei um mindestens drei Namensvettern handeln. Buchhändler, Verleger, Übersetzer,
Lektor, Amazon-Redakteur und Rezensent - hinter all dem steht jedoch ein einziger Hannes
Riffel, der entsprechend über ein breites, und vor allem reflektiertes Wissen über
Phantastik und den Literaturbetrieb verfügt. Und das ist mindestens ein Interview wert,
zu dem er sich freundlicherweise auch bereit erklärte. Die Fragen für MEPHISTO
stellte Boris Koch (im
September 2002).
Mephisto: Hannes, bei Deinen vielen verschiedenen Tätigkeiten fällt es schwer, sich für eine erste Frage zu entscheiden. Buchhändler, Lektor, Übersetzer, Redakteur bei Amazon.de, Verleger, habe ich noch irgend etwas vergessen?
Hannes Riffel: In letzter Zeit arbeite ich auch wieder verstärkt als Gutachter für andere Verlage. Das reicht von freundschaftlichen Tips an Frank Festa, mit dem ich regelmäßig herzliche und für beide Seiten ergiebige Telefongespräche führe, über SF-Gutachten für Bertelsmann und Klett-Cotta - Neal Stephenson, Norman Spinrad, KS Robinson - bis hin zu einer sehr angenehmen Zusammenarbeit mit Friedel Wahren, die Anfang 2002 von Heyne zu Piper gewechselt hat und dort gerade ein ausgesprochen vielseitiges und spannendes Fantasy-Programm auf die Beine stellt.
Mephisto: Mit Birgit Will zusammen betreibst Du in Berlin Kreuzberg die UFO Phantastische Buchhandlung, die auf Science Fiction, Fantasy und Horror spezialisiert ist, neu und gebraucht, englisch und deutsch, dazu ein Regal mit wissenschaftlichen Werken zu passenden Themen - ideal zum Stöbern für jeden Phantastikfreund. Wie seid Ihr auf die Idee mit der Spezialbuchhandlung gekommen?
Hannes Riffel: Ich bin gelernter Verlagsbuchhändler und habe mein Studium
größtenteils mit einem Job im Freiburger Comicladen X für U finanziert. Als die beiden
Chefs dann vor knapp neun Jahren den Phantastik-Buchbereich abstoßen wollten, habe ich
diesen mit zwei Kollegen in Eigenregie übernommen. Schließlich mussten wir umziehen und
haben die Gelegenheit genutzt, das Programm um Videos, Rollen- und Strategiespiele und
Fanartikel zu erweitern.
Vor knapp vier Jahren bin ich dann aus privaten Gründen nach Berlin gezogen und habe mich
im Vorfeld mit Birgit dort umgesehen und festgestellt, das die Hauptstadt keine
entsprechenden Fachbuchhandlung aufzuweisen hatte. Birgit - die promovierte Biochemikerin
ist - hatte keine Lust auf einen Laborjob oder dergleichen, und ich wollte nicht bei
Hugendubel enden, und so haben wir uns auf eigene Beine gestellt.
Mephisto: Du arbeitest als Lektor und Übersetzer für Argument, und gibst mit Else Laudan dort die »Social Fantasies« heraus, eine Reihe mit großartigen Übersetzungen wie John Shirleys Eclipse und starken deutschen Titeln wie Marcus Hammerschmitts Zensor. Wie wählt Ihr die Werke aus? Und was ist als nächstes geplant?
Hannes Riffel: Der erste Kontakt zu Argument ergab sich durch meine Übersetzung von Es werde Licht von John Shirley, und bei dieser Gelegenheit hat mich Else gefragt, ob ich nicht als freier Herausgeber mit einsteigen möchte. Bestimmte Autoren und Autorinnen gehörten damals bereits zum Stamm - Shirley, Myra Çakan, Marge Piercy -, und ich habe versucht, in dieser Richtung weiterzuarbeiten. Romane wie Planet der Habenichtse von Ursula K. Le Guin und ABC Zhang von Maureen F. McHugh sind da durchaus programmatisch, denn wir suchen literarische Zukunftsentwürfe mit einem gesellschaftskritischen Anspruch. Natürlich können wir uns keine Starautoren leisten, aber den ein oder anderen Über-Klassiker konnten wir doch bringen, wie beispielsweise Sturgeons Die Ersten ihrer Art oder Sterlings Schismatrix. Im Frühjahr 2003 kommt der starke Erstling der Kanadierin Donna McMahon, Tanz der Messer, der in den U$A einiges Aufsehen erregt hat, und bereits im Herbst 2002 ein Alternativwelt-Roman von Marcus Hammerschmitt, Polyplay, in dem nach der Wende die DDR und nicht die BRD übrig geblieben ist.
Mephisto: Immer wieder also auch Cyberpunk, ein Genre das oft tot gesagt wurde, sich gleichzeitig aber großer Beliebtheit erfreut, und deutliche Spuren in vielen aktuellen SF-Werken hinterlassen hat. Ist das kein Widerspruch, rebellischer Punk und kommerzieller Erfolg? Steckt im Cyberpunk noch Potential?
Hannes Riffel: Cyberpunk ist ein Sammelbegriff, unter dem alle möglichen Autoren und Serien von William Gibson bis Shadowrun laufen. Mich interessiert daran vor allem die Schilderung gesellschaftlicher Missstände und der respektlose Tonfall. Ganz so rebellisch war Cyberpunk allerdings noch nie. Die Punk-Attitüde findet sich zwar bei John Shirley, bei Gibson oder Sterling dagegen höchstens noch als bewusst eingesetztes Stilmittel, nicht als persönliche Haltung. Wie Du selbst gesagt hast: Cyberpunk ist noch immer ziemlich populär. Als ich Wolfgang Jeschke vor ein paar Jahren wegen der Rechte an Schismatrix angesprochen habe - früher in einer unsäglichen Übersetzung bei Heyne erschienen -, hat er sich eher gewundert. Inzwischen hat Heyne zwei neue Romane dieses Autors gebracht und einen älteren neu aufgelegt.
Mephisto: Auf jeder Veranstaltung, die ich in letzter Zeit besucht habe, wird über das rückläufige Interesse an phantastischer Literatur geklagt. Was denkst Du, ist dieser Rücklauf eingebildet oder real? Und wenn real, woran liegt es?
Hannes Riffel: Aus meiner Perspektive ist dieser Rücklauf sehr real - mit Ausnahme der kommerziellen Serien-Fantasy, die weiterhin boomt. Horror gibt es, von King, Koontz und Konsorten einmal abgesehen, in nennenswertem Umfang nur noch bei Frank Festa, und der wird auch nicht eben reich damit. Die Science Fiction stürzt augenblicklich endgültig ab, die Erbsenzähler bei Heyne gestatten Sascha Mamczak gerade mal noch einen Titel im Monat, der nicht zu Battletech, Star Trek oder einer anderen Serie gehört. Stefan Bauer bei Bastei traut sich fast nur noch Neuauflagen großer Namen - Heinlein, Vance, Niven - oder Erfolg versprechende Abenteuerserien. Und Bertelsmann wird sich zwar weiterhin um Neal Stephenson kümmern und hoffentlich auch Dan Simmons behalten, aber das wars dann auch schon. Für unsere Phantastik-Buchhandlung ist das ein Katastrophe, zumal sich so langsam abzuzeichnen begann, dass anspruchsvolle SF etwas an Renommee gewinnt - und das trotz meist erbärmlicher Übersetzungen und 99prozentiger Ignoranz auf Seiten des Buchhandels.
Mephisto: Das ist genau das, was mir so seltsam erscheint. Das Renommee steigt, zumindest das einiger Titel; im Kino kommt ein phantastischer Film nach dem anderen, darunter richtige Blockbuster; Computerspiele mit Fantasy- und SF-Welten oder Horrorplots gehen weg wie warme Semmeln - woher kommt dieser Rückgang im Medium Buch? Wie wollt ihr der Situation in der Buchhandlung begegnen? Andere Titel mit aufnehmen? Oder Filme und Comics?
Hannes Riffel: Das wäre ein Eigentor. Wir haben von Anfang an großen Wert darauf gelegt, dass im UFO eine ruhige Atmosphäre vorherrscht, ganz im Unterschied zu einem Comic- oder Rollenspielladen. Entsprechend erreichen wir auch ältere Kunden - älter im Sinne von »nicht nur Schüler oder Studenten« -, die sich von einem Szeneladen kaum angesprochen fühlen würden. Wir setzen weiterhin auf Vollständigkeit (alles, was eine gewisse Qualität vorzuweisen hat, von Bertelsmann bis Medusenblut) und auf gute Beratung. Unsere ladeninterne Bestsellerliste besteht entsprechend auch nicht nur aus Tolkien und Tad Williams, da finden sich sogar fast mehr anspruchsvolle SF-Titel von Heyne bis Argument.
Mephisto: Und was bedeuten diese Entwicklungen für die ganz kleinen Verlage? Zusammen mit Hardy Kettlitz, Bernhard Kempen und Ronald Hoppe (und inzwischen Hans-Peter Neumann) hast Du den Shayol Verlag gegründet, in dem sehr unterschiedliche Titel erschienen sind. Was wollt Ihr mit dem Verlag erreichen?
Hannes Riffel: Shayol ist - zumindest für mich - ein reines Hobby, die logische Konsequenz aus unserer Arbeit mit ALIEN CONTACT. Wir ermöglichen Buchprojekte, die in kommerziellem Rahmen keine Chance hätten: Kurzgeschichtensammlungen deutschsprachiger Autoren (Andreas Gruber, Gerd Frey), Sekundärliteratur zur SF (die definitive DDR-Bibliographie), solche Sachen. Im Herbst 2002 bringen wir einen ersten Sammelband vergriffener SF-Personality-Hefte (eine Monographien-Reihe zur SF und Phantastik) und starten eine Erik-Simon-Gesamtausgabe. Und gerade habe ich einen Lizenzvertrag für zwei Bände Erzählungen von Theodore Sturgeon unterschrieben. Machbar ist so etwas, weil heutige Digitaldrucktechnik kleine Auflagen in Profiqualität ermöglichen, und weil wir mit den unterschiedlichsten fitten Leuten zusammenarbeiten. Wir verstehen uns auch keineswegs als Fan-Verlag, unsere Bücher sind klassisch kalkuliert und ganz normal im Buchhandel erhältlich.
Mephisto: Stichwort ALIEN CONTACT. Nach der Nummer 42 habt Ihr das Magazin als Printmedium eingestellt und bringt es nun online heraus. Hat diese Umstellung funktioniert? Machen die Leser das mit? Die Qualität ist ja gleich hoch geblieben.
Hannes Riffel: Darauf kann ich Dir eine aussagekräftige Antwort geben, wenn wir die Zugriffe auf die ersten zehn Ausgaben auswerten können. Tendenziell zeigt sich, daß im Netz Artikel und Rezensionen beliebter sind als Erzählungen. Allerdings werden wir die längeren Texte Anfang 2003 in einem ALIEN CONTACT-Jahrbuch bei Shayol veröffentlichen, dann kann man sie auch im Sessel lesen. In diesem Jahr (2002) freuen wir uns auch noch auf Texte von bekannten Autoren wie George R.R. Martin, Elizabeth Hand und Erik-Simon! Insgesamt werden wir eine Menge Geduld aufbringen müssen, bis sich ALIEN CONTACT und www.epilog.de breit durchgesetzt hat. Mit zumindest fallen keine SF-Seiten von nur entfernt vergleichbarer Qualität ein, also wird sich das Stück für Stück rumsprechen, da bin ich optimistisch.
Mephisto: Wenn Du einmal ganz frei entscheiden könntest, unabhängig von irgendwelchen finanziellen und rechtlichen Gesichtspunkten, welches Buch würdest Du gerne verlegen, von welchem Autor würdest Du eine Gesamtausgabe machen wollen?
Hannes Riffel: Kim Stanley Robinson, auf jeden Fall. Der wurde bei Bastei zwar ganz ordentlich betreut, aber die Bücher sind alle vergriffen, und die Mars-Trilogie bei Heyne war ein übersetzerischer GAU. Romane wie Icehenge oder Red Mars gehören schlicht zum Besten, was das Genre zu bieten hat! Im Augenblick lese ich sein The Years of Rice and Salt, das eine Veröffentlichung bei einem renommierten Verlagshaus verdient hätte, allerdings keinerlei »Bestseller-Qualitäten« aufweist.
Mephisto: Als freier Mitarbeiter bei
Amazon.de bist Du auch
für die Newsletter zu Fantasy, SF und Horror Literatur zuständig. Wie wählst Du die
dort empfohlenen Titel aus?
Hannes Riffel: Die Auswahl bei Amazon.de geschieht in Abstimmung mit meiner
Kollegin Birgit, die für den Fantasy-Newsletter verantwortlich ist, und dem zuständigen
Redakteuer in München, Kai Lohnert. Bisher haben wir uns immer bemüht, neben den
Erfolgstiteln auch eine Auswahl von unbekannteren Büchern zu bewerben, die der
Internet-Kundschaft sonst vielleicht entgehen würde. Im Augenblick sieht es allerdings so
aus, als ob wir froh sein müssen, überhaupt noch genügend relevante Titel ausfindig zu
machen.
Bei den Rezensionen kommt es uns darauf an, welche Titel für welche Zielgruppe gedacht
sind und ob sie diesem Anspruch gerecht werden. So kann es also durchaus passieren, dass
ein Battletech-Roman gut wegkommt - weil er eben ein guter Battletech-Roman ist -, und der
neue Joe Haldeman verrissen wird, obwohl er im direkten Vergleich natürlich besser ist.
Insgesamt muss ich - bei aller Skepsis des kleinen Buchhändlers gegenüber Großanbietern
- sagen, dass Amazon.de für den Phantastik-Markt in all seinen Spielarten ein Segen ist.
Nirgendwo sonst wird so umfassend und kenntnisreich über Bücher informiert. Damit klopfe
ich natürlich auch mir selbst auf die Schulter, aber in erster Linie liegt das daran,
dass sich Amazon.de einen sachkundigen Rezensentenstab leistet.
Mephisto: Kommst Du bei der ganzen Arbeit überhaupt noch zum genussvollen Lesen? Und wenn ja, welches Buch hat Dich in letzter Zeit richtig begeistert?
Hannes Riffel: Ich habe das Glück, für Amazon.de inzwischen auch Krimis
besprechen zu dürfen, darunter ganz herausragende Romane von Jerome Charyn, Paco Ignacio
Taibo II und last not least Jean-Bernard Pouy - ich liebe französische Kriminalromane.
China Miéville halte ich für eines der ganz großen Talente der zeitgenössischen
Phantastik, sein neuer Roman The Scare kann seinem Bestseller Perdido
Street Station spielend das Wasser reichen. Für Piper übersetze ich gerade einen
Roman von Sean Stewart
(Mockingbird, deutsch wird er Hexensturm heißen) -
ein Autor, den ich gar nicht hoch genug loben kann. Für seinen neusten Roman, Galveston,
wurde er mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet.
Generell finde ich nur selten Zeit für Bücher, die nichts mit meiner Arbeit zutun haben.
Vergangenen Winter hatte ich von Phantastik die Nase voll und habe mich - ausgerechnet -
mit Griechischer Philosophie erholt. Und die neue Gesamtausgabe bei Fischer wird mich mal
wieder dazu anregen, Thomas Mann zu lesen.
Das ist natürlich ein typisches Problem, das entsteht, wenn man sein Hobby zum Beruf
gemacht hat. Aber dafür gehöre ich wahrscheinlich zu den wenigen Leuten, die mit ihrer
Arbeit rundherum glücklich sind.
Mephisto: Eigentlich ein schönes Schlusswort, aber noch habe ich ein paar Fragen ... Reich-Ranicki hat sein Buch geschrieben, Karasek ebenso, wann kommt der erste Roman von Kritiker Hannes Riffel?
Hannes Riffel: Bitte nicht - nur weil ich mir einbilde, ein kompetentes Urteil über die Bücher anderer Leute abzugeben, muss ich die Welt nicht mit meinen eigenen Schreibversuchen belästigen. Die Übersetzerei kommt dem Schreiben zwar ziemlich nahe, weil man lernt, sehr genau mit Sprache umzugehen. Aber bevor ich nicht eine Idee habe, von der ich denke, dass sie nicht nur mich interessiert, werde ich da die Finger von lassen - es gibt weiß Gott schon genug schlechte Bücher. Und eine ganze Menge gute, von denen ich noch ein paar übersetzen möchte.
Mephisto: Hast Du da schon konkretere Wünsche?
Hannes Riffel: Kommt darauf an, wer mir was anbietet und wie das bezahlt wird. Große Lust hätte ich auf den nächsten Dan-Simmons-Roman, eine Space Opera mit Homers Ilias als Hintergrund - griechische Antike ist eines meiner Steckenpferde. Dann soll von Neal Stephenson ein neuer Roman erscheinen, das ist auch ein Autor, auf den ich große Lust hätte. Und irgendwann will ich mit der Übersetzerei auch aus dem »Phantastik-Ghetto« raus, sonst wird mir das auf Dauer zu einseitig. Daumen drücken!
Mephisto: Übersetzen und Lektorieren, beides sozusagen Tätigkeiten im Hintergrund, aber doch unheimlich wichtig. In welchem Fall fühlst Du Dich stärker in das Werk eingebunden? Kann man das vergleichen?
Hannes Riffel: Die Übersetzerei ist zwar in erster Linie Handwerk, aber sie hat - je nach Schwierigkeit des Originals - doch einige kreative Aspekte. Als Lektor ist man schlicht der Ausputzer. Bei deutschsprachigen Autoren kann das ganz spannend sein, da lernt man auch noch etwas. Aber die Übersetzungen anderer Leute bearbeiten, das mache ich nur noch ungern, da rege ich mich zu sehr über die mangelnde Qualität der Texte auf. Ich überarbeite nicht einmal meine eigenen Übersetzungen gerne - meistens auch, weil keine Zeit bleibt, um genügend Abstand zum Original zu bekommen - das macht inzwischen eine Kollegin (und ich bei ihr).
Mephisto: Schauen wir mal in die Zukunft des phantastischen Genres. Cyberpunk und Splatterpunk, dann Steampunk, was kommt als nächstes? Noch einmal irgendein -punk, ein anderes Genre oder verschiedene interessante Autoren, die bewusst auf ein Genre verzichten? Wie würdest Du beispielsweise den oben genannten China Miéville einordnen?
Hannes Riffel: Miéville ist ein gutes Beispiel. Allerdings verzichtet er keineswegs auf ein Genre, sondern setzt sich schlicht über jegliche Genregrenzen hinweg. Das macht Spaß, weil es eingefahrene Erwartungshaltungen unterläuft. Augenblicklich sehe ich keinen bestimmten Trend, eher eine Ausdifferenzierung zwischen dem, nennen wir es einmal konservativen Lager - diese Autoren greifen immer mehr auf Klischees zurück, innerhalb der SF wie auch der Fantasy -, und dem progressiven Lager - diese Autoren wollen Neuland entdecken und erkunden. Aus beiden Bereichen kommen tolle Bücher, aber wenn ich konventionelle Weltraum-SF lesen möchte, greife ich doch lieber noch zu Keith Laumer oder James Schmitz, und nicht zu Ben Bova oder David Weber.
Mephisto: In dem von dir übersetzten Schwester des Sturms von Sean Stewart findet sich am Schluss eine kurze Danksagung an den Autor für hilfreiche E-Mails. Hast Du immer Kontakt mit den Leuten, die Du übersetzt? Sofern sie noch leben, meine ich...?
Hannes Riffel: Fast immer. Bruce Sterling war eher abweisend, wahrscheinlich
hatte er zu viel um die Ohren, und John Shirley war auch nicht eben entgegenkommend -
dafür hat er meine erste Shirley-Übersetzung (Es werde Licht) von einer
befreundeten Germanistin prüfen lassen ... Die Zusammenarbeit mit Maureen McHugh war
dagegen sehr angenehm, und Sean Stewart ist schlicht und ergreifend einer der
liebenswertesten und intelligentesten Menschen, die ich je kennen gelernt habe - nur per
E-Mail vorerst, das wird sich allerdings irgendwann ändern.
Zur Zeit übersetze ich den ersten SF-Roman des Phantastik-Enzyklopädisten John Clute, und da bin ich
sehr froh, dass ich John persönlich kenne; ohne seine geduldige Hilfe würden mir da so
einige Sachen entgehen. Als nächstes ist ein vergessener Fantasy-Klassiker von Hope
Mirrlees dran, Lud-in-the-Mist von 1926, und diese Autorin lebt seit einem viertel
Jahrhundert nicht mehr. Und da hat sich Michael Swanwick, Autor des unvergleichlichen
Fantasyromans Die Tochter des stählernen Drachen und ein großer
Mirrlees-Verehrer, bereit erklärt, mir zur Seite zu stehen und auch ein umfangreiches
Nachwort zu schreiben.
Um ein Klischee zu bemühen: Übersetzen ist eine ausgesprochen einsame Tätigkeit.
Allerdings ist man auch immer wieder auf Hilfe angewiesen - in Mockingbird von Sean
Stewart musste ich beispielsweise eine Menge Baseball- und Börsenterminologie
übersetzen. Ohne die Unterstützung befreundeter Fachleute wäre das sehr schwierig
geworden, und deshalb werden bei meinen Übersetzungen oft ein paar Leute genannt, die
meinen Dank mehr als verdient haben.
Mephisto: Als guter Übersetzter braucht man also eine große Allgemeinbildung, einen noch größeren Bekanntenkreis, und was noch? Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie wenige Übersetzer tatsächlich eine Sprache studiert oder eine vergleichbare Ausbildung hinter sich haben. Und das in einem Land, wo auf Ausbildung und Abschlüsse so viel Wert gelegt wird ...
Hannes Riffel: Naja, die PISA-Studie hat da ja ein anderes Bild vom Land der Dichter & Denker geliefert. Mit meiner naturwissenschaftlichen Allgemeinbildung ist es auch nicht so weit her, aber zum Glück sind die entsprechenden Fachleute immer nur einen Mausklick entfernt. In erster Linie kommt es wohl drauf an, die eigenen Lücken zu kennen und zu wissen, wann man sich auf die Suche nach entsprechenden Informationen begeben muss. Allerdings sollte man als Leser, der sich manchmal ärgert, dass in einer Übersetzung ein sachlicher Fehler steckt, daran denken, dass für jede Übersetzung nur eine bestimmte Zeit bleibt - so gut sie eben bezahlt wurde. Aber einen gewissen Mindestanspruch sollte man schon stellen können, und der wird leider allzu oft unterschritten.
Mephisto: Danke für die ausführlichen Antworten und viel Erfolg bei allen Deinen tausend Tätigkeiten.
Das Interview wurde von Boris Koch geführt
Erstveröffentlichung in
MEPHISTO 20