ALIEN CONTACT Interpretationen klassischer Science Fictionvon Adam Roberts
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Interpretationen klassischer Science Fiction • Folge 4

Eine Lesart von Matrix Reloaded: »Gut, aber nicht so gut wie der erste Film ...«

von Adam Roberts

Science Fiction
Alien Contact
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Das ist wahrscheinlich die typischste Reaktion auf Matrix Reloaded – nach dem ganzen Hype und der hohen Erwartungshaltung hören wir uns selbst sagen: »Er ist gut, aber nicht so gut wie der erste Film.« Manche Leute schätzen den Film noch geringer (»Er ist nicht gut, ich habe etwas Besseres erwartet«). Meines Wissens hat niemand behauptet, der Film sei besser als erwartet.

Diese Feststellung ist nicht einfach ein Kommentar auf die vernichtende Macht eines Hypes, der die Messlatte so hoch legt, dass die Enttäuschung praktisch unausweichlich wird. Sie ist tatsächlich eine zentrale Einsicht in den Film selbst. Matrix Reloaded ist ganz maßgeblich ein Film über Enttäuschung, über Antiklimax – oder, um genauer zu sein: Es handelt sich um einen Film über die enge Dialektik zwischen dem Höhepunkt (sei er persönlich, sexuell, spirituell) und der Enttäuschung. In diesem Sinne ist der Film, auch wenn diese Behauptung paradox ist, tatsächlich besser als das Original.

Der Nachfolger des ersten Matrix-Films zu sein ist ganz sicher ein harter Job – es handelt sich dabei um ein erstaunliches Stück Kino. Aber er ist auch Kino in nur einer Gangart: hochkarätiges, bewegungsgeladenes Drama, große, aufregende Actionszenen, überzogen mit einer großen, aufregenden Prämisse und berauschender Pseudophilosophiererei. Das Großartige an Matrix ist, dass er einen in extreme Hochstimmung versetzt. Matrix Reloaded ist nicht in gleicher Weise erregend, und das ist einer der Gründe für den Hauch von Enttäuschung, den viele Fans verspürten. Dementsprechend lohnt es sich zu behaupten, dass die Fortsetzung es nicht darauf anlegt, uns in gleicher Weise zu erregen. Oder vielleicht genauer gesagt: Der Film »handelt« nicht in gleicher Weise von Erregung. Matrix Reloaded ist mit voller Absicht ein langsameres Werk, das eine durchdringende Stimmung vager Traurigkeit verbreitet. Diese Stimmung lässt sich nicht einfach nur anhand des Handlungselements von Trinitys unablässig drohendem Tod erklären. Sie umfasst mehr, weil der Film von mehr als nur vom Tod handelt (obwohl er auch vom Tod handelt). Er handelt von dem, was passiert, nachdem wir das bekommen haben, wonach wir streben.

Die Stimmung des zweiten Films ist melancholisch, wo die des ersten spannungsgeladen war, gerade weil er dieses Dilemma inszeniert. Das lässt sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln feststellen. Zum einen kann man die Handlungsverläufe der beiden Filme vergleichen. Für den Ersten stelle man sich einen ganz gewöhnlichen Menschen vor – er ist unglücklich, er ist in einem Leben gefangen, das ihm keinen Spaß macht –, der herausfindet, dass die Welt nicht ist, wofür er sie gehalten hat. Abenteuer und Aufregung treten an die Stelle der Langeweile seiner Existenz. Als Nächstes stellt er fest, dass er viel wichtiger ist, als er geglaubt hat; dann vollbringt er unglaublich heroische Taten; und daraufhin erfährt er, dass er mehr als nur wichtig ist, dass er tatsächlich der »Eine« ist, der Retter der Welt; und dann kriegt er das Mädchen.

Der zweite Film nimmt die Geschichte an diesem Punkt auf. Aber es ist genau der Punkt, an dem in der westlichen Tradition Geschichten für gewöhnlich enden. Der Erlöser ist eingetroffen, und alle sind fortan glücklich bis an ihr Lebensende. Was soll da noch kommen? Die unvorstellbaren Freuden des Paradieses? Diese Sorte Freuden muss unvorstellbar bleiben, sonst erscheinen sie notwendigerweise als Antiklimax (was, wenn die Freuden des Himmels etwas gleichförmig werden? Ein bisschen langweilig? Was, wenn das Leben im Paradies in Wirklichkeit eine Art selige Depression ist?). Matrix Reloaded wagt den mutigen Schritt, einfach spielend über Neos Apotheose hinwegzugehen. Jetzt ist er der Messias, aber das Leben geht weiter. Tatsächlich geht es sogar in trüberer Stimmung als im ersten Film weiter. Das Leben in Zion ist trotz aller frenetischer Tanzerei in der Party-Szene trostlos und beengt. Als Messias kann Neo wenig gegen das Elend der einfachen Leute unternehmen, die sich um ihn drängen. Neos Rückkehr ins Leben am Ende des ersten Teils war ein machtvoller und transzendenter Augenblick. Sein Leben nach diesem Augenblick der Transzendenz ist offenbar von Formen der Unfähigkeit und der Angst geprägt – am schlimmsten davon die Angst, dass die Frau, die er liebt, zum Tode verurteilt ist. Der erste Film handelte von der Steigerung hin zur Enthüllung des Messias. Der zweite Film ist der Abstieg danach.

Man nehme die Form der beiden Filme. Matrix baut sich über eine komplexe Handlung und eine ganze Menge zunehmend aufregender Sequenzen professionell bis zu einem grandiosen filmischen Höhepunkt auf. Neo und Trinity befreien Kugelhagel durchquerend Morpheus aus der Gewalt der Agenten, Neo kämpft gegen Agent Smith, wird getötet und kehrt als der Eine ins Leben zurück. Hier hört der Film auf – womit sich sagen lässt, dass die Form des Werkes Ausdruck eines sorgfältig abgestimmten, steigenden Spannungsbogens ist, der sich kontinuierlich auf einen finalen Höhepunkt zubewegt. Matrix Reloaded hat eine andere Form. Im zweiten Film ereignet sich der große Höhepunkt nach zwei Dritteln des Films. Es handelt sich um die herrliche Verfolgungssequenz auf der Autobahn. Nach dieser detaillierten und fesselnden Sequenz wirkt der tatsächliche Schluss des Films jedoch zwangsläufig etwas kraftlos.

Dessen Handlung zentriert sich um die Notwendigkeit, Neo zu einer bestimmten Zeit in einen bestimmten Raum zu bringen. Das kann allerdings nur durch die Zerstörung von zwei Kraftwerken in der Stadt erreicht werden, wobei noch weitere Hindernisse zu bewältigen sind. Aber wenn man dieses Abenteuer und dessen Wendepunkte (der Tod von Schlüsselfiguren für, Trinitys verzweifelte Rettungsaktion) mit dem Höhepunkt des ersten Films vergleicht, dann erscheint es auf der Leinwand geradezu halbherzig. Die ganze Actionsequenz wird obendrein durch einen langen, lahmen Dialog zwischen Neo und dem Architekten unterbrochen, in dem abstoßend schwierige Konzepte und Worte gewechselt werden – ein Dialog, der das Handlungsmoment noch stärker bremst. Aber ich halte das für ein bewusst eingesetztes Mittel. Indem sie den Höhepunkt dieses Films auf den erzählerischen Mittelteil zurückschieben, bringen die Wachowski-Brüder in cineastischer Weise die Erfahrung des Lebens nach dem Höhepunkt zum Ausdruck.

Andere Aspekte des Films bestärken dieses Gefühl. Am Ende des Films erfahren wir, dass die Maschinen eine große Schlacht gegen die Verteidiger Zions geschlagen haben – aber dieser Konflikt, bei dem es sich offenbar um einen Höhepunkt handeln müsste, wird uns nicht gezeigt (obwohl der Film keine Kosten gescheut hat, um enorme Actionsequenzen wo gewollt zu verwirklichen). Stattdessen bekommen wir nur die mutlosen, verdreckten Überreste der Verteidigungskräfte zu sehen, Bilder der Enttäuschung nach dem Konflikt.

In kleinerem Maßstab finden wir während des ganzen Films ähnliche Muster vor. Zu Beginn missachtet Morpheus einen direkten Befehl. Es sieht so aus, als stünden ihm ein Kriegsgericht und eine Haftstrafe bevor – aber diesen Konsequenzen wird einfach ausgewichen. Die »Schlägerei«, bei der Neo hundert Kopien von »Agent Smith« bekämpft, ist eine aufregende Action-Sequenz mit ganz eigenen Spannungsmomenten (kann selbst der übermenschliche Neo es mit so vielen »Agenten« aufnehmen?). Aber der Kampf wird so sehr in die Länge gezogen, dass er den Punkt der lokalen Spannung überschreitet und, obwohl er fesselnd und seltsam schön bleibt, ziemlich monoton wird. Und er endet ohne Auflösung – Neo fliegt einfach weg und lässt den ziemlich verdutzt dreinblickenden Smith zurück, auf dass er seiner Wege geht. Als ich diese Sequenz zum ersten Mal sah, war meine erste Reaktion Aufregung, aber als der Kampf kein Ende nehmen wollte, immer und immer weiter ging, erwischte ich mich bei dem Gedanken, dass er zu lange dauerte. Erst später kam ich darauf, dass dieses Zu-Lange-Dauern, dieses Beharren auf dem Augenblick, nachdem der Spannungshöhepunkt überschritten ist, auf den Sinn des ganzen Films deuten könnte.

In einer anderen Szene müssen Neo, Trinity und Morpheus an mächtigen Wächtern vorbeikommen, um den »Schlüsselmacher« zu finden. Diese Wächter sind offenbar Überbleibsel einer früheren Version der Matrix, und ihnen ist weder mit Worten noch mit Gewalt beizukommen – bis einer von ihnen (gespielt von Monica Belucci) sich in einem seltsam indirekten Schachzug entschließt, den Schlüsselmacher gegen einen Kuss von Neo herauszurücken. Diese Szene wirkt sonderbar, zum Teil, weil sie handlungslogisch so wenig Sinn ergibt, aber auch, weil der Preis, den Neo für den entscheidenden »Schlüsselmacher« entrichtet, viel geringer ist, als wir erwartet haben. Weil diese Begegnung, anders ausgedrückt, ein Antiklimax-Element enthält. Die übrig gebliebenen Programme leben als träge, dekadente Aristokraten, gelangweilt und unbeeindruckt vom Leben. Ihr Sein ist der absolute Ort der Desillusionierung.

Diese Figur von Erwartung-Erregung-Desillusionierung wird so oft wiederholt, dass sie Form und Stimmung des gesamten Films beherrscht. Anders ausgedrückt ist Desillusionierung genau das, was Matrix dramatisiert. Neo lebt in der Matrix. Morpheus taucht auf, um zu enthüllen, dass dieses Leben eine Illusion ist – was bedeutet, dass er ihn des-illusioniert. Natürlich ist diese Desillusionierung sowohl ein beklagenswerter als auch ein wahrhaftiger Zustand (daher das enthaltsame, eingeschränkte, elende Leben an Bord der Nebukadnezar und in Zion). Tatsächlich ist der Versuch, Desillusionierung und Antiklimax in der Sprache der höhepunktabhängigen Form des Hollywood-Action-Blockbusters darzustellen, das kühnste ästhetische Experiment der Wachowski-Brüder.

Schließlich findet der Hollywood-Blockbuster in seiner reinsten Form zu einer Struktur, die die ängstliche Spannung so lange wie möglich auf hoher Stufe hält und steigert (zum Beispiel im Film Speed: Nachdem der Bus endlich erfolgreich zum Stehen gebracht wurde, giert der Film mit der Verzweiflung eines Süchtigen nach mehr Hochgeschwindigkeits-Nervenkitzel und hetzt in die U-Bahn). Matrix Reloaded ist zu bedacht, um das zu tun. Es handelt sich dabei um einen Text, der weiß, dass nach dem Höhepunkt (Zum Messias werden! Sich mit der Geliebten verbinden!) der Antiklimax folgt. Was passiert, nachdem man die Transzendenz erreicht hat? Was, wenn man, anstatt zu noch höheren Stufen der Glückseligkeit und des Nervenkitzels aufzusteigen, einfach auf die Stufe des Gewöhnlichen, des Unaufregenden, Melancholischen zurückkehrt?

Mit einer verkürzten theologischen Umschreibung könnte man Matrix als jüdischen und Matrix Reloaded als christlichen Film charakterisieren. Für Juden wird der Messias noch kommen, man kann sich auf diesen Tag als jenen freuen, an dem alle Ungerechtigkeit, Not und Unzufriedenheit überwunden werden. Das Christentum gründet auf einer radikalen Revision dieses mächtigen menschlichen Verlangens – die so radikal und beunruhigend ist, dass viele Christen es vielleicht vorziehen, sie nicht bis zum Ende zu durchdenken: Was, wenn der Messias kommt und sich dadurch nicht besonders viel verändert? Das Judentum arbeitet theologisch im Raum der Bewegung auf den Höhepunkt zu. Das Christentum dagegen arbeitet notwendig im Raum nach dem Höhepunkt, was bedeutet: im Raum des Antiklimax. Die allgemein bekannte Geschichte der zweiten Ankunft Christi ist ein verzweifelter Versuch, die psychische Lücke zu füllen, die diese radikal Theologie des Antiklimax offen lässt, indem sie jüdische Theologie zu ihren eigenen Zwecken entwendet. Aber dieser Versuch weist einen tiefsitzenden Mangel auf. Wenn der Messias mehr als einmal kommt, warum nur zweimal? Warum nicht hundertmal, eine Million Mal oder unendlich oft? Und wenn das der Fall ist, verblasst dadurch nicht das tatsächliche Erscheinen Christi und sein Opfer unwiderruflich?

Ich kleide diese Fragen in eine theologische Sprache, weil so viele Interpreten sich entschieden haben, Matrix Reloaded als religiöse Allegorie zu lesen. Es wäre kaum sinnvoll, alle Details dieser Interpretationsweise aufzuzählen (die scheinbar bedeutungsschweren Namen, die messianische Geschichte und all diese Dinge), weil ich einen anderen Kontext vorschlagen möchte, in dem sich der Film lesen lässt: philosophisch statt religiös. Matrix Reloaded ist ein weit nietzscheanischerer Text als der erste Film. Insbesondere ist dieser zweite Film bis zum Punkt der Besessenheit von zwei zentralen Themen Nietzsches fasziniert: vom freien Willen und von der ewigen Wiederkunft.

Diese beiden Themen sind vielleicht nicht das erste nietzscheanische Konzept, das einem einfällt, wenn man an die Matrix denkt, aber sie erscheinen mir absolut zentral, um den Film zu verstehen. Tatsächlich halte ich es für auffällig, dass der zweite Film an einem anderen (bekannteren) nietzscheanischen Konzept ziemlich wenig Interesse zeigt, nämlich an der Figur des »Übermenschen«, die so ausdrucksstark in Also sprach Zarathustra (1883-1885) beschrieben wird. Das Verwirrende an diesem Umstand ist, dass der erste Matrix-Film genau an diesem nietzscheanischen Archetyp ausgesprochen interessiert war. Tatsächlich lässt der erste Film sich als die Geschichte von Neos Beitritt zu den »Übermenschen« der wirklichen Welt lesen. Aber Matrix Reloaded nimmt diesen Zustand als selbstverständlich hin und arbeitet sich an den beiden anderen hier genannten nietzscheanischen Sorgen ab.

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Foto: Warner Bros.

Freier Wille und ewige Wiederkunft in Matrix Relaoded

Das konzeptionelle Zentrum von Matrix Reloaded ist die Begegnung zwischen Neo und dem Architekten. In dieser absonderlich inszenierten, aber seltsam machtvollen Begegnung erfahren wir, dass Neo nicht die erste Verkörperung des Einen ist. Tatsächlich ist er einer von einer unbekannten Anzahl Exemplare, die in der Matrix entstanden sind, und der sechste, der sich weit genug entwickelt hat, um das mit Fernsehschirmen überfüllte Zimmer des Architekten höchstpersönlich zu erreichen. Es sieht danach aus, als gäbe es eine radikale Instabilität im Innern der Matrix – eine Instabilität, die unausweichlich verhängnisvolle Programmfehler hervorbringt und die ebenso unausweichlich als Kontrollmechanismus, der diese Fehler beheben soll, den Einen erschafft. Der Architekt teilt Neo mit, dass er die Zerstörung Zions hinnehmen muss und eine kleine Gruppe von Männern und Frauen aus der Matrix wählen soll, die befreit und zum Erdmittelpunkt geschickt wird, um Zion wieder aufzubauen und den gesamten Prozess von neuem zu beginnen. Neo, beziehungsweise seine vorherigen Inkarnationen, hat das schon viele Male getan. Anders ausgedrückt haben sich die Ereignisse der ersten zwei Filme scheinbar schon mehrmals zuvor zugetragen – und werden sich, wie wir annehmen können, wieder zutragen.

Das ist eine Dramatisierung von einem Konzept Nietzsches, das sich »die ewige Wiederholung« oder »die ewige Wiederkunft« nennt, in popkulturellen Begrifflichkeiten. Von allen wichtigen Ideen Nietzsches ist das Verständnis von dieser wohl am wenigsten verbreitet – obwohl sie entscheidend für seine Philosophie ist. Sie lautet so: Wenn das Universum seit unendlicher Zeit existiert (was Nietzsche glaubte), dann müssen alle möglichen Umwandlungen von Kräften und Materie sich nicht nur mindestens einmal, sondern viele Male, tatsächlich unendlich viele Male zugetragen haben – schließlich liegt das in der Natur der Unendlichkeit. Das bedeutet, dass uns Nietzsche sagt, dass wir unser Leben zuvor gelebt haben, bis ins letzte Detail, unendlich viele Male, und das wir es unendlich viele Male wieder leben werden:

Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: »Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nicht Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge – und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht – und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!« [Nietzsche, »Die fröhliche Wissenschaft«, in: ders., Morgenröte. Idyllen aus Messina. Die fröhliche Wissenschaft, S. 570.]

Diese Aussicht ist zuerst einmal zutiefst deprimierend. Es gibt nichts, was wir tun könnten, wir sind alle in diesem Rad des Seins gefangen (»Würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon verfluchen, der so redete?« [ebd.]). Als Zarathustra, Nietzsches Propheten-Philosophen-Figur, zum ersten Mal erfährt, dass die Dinge so liegen, ist er derart zerschmettert vor Verzweiflung, dass er in ein siebentägiges Koma fällt. Aber laut Nietzsche wird diese grundlegende Wahrheit, wenn wir sie erst einmal erfasst haben, der Anlass innigster Freude sein. Sie befreit uns von der Illusion des »Freien Willens«.

Der Freie Wille ist eines der wiederkehrenden Anliegen der Matrix-Filme. Im ersten Film wird er von Morpheus’ bildhaften Pillen verkörpert, die Neo angeboten werden, eine blau und eine rot. Die eine wird ihn in die Matrix zurückbringen, wo er sein Leben kein Stück schlauer fortsetzen kann, die andere wird ihn von seinen Illusionen befreien. Er »wählt« eine, aber was ist in irgendeinem bedeutungstragenden Sinn eine »freie Wahl«? Die Existenz des Orakels, das die Zukunft kennt, betont den Umstand, dass wir (aus unserer Perspektive vom Ende des Films) wissen, dass Neo die rote Pille wählt. Hätte er sie nicht gewählt, hätte es keinen Film gegeben. Im zweiten Film wird dieses Drama der Entscheidung vom Architekten mit seinen zwei Türen auf die Bühne gebracht. Eine führt zur Möglichkeit, Zion nach der unausweichlichen Zerstörung wieder aufzubauen, die andere zurück zur Matrix, wo Neo die ansonsten verlorene Trinity retten kann – wodurch er allerdings die Menschheit zur Auslöschung verdammt. Natürlich wissen wir, welche Tür Neo wählen wird. In einem bedeutenden Sinne hat er keine Wahl.

Das »Drama der Entscheidung« durchdringt beinahe alle Aspekte der Konstruktion des Films. Das etwas müde Handlungselement zu Beginn von Matrix Reloaded, in dem Morpheus sich einem Konflikt zwischen seinen Befehlen (»Notwendigkeit«) und seinen persönlichen Überzeugungen (»Wahl«) gegenübersieht, ist eine verkleinerte Version derselben Problematik. In Matrix erklärt das Orakel Neo, dass er die Wahl zwischen Morpheus’ Tod und seinem eigenen hat, und er trifft diese Wahl, obgleich es unvorstellbar ist, dass er sich für einen anderen Pfad hätte entscheiden können (»Ohne Morpheus sind wir verloren«). Zu jedem Zeitpunkt stehen Figuren vor vermeintlichen Entscheidungen, aber sie wählen, wie sie es müssen.

Nietzsche sagt, dass dieser Determinismus, auch wenn er niederdrückend und entmachtend erscheint, tatsächlich eine Befreiung ist. Lee Spinks bringt das gut auf den Punkt, wenn er erklärt, dass wir, auch wenn wir dazu neigen »das Konzept eines ›Ich‹ einzurichten, auf dem alle Annahmen subjektiver Autonomie gründen«, dieses »Ich« tatsächlich, »wie Nietzsche bemängelt, nur eine rückblickende Synthese der Reihe von Konflikten ist, die uns ins Sein bringen ... in diesem Sinne ist ›der Freie Wille‹ nicht die ultimative subjektive Grundlage menschlicher Identität. Er ist lediglich die Art und Weise, in der wir Handlungen nach dem Ereignis auffassen« [Spinks, S. 50].

Das ist natürlich genau das, was das Orakel Neo mitteilt. Es kommt nicht darauf an, mit der Illusion zu leben, man hätte eine freie Wahl (»Du hast die Entscheidung schon getroffen«). Es kommt darauf an zu begreifen, warum man die Wahl getroffen hat, die man getroffen hat. Das ist in einem bedeutungsvollen Sinne die Moral der Trilogie.

Spinks benutzt in erhellender und ziemlich gewitzter Weise den Film Und täglich grüßt das Murmeltier zur Illustration der nietzscheanischen »Ewigen Wiederkunft«. In diesem Film ist die erste Reaktion des Helden Phil Connor, als er herausfindet, dass er dazu verdammt ist, den gleichen Tag immer und immer wieder zu erleben, Depression, und er versucht, sich umzubringen. Aber nachdem er sich selbst mit solch extremen Handlungsweisen nicht aus seiner Zwangslage befreien kann, lernt er später, seinen Zustand zu akzeptieren und findet sogar Gefallen daran. »Alles wird möglich, denn anstatt auf ein abgeschlossenes menschliches Leben begrenzt zu sein, könnten wir jeden Tag als einen weiteren Augenblick eines endlosen apersonalen Werdens leben ... Connors Leben bringt dieses radikale Potential komödiantisch zum Ausdruck. Er wird Jazzpianist, kunstvoller Eis-Bildhauer und Experte in französischer symbolistischer Lyrik« [Spinks, S. 131].

Matrix Relaoded ist eindeutig kein Und täglich grüßt das Murmeltier. Aber er dramatisiert genau die Melancholie, von der die Erkenntnis der Illusion des Freien Willens und der Unausweichlichkeit der Ewigen Wiederkunft zuerst einmal heimgesucht wird. Das erklärt nicht nur die durchdringende Stimmung des Antiklimax (und wie hätte es dem Film möglich sein sollen, auf den ausgezeichneten, aufregenden Höhepunkten seines Vorgängers aufzubauen oder sie zu erweitern?). Es erklärt auch das Gefühl des Déjà-vu, wenn wir als Zuschauer noch einer meisterlich choreographierten Kung-Fu-Darbietung beiwohnen, wenn wir noch ein Team sehen, das ein Stadtgebäude in die Luft sprengt, wenn wir noch einmal miterleben, wie ein Schiff aus Zion von spinnenartigen Jägersuchern angegriffen wird. Es handelt sich hierbei nicht um ein Versagen der Wachowski-Brüder als Filmemacher, es ist einfach ein unausweichlicher und zentraler Aspekt des ganzen Projekts. Und das legt Möglichkeiten nahe, den Film nach der ersten Enttäuschung auf andere Arten wertzuschätzen. Man kann zum Beispiel bei der Schönheit verweilen, die bei der »Schlägerei« jedem Moment von Bewegung und Anmut innewohnt, anstatt plump zu fragen: »Aber wer wird diesen Kampf gewinnen?« (Man weiß immer schon vorher, wie der Kampf ausgehen wird). Die Besonderheit dieses Films ist außergewöhnlich, seine Aufmerksamkeit fürs Detail ist genau und ansprechend, seine Konstruktion und Form harmonisch und wunderschön. Wenn wir diesen Film ein zweites Mal sehen, ihn wieder und wieder sehen, bedeutet das, dass wir diese Schönheit wie zum ersten Mal betrachten können.

In Der Wille zur Macht sieht Nietzsche die Welt unter der Ägide der ewigen Wiederholung als Schönheit und Hässlichkeit:

Die Welt besteht; sie ist Nichts, was wird, Nichts, was vergeht. Oder vielmehr: Sie wird, sie vergeht, aber sie hat nie angefangen zu werden und nie aufgehört zu vergehn – sie erhält sich in Beidem ... Sie lebt von sich selber: Ihre Excremente sind ihre Nahrung. [Nietzsche, Der Wille zur Macht, S. 399]

Wie Morpheus in Matrix berichtet: »Ich habe gesehen, wie die Überreste der Toten verflüssigt werden, um die Lebenden damit intravenös zu ernähren«. Aber, wenn man es überdenkt, handelt es sich dabei nicht lediglich um die Feststellung einer größeren Wahrheit, eine Feststellung über die Beziehung von ganz alten und ganz neuen Generationen? Matrix Reloaded mag einige Fans verärgert haben, indem er den Platonismus des ersten Films (»Es gibt eine wahrere Welt hinter dieser vermeintlichen Welt der Schatten, und du musst diese wahrere Wirklichkeit wählen ...«) durch eine durchdringende Melancholie des Verzehrens ersetzt hat, durch ein Gefühl der mechanistischen Bestimmung der Existenz. Aber beide Gangarten sind wesentlich für die Sicht auf das Ganze. »Die beiden extremsten Denkweisen«, erklärt Nietzsche, » – die mechanistische und die platonische – kommen überein in der ewigen Wiederkunft: beide als Ideale. « [Der Wille zur Macht, S. 396].

Deutsche Erstveröffentlichung
Ursprünglich erschienen am 2.6.2003 bei THE ALIEN ONLINE
Das englische Original dieses Textes finden Sie hier
© 2003 Adam Roberts mit freundlicher Genehmigung des Autors (thanks, Adam!)
Übersetzung © 2003 Jakob Schmidt (mit herzlichem Dank an Katja Diefenbach)

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Bibliographie

• Nietzsche, Friedrich: Morgenröte. Idyllen aus Messina. Die fröhliche Wissenschaft. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, Band 3, Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1988. Bestellen
• Nietzsche, Friedrich: Nachgelassene Werke. Der Wille zur Macht. Drittes und Viertes Buch, Alfred Kröner Verlag, Leipzig 1922.
[Anm. d. Übers.: Die Zitate aus Der Wille zur Macht folgen notgedrungen dieser alten Ausgabe. Die Herausgeber der kritischen Studienausgabe von 1988 haben sich entschlossen, die entsprechenden Texte in ihrer eher fragmentarischen Originalform zu übernehmen, in der sie sich auf mehrere Bände des Nachlasses verteilt. Näheres zur Kompilation dieses vermeintlichen »Hauptwerks« von Nietzsche findet sich in Band 14 der weiter oben angegebenen Studienausgabe, S. 383-400.]
• Spinks, Lee: Friedrich Nietzsche, Routledge Critical Thinkers, London 2003. Bestellen
• Wachowski Brothers: The Matrix: Reloaded, Warner Brothers 2003.
Siehe auch
Homepage von Adam Roberts
Matrix Reloaded (USA 2003)
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