![]() |
![]() |
| ALIEN CONTACT 63 |
| Science Fiction Alien Contact |
|
| In den USA
werden Heinleins Bücher seit den Erstauflagen regelmäßig nachgedruckt. In England
dagegen ist es heutzutage nicht leicht, seine Bücher zu finden. Wie soll man sich diesen
Zustand erklären? Warum sind Heinleins Aktien in Großbritannien während der letzten ein
oder zwei Jahrzehnte so gefallen? Als ich noch jung war, waren die Buchhandlungen mit
seinen Büchern vollgestopft, und jeder, der sich für Science Fiction interessierte,
wuchs mit ihnen auf. Möglicherweise haben seine rechtsliberalistischen Neigungen die
politisch gemäßigteren Briten verschreckt. Heinleins politische Ansichten von seiner
Belletristik zu trennen ist in der Tat unmöglich. In diesem Zusammenhang ist sein
unverhohlen ideologischer Roman Der Mond ist eine herbe Geliebte ein besonders
interessanter Fall. Es ist schwer, auf diesen gelungenen Roman anders zu reagieren als in Auseinandersetzung mit seinem politischen Inhalt. Wenn wir den Glanz von Heinleins Leistung allerdings zu schätzen lernen wollen, müssen wir uns die Mühe machen, über das Ideologische hinauszugehen und den Roman formal und thematisch betrachten. Zuallererst einmal bedeutet das, die übliche Kritik an Heinlein in Frage zu stellen. »Der Umstand, dass Heinleins politische Ansichten das Hauptthema der Erörterungen über seine späteren Romane sind, deutet auf den tragischen Verfall der dramatischen Erzählqualität seiner SF hin«, erklären David Pringle und John Clute. Sie zitieren Alexei Panshin dahingehend, dass »der frühe Heinlein mit Fakten handelte, der späte dagegen mit Meinungen-als-Fakten«. Dadurch würden seine Romane zu »Übungen in Solipsismus«, zu Bauchrednern für die ideologischen Vorstellungen ihres Autors (Clute und Nicholls, 556). Daniel Dickinson zufolge wurden Heinleins Romane in den 60ern »länger und langatmiger. Politische und soziale Kritik beherrschten schließlich die Geschichten, und Heinleins fiktive Welten wurden mehr und mehr zu Pappmache-Konstruktionen aus Wörtern: Kulissen für Vorträge zu den kontroversen Ansichten des Autors« (Dickinson, 128). Wenn dem so ist, dann handelt es sich bei Der Mond ist eine herbe Geliebte um das phantastischste Pappmache, das die SF zu bieten hat. Die Geschichte besteht aus drei Teilen. Im ersten, »Die getreue Denkmaschine«, beschreibt der Erzähler, der mit einem bionischen Arm ausgestattete Computerfachmann Manuel Garcia OKelly, die Gesellschaft, in der er lebt. Es handelt sich um eine Strafkolonie auf dem Mond. Die Bevölkerung bewohnt Tunnel unter dem Vakuum der Oberfläche und baut unter Verwendung der Eisreserven des Mondes Weizen an. OKelly beschreibt auch, wie er sich mit dem ersten Computer anfreundet, der ein Ichbewusstsein entwickelt die »Denkmaschine« aus der Überschrift des ersten Teils. Die Mondbevölkerung wird von der erdgesteuerten Mondverwaltung unterdrückt. Ein Teil der Bewohner gelangt schließlich zu der Überzeugung, dass der Mond nicht fortwährend Korn zur Erde exportieren kann, wenn das Wasser, das in diesem Korn enthalten ist, nicht ersetzt wird. Tatsächlich errechnet der ichbewusste Computer (genannt Mike), dass die Mondbevölkerung unter den gegebenen Bedingungen in wenigen Jahren verhungern wird. Im zweiten Teil, »Pöbel in Waffen«, führt ein kleines Komitee eine sorgfältig geplante Revolution durch. Der Erzähler reist gemeinsam mit Professor La Paz, einem Revolutionshelden und Anführer, zur Erde, um die Unabhängigkeit für Luna auszuhandeln. Sie werden jedoch abgewiesen. Daraufhin kehren sie zum Mond zurück und benutzen ihre Position an der Obergrenze der irdischen Gravitation, um Ziele auf allen großen Landmassen mit riesigen Felsen zu bombardieren. Der dritte Teil heißt »TANSTAAFL«, Heinleins verwirrendes und oft wiederholtes Akronym für einen seiner Schlüsselglaubenssätze: »There aint no such thing as a free lunch« (»So etwas wie ein Mittagessen umsonst gibt es nicht«). Die Erde antwortet mit Bombardement und Invasion, wird jedoch von der vereinten Mondbevölkerung zurückgeschlagen. Der Roman endet mit einem freien Mond und dem Ausblick auf eine strahlende Zukunft, obwohl mehrere wichtige Figuren, darunter auch der Professor und der Computer »Mike«, im Kampf als Märtyrer für die Sache gefallen sind. Der Tenor des Romans legt nahe, dass die selbstgenügsamen, hart arbeitenden Mondbewohner mit ihrem gesunden Menschenverstand dabei sind, eine weit bessere Gesellschaft zu erschaffen als jede, die auf der Erde unter ihnen existiert. Es ist absolut möglich, und vielleicht sogar unvermeidlich, Der Mond ist eine herbe Geliebte als erzählerische Dramatisierung einer liberalistischen Utopie zu lesen. Ein großer Teil des Buchs wird von Beschreibungen der individualistischen, familienbasierten sozialen Anarchie auf Heinleins Mondkolonie eingenommen. Später (während die Revolution im Gange ist) diskutieren die Figuren ausgiebig, wie eine »Regierung« sich gestalten sollte. Die Moral der Geschichte: »Wie das Feuer und die Fusionsenergie ist die Regierung ein gefährlicher Diener und ein schrecklicher Herr.« (Heinlein, Moon, S. 300). Und sie muss aufs schärfste begrenzt werden. »Wann hat beispielsweise ein Staat das Recht, sein eigenes Wohlergehen über das eines seiner Bürger zu stellen?«, fragt eine Figur, um die in der Geschichte immer wiederkehrende Antwort zu erhalten: Es gibt »keine Umstände, unter denen der Staat sein Wohl über mein eigenes stellen kann.« (Heinlein, Mond, S. 85) Kein Maß an antisozialem Verhalten, an Vergewaltigung, Mord oder Kindesmisshandlung rechtfertigt eine Reaktion seitens gesellschaftlicher Einrichtungen. Nicht, dass die von Heinlein vorgestellte Gesellschaft milde mit Verbrechern umgehen würde: Strafen fallen auf Luna schnell und tödlich aus, aber sie werden von Freunden und Familie des Opfers verhängt und exekutiert, nicht vom Staat. Wenn ein Vergewaltiger und Mörder ein Opfer ohne Freunde und Familie findet, kann er mit ihm anstellen, was er möchte. Tatsächlich ist Mord in Heinleins fiktivem Universum bei weitem nicht das Schlimmste, was einem zustoßen kann. Das Schlimmste sind offenbar Steuern. »Genossen«, ersucht der Professor das Komitee, das die neue Mondverfassung entwirft, »ich bitte euch greift nicht auf Zwangsbesteuerung zurück. Es gibt keine schlimmere Tyrannei als jemanden für etwas bezahlen zu lassen, das er nicht will, nur weil ihr glaubt, es wäre gut für ihn.« (Heinlein, Moon, 302-303) Solche Überlegungen ergeben natürlich nur in einem liberalistischen Denkzusammenhang Sinn. Ein Sozialdemokrat könnte behaupten, dass man einem Menschen sehr viel schlimmere Dinge antun kann, als ihn zu besteuern. Man kann ihn (als direkte Unterdrückung) zum Beispiel foltern und hinrichten oder (im Sinne politischer Unterlassungsdelikte) zulassen, dass er verhungert, krank wird und keine Behandlung erhält oder ohne Unterstützung altert. Aber in Heinleins Universum werden die Schwachen von ihren Familien versorgt, und wer keine Familie hat für den ist es ehrlich gesagt besser, zu sterben. Auf der gleichen Grundlage ist die Unterdrückung durch eine Einzelperson (möglicherweise irgendein Bürger oder ein Mörder), durch eine Gruppe (eine kriminelle Bande) oder durch die Regierung (eine Tyrannei) am besten zu vermeiden, indem jeder bewaffnet wird. Auch hier gilt, dass diejenigen, die stark genug sind, sich selbst zu verteidigen, genau das tun werden, während diejenigen, die zu schwach dazu sind, letztlich tot besser dran sind. Mir persönlich erscheint es als vernünftiges, gutes Geschäft, Steuern zu zahlen und dafür Polizeischutz, Gesundheitsversorgung und Bildung zu erhalten. Aber eine solche Antwort auf den Text liest ihn als durchschaubares politisches Traktat, und das ist er nicht. Es handelt sich vielmehr um eine utopische Satire, und als solche ist Der Mond ist eine herbe Geliebte ein weit anspruchsvollerer Text, als die meisten Leser es ihm zugestehen. Der letztgenannte Punkt muss betont werden, denn die angebliche Plattheit Heinleins politischer Überlegungen war häufig Ziel der Kritik. Brian Aldiss erklärt: »Komplizierte Sachverhalte werden in krasser Einfachheit dargestellt. Hört nicht auf all die Experten mit ihren Jargons und Erklärungen, scheint Heinlein uns zu sagen, es ist ganz einfach und dann präsentiert er uns eine Karikatur, eine alte Volksweisheit« (Aldiss, 388). Unbestreitbar hat Heinlein einige Parameter seiner fiktiven Revolution vereinfacht. Am hervorstechendsten ist der Umstand, dass jeder Aspekt des Lebens auf dem Mond mit einem superschnellen, hochintelligenten Computer verbunden ist, der der revolutionären Sache freundlich gesinnt ist und den Sturz der Verwaltung und die Errichtung einer besseren Gesellschaft in einem Maße erleichtert, das die Glaubwürdigkeit arg strapaziert. Heinlein hat sein Buch so konstruiert, damit die Kämpfe und Schmerzen der Revolution nicht allzu lange andauern, und (was für die ideologische Konsistenz des Romans wichtiger ist), damit die Revolutionäre ihre Mitbürger nicht nötigen müssen, sich ihrer Sache anzuschließen. Das gelingt ihnen, weil »Mike«, oder »Adam Selene«, wie die Maschine während der Revolution genannt wird, so viele Verbindungen abkürzen kann. »Mike« ist in der Lage, die Revolution durch Computertricks und unauffällige Diebstähle zu finanzieren. Er kann koordinieren und organisieren, die Verwaltung ausspionieren, beraten und lenken, und zu keinem Zeitpunkt ist es möglich, dass die Macht, die er in den Händen hält, ihn korrumpiert. Im Sinne praktischer Politik ist er zu gut, um wahr zu sein. Heinleins soziales Porträt weist noch andere Vereinfachungen auf. Er postuliert ein Geschlechterungleichgewicht mit doppelt so vielen Männern wie Frauen in der lunaren Gesellschaft, was für eine Strafkolonie absolut plausibel ist. Aber aus dieser Grundannahme leitet er eine Gesellschaft ab, in der Frauen übertriebener Respekt gezollt wird: »Zwei Millionen Männer, und nur knapp eine Million Frauen; das Angebot entspricht also bei weitem nicht der Nachfrage. Daraus ergibt sich logischerweise, dass die Frauen den Ton angeben .. und jeder Mann ist von zwei Millionen anderen umgeben, die darauf achten, dass er tanzt, wie sie pfeifen.« (Heinlein, Mond, S. 158) Es erscheint vielleicht unglaubwürdig, dass eine solche Situation entsteht. Man könnte eher annehmen, dass (beispielsweise) Männer gewaltsam mit anderen Männern um die Frauen konkurrieren, und dass die gewalttätigsten von ihnen Harems ansammeln, in denen Frauen zwangsweise zum Objekt degradiert und »besessen« werden. Im Endeffekt behauptet Heinlein: »Wenn eine Ware rar ist, dann treten die Menschen in Wettbewerb, um diese Ware so gerecht wie möglich zu verteilen«, während die Erfahrung eher darauf hindeutet, dass, wenn eine Ware rar ist, die Reichen sie horten und die Armen ohne sie auskommen müssen. Vor allem aber ist Heinleins allgegenwärtige Vorstellung schwer zu schlucken, dass eine Gesellschaft, die auf der Vorrangigkeit der Familie und der Vernachlässigung konventioneller Gesetzgebung basiert, wie eine idealisierte amerikanische Kleinstadt aus den Fünfzigern aussehen würde und nicht eher wie die Mafia. Aber das einzuwenden hieße nur, den Streit zwischen der liberalistischen und der sozialdemokratischen ideologischen Perspektive aufzuwärmen. Wir können davon ausgehen, dass Heinlein an einer solchen Auseinandersetzung interessiert gewesen wäre, und einige seiner Bücher, wie zum Beispiel Expanded Universe aus dem 80ern, bringen dieses Interesse langatmig zum Ausdruck, indem sie immer und immer wieder die Perspektive der liberalistischen amerikanischen Rechten darstellen. Aber trotz seiner oberflächlichen Erscheinung interessiert Der Mond ist eine herbe Geliebte sich nicht wirklich für solcherlei Debatten. Das wird deutlich durch die Einfachheit und die offensichtlich idealisierte Natur der Darstellung von Politik in diesem Buch. Konzepte von »Freiheit« sind zentral für den Roman, aber »liberalistische politische Freiheit« ist vielleicht das unwichtigste der verschiedenen Echos dieses Begriffs. Die Menschen auf dem Mond sind tatsächlich sozial frei zu tun, was immer sie tun möchten vorausgesetzt, sie sind bereit, dafür zu zahlen - TANSTAAFL eben. Aber ihr Freiheit ist noch grundlegender. Insbesondere erfreuen sie sich zweier Freiheiten, die die Erdgebundenen nicht genießen, und zwar, trotz Heinleins Wiederholungen des TANSTAAFL-Mantras, im Prinzip kostenlos. Die eine ist die Freiheit vom Druck der Überbevölkerung, ein Druck, der während des Besuchs auf der Erde von OKellys knapper, an Artikeln armer Erzählerstimme lebhaft veranschaulicht wird:
Tatsächlich genießen die »Loonies« nur deshalb so viel freien Raum, weil die Bergwerkstechnologie das Graben neuer Tunnel zu einer billigen und einfachen Prozedur macht (man könnte sich fragen, warum diese Technologie nicht auch neuen Lebensraum unter der Erdoberfläche erschlossen hat, aber das geht vielleicht an der Sache vorbei). Der Bevölkerungsdruck und der Nahrungsbedarf begrenzen die Möglichkeiten der Erde, und die Freiheit von diesem Druck befreit den Mond. Die zweite »Freiheit« der Mondbewohner ist sogar noch grundlegender: Auf dem Mond wiegen Menschen nur ein Sechstel dessen, was sie auf der Erde wiegen. Heinleins Erzähler betont diesen Punkt immer wieder. Bei ihrem Besuch auf der Erde können die beiden Loonies ihre Rollstühle nicht verlassen, weil die drückende Schwerkraft sie so schwächt. Auf dem Mond sorgt die reduzierte Gravitation hingegen dafür, dass die Menschen länger ihr jugendliches Aussehen bewahren und sehr viel älter sterben, vielleicht sogar ewig leben. »Niemand weiß, wie alt Menschen auf Luna werden können«, erklärt OKelly. »Bisher ist noch niemand, der auf Luna geboren wurde, an Altersschwäche gestorben.« (Heinlein, Mond, S. 243). Menschen über 120 sind nichts Ungewöhnliches. Darüber hinaus erwischt die schwächere Gravitation die angreifenden Erdsoldaten im wahrsten Sinne des Wortes auf dem falschen Fuß und ermöglicht es der unbewaffneten Masse der Loonies, sie zu besiegen, als sie versuchen, über die Rampen in die Tunnel der Loonies zu gelangen. Anders ausgedrückt wird die Freiheit von Schwerkraft zum Artikulationsort einer Reihe von Faszinosien des späten Heinlein: Unsterblichkeit, wie in Das Leben des Lazarus Long ), Verteidigung gegen eine Invasion, wie in den verschiedenen militärisch orientierten Romanen. Ähnlich führt das Geschlechterungleichgewicht zu ungewöhnlichen polyandrischen und polygamen Heiratsarrangements, wie in Die Reise in die Zukunft und Fremder in einem fremden Land. Weil der Mond in diesem Roman mit solch materialer Genauigkeit dargestellt wird, übersieht man leicht, wie zentral diese thematischen Besessenheiten für die Geschichte sind. Der Mond ist eine herbe Geliebte ist ebenso sehr ein Gedankenexperiment wie eine Abenteuergeschichte, ein fiktiver Raum, in dem politische Themen untersucht werden. Aber die Vereinfachung der Parameter dieses Gedankenexperiments unterläuft seine angebliche politische Zielrichtung. Ein weiteres Beispiel dafür: Heinleins Loonies stammen von einer ganzen Bandbreite nationaler und ethnischer Hintergründe ab, und in ihrer Kultur findet sich ein starkes sowjetrussisches Element. Sie alle lesen die Lunaja Prawda, reden einander als »Genossen« an, und das ganze Buch wird in OKellys pseudorussischem Idiom erzählt, das weitgehend entleert von Artikeln wie »der« oder »ein« ist. Dennoch vergleichen sehr wenige von Heinleins Figuren ihre Rebellion mit der russischen Revolution von 1917. Stattdessen gibt es zahlreiche Vergleiche mit der amerikanischen Revolution von 1776. Die Verschwörer suchen nach einem modernen Äquivalent zur Bostoner Tea Party, um die Ereignisse zu beschleunigen, ihr Hauptgrund zur Unzufriedenheit besteht in den Steuern, sie rufen ihre Unabhängigkeit am 4. Juli aus, genau dreihundert Jahre nach 1776 und so weiter. Dennoch erzählt Heinlein nicht einfach die Geschichte der amerikanischen Unabhängigkeit neu. Er verlegt die politische Dynamik ins einundzwanzigste Jahrhundert, und indem er das tut, mischt er »amerikazentristische« politische Vorstellungen auf. In diesem Roman ist Amerika der Hauptaggressor. Die »Vereinten Nationen« (im Original »Federated Nations«.) haben die USA zwar als herrschende Weltmacht ersetzt, aber Amerika »ist der zäheste Teil der V.N. ... wenn wir die amerikanischen Städte treffen, müssen wir uns über den Rest nicht mehr den Kopf zerbrechen.« (Heinlein, Moon, S. 353) Unabhängigkeit und Freiheit für Luna ist kein Kode für »Unabhängigkeit und Freiheit für Amerika«, sondern für »Unabhängigkeit und Freiheit von Amerika«. Wieder einmal lenken uns die glatten, mechanischen Oberflächeneffekte in Heinleins Roman, seine erstklassige Kontrolle von Tempo, Erzählung, Beschreibung und Effekt, von der Realität des dritten Teils ab. Hier führt der Mond seinen Krieg gegen die Erde fort, und Felsgeschosse stürzen mit enormer Zerstörungskraft auf amerikanische Ziele nieder. Der Erzähler ist, wie wir uns erinnern, ein einarmiger Mann mit vielfältigem ethnischen Hintergrund ein Mann »von Farbe«, könnte man sagen, ein Mann, der Polygamie mit schwarzen und weißen Frauen betreibt (ein Umstand, der zu seiner Verhaftung führt, als er die in Sachen Hautfarbe empfindlichen USA besucht). Wenn eine solche Figur ein behinderter farbiger Mann mit ungewöhnlichen sexuellen Gelüsten den Knopf drückt, der die Zerstörung weiter Landstriche in Amerika auslöst, stellt das für die 60er ein wunderbar subversives Stück Belletristik dar. Der Genuss, mit dem Heinlein diesen Höhepunkt darstellt, ist dabei mindestens so bissig wie die Idee an sich. Man könnte noch weiter gehen und die zahlreichen Parallelen zwischen den »Loonies« und den Vietcong bemerken. Heinlein mag bei der berühmten, zweiseitigen Vietnam-Werbung im Magazin Galaxy für den Krieg unterschrieben haben, aber seine wohlwollend dargestellten, antiamerikanischen Loonies, von denen die meisten im Grunde genommen Bauern sind, die in komplexen Tunnelsystemen leben, die sich für angreifende Truppen als uneinnehmbar erweisen, haben viel mit den einheimischen vietnamesischen Truppen gemeinsam und wenig mit den amerikanischen Besatzern. Direkter gesagt: das ganze Szenario eines Kriegs zwischen der Erde (eine große, bevölkerungsreiche, technologisch fortgeschrittene Welt) und dem Mond (eine kleine, technologisch rückständige Bauernnation, die für ihre Unabhängigkeit kämpft) stellt einen treffenden Kommentar auf die internationalen Ereignisse um 1966 dar. So gesehen erscheint das Buch erstaunlich vorahnungsreich. Die Loonies zweifeln nicht eine Sekunde daran, dass die Erde, die in ungeheurem Maße reicher und besser ausgestattet ist, sie im Krieg besiegen kann vorausgesetzt, die Erdbewohner sind bereit, den Preis dafür zu zahlen. Aber die Mondbewohner berechnen, dass dieser Preis zu hoch für die Erde sein wird. Indem sie ihre Vorteile ihre Entfernung von der Erde, die den Krieg für diese extrem verteuert und primitive Waffen (sie werfen buchstäblich mit Steinen) einsetzen, bleiben sie siegreich. Der Mond ist eine herbe Geliebte funktioniert sehr viel eher als eine Fibel darüber, wie eine kleine Bauernnation eine große Nation von Technokraten militärisch besiegen kann, und sehr viel weniger als Buch über liberalistische Ideologie. Deutsche Erstveröffentlichung |
![]() |
![]() |
|
![]() |
|
Literatur
|
| ALIEN CONTACT 63 |