ALIEN CONTACT
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»Ich bin keine Missionarin«

Ein Gespräch mit Mary Doria Russell auf dem ElsterCon 2002

Science Fiction > Alien Contact
Interview
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Moderatorin: Ich begrüße Sie ganz herzlich zur Veranstaltung mit der amerikanischen Autorin Mary Doria Russell, die Ihnen durch ihre Romane Der Sperling aus dem Jahr 1996 und Gottes Kinder aus dem Jahr 1998 sicherlich ein Begriff ist. Sie sind herzlich eingeladen, Fragen zu stellen und ich hoffe, dass es eine interessante Diskussion wird. - Das Erste, was Frau Russell noch interessieren würde, ist: Wie viele von Ihnen sprechen denn Englisch?

[Ein großer Teil des Publikums hebt die Hand.]

Mary Doria Russell: Erstaunlich!

Moderatorin: Und wie viele kennen ihr Werk?

[Eine ganze Reihe von Fingern gegen hoch.]

Mary Doria Russell: Okay, sieht gut aus, das ist genug.

Moderatorin: Frau Russell, Sie sind nicht das erste Mal in Deutschland, oder?

Mary Doria Russell: Nein, dies ist mein dritter Besuch hier. Ich habe Neandertaler-Fossilien in Frankfurt und Jena untersucht, und vor zwei Jahren habe ich meine Familie und Freunde in Freiburg besucht - eine wunderschöne Stadt, wir sind dort eine Woche lang geblieben.

Moderatorin: Wie ist Der Sperling entstanden?

Mary Dorian Russell: Ich wollte dieses Buch gar nicht schreiben, es war ein Unfall. Ich war arbeitslos, und mein Sohn fing gerade an, ganztags zur Schule zu gehen. Ich beschloss, dass ich versuchen sollte, eine Kurzgeschichte zu schreiben. Und das kam dabei heraus!
   Es war sehr wichtig für mich, dass im Mittelpunkt jeder Geschichte, in der es um den ersten Kontakt mit vernunftbegabten Wesen geht, ein Sprachwissenschaftler steht, weil ich - anders als in den meisten Science-Fiction-Filmen - nicht erwarte, dass die Außerirdischen Englisch sprechen. Nicht einmal in meiner Nachbarschaft spricht jeder Englisch.
Es gibt eine Szene, in der zum ersten Mal Kontakt aufgenommen wird. Emilio Sandoz ist ein Priester der Jesuiten, die anderen Protagonisten sind nicht so wichtig, aber alle sehen zum ersten Mal die Eingeborenen dieses Planeten. Und dann gibt es da natürlich die Eingeborenen des Planeten selbst.
   Diese Passage sollte eine Vorstellung davon geben, wie ich die religiösen und wissenschaftlichen Elemente im Leben von Sandoz verbinde. Er ist ein hochbegabter und sehr gebildeter anthropologischer Sprachwissenschaftler, aber gleichzeitig ist dies für ihn auch eine religiöse Mission. Ich wollte zeigen, wie seine religiösen Gefühle seine Arbeit durchdringen, und beschreiben, wie ein Sprachwissenschaftler eine Sprache lernt, von der er noch kein einziges Wort kennt.
   Wenn es Fragen gibt, beantworte ich sie gerne. Ich würde mich über Fragen sogar freuen, dann hätte ich den Eindruck, es würde Sie interessieren.


Foto: Birgit Fischer

Aus dem Publikum: Wie lange dauert der gesamte Prozess, die gemeinsame Sprache zu finden?

Mary Doria Russell: Ich habe sieben Sprachen studiert. Das heißt nicht, dass ich sie gut spreche, aber ich habe sie gelernt. Darunter sind slawische und romanische Sprachen, aber ich wollte nicht, dass etwas davon in die Sprache der Außerirdischen einfließt. Also habe ich zwei Sprachen genommen, die nicht zum indoeuropäischen Stamm gehörten: einmal Ketschua, die Sprache der Indios aus dem Hochland von Peru, und Nepalesisch, die Sprache in Nepal.
   Ich habe Worte nachgeschlagen. Manchmal benutzte ich eine Sprache wörtlich - askama zum Beispiel ist Ketschua für Frage. Das fand ich passend für ein kleines Mädchen, das die ganze Zeit redet.
   Manchmal habe ich ein Wort genommen, das im Zusammenhang keine Bedeutung hat, einfach nur, weil es gut klingt. Im zweiten Buch gibt es beispielsweise eine Frau, die Joula heißt. Ich finde, das klingt sehr schön. Das ist Nepalesisch und heißt »Rucksack«.
Für die Grammatik habe ich auf meine Studien zurückgegriffen - als ich jung war, habe ich Anthropologie studiert.

Aus dem Publikum: Ich hatte das Buch einmal in einem Buchladen in der Hand, und auf dem deutschen Cover wurde versprochen, dass es den Jesuiten an die Grenzen seines Glaubens bringen würde. Ist es ein Buch über den christlichen Glauben, oder erwartet uns eine Auseinandersetzung mit einer fremden Welt und ihrer Gesellschaft?

Mary Doria Russell: Das ist eine gute Frage für die Diskussion heute Abend [in der es um Religion und Mythologie in der Science Fiction gehen sollte; Anm. d. Ü.]. Kurz gesagt: Ich selbst bin Jüdin, und damit habe ich einen anderen Blickwinkel auf den christlichen Glauben. Außerdem bin ich Anthropologin, und so betrachte ich Religion von noch einem anderen Standpunkt. Und dann gibt es noch den Blickwinkel der Fremden. Es gibt also viele Sichtweisen. Auf jeden Fall bin ich keine Missionarin, ich will niemanden bekehren.

Aus dem Publikum: Wie kommt man auf die Idee, einen Jesuiten-Priester als Hauptperson zu wählen? Das ist doch eher ungewöhnlich.

Mary Doria Russell: Ich habe 1992 angefangen, über die Kurzgeschichte nachzudenken, aus der dieses Buch entstanden ist. 1992 war die 500-Jahresfeier der Landung von Kolumbus in der Neuen Welt. Mir fiel auf, dass die Diskussionen zu diesem Jubiläum komplett anders verliefen als während meiner Jugend. Als ich klein war, war Kolumbus ein Held, ebenso die Missionare und die Siedler - alles Helden. Um 1992 herum verstanden wir allmählich, dass Kolumbus für die Einwohner der beiden Amerikas eine Katastrophe war. Die öffentliche Diskussion drehte sich nur noch um die bösen Europäer und was für schlechte Menschen sie doch waren - als wären sie in die Neue Welt gekommen, um absichtlich Böses zu tun.
   Ich fand das nicht fair. Zunächst einmal wollte Kolumbus eigentlich nach Indien. Ich war nicht der Meinung, dass Kolumbus in Spanien mit dem Ziel lossegelte: »Lass uns ein paar Kontinente finden, dann können wir die Indianer auslöschen, Auswanderer einladen und Autos bauen.« Das ist verrückt. Ich begann darüber nachzudenken, wie schwierig so ein Erstkontakt wäre. Als die Europäer die Indianer zum ersten Mal trafen, war das wie ein Erstkontakt. Sie gehörten der gleichen Rasse an, aber sie wussten absolut nichts voneinander.
Ich habe mir Jesuiten der heutigen Zeit vorgestellt, die diese Fehler wieder gutmachen könnten. Sie denken: »Wir wissen, wie gefährlich ein Erstkontakt sein kann. Dieses Mal werden wir es richtig machen!«
   Innerhalb der Katholischen Kirche haben die Jesuiten den Ruf, die am besten ausgebildeten, die intellektuellsten und die flexibelsten aller Priester zu sein. Als Anthropologin habe ich selbst mit Aufzeichnungen gearbeitet, die im 16. Jahrhundert von Jesuiten verfasst wurden. Sie waren sehr fair, sie beobachteten gut und sehr genau. Ich habe konkrete Studienobjekte mit ihren Aufzeichnungen von vor 300 Jahren verglichen und kann das also beurteilen.
   Ich wollte eine Geschichte über diese Art von Leuten schreiben - über die Besten, die die Menschheit aufzubieten hat: intelligente, gut ausgebildete, wohlmeinende Leute, die es dieses Mal richtig machen wollen. Ich habe sie in die gleiche Situation gebracht, mit der auch die früheren Entdecker und Missionare konfrontiert waren: grundlegende Ignoranz, vollständiger Mangel an Wissen darüber, auf wen sie treffen würden. Das ist eine von Natur aus tragische Situation. Selbst wenn beide Seiten wollen, dass ein erfolgreicher Kontakt zustande kommt - die Sprachprobleme allein würden dafür sorgen, dass Fehler gemacht würden.
   Das ist in etwa wie in einer griechischen Tragödie. Sie sind verdammt. Sie sind verdammt, Fehler zu machen. Sie machen nicht die gleichen Fehler wie in der Vergangenheit, aber sie machen andere Fehler.

Aus dem Publikum: Wie kommen Sie mit Ihrem neuen Bekanntheitsgrad zurecht? Hat sich in ihrem Leben seit ihrem Erfolg etwas geändert?

Mary Doria Russell: Ich kann mir einmal in der Woche eine Putzfrau leisten. [Gelächter im Publikum] Außerdem steht ich in meinem Adressbuch die Telefonnummer von Antonio Banderas. Ich habe sie niemals benutzt, aber ich kenne sie. Er wollte Emilio Sandoz spielen, aber das erste Drehbuch, das locker an meinen Titel (nicht mein Buch) angelehnt war, war so schlecht, dass sie beschlossen, keinen Film daraus zu machen. Inzwischen hat ein anderes Studio mit einem anderen Star ein anderes Drehbuch - also, wer weiß? ... Es macht Spaß.
   Aus dem Publikum: Wie stehen sie zu der Lösung, die Chad Oliver in seiner Erzählung »Geplantes Risiko« in einer vergleichbaren Handlung dargeboten hat? Falls Sie die Erzählung nicht kennen: Es geht darum, dass die Erde einem anderen Planeten helfen will, man schickt ganz bewusst eine Mannschaft hin, die zwar Hilfe bringt, aber gleichzeitig eine Katastrophe heraufbeschwört. Das führt zu heftigen Auseinandersetzungen mit den Einheimischen - und zwar nur, damit zu einem späteren Zeitpunkt wieder durchgesetzt werden kann, dass man den Planeten in Ruhe lässt.

Mary Doria Russell: Nein, ich denke, wir würden es wieder so machen. Sogar, wenn man schon im Vorfeld wüsste, dass umwälzende Veränderungen, Katastrophen, Tragödien passieren würden, wir würden es wieder tun. Wenn wir wüssten, das es ganz in der Nähe anderes Leben gibt, kann ich mir nicht vorstellen, dass wir nicht hingehen würden. Irgendjemand würde auf jeden Fall hingehen. Das ist es, was sich die Kirche bewusst gemacht hat: Irgendjemand wird gehen.
   Ich habe mit einem anthropologischen Sprachwissenschaftler gesprochen, der in Brasilien arbeitet, und habe ihn gefragt: »Was denken Sie über die christlichen Missionare, die die Stämme im Regenwald besuchen, ihnen Jesus näher bringen und damit ihre Kultur und alles verändern?« Er ist Atheist, aber er erklärte: »Es ist mir lieber, sie treffen zuerst auf Missionare und nicht auf auf Goldsucher. Die Missionare versuchen wenigstens zu helfen. Die Goldgräber brauchen Prostituierte und Arbeiter.«
   Natürlich verändern Missionare eine Kultur, aber jeder Kontakt verändert Kulturen. Dann finde ich es schon besser, wenn derjenige, der die Veränderung verursacht, dies wenigstens mit den besten Absichten tut.


Foto: Birgit Fischer

Moderatorin: Mary Doria Russell hat für ihr Werk sieben Auszeichnungen erhalten, unter anderem den Tiptree Award für die beste Darstellung der Geschlechterrollen, den Kurd Laßwitz Preis, der heute Abend wieder verliehen wird, und den Arthur C. Clarke Award, die größte Auszeichnung für Science Fiction in Großbritannien. Ich weiß auch, dass ein E-Mail-Kontakt mit Arthur C. Clarke zustande kam. Ist das nicht vielleicht die größte Auszeichnung?

Mary Dorian Russell: Das war das Größte. Ich habe eine E-Mail von Arthur C. Clarke bekommen. Ich habe sofort meinen Mann angerufen: »Rate mal, was ich bekommen habe?« Und ich habe an einer erstaunlichen Diskussion teilgenommen, mit Arthur C. Clarke, dem Astronomen des Papstes, einem Jesuiten und mir. Der Papst hat einen Astronomen, es gibt im Vatikan ein Observatorium. Wusste das jemand?
   Arthur C. Clarke hatte diesem Astronomen mein Buch gegeben, weil er Jesuit war, und er wollte wissen, was er darüber denkt. Arthur C. Clarke hat viele Freunde, die Jesuiten sind, und er hat mir später erzählt, dass seine erste Satellitenschüssel von einem Jesuiten installiert wurde.
   Der Astronom meinte, ihm würde das Buch gut gefallen, und es beschreibe das Leben der Jesuiten sehr genau. Allerdings würde er es eigentlich nicht für Science Fiction halten. Ich habe ihn gefragt, warum nicht? Es gibt eine Rakete, die Leute fliegen zu einem anderen Planeten und treffen fremde Wesen. Was kann es anderes sein?
Er sagte: »Ich bin Astronom.« Und Wissenschaft (also »Science«) ist Mathematik, Physik und Astronomie, nichts anderes. Ich habe ihm zurückgeschrieben: »Zunächst einmal: Der Arthur C. Clarke Award wird nicht an Kriminalromane verliehen. Außerdem habe ich einen Doktor in biologischer Anthropologie. Ich nenne mich Wissenschaftlerin, ohne mit der Wimper zu zucken. Und die Wissenschaft in meinem Buch ist Anthropologie, Linguistik, Ökonomie, Soziologie, Ökologie, Ethnologie.« Also hat Arthur C. Clarke bei George nachgefragt: »Was sagst du nun dazu?« Und George antwortet: »Ich muss wohl meine Einstellung ändern.«
   Der schönste Austausch, den ich mit Arthur C. Clarke hatte, ging so: »Dein Buch gefällt mir gut, deine Raumschiffe dagegen weniger. Du weißt natürlich, dass wir niemals in der Lage sein werden, so schnell zu fliegen.« Darauf ich: »Ich mag deine Bücher auch sehr gerne - aber du weißt doch, dass wir niemals Menschen in Stasis werden versetzen können. Als Biologin lüge ich, wenn es um Physik geht. Du bist Physiker, also lügst du über die Biologie. Wir beide sind Lügner.«
   Dann habe ich folgende E-Mail erhalten: »Doria: 1, Clarke: 0.«

Moderatorin: Ich denke, aufgrund der fortgeschrittenen Zeit werden wir das Gespräch jetzt beenden. Es sind zwei wunderschöne Romane, ich kann sie wirklich empfehlen. Ich danke auch Hannes Riffel für die Übersetzung, es war unwahrscheinlich schwierig.

Mary Doria Russell: Und vielen Dank an die Organisatoren und Besucher des Cons, die es mir ermöglicht haben, nach Deutschland zu kommen und euch kennen zu lernen. Ihr seid wirklich ausgesprochen gastfreundlich.

• Das Gespräch fand am 21.9.2002 während des ElsterCon 2002 in Leipzig statt.
Moderation: Alexandra Lembert • Live-Übersetzung: Hannes Riffel
Transkription und Übersetzung: Anita Winkler © 2002
Mit herzlichen Dank an den Freundeskreis Science Fiction Leipzig


Foto: Siegfried Breuer
 
 
 
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Siehe auch
Mary Doria Russell: Sperling (The Sparrow • 1996) Kapitel 21 [Romanauszug]
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