RAKHAT:
ZWEITER MONAT, KONTAKT Nunmehr sieben an der Zahl, von Alan Paces Tod
mehr als ernüchtert, riß sich die Jesuitengruppe zusammen und machte sich bereit, den
Garten Eden zu verlassen, in dem sie fast einen Monat verbracht hatte.
Als Yarbrough am Nachmittag nach der Beerdigung, als ihm noch die
letzten Töne des Jesuiten-Chorals Take and Receive im Ohr nachklangen, Bilanz
zog, wog er sorgfältig das Für und Wider einer Rückkehr zur Stella Maris ab,
bevor sie sich auf die Suche nach den Sängern machten. Der Treibstoff für den Lander war
begrenzt. Auf Grund der Menge, die sie bei ihrer ersten Landung verbraucht hatten,
schätzte er, daß die Lander-Tanks etwa 103 bis 105 Prozent dessen enthielten, was für
einen Hin- und Rückflug zum Mutterschiff erforderlich war, und dabei hatten sie, wenn er
es recht bedachte, verdammt viel Glück gehabt, fand er, während er zum Himmel
aufblickte. An Bord des Asteroiden war noch genügend Treibstoff für fünf Hin- und
Rückflüge gebunkert. Vielleicht sogar sechs, aber das würde dann doch ziemlich knapp
werden. Sagen wir also fünf, dachte er. Mit einer Reserve für den Abflug waren es dann
vier Flüge über einen Zeitraum von vier Jahren verteilt, um Vorräte und Handelswaren zu
transportieren, bei einem sehr kleinen Überschuß für Notfälle.
Vorerst einmal hatten sie noch keine Ahnung, was für den Handel zu
gebrauchen war, aber sie hatten eine Vorstellung davon, wie schnell sie ihre
Lebensmittelvorräte verbrauchten. Immer häufiger durch einheimische Lebensmittel und
Wasser ersetzt, hatten ihre Vorräte länger gehalten, als ursprünglich geschätzt. Nur
Anne und Emilio ernährten sich noch nach der Kontrolldiät aus Dingen, die sie von der
Erde mitgebracht hatten, und keiner von beiden war ein großer Esser. Außerdem hatten sie
jetzt einen Mann weniger zu füttern. Daher gab es reichlich genug für eine weitere
Woche, aber D.W. entschied, daß ihnen wohler zumute wäre, wenn sie ein richtiges
Lebensmitteldepot angelegt hatten, mit Vorräten für mindestens zwölf Monate. Also hatte
er alle Mann an die Arbeit gesetzt, um Listen der Dinge aufzustellen, die ursprünglich
nicht zur Fracht gehört hatten.
D.W.s eigene Liste enthielt auch ein Gewehr, das er herunterbringen
wollte, ohne ein Wort davon zu erwähnen, weil er nicht wollte, daß eine Riesendiskussion
darüber entstand. Und weitere Seile. Außerdem wäre er zwar fast lieber gestorben, als
es zuzugeben, aber er wollte noch mehr Kaffee herunterholen. Das Klima hatte sich als
einigermaßen angenehm erwiesen, obwohl die Gewitter buchstäblich haarsträubend sein
konnten, und obwohl es, wenn die drei Sonnen gleichzeitig schienen, zu heiß auch für die
kleinste Bewegung war. Sie brauchten leichtere Kleidung und mehr Sonnenschutz.
Vor allem aber wollte er den Ultra-Leight-Flieger. Genau wie alle
Geräte, die sie mitgebracht hatten, funktionierte er mit Sonnenenergie - ein winziges
Zweipersonen-Flugzeug, dessen Flügel mit einer photoelektrischen Polymerschicht
überzogen waren, die einen 15-PS-Elektromotor antreiben konnte. Richtig niedlich und ein
herrlicher Spaß zum Fliegen. Beim ersten Ausflug hier herunter war nicht genug Platz
dafür gewesen, nicht mit allen Passagieren an Bord. Jetzt aber konnten sie den kleinen
Flieger gut gebrauchen, um das Terrain zu erkunden. Marcs Karten waren zwar gut, aber D.W.
wollte vorausfliegen und mit eigenen Augen sehen, was sie erwartete, bevor sich die Gruppe
am Boden auf den Weg machte.
Er schob sich sein Notebook unter den Arm und ging über die Lichtung zu
Anne Edwards hinüber, die ihn bereits kommen sah. Sie saß mit dem Rücken an einen
Baumstamm gelehnt, hatte die Knie als Stütze für ihr Notebook, das mit der
Bibliothek der Stella Maris on-line war, hochgezogen und kontrollierte ihre
eigenen Notizen.
»Möglicherweise war es Endocarditis«, sagte sie leise, als er nahe
genug gekommen war, um es zu hören. »Bakterielle Infektion der Herzklappen. Es gibt da
eine neue Form, von der ich kurz vor unserem Abflug gehört habe. Die bringt auch einen
Gesunden ziemlich schnell ums Leben und ist bei einer Autopsie besonders schwer zu finden,
sogar zu Hause.«
Er knurrte etwas und hockte sich neben sie. »Wo hätte er denn die
Bakterien erwischen können?«
»Fragen Sie mich was Besseres, D.W.«, antwortete Anne und wedelte mit
der Hand vor ihrem Gesicht, um einen Schwarm mückenähnlicher Insekten abzuwehren, die
sie Little Buggers nannten. »Vielleicht hat er sie mitgebracht, bis irgend etwas sein
Immunsystem so schwer schädigte, daß sie seine Abwehrkräfte besiegten. Ultraviolette
Strahlung kann das Immunsystem unterdrücken, und wir bekommen hier unten tatsächlich
eine gehörige Dosis UV-Strahlen.«
»Aber Sie sind nicht ganz sicher, ob es das wirklich war, dieses wie
hieß das noch? Diese Endo-Sache.« Er hob ein Stöckchen auf und spielte damit, zog es
durch seine Hände und bog es nach und nach zu einem Reifen.
»Nein. Das ist nur die beste Erklärung, die ich im Augenblick finden
kann.« Sie schloß ihr Notebook. »Schwer zu glauben, daß er erst gestern gestorben ist.
Tut mir leid, wegen gestern abend.«
»Mir auch.« D.W. musterte sie mit einem Auge; dann wandte er den Blick
ab und richtete ihn auf den Wald. Er warf das Stöckchen beiseite. »War keine gute Idee,
auf eine Lady loszugehen, die einen ziemlich schweren Tag hinter sich hatte.«
Sie reichte ihm die Hand. »Frieden?«
»Frieden«, bekräftigte er, ergriff ihre Hand und hielt sie einen
Moment fest. Dann ließ er sie los und erhob sich, über den Protest seiner Knie
stöhnend, vom Boden. »Wenn ich Ihnen erzähle, was wir nach meinem persönlichen
Beschluß als nächsten tun, werden Sie vielleicht doch nicht mehr meine Freundin sein
wollen.« Mit mißtrauisch zusammengekniffenen Augen blickte Anne zu ihm auf. »Ich werde
zur Stella Maris zurückkehren und will, daß George mein Copilot ist.«
»Du liebe Zeit«, sagte sie. Ein blaugrüner Schneller Eddie huschte an
ihren Füßen vorbei und schoß in die Laubberge in der Nähe. Im Wald konnten sie die
Dominikaner heulen hören.
»Er war im Simulator der Beste, Anne, und ich möchte ihn mit dem
richtigen Flieger trainieren. Außerdem kann er, während ich die Vorräte einlade, die
Lebenserhaltungssysteme überprüfen. Und außerdem hat er kaum Probleme mit der
Luftkrankheit gehabt, deswegen stehen die Chancen, daß er auch diesmal nicht krank werden
wird, ziemlich gut. Ich wußte, daß Sie entsetzt sein würden, aber so geht es nun mal im
richtigen Leben.«
»Ihm wird es sicher großen Spaß machen«, sagte Anne bedauernd. »O
Mann, wie ich diese Vorstellung hasse!«
»Ich bitte Sie nicht um Erlaubnis, Miz Edwards«, sagte er, doch seine
Stimme klang sehr sanft. Dabei grinste er ein wenig schief. »Ich dachte nur, ich sollte
es Ihnen sagen, damit Sie heimlich über mich schimpfen können.«
»Betrachten Sie sich als ausgeschimpft«, sagte sie, aber sie lachte,
obwohl sie erschauerte. »Na schön. Es wäre nicht das erstemal, daß ich dasitze und
darauf warte, daß George in die Luft fliegt. Oder irgendwie zerrissen wird. Oder
plattgewalzt auf dem Pflaster liegt. Oder zerquetscht wird wie ne Fliege. All diese
Scheiße, die dieser Mann aus reinem Vergnügen macht!« Bei der Erinnerung an
Wildwasserfahrten, Bergsteigen und Querfeldeinradrennen schüttelte sie den Kopf.
»Kennen Sie den Witz von dem Kerl, der vom Empire State Building
gesprungen ist?« fragte D.W.
»Ja. Den ganzen Weg nach unten konnte man hören, wie er sagte:
So weit, so gut. So weit, so gut. So weit, so gut. Das ist Georges Leben in
einer Nußschale.«
»Es wird schon gutgehen, Anne. Es ist eine gute Maschine, und er hat
eine Begabung für die Fliegerei. Bevor wir starten, werde ich ihn noch mal in den
Simulator stecken.« D.W. kratzte sich die Wange und blickte lächelnd auf sie hinab.
»Ich selber habs auch nicht besonders eilig, ne Bruchlandung hinzulegen und
dann zu verbrennen. Dann erkennt mich nämlich keiner als Märtyrer an. Wir werden
vorsichtig sein.«
»Sprechen Sie für sich selbst, D.W. Sie kennen George Edwards nicht so
gut wie ich«, warnte Anne.
*
Letzlich verlief der Flug fast ohne Probleme, und George legte eine perfekte Landung
hin, während Anne, die zu große Angst hatte, um dabei zuzusehen, sich die Augen zuhielt
und sich hinter Emilio und Jimmy versteckte. Als sie schließlich doch hinter den beiden
Männern und zwischen ihren Fingern hindurchspähte, war George bereits laut rufend und
jubelnd, aus dem Lander gestiegen, kam auf sie zugelaufen, hob sie vom Boden hoch, um sie
im Kreis zu schwingen und redete wie ein Wasserfall davon, wie großartig es gewesen war.
Sofia, die George zulächelte, als sie an ihr vorüberkamen, ging D.W.
bei der üblichen Inspektion nach jedem Flug zu helfen. »Sie sehen ein bißchen
bläßlich aus«, stellte sie leise fest, während sie am Backbordflügel entlangging.
»Er hat es gut gemacht«, murmelte D.W. »Für einen verdammten,
dämlichen Scheißkerl mit mehr Courage als Verstand.«
»Etwas mehr Aufregung beim Flug als vorgesehen«, riet Sofia ironisch
und lächelte nur mit den Augen, als D.W. sich, etwas vor sich hinmurmelnd, unter das
Leitwerk duckte, wo er sich mit den Steuerbordsystemen befaßte, bis sich sein Herzschlag
wieder normalisiert hatte.
Anne, immer noch zitternd, kam herüber und beglückwünschte Sofia
nachdrücklich zu der offensichtlich erfolgreichen Wirkung des Flugsimulators. »Ich bin
versucht, zu sagen, Gott sei Dank«, sagte sie leise, als sie die Jüngere umarmte. »Aber
vielen Dank Ihnen, Sofia.«
Sofia war erfreut, über ihre anerkennenden Worte. »Wie ich zugeben
muß, bin auch ich erleichtert darüber, daß die beiden heil und ganz zurückgekehrt
sind.«
»Auch daß wir das Flugzeug zurückhaben, ist erfreulich, mes amis«,
sagte Marc unsentimental, während er mit Jimmy eine Packkiste aus der Ladeluke zerrte.
Und alle, die am Boden gewartet hatten, gaben ihm im Stillen recht. Es gab schließlich
nur eine Möglichkeit, diesen Planeten zu verlassen, und das war ihnen allen bekannt.
*
George, ganz und gar hingerissen vom Fliegen, wollte nunmehr unbedingt auch den
Ultra-Leight ausprobieren, mußte sich aber damit begnügen, die transparente
Miniatur-Maschine am folgenden Tag zusammenzubauen. D.W. hatte inzwischen bereits
beschlossen, daß Marc ihn auf dem ersten Flug begleiten sollte, damit sich der
Naturwissenschaftler ein Bild davon machen konnte, wie weit die Weltraumbilder mit den
tatsächlichen Gegebenheiten von Terrain und Vegetation übereinstimmten.
Während George und D.W. unterwegs waren, hatte die Bodenmannschaft ihre
Zeit damit verbracht, eine Rollbahn für den Ultra-Leight zu präparieren, der eine
Vierzigmeterstrecke brauchte. Zwei Stümpfe mußten noch ganz herausgelöst werden, und
dann mußten sie auf die richtige Menge Regen warten, damit die lockere Erde sich gut
setzte, ohne sich in einen Sumpf zu verwandeln; daher verging fast eine Woche, bevor D.W.
und Marc zu ihrem Flug ein tiefes Flußtal entlang starten konnten, das durch eine
kleinere Bergkette nordöstlich ihrer Position auf der Lichtung verlief.
Trotz zwei geräuschvoller Expeditionen auf der Lichtung und einer über
die Lichtung hinaus, gab es keinerlei Hinweise darauf, daß irgend jemand von ihrer
Existenz wußte, und das war gut. Sie hatten ihre Flugrouten so gewählt, daß die Chance,
über bewohnte Regionen hinwegzufliegen, nur minimal war, und ein einheimisches Flugwesen
war offensichtlich noch nicht entwickelt worden. Als sie noch auf der Stella Maris
waren, hatte George die AM-Funkfrequenzen erkundet, die von den Sängern benutzt wurden,
und der Jesuitengruppe empfohlen, für ihren Funkverkehr mit den Schiffssystemen und, wenn
sie nicht zusammen waren, miteinander UHF und eine praktisch unentdeckbare
Breitband-Verschlüsselung zu benutzen, um so eine vorzeitige Entdeckung zu vermeiden.
Dennoch waren D.W. und Marc während des letzten Teils ihres Aufklärungsfluges gezwungen,
Funkstille zu bewahren, denn sie waren nicht vollständig von den Satelliten gedeckt, die
sie zur Übertragung der Signale benutzten, und außerdem fiel eine Blackout-Periode mit
der Zeit zusammen, zu der die Rollbahn benutzbar war.
Nach fünfzehn Stunden, von denen sie während der letzten fünf incomunicado
waren, brach Jimmy die Stille mit einem Ruf. Dann hörten sie alle den Motor des
Ultra-Leight-Fliegers und sprangen auf, um den Himmel nach der kleinen Maschine
abzusuchen. »Da!« rief Sofia, und sie beobachteten, wie D.W. kreiste und schließlich zu
einer holprigen Landung ansetzte.
Marc grinste breit, als er aus seinem Sitz kletterte. »Wir haben ein
Dorf gefunden! Vielleicht sechs, sieben Tagesmärsche von hier, wenn wir im Flußtal
entlanggehen«, berichtete er. »In die Flanke einiger Klippen hineingebaut, etwa dreißig
Meter über dem Fluß. Fast hätten wirs übersehen. Äußerst interessante
Architektur. Fast wie die Anasazi-Cliffdweller, aber alles andere als geometrisch.«
»O Marc!« stöhnte Anne. »Wer will schon was von Arthitektur
hören?«
»Habt ihr irgendwelche Sänger gefunden? Wie sehen sie aus?« wollte
George wissen.
»Wir haben überhaupt niemanden gesehen«, erklärte D.W., der
ebenfalls ausstieg und sich reckte. »Verdammter Mist. Das Dorf sah nicht aus, als wäre
es verlassen. Nicht wie eine Geisterstadt. Aber wir haben nirgends ein Zeichen von Leben
gesehen.«
»Es war wirklich merkwürdig«, bestätigte Marc. »Wir sind am anderen
Flußufer gelandet und haben das Dorf lange beobachtet, aber wir haben niemanden
gesehen.«
»Und was tun wir jetzt?« erkundigte sich Jimmy. »Suchen wir ein
anderes Dorf, wo es ein paar Leute gibt?«
»Nein«, entschied Emilio, »wir sollten in das Dorf gehen, das Marc
und D.W. heute gefunden haben.«
Als alle sich umwandten und ihn verständnislos anstarrten, merkte
Emilio, daß niemand von ihm eine Meinung zu diesem Problem erwartet hatte. Er konnte
nicht aufhören, sich mit den Händen durch die Haare zu fahren, aber er richtete sich auf
und sprach mit mehr Selbstsicherheit im Ton als sonst einfach weiter. »Wir sind jetzt
einige Zeit hier gewesen, völlig abgeschlossen. Damit wir uns, wie gehofft, an diesen
Planeten gewöhnen, nicht wahr? Und nun haben wir Gelegenheit, dieses Dorf gründlich zu
erforschen, ebenfalls einigermaßen ungestört. Mir scheint, daß sich die Dinge Schritt
um Schritt entwickeln. Als nächstes werden wir dann vielleicht doch noch jemandem
begegnen, den zu finden wir bestimmt sind.«
»Ist dieses Dorf«, fragte Marc Robichaux, das Schweigen brechend, D.W.
mit glänzenden Augen, »nach Ihrer Meinung eine Schildkröte auf einem Zaunpfahl?«
D.W. schnaufte verächtlich, lachte kurz auf, rieb sich den Nacken und
starrte einen Augenblick zu Boden, während er es aus tiefstem Herzen bereute, jemals
diese Schildkröten erwähnt zu haben. Dann sah er sich nach den Zivilisten um. George und
Jimmy waren eindeutig bereit, die Backpacks zu schultern und loszumarschieren. Er
schüttelte den Kopf und appellierte wortlos an Anne und Sofia, weil er hoffte, eine der
beiden Frauen könne etwas Logisches oder Praktisches beisteuern. Aber Anne zuckte, die
Handflächen nach oben, nur die Achseln, und Sofia fragte einfach: »Warum marschieren,
wenn wir auch fliegen können? Ich finde, wir sollten den Ultra-Leight für den Transport
benutzen. Keine Treibstoffprobleme. Wir könnten sowohl das Personal als auch die
Ausrüstung mit mehreren Flügen hinüberschaffen.«
D.W. warf hilflos die Arme hoch, blickte resigniert zum Himmel empor und
wanderte, Hände in die Hüften gestemmt, im Kreis, während er erbost vor sich
hinmurmelte, diese ganze verdammte Sache mache ihm immer noch eine Scheißangst.
Schließlich kam er dann doch zur Ruhe und sah Emilio Sandoz an, den er, vom Jungen zum
Mann, inzwischen seit nahezu dreißig Jahren kannte. Dessen verwunderliche, schüchtern
geflüsterte Beichten er noch jetzt in den Ohren hatte, während er die eigenen Tränen
zurückzudrängen suchte. Einen Moment war D.W. von dem Gefühl überwältigt, daß er
mitangesehen hatte, wie diese Seele Wurzeln schlug, wuchs und erblühte, wie er es niemals
für möglich gehalten, wie er es kaum zu hoffen gewagt hätte und wie er es kaum
begreifen konnte. Ein Mystiker! dachte er verblüfft. Ich habs mit einem
puertoricanischen Mystiker zu tun.
Die anderen warteten auf seine Entscheidung. »Gewiß«, sagte D.W.
schließlich. »Okay. Von mir aus. Warum nicht? Es gibt da eine ebene Stelle, auf der ich
landen kann, ohne gesehen zu werden - ein paar Meilen südlich des Dorfs am selben
Flußufer. Die schwersten Ausrüstungsgegenstände werden wir mit Mendes hier zusammen
transportieren, weil sie so gut wie gar nichts wiegt. Quinn kann auf seinem Flug dann die
verdammten Zahnbürsten mitnehmen.«
Es gab Jubelrufe und Victory-Zeichen, eine Aufbruchs-Atmosphäre
breitete sich aus, und alle begannen auf einmal zu reden. Inmitten all dieses Wirbels
stand Emilio Sandoz so stumm da, als lausche er, aber er hörte nichts von den
Diskussionen über Pläne und Prozedere, die rings um ihn herum enstanden. Als er von dort
zurückkam, wo er sich aufgehalten hatte, war es Sofia Mendes, die er in einiger
Entfernung sah, genauso distanziert von den anderen wie er, wie sie ihn mit wacher,
suchender Aufmerksamkeit beobachtete. Ohne jede Verlegenheit begegnete er ihrem Blick.
Dann war der Moment vorübergegangen.
*
Einer nach dem anderen wurden sie über den Wald hinweg und am Flußlauf entlang zu
einem trockeneren Gelände im Windschatten der Berge und zum Landeplatz getragen, den D.W.
entdeckt hatte. Mit sich nahmen sie Camping- und Funkgeräte sowie Lebensmittel für zwei
Monate, während der Großteil ihrer Fracht im Lander blieb, den D.W. sicherte und tarnte.
Das Letzte, was ein jeder von ihnen sah, als sie beim Abflug hinunterblickten, war Alan
Paces Grab. Niemand machte eine Bemerkung über die Blumen oder bekannte sich dazu, sie
dort niedergelegt zu haben.
Östlich der Berge wirkte alles viel kleiner und weniger farbenfroh, als
zuvor im Wald. Die Blau-, Grün- und Lavendeltöne schienen matter und verstaubter, die
Tierspezies mehr auf die Sicherheit von Unauffälligkeit und Verstecken angewiesen zu
sein. Es gab zwar baumähnliche Pflanzen, die aber, anders als die graziösen Laubdächer
des Waldes, weit auseinanderstanden und eine Vielzahl von Stämmen und ein
undurchdringliches Gewirr von Ästen aufwiesen. An jenem Abend fand George zwischen dem
zweiten und dritten Sonnenuntergang einen Platz in den Felsen, wo er den
auseinandergenommenen Ultra-Leight verstecken konnte, während die anderen das neue
Lebensmitteldepot sicherten. Bei der Arbeit erschraken sie immer wieder über kleine
grau-blaue Tiere, nahezu unsichtbar, bis man in ihre Nähe kam, die Anne wegen der Art,
wie sie, fast einen Herzanfall auslösend, in einer Wolke explodierten und vom Erdboden
aufstoben, Coronarien nannte. Ihre Stimmen klangen laut, obwohl sie gedämpft sprachen. In
jener Nacht schlugen sie ihre Zelte, ohne sich zu verabreden, dicht nebeneinander auf. Zum
erstenmal seit ihrer Landung fühlten sie sich sowohl fremd und nicht zugehörig als auch
ein wenig verängstigt, als sie in ihre Schlafsäcke krochen und ein bißchen zu schlafen
versuchten.
Am folgenden Morgen führt Marc sie vorsichtig das Flußtal entlang zu
einem sicheren Platz, von dem aus sie das Dorf einsehen konnten, obwohl nicht einer von
ihnen auszumachen vermochte, auf was er da zeigte. Es war ein Wunder, um nicht zu sagen
ein Mirakel, daß er es überhaupt entdeckt hatte, als er im Ultra-Leight darüber
hinweggeschwebt war. Absichtlich so angelegt, daß es mit der Umgebung verschmolz, fügten
sich Mauern und Terrassen nahtlos in das vom Fluß ausgemahlene Schichtgestein der
Klippenflanke. Dachlinien wiesen plötzliche Unterbrüche auf und wechselten Höhe wie
Material, um Absenkungen und Verschiebungen im Fels nachzuahmen. Die Öffnungen waren
weder rechteckig noch einförmig, sondern variierten im Einklang mit den schattigen
Überhängen dort, wo der natürlich gewachsene Fels gesplittert und in den Fluß gefallen
war.
Selbst aus der Entfernung konnten sie zahlreiche Räume erkennen, welche
direkt auf die Terrassen über dem Fluß hinausgingen. Es gab riesige, weitmaschig
geflochtene Sonnendächer aus Schilf, die, inmitten der Ranken und des Blattwerks kaum
auszumachen, mittäglichen Schutz gewährten. Diese relativ leichten Konstruktionen
unterstützten D.W. Eindruck, das Dorf sie noch vor kurzem bewohnt gewesen, denn ohne
Instandhaltung hätten sie den zahlreichen Gewittern bestimmt nicht widerstanden.
»Eine Seuche?« fragte Jimmy Anne leise. Es gab immer noch kein Zeichen
von den Dorfbewohnern, und der Anblick dieser leeren Wohnstätten war eindeutig
unheimlich.
»Nein, ich glaube nicht«, antwortete sie ruhig. »Dann würde es
Leichen geben, die herumliegen, oder Trauernde, oder so ähnlich. Aber vielleicht läuft
gerade ein Krieg, und sie wurden alle evakuiert.«
Eine Weile spähten sie noch hinüber, rätselten über das Dorf,
studierten es, versuchten die Zahl der Bewohner zu schätzen und zogen hinsichtlich der
vermißten Bewohner grimmig geflüsterte Schlüsse.
»Na schön, na schön, gehen wir rüber und sehen wir uns das Ganze
näher an«, sagte D.W. schließlich.
Ein ganzes Stück über dem Dorf, wo sie den Fluß und die Ebene sehen
konnten, die sich östlich der Klippen sanft talwärts neigte, legten sich D.W. George und
Jimmy, mit Funk-Transceivern bewaffnet, als Ausguckposten auf die lauer. Dann ließ er die
anderen von Marc die Klippenwand bis zu einem Punkt emporführen, wo sie einen
vorsichtigen Rundgang durch die Wohnstätten begannen, die sie von den Terrassen aus
betreten konnten, ohne etwas zu beschädigen.
»Ich komme mir vor wie Goldilocks«, flüsterte Anne, die verstohlen in
Räume hineinspähte, durch Korridore schlich und sich auf den äußeren Felsbändern
vorwärtstastete.
»Ich hatte gehofft, irgendwelche Artefakte zu finden, aus denen wir
schließen könnten, wie sie aussehen«, gestand Marc. Aber die Wände waren kahl, das
Gestein weder verputzt noch bemalt. Es gab keinerlei Skulpturen. Es gab überhaupt keine
repräsentative Kunst. Überall herrschte Armut an Einrichtungsgegenständen, aber die
Handwerkskunst war überall präsent. Riesige Polster waren wunderschön gewebt,
Höhlungen waren leuchtendfarbig verhängt; in anderen Räumen gab es niedrige Plattformen
aus einem körnigen Material wie Holz, die möglicherweise Tische waren. Oder auch Bänke.
Die Tischlerarbeit war exquisit.
Die Bewohner schienen nicht überstürzt aufgebrochen zu sein. Es gab
Räume oder Teile von Räumen, die zur Zubereitung von Speisen benutzt wurden, doch
nirgends waren Reste von Lebensmitteln zurückgelassen worden. Sie fanden geschlossene
Behälter, die möglicherweise Vorräte enthielten, öffneten sie aber nicht, weil sie
nicht an den Siegeln herumfingern wollten. Auf hohen Felsvorsprüngen waren Töpfe,
Schüsseln und Platten, Keramitkbehälter jeglicher Art gestapelt, hoch oben hingen von
Haltern in Balken Bestecke herab.
»Offenbar haben sie also Hände«, sagte Anne angesichts der
Messergriffe. »Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie man diese Dinger hält, aber
irgendwie müssen Finger im Spiel sein.«
»Vermutlich reichen sie eher an Jimmys Größe heran, als an die
Ihre«, sagte Sofia zu Anne. Fast der gesamte Stauraum befand sich hoch über ihrer
Reichweite. Das war zu Hause zwar genauso, hier aber ging es ins Extrem. Sie fand es
seltsam, daß alles entweder sehr niedrig oder sehr hoch war.
Bei diesem ersten Besuch vermochten sie kein Schema in der Anlage der
Zimmer zu entdecken. Die Räume variierten in Größe und Form und folgten häufig
natürlichen Vertiefungen im Felsen, die offensichtlich behutsam vergrößert worden
waren. In einem sehr großen Raum entdecken sie eine umfangreiche Kollektion riesiger
Körbe. In einem kleineren wunderschöne, mit Reibungsstöpseln verschlossene
Glasbehälter, die mit Flüssigkeiten gefüllt waren. In dieser unheimlichen Stille gingen
sie noch eine Zeitlang weiter, während sie jederzeit darauf gefaßt waren, irgendwem, wer
immer es auch sein mochte, von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen. Gerade, als sie
hinausgehen wollten, wurde die Stille plötzlich von Georges Stimme unterbrochen, die
blechern aus dem winzigen Lautsprecher des Funkgeräts kam.
»D.W.?«
Anne wäre beim Klang der Worte ihres eigenen Mannes fast aus der Haut
gefahren, und alle brachen in ein nervöses Lachen aus, das D.W. mit einem eisigen
Rundumblick unvermittelt zum Schweigen brachte.
»Ja, hier.«
»Ratet mal, wer zum Dinner kommt.«
»Wie weit entfernt? Und wie viele sind es?«
»Ich kann nur die ersten von ihnen erkennen. Sie kommen um einen Hügel
ungefähr fünf Meilen nordöstlich von hier herum.« Es folgte eine kurze Pause. »WOW!
Das ist eine ganze Bande! Sie marschieren. Große und Kleine. Sieht aus wie Familien. Sie
tragen etwas. Körbe, glaube ich.« Wieder eine kleine Pause. »Was sollen wir tun?«
Hastig ließ D.W. ihre Möglichkeiten Revue passieren und wollte gerade
etwas sagen, als Emilio über die nächstliegende Terrasse hinausging und draußen kurz
stehenblieb, um unerklärlicherweise ein paar kleine Blüten von den Ranken zu pflücken,
an denen er vorbeikam, bevor er sich auf den Weg zu Goerges Außenposten machte. Offenen
Mundes sah D.W. zu, wie Emilio hinausging und starrte Anne, Marc und Sofia an. Dann sagte
er ins Funkgerät: »Wir sind schon unterwegs. Kommen Sie uns bis dorthin entgegen, wo Sie
uns sehen können.«
Emilio holten sie ein, als er aus dem Dorf auf die Ebene über dem
Flußtal herauskam, und dort gesellten sich auch Jimmy und George zu ihnen. Von ihrer
hochgelegenen Stellung aus konnten sie einen ungepflasterten Pfad erkennen, auf dem eine
Gruppe von mehreren hundert Personen in ihre Richtung marschiert kamen. Einer inneren
Eingebung folgend, hatte Emilio den Pfad bereits mit ruhigen Schritten betreten und folgte
ihm ohne Hast, aber auch ohne Zögern.
»Ich glaube, hier bin nicht mehr ich es, der die Befehle erteilt«,
stellte D.W., an die Allgemeinheit gewandt, gelassen fest. »Ach, mon ami, jetzt
sitzen wir, glaube ich, allesamt alle auf dem Zaunpfahl, und von allein sind wir da nicht
hinaufgekommen. Deus qui incepit, ipse perficiet.«
Gott, der dies begonnen hat, wird es zu einem guten Ende bringen, dachte
Anne, die trotz der Hitze erschauerte.
Alle sechs folgten sie Emilios Schritten und beobachteten, wie er sich
bückte, um ein kleines, leuchtend buntes Steinchen, Blätter oder etwas anderes
aufzuheben, das gerade im Weg lag. Als merke er, daß sein Verhalten verrückt wirken
mußte, drehte er sich einmal zu ihnen um und lächelte ganz kurz, mit strahlendem Blick.
Bevor sie jedoch etwas sagen konnten, machte er schon wieder kehrt und ging weiter den
Pfad entlang, bis er die Entfernung zu den Dorfbewohnern um die Hälfte verkürzt hatte.,
Da blieb er stehen - mit leicht beschleunigtem Atem, zum Teil von dem Fußmarsch, zum Teil
von der Bedeutungsschwere des Augenblicks. Die anderen kamen näher, überließen ihm
jedoch in dieser Situation freiwillig den Vortritt, so daß er, das schwarz-silberne Haar
von der Brise verweht, einige Schritte vor ihnen stand.
Jetzt konnten sie auch die Stimmen hören, hoch und melodisch,
Sprachfetzen, die ihnen von dem verspielten Wind zugetragen wurden. Anfangs vermochten sie
keine Marschordnung zu erkennen, dann aber wurde D.W. klar, daß die Kleinen in der Mitte
einer gemischten Menge gingen, während Spitze und Flanken von großen, kräftig wirkenden
Individuen geschützt wurden, die, soweit sichtbar, unbewaffnet waren, der Jesuitengruppe
jedoch argwöhnisch entgegenblickten.
»Keine Überraschungen, keine schnellen Bewegungen«, warnte D.W. ruhig
in einem sorgfältig gewählten Ton, mit dem er alle seine Leute erreichte, sogar Emilio,
der, eine schlanke, geradrückige Gestalt in Schwarz, regungslos vor ihnen stand.
»Verteilt euch ein bißchen, damit ihr alle gut im Blickfeld seid. Haltet die Hände so,
daß sie von drüben zu sehen sind.«
In beiden Gruppen gab es keinerlei Panik. Die Dorfbewohner blieben
ungefähr einhundert Schritt von Emilio entfernt stehen und setzten die großen, schön
geflochtenen Körbe ab, die alle mit etwas gefüllt waren, das nach der Mühelosigkeit,
mit denen die Behälter sogar von den kleineren Individuen gehandhabt wurden, nicht schwer
sein konnte. Sie waren unbekleidet, trugen an Gliedern und Hals jedoch leuchtend bunte
Bänder, die im Wind flatterten und sich schlängelten. D.W. bemerkte einen köstlichen
Duft, blumig, dachte er, der von der gesamten Gruppe ausging. Wieder konzentrierte er sich
auf die durchbrochene Korbflechterarbeit und entdeckte, daß die Behälter mit weißen
Blüten gefüllt waren.
Eine kurze Zeitlang blieben die beiden Gruppen einfach stehen und
musterten einander, während die Piepsstimmen der Jugendlichen von den Erwachsenen zum
Schweigen gebracht wurden, Gemurmel und Kommentare verstummten. Während die Menge ruhiger
wurde, merkte D.W. sich, wer bei der darauffolgenden Diskussion das Wort ergriff, und wer
still daneben stand. Die Flanken- und Spitzenmänner blieben auf ihrem Posten und
kümmerten sich nicht um die allgemeine Beratung.
Während D.W. sich die Befehlsstruktur der Gruppe einprägte, studierte
Anne Edwards die Anatomie. Die beiden Spezies unterschieden sich nicht allzu sehr. Ihr
Körper war generell gleich angelegt: Zweibeinig, mit Vorder gliedmaßen, die auf Zupacken
und Manipulieren spezialisiert waren. Auch die Gesichter hatten eine gewisse Ähnlichkeit,
und die kleinen Unterschiede wirkten auf Anne weder schockierend noch abstoßend; sie fand
sie ebenso schön, wie sie viele andere Spezies hier und Zuhause schön fand. Herrliche
Augen, groß und mit dichten Wimpern, so gelassen wie die eines Kamels. Die Nase war
konvex, breit an der Spitze und sanft der Schnauze entgegengebogen, die deutlich weiter
aus dem Gesicht hervorragte als bei den Menschen. Die Mundöffnung war breit und
lippenlos.
Natürlich gab es zahlreiche Unterschiede. Der auffallendste war die
Tatsache, daß die Menschen keinen Schwanz besaßen, was auch auf ihrem Heimatplaneten
außergewöhnlich war; die große Mehrheit der Wirbeltiere auf der Erde hatte einen
Schwanz, und Anne hatte nie so richtig verstanden, warum die Menschenaffen und
Meerschweinchen ihn verloren hatten. Auch eine andere menschliche Absonderlichkeit fiel
auf, hier genauso wie Zuhause: die relative Haarlosigkeit. Die Dorfbewohner waren mit
einem glatten, dichten Haarkleid bedeckt, das sich flach an die muskulösen Körper
anschmiegte. Sie waren so geschmeidig wie Siamkatzen: braungelb, mit wunderschönen,
dunkelbraunen Ringen um die Augen, als wären sie von Kleopatras Khol gezeichnet worden,
während sich eine dunklere Schattierung wie ein Band über das Rückgrat zog.
»Wie schön sie sind!« hauchte Anne und fragte sich bekümmert, ob ein
so einheitlich gutaussehendes Volk die Menschen wohl abstoßend finden würde -
plattgesichtig und häßlich, mit lächerlichen Schöpfen aus weißem, rotem, braunen und
schwarzem Haar, hochgewachsen, mittelgroß und klein, bärtig und glattgesichtig und
obendrein noch sexuell dimorph. Wir sind barbarisch, dachte sie, im wahrsten Sinne des
Wortes...
Dann löste sich ein Individuum mittlerer Größe und unerkennbaren
Geschlechts aus der Gruppe und kam nach vorn. Mit angehaltenem Atem sah Anne zu, wie diese
Person sich ihnen näherte. Auf einmal merkte sie, daß Marc zu einer ganz ähnlichen
biologische Einschätzung gelangt war, denn als die Person näherkam, rief er gedämpft:
»Die Augen, Anne!« Jedes Auge enthielt eine doppelte Iris, horizontal wie eine Acht um
zwei Pupillen unterschiedlicher Größe angeordnet, ganz ähnlich den bizarren Augen des
Tintenfischs. Ähnliches hatten sie schon früher gesehen. Es war die Farbe, die sie
faszinierte: ein dunkles Blau, fast Violett, so leuchtend wie die Glasfenster der
Kathedrale von Chartres.
Emilio blieb immer noch still stehen und überließ es der Person, die
vor ihm stand, zu bestimmen, was geschehen sollte. Schließlich begann das Individuum zu
sprechen.
Es war eine fröhliche, schwingende Sprache, voller Vokale und sanft
summender Konsonanten, fließend und schmelzend, ohne das Stakkato der Kehlkopflaute und
den abgehackten Rhythmus der Sprache der Gesänge. Sie war, fand Anne, weit schöner,
dennoch wurde ihr das Herz dabei schwer. Sie war der Sprache der Sänger so unähnlich wie
Italienisch dem Chinesischen. All diese Mühe, dachte sie - umsonst. George, der wie sie
alle von Emilio gelernt hatte, die Sprache der Sänger zu erkennen, schien dasselbe
gedacht zu haben. Er beugte sich zu Anne hinüber und flüsterte: »Scheiße. In Star
Trek haben alle Englisch gesprochen.« Sie stieß ihn mit dem Ellbogen an, lächelte
aber vor sich hin und ergriff seine Hand, während sie der Sprache lauschte, und
verstärkte ihren Griff, als die Person verstummte und auf Emilios Antwort wartete.
»Ich verstehe dich nicht«, sagte Emilio Sandoz mit weicher, klarer
Stimme, »aber wenn du mich deine Sprache lehren willst, werde ich sie lernen.«
Was dann geschah, war jedem einzelnen in der Jesuitengruppe außer
Sandoz ein Rätsel. Die sprechende Person rief eine Anzahl von Indivuen aus der Gruppe
heraus, darunter mehrere halberwachsene Kinder, einen nach dem anderen. Jeder sagte etwas
zu Emilio, der ihren Blicken mit gelassenem Ausdruck begegnete und jedem einzelnen
erwiderte: »Ich verstehe dich nicht.« Es war so gut wie sicher, daß jeder von ihnen in
einer anderen Sprache oder einem anderen Dialekt mit ihm gesprochen hatte, von denen einer
tatsächlich jener der Sänger war, und plötzlich wurde ihm klar, daß dies Dolmetscher
waren, und daß der Anführer eine Sprache zu finden suchte, die sie gemeinsam hatten. Da
das nicht gelang, kehrte der Erwachsene zu seiner Gruppe zurück. Es gab eine Diskussion,
die eine ganze Weile dauerte. Dann kam eine jugendliche Person, weitaus kleiner als alle,
die bisher gesprochen hatten, mit einem anderen Erwachsenen nach vorn, der beruhigend auf
das Kleine einsprach, bevor er es drängte, Emilio allein gegenüberzutreten.
Es handelte sich um ein zierliches Kind, spindeldürr und wenig
vielversprechend. Als Emilio sah, wie es vortrat, verängstigt, aber fest entschlossen,
ließ er sich langsam auf die Knie nieder, damit er nicht so hoch über sie aufragte, wie
der Erwachsene über ihm, und vorübergehend waren die beiden ganz allein, die übrigen
ihrer Spezies vergessen, die Aufmerksamkeit auf den jeweils anderen konzentriert. Als das
Kleine näherkam, hob Emilio eine Hand mit der Handfläche nach oben und sagte: »Hallo.«
Das Kleine zögerte nur einen Moment, bevor es seine langfingrige, warme Hand in die seine
legte. »Hallo«, wiederholte es. Dann fuhr es mit einer ebenso klaren und weichen Stimme
wie Emilios fort: »Challalla khaeri.« Und beugte sich vor, um den Kopf an
seinen Hals zu legen. Als sie das tat, konnte er hören, wie sie ganz kurz den Atem
anhielt.
»Challalla khaeri«, wiederholte Emilio und ahmte den
körperlichen Grußkontakt mit ernster Miene nach.
Unter den Dorfbewohnern entstand aufgeregtes Gemurmel. Es wirkte
erschreckend, darum wichen die Menschen ein wenig zurück, Emilio jedoch, der den Blick
fest auf das Kind gerichtet hielt, erkannte, daß das Kleine keine Angst hatte, und auch
nicht zurückzuckte. Er führte seine Hand, die er in der seinen behalten hatte, behutsam
an seine Brust und sagte: »Emilio.« Abermals wiederholte das Kleine das Wort, doch
dieses Mal vermochte es die Vokale nicht zu bewältigen, so daß ein Meelo
herauskam.
Emilio lächelte, ohne es zu korrigieren, und dachte: Ganz dicht dran, chiquita,
ganz dicht dran. Irgendwie war er zu dem Schluß gekommen, daß es ein kleines Mädchen
war, und hatte sich sofort in sie verliebt, seine ganze Seele vor ihr geöffnet. Er
wartete, weil er wußte, daß sie seine Hand nun zu sich selbst herüberziehen würde, und
das tat sie, obwohl sie seine Hand statt an ihre Brust an ihre Stirn führte. »Askama«,
erklärte sie ihm, und er wiederholte es, mit dem Akzent auf der ersten Silbe, während
die zweite und dritte kaum betont wurden, vielmehr flink ineinander übergingen und im Ton
ein wenig abfielen.
Nun erhob Emilio sich von den Knien und setzte sich mit
untergeschlagenen Beinen in den feinen, ockerfarbenen Staub des Weges. Auch Askama drehte
sich ein wenig, um ihm gegenüberzustehen, so daß sie, wie er wußte, von beiden Gruppen,
der eingeborenen und der fremden, von der Seite zu sehen waren. Vor dem nächsten Schritt
wandte er den Kopf und stellte Augenkontakt mit dem Erwachsenen her, der das Kind zu ihm
gebracht hatte, und der nun dicht vor der Gruppe der Dorfbewohner stand und Askama
aufmerksam beobachtete. Hallo, Mama, dachte er. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit
wieder auf Askama. Ein wenig überrascht tuend, hielt er ganz kurz die Luft an und fragte
mit großen Augen: »Was ist das, Askama?« Dabei griff er hinter ihr Ohr und hielt
plötzlich eine Blume in der Hand.
»Si zhao!« rief Askama aus, vor Überraschung aus dem Schema
der Wiederholungen gerissen.
»Si zhao«, wiederholte Emilio. »Eine Blume.« Wieder sah er
zu dem Erwachsenen hinüber, dessen Mund in einem großen Oval offenstand. Da es darüber
hinaus keinerlei Regung gab, machte er weiter und produzierte sogleich zwei Blumen aus dem
Nichts.
»Sa zhay!« rief Askama und lieferte ihm damit vermutlich
einen Hinweis auf die Pluralbildung.
»O ja, Sa zhay, chiquitita«, murmelte er lächelnd.
Kurz darauf kamen weitere Kinder nach vorn, und auch die Eltern rückten
näher, bis sich die beiden Gruppen, die fremde und die einheimische, vermischten, Emilio
und Askama umringten und hingerissen zusahen, wie er Steinchen, Blätter und Blumen
vervielfachte, verschwinden und wiederauftauchen ließ, um möglichst viele Zahlen,
Substantive und, weit wichtiger, überraschte, verwirrte und beglückte Mienen zu
bewirken; dabei beobachtete er Askamas Miene und warf hier und da einen Blick zu den
Erwachsenen und den anderen Kindern hinüber, um sich die Reaktionen einzuprägen,
während er selbst bereits die Körpersprache in sich aufnahm und sie in einem Wirbel
neuer Entdeckungen kopierte.
Lächelnd, voller Liebe zu Gott und Seinen Werken, breitete Emilio
schließlich die Arme aus, und Askama schmiegte sich, den muskulösen Schweif gemütlich
um sich gerollt, auf seinen Schoß, kuschelte sich selig an ihn und sah zu, wie er die
anderen Kinder begrüßte und in dem dreifachen Sonnenschein, der durch die Wolken brach,
ihre Namen zu lernen begann. Er fühlte sich wie ein Prisma, das Gottes Liebe wie ein
weißes Licht in sich aufnahm, um es in alle Richtungen zu verteilen, und dieses Gefühl
war nahezu körperlich, als er von allem, was die Dorfbewohner sagten, möglichst viel
herausfilterte und wiederholte, die Melodie und Kadenz der Sprache, das Schema der Phoneme
auffing und mit ernster Miene Askamas leise Berichtigungen akzeptierte und wiederholte,
wenn er etwas falsch gemacht hatte.
Als das Stimmengewirr chaotischer wurde, nutzte er die Chance und begann
den Kindern Nonsense zu antworten, indem er die Melodie und den allgemeinen Klang der
Sätze mit großem Ernst nachzuahmen suchte, sich aber nicht mehr um Präzision bemühte.
Diese Taktik hatte bei den Gikuyu gut funktioniert, die Chuuk-Insulaner dagegen hatten
sich beleidigt gezeigt. Zu seiner Erleichterung schienen die Erwachsenen belustigt zu
sein; auf jeden Fall gab es weder ärgerliche Rufe noch drohende Gesten, als die Kinder
vergnügt kreischten und um die Chance wetteiferten, ihn auf seine urkomische, verrückte
Art sprechen zu lassen.
Er hatte keine Ahnung, wieviel Zeit auf diese Weise verging,
schließlich jedoch merkte Emilio, daß sein Rücken völlig verspannt und seine Beine von
Askamas Gewicht wie gelähmt waren. Behutsam schob er das Kind von seinem Schoß und kam
unsicher auf die Füße, behielt ihre Hand jedoch in der seinen, als er sich umblickte,
als sähe er sie alle zum erstenmal. Er entdeckte Jimmy und Sofia, die ihm zurief:
»Zauberei! Das haben Sie mir vorenthalten, Sandoz!« - denn das war in ihrem AL-Programm
nicht vorgesehen. Dann sah er Marc Robichaux, mitten in der Menge, mit einem Kleinen auf
den Schultern, damit das Kind über die Erwachsenen hinwegsehen konnte. Und da war D.W.,
dessen Augen wunderlicherweise voll Tränen standen. Er suchte nach George und Anne
Edwards, fand sie schließlich, Arm in Arm, und Anne weinte ebenfalls, aber George sah ihn
strahlend an und rief, die Stimme über den Lärm der Kinder erhebend: »Wenn jemand
fragt, ich bin hundertundsechzehn!«
Emilio Sandoz warf den Kopf in den Nacken und lachte. »Gott!« rief er
in den Sonnenschein hinauf; dann beugte er sich nieder, um Askama einen Kuß auf den Kopf
zu geben und sie zu einer Umarmung zu sich heraufzuheben, welche die gesamte Schöpfung
umfaßte. »Gott!« flüsterte er abermals mit geschlossenen Augen und dem Kind auf seiner
Hüfte. »Für das hier wurde ich geboren!«
Das war die schlichte Wahrheit. Nichts anderes konnte sein Leben
erklären.
© 2000 der deutschen Übersetzung: Wilhelm Heyne Verlag
Mit freundlicher Genehmigung des Heyne Verlag |
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