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The phantastic Worlds of Science Fiction Roman - Leseprobe

Mary Doria Russell

Sperling

The Sparrow • 1996 • Auszug

Science Fiction
Stories & Romane
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Kapitel 21

RAKHAT:
ZWEITER MONAT, KONTAKT

   Nunmehr sieben an der Zahl, von Alan Paces Tod mehr als ernüchtert, riß sich die Jesuitengruppe zusammen und machte sich bereit, den Garten Eden zu verlassen, in dem sie fast einen Monat verbracht hatte.
   Als Yarbrough am Nachmittag nach der Beerdigung, als ihm noch die letzten Töne des Jesuiten-Chorals ›Take and Receive‹ im Ohr nachklangen, Bilanz zog, wog er sorgfältig das Für und Wider einer Rückkehr zur Stella Maris ab, bevor sie sich auf die Suche nach den Sängern machten. Der Treibstoff für den Lander war begrenzt. Auf Grund der Menge, die sie bei ihrer ersten Landung verbraucht hatten, schätzte er, daß die Lander-Tanks etwa 103 bis 105 Prozent dessen enthielten, was für einen Hin- und Rückflug zum Mutterschiff erforderlich war, und dabei hatten sie, wenn er es recht bedachte, verdammt viel Glück gehabt, fand er, während er zum Himmel aufblickte. An Bord des Asteroiden war noch genügend Treibstoff für fünf Hin- und Rückflüge gebunkert. Vielleicht sogar sechs, aber das würde dann doch ziemlich knapp werden. Sagen wir also fünf, dachte er. Mit einer Reserve für den Abflug waren es dann vier Flüge über einen Zeitraum von vier Jahren verteilt, um Vorräte und Handelswaren zu transportieren, bei einem sehr kleinen Überschuß für Notfälle.
   Vorerst einmal hatten sie noch keine Ahnung, was für den Handel zu gebrauchen war, aber sie hatten eine Vorstellung davon, wie schnell sie ihre Lebensmittelvorräte verbrauchten. Immer häufiger durch einheimische Lebensmittel und Wasser ersetzt, hatten ihre Vorräte länger gehalten, als ursprünglich geschätzt. Nur Anne und Emilio ernährten sich noch nach der Kontrolldiät aus Dingen, die sie von der Erde mitgebracht hatten, und keiner von beiden war ein großer Esser. Außerdem hatten sie jetzt einen Mann weniger zu füttern. Daher gab es reichlich genug für eine weitere Woche, aber D.W. entschied, daß ihnen wohler zumute wäre, wenn sie ein richtiges Lebensmitteldepot angelegt hatten, mit Vorräten für mindestens zwölf Monate. Also hatte er alle Mann an die Arbeit gesetzt, um Listen der Dinge aufzustellen, die ursprünglich nicht zur Fracht gehört hatten.
   D.W.s eigene Liste enthielt auch ein Gewehr, das er herunterbringen wollte, ohne ein Wort davon zu erwähnen, weil er nicht wollte, daß eine Riesendiskussion darüber entstand. Und weitere Seile. Außerdem wäre er zwar fast lieber gestorben, als es zuzugeben, aber er wollte noch mehr Kaffee herunterholen. Das Klima hatte sich als einigermaßen angenehm erwiesen, obwohl die Gewitter buchstäblich haarsträubend sein konnten, und obwohl es, wenn die drei Sonnen gleichzeitig schienen, zu heiß auch für die kleinste Bewegung war. Sie brauchten leichtere Kleidung und mehr Sonnenschutz.
   Vor allem aber wollte er den Ultra-Leight-Flieger. Genau wie alle Geräte, die sie mitgebracht hatten, funktionierte er mit Sonnenenergie - ein winziges Zweipersonen-Flugzeug, dessen Flügel mit einer photoelektrischen Polymerschicht überzogen waren, die einen 15-PS-Elektromotor antreiben konnte. Richtig niedlich und ein herrlicher Spaß zum Fliegen. Beim ersten Ausflug hier herunter war nicht genug Platz dafür gewesen, nicht mit allen Passagieren an Bord. Jetzt aber konnten sie den kleinen Flieger gut gebrauchen, um das Terrain zu erkunden. Marcs Karten waren zwar gut, aber D.W. wollte vorausfliegen und mit eigenen Augen sehen, was sie erwartete, bevor sich die Gruppe am Boden auf den Weg machte.
   Er schob sich sein Notebook unter den Arm und ging über die Lichtung zu Anne Edwards hinüber, die ihn bereits kommen sah. Sie saß mit dem Rücken an einen ›Baum‹stamm gelehnt, hatte die Knie als Stütze für ihr Notebook, das mit der Bibliothek der Stella Maris on-line war, hochgezogen und kontrollierte ihre eigenen Notizen.
   »Möglicherweise war es Endocarditis«, sagte sie leise, als er nahe genug gekommen war, um es zu hören. »Bakterielle Infektion der Herzklappen. Es gibt da eine neue Form, von der ich kurz vor unserem Abflug gehört habe. Die bringt auch einen Gesunden ziemlich schnell ums Leben und ist bei einer Autopsie besonders schwer zu finden, sogar zu Hause.«
   Er knurrte etwas und hockte sich neben sie. »Wo hätte er denn die Bakterien erwischen können?«
   »Fragen Sie mich was Besseres, D.W.«, antwortete Anne und wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht, um einen Schwarm mückenähnlicher Insekten abzuwehren, die sie Little Buggers nannten. »Vielleicht hat er sie mitgebracht, bis irgend etwas sein Immunsystem so schwer schädigte, daß sie seine Abwehrkräfte besiegten. Ultraviolette Strahlung kann das Immunsystem unterdrücken, und wir bekommen hier unten tatsächlich eine gehörige Dosis UV-Strahlen.«
   »Aber Sie sind nicht ganz sicher, ob es das wirklich war, dieses wie hieß das noch? Diese Endo-Sache.« Er hob ein Stöckchen auf und spielte damit, zog es durch seine Hände und bog es nach und nach zu einem Reifen.
   »Nein. Das ist nur die beste Erklärung, die ich im Augenblick finden kann.« Sie schloß ihr Notebook. »Schwer zu glauben, daß er erst gestern gestorben ist. Tut mir leid, wegen gestern abend.«
   »Mir auch.« D.W. musterte sie mit einem Auge; dann wandte er den Blick ab und richtete ihn auf den Wald. Er warf das Stöckchen beiseite. »War keine gute Idee, auf eine Lady loszugehen, die einen ziemlich schweren Tag hinter sich hatte.«
   Sie reichte ihm die Hand. »Frieden?«
   »Frieden«, bekräftigte er, ergriff ihre Hand und hielt sie einen Moment fest. Dann ließ er sie los und erhob sich, über den Protest seiner Knie stöhnend, vom Boden. »Wenn ich Ihnen erzähle, was wir nach meinem persönlichen Beschluß als nächsten tun, werden Sie vielleicht doch nicht mehr meine Freundin sein wollen.« Mit mißtrauisch zusammengekniffenen Augen blickte Anne zu ihm auf. »Ich werde zur Stella Maris zurückkehren und will, daß George mein Copilot ist.«
   »Du liebe Zeit«, sagte sie. Ein blaugrüner Schneller Eddie huschte an ihren Füßen vorbei und schoß in die Laubberge in der Nähe. Im Wald konnten sie die Dominikaner heulen hören.
   »Er war im Simulator der Beste, Anne, und ich möchte ihn mit dem richtigen Flieger trainieren. Außerdem kann er, während ich die Vorräte einlade, die Lebenserhaltungssysteme überprüfen. Und außerdem hat er kaum Probleme mit der Luftkrankheit gehabt, deswegen stehen die Chancen, daß er auch diesmal nicht krank werden wird, ziemlich gut. Ich wußte, daß Sie entsetzt sein würden, aber so geht es nun mal im richtigen Leben.«
   »Ihm wird es sicher großen Spaß machen«, sagte Anne bedauernd. »O Mann, wie ich diese Vorstellung hasse!«
   »Ich bitte Sie nicht um Erlaubnis, Miz Edwards«, sagte er, doch seine Stimme klang sehr sanft. Dabei grinste er ein wenig schief. »Ich dachte nur, ich sollte es Ihnen sagen, damit Sie heimlich über mich schimpfen können.«
   »Betrachten Sie sich als ausgeschimpft«, sagte sie, aber sie lachte, obwohl sie erschauerte. »Na schön. Es wäre nicht das erstemal, daß ich dasitze und darauf warte, daß George in die Luft fliegt. Oder irgendwie zerrissen wird. Oder plattgewalzt auf dem Pflaster liegt. Oder zerquetscht wird wie ‘ne Fliege. All diese Scheiße, die dieser Mann aus reinem Vergnügen macht!« Bei der Erinnerung an Wildwasserfahrten, Bergsteigen und Querfeldeinradrennen schüttelte sie den Kopf.
   »Kennen Sie den Witz von dem Kerl, der vom Empire State Building gesprungen ist?« fragte D.W.
   »Ja. Den ganzen Weg nach unten konnte man hören, wie er sagte: ›So weit, so gut. So weit, so gut. So weit, so gut.‹ Das ist Georges Leben in einer Nußschale.«
   »Es wird schon gutgehen, Anne. Es ist eine gute Maschine, und er hat eine Begabung für die Fliegerei. Bevor wir starten, werde ich ihn noch mal in den Simulator stecken.« D.W. kratzte sich die Wange und blickte lächelnd auf sie hinab. »Ich selber hab’s auch nicht besonders eilig, ‘ne Bruchlandung hinzulegen und dann zu verbrennen. Dann erkennt mich nämlich keiner als Märtyrer an. Wir werden vorsichtig sein.«
   »Sprechen Sie für sich selbst, D.W. Sie kennen George Edwards nicht so gut wie ich«, warnte Anne.

*

Letzlich verlief der Flug fast ohne Probleme, und George legte eine perfekte Landung hin, während Anne, die zu große Angst hatte, um dabei zuzusehen, sich die Augen zuhielt und sich hinter Emilio und Jimmy versteckte. Als sie schließlich doch hinter den beiden Männern und zwischen ihren Fingern hindurchspähte, war George bereits laut rufend und jubelnd, aus dem Lander gestiegen, kam auf sie zugelaufen, hob sie vom Boden hoch, um sie im Kreis zu schwingen und redete wie ein Wasserfall davon, wie großartig es gewesen war.
   Sofia, die George zulächelte, als sie an ihr vorüberkamen, ging D.W. bei der üblichen Inspektion nach jedem Flug zu helfen. »Sie sehen ein bißchen bläßlich aus«, stellte sie leise fest, während sie am Backbordflügel entlangging.
   »Er hat es gut gemacht«, murmelte D.W. »Für einen verdammten, dämlichen Scheißkerl mit mehr Courage als Verstand.«
   »Etwas mehr Aufregung beim Flug als vorgesehen«, riet Sofia ironisch und lächelte nur mit den Augen, als D.W. sich, etwas vor sich hinmurmelnd, unter das Leitwerk duckte, wo er sich mit den Steuerbordsystemen befaßte, bis sich sein Herzschlag wieder normalisiert hatte.
   Anne, immer noch zitternd, kam herüber und beglückwünschte Sofia nachdrücklich zu der offensichtlich erfolgreichen Wirkung des Flugsimulators. »Ich bin versucht, zu sagen, Gott sei Dank«, sagte sie leise, als sie die Jüngere umarmte. »Aber vielen Dank Ihnen, Sofia.«
   Sofia war erfreut, über ihre anerkennenden Worte. »Wie ich zugeben muß, bin auch ich erleichtert darüber, daß die beiden heil und ganz zurückgekehrt sind.«
   »Auch daß wir das Flugzeug zurückhaben, ist erfreulich, mes amis«, sagte Marc unsentimental, während er mit Jimmy eine Packkiste aus der Ladeluke zerrte. Und alle, die am Boden gewartet hatten, gaben ihm im Stillen recht. Es gab schließlich nur eine Möglichkeit, diesen Planeten zu verlassen, und das war ihnen allen bekannt.

*

George, ganz und gar hingerissen vom Fliegen, wollte nunmehr unbedingt auch den Ultra-Leight ausprobieren, mußte sich aber damit begnügen, die transparente Miniatur-Maschine am folgenden Tag zusammenzubauen. D.W. hatte inzwischen bereits beschlossen, daß Marc ihn auf dem ersten Flug begleiten sollte, damit sich der Naturwissenschaftler ein Bild davon machen konnte, wie weit die Weltraumbilder mit den tatsächlichen Gegebenheiten von Terrain und Vegetation übereinstimmten.
   Während George und D.W. unterwegs waren, hatte die Bodenmannschaft ihre Zeit damit verbracht, eine Rollbahn für den Ultra-Leight zu präparieren, der eine Vierzigmeterstrecke brauchte. Zwei Stümpfe mußten noch ganz herausgelöst werden, und dann mußten sie auf die richtige Menge Regen warten, damit die lockere Erde sich gut setzte, ohne sich in einen Sumpf zu verwandeln; daher verging fast eine Woche, bevor D.W. und Marc zu ihrem Flug ein tiefes Flußtal entlang starten konnten, das durch eine kleinere Bergkette nordöstlich ihrer Position auf der Lichtung verlief.
   Trotz zwei geräuschvoller Expeditionen auf der Lichtung und einer über die Lichtung hinaus, gab es keinerlei Hinweise darauf, daß irgend jemand von ihrer Existenz wußte, und das war gut. Sie hatten ihre Flugrouten so gewählt, daß die Chance, über bewohnte Regionen hinwegzufliegen, nur minimal war, und ein einheimisches Flugwesen war offensichtlich noch nicht entwickelt worden. Als sie noch auf der Stella Maris waren, hatte George die AM-Funkfrequenzen erkundet, die von den Sängern benutzt wurden, und der Jesuitengruppe empfohlen, für ihren Funkverkehr mit den Schiffssystemen und, wenn sie nicht zusammen waren, miteinander UHF und eine praktisch unentdeckbare Breitband-Verschlüsselung zu benutzen, um so eine vorzeitige Entdeckung zu vermeiden. Dennoch waren D.W. und Marc während des letzten Teils ihres Aufklärungsfluges gezwungen, Funkstille zu bewahren, denn sie waren nicht vollständig von den Satelliten gedeckt, die sie zur Übertragung der Signale benutzten, und außerdem fiel eine Blackout-Periode mit der Zeit zusammen, zu der die Rollbahn benutzbar war.
   Nach fünfzehn Stunden, von denen sie während der letzten fünf incomunicado waren, brach Jimmy die Stille mit einem Ruf. Dann hörten sie alle den Motor des Ultra-Leight-Fliegers und sprangen auf, um den Himmel nach der kleinen Maschine abzusuchen. »Da!« rief Sofia, und sie beobachteten, wie D.W. kreiste und schließlich zu einer holprigen Landung ansetzte.
   Marc grinste breit, als er aus seinem Sitz kletterte. »Wir haben ein Dorf gefunden! Vielleicht sechs, sieben Tagesmärsche von hier, wenn wir im Flußtal entlanggehen«, berichtete er. »In die Flanke einiger Klippen hineingebaut, etwa dreißig Meter über dem Fluß. Fast hätten wir’s übersehen. Äußerst interessante Architektur. Fast wie die Anasazi-Cliffdweller, aber alles andere als geometrisch.«
   »O Marc!« stöhnte Anne. »Wer will schon was von Arthitektur hören?«
   »Habt ihr irgendwelche Sänger gefunden? Wie sehen sie aus?« wollte George wissen.
   »Wir haben überhaupt niemanden gesehen«, erklärte D.W., der ebenfalls ausstieg und sich reckte. »Verdammter Mist. Das Dorf sah nicht aus, als wäre es verlassen. Nicht wie eine Geisterstadt. Aber wir haben nirgends ein Zeichen von Leben gesehen.«
   »Es war wirklich merkwürdig«, bestätigte Marc. »Wir sind am anderen Flußufer gelandet und haben das Dorf lange beobachtet, aber wir haben niemanden gesehen.«
   »Und was tun wir jetzt?« erkundigte sich Jimmy. »Suchen wir ein anderes Dorf, wo es ein paar Leute gibt?«
   »Nein«, entschied Emilio, »wir sollten in das Dorf gehen, das Marc und D.W. heute gefunden haben.«
   Als alle sich umwandten und ihn verständnislos anstarrten, merkte Emilio, daß niemand von ihm eine Meinung zu diesem Problem erwartet hatte. Er konnte nicht aufhören, sich mit den Händen durch die Haare zu fahren, aber er richtete sich auf und sprach mit mehr Selbstsicherheit im Ton als sonst einfach weiter. »Wir sind jetzt einige Zeit hier gewesen, völlig abgeschlossen. Damit wir uns, wie gehofft, an diesen Planeten gewöhnen, nicht wahr? Und nun haben wir Gelegenheit, dieses Dorf gründlich zu erforschen, ebenfalls einigermaßen ungestört. Mir scheint, daß sich die Dinge Schritt um Schritt entwickeln. Als nächstes werden wir dann vielleicht doch noch jemandem begegnen, den zu finden wir bestimmt sind.«
   »Ist dieses Dorf«, fragte Marc Robichaux, das Schweigen brechend, D.W. mit glänzenden Augen, »nach Ihrer Meinung eine Schildkröte auf einem Zaunpfahl?«
   D.W. schnaufte verächtlich, lachte kurz auf, rieb sich den Nacken und starrte einen Augenblick zu Boden, während er es aus tiefstem Herzen bereute, jemals diese Schildkröten erwähnt zu haben. Dann sah er sich nach den Zivilisten um. George und Jimmy waren eindeutig bereit, die Backpacks zu schultern und loszumarschieren. Er schüttelte den Kopf und appellierte wortlos an Anne und Sofia, weil er hoffte, eine der beiden Frauen könne etwas Logisches oder Praktisches beisteuern. Aber Anne zuckte, die Handflächen nach oben, nur die Achseln, und Sofia fragte einfach: »Warum marschieren, wenn wir auch fliegen können? Ich finde, wir sollten den Ultra-Leight für den Transport benutzen. Keine Treibstoffprobleme. Wir könnten sowohl das Personal als auch die Ausrüstung mit mehreren Flügen hinüberschaffen.«
   D.W. warf hilflos die Arme hoch, blickte resigniert zum Himmel empor und wanderte, Hände in die Hüften gestemmt, im Kreis, während er erbost vor sich hinmurmelte, diese ganze verdammte Sache mache ihm immer noch eine Scheißangst. Schließlich kam er dann doch zur Ruhe und sah Emilio Sandoz an, den er, vom Jungen zum Mann, inzwischen seit nahezu dreißig Jahren kannte. Dessen verwunderliche, schüchtern geflüsterte Beichten er noch jetzt in den Ohren hatte, während er die eigenen Tränen zurückzudrängen suchte. Einen Moment war D.W. von dem Gefühl überwältigt, daß er mitangesehen hatte, wie diese Seele Wurzeln schlug, wuchs und erblühte, wie er es niemals für möglich gehalten, wie er es kaum zu hoffen gewagt hätte und wie er es kaum begreifen konnte. Ein Mystiker! dachte er verblüfft. Ich hab’s mit einem puertoricanischen Mystiker zu tun.
   Die anderen warteten auf seine Entscheidung. »Gewiß«, sagte D.W. schließlich. »Okay. Von mir aus. Warum nicht? Es gibt da eine ebene Stelle, auf der ich landen kann, ohne gesehen zu werden - ein paar Meilen südlich des Dorfs am selben Flußufer. Die schwersten Ausrüstungsgegenstände werden wir mit Mendes hier zusammen transportieren, weil sie so gut wie gar nichts wiegt. Quinn kann auf seinem Flug dann die verdammten Zahnbürsten mitnehmen.«
   Es gab Jubelrufe und Victory-Zeichen, eine Aufbruchs-Atmosphäre breitete sich aus, und alle begannen auf einmal zu reden. Inmitten all dieses Wirbels stand Emilio Sandoz so stumm da, als lausche er, aber er hörte nichts von den Diskussionen über Pläne und Prozedere, die rings um ihn herum enstanden. Als er von dort zurückkam, wo er sich aufgehalten hatte, war es Sofia Mendes, die er in einiger Entfernung sah, genauso distanziert von den anderen wie er, wie sie ihn mit wacher, suchender Aufmerksamkeit beobachtete. Ohne jede Verlegenheit begegnete er ihrem Blick. Dann war der Moment vorübergegangen.

*

Einer nach dem anderen wurden sie über den Wald hinweg und am Flußlauf entlang zu einem trockeneren Gelände im Windschatten der Berge und zum Landeplatz getragen, den D.W. entdeckt hatte. Mit sich nahmen sie Camping- und Funkgeräte sowie Lebensmittel für zwei Monate, während der Großteil ihrer Fracht im Lander blieb, den D.W. sicherte und tarnte. Das Letzte, was ein jeder von ihnen sah, als sie beim Abflug hinunterblickten, war Alan Paces Grab. Niemand machte eine Bemerkung über die Blumen oder bekannte sich dazu, sie dort niedergelegt zu haben.
   Östlich der Berge wirkte alles viel kleiner und weniger farbenfroh, als zuvor im Wald. Die Blau-, Grün- und Lavendeltöne schienen matter und verstaubter, die Tierspezies mehr auf die Sicherheit von Unauffälligkeit und Verstecken angewiesen zu sein. Es gab zwar baumähnliche Pflanzen, die aber, anders als die graziösen Laubdächer des Waldes, weit auseinanderstanden und eine Vielzahl von Stämmen und ein undurchdringliches Gewirr von Ästen aufwiesen. An jenem Abend fand George zwischen dem zweiten und dritten Sonnenuntergang einen Platz in den Felsen, wo er den auseinandergenommenen Ultra-Leight verstecken konnte, während die anderen das neue Lebensmitteldepot sicherten. Bei der Arbeit erschraken sie immer wieder über kleine grau-blaue Tiere, nahezu unsichtbar, bis man in ihre Nähe kam, die Anne wegen der Art, wie sie, fast einen Herzanfall auslösend, in einer Wolke explodierten und vom Erdboden aufstoben, Coronarien nannte. Ihre Stimmen klangen laut, obwohl sie gedämpft sprachen. In jener Nacht schlugen sie ihre Zelte, ohne sich zu verabreden, dicht nebeneinander auf. Zum erstenmal seit ihrer Landung fühlten sie sich sowohl fremd und nicht zugehörig als auch ein wenig verängstigt, als sie in ihre Schlafsäcke krochen und ein bißchen zu schlafen versuchten.
   Am folgenden Morgen führt Marc sie vorsichtig das Flußtal entlang zu einem sicheren Platz, von dem aus sie das Dorf einsehen konnten, obwohl nicht einer von ihnen auszumachen vermochte, auf was er da zeigte. Es war ein Wunder, um nicht zu sagen ein Mirakel, daß er es überhaupt entdeckt hatte, als er im Ultra-Leight darüber hinweggeschwebt war. Absichtlich so angelegt, daß es mit der Umgebung verschmolz, fügten sich Mauern und Terrassen nahtlos in das vom Fluß ausgemahlene Schichtgestein der Klippenflanke. Dachlinien wiesen plötzliche Unterbrüche auf und wechselten Höhe wie Material, um Absenkungen und Verschiebungen im Fels nachzuahmen. Die Öffnungen waren weder rechteckig noch einförmig, sondern variierten im Einklang mit den schattigen Überhängen dort, wo der natürlich gewachsene Fels gesplittert und in den Fluß gefallen war.
   Selbst aus der Entfernung konnten sie zahlreiche Räume erkennen, welche direkt auf die Terrassen über dem Fluß hinausgingen. Es gab riesige, weitmaschig geflochtene Sonnendächer aus Schilf, die, inmitten der Ranken und des Blattwerks kaum auszumachen, mittäglichen Schutz gewährten. Diese relativ leichten Konstruktionen unterstützten D.W. Eindruck, das Dorf sie noch vor kurzem bewohnt gewesen, denn ohne Instandhaltung hätten sie den zahlreichen Gewittern bestimmt nicht widerstanden.
   »Eine Seuche?« fragte Jimmy Anne leise. Es gab immer noch kein Zeichen von den Dorfbewohnern, und der Anblick dieser leeren Wohnstätten war eindeutig unheimlich.
   »Nein, ich glaube nicht«, antwortete sie ruhig. »Dann würde es Leichen geben, die herumliegen, oder Trauernde, oder so ähnlich. Aber vielleicht läuft gerade ein Krieg, und sie wurden alle evakuiert.«
   Eine Weile spähten sie noch hinüber, rätselten über das Dorf, studierten es, versuchten die Zahl der Bewohner zu schätzen und zogen hinsichtlich der vermißten Bewohner grimmig geflüsterte Schlüsse.
   »Na schön, na schön, gehen wir rüber und sehen wir uns das Ganze näher an«, sagte D.W. schließlich.
   Ein ganzes Stück über dem Dorf, wo sie den Fluß und die Ebene sehen konnten, die sich östlich der Klippen sanft talwärts neigte, legten sich D.W. George und Jimmy, mit Funk-Transceivern bewaffnet, als Ausguckposten auf die lauer. Dann ließ er die anderen von Marc die Klippenwand bis zu einem Punkt emporführen, wo sie einen vorsichtigen Rundgang durch die Wohnstätten begannen, die sie von den Terrassen aus betreten konnten, ohne etwas zu beschädigen.
   »Ich komme mir vor wie Goldilocks«, flüsterte Anne, die verstohlen in Räume hineinspähte, durch Korridore schlich und sich auf den äußeren Felsbändern vorwärtstastete.
   »Ich hatte gehofft, irgendwelche Artefakte zu finden, aus denen wir schließen könnten, wie sie aussehen«, gestand Marc. Aber die Wände waren kahl, das Gestein weder verputzt noch bemalt. Es gab keinerlei Skulpturen. Es gab überhaupt keine repräsentative Kunst. Überall herrschte Armut an Einrichtungsgegenständen, aber die Handwerkskunst war überall präsent. Riesige Polster waren wunderschön gewebt, Höhlungen waren leuchtendfarbig verhängt; in anderen Räumen gab es niedrige Plattformen aus einem körnigen Material wie Holz, die möglicherweise Tische waren. Oder auch Bänke. Die Tischlerarbeit war exquisit.
   Die Bewohner schienen nicht überstürzt aufgebrochen zu sein. Es gab Räume oder Teile von Räumen, die zur Zubereitung von Speisen benutzt wurden, doch nirgends waren Reste von Lebensmitteln zurückgelassen worden. Sie fanden geschlossene Behälter, die möglicherweise Vorräte enthielten, öffneten sie aber nicht, weil sie nicht an den Siegeln herumfingern wollten. Auf hohen Felsvorsprüngen waren Töpfe, Schüsseln und Platten, Keramitkbehälter jeglicher Art gestapelt, hoch oben hingen von Haltern in Balken Bestecke herab.
   »Offenbar haben sie also Hände«, sagte Anne angesichts der Messergriffe. »Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie man diese Dinger hält, aber irgendwie müssen Finger im Spiel sein.«
   »Vermutlich reichen sie eher an Jimmys Größe heran, als an die Ihre«, sagte Sofia zu Anne. Fast der gesamte Stauraum befand sich hoch über ihrer Reichweite. Das war zu Hause zwar genauso, hier aber ging es ins Extrem. Sie fand es seltsam, daß alles entweder sehr niedrig oder sehr hoch war.
   Bei diesem ersten Besuch vermochten sie kein Schema in der Anlage der Zimmer zu entdecken. Die Räume variierten in Größe und Form und folgten häufig natürlichen Vertiefungen im Felsen, die offensichtlich behutsam vergrößert worden waren. In einem sehr großen Raum entdecken sie eine umfangreiche Kollektion riesiger Körbe. In einem kleineren wunderschöne, mit Reibungsstöpseln verschlossene Glasbehälter, die mit Flüssigkeiten gefüllt waren. In dieser unheimlichen Stille gingen sie noch eine Zeitlang weiter, während sie jederzeit darauf gefaßt waren, irgendwem, wer immer es auch sein mochte, von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen. Gerade, als sie hinausgehen wollten, wurde die Stille plötzlich von Georges Stimme unterbrochen, die blechern aus dem winzigen Lautsprecher des Funkgeräts kam.
   »D.W.?«
   Anne wäre beim Klang der Worte ihres eigenen Mannes fast aus der Haut gefahren, und alle brachen in ein nervöses Lachen aus, das D.W. mit einem eisigen Rundumblick unvermittelt zum Schweigen brachte.
   »Ja, hier.«
   »Ratet mal, wer zum Dinner kommt.«
   »Wie weit entfernt? Und wie viele sind es?«
   »Ich kann nur die ersten von ihnen erkennen. Sie kommen um einen Hügel ungefähr fünf Meilen nordöstlich von hier herum.« Es folgte eine kurze Pause. »WOW! Das ist eine ganze Bande! Sie marschieren. Große und Kleine. Sieht aus wie Familien. Sie tragen etwas. Körbe, glaube ich.« Wieder eine kleine Pause. »Was sollen wir tun?«
   Hastig ließ D.W. ihre Möglichkeiten Revue passieren und wollte gerade etwas sagen, als Emilio über die nächstliegende Terrasse hinausging und draußen kurz stehenblieb, um unerklärlicherweise ein paar kleine Blüten von den Ranken zu pflücken, an denen er vorbeikam, bevor er sich auf den Weg zu Goerges Außenposten machte. Offenen Mundes sah D.W. zu, wie Emilio hinausging und starrte Anne, Marc und Sofia an. Dann sagte er ins Funkgerät: »Wir sind schon unterwegs. Kommen Sie uns bis dorthin entgegen, wo Sie uns sehen können.«
   Emilio holten sie ein, als er aus dem Dorf auf die Ebene über dem Flußtal herauskam, und dort gesellten sich auch Jimmy und George zu ihnen. Von ihrer hochgelegenen Stellung aus konnten sie einen ungepflasterten Pfad erkennen, auf dem eine Gruppe von mehreren hundert Personen in ihre Richtung marschiert kamen. Einer inneren Eingebung folgend, hatte Emilio den Pfad bereits mit ruhigen Schritten betreten und folgte ihm ohne Hast, aber auch ohne Zögern.
   »Ich glaube, hier bin nicht mehr ich es, der die Befehle erteilt«, stellte D.W., an die Allgemeinheit gewandt, gelassen fest. »Ach, mon ami, jetzt sitzen wir, glaube ich, allesamt alle auf dem Zaunpfahl, und von allein sind wir da nicht hinaufgekommen. Deus qui incepit, ipse perficiet.«
   Gott, der dies begonnen hat, wird es zu einem guten Ende bringen, dachte Anne, die trotz der Hitze erschauerte.
   Alle sechs folgten sie Emilios Schritten und beobachteten, wie er sich bückte, um ein kleines, leuchtend buntes Steinchen, Blätter oder etwas anderes aufzuheben, das gerade im Weg lag. Als merke er, daß sein Verhalten verrückt wirken mußte, drehte er sich einmal zu ihnen um und lächelte ganz kurz, mit strahlendem Blick. Bevor sie jedoch etwas sagen konnten, machte er schon wieder kehrt und ging weiter den Pfad entlang, bis er die Entfernung zu den Dorfbewohnern um die Hälfte verkürzt hatte., Da blieb er stehen - mit leicht beschleunigtem Atem, zum Teil von dem Fußmarsch, zum Teil von der Bedeutungsschwere des Augenblicks. Die anderen kamen näher, überließen ihm jedoch in dieser Situation freiwillig den Vortritt, so daß er, das schwarz-silberne Haar von der Brise verweht, einige Schritte vor ihnen stand.
   Jetzt konnten sie auch die Stimmen hören, hoch und melodisch, Sprachfetzen, die ihnen von dem verspielten Wind zugetragen wurden. Anfangs vermochten sie keine Marschordnung zu erkennen, dann aber wurde D.W. klar, daß die Kleinen in der Mitte einer gemischten Menge gingen, während Spitze und Flanken von großen, kräftig wirkenden Individuen geschützt wurden, die, soweit sichtbar, unbewaffnet waren, der Jesuitengruppe jedoch argwöhnisch entgegenblickten.
   »Keine Überraschungen, keine schnellen Bewegungen«, warnte D.W. ruhig in einem sorgfältig gewählten Ton, mit dem er alle seine Leute erreichte, sogar Emilio, der, eine schlanke, geradrückige Gestalt in Schwarz, regungslos vor ihnen stand. »Verteilt euch ein bißchen, damit ihr alle gut im Blickfeld seid. Haltet die Hände so, daß sie von drüben zu sehen sind.«
   In beiden Gruppen gab es keinerlei Panik. Die Dorfbewohner blieben ungefähr einhundert Schritt von Emilio entfernt stehen und setzten die großen, schön geflochtenen Körbe ab, die alle mit etwas gefüllt waren, das nach der Mühelosigkeit, mit denen die Behälter sogar von den kleineren Individuen gehandhabt wurden, nicht schwer sein konnte. Sie waren unbekleidet, trugen an Gliedern und Hals jedoch leuchtend bunte Bänder, die im Wind flatterten und sich schlängelten. D.W. bemerkte einen köstlichen Duft, blumig, dachte er, der von der gesamten Gruppe ausging. Wieder konzentrierte er sich auf die durchbrochene Korbflechterarbeit und entdeckte, daß die Behälter mit weißen Blüten gefüllt waren.
   Eine kurze Zeitlang blieben die beiden Gruppen einfach stehen und musterten einander, während die Piepsstimmen der Jugendlichen von den Erwachsenen zum Schweigen gebracht wurden, Gemurmel und Kommentare verstummten. Während die Menge ruhiger wurde, merkte D.W. sich, wer bei der darauffolgenden Diskussion das Wort ergriff, und wer still daneben stand. Die Flanken- und Spitzenmänner blieben auf ihrem Posten und kümmerten sich nicht um die allgemeine Beratung.
   Während D.W. sich die Befehlsstruktur der Gruppe einprägte, studierte Anne Edwards die Anatomie. Die beiden Spezies unterschieden sich nicht allzu sehr. Ihr Körper war generell gleich angelegt: Zweibeinig, mit Vorder gliedmaßen, die auf Zupacken und Manipulieren spezialisiert waren. Auch die Gesichter hatten eine gewisse Ähnlichkeit, und die kleinen Unterschiede wirkten auf Anne weder schockierend noch abstoßend; sie fand sie ebenso schön, wie sie viele andere Spezies hier und Zuhause schön fand. Herrliche Augen, groß und mit dichten Wimpern, so gelassen wie die eines Kamels. Die Nase war konvex, breit an der Spitze und sanft der Schnauze entgegengebogen, die deutlich weiter aus dem Gesicht hervorragte als bei den Menschen. Die Mundöffnung war breit und lippenlos.
   Natürlich gab es zahlreiche Unterschiede. Der auffallendste war die Tatsache, daß die Menschen keinen Schwanz besaßen, was auch auf ihrem Heimatplaneten außergewöhnlich war; die große Mehrheit der Wirbeltiere auf der Erde hatte einen Schwanz, und Anne hatte nie so richtig verstanden, warum die Menschenaffen und Meerschweinchen ihn verloren hatten. Auch eine andere menschliche Absonderlichkeit fiel auf, hier genauso wie Zuhause: die relative Haarlosigkeit. Die Dorfbewohner waren mit einem glatten, dichten Haarkleid bedeckt, das sich flach an die muskulösen Körper anschmiegte. Sie waren so geschmeidig wie Siamkatzen: braungelb, mit wunderschönen, dunkelbraunen Ringen um die Augen, als wären sie von Kleopatras Khol gezeichnet worden, während sich eine dunklere Schattierung wie ein Band über das Rückgrat zog.
   »Wie schön sie sind!« hauchte Anne und fragte sich bekümmert, ob ein so einheitlich gutaussehendes Volk die Menschen wohl abstoßend finden würde - plattgesichtig und häßlich, mit lächerlichen Schöpfen aus weißem, rotem, braunen und schwarzem Haar, hochgewachsen, mittelgroß und klein, bärtig und glattgesichtig und obendrein noch sexuell dimorph. Wir sind barbarisch, dachte sie, im wahrsten Sinne des Wortes...
   Dann löste sich ein Individuum mittlerer Größe und unerkennbaren Geschlechts aus der Gruppe und kam nach vorn. Mit angehaltenem Atem sah Anne zu, wie diese Person sich ihnen näherte. Auf einmal merkte sie, daß Marc zu einer ganz ähnlichen biologische Einschätzung gelangt war, denn als die Person näherkam, rief er gedämpft: »Die Augen, Anne!« Jedes Auge enthielt eine doppelte Iris, horizontal wie eine Acht um zwei Pupillen unterschiedlicher Größe angeordnet, ganz ähnlich den bizarren Augen des Tintenfischs. Ähnliches hatten sie schon früher gesehen. Es war die Farbe, die sie faszinierte: ein dunkles Blau, fast Violett, so leuchtend wie die Glasfenster der Kathedrale von Chartres.
   Emilio blieb immer noch still stehen und überließ es der Person, die vor ihm stand, zu bestimmen, was geschehen sollte. Schließlich begann das Individuum zu sprechen.
   Es war eine fröhliche, schwingende Sprache, voller Vokale und sanft summender Konsonanten, fließend und schmelzend, ohne das Stakkato der Kehlkopflaute und den abgehackten Rhythmus der Sprache der Gesänge. Sie war, fand Anne, weit schöner, dennoch wurde ihr das Herz dabei schwer. Sie war der Sprache der Sänger so unähnlich wie Italienisch dem Chinesischen. All diese Mühe, dachte sie - umsonst. George, der wie sie alle von Emilio gelernt hatte, die Sprache der Sänger zu erkennen, schien dasselbe gedacht zu haben. Er beugte sich zu Anne hinüber und flüsterte: »Scheiße. In Star Trek haben alle Englisch gesprochen.« Sie stieß ihn mit dem Ellbogen an, lächelte aber vor sich hin und ergriff seine Hand, während sie der Sprache lauschte, und verstärkte ihren Griff, als die Person verstummte und auf Emilios Antwort wartete.
   »Ich verstehe dich nicht«, sagte Emilio Sandoz mit weicher, klarer Stimme, »aber wenn du mich deine Sprache lehren willst, werde ich sie lernen.«
   Was dann geschah, war jedem einzelnen in der Jesuitengruppe außer Sandoz ein Rätsel. Die sprechende Person rief eine Anzahl von Indivuen aus der Gruppe heraus, darunter mehrere halberwachsene Kinder, einen nach dem anderen. Jeder sagte etwas zu Emilio, der ihren Blicken mit gelassenem Ausdruck begegnete und jedem einzelnen erwiderte: »Ich verstehe dich nicht.« Es war so gut wie sicher, daß jeder von ihnen in einer anderen Sprache oder einem anderen Dialekt mit ihm gesprochen hatte, von denen einer tatsächlich jener der Sänger war, und plötzlich wurde ihm klar, daß dies Dolmetscher waren, und daß der Anführer eine Sprache zu finden suchte, die sie gemeinsam hatten. Da das nicht gelang, kehrte der Erwachsene zu seiner Gruppe zurück. Es gab eine Diskussion, die eine ganze Weile dauerte. Dann kam eine jugendliche Person, weitaus kleiner als alle, die bisher gesprochen hatten, mit einem anderen Erwachsenen nach vorn, der beruhigend auf das Kleine einsprach, bevor er es drängte, Emilio allein gegenüberzutreten.
   Es handelte sich um ein zierliches Kind, spindeldürr und wenig vielversprechend. Als Emilio sah, wie es vortrat, verängstigt, aber fest entschlossen, ließ er sich langsam auf die Knie nieder, damit er nicht so hoch über sie aufragte, wie der Erwachsene über ihm, und vorübergehend waren die beiden ganz allein, die übrigen ihrer Spezies vergessen, die Aufmerksamkeit auf den jeweils anderen konzentriert. Als das Kleine näherkam, hob Emilio eine Hand mit der Handfläche nach oben und sagte: »Hallo.« Das Kleine zögerte nur einen Moment, bevor es seine langfingrige, warme Hand in die seine legte. »Hallo«, wiederholte es. Dann fuhr es mit einer ebenso klaren und weichen Stimme wie Emilios fort: »Challalla khaeri.« Und beugte sich vor, um den Kopf an seinen Hals zu legen. Als sie das tat, konnte er hören, wie sie ganz kurz den Atem anhielt.

   »Challalla khaeri«, wiederholte Emilio und ahmte den körperlichen Grußkontakt mit ernster Miene nach.
   Unter den Dorfbewohnern entstand aufgeregtes Gemurmel. Es wirkte erschreckend, darum wichen die Menschen ein wenig zurück, Emilio jedoch, der den Blick fest auf das Kind gerichtet hielt, erkannte, daß das Kleine keine Angst hatte, und auch nicht zurückzuckte. Er führte seine Hand, die er in der seinen behalten hatte, behutsam an seine Brust und sagte: »Emilio.« Abermals wiederholte das Kleine das Wort, doch dieses Mal vermochte es die Vokale nicht zu bewältigen, so daß ein ›Meelo‹ herauskam.
   Emilio lächelte, ohne es zu korrigieren, und dachte: Ganz dicht dran, chiquita, ganz dicht dran. Irgendwie war er zu dem Schluß gekommen, daß es ein kleines Mädchen war, und hatte sich sofort in sie verliebt, seine ganze Seele vor ihr geöffnet. Er wartete, weil er wußte, daß sie seine Hand nun zu sich selbst herüberziehen würde, und das tat sie, obwohl sie seine Hand statt an ihre Brust an ihre Stirn führte. »Askama«, erklärte sie ihm, und er wiederholte es, mit dem Akzent auf der ersten Silbe, während die zweite und dritte kaum betont wurden, vielmehr flink ineinander übergingen und im Ton ein wenig abfielen.
   Nun erhob Emilio sich von den Knien und setzte sich mit untergeschlagenen Beinen in den feinen, ockerfarbenen Staub des Weges. Auch Askama drehte sich ein wenig, um ihm gegenüberzustehen, so daß sie, wie er wußte, von beiden Gruppen, der eingeborenen und der fremden, von der Seite zu sehen waren. Vor dem nächsten Schritt wandte er den Kopf und stellte Augenkontakt mit dem Erwachsenen her, der das Kind zu ihm gebracht hatte, und der nun dicht vor der Gruppe der Dorfbewohner stand und Askama aufmerksam beobachtete. Hallo, Mama, dachte er. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf Askama. Ein wenig überrascht tuend, hielt er ganz kurz die Luft an und fragte mit großen Augen: »Was ist das, Askama?« Dabei griff er hinter ihr Ohr und hielt plötzlich eine Blume in der Hand.
   »Si zhao!« rief Askama aus, vor Überraschung aus dem Schema der Wiederholungen gerissen.
   »Si zhao«, wiederholte Emilio. »Eine Blume.« Wieder sah er zu dem Erwachsenen hinüber, dessen Mund in einem großen Oval offenstand. Da es darüber hinaus keinerlei Regung gab, machte er weiter und produzierte sogleich zwei Blumen aus dem Nichts.

   »Sa zhay!« rief Askama und lieferte ihm damit vermutlich einen Hinweis auf die Pluralbildung.
   »O ja, Sa zhay, chiquitita«, murmelte er lächelnd.
   Kurz darauf kamen weitere Kinder nach vorn, und auch die Eltern rückten näher, bis sich die beiden Gruppen, die fremde und die einheimische, vermischten, Emilio und Askama umringten und hingerissen zusahen, wie er Steinchen, Blätter und Blumen vervielfachte, verschwinden und wiederauftauchen ließ, um möglichst viele Zahlen, Substantive und, weit wichtiger, überraschte, verwirrte und beglückte Mienen zu bewirken; dabei beobachtete er Askamas Miene und warf hier und da einen Blick zu den Erwachsenen und den anderen Kindern hinüber, um sich die Reaktionen einzuprägen, während er selbst bereits die Körpersprache in sich aufnahm und sie in einem Wirbel neuer Entdeckungen kopierte.
   Lächelnd, voller Liebe zu Gott und Seinen Werken, breitete Emilio schließlich die Arme aus, und Askama schmiegte sich, den muskulösen Schweif gemütlich um sich gerollt, auf seinen Schoß, kuschelte sich selig an ihn und sah zu, wie er die anderen Kinder begrüßte und in dem dreifachen Sonnenschein, der durch die Wolken brach, ihre Namen zu lernen begann. Er fühlte sich wie ein Prisma, das Gottes Liebe wie ein weißes Licht in sich aufnahm, um es in alle Richtungen zu verteilen, und dieses Gefühl war nahezu körperlich, als er von allem, was die Dorfbewohner sagten, möglichst viel herausfilterte und wiederholte, die Melodie und Kadenz der Sprache, das Schema der Phoneme auffing und mit ernster Miene Askamas leise Berichtigungen akzeptierte und wiederholte, wenn er etwas falsch gemacht hatte.
   Als das Stimmengewirr chaotischer wurde, nutzte er die Chance und begann den Kindern Nonsense zu antworten, indem er die Melodie und den allgemeinen Klang der Sätze mit großem Ernst nachzuahmen suchte, sich aber nicht mehr um Präzision bemühte. Diese Taktik hatte bei den Gikuyu gut funktioniert, die Chuuk-Insulaner dagegen hatten sich beleidigt gezeigt. Zu seiner Erleichterung schienen die Erwachsenen belustigt zu sein; auf jeden Fall gab es weder ärgerliche Rufe noch drohende Gesten, als die Kinder vergnügt kreischten und um die Chance wetteiferten, ihn auf seine urkomische, verrückte Art ›sprechen‹ zu lassen.
   Er hatte keine Ahnung, wieviel Zeit auf diese Weise verging, schließlich jedoch merkte Emilio, daß sein Rücken völlig verspannt und seine Beine von Askamas Gewicht wie gelähmt waren. Behutsam schob er das Kind von seinem Schoß und kam unsicher auf die Füße, behielt ihre Hand jedoch in der seinen, als er sich umblickte, als sähe er sie alle zum erstenmal. Er entdeckte Jimmy und Sofia, die ihm zurief: »Zauberei! Das haben Sie mir vorenthalten, Sandoz!« - denn das war in ihrem AL-Programm nicht vorgesehen. Dann sah er Marc Robichaux, mitten in der Menge, mit einem Kleinen auf den Schultern, damit das Kind über die Erwachsenen hinwegsehen konnte. Und da war D.W., dessen Augen wunderlicherweise voll Tränen standen. Er suchte nach George und Anne Edwards, fand sie schließlich, Arm in Arm, und Anne weinte ebenfalls, aber George sah ihn strahlend an und rief, die Stimme über den Lärm der Kinder erhebend: »Wenn jemand fragt, ich bin hundertundsechzehn!«
   Emilio Sandoz warf den Kopf in den Nacken und lachte. »Gott!« rief er in den Sonnenschein hinauf; dann beugte er sich nieder, um Askama einen Kuß auf den Kopf zu geben und sie zu einer Umarmung zu sich heraufzuheben, welche die gesamte Schöpfung umfaßte. »Gott!« flüsterte er abermals mit geschlossenen Augen und dem Kind auf seiner Hüfte. »Für das hier wurde ich geboren!«
   Das war die schlichte Wahrheit. Nichts anderes konnte sein Leben erklären.

© 2000 der deutschen Übersetzung: Wilhelm Heyne Verlag
Mit freundlicher Genehmigung des Heyne Verlag

Ausgezeichnet mit dem Kurd Laßwitz Preis 2001
Bestes ausländisches Werk zur Science Fiction mit deutschsprachiger Erstausgabe von 2000
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Mary Doria Russell
The Sparrow (1996)
Sperling, deutsch von Gisela Stege (München: Heyne, 2000) [06/6336] Bestellen
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The Sparrow (1996)
Sperling, Mit einem Vorwort von Philip Jose Farmer (München: Heyne, 2004) [06/8223] Bestellen
Siehe auch
Rezension: Mary Doria Russell: Sperling (The Sparrow • 1996)
Rezension: Mary Doria Russell: Gottes Kinder (Children of God • 1998)
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