»Ambrac! He, wach auf! Du wolltest uns eine Geschichte erzählen!« Der Alte blinzelte verschlafen. Es war kühler geworden, und dunkler. Um ihn herum hockten die Kleinen und sahen ihn erwartungsvoll an. Das Licht der aufgehenden Monde spiegelte sich in ihren großen Augen.
»Uuh, aah«, gähnte Ambrac. »Eine Geschichte ... stimmt, das habe ich versprochen. Welche wollt ihr denn hören?«
»Vom Waldherz!« wünschte ein Kleines.
»Vom Berglied!« drängte ein anderes.
»Vom Eingesicht!« forderte ein drittes.
»Vom Eingesicht«, wiederholte Ambrac nachdenklich. »Diese Geschichte habe ich schon lange nicht mehr erzählt. Also gut – seid still jetzt und hört zu!«
Ich war noch ein Jüngling – ja, kichert nur! –, als Eingesicht vom Himmel fiel. Mit einer Jagdgruppe war ich unten am See. Plötzlich war ein Raunen und Flüstern in der Luft, dann ein Jaulen und Schreien wie von einem waidwunden Tier. Die Himmel verdunkelten sich. Ein Schatten huschte über mich hinweg. Und dann brach etwas in den Wald am Seeufer und riss ihn auseinander. Der Boden wankte. Zitternd krallte ich mich in die bebende Erde, überzeugt, das Ende der Welt sei gekommen. Aber die Welt beruhigte sich wieder, und als ich mich endlich aufzurichten wagte, da sah ich, dass das Land und der Wald bis zum See hinunter von einem tiefen Graben gespalten waren. In Ufernähe stieg schwarzer Qualm auf.
Nicht nur ich, sondern alle aus der Jagdgruppe waren in Deckung gesprungen. Nun, da der Schrecken vorüber war, trauten sie sich nach und nach wieder hervor. Wir alle staunten über den Graben, der sich in gerader Linie durch das Land zog, und fragten uns, welche unheimliche Macht hier gewirkt hatte. Und dann deutete jemand auf den Qualm und meinte, wenn wir dort nachsehen würden, fänden wir es vielleicht heraus.
Nachdem wir uns einmal auf den Weg gemacht hatten, mochte niemand umkehren und als feige gelten, obwohl der Anblick der zerrissenen Erde jedes Herz mit Furcht füllte. So folgten wir dem Graben zum Wald und in den Wald hinein, bis wir beinahe am Seeufer angelangt waren. Und dort fanden wir ein großes Zelt, größer selbst als jene, in denen wir unsere Ratsversammlungen abhalten. Es sah aus wie ein flacher, an den Kanten rundgeschliffener Stein, und es war nicht aus Rinden und Häuten genäht, sondern aus etwas, das silbern schimmerte wie die Schuppen der großen Fische, wenn sie aus dem Wasser schießen. Rings um dieses Zelt brannten noch immer einige Bäume. Eingesicht sprang zwischen ihnen umher und machte einen Nebel, der die Flammen verschwinden ließ.
Ich stand ganz vorne, eng an das Wurzelwerk eines gestürzten Baumes gedrückt. Noch nie hatte ich ein so seltsames Geschöpf gesehen: dürr wie ein Ast, mit vier starren, ungelenken Gliedern und einem runden, haarigen Knubbel ganz oben. Doch viel seltsamer noch als seine Gestalt war, dass es nur ein Gesicht hatte. Das spürte ich sofort, als ich behutsam meine Gedanken zu ihm aussandte. Dort, wo sein zweites Gesicht hätte sein sollen, war nichts, gar nichts. Deswegen gab ich dem Wesen den Namen Eingesicht.