»Spielgeld eignet sich für Spielchen. Aber ich lasse nicht gerne mit mir spielen!«
Erst vor einer knappen Stunde hatten Ridek und Musako sich im Separee eines Internetcafés getroffen. Was einst die verschwiegenen Hinterzimmer der Flüsterkneipen gewesen waren, das waren einhundert Jahre später die abgetrennten Surfrooms der Internetcafés, die den überwachungsfreien Zugang zu illegalen Servern ermöglichten. Das Duo allerdings rührte den PC nicht an; es war nicht an verbotener Pornografie oder dem Hacken von Zugangscodes interessiert, sondern an garantierter Diskretion.
Für seinen Beruf sah Musako eigentlich zu auffällig aus. Er war groß, nicht nur für einen Japaner; der Maßanzug, den er trug, hätte sogar an Rideks Körper geschlackert. Sein Gesicht war fast so faltenlos wie die Haut seines blank rasierten Schädels, und dabei so rund und glatt, dass die Schlitze seiner Augen und sein schmaler Mund wie Schnitte wirkten. Es hieß, Musako sei nicht besonders intelligent, aber in seinem Job der Gerissenste. Eine perfekte Kombination.
Ridek reichte dem Japaner den codierten Chip mit der Auftragsbeschreibung. Ihm selbst war die Zielperson unbekannt; er war lediglich ein gut bezahlter Mittelsmann und so sollte es auch bleiben. Über die Art des Auftrags allerdings befand er sich nicht im Unklaren. Musako war ein Feuchtmann, ein Hitman, ein Killer. Aber einer der besonderen Art.
Mit einer angedeuteten Verbeugung und einem dünnen Lächeln nahm Musako den Chip entgegen. Er öffnete den silbernen Koffer so, dass der aufgeklappte Deckel eine Barriere gegen Rideks Neugier bildete. Dann neigte er den Kopf und führte konzentriert irgendeine Tätigkeit mit dem Chip aus. Ridek nutzte die Gelegenheit, um an dem Deckel vorbei einen verstohlenen Blick auf den Inhalt des Koffers zu werfen.
Das Berufswerkzeug Musakos war Platz sparend in Profilpolstern und Halterungen verschachtelt. Ridek erblickte ein zusammenlegbares Präzisionsgewehr, eine FN 90, ein Nahkampfmesser, ein Nachtsichtgerät, diverse Stahlmagazine, Gefahrguthülsen im Kugelschreiberformat und vielerlei elektronischen Schnickschnack, den er nicht identifizieren konnte. Musako aktivierte einen Taschencomputer und fütterte ihn mit dem Chip.
Musakos Grinsen blühte auf, als er die Daten des Chips auf den handtellergroßen Monitor holte. Ohne hochzusehen sagte er: »Curiosity killed the cat, kennen Sie dieses amerikanische Sprichwort? Heisst das auch bei Ihnen so dass Neugier der Katze Tod ist?«
Als Ridek sekundenlang eine Erwiderung schuldig blieb, fuhr Musako fort: »In meiner Heimat sagen wir: kookishin no hodohodo ni Auch Neugier ist endlich. Oft endet sie in einem rechteckigen Loch in der Erde.« Mit diesen Worten drehte er das Display des Taschencomputers schneller um, als Ridek reagieren und wegsehen konnte Bevor er seine Augen abwandte, hatte er bereits die abgebildeten Grafiken und Daten erblickt.
»Hinge Ihr Überleben von Ihrer Reaktionsschnelligkeit ab, Herr Ridek, Sie wären längst ein toter Mann«, erklang Musakos Stimme leise und höflich. Als Ridek seinen Blick wieder hob, war der Koffer geschlossen, Musako hatte ein Bein über das andere geschlagen und stützte die Hände auf dem Knie ab: Sie umfassten den Griff der FN 90, die Mündung zielte zwischen Rideks Augen. Das alles war ohne den geringsten Laut geschehen.
Es gelang Ridek, dem toten Blick der Waffenmündung ebenso stand zu halten wie dem Schlangenblick Musakos, der ihn ohne ein Blinzeln anstarrte, als besäße er Augen ohne Lider. »Wären meine Sendherren nicht bereits vollkommen überzeugt, Herr Musako, dass nur Sie für diese Arbeit in Frage kommen jetzt wären sie es«, entgegnete er ruhig.
Musakos Lider zuckten, er blinzelte heftig und der Schnitt seines Mundes wurde unmerklich breiter. Fast erwartete Ridek Blut über die Lippen treten zu sehen; dennoch betrachtete er es als eine Art von Lächeln. Musako strich eitel über den Lauf der Pistole, ehe er sie außer Reichweite Rideks auf den Kofferdeckel legte. »Keine Angst, ich habe nicht den Wunsch, Sie zu töten«, sagte er. »Wenn ich merke, dass ich mich mit jemandem in Übereinstimmung befinde, kann ich ein sehr liebenswürdiger Todesengel sein.«
Ridek entspannte innerlich. Musako war genau der Idiot, als den man ihn schilderte. Dann räusperte er sich und versicherte: »So vermessen, mich für die Details Ihres Auftrags zu interessieren, bin ich nicht. Derart brisante Informationen sind nicht für jedermanns Augen geeignet.«
Musako nickte ernst.
Bei Rideks kurzem Einblick in Musakos Koffergeheimnisse war seine Neugier von transparenten, mit einer phosphoreszierenden Flüssigkeit gefüllten Plastikpacks geweckt worden, die das Innere des Koffers ausfütterten. Er spielte darauf an und fügte hinzu: »Waffen und elektronisches Equipment habe ich schon bei vielen ähm Todesengeln gesehen. Durchschnittstodesengeln. Diese Leuchttanks hingegen sind mir gänzlich unbekannt.«
»Ich bin der Einzige, der damit arbeitet«, bestätigte Musako knapp.
Ridek nickte respektvoll. »Natürlich. Nicht jeder Todesengel beherrscht die Tricks aus dem Zauberkasten.«
Fast hätte Musako sich ein kurzes Lachen gestattet; es wurde aber nur ein dezentes Aufstoßen. »Das ist kein Hokuspokus«, er klopfte mit der flachen Hand auf den Koffer, »letztlich ist es Science, Wissenschaft.« In seine Miene trat ein philosophischer Ausdruck. »Ich habe über Ihre abendländische Todessymbolik nachgedacht«, sagte er. »Das Stundenglas in der Hand des Sensenmannes ... Der personifizierte Tod, der die Zeit beherrscht. Dem fühle ich mich verwandt! Nur dass wir den Sand auch gegen die Schwerkraft rinnen lassen können sozusagen.«