Yamahira hielt die alte M16 fest auf Quinn und die anderen gerichtet, während Lila die Waffen einsammelte, die sie am Rand des offenen Geländes zwischen Wald und Plex auf einen Haufen gelegt hatten.
Lila selbst trug eine Uzi, an einem Riemen über ihrer Schulter. Ihr Gesicht war ebenso ernst wie das ihres Vaters. Sie waren sich beide des Risikos bewusst, das sie eingingen. Sie erwiderte nicht einmal Zizz Lächeln. Sie konnte es sich nicht leisten zurückzulächeln, bevor die Fremden entwaffnet waren und sich in ihrer Gewalt befanden.
Sullivan gab ihnen aus dem Bunker heraus Feuerschutz. Er hatte einen Schuss in die Luft abgefeuert, um die Fremden wissen zu lassen, dass er da war.
»Vorwärts, die Hände auf die Köpfe«, sagte Yamahira.
»Ich hoffe, du weißt, worauf wir uns da eingelassen haben, Quinn,« sagte Mahler und legte die Hände auf den Kopf.
Worauf wir uns eingelassen haben! dachte Quinn, legte reumütig seine eigenen Hände auf seinen Kopf und marschierte vor dem Alten mit der Schnellfeuerwaffe her. Guter Witz. Schließlich hatte Mahler ihn an der Filmhochschule in Orlando rekrutiert, ihm einen Dokumentarfilm über Black Betty versprochen, und wenn der Alternative Media Channel ihn auch nicht bezahlen konnte, würden sie seine Spesen übernehmen.
Doch das Projekt entbehrte von Anfang an einer stabilen Grundlage. Dann war ihnen noch Zizz aufgehalst worden, angeblich Journalistikstudentin, die Tochter eines Kerls aus dem Dunstkreis von AltMedia. Er hatte Zizz gegenüber gemischte Gefühle.
Und dann noch Mahler; er und Quinn waren politisch Hemisphären voneinander entfernt. Quinn stand dem Anarchismus näher als dem Kommunismus – doch er bewunderte Mahlers ideologische Beharrlichkeit. Mahler mochte ein Dogmatiker sein, aber sein Dogmatismus war nicht so brüchig wie der vieler politischer Windhunde, die Quinn kannte. Und doch landete Quinn jedes Mal in der Position des Anführers, wenn es ernst wurde.
Quinn war kein Feigling. Bevor er nach Orlando gezogen war und beschlossen hatte, die Filmerei als seine Waffe einzusetzen, hatte er mit Neunmillimeter-Kanonen gegen die Neofaschisten gekämpft, gegen die Miliz der Neuen Rechten, in den Straßen von Brooklyn und in New Orleans.
Sie hatten New Orleans verloren – es war nur noch dem Namen nach ein Bundesstaat. Und es war nur noch äußerst widerwillig Teil des Bundes. Aber die christlichen Funs in Louisiana, selbst die, die sich nicht vollständig losgesagt hatten, setzten sich mit schöner Regelmäßigkeit über die Verfassung hinweg, verboten Abtreibungen, schrieben nicht nur Gebete, sondern ausschließlich christliche Gebete in Schulen vor und vertrieben die Moslems und Hindus aus dem Staat, indem sie ihnen Geschäftslizenzen verweigerten. Die meisten Mormonen waren weggegangen und hatten sich dem unabhängigen Utah angeschlossen ...
Quinn war noch jung, aber er hatte bereits auf Menschen geschossen, und er glaubte an den bewaffneten Kampf.
Doch hier? Hier war all das bedeutungslos. Er war zwischen sich bekriegende Fraktionen und kriminelle Banden geraten, und seine Sympathie oder seine Loyalität gehörte keinem von ihnen. Sein Tod hätte keinerlei politische Bedeutung. Bei dem Versuch, näher an die legendäre Black Betty heranzukommen, war er stattdessen zu nahe an das Chaos und den Wahnsinn im Kern der neuen gesellschaftlichen Wirklichkeit geraten.
Black Betty hatte versucht, den Flüchtlingen in NordKal politisches Gewicht zu verleihen. Quinn und Zizz und Mahler hatten versucht, an der allgemeinen Nachrichtensperre vorbeizukommen, Black Bettys Aktionen an die Öffentlichkeit zu bringen, und irgendwie waren sie selbst zu Flüchtlingen geworden.
Und jetzt hatte er sich diesen bewaffneten Fremden ausgeliefert, die ihn vielleicht einfach aus Prinzip hinrichten würden. Ein bedeutungsloser Tod ...
Doch eine Stunde später waren sie noch immer nicht an die Wand gestellt worden. Sie warteten in dem Kellergeschoss, das dem Wohnplex als Speisezimmer diente, auf etwas zu essen. Die Fenster waren mit zementierten Aschekästen abgedichtet.
Die entwaffneten Soldaten und Quinns Gruppe saßen um den langen Metallklapptisch und beobachteten Lila, die Doseneintopf in die Mikrowelle stellte.
»Muss sie immer kochen?«, fragte Zizz.
Quinn zuckte zusammen. »Zizz – lass die Politik aus dem Spiel ...«
»Schon in Ordnung«, sagte Lila lächelnd und holte die Teller. »Ich koche gerne ... wenn man das als Kochen bezeichnen kann. Vielleicht ist das mein weibliches asiatisches Erbe. Ich denke, es gefällt mir einfach, Leute zu verpflegen. Sullivan und Dad kochen genauso oft wie ich. Sullivan hat ziemlich heftige Makkaroni mit Käse auf dem Programm ...«
»Heftig ist der passende Ausdruck«, murmelte Anatole. »Reißt dir ein Loch in den Magen.«
Sullivan lächelte. Er lehnte neben Yamahira an der Wand und beide trugen ihre Waffen an Riemen über der Schulter, ein Achselzucken entfernt vom ersten Schuss.
Anatole saß mit den Soldaten am Tisch, Kian ganz nah bei sich, beide außer Reichweite der Neuankömmlinge.
»Also, äh, erzählt mir mal«, wollte Metzger wissen, »wie ihr an was zu essen rangekommen seid, während alle anderen in diesem Abschnitt mehr oder minder am Verhungern sind?«
»Mein Vater war darauf vorbereitet, als die Hungersnot angefangen hat«, platzte Anatole heraus. »Er hatte schon die Sonnenkollektoren angebracht und einen großen Vorrat Waffen und Munition -«
»Anatole!« bellte Sullivan. Er sah den Jungen an und schüttelte den Kopf.
»Dein Dad traut uns noch nicht«, sagte Metzger.
»Kann ich ihm nicht verdenken«, sagte Huxley. »Er weiß nichts über uns. Wahrscheinlich versuchen dauernd irgendwelche Leute hier einzubrechen ...«
»Zwei Mal bisher«, sagte Kian unvermittelt. »Warlords und ihre Banden. Wir mussten sie töten.«
Sullivan zuckte zusammen.
Die sechs Neuankömmlinge drehten die Köpfe wie ein Mann, als die Mikrowelle klingelte. Lila löffelte Eintopf in ihre Plastikteller. »Wenn ihr seit ein paar Tagen nichts mehr gegessen habt«, sagte sie, »solltet ihr euch Zeit lassen.«
Die Neuankömmlinge aßen mit Heißhunger und ignorierten ihren Ratschlag.
Sie lächelte. »Die Dosen sind ungefähr zwei Jahre alt, also schmeckt es vielleicht etwas nach Blech ...«
»Es schmeckt großartig«, schwärmte Huxley. »Mit oder ohne Blech. Ich bin euch wirklich dankbar, Leute.«
»Da hat er Recht«, sagte Buford, »die meisten Menschen kämen gar nicht mehr auf die Idee, so etwas zu tun.«
Sullivan schnaubte und sah Yamahira an. »Zurechnungsfähige Menschen sicher nicht.«
»Mein Dad ist nicht wie andere Leute«, sagte Kian schlicht, stolz.
»Das stimmt«, sagte Lila mit einem leisen Lächeln und schenkte Pulverkaffee ein.
In sehr zurückhaltendem Tonfall fragte Metzger: »Werden Sie unsere Gewehre behalten, Mr. Sullivan?«
»Erst mal schon. Irgendeine Vorstellung, warum es uns nicht gelungen ist, über Funk mit dem Militär Kontakt aufzunehmen?«
Huxley antwortete mit vollem Mund. »Sie haben die Frequenzen geändert. Wir waren mit einem Versorgungskonvoi unterwegs, hauptsächlich Waffen, und die Plünderer haben die alten Frequenzen benutzt, uns in die Falle gelockt und niedergemacht ... nur wir und zwei Offiziere haben überlebt ...«
»Feige Hunde von Offizieren«, knurrte Metzger, »haben sich in einem Minikopter davongemacht, um Hilfe zu holen.«
Buford schnaubte verächtlich. »Was für ein Witz. Ihren Arsch haben sie gerettet, sonst gar nichts.«
»Wir haben das Militär und die Behörden schon seit einiger Zeit nicht mehr erreicht«, sagte Yamahira. »Sie müssen wissen, das wir hier sind. Wir haben überlegt, eine Flucht querfeldein zu riskieren ...«
Buford schüttelte den Kopf. »Wenn ihr nicht von den Warlords oder den Crips überrascht werdet, schnappen euch die moslemischen Milizen, und die beschließen, dass ihr Spione seid und erschießen euch. Irgendwann werdet ihr vielleicht mal aus der Luft hier rausgeholt.« Er trank einen Schluck Kaffee. »Das Problem ist, dass unsere Uplinks zur Computer-Kommandantur nicht mehr klappen. Und Anrufe von Zivilisten bleiben im Papierkrieg stecken, wegen der Täuschungsanrufe.«
»Täuschungsanrufe?«, fragte Lila.
»Sicher. Die Separatisten – alle drei Gruppen – täuschen Hilferufe vor und stellen Fallen. Terroristenscheiße, aber was soll man machen.«
»Deshalb werden wir also ignoriert ...« Lilas Stimme klang zunehmend verzweifelt. Sie beschäftigte sich damit, eine Schüssel zu säubern.
»Das«, sagte Metzger, »und die EMI-Bomben«
»Gibts die wirklich?«, wollte Sullivan wissen.
»Und ob. Die Separatisten wissen ganz genau, dass unsere Armee heutzutage um Computer und Fernsteuerung herum aufgebaut ist. Der größte Teil des Budgets wurde in Langstreckenkram gesteckt, stimmts? Fernsteuerungen, ferngesteuerte Fahrzeuge, smarte Flugkörper, EP7, all das. Wenn du allerdings durch eine Bombe einen elektromagnetischen Impuls auslöst, bringst du den ganzen Scheiß durcheinander, und mit etwas Glück setzt du die ganze Anlage außer Gefecht. Die Schwachköpfe beim Militär haben die Bodentruppen auf ein Minimum reduziert – sie haben gedacht, sie könnten sich auf ferngesteuerte Geräte verlassen, computerisierte Langstreckenverbindungen, und dann stellt sich heraus, dass der ganze Hightech-Kram super anfällig ist, und nun können wir kaum mehr als die Hälfte davon benutzen, ohne alles zu schrotten und wir haben nicht genug ausgebildete Leute und ... und jetzt stehen wir da. Das Land ist nicht mal mehr stark genug, einen verdammten Bürgerkrieg zu verhindern ...«
»Das ferngesteuerte Militär schien seinerzeit eine gute Idee zu sein«, sagte Lila. »Ein geringeres Risiko für die Truppen ...«
»Ehrlich gesagt hat das Pentagon im Augenblick keinen Durchblick mehr«, ergänzte Metzger.
»Uns eingeschlossen«, murmelte Huxley.
»Das hört sich ja großartig an«, sagte Quinn, »einfach großartig. Ein größeres Durcheinander heißt mehr Chaos, mehr Flüchtlinge, mehr allgemeines Leid.«
Zizz sah ihn an. »Ich war zur Genüge damit beschäftigt, mir selbst Leid zu tun, bevor du das gesagt hast.«
»Tut mir Leid, dass ich dir den Spaß an deinen ... Neurosen verdorben habe.«
»Das Leid ist Teil des Kampfes«, stellte Mahler fest.
»Und Leid ist keine Bohne wert«, murmelte Zizz vieldeutig und löffelte Erbsen und Karotten, bevor Lila mit dem Nachschöpfen fertig war. Hinter ihrer Leichtfertigkeit versteckten sich bittere Erfahrungen, dachte Quinn.
»Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung, was zum Teufel wir machen sollen«, sagte Huxley.
Sullivan las die Enttäuschung in Yamahiras gesenktem Blick: Diese Leute würden ihnen nicht helfen können.
Aber vielleicht war es schon eine Hilfe, dachte er, wenn ein paar Fremde hier waren: für die Kinder. Weil es zivilisiert war. Weil es gesellschaftlichen Umgang lehrte. Sicher, es wäre gut.
Wenn die Neuankömmlinge sie nicht im Schlaf ermordeten und ihre Vorräte mitnahmen, dann vielleicht.