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»Was ist Cyberpunk?«

John Shirley im Gespräch mit Myra Çakan


Myra Cakan: In jedem Interview werde ich gefragt: »Was ist Cyberpunk?« - »Wie würden Sie Cyberpunk definieren?« - »Warum schreiben Sie Cyberpunk?« Ich könnte wetten, daß dir das bekannt vorkommt und du diese Fragen viel besser beantworten kannst als ich. Schließlich hast du den Cyberpunk sozusagen »erfunden«.

John Shirley: So weit würde ich nicht gehen, aber ich habe dazu beigetragen, ihn zu definieren, insbesondere mit meinem Roman Stadt geht los (City Come A-Walkin' • 1980). Vielleicht läßt sich dieser Begriff auch gar nicht definieren, und diese Vorstellung des kommenden Jahrhunderts lag einfach 'in der Luft'. Eine eher sozialrealistische Sicht auf die Dinge - ein Gefühl für die Einsetzbarkeit der Technologien auf der Straße, ein Gefühl für die Bezüge zu alternativen Medien, zu radikaler Rockmusik; überhaupt das Gespür für die Energie des Rock - die Energie des Punk. Das Schattendasein innerhalb des schnell verkommenden städtischen Umfeldes, das wir geschaffen haben. Dieses Gefühl, daß man sich beeilen muß, daß man das Leben eines Outlaws führen muß, um zu überleben.

Myra Cakan: Diese Energie des Punk und der Straße ...

John Shirley: Stadt geht los verbindet das bis zu einem bestimmten Punkt mit 'Magischem Realismus' - Borges und J. G. Ballard haben mich beeinflußt - und metaphysischen Vorstellungen, die in meinen Sachen nie ganz fehlen. In Es werde Licht (Silicon Embrace • 1996) sind sie noch offensichtlicher. Als ich mitgeholfen habe, den Cyberpunk zu definieren, habe ich ihn in gewissem Sinne neu definiert, verändert. Was soll eine Bewegung, wenn sie sich nicht bewegt?

Myra Cakan: Ich sage immer: Cyberpunk liest sich so, wie Blade Runner aussieht.

John Shirley: William Gibson hat mir erzählt, daß er beim ersten Mal das Kino vorzeitig verlassen hat, weil Atmosphäre und Ausstrahlung des Filmes zu sehr seinem Buch glichen.

Myra Cakan: In Es werde Licht geht es unter anderem um Außerirdische, und auf dem Titelbild ist ein »Grauer« zu sehen. Warum Aliens? Zur Zeit scheint jeder über Aliens zu schreiben. Ketzerisch gefragt: Wolltest du dich an den Erfolg von Akte X hängen?

John Shirley: Nein, ich habe ein Symbol aus der Popkultur übernommen und es umgestaltet, es in eine metaphysische Metapher verwandelt. Die Grauen symbolisieren einen gesellschaftlichen und geistigen Zustand der Menschen - einen sehr niedrigen Zustand. Ich habe Forschungen über UFOs angestellt, um herauszufinden, ob irgend etwas an der Sache dran ist, und bin zu dem Schluß gekommen, daß 98 Prozent davon, Roswell eingeschlossen, in die Welt der Mythologie gehört. Aber was für eine Mythologie! Das war der ureigene »Roman« der Öffentlichkeit, die Kunst des Zeitgeistes. Ich habe aus Spaß ein paar Anspielungen auf Akte X und dergleichen eingebaut - um die Leute aufzuziehen, sie zum Nachdenken anzuregen.

Myra Cakan: Liest du eigentlich noch Science Fiction, und was hast du zuletzt gelesen?

John Shirley: Sehr selten. Damit will ich nicht sagen, daß die heutige SF nichts taugt - aber ich muß für meine Arbeit als Drehbuchautor so viel recherchieren, daß ich fast nur noch Zeit für Sachbücher finde. Ich schreibe gerade ein Script über das Leben des Salvador Dalì, und ich lese Bücher über ihn und sein Umfeld. Ich denke, Dan Simmons (Hyperion) und Lucius Shepard (Beast of Heartland) gehören im Augenblick zu den besten SF-Autoren. Sicher gibt es eine ganz Menge großartige Autoren auf diesem Gebiet. Ich habe die neuesten Sachen von Jack Vance (Durdane) gelesen, ich bin aber auch süchtig nach ihm.

Myra Cakan: Das ist komisch, daß du gerade Vance erwähnst. Als ich angefangen habe, SF zu schreiben, gehörte er zu den Autoren, die mich beeinflußt haben, zusammen mit Eric Frank Russell (The Great Explosion). Mir hat die Art und Weise sehr gefallen, wie Vance fremde Planeten und Kulturen und Außerirdische beschrieben hat, und ich halte Russells Witz für den originellsten innerhalb der Science Fiction. Warst du jemals versucht, eine typische Space Opera zu schreiben?

John Shirley: Mein Roman Ein herrliches Chaos (A Splendid Chaos • 1988) kommt dem am nächsten - ich habe ihn eine »interplanetare Phantasie« genannt. Aber er ist wahrscheinlich eher von Marcel Duchamp und Max Ernst beeinflußt worden als von Eric Frank Russell. Ich habe allerdings eine Space Opera geschrieben - für Kinder. Sie heißt Stardogs und handelt von einer Zeit, als die Menschen auf rätselhafte Weise verschwunden sind, Hunde und Katzen sich weiterentwickelt haben und wie Menschen denken und sprechen. Sie machen sich daran, in Raumschiffen die Sterne zu erforschen, auf der Suche nach ihren alten Herren, der Menschheit. Das klingt ziemlich albern - nun ja, es ist für Kinder so ungefähr zwischen zehn und dreizehn.

Myra Cakan: Wie kamst du dazu, SF und Horror zu schreiben?

John Shirley: iner der Hauptgründe ist wahrscheinlich, daß ich das als junger Mensch gelesen habe, und weil es leichter war, da einen Fuß in die Tür zu bekommen - aber auch, weil es so 'weit offen' ist. Man kann damit zu allem Stellung beziehen - es bietet sich wie eine Hure für den Symbolismus an.

Myra Cakan: In deinen Romanen - Es werde Licht, der Eclipse-Trilogie und anderen - kämpfen die Protagonisten oft gegen eine korrupte Regierung. Würdest du sagen, daß deine Romane eine politische Botschaft haben? Oder kommt darin deine Sorge über eine mögliche Zukunft zum Ausdruck?

John Shirley: Ich denke, darin steckt oft eine politische Botschaft - und die metaphysische Botschaft ist die Kehrseite der Medaille. Es hat sich weitgehend herumgesprochen, daß die Konzerne zuviel Macht an sich reißen; daß Kultur ausverkauft wird; daß eine Spielart des Faschismus sich wieder auszubreiten versucht; daß unsere Gesellschaft labil ist. Wenn das gesellschaftliche Chaos ausbricht - wie in den Eclipse-Romanen und Es werde Licht -, werden sich auch die faschistischen Kräfte wieder durchsetzen und an die Macht kommen. Und dann gibt es immer noch das unlösbare Problem, wie sich der Wille des Kollektivs mit dem des Individuums vereinbaren läßt. Meine Bücher dramatisieren diese Fragestellungen.

Myra Cakan: Alle Leute sprechen über die Jahrtausendwende. Was sind deine Hoffnungen und Befürchtungen für diesen Planeten im nächsten Jahrhundert?

John Shirley: Meine Befürchtungen - ich habe Angst, daß einige Großstädte in den USA und in Europa von Terroristen unter Einsatz von Atomwaffen oder biologischen Kampfstoffen zerstört werden. Ich habe Angst, daß die steigenden Bevölkerungzahlen zu erhöhtem Druck auf die Ressourcen führen werden und die internationale Gemeinschaft im Krieg zerbricht. Ich habe Angst vor ökologischen Katastrophen, die durch unseren wahnsinnigen Gebrauch von Pestiziden und unserer Vergiftung der Biosphäre ausgelöst werden, die Hungersnöte und erhöhtes Kriegsrisiko nach sich ziehen.
Ich befürchte eine weitergehende Balkanisierung, eine Fragmentierung, die zu falschen Formen der Einheit führen wird. Einheit kann gut oder schlecht sein - wir müssen sinnvolle Lösungen finden, globale Regulierungsmechanismen, die nicht auf eine Weltregierung hinauslaufen, die aber Menschenrechte und Umweltschutz viel effektiver durchsetzen als die UNO oder die NATO. Wir brauchen nur ein paar allgemein anerkannte Regeln, die international strikt durchgesetzt werden, denn alles wird immer globaler, wir leben mehr und mehr in einer Welt, und das bedeutet, daß wir sowohl unsere Probleme als auch unsere Errungenschaften teilen.
Ich glaube, es wird aufgrund dieser Probleme zu einigen Katastrophen kommen. Doch die Menschheit wird das überstehen und hoffentlich eine intelligentere Version der Zivilisation in die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts retten. Ich glaube auch, daß eine der großen Hoffnungen der Welt in der Befreiung und Ausbildung der Frauen besteht. Das würde dazu führen, daß Frauen selbst über ihren Körper und ihr Leben bestimmen, weniger Kinder und ein größereres Mitspracherecht bekommen. Das kann nur gut sein.

Myra Cakan: In deinen Büchern kommen starke weibliche Charaktere vor, aber Handlung und Veränderungen werden von Männern bestimmt. Könnte diese Hoffnung - der größere Einfluß von Frauen - Thema eines neuen Romans sein?

John Shirley: Nun, die Figur der Catz Wailen aus Stadt geht los (die Patti Smith nachempfunden wurde), ist ziemlich aktiv und wichtig. In Eclipse gibt es Frauen als Kriegerinnen, die für die Geschichte durchaus eine Bedeutung haben. Aber im allgemeinen schreibe ich aus männlicher Sicht, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich eine weibliche Protagonistin ein ganzes Buch hindurch glaubwürdig schildern kann, schließlich bin ich selbst keine Frau, und erfahrungsgemäß ist es der Protagonist, der die Entscheidungen fällt und die Geschichte vorwärtsbringt.
Mir ist vorgeworfen worden, daß ich manchmal männliche Charaktere beschreibe, die sexuell sehr dominant orientiert sind oder so ähnlich, insbesondere in Eclipse, aber das ist ein Mißverständnis, denn eine der Hauptfiguren, Rickenharp, ist eine Art Destillat aller männlichen Rockstars, die ich je verehrt habe, wie Iggy Pop, Frank Zappa, Mick Jagger, Lou Reed, Jimi Hendrix und John Lydon. Ich werde mich bemühen, in meinen künftigen Büchern stärkere weibliche Charaktere einzuführen.

Myra Cakan: Was schreibst du als nächstes?

John Shirley: Ich habe einen Roman angefangen, der SF und Horror vermischt - eigentlich nichts Neues. Man denke nur an Invasion of the Body Snatchers, Die Farben des Alls von Lovecraft oder Alien. Manchmal tun die Leute allerdings so, als ob ich einen Marketing-'Fauxpas' begehen würde, weil ich eine Kreuzung aus Science Fiction und Horror/Fantasy schreibe.
Ich bin mir noch nicht sicher, wie das Buch heißen wird. Darin kommt eine sehr wichtige Frau vor, die bedeutende Entscheidungen fällt und Dinge voranbringt.

Myra Cakan: In Deutschland läuft zur Zeit eine Auseinandersetzung, die Wolfgang Jeschke mit der Behauptung losgetreten hat, die SF sei tot. Andererseits hat dein deutscher Verlag gerade eine neue SF-Reihe gestartet. Was denkst du: Ist die Science Fiction tot?

John Shirley: Manche Leute spielen dieses Spiel mit schöner Regelmäßigkeit: 'Der Roman ist tot', 'Die Kunst ist tot', und jetzt ist eben die SF tot. Und so weiter. Es wird immer eine Zukunft geben. Fantasy wird immer ihren Platz haben. Ich glaube an den Tod des Genres, wenn nichts mehr veröffentlicht wird. Aber vielleicht meinen sie tot im Sinne von 'leblos' - wie bei den lebenden Toten. Die herumlaufen, aber eigentlich nicht leben - nicht lebhaft sind. Wieviel lesen die, frage ich mich da. Es stimmt natürlich, daß die konventionelle SF voraussehbar und leblos ist. Man schaue sich nur an, wie die Romane von Kevin Anderson über Star Wars (z. B. Darksaber, der Todesstern) oder der Wüstenplanet-Aufguß (House of Atreides) den Markt dominieren. Das verdrängt natürlich die intelligenten, kreativen Autoren. Doch jedes Genre, jede Kunstform, die für tot erklärt wird, erholt sich wieder, unabhängig von irgendwelchen ästhetischen Theorien - und kehrt immer zurück.

• © Myra Çakan • Übersetzung: Hannes Riffel

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