| Erledigte Sujets werden
erschossen, nicht wahr? Schreiben Sie bitten, was sie wollen, nur
nicht ...
von einer Invasion außerirdischer Eroberer, die durch
das planetare Verteidigungssystem zu den irdischen Hauptstädten durchgebrochen sind (und
wie sie eben auf die schutzlosen Parlamentsgebäude herabstoßen, flammen am Himmel die
verhängnisvollen Worte auf: »Spiel beendet. Bitte eine neue Münze einwerfen.«);
von lokalen und globalen Katastrophen (und daß die
Menschen zu Tausenden umkommen, und möglichst viele Kataklysmen, und Atomexplosionen und
Überschwemmungen und Winter und Pest ... und alles nur, damit der Held am Ende seiner
Partnerin sagen kann: »Ich glaube, ich werde dich Eva nennen.«);
von Zeitreisen, um in der Vergangenheit jemanden
umzulegen (den eigenen Großvater, einen persönlichen Feind) oder etwas zu stehlen (das
Bild eines Genies);
von den Abenteuern von Astronauten, die zwar ziemlich
kluge Leute sind, aber Roboter für die Eingeborenen halten, die Eingeborenen für
örtliches Getier und das örtliche Getier für eine Naturerscheinung;
von Robotern, die für gleiche Rechte und allgemeine
Emanzipation kämpfen (Befreiung von allen einschließlich der Kyborgs);
von einem Sumpf, der sich als denkendes Wesen erweist;
von einem Mutanten, der sich als Letzter Bewohner der
Erde erweist;
von einem verliebten jungen Mann, der sich in einen
Hund, einen Kaktus, ein Damenhandtäschchen verwandelt (Unterwäsche ausgeschlossen), um
seiner Angebeteten nahe zu sein;
usw.
Aus der Zeitschrift »Fantakrim MEGA«, Minsk 1992, Nr. 5 |

Ausgezeichnet
mit dem
Kurd Laßwitz
Preis 2003

|
1.
»Spiel beendet. Bitte eine neue Münze einwerfen.« Die Worte flammten vor einem
unnatürlich hellblauen Himmel auf.
»Elterchen«, wandte sich die Kindin mit der liebsten Stimme, die sie
zustande brachte, an das Elter, das auf dem Trivan lag und Zweitung las, »gibst du mir
vierundzwanzig Fieslinge? Ach, bitte!«
»Wofür?« erkundigte sich das Elter.
»Na, für die Spielunke ...«
»Für die Spielunke? Vierundzwanzig? Was ist denn das für ein Spiel?
Mir kommt das viel vor«, sagte das Elter.
»Befriedung. Ich bin kurz vor dem Gewinnen.«
»Gib ihr nichts«, mischte sich die Eltrin ein, die bisher schweigend
an ihrem Terminal gesessen hatte, anscheinend völlig in den Entwurf eines Sonnensystems
mit vier Sonnen vertieft - so, daß die Planetenbahnen komplizierte und schöne Muster
bildeten. »Eine Spielrunde kostet drei Fieslinge, höchstens vier. Heraus mit der Sprache
- wozu brauchst du das Geld wirklich?« wandte sie sich an die Kindin.
»Ja, das ist doch ein Echtspiel!« antwortete die Kindin. »So ein
neues, mit Materialisator.«
Wie sich herausstellte, wurde mit echten Planeten gespielt. Der zentrale
Spielcomputer wählte zufällig irgendeinen für die freie Jagd freigegebenen Planeten aus
und materialisierte über ihm (natürlich durch den Hyperraum) ein paar Kampfsonden, mit
deren Hilfe man so schnell und vollständig wie möglich eine bestimmte Tierart ausrotten
mußte, die ebenfalls zufällig ausgewählt wurde, und zwar unter den für die planetare
Ökologie entbehrlichen oder sogar schädlichen, wobei es (um Strafpunkte im Spiel zu
vermeiden) galt, möglichst wenig andere Arten in Mitleidenschaft zu ziehen.
Der Eltrin gefiel diese Erklärung überhaupt nicht. Wenn man aus
irgendwelchen ernsten Erwägungen eine schädliche Spezies ausrotten mußte, ja sogar
einen ganzen schädlichen Planeten, dann mußte es eben sein; aber einfach so zum Spaß,
noch dazu für unverschämte vierundzwanzig Fieslinge - das war schließlich unmoralisch,
der reinste Sumpf! Das Elter wiederum, das den Wünschen des Sprößlings für gewöhnlich
leichter nachgab, begann sich Sorgen zu machen, die Kampfsonden könnten womöglich
versehentlich vernunftbegabte Wesen oder noch vernunftbegabtere Roboter für Tiere halten.
Da erschien aus dem Nebenraum der Eltling, orientierte sich rasch und
erklärte, die Befürchtungen seien allesamt gegenstandslos.
»Das ist doch ein Spiel, und wenn es Befriedung heißt, ist
es moralisch schon in Ordnung. Planeten mit solchen unsympathischen Tierarten gibt es jede
Menge. Wenn wir sie nicht bejagen, sterben sie nach ein paar lumpigen Millionen Umläufen
von selbst aus und verschandeln vorher noch ordentlich den Planeten. Aber darum geht es
überhaupt nicht. Sondern darum, daß dieses Spiel offensichtlich weder zu ihrem Alter
noch zu ihrem Taschengeld paßt, das ist doch ein Spiel für Erwachsene. Du«, sagte er
zur Kindin, »solltest vorerst noch Kinderspiele spielen, und überhaupt weniger spielen
und mehr lernen.«
»Lernen, lernen und nochmals lernen!« zitierte das Elter einen
bekannten örtlichen Idealpiisten.
»Genau«, stellte der Eltling fest. »Und wenn du deine Prüfungen in
Ciphontologie und Vergleichendem Piismus gut bestehst - dann sehen wir weiter. Aber für
jetzt - Schluß damit, ich will nichts mehr davon hören.« Und er ging wieder in seine
Küche.
Und richtig, für diese Erzählung reicht es jetzt von Außerirdischen,
die aus Schlamperei die ganze Menschheit ausrotten. Schluß damit, kein Wort mehr davon.
Die nächsten 24 Fieslinge sind nicht bezahlt worden, und die Kampfsonden verschwinden,
die eben noch in den ohnmächtigen Bunkern der ohnmächtigen Regierungen die letzten
Menschen umgebracht haben. Die Menschheit ist sowieso ausgerottet. |
2.
Es sind natürlich noch die Roboter da. Von denen sind ein paar versehentlich
vernichtet worden, einfach durch Fehlschüsse, aber speziell hat sich niemand mit ihnen
beschäftigt - so klein war die Kindin nun wieder nicht, daß sie schädliche Eingeborene
nicht von im Großen und Ganzen harmlosen Robotern hätte unterscheiden können. Geirrt
hat sie sich bei den Kyborgs - die hat sie auch nicht angerührt, weil sie sie wegen des
Äußeren für Roboter hielt. Doch in Wahrheit sind das ja Menschen in einem mehr oder
weniger mechanischen Körper, aber mindestens ihr Gehirn ist ein ganz normales
Menschenhirn. Oder ein bißchen bescheuert, was ja eben die Norm bei Menschen ist. Ihnen
also, den Robotern und Kyborgs, bleibt jetzt der Kampf um allgemeine Freiheit und
Gleichberechtigung aller kybernetischen Wesen überlassen, und angesichts ihrer riesigen
Vielfalt wird dieser Kampf lang, schwer und heldenhaft.
Die Kyborgs scheiden in rund hundert Jahren aus diesem Kampf aus. Bei
einem Preis von 24 Fieslingen pro Runde kann man ganze Arbeit verlangen: Zusammen mit den
Vertretern der schädlichen Spezies ist ihr verstecktes genetisches Material vernichtet
worden, alle möglichen eingefrorenen Ei- und Samenzellen. Zum Klonen eignen sich, wie
sich zeigt, auch nicht alle x-beliebigen Zellen, und gerade die Nervenzellen des Hirns
vermehren sich ja nach der Geburt praktisch nicht mehr. Was die herkömmlicheren Arten der
Fortpflanzung angeht, so hat man die als Kyborg sowieso längst aufgegeben.
Später wird es allerdings Kyborgs au rebours geben - Biomaten: Die
Roboter werden lernen, zur Abwechslung ihre elektronische Persönlichkeit in künstliche
biologische Körper zu übertragen. Die Technik zur Schaffung solcher Körper existiert
schon in der sehr fernen Zukunft, in der diese Geschichte spielt (»In siebzig Jahren
ungefähr, die Welt erkennt man dann nicht mehr«), man kann sogar durch
Willensanstrengung seine Form ändern; nur sind diese Körper vorerst nicht besonders
stabil, so daß das Hirn, um eine halbwegs komplizierte Körperform zu verändern oder
auch nur beizubehalten, ständig und angestrengt auf die Regulierung der künstlichen Gene
achten muß. Später wird man lernen, das zu automatisieren, und es erscheinen Biomaten in
stabilen Körpern, manchmal (wenn es gerade Mode ist) auch von menschlichem Aussehen, doch
das sind dann nicht mehr die Nachkommen von Menschen, sondern von Robotern.
Sind also wirklich überhaupt keine echten Menschen am Leben geblieben,
gibt es denn gar keine Hoffnung mehr? Ja wo denken Sie hin, Hoffnung gibt es immer! Die
Haupthoffnung sind die Kosmonauten, die mit einem Photonenraumschiff zum Aldebaran
geflogen sind (man begann in alphabetischer Reihenfolge). Ordentlich beschleunigt, fliegt
das Schiff fast mit Lichtgeschwindigkeit und wird in ein paar Jahren am Ziel sein. Das
gilt leider nur für die Bordzeit; auf der Erde aber sind sie, falls sie überhaupt
zurückkehren, so in reichlich zweihundert Jahren zu erwarten. Wir werden uns zunächst
auf die Nebenhoffnung konzentrieren müssen.
Die Nebenhoffnung sind Evelyn und Evelyn. Das sind zwei junge Leute, und
er (Evelyn) liebt sie (Evelyn), und infolge dieser Liebe hat es sich so ergeben, daß
beide jetzt noch am Leben sind. Sie allerdings ist nicht ganz jetzt, und er ist nicht ganz
er.
(»Auch in seinem neuen Werk variiert Simon den alten Satz, daß Schönheit
die Welt rettet, in dem Sinne, daß Liebe die Menschheit rettet. Diesen auch
nicht ganz frischen Gedanken verkörpert er ...« usw.) |
|
3.
Usw. |
4.
Ihr (Evelyns) Vater war ein genialer Physiker und der Erfinder der Zeitmaschine. Er
hatte seine Maschine gebaut, aber niemals benutzt: Er wußte, daß bei einer Zeitreise -
einer echten, also in die Vergangenheit - eine Veränderung der Vergangenheit und
Zerstörung der Gegenwart droht. Er war ein gütiger und weiser Mensch, der die Menschheit
liebte und sie keinen unbekannten Gefahren aussetzen wollte. Außerdem liebte er die
Wissenschaft und ganz besonders seine Maschine. Er kannte bestens das berühmte
Inomerskische Gesetz: Die Verwendung einer Zeitmaschine führt zu immer neuen und neuen
Paradoxen und Veränderungen der Vergangenheit, bis sich schließlich eine Realität
ergibt, in der nie eine Zeitmaschine verwendet wird. Nur, wenn man sie nicht benutzt,
vernichtet sich die Zeitmaschine nicht selbst.
Seine Tochter war weniger vorsichtig. Sobald sich eine günstige
Gelegenheit bot, floh sie mit der Zeitmaschine in die Vergangenheit. Sie floh vor einem
langweiligen Leben und einem langweiligen, aber aufdringlichen Verehrer. Das war noch,
bevor im Zuge der Befriedung das Leben auf der Erde ziemlich interessant wurde,
wenn auch nicht für lange.
Der Vater bemerkte ihre Abwesenheit nicht gleich. Genau gesagt, er
bemerkte sie nie. Er liebte nicht nur seine Zeitmaschine, die Wissenschaft und die
Menschheit, sondern überhaupt alle denkenden Wesen im ganzen Weltall. Er fiel als einer
der ersten der außerplanetaren Aggression zum Opfer. Als er eine auf Erkundungsflug
befindliche Fliegende Untertasse erblickte, freute er sich so über das Eintreffen der
Verstandesbrüder, daß ihm vor Aufregung das Herz versagte. So geht das. |
5.
Evelyn - der junge Mann, vor dem sie (unter anderem) geflohen war - war Genetikdesigner
und einer der wenigen, die sich mit dem vorerst nicht sehr aussichtsreichen Gebiet des
willkürlichen Formwandels befaßten. Dieses Gebiet zog auch darum wenig Forscher an, da
man die Versuche meistens an sich selbst vornehmen mußte; Tiere kriegten in der Regel
nicht mit, über welche neuen Möglichkeiten sie verfügten und was sie damit anfangen
sollten.
Nachdem er sich unglücklich in das Mädchen Evelyn verliebt hatte,
experimentierte er häufiger mit Verwandlungen, einfach um ihr näher zu sein - um mehr
über sie zu erfahren, was ihm helfen könnte, doch noch ihre Zuneigung zu gewinnen.
Die Versuche, sich in einen Hund zu verwandeln, gingen völlig schief -
er brauchte sich der Geliebten nur zu nähern, ja auch nur an sie zu denken, und sofort
reichte seine Konzentration nicht mehr aus, eine derart komplizierte Form beizubehalten.
In Gestalt eines Hundes, der alle Naselang vor den Augen zu zerfließen begann, zeigte er
sich ihr nur einmal; ihre Reaktion ließ eine Wiederholung des Versuchs nicht ratsam
erscheinen.
Als Frosch und als Schlange (eine Ringelnatter) kam er besser zurecht,
weniger, weil diese Formen einfacher sind - ein Frosch ist ähnlich kompliziert aufgebaut,
wie ein Hund, nur daß ein Durchschnittsmensch hier eine Abweichung von der Norm nicht so
schnell bemerkt. Einen anderen Frosch (oder eine andere Schlange) hätte er niemals
irreführen können, bei einem Mädchen, das das ganze Leben in der Stadt verbracht hatte,
mochte es angehen. Weder mit Fröschen noch mit Schlangen hatte sie sich jemals näher
befaßt. Und sonderbar, sie zeigte auch keinerlei Neigung, sich in Zukunft mit ihnen zu
befassen.
Von der Verwandlung in einen Kaktus versprach er sich nichts. Erstens
wollte er nicht sämtliche abgegriffenen Klischees wiederholen, und zweitens versprach
eine Existenz als Kaktus partout nicht die ersehnte Nähe zur Geliebten. Ein Kaktus sieht
nichts, hört nichts, wird selten angefaßt, sogar selten gegossen. Aber er wollte doch
wenigstens ihre Anwesenheit spüren!
Nichtsdestoweniger versuchte er gar nicht erst, sich in Unterwäsche zu
verwandeln. Nun ja, es ging ihm mitunter durch den Kopf, wovon träumt so ein verliebter
Bursche nicht alles, doch Fetischismus war nicht sein Ding. Außerdem war er bei all
seiner verzweifelten Aufdringlichkeit eher schüchtern, in weiblicher Unterwäsche kannte
er sich nicht besonders gut aus.
Mit einem Damenhandtäschchen klappte es. Er mußte sich freilich zu
einem Schwindel durchringen - er vertauschte ihre Handtasche gegen sich selbst, nachdem er
sie sorgfältig untersucht hatte (die Handtasche). Sein Gewicht und Volumen brauchte er
nicht drastisch zu verringern, denn das hatte er schon getan, als er Hund und dann Frosch
geworden war; er wußte freilich, daß er irgendwann zu seinen menschlichen Ausmaßen
zurückkehren müßte und daß das selbst für so einen begabten Genetikdesigner eine
langwierige und mühsame Sache würde.
Sie trug ihn, sie machte ihn erstaunlich viele Male auf und zu, er war
bei ihr, einmal vergaß sie ihn im Restaurant und freute sich sehr, als sie ihn dort
wiederfand, aber alles in allem war es nicht das Richtige. Sogar seine Hoffnung, mehr
über sie zu erfahren, erfüllte sich in geringem, entmutigendem Ausmaß - hauptsächlich
erfuhr er etwas über all den Kleinkram, den sie in ihn hineinsteckte.
Als sie in die Vergangenheit floh, ließ sie ihn bei der Zeitmaschine
außerhalb des Wirkungsradius zurück, mitgenommen hatte sie einen Koffer und eine
größere Reisetasche. Nach dem Verschwinden der Geliebten bemerkte das Handtäschchen
ziemlich lange nichts (Handtäschchen nehmen ihre Umgebung noch schlechter als Kakteen
wahr), dann begann es verwirrt zu zerfließen, konzentrierte sich aber doch noch, tappte
auf Pseudopodien in die Mitte der Maschine, ließ eine kleine Krokodilpfote hervorwachsen
(es war ein Täschchen aus Krokodilleder) und drückte auf den Startknopf, ohne etwas an
den Einstellungen der Maschine zu verändern.
Als das Handtäschchen in der Vergangenheit erschien, war das Mädchen
nicht da. Nach einiger Überlegung hielt es Evelyn für zweckmäßig, die Handtaschenform
aufzugeben, und verwandelte sich in einen Mann - langsam und unvollständig; es kam ein
Zwerglein mit deutlichem Krokodileinschlag heraus. Jeder, der längere Zeit in einer
fremden Gestalt zugebracht hat, weiß, wie schwer sich danach die Gene umstellen lassen,
bis sie den Körper schließlich wieder in seine gewohnte Form bringen.
Es umgab ihn ein seltsamer Wald. Dergleichen hatte er einmal in einem
Buch über das Carbon oder vielleicht eine etwas spätere Zeit gesehen, jedenfalls vor den
Dinosauriern. Statt eines Dinosauriers hatte auf diesem Bild mit stupidem und irgendwie
mißbilligendem Blick eine verhältnismäßig große graugrüne Amphibie mit flachem Kopf
aus einem sumpfigen Wasserloch hervorgeschaut, sie mochte einen oder zwei Meter lang
gewesen sein. Außerdem waren außer Pflanzen noch große Insekten auf dem Bild gewesen.
Evelyn schaute sich um: Eine Amphibie war vorerst nicht zu sehen, wenn man von ein paar
frosch- und krötenartigen Tieren absah. Keine Ringelnattern. Und immerhin auch keine
Dinosaurier. Insekten gabs. Große. Aber doch nicht gar so große wie auf dem Bild.
Große Bäume waren auch da, aber im allgemeinen ohne diese Schuppen - doch eher Bäume
als Schachtelhalme. Es war schwül und heiß. Ihm ging der Gedanke durch den Kopf, daß es
an diesem Ort vielleicht gar nicht angebracht wäre, sich allzu weit vom krokodilhaften
Wesen zu entfernen. Im Großen und Ganzen war alles wie auf jenem Bild, abgesehen von dem
einsamen Koffer, der schief auf dem Stamm eines umgestürzten Baumes stand.
Selbstverständlich war weder auf jenem Bild noch hier eine Zeitmaschine zu sehen.
Selbstverständlich ist das aus dem einfachen Grunde, daß die Maschine
auch nach der Abreise Evelyns (des Mädchens) in unserer guten alten Zukunft
zurückgeblieben war. Sonst wäre er nicht in die Vergangenheit gekommen, sondern hätte
dort weitergelebt - als einsamer Mutant und - nach der Befriedung - als Letzer
Bewohner der Erde; die Ausrottung von Fröschen oder Damenhandtäschchen gehörte ja nicht
zu dem außerplanetaren Spiel.
Spuren waren im nassen und weichen Boden unter den Pfützen nicht zu
sehen, und er beschloß, an Ort und Stelle zu warten, bis sie den Koffer holen käme.
Jetzt vergegenwärtigte er sich, daß er, soweit es Menschen betraf, durchaus der Erste
Bewohner der Erde sein konnte, oder wohl eher, nach dem Koffer zu urteilen, der Zweite.
Der zweite Platz hätte ihm durchaus genügt, insbesondere, da es vorerst keinen Dritten
und keine weiteren gab. Wenn es immer noch der Überredung bedurfte, konnte er sich
vorübergehend in eine sprechende Schlange verwandeln. Zur Not in eine sprechende
Ringelnatter.
Doch zunächst mußte er möglichst schnell wachsen, zunehmen;
bezüglich der Überlebenschancen irgendwelcher kleiner Tiere im tropischen Urwald hegte
er keine Illusionen, und wenn er sie schon verführen sollte, durfte kein Zweifel bleiben,
wozu. Er ging an eine Stelle, wo es möglichst naß war (er brauchte nicht lange zu
suchen), ließ sich in den trüben Morast sinken, entspannte sich und nahm jene formlose,
zerfließende Form an, die sich am besten eignete, um möglichst rasch Stoffe in den
Körper aufzunehmen. |
|
6.
Kein Zweifel, sie war in der Vergangenheit. Nicht in der Vergangenheit war die
Zeitmaschine. Genau, wie es Evelyn erwartet hatte. Bei ihrer Flucht hatte sie ja nicht
vorgehabt, in der Vergangenheit etwas zu stehlen oder jemand bestimmten umzubringen,
sondern einfach mit Hilfe der Zeitmaschine die Zeitmaschine zu vernichten - das
Inomerskische Gesetz kannte auch sie. Allein durch ihre Anwesenheit in der Vergangenheit
würde sie diese verändern, und darum würde die Zeitmaschine wahrscheinlich gar nicht
erfunden werden oder von jemand anders an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit.
Jedenfalls würde niemand ihr folgen, weder der Vater noch der aufdringliche junge Mann
oder irgendeine Zeitpatrouille, und niemand würde sie daran hindern, im Zeitalter ihrer
Wahl das Leben zu genießen. Ausgewählt hatte sie aber die Mitte des neunzehnten
Jahrhunderts - eine vergleichsweise ruhige Zeit, die Zivilisation hatte die wesentlichen
Bequemlichkeiten schon erfunden, und selbst ohne Spezialistin zu sein, konnte sie ihre
überlegenen Kenntnisse ausnutzen.
Nicht über die Anwesenheit der Maschine wunderte sie sich, sondern
über die Abwesenheit von allem, was in ihrer Vorstellung zum neunzehnten Jahrhundert
gehörte. Ringsum erstreckte sich ein tropischer Wald, keinerlei Spuren von Menschen oder
ihrer Tätigkeit. Von Pflanzen verstand sie zuwenig, um auch nur annähernd zu bestimmen,
in welche Zeit sie geraten war - in eine ferne Vergangenheit oder vielleicht eine ferne
Zukunft. Irgend etwas an der Einstellung der Zeitmaschine war entschieden falsch gewesen.
Allerdings konnte das sogar das neunzehnte Jahrhundert irgendwo in Brasilien oder Afrika
sein. Ohne lange zu überlegen, stellte sie den Koffer irgendwo hin, wo es nicht gar so
naß war, nahm die Reisetasche und ging Menschen suchen - am besten zivilisierte. Doctor
Livingstone, I suppose?
Es gab keinerlei Wege, nicht einmal Wildwechsel, und wenn sie sich nicht
verirrte, dann nur deshalb, weil sie ohnehin nicht wußte, wohin sie gehen sollte. Es war
eigentlich gar nicht so heiß, doch bei der hohen Luftfeuchtigkeit war die Wärme
unerträglich. Bald hatte sich Evelyn fast vollends ausgezogen, die Kleidung war ohnehin
vom Schweiß und der feuchten Luft ganz durchnäßt. Die Kleidung legte sie quer über die
Tasche, die Tasche wurde auch so schon immer schwerer, doch sie ließ sie nicht stehen.
Sie wußte, daß sie im Kreis gegangen war, als sie ihren Koffer wieder erblickte.
Als sie zu ihm hinging, um sich neben ihm auf den Baumstamm zu setzen,
bemerkte sie, daß der Boden merklich nasser und weicher geworden war: Sie begann rasch
einzusinken. Fieberhaft versuchte sie freizukommen, und erst, als sie bis zur Hüfte
eingesunken war, begriff sie, daß sie sich vorsichtiger bewegen mußte. Es half nicht.
Doch da hörte sie auf einzusinken. Sie fühlte etwas Hartes unter sich. Nicht eben unter
den Füßen.
Und sie vernahm eine undeutliche, doch leidenschaftliche Stimme. »Ich
glaube, ich werde dich Eva nennen«, sagte der Sumpf.
Erik
Simon © 2002
Entnommen aus: Erik Simon,
Sternbilder (Berlin:
Shayol, 2002) |