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Unterwegs:

Erik Simon

Spiel beendet, sagte der Sumpf


Erledigte Sujets werden erschossen, nicht wahr?

Schreiben Sie bitten, was sie wollen, nur nicht ...
   • von einer Invasion außerirdischer Eroberer, die durch das planetare Verteidigungssystem zu den irdischen Hauptstädten durchgebrochen sind (und wie sie eben auf die schutzlosen Parlamentsgebäude herabstoßen, flammen am Himmel die verhängnisvollen Worte auf: »Spiel beendet. Bitte eine neue Münze einwerfen.«);
   • von lokalen und globalen Katastrophen (und daß die Menschen zu Tausenden umkommen, und möglichst viele Kataklysmen, und Atomexplosionen und Überschwemmungen und Winter und Pest ... und alles nur, damit der Held am Ende seiner Partnerin sagen kann: »Ich glaube, ich werde dich Eva nennen.«);
   • von Zeitreisen, um in der Vergangenheit jemanden umzulegen (den eigenen Großvater, einen persönlichen Feind) oder etwas zu stehlen (das Bild eines Genies);
   • von den Abenteuern von Astronauten, die zwar ziemlich kluge Leute sind, aber Roboter für die Eingeborenen halten, die Eingeborenen für örtliches Getier und das örtliche Getier für eine Naturerscheinung;
   • von Robotern, die für gleiche Rechte und allgemeine Emanzipation kämpfen (Befreiung von allen einschließlich der Kyborgs);
   • von einem Sumpf, der sich als denkendes Wesen erweist;
   • von einem Mutanten, der sich als Letzter Bewohner der Erde erweist;
   • von einem verliebten jungen Mann, der sich in einen Hund, einen Kaktus, ein Damenhandtäschchen verwandelt (Unterwäsche ausgeschlossen), um seiner Angebeteten nahe zu sein;
   • usw.

Aus der Zeitschrift »Fantakrim MEGA«, Minsk 1992, Nr. 5

Kurd Laßwitz Preis
Ausgezeichnet
mit dem
Kurd Laßwitz
Preis 2003

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1.

»Spiel beendet. Bitte eine neue Münze einwerfen.« Die Worte flammten vor einem unnatürlich hellblauen Himmel auf.
   »Elterchen«, wandte sich die Kindin mit der liebsten Stimme, die sie zustande brachte, an das Elter, das auf dem Trivan lag und Zweitung las, »gibst du mir vierundzwanzig Fieslinge? Ach, bitte!«
   »Wofür?« erkundigte sich das Elter.
   »Na, für die Spielunke ...«
   »Für die Spielunke? Vierundzwanzig? Was ist denn das für ein Spiel? Mir kommt das viel vor«, sagte das Elter.
   »‚Befriedung‘. Ich bin kurz vor dem Gewinnen.«
   »Gib ihr nichts«, mischte sich die Eltrin ein, die bisher schweigend an ihrem Terminal gesessen hatte, anscheinend völlig in den Entwurf eines Sonnensystems mit vier Sonnen vertieft - so, daß die Planetenbahnen komplizierte und schöne Muster bildeten. »Eine Spielrunde kostet drei Fieslinge, höchstens vier. Heraus mit der Sprache - wozu brauchst du das Geld wirklich?« wandte sie sich an die Kindin.
   »Ja, das ist doch ein Echtspiel!« antwortete die Kindin. »So ein neues, mit Materialisator.«
   Wie sich herausstellte, wurde mit echten Planeten gespielt. Der zentrale Spielcomputer wählte zufällig irgendeinen für die freie Jagd freigegebenen Planeten aus und materialisierte über ihm (natürlich durch den Hyperraum) ein paar Kampfsonden, mit deren Hilfe man so schnell und vollständig wie möglich eine bestimmte Tierart ausrotten mußte, die ebenfalls zufällig ausgewählt wurde, und zwar unter den für die planetare Ökologie entbehrlichen oder sogar schädlichen, wobei es (um Strafpunkte im Spiel zu vermeiden) galt, möglichst wenig andere Arten in Mitleidenschaft zu ziehen.
   Der Eltrin gefiel diese Erklärung überhaupt nicht. Wenn man aus irgendwelchen ernsten Erwägungen eine schädliche Spezies ausrotten mußte, ja sogar einen ganzen schädlichen Planeten, dann mußte es eben sein; aber einfach so zum Spaß, noch dazu für unverschämte vierundzwanzig Fieslinge - das war schließlich unmoralisch, der reinste Sumpf! Das Elter wiederum, das den Wünschen des Sprößlings für gewöhnlich leichter nachgab, begann sich Sorgen zu machen, die Kampfsonden könnten womöglich versehentlich vernunftbegabte Wesen oder noch vernunftbegabtere Roboter für Tiere halten.
   Da erschien aus dem Nebenraum der Eltling, orientierte sich rasch und erklärte, die Befürchtungen seien allesamt gegenstandslos.
   »Das ist doch ein Spiel, und wenn es ‚Befriedung‘ heißt, ist es moralisch schon in Ordnung. Planeten mit solchen unsympathischen Tierarten gibt es jede Menge. Wenn wir sie nicht bejagen, sterben sie nach ein paar lumpigen Millionen Umläufen von selbst aus und verschandeln vorher noch ordentlich den Planeten. Aber darum geht es überhaupt nicht. Sondern darum, daß dieses Spiel offensichtlich weder zu ihrem Alter noch zu ihrem Taschengeld paßt, das ist doch ein Spiel für Erwachsene. Du«, sagte er zur Kindin, »solltest vorerst noch Kinderspiele spielen, und überhaupt weniger spielen und mehr lernen.«
   »Lernen, lernen und nochmals lernen!« zitierte das Elter einen bekannten örtlichen Idealpiisten.
   »Genau«, stellte der Eltling fest. »Und wenn du deine Prüfungen in Ciphontologie und Vergleichendem Piismus gut bestehst - dann sehen wir weiter. Aber für jetzt - Schluß damit, ich will nichts mehr davon hören.« Und er ging wieder in seine Küche.
   Und richtig, für diese Erzählung reicht es jetzt von Außerirdischen, die aus Schlamperei die ganze Menschheit ausrotten. Schluß damit, kein Wort mehr davon. Die nächsten 24 Fieslinge sind nicht bezahlt worden, und die Kampfsonden verschwinden, die eben noch in den ohnmächtigen Bunkern der ohnmächtigen Regierungen die letzten Menschen umgebracht haben. Die Menschheit ist sowieso ausgerottet.

2.

Es sind natürlich noch die Roboter da. Von denen sind ein paar versehentlich vernichtet worden, einfach durch Fehlschüsse, aber speziell hat sich niemand mit ihnen beschäftigt - so klein war die Kindin nun wieder nicht, daß sie schädliche Eingeborene nicht von im Großen und Ganzen harmlosen Robotern hätte unterscheiden können. Geirrt hat sie sich bei den Kyborgs - die hat sie auch nicht angerührt, weil sie sie wegen des Äußeren für Roboter hielt. Doch in Wahrheit sind das ja Menschen in einem mehr oder weniger mechanischen Körper, aber mindestens ihr Gehirn ist ein ganz normales Menschenhirn. Oder ein bißchen bescheuert, was ja eben die Norm bei Menschen ist. Ihnen also, den Robotern und Kyborgs, bleibt jetzt der Kampf um allgemeine Freiheit und Gleichberechtigung aller kybernetischen Wesen überlassen, und angesichts ihrer riesigen Vielfalt wird dieser Kampf lang, schwer und heldenhaft.
   Die Kyborgs scheiden in rund hundert Jahren aus diesem Kampf aus. Bei einem Preis von 24 Fieslingen pro Runde kann man ganze Arbeit verlangen: Zusammen mit den Vertretern der schädlichen Spezies ist ihr verstecktes genetisches Material vernichtet worden, alle möglichen eingefrorenen Ei- und Samenzellen. Zum Klonen eignen sich, wie sich zeigt, auch nicht alle x-beliebigen Zellen, und gerade die Nervenzellen des Hirns vermehren sich ja nach der Geburt praktisch nicht mehr. Was die herkömmlicheren Arten der Fortpflanzung angeht, so hat man die als Kyborg sowieso längst aufgegeben.
   Später wird es allerdings Kyborgs au rebours geben - Biomaten: Die Roboter werden lernen, zur Abwechslung ihre elektronische Persönlichkeit in künstliche biologische Körper zu übertragen. Die Technik zur Schaffung solcher Körper existiert schon in der sehr fernen Zukunft, in der diese Geschichte spielt (»In siebzig Jahren ungefähr, die Welt erkennt man dann nicht mehr«), man kann sogar durch Willensanstrengung seine Form ändern; nur sind diese Körper vorerst nicht besonders stabil, so daß das Hirn, um eine halbwegs komplizierte Körperform zu verändern oder auch nur beizubehalten, ständig und angestrengt auf die Regulierung der künstlichen Gene achten muß. Später wird man lernen, das zu automatisieren, und es erscheinen Biomaten in stabilen Körpern, manchmal (wenn es gerade Mode ist) auch von menschlichem Aussehen, doch das sind dann nicht mehr die Nachkommen von Menschen, sondern von Robotern.
   Sind also wirklich überhaupt keine echten Menschen am Leben geblieben, gibt es denn gar keine Hoffnung mehr? Ja wo denken Sie hin, Hoffnung gibt es immer! Die Haupthoffnung sind die Kosmonauten, die mit einem Photonenraumschiff zum Aldebaran geflogen sind (man begann in alphabetischer Reihenfolge). Ordentlich beschleunigt, fliegt das Schiff fast mit Lichtgeschwindigkeit und wird in ein paar Jahren am Ziel sein. Das gilt leider nur für die Bordzeit; auf der Erde aber sind sie, falls sie überhaupt zurückkehren, so in reichlich zweihundert Jahren zu erwarten. Wir werden uns zunächst auf die Nebenhoffnung konzentrieren müssen.
   Die Nebenhoffnung sind Evelyn und Evelyn. Das sind zwei junge Leute, und er (Evelyn) liebt sie (Evelyn), und infolge dieser Liebe hat es sich so ergeben, daß beide jetzt noch am Leben sind. Sie allerdings ist nicht ganz jetzt, und er ist nicht ganz er.
   (»Auch in seinem neuen Werk variiert Simon den alten Satz, daß Schönheit die Welt rettet, in dem Sinne, daß Liebe die Menschheit rettet. Diesen auch nicht ganz frischen Gedanken verkörpert er ...« usw.)

3.

Usw.

4.

Ihr (Evelyns) Vater war ein genialer Physiker und der Erfinder der Zeitmaschine. Er hatte seine Maschine gebaut, aber niemals benutzt: Er wußte, daß bei einer Zeitreise - einer echten, also in die Vergangenheit - eine Veränderung der Vergangenheit und Zerstörung der Gegenwart droht. Er war ein gütiger und weiser Mensch, der die Menschheit liebte und sie keinen unbekannten Gefahren aussetzen wollte. Außerdem liebte er die Wissenschaft und ganz besonders seine Maschine. Er kannte bestens das berühmte Inomerskische Gesetz: Die Verwendung einer Zeitmaschine führt zu immer neuen und neuen Paradoxen und Veränderungen der Vergangenheit, bis sich schließlich eine Realität ergibt, in der nie eine Zeitmaschine verwendet wird. Nur, wenn man sie nicht benutzt, vernichtet sich die Zeitmaschine nicht selbst.
   Seine Tochter war weniger vorsichtig. Sobald sich eine günstige Gelegenheit bot, floh sie mit der Zeitmaschine in die Vergangenheit. Sie floh vor einem langweiligen Leben und einem langweiligen, aber aufdringlichen Verehrer. Das war noch, bevor im Zuge der Befriedung das Leben auf der Erde ziemlich interessant wurde, wenn auch nicht für lange.
   Der Vater bemerkte ihre Abwesenheit nicht gleich. Genau gesagt, er bemerkte sie nie. Er liebte nicht nur seine Zeitmaschine, die Wissenschaft und die Menschheit, sondern überhaupt alle denkenden Wesen im ganzen Weltall. Er fiel als einer der ersten der außerplanetaren Aggression zum Opfer. Als er eine auf Erkundungsflug befindliche Fliegende Untertasse erblickte, freute er sich so über das Eintreffen der Verstandesbrüder, daß ihm vor Aufregung das Herz versagte. So geht das.

5.

Evelyn - der junge Mann, vor dem sie (unter anderem) geflohen war - war Genetikdesigner und einer der wenigen, die sich mit dem vorerst nicht sehr aussichtsreichen Gebiet des willkürlichen Formwandels befaßten. Dieses Gebiet zog auch darum wenig Forscher an, da man die Versuche meistens an sich selbst vornehmen mußte; Tiere kriegten in der Regel nicht mit, über welche neuen Möglichkeiten sie verfügten und was sie damit anfangen sollten.
   Nachdem er sich unglücklich in das Mädchen Evelyn verliebt hatte, experimentierte er häufiger mit Verwandlungen, einfach um ihr näher zu sein - um mehr über sie zu erfahren, was ihm helfen könnte, doch noch ihre Zuneigung zu gewinnen.
   Die Versuche, sich in einen Hund zu verwandeln, gingen völlig schief - er brauchte sich der Geliebten nur zu nähern, ja auch nur an sie zu denken, und sofort reichte seine Konzentration nicht mehr aus, eine derart komplizierte Form beizubehalten. In Gestalt eines Hundes, der alle Naselang vor den Augen zu zerfließen begann, zeigte er sich ihr nur einmal; ihre Reaktion ließ eine Wiederholung des Versuchs nicht ratsam erscheinen.
   Als Frosch und als Schlange (eine Ringelnatter) kam er besser zurecht, weniger, weil diese Formen einfacher sind - ein Frosch ist ähnlich kompliziert aufgebaut, wie ein Hund, nur daß ein Durchschnittsmensch hier eine Abweichung von der Norm nicht so schnell bemerkt. Einen anderen Frosch (oder eine andere Schlange) hätte er niemals irreführen können, bei einem Mädchen, das das ganze Leben in der Stadt verbracht hatte, mochte es angehen. Weder mit Fröschen noch mit Schlangen hatte sie sich jemals näher befaßt. Und sonderbar, sie zeigte auch keinerlei Neigung, sich in Zukunft mit ihnen zu befassen.
   Von der Verwandlung in einen Kaktus versprach er sich nichts. Erstens wollte er nicht sämtliche abgegriffenen Klischees wiederholen, und zweitens versprach eine Existenz als Kaktus partout nicht die ersehnte Nähe zur Geliebten. Ein Kaktus sieht nichts, hört nichts, wird selten angefaßt, sogar selten gegossen. Aber er wollte doch wenigstens ihre Anwesenheit spüren!
   Nichtsdestoweniger versuchte er gar nicht erst, sich in Unterwäsche zu verwandeln. Nun ja, es ging ihm mitunter durch den Kopf, wovon träumt so ein verliebter Bursche nicht alles, doch Fetischismus war nicht sein Ding. Außerdem war er bei all seiner verzweifelten Aufdringlichkeit eher schüchtern, in weiblicher Unterwäsche kannte er sich nicht besonders gut aus.
   Mit einem Damenhandtäschchen klappte es. Er mußte sich freilich zu einem Schwindel durchringen - er vertauschte ihre Handtasche gegen sich selbst, nachdem er sie sorgfältig untersucht hatte (die Handtasche). Sein Gewicht und Volumen brauchte er nicht drastisch zu verringern, denn das hatte er schon getan, als er Hund und dann Frosch geworden war; er wußte freilich, daß er irgendwann zu seinen menschlichen Ausmaßen zurückkehren müßte und daß das selbst für so einen begabten Genetikdesigner eine langwierige und mühsame Sache würde.
   Sie trug ihn, sie machte ihn erstaunlich viele Male auf und zu, er war bei ihr, einmal vergaß sie ihn im Restaurant und freute sich sehr, als sie ihn dort wiederfand, aber alles in allem war es nicht das Richtige. Sogar seine Hoffnung, mehr über sie zu erfahren, erfüllte sich in geringem, entmutigendem Ausmaß - hauptsächlich erfuhr er etwas über all den Kleinkram, den sie in ihn hineinsteckte.
   Als sie in die Vergangenheit floh, ließ sie ihn bei der Zeitmaschine außerhalb des Wirkungsradius zurück, mitgenommen hatte sie einen Koffer und eine größere Reisetasche. Nach dem Verschwinden der Geliebten bemerkte das Handtäschchen ziemlich lange nichts (Handtäschchen nehmen ihre Umgebung noch schlechter als Kakteen wahr), dann begann es verwirrt zu zerfließen, konzentrierte sich aber doch noch, tappte auf Pseudopodien in die Mitte der Maschine, ließ eine kleine Krokodilpfote hervorwachsen (es war ein Täschchen aus Krokodilleder) und drückte auf den Startknopf, ohne etwas an den Einstellungen der Maschine zu verändern.
   Als das Handtäschchen in der Vergangenheit erschien, war das Mädchen nicht da. Nach einiger Überlegung hielt es Evelyn für zweckmäßig, die Handtaschenform aufzugeben, und verwandelte sich in einen Mann - langsam und unvollständig; es kam ein Zwerglein mit deutlichem Krokodileinschlag heraus. Jeder, der längere Zeit in einer fremden Gestalt zugebracht hat, weiß, wie schwer sich danach die Gene umstellen lassen, bis sie den Körper schließlich wieder in seine gewohnte Form bringen.
   Es umgab ihn ein seltsamer Wald. Dergleichen hatte er einmal in einem Buch über das Carbon oder vielleicht eine etwas spätere Zeit gesehen, jedenfalls vor den Dinosauriern. Statt eines Dinosauriers hatte auf diesem Bild mit stupidem und irgendwie mißbilligendem Blick eine verhältnismäßig große graugrüne Amphibie mit flachem Kopf aus einem sumpfigen Wasserloch hervorgeschaut, sie mochte einen oder zwei Meter lang gewesen sein. Außerdem waren außer Pflanzen noch große Insekten auf dem Bild gewesen. Evelyn schaute sich um: Eine Amphibie war vorerst nicht zu sehen, wenn man von ein paar frosch- und krötenartigen Tieren absah. Keine Ringelnattern. Und immerhin auch keine Dinosaurier. Insekten gab’s. Große. Aber doch nicht gar so große wie auf dem Bild. Große Bäume waren auch da, aber im allgemeinen ohne diese Schuppen - doch eher Bäume als Schachtelhalme. Es war schwül und heiß. Ihm ging der Gedanke durch den Kopf, daß es an diesem Ort vielleicht gar nicht angebracht wäre, sich allzu weit vom krokodilhaften Wesen zu entfernen. Im Großen und Ganzen war alles wie auf jenem Bild, abgesehen von dem einsamen Koffer, der schief auf dem Stamm eines umgestürzten Baumes stand. Selbstverständlich war weder auf jenem Bild noch hier eine Zeitmaschine zu sehen.
   Selbstverständlich ist das aus dem einfachen Grunde, daß die Maschine auch nach der Abreise Evelyns (des Mädchens) in unserer guten alten Zukunft zurückgeblieben war. Sonst wäre er nicht in die Vergangenheit gekommen, sondern hätte dort weitergelebt - als einsamer Mutant und - nach der Befriedung - als Letzer Bewohner der Erde; die Ausrottung von Fröschen oder Damenhandtäschchen gehörte ja nicht zu dem außerplanetaren Spiel.
   Spuren waren im nassen und weichen Boden unter den Pfützen nicht zu sehen, und er beschloß, an Ort und Stelle zu warten, bis sie den Koffer holen käme. Jetzt vergegenwärtigte er sich, daß er, soweit es Menschen betraf, durchaus der Erste Bewohner der Erde sein konnte, oder wohl eher, nach dem Koffer zu urteilen, der Zweite. Der zweite Platz hätte ihm durchaus genügt, insbesondere, da es vorerst keinen Dritten und keine weiteren gab. Wenn es immer noch der Überredung bedurfte, konnte er sich vorübergehend in eine sprechende Schlange verwandeln. Zur Not in eine sprechende Ringelnatter.
   Doch zunächst mußte er möglichst schnell wachsen, zunehmen; bezüglich der Überlebenschancen irgendwelcher kleiner Tiere im tropischen Urwald hegte er keine Illusionen, und wenn er sie schon verführen sollte, durfte kein Zweifel bleiben, wozu. Er ging an eine Stelle, wo es möglichst naß war (er brauchte nicht lange zu suchen), ließ sich in den trüben Morast sinken, entspannte sich und nahm jene formlose, zerfließende Form an, die sich am besten eignete, um möglichst rasch Stoffe in den Körper aufzunehmen.

6.

Kein Zweifel, sie war in der Vergangenheit. Nicht in der Vergangenheit war die Zeitmaschine. Genau, wie es Evelyn erwartet hatte. Bei ihrer Flucht hatte sie ja nicht vorgehabt, in der Vergangenheit etwas zu stehlen oder jemand bestimmten umzubringen, sondern einfach mit Hilfe der Zeitmaschine die Zeitmaschine zu vernichten - das Inomerskische Gesetz kannte auch sie. Allein durch ihre Anwesenheit in der Vergangenheit würde sie diese verändern, und darum würde die Zeitmaschine wahrscheinlich gar nicht erfunden werden oder von jemand anders an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit. Jedenfalls würde niemand ihr folgen, weder der Vater noch der aufdringliche junge Mann oder irgendeine Zeitpatrouille, und niemand würde sie daran hindern, im Zeitalter ihrer Wahl das Leben zu genießen. Ausgewählt hatte sie aber die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts - eine vergleichsweise ruhige Zeit, die Zivilisation hatte die wesentlichen Bequemlichkeiten schon erfunden, und selbst ohne Spezialistin zu sein, konnte sie ihre überlegenen Kenntnisse ausnutzen.
   Nicht über die Anwesenheit der Maschine wunderte sie sich, sondern über die Abwesenheit von allem, was in ihrer Vorstellung zum neunzehnten Jahrhundert gehörte. Ringsum erstreckte sich ein tropischer Wald, keinerlei Spuren von Menschen oder ihrer Tätigkeit. Von Pflanzen verstand sie zuwenig, um auch nur annähernd zu bestimmen, in welche Zeit sie geraten war - in eine ferne Vergangenheit oder vielleicht eine ferne Zukunft. Irgend etwas an der Einstellung der Zeitmaschine war entschieden falsch gewesen. Allerdings konnte das sogar das neunzehnte Jahrhundert irgendwo in Brasilien oder Afrika sein. Ohne lange zu überlegen, stellte sie den Koffer irgendwo hin, wo es nicht gar so naß war, nahm die Reisetasche und ging Menschen suchen - am besten zivilisierte. Doctor Livingstone, I suppose?
   Es gab keinerlei Wege, nicht einmal Wildwechsel, und wenn sie sich nicht verirrte, dann nur deshalb, weil sie ohnehin nicht wußte, wohin sie gehen sollte. Es war eigentlich gar nicht so heiß, doch bei der hohen Luftfeuchtigkeit war die Wärme unerträglich. Bald hatte sich Evelyn fast vollends ausgezogen, die Kleidung war ohnehin vom Schweiß und der feuchten Luft ganz durchnäßt. Die Kleidung legte sie quer über die Tasche, die Tasche wurde auch so schon immer schwerer, doch sie ließ sie nicht stehen. Sie wußte, daß sie im Kreis gegangen war, als sie ihren Koffer wieder erblickte.
   Als sie zu ihm hinging, um sich neben ihm auf den Baumstamm zu setzen, bemerkte sie, daß der Boden merklich nasser und weicher geworden war: Sie begann rasch einzusinken. Fieberhaft versuchte sie freizukommen, und erst, als sie bis zur Hüfte eingesunken war, begriff sie, daß sie sich vorsichtiger bewegen mußte. Es half nicht. Doch da hörte sie auf einzusinken. Sie fühlte etwas Hartes unter sich. Nicht eben unter den Füßen.
   Und sie vernahm eine undeutliche, doch leidenschaftliche Stimme. »Ich glaube, ich werde dich Eva nennen«, sagte der Sumpf.

Erik Simon © 2002
Entnommen aus: Erik Simon, Sternbilder (Berlin: Shayol, 2002)

Erschienen in
Erik Simon, Sternbilder (Berlin: Shayol, 2002)
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