ALIEN CONTACT
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Barbara Slawig

Pakettage

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Segundo 29, 2:12

Ich hätte nie gedacht, dass du mir einmal fehlen wirst, Glenn. Im Gegenteil, wenn mich als Junge jemand gefragt hätte: Auf welcher Welt möchtest du denn später mal leben, Murdo? - hätte ich gesagt: Egal, Hauptsache, Glenn kommt nicht mit. Glenn, der alles besser weiß. Glenn, der alles richtig macht. Und nun bin ich endlich fünf Lichtjahre von Volga entfernt, auf einem Planeten, der für Besucher gesperrt ist, erfülle mir einen Traum, der dich nie interessiert hat, und was tue ich, wenn es knifflig wird? Ich schreibe dir. Ausgerechnet meinem verbohrten Bruder.
   Vermutlich liegt es nur daran, dass ich nicht einschlafen kann. Dass ich seit drei Stunden schon wach liege und über das nachgrüble, was gestern passiert ist. Selbst an normalen Tagen fällt es mir schwer - noch nach fünf Periodas! -, mich in meiner Höhle schlafen zu legen, wenn vor dem Eingang die Sonne scheint. Wenn ich weiß, dass in den Kristallgärten die Silikos singen (falls man diese EM-Signale "Gesang" nennen sollte und nicht "Denken" oder "Impulse austauschen" – vielleicht formen die Wesen ja alle zusammen ein kollektives Bewusstsein). Dann möchte ich draußen sein und ihnen zuhören oder wenigstens am Bildschirm sitzen und mir ansehen, wie der Rechner die Gesänge in Spektren zerlegt, ich möchte mir Antwortgesänge ausdenken und am liebsten gleich ausprobieren ...
   Ja, Glenn, du hast richtig geraten. Ich bin auf dem Planeten, auf dem unser Großonkel ums Leben kam. Ich belausche diese Silizium-Wesen, die Herman Macmillan und seine Expedition umgebracht haben. Warum ich das tue? Um sie zu verstehen? Um das zu vollenden, was unser Großonkel angefangen hat? Dir würde keiner dieser Gründe einleuchten, ich weiß. Du hast dich seit zehn Jahren für nichts mehr interessiert, das nicht mit Politik und Volga zu tun hat. Mit den Machtverhältnissen im Synarchon und dem unbelehrbaren Stabilitätsrat. Mit dem, was ihr »Befreiung« nennt.
   Was ich dir erzählen will, hat sich gestern ereignet, an einem Pakettag. Pakettage machen mich immer nervös, weil ich nie genau weiß, wann das Paket ankommen wird und ob der Relais-Satellit es rechtzeitig meldet. Ich empfange sein Signal nur, wenn er genau über der Wohnhöhle steht. Manchmal bleibt mir dann kaum noch Zeit, den Anzug anzulegen und zu überprüfen, durch die Schleuse zu steigen und die Klippe hinaufzuklettern, um zu beobachten, wo der Fallschirm niedergeht. Einmal bin ich zu spät ins Freie gekommen; an dem Tag hat es sieben Stunden gedauert, bis ich das Paket endlich gefunden habe. Die Pakete enthalten keinen Sender - die Batterie würde nur die Silikos anlocken, und das Signal könnte mich gar nicht erreichen, weil die Gesänge der Silikos den Funkverkehr stören.
   Gestern landete das Paket hinter dem Hügel auf der anderen Talseite, zwei bis drei Kilometer von der Höhle entfernt. Luftlinie natürlich, der Fußweg durchs Tal war doppelt so weit. Mein Lieferant hatte schon besser getroffen. An Pakettagen wünsche ich mir häufig, mein halbkrimineller Kontaktmann auf Volga hätte mir einen Helfer vermittelt, der weiß, wie man Frachtsendungen richtig platziert. Obwohl ich mich sonst nicht beklagen kann, mein Kurier - ein Erzschiffer - versorgt mich sehr gut. Einmal hat er sogar Bier mitgeschickt; vermutlich findet er, das braucht man hier dringend. Und natürlich kann ich froh sein, dass ich überhaupt jemand gefunden habe, der mich auf Jargus abgesetzt hat und mich in dieser Einöde ein Jahr lang verpflegt. Hinter dem Rücken der Polizia, des Kikan und all seiner Spitzel. Ich habe mich schon gefragt, ob der Schiffer und mein Kontaktmann nicht zu diesen Illegalen gehören, von denen du dir für unsere "Befreiung" so viel versprichst, Glenn. Den Klandestinos. Andererseits hatten sie nicht das Geringste dagegen, mir bei einer Unternehmung zu helfen, die zu Volgas Befreiung kein bisschen beiträgt. Aber vielleicht sehen sie das einfach nicht so verbissen. Schließlich haben sie ja auch recht gut an mir verdient.
   Bevor ich in Richtung Paket aufbrach, stieg ich die Klippe ganz hinauf und ging zu dem Kristallgarten, den ich bisher überwacht habe. Die Silikos in diesem Garten sind seit der letzten Nacht schweigsam geworden. Wochenlang haben sie gesungen, ohne sich von meiner Anlage stören zu lassen, und wenn ich ihnen geantwortet habe, haben sie meinen Gesang in ihren Chor integriert – als wäre ich ein neues Mitglied der Herde, auf das man nun auch Acht geben muss. Dann habe ich den Fehler begangen, ihnen bei Dunkelheit einen Gesang vorzuspielen. Seitdem sind sie stumm. Als hätte ich sie verschreckt. Ich wollte sie jetzt in Ruhe lassen und es anderswo noch einmal versuchen. Unten im Tal, bei einem anderen Kristallgarten. Der Weg zum Paket führte an dem neuen Garten vorbei. Also habe ich die alte Anlage abgebaut und den ersten Teil der Ausrüstung ins Tal hinuntergeschafft. Es war früher Morgen. Die Sonne stand tief, am Fuß der Klippe und in den Schatten der Felsen lag Raureif: gefrorenes CO2. Es war windig, ich hörte Sandkörner über meinen Anzug rieseln.
   Es ist ein Erlebnis, diese Stille. Solange man geht, hört man vor allem sich selbst: Die Ärmel rascheln am Brustkorb entlang und die Beine reiben sich aneinander, die Tragriemen quietschen, Steine knirschen und klackern unter den Stiefeln. Aber wenn man stillsteht, hört man nur den Wind. Wenn er schwach ist, wispert er ganz leise, wenn er stärker wird, bringt er Lavastaub oder Sandkörner mit, wenn er stürmisch wird, pfeift er um Rucksack und Helm. Auf meinen Kontrollgängen stehe ich oft minutenlang still, bevor ich an die Arbeit gehe und meine Sensoren und Sender überprüfe. Manchmal schalte ich dann das Sprechgerät ein und höre dem Knirschen, Pfeifen und Schnalzen der Silikos zu. Ich sehe mir an, wie sie sich um die Kristalle gruppiert haben, flache schwarze Steine, ölig schimmernd. Immer wenden sie die konkave Seite dem Kristall zu; immer ist eine Ecke im Schatten, eine im Licht. Ich glaube, dass sie sich von den Kristallen ernähren, auch wenn ich nicht verstehe wie.
   Gestern habe ich mich nicht lange aufgehalten, sondern nur Sensoren, Sender und Kabel beim neuen Kristallgarten abgeladen. Hinter einem Felsbrocken – noch nach fünf Periodas habe ich das Bedürfnis, meine Apparate außer Sichtweite anzubringen. Dabei können die Silikos vermutlich gar nicht sehen. Schwingungen über tausend Gigahertz nehmen sie offenbar nicht mehr wahr. Nachdem ich alles verstaut hatte, ging ich weiter das Tal entlang, bis es anstieg und enger wurde, und dann links den Hügel hinauf. Die Sonne stand immer noch niedrig und war hinter der Kuppe verborgen. Der Boden war schwarz, aus grobem Sand, den der Wind zu breiten Rippen zusammengeweht hatte. Als der Hang flacher wurde, blieb ich stehen, drehte mich um und schaute zurück.
   Vor mir lag das Tal, voller Basaltbrocken. Die Kristalle und die schwarzen Silikos. Die Klippe mit meiner Höhle. Die Strickleiter am Eingang leuchtete orange in der Sonne, das einzige bunte Ding in dieser schwarzgrauen Welt. Der Himmel war trüb und leer, wie immer auf Jargus. Nach ein paar Minuten wollte ich weitergehen, da sagte jemand: »Hände hoch.«


Grafik: Martina Pilcerova


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Segundo 29, 5:23

Ich habe eben nach ihr gesehen. Sie liegt still da, aber sie schläft nicht; wenn ich mich über sie beuge, sieht sie mich an und scheint sich in der Matratze verkriechen zu wollen. Sie hat Angst - Angst vor mir, Angst vor jedem Schatten - das ist das einzige, was ich über sie weiß. Mein Erste-Hilfe-Koffer hat bei ihr leichtes Fieber, zwei gebrochene Rippen und Wasser- und Nahrungsmangel diagnostiziert. Als ich nach seinen Anweisungen ihren Brustkorb bandagiert habe, habe ich blaue Flecken und Abschürfungen bemerkt. Ich glaube nicht, dass die alle vom Sturz herrühren, aber sie erzählt mir nichts. Nicht ihren Namen, nicht ihre Herkunft, nicht die Gründe, weshalb sie hier ist. Sie liegt stumm auf meinem Bett, halb wach und fiebrig, und hält den Strahler in der Hand. Ich habe versucht, ihn ihr wegzunehmen, weil ich Angst vor Unfällen habe, aber sie umklammert ihn wie ein Kind sein Spielzeug. Ich hoffe nur, er ist gesichert, oder wie immer man das nennt.
   Vielleicht sollten Wesen, die so zerbrechlich sind wie wir Menschen, gar nicht im Universum herumreisen. Vielleicht täten wir besser daran, auf unseren Planeten hocken zu bleiben und die kalte tote Leere den Silikos und ihresgleichen zu überlassen. Wesen, die hier zu Hause sind. Aber wenn wir uns schon ins Universum hinauswagen, sollten wir es wenigstens in Schiffen tun, die dafür gebaut sind, die uns vor Kälte schützen, vor dem Vakuum oder vor giftigen Gasen, vor starken Beschleunigungen und harten Aufschlägen. Wir sollten uns nicht in Pakete stecken und antriebslos durchs Sternensystem schießen lassen, um dann - hinter einem billigen Hitzeschild für Warentransporte - in die Atmosphäre einzutauchen und an einem Lastenfallschirm zu landen. Ich nehme jedenfalls an, dass es so passiert ist. Wie gesagt, sie erzählt mir nichts, aber das Paket lag nur wenige Meter weiter, und die Hülle war zerrissen, der Inhalt verstreut.
   Hände hoch. Dass Menschen wirklich diese Worte benutzen und sich nicht lächerlich dabei vorkommen. Ich jedenfalls kam mir lächerlich vor, als ich gehorsam die Hände hob - nach Sekunden, so lange hat es sicher gedauert, bis ich verdaut hatte, was ich da sah. Einen Menschen im Raumanzug. An einen großen Felsen gelehnt, in der Hand einen Strahler, der zittrig, aber eindeutig auf meinen Bauch zielte.
   "Stehen bleiben", sagte die Frau; überflüssigerweise, ich stand längst still und starrte sie an.
   "Nehmen Sie den Gürtel ab."
   Wieder muss es Sekunden gedauert haben, bis ich gehorchte, ich war noch immer völlig verwirrt. Sie befahl mir, den Gürtel fallen zu lassen und mit dem Fuß zu ihr zu stoßen - vermutlich hatte sie Angst, ich wäre bewaffnet. Als sie sich nach dem Gürtel bückte, hörte ich sie stöhnen, aber die Hand mit dem Strahler senkte sich nicht. Sie schickte mich zum Paket hinüber, ließ mich den Inhalt in die aufgerissene Hülle zurückstopfen und befahl mir, die Sachen zur Höhle zu tragen. Andernfalls wollte sie mir das Knie zerschießen.
   Man stelle sich das vor. Das Knie. Warum nicht gleich den kleinen Finger? Als wenn ich weniger tot wäre, wenn die Luft durch ein Loch am Knie aus dem Anzug entweicht. Das Ganze erschien mir so irreal, dass ich sie fast ausgelacht hätte. Ich glaube, dann hätte sie wirklich geschossen.
   Wir gingen den Hang wieder hinunter, ich voran, sie hinterdrein. Keine hundert Meter weiter hörte ich sie keuchen, dann stöhnen, dann murmelte sie etwas vor sich hin.
   Ich drehte mich um, und da lag sie. Zusammengesackt wie ein Ballon, aus dem man die Luft herausgelassen hat. Ich legte das Paket ab und ging zu ihr; sie bewegte die Hand mit dem Strahler, aber sie schaffte es nicht mehr, ihn zu heben.
   Ich blieb vor ihr stehen. Minutenlang. Sie sah zu mir hoch – ihr Gesicht war schweißnass, und jung, unglaublich jung. Sie kann nicht viel älter als zwanzig sein.
   Ich habe sie zur Höhle getragen. Was sollte ich sonst machen? Es war ein langer, mühseliger Marsch - ich habe noch nie einen erwachsenen Menschen getragen, und sie war völlig schlaff und half nicht mit. Am schwierigsten war es, sie hinauf in die Höhle zu schaffen; beim ersten Versuch wären wir fast beide von der Leiter gefallen. Ich musste allein hinaufklettern und sie dann mit der Leiter hochziehen. Als ich sie endlich in die Höhle geschafft und aus dem Anzug gezogen und aufs Bett gelegt und versorgt hatte, musste ich noch einmal hinaus, das Paket holen, denn wir brauchen die Vorräte und auch das Methanol für die Brennzelle. Meine Hände zittern noch vom vielen Klettern und Tragen.
   Ich frage mich, woher sie kommt. Ob ich jemand benachrichtigen sollte, und wen. Ob jemand sie suchen kommen wird.
   Wer sie suchen kommen wird.

Segundo 30, 14:03

Diese Höhle ist nicht für zwei Personen gebaut. Es gibt nur ein Bett, eine Toilette, eine Waschschüssel - und vor allem gibt es nur diesen einen Raum. Als ich zum ersten Mal die Toilette benutzen wollte, musste ich meinen Gast sekundenlang anstarren, bis sie endlich begriff und sich wenigstens zur Wand drehte. Seitdem tut sie meist so, als würde sie schlafen; vielleicht schläft sie auch wirklich, aber ich fühle mich trotzdem beengt. Ich werde froh sein, wenn sie abgeholt wird. Wer immer sie bei mir abgesetzt hat, wird sich hoffentlich überlegt haben, dass meine Nahrungsvorräte begrenzt sind und dass zwei Personen auch mehr Energie verbrauchen als eine. Schon weil sie doppelt so viel atmen. Ich habe den Klimator seit ihrer Ankunft viermal überprüft: Er arbeitet noch im sicheren Bereich, aber knapp unter der oberen Grenze. Bestimmt sollte man ihn nicht auf Dauer so stark belasten.
   Manchmal versuche ich mit ihr zu reden. Aber sie antwortet einfach nicht. Sie bringt es nicht einmal über sich, um Hilfe zu bitten, wenn sie etwas zu trinken will. Stattdessen quält sie sich vom Bett hoch und versucht aufzustehen - und ich muss zusehen, dass ich sie rechtzeitig auffange, bevor sie in sich zusammensackt. Es gibt bessere Arten zu kommunizieren. Manchmal finde ich, die Silikos sind leichter zu verstehen als sie.
   Ihretwegen habe ich es zwei Tage lang aufgeschoben, wieder zum Kristallgarten zu gehen. Sechzig Stunden Tageslicht habe ich deswegen verloren. Wenn ich die Anlage jetzt nicht aufbaue, wird es Nacht, und wir haben ja erlebt, wie die Silikos reagieren, wenn man sie im Dunkeln anspricht. Wenn sie das nächste Mal einschläft, gehe ich los.

Segundo 30, 21:37

Die neue Anlage ist installiert, aber zu spät, fürchte ich: Der neue Kristallgarten liegt schon im Schatten. Der Platz unten im Tal ist sowieso ungünstig für einen Garten. Ich habe immer angenommen, dass die Silikos für ihre Ernährung Sonnenlicht brauchen oder wenigstens Wärme, dass sie darum nachts nicht singen, sondern nur diesen monotonen Brummton von sich geben. Warum legen sie dann einen Garten auf einer Talsohle an? Wenn ich paranoid wäre, würde ich vermuten, dass sie das Tal und die Hügel ringsum im Auge behalten, weil hier vor achtundsiebzig Jahren die Expedition unseres Großonkels gelandet ist. Und durch die Silikos ums Leben kam. Vielleicht beobachten sie jetzt den Eingang zu meiner Höhle, vielleicht schmieden sie Pläne, wie sie auch meine Batterien leer saugen können ... Wie gesagt, wenn ich paranoid wäre.
   Etwas unheimlich ist es schon, zwischen den Silikos herumzuwandern und die Sensoren zu platzieren, das Knarren und Knattern ihrer Gesänge im Sprechfunk zu hören und mich zu fragen, ob sie jetzt vielleicht über mich reden. Denn ich weiß ja, dass sie mich spüren, auch wenn sie mich nicht sehen können, sie spüren die elektrischen Ströme in meinem Anzug, die Pumpe für die Atemgase zum Beispiel; trotzdem regen sie sich nicht. Als wäre ich ein Gespenst, nicht wirklich vorhanden. Es war fast eine Erleichterung, wieder in die Höhle zu steigen und sie hier vorzufinden, sie atmen zu hören und den Schweißfilm auf ihrer Stirn zu sehen, zu wissen, dass sie sich warm anfühlen würde, wenn man sie anfasste.
   Es liegt ein neuer Geruch in der Luft, seit sie hier ist. Irgend etwas Würziges, das vor siebzig Stunden noch nicht da war. Fünf Periodas lang hat es hier höchstens nach meinem Essen gerochen oder nach meiner Seife; für meine Nase jedenfalls, wer weiß, was sie hier noch alles wahrnimmt. Ich stelle es mir lieber nicht vor.
   Sie schläft mal wieder. Unruhig, sie wirft den Kopf hin und her, ab und zu murmelt sie etwas, das ich nicht verstehe. Sie scheint böse Träume zu haben. In der ersten Nacht, die sie hier verbracht hat, war sie noch still, aber seitdem redet und schreit sie häufig im Schlaf. Manchmal rüttle ich sie dann wach; dann liegt sie mit offenen Augen da und sieht mich an, ohne ein Wort. Falls sie mich überhaupt erkennt. Falls ich für sie nicht nur ein Phantom aus einem Traum bin. Ich weiß immer noch nicht, wie sie heißt.

Segundo 30, 24:83

Diesmal lautete die Begrüßung: »Was machen Sie da?«
   Ich saß vor dem Schirm, den Hörknopf im Ohr, sah mir die Spektren und Diagramme an, die der Rechner zu den Gesängen der letzten Stunden angelegt hatte, und hörte gleichzeitig zu, wie die Silikos unten im Tal stiller wurden und in dieses gleichmäßige, an- und abschwellende tiefe Brummen verfielen, das ich ihren Nachtgesang nenne - da raschelte es hinter mir, und als ich mich umdrehte, saß sie aufrecht im Bett. Die Decke um die Schultern gelegt. Der Strahler zielte mal wieder auf meinen Bauch.
   »Ich arbeite«, sagte ich, nachdem ich mich von der Überraschung erholt hatte. Sie war blass im Gesicht, aber ihre Stimme war klar, als wäre sie nie krank gewesen.
   »Mit wem sprechen Sie da?«
   »Mit niemand. Ich höre nur zu.«
   Sie hob den Strahler ein Stück höher.
   »Ich höre nur zu! Da draußen ist niemand. Wen sollte ich denn von hier aus über Funk erreichen?«
   »Sie haben eben mit jemand gesprochen!«
   Da dämmerte es mir endlich. »Vorhin. Das war vor drei Stunden. Da habe ich einen Brief diktiert.«
   Sie schwieg eine Weile und kaute an ihrem Daumen. An dem, der nicht den Strahler hielt. »An wen?«
   »Ich wüsste nicht, was Sie das angeht.«
   Stille. Sie wusste nicht weiter. Schließlich kann man einen Menschen nicht einfach deshalb erschießen, weil er dumme Antworten gibt. Außerdem strengte es sie offenbar an, den Strahler zu halten, vermutlich hatte sie sogar Schmerzen. Ihre Hände begannen zu zittern.
   »Haben Sie mich verraten?« fragte sie.
   Ich sah sie an. Ihre Hände zitterten noch mehr; ihre Arme sanken abwärts. Der Strahler zielte jetzt ungefähr auf meine Füße.
   »Ich schreibe nur an meinen Bruder.«
   Sie schüttelte den Kopf, riss die Augen weit auf, versuchte noch einmal den Strahler zu heben.
   »An meinen Bruder! Glenn Macmillan. Er lebt auf Volga. Er tut Ihnen nichts.«
   Plötzlich ließ sie den Strahler sinken, legte ihn mit einem Seufzer neben sich auf die Matratze und lehnte müde den Kopf an die Wand.
   »Ach, Glenn Macmillan«, sagte sie. Drei Minuten später schlief sie schon wieder.
   Du wirst mich für schön blöd halten, Glenn. Das hätte ich mir wirklich gleich denken können. Erst neulich habe ich mich gefragt, ob mein Lieferant nicht etwas mit den Klandestinos zu tun hat. Wer sonst außer ihm oder meinem Kontaktmann könnte auf die Idee verfallen, bei mir harmlosem Spinner jemand zu verstecken?
   Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, eine von euch Befreiern zu Gast zu haben. Ich frage mich nur, warum man sie in diesem Zustand zu mir schickt. Meint ihr, diese Höhle sei als Sanatorium geeignet? Was ist mit ihr passiert - war sie in einen Anschlag verwickelt? Hatte sie Streit mit der Polizia? Warum war sie so verängstigt? Warum wusste sie so wenig darüber, was sie auf diesem Planeten vorfinden würde? Warum versteckt ihr sie nicht auf Volga?
   Ich hoffe nur, ihr seid nicht alle in so einem Zustand.

Segundo 33, 16:19

Sie ist jetzt recht häufig wach. Sie setzt sich im Bett auf, geht ohne Hilfe zur Toilette, holt sich selbst etwas zu trinken. Wir essen gemeinsam. Wir unterhalten uns manchmal. Nicht über das, was mit ihr passiert ist, darüber spricht sie nicht.
   Manchmal frage ich sie, wie lange sie bleibt, wie sie von hier wegkommen will, dann zuckt sie die Schultern. Sie weiß es nicht. Sie scheint blind darauf zu vertrauen, dass ihr jemand hier heraushelfen wird. Oder sie ist ganz einfach zu müde, um vor der Zukunft Angst zu haben.
   Wir reden viel über die Silikos. Chris - sie hat sich vorgestellt - Chris lässt sich erklären, wie mein Analyseprogramm funktioniert, wie ich es anstelle, einzelnen Silikos bestimmte Teilgesänge zuzuordnen. Nach welchem Konzept ich die Gesänge abwandle, bevor ich sie den Silikos vorspiele. Sie wollte wissen, wie die »Steine« darauf reagieren. Ich habe ihr von dem nächtlichen Singversuch erzählt - eigentlich bin ich darauf nicht stolz, es war nie meine Absicht, die Silikos zu erschrecken, aber Chris war so gespannt, dass ich es nicht lassen konnte, eine Gruselgeschichte daraus zu machen. Wie die Silikos plötzlich still wurden, als ich den Gesang abgespielt habe - wie sie selbst das tiefe Brummen einstellten. Wie ich daraufhin den Anzug anlegte und im Dunkeln die Höhle verließ, die Klippe hinaufstieg und zum Kristallgarten ging. Wie sie im Licht meiner Handlampe ganz ruhig dalagen. Bis ich zwischen ihnen stand. Dann schossen sie plötzlich auf mich zu.
   Chris hielt tatsächlich den Atem an. Dann grinste sie. Sie saß auf dem Bett, das Kinn auf den Knien. »Ich denke, die Steine bewegen sich langsam
   »Tun sie auch. Normalerweise. Aber das war eine Alarmreaktion.«
   Sie grinste weiter.
   »Es war unheimlich«, beharrte ich.
   »O ja, o ja. Aber stell dir mal vor, was erst passiert wäre, wenn du nicht schneller gewesen wärst als sie. Sie hätten dich so eng umzingelt, dass du die Füße nicht mehr frei kriegst. Dann hätten sie gewartet, bis du umfällst. Dann hätten sie dir die Batterie leer gesogen. Wie deinem Großonkel. Der Fluch der Macmillans: die lebenden Steine.«
   Wir sahen uns an. Sie grinste noch immer: Es schien sie überhaupt nicht zu kümmern, dass ich ihre Reaktion unmöglich fand.
   »Musst du sie lebende Steine nennen? Das klingt so - herablassend. Als wären sie nur irgendeine Kuriosität.«
   »Aber Silikos ist in Ordnung, ja?«
   »So heißen sie. Silicopetrus macmillanensis. Silikos ist nichts als eine Abkürzung.«
   Sie lachte. Sie findet mich anscheinend häufiger komisch.

Segundo 33, 21:40

Draußen ist es jetzt ganz dunkel, und in den Kristallgärten herrscht Ruhe. Meine Sensoren fangen nur das langwellige Nachtbrummen auf. Ich war eben draußen, um die neue Anlage zu kontrollieren, aber es gibt absolut nichts zu sehen. Nur schwarze Nacht. Sterne. Den Lichtfleck von meiner Lampe. Meine eigenen Spuren im Raureif.
   Als ich wieder hereinkam, hatte Chris Suppe aufgewärmt. Wir haben gegessen. Über das Kommunizieren mit fremden Lebewesen geredet. Über die ausgestorbenen Delphine von Terra und über die Xi, eine alte Raumfahrerlegende. Ich habe gesagt, das sei pseudowissenschaftlicher Unsinn. Sie hat mich wieder mal ausgelacht. Danach habe ich alle Daten und Analysen für diesen Jargus-Tag sendebereit zusammengepackt: In einer halben Stunde ist der Satellit wieder in Reichweite.
   Gerade hat Chris mir über die Schulter geblickt und gefragt, wohin ich die Daten eigentlich schicke. An den Relais-Satelliten, habe ich gesagt.
   »Und der schickt sie wo hin?«
   Es war tatsächlich das erste Mal, dass ich mir darüber Gedanken machte. Ich bin eben nicht zum Kriminellen geschaffen. »An meine Adresse. Auf Volga«, sagte ich schließlich.
   »Wer hat da Zugang?«
   »Niemand. Niemand außer mir.«
   Wir wussten beide, dass das nicht stimmte. Zwar glaube ich nicht einmal ein Zehntel von dem, was man sich über den Kikan erzählt, aber wenn er hinter Volgas Befreiern her ist, lässt er sich bestimmt nicht von den läppischen Zugriffsschranken an meinem Rechner aufhalten.
   »Es sind nur langweilige Messdaten«, sagte ich. »Über dich ist überhaupt nichts dabei.«
   »Und der Brief? Der Brief an deinen Bruder?«
   »Der ist noch gar nicht abgeschickt. Komplexe Signale kann ich nur nachts senden, sonst sind die Störungen zu stark, und auch dann muss der Satellit genau über uns stehen ...«
   Chris antwortete nicht. Ihr Gesicht war plötzlich so bleich wie bei der Ankunft.
   »Ich schicke ihn nicht ab«, sagte ich. »Ich schicke ihn überhaupt nicht ab.«
   Da hätte ich mir die Schreiberei also sparen können. Aber vielleicht war es gar nicht so dumm, meine Gedanken schriftlich zu sortieren. Auch wenn es mich schon etwas erschreckt hat, wie leicht es war, dich heraufzubeschwören, Glenn ... Na, was soll's. Wichtig sind letztlich nur meine Daten. Der Satellit wird gleich in Reichweite sein ...
   Da ist er. Und er gibt Annäherungsalarm. Ein Raumschiff nähert sich dem Planeten.

Segundo 34, 5:38

Sie kamen zu zweit: ein Mann, eine Frau. Sie klopften an den Eingang zur Höhle, wie alte Bekannte, die kurz Hallo sagen wollen. Ich hatte sie noch nie gesehen.
   Beide setzten sie den Helm ab und befestigten ihn an ihrem Gürtel. Der Mann blieb bei der Schleuse stehen, die Frau kam ganz herein. Sie sah sich einmal um, dann sah sie mich an.
   »Wo ist sie?«
   Ich hatte gründlich aufgeräumt. In der einen Stunde, die zwischen der Meldung des Satelliten und ihrer Ankunft vergangen war, hatte ich meinen Schlafplatz vom Fußboden geräumt; ich hatte die zweite Suppenschale gespült und getrocknet; ich hatte das Bettzeug ausgeschüttelt, damit es so aussah, als wäre es seit dem Morgen nicht mehr benutzt worden ...
   »Wer?«, fragte ich.
   Die Frau gab dem Mann ein Zeichen. Er kam näher, zog den Handschuh aus und schlug mir ins Gesicht. Mehrere Male. Als er aufhörte und ich mir das Blut vom Gesicht gewischt hatte, saß die Frau am Bildschirm und blätterte geduldig durch meine Daten. »Ah«, sagte sie, als sie den Brief fand. Dann las sie schweigend. Der Mann stand vor mir und rieb sich die Hand. Ich saß auf dem Bett und fragte mich, wie viel Zeit schon vergangen war. Wann Chris im Versteck ankommen würde.
   Jemand, der sich auf so etwas versteht, hätte sich vermutlich anders verhalten. Er hätte den Mann niedergeschlagen. Ihm die Waffe abgenommen, die er mit Sicherheit bei sich trug, und die Frau damit erschossen. Aber ich habe es nie für nötig gehalten, solche Methoden der Auseinandersetzung zu lernen. In einer zivilisierten Gesellschaft sollten sie überflüssig sein, und für mich ist das Synarchon immer der Inbegriff des Zivilisierten gewesen.
   Wie schnell man manchmal seine Meinung ändert.
   Als die Frau zu Ende gelesen hatte, drehte sie sich zu mir um und sah mich ein paar Sekunden lang an. »Sie versteckt sich draußen. Weit kann sie nicht gekommen sein. Irgendwo, wo ihr euch einbildet, dass wir sie nicht finden.« Sie überlegte; dann lächelte sie. »Wo man ihren Anzug nicht so leicht orten kann.«
   Der Mann drehte sich zu ihr um und hob fragend die Faust, aber sie schüttelte den Kopf. »Ach was, ich weiß schon.«
   Sie wandte sich wieder dem Bildschirm zu und rief das Steuerungsprogramm für meine Anlage auf. Mir blieb fast das Herz stehen, aber sie fand sofort, was sie suchte. Sie schaltete den Hörer ein und setzte ihn sich ins Ohr. Ein paar Sekunden lang lauschte sie konzentriert, dann breitete sich ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht aus.
   Sie winkte den Mann heran und hielt ihm den Hörknopf hin. »Hörst du das Pochen?«
   Er hörte zu. »Atempumpe?«
   »Du musst nur den Kabeln nachgehen.« Sie sah mich an. »Kompliment. Deine Sensoren sind sehr empfindlich.«
   Mir fiel keine Antwort ein. Während der Mann den Helm aufsetzte und zur Schleuse hinausstieg, nahm sie einen Strahler vom Gürtel. Sie hielt ihn lässig in der Hand, ohne ihn auf mich zu richten, aber sie ließ mich nicht aus den Augen. Der Hörknopf lag auf dem Tisch, sie hatte die Lautstärke ganz hoch geschaltet, so dass ich das tiefe, an- und abschwellende Brummen hörte und sogar das Pochen zu ahnen meinte, das im Rhythmus genau dem Pumprhythmus eines Anzugs entsprach.
   »Was habt ihr mit ihr vor?«, fragte ich nach vielen Minuten.
   Sie lächelte so strahlend wie zuvor. »Mit ihr reden. Nur mit ihr reden. Sie hat uns leider verlassen, bevor sie alle Fragen beantwortet hatte.«
   Wieder war nur das Brummen der Steine zu hören. Die Frau sah zum Bildschirm, drehte ihn so, dass sie mich und ihn gleichzeitig im Blick hatte, und fing wieder an zu lesen. Wieder den Brief, nehme ich an.
   »Armes Würstchen«, sagte sie schließlich. »Fünf Tage war sie hier, und du hast sie nicht einmal gevögelt. Das hätte dein Bruder Glenn aber besser gemacht.«
   Ich stand auf. Sofort hob sie den Strahler und richtete ihn auf meinen Bauch. »So ein Bauchschuss tut weh«, sagte sie sachlich. »Du scheinst nichts davon zu verstehen, darum warne ich dich lieber. Es tut weh, und niemand kann sagen, ob du es auch überlebst. Vielleicht liegst du eine Woche lang flach und wirst wieder gesund. Oder du liegst eine Woche lang flach und krepierst. Beides nicht besonders angenehm, wenn man ganz allein ist.« Sie blickte sich in der Höhle um. »In so einem Loch.«
   In diesem Augenblick ertönte ein lautes Knattern. Die Frau setzte den Hörknopf ein und lauschte. Ich stand still und atmete nicht, aber ich konnte nichts mehr hören - dann riss sie den Knopf plötzlich heraus und hielt ihn mir auf der flachen Hand hin. »Was ist da los? Was ist da los?«
   Aus dem Hörer kam nichts als Stille. Genauso wie vor mehr als zweihundert Stunden, als ich schon einmal einen schlafenden Kristallgarten aufgeschreckt hatte.
   Ich nahm ihr den Hörknopf ab und hielt ihn ans Ohr, und da hörte ich deutlich ein Pochen. Ein Anzug. Jemand war im Kristallgarten. Diesmal war wirklich jemand da.
   Und dann Schreie. Der Mann musste den Sprechfunk aktiviert haben, und die Sensoren fingen auch das auf. Er schrie und schrie, ohne dass ich ein Wort verstand.
   Die Frau sah es mir am Gesicht an. Sie entriss mir den Knopf, hörte kurz zu, dann griff sie nach dem Helm an ihrem Gürtel. Wahrscheinlich wollte sie über Sprechfunk nach dem Mann rufen - jedenfalls war sie einen Augenblick lang nicht auf der Hut. Ich nahm den Bildschirm und schlug ihn ihr über den Schädel.

Segundo 34, 13:09

Die Sonne von Jargus liegt weit hinter uns; nicht mehr lange, und wir erreichen den inneren Sprungpunkt. Unsere Besucher sind mit einem schnellen Schiff nach Jargus gekommen. Es ist ein Kikan-Schiff, behauptet Chris; ich nehme an, sie kennt sie sich aus.
   Sie stieg durch die Schleuse, gerade als ich meinen Helm aufsetzen wollte. »Du solltest doch unten warten«, sagte ich. Sie behauptete, sie hätte die Schlüsselkarte fürs Schiff bei dem Mann nicht gefunden. Sie war vom Klettern völlig erschöpft, auf dem letzten Stück Weg zum Schiff musste ich sie schon wieder halb tragen.
   Der Mann ließ sich nicht mehr blicken. Ich habe Chris nicht gefragt, was mit ihm passiert ist: ob er vor Schreck gestorben ist, als die Steine auf ihn zukamen; ob sie ihn eingeklemmt haben, wie Chris es sich für mich ausgemalt hatte, und jetzt genüsslich seine Batterie leer saugen; ob sie ihn mit ihrem Strahler erschossen hat. Es ist mir egal. Wir können sowieso nicht nach Volga zurück. Die Frau war nicht tot, vermutlich sitzt sie in meiner Höhle und isst den Rest von unserer Suppe. Hoffentlich muss sie noch lange auf Hilfe warten. Chris sagt, dass wir untertauchen werden, und sie scheint zu wissen, was sie damit meint. Diesen Brief werden wir bei einem Freund von ihr deponieren, Glenn, er leitet ihn an dich weiter, falls er kann. Ich speichere meine letzten Daten und Analysen dazu. Bitte wirf sie nicht einfach weg.
   Chris sagt, dass sie dich gern persönlich kennen lernen würde. Vielleicht können wir uns ja irgendwann alle mal treffen.
   Bis dann also. Alles Gute.

Dein Murdo.

© Barbara Slawig 2003 • Erstveröffentlichung

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Siehe auch
Das »Normale« sind die andern - Im Gespräch mit Barbara Slawig
Barbara Slawig: Die Lebenden Steine von Jargus (2000) [Rezension]
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