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| Die Neptun
dockte mit elf Stunden Verspätung an, am 27. Mai genau um vier Uhr vierundzwanzig.
Langsam und bedächtig schwebte sie auf die Mittelachse der Station zu. Sie fuhr die
Halteklammern aus und hakte sich fest, schob den Schleusenrüssel vor und presste die
Bremsbürsten an den Außenring der Nabe. »Ich spüre es in meinen Fußsohlen«, sagte
Jeannette neben mir. Wir standen im Salon vor der Bildwand, gemeinsam mit allen anderen
auf der Starreach; obwohl wir seit zwei Wochen wussten, dass die Neptun
sich verspäten würde, hatte keiner von uns geschlafen ... So würde George die Geschichte erzählen. Oder auch unser Projektleiter Dr. Bartanyan ich habe manchmal seine Berichte gelesen, bevor er sie zur Erde schickte, sie sind in diesem Stil verfasst. Schritt für Schritt würde er die Ereignisse schildern, einen imaginären Zeitfaden entlang, von der Ankunft der Neptun bis zu Evans' Tod. Ich glaube, das ist der größte Unterschied zwischen uns Modifizierten und euch. In unseren Köpfen stiftet die Zeit keine Ordnung, die Ereignisse reihen sich nicht aneinander wie Holzperlen auf einer Schnur. Sie liegen nebeneinander wie hingeworfene Münzen; Bewegungen liegen neben Geräuschen, Gerüchen, Gedanken; Stimmungen neben Erinnerungen und Vorahnungen. Mein Name ist Karla Hand mein heutiger, mein gültiger Name. Ich habe noch einen anderen ich hatte ihn früher, würdet ihr sagen aber er war nie besonders wichtig. Wichtig war meine Nummer im Versuchsprotokoll: 13K. Das Forschungsprojekt diente dazu, die Fähigkeit zum intuitiven Erkenntnisgewinn zu erhöhen, durch genetische Auslese, mikrochirurgische Eingriffe vor der Geburt und durch Training. Es war erfolgreich, allerdings auf eine Art, die niemandem nützt. Das beweisen auch die Einträge in Evans' Akten. Als man uns aus der Klinik entließ, damit wir uns im Alltag bewähren so bezeichnete es der Klinikleiter in seiner Rede wurde uns allen ein DC verordnet, ein digital companion. Mein DC heißt George, ich trage ihn an einer Kette um den Hals wie ein Amulett. Die anderen auf der Station hielten ihn sieben Jahre lang für ein Schmuckstück. DCs sind so programmiert, dass sie ihr holografisches Bild projizieren, sobald der Stresspegel des Betreuten eine bestimmte Höhe erreicht. Als ich elf Jahre später beschloss, aus dem Blickfeld der Klinikärzte zu verschwinden, und mich in Karla Hand verwandelte, habe ich George mit viel Mühe dazu überredet, sich nur dann zu aktivieren, wenn ich in meinem Zimmer bin. Im Augenblick schwebt er vor der Kaffeemaschine und versucht die Abläufe in diesem Bericht zu sortieren. Er wird nicht viel Erfolg damit haben. Natürlich sind auch für mich die Ereignisse durch Fäden verbunden, aber eben durch viele Fäden die zusammentreffen und sich wieder trennen, sich kreuzen und einander entgegenlaufen und sich manchmal zu dichten Knoten verschlingen. Die Ankunft der Neptun ist solch ein Knoten. In meiner Erinnerung sehe ich sie als ein komplexes Geflecht, ich höre sie als eine Komposition aus Klängen, Rhythmen, Worten und Bildern. Die Müdigkeit nach der schlaflosen Nacht ist dabei der Basston, ein tiefes Brummen, das man kaum bemerkt. Darüber scharf und hell die Aufregung, ein schnelles Klopfen, mein Herzklopfen und das aller anderen. Dann das Seufzen, das immer wieder durch den Raum weht, erleichtertes Seufzen, wie leise Windstöße. Von dort aus führt ein erster Faden weg, tief in ein anderes Gewebe hinein, das sich durch sieben Jahre zieht. Jahre, in denen wir uns immer wieder gefragt haben nur in Gedanken, nur allein ob die ISA ihre Zusage wirklich einhalten und uns hier draußen abholen würde. Ob die Erde nicht vielleicht das Interesse an fernen Sternen verloren hatte. Ob vielleicht ein Wissenschaftler bewiesen hatte, dass die Theorie der Ätherströme fehlerhaft war, dass der Antrieb, den wir auf der Raumstation Starreach erprobten, niemals funktionieren würde. Ob man sich dann nicht die vielen Millionen für die Rückholmission sparen würde und wir würden immer weiter ins Weltall hinaustreiben, ohne eine Möglichkeit umzukehren, dreiundachtzig gescheiterte Existenzen ... Gespenster für schlaflose Nächte. Für die vielen Tage, an denen wir müde gearbeitet und frustriert waren, weil das Gestänge wieder nicht gehalten hatte, das Feld zu schwach gewesen war, die Berechnungen immer noch nicht stimmten. Mich hat diese Sorge selten beschäftigt, aber ich habe sie bei den anderen gespürt, als ein dumpfes Schweigen, eine Stille wie Watte. Jeannettes Aufregung ist dagegen laut und schrill: Ich spür's in den Fußsohlen, sagt sie neben mir, und dann noch schneller, atemlos: Ich spür das immer! als hätte sie uns das nicht schon viel zu häufig erklärt Es ist dieses plötzliche Abbremsen, verstehst du, die Station wird langsamer, wenn die Drehkammer sich abkoppelt, ein paar Sekunden lang sind wir leichter, das spürt man! Und gleich darauf wieder: Da sind sie endlich, unsere Befreier. Mann, wie hab ich das ausgehalten, viereinhalb Milliarden Kilometer bis zur nächsten Bar, und das sieben Jahre lang. Das wird auch Zeit. Sie sieht zu Mick hin, während sie spricht, und die Töne fliegen zu ihm und zersplittern. Seit dem Unfall vor vier Jahren, bei dem er beide Beine verlor, trägt er einen Metallpanzer mit sich herum. Unterdessen plappert der kleine Sven auf dem Arm seiner Mutter, das einzige Kind auf der Station, er ist noch keine zwei Jahre alt. Und natürlich sind da auch die Gerüche, der von Schnaps vor allen Dingen, die Monteure haben in der schlaflosen Nacht ihren Vorrat an Selbstgebranntem ausgetrunken. Aber auch der vertraute Geschmack der gefilterten Luft. Und darunter ein anderer Geschmack, so schwach, dass ich ihn fast nicht bemerke, ein pelziger Belag auf der Zunge: der erste Vorbote der Angst. Mitten in dieses Gewebe hinein sinkt die Neptun der Station entgegen, ein klobiges und hässliches Schiff, drei Zigarren nebeneinander, durch eine Bauchbinde miteinander verbunden. Wir sehen sie durch eine der Kameras, die außen auf dem Wohnring montiert sind, so dass wir im Kreis um das Schiff herumfahren wie Kinder in einem Karussell. Der Schleusenrüssel der Neptun hat sich mit der Drehkammer verbunden und wieder gelöst, und die beiden Fahrstühle bewegen sich nach außen. Von der Nabe weg zu uns. Und das Bild verwandelt sich. Die Klänge sind miteinander verschmolzen, zu einem dünnen schwebenden Ton. Die Umrisse sind klar und hart, wie in Glas geritzt. Dabei müssen wir uns alle bewegt haben, denn nun stehen wir nicht mehr vor der Bildwand, sondern an der Salontür oder draußen im Gang. Dr. Bartanyan ist aus seinem Büro getreten; hinter ihm steht die Stationschefin May. Alle blicken auf die graue Stahltür, hinter der der Fahrstuhl anhalten wird, mit einem Knacken und Zischen, das wir alle kennen. Sven ist stumm, er spürt die Spannung. Jeannette steht noch neben mir, gleich an der Tür; irgendwo auf dem Gang höre ich Micks Sprungfeder knarren. Knacken. Zischen. Die Stahltür geht auf. Da stehen sie, vier ganz gewöhnliche Männer. Sie blicken in schweigende Gesichter. Dr. Bartanyan tritt vor und streckt die Hand aus; der Kapitän der Neptun kommt ihm entgegen; und der kleine Sven fängt an zu weinen, er hatte noch nie einen Fremden gesehen. Jetzt treten auch die anderen drei aus der Fahrstuhlkabine, etwas unsicher auf den Beinen. Der Kapitän unterhält sich mit Dr. Bartanyan. Sicher habe ich ihre Stimmen gehört, und die Stimmen aller andern, aber ich erinnere mich nur an den einen Ton, den außer mir niemand hört, ein hartes tiefes Dröhnen wie von einem Metallgong, es wird immer lauter und schriller; denn der Kapitän blickt beim Sprechen über Dr. Bartanyans Schulter, sein Blick wandert von Gesicht zu Gesicht. Bis er zu mir kommt. Da bricht das Bild ab. Viele Fäden gehen von diesem Zentrum aus. Da ist zum Beispiel der zweite Fahrstuhl. Die Fahrstühle der Starreach fahren immer beide zugleich nach innen oder nach außen, ob jemand in der Kabine ist oder nicht das hält die Unwucht der Stationsdrehung niedrig. Diesmal hatten wir alle angenommen, dass nur die eine Kabine besetzt sei. Tatsächlich war aber noch jemand von Bord der Neptun gegangen und mit dem anderen Fahrstuhl zum Wohnring gefahren. Ich sah ihn, als er gerade mein Zimmer betrat. Vielmehr hörte ich ihn husten. Ich ging durch den Korridor im Ringabschnitt B, die Wassertanks lagen hinter mir, vor mir der hintere Wohnbereich. Wie ich aus dem Salon und von den anderen weg gekommen bin, weiß ich nicht mehr, es ist auch nicht wichtig; ich wollte allein sein, und ich war sicher, dass außer mir alle in Abschnitt A waren; genau da hörte ich das Husten. Es war nicht laut, aber laut genug, um zu erkennen, dass ich es noch nie gehört hatte. Ich wich in einen der Seitengänge aus und lauschte. So etwa muss es sich abgespielt haben so hat George es zumindest geordnet; für mich ist das alles ein einziges Bild. Ich höre jemand husten und im nächsten Seitengang hantieren, eine Tür öffnen und eintreten und wieder herauskommen. Ich spüre die Leere und Stille ringsum und meine eigene Anspannung, während ich lausche. Ich sehe mein Zimmer, als ich es schließlich betrete, George aktiviert sich und schwebt über dem Sessel, und ein Dutzend Anzeichen verraten mir, dass jemand meine Sachen durchsucht, meinen gepackten Rucksack geöffnet und wieder zugeschnallt hat. Ich rieche seine Gegenwart in der Luft, die er eben geatmet hat; und zugleich sehe ich ihn an mir vorbeigehen, während ich mich in eine Türnische drücke. Evans. Aufrecht, schmächtig, helle Haare. Zielstrebig und doch vorsichtig. Damals wusste ich seinen Namen noch nicht, aber darauf kommt es wohl nicht an. Natürlich gehören zu Evans noch andere Facetten. Seine Stimme zum Beispiel und die Art, wie er mir ins Gesicht sah, starr und ohne zu blinzeln. Er hatte helle Wimpern, seine Augenbrauen waren fast weiß, seine Augen immer ein wenig gerötet. Inzwischen weiß ich, dass er mich an diesem Tag sehr wohl bemerkt hat, dass er mich vorausgeahnt hat, er muss fast alles vorausgesehen haben, was dann passiert ist. Ich habe nichts vorausgesehen. Ich habe nur gespürt, wie sich die Angst in mir zusammenballte, während ich dort stand und lauschte, wie aus einem diffusen metallischen Dröhnen etwas Hartes, Kompaktes wurde: Ich hatte jetzt Angst vor ihm. Ein ganz anderer Faden führt zu Dr. Bartanyan. Zu unserer langen, langsam wachsenden Freundschaft. Zu der Wärme in meinem Bauch, wenn er mich anlächelte; und er lächelte mich gern an. Wir saßen manchmal spätabends in seinem Büro, wenn ich lange über einem Problem in der Schiffsökologie gebrütet hatte und er an einem der Berichte schrieb, die er so verabscheute; er rief mich herein, wenn ich an seinem Büro vorbeiging, und dann unterhielten wir uns über Musik. Er liebt Mozart und Gershwin; Bach ist ihm zu vorhersagbar. Auf einem kleinen Bildschirm in seinem Büro war der Blick in das riesige haubenförmige Gitter zu sehen, das über dem Wohnring schwebte und das die Monteure nach den Messungen und Berechnungen der Physiker immer und immer wieder umbauten. Manchmal sahen wir einfach schweigend zu, wie die Männer und Frauen in ihren gelben Raumanzügen zwischen den Streben und Drähten herumstiegen. Oder wir redeten über die alltäglichen Vorgänge auf der Station, nicht die großen Ereignisse, sondern die kleinen, den Klatsch und die Streitereien, die angebrannte Suppe beim Mittagessen und das ewige Dameturnier zwischen dem Chefprogrammierer und May. Dr. Bartanyan schien immer alles zu wissen, auch Dinge, von denen er offiziell nie gehört hatte. Einmal hatte sich die Vakuum-Destille der Monteure aus ihrer Halterung in der Stationsnabe gelöst; da war er es, der mich fragte, ob sie es denn geschafft hätten, den Glasballon mit dem kostbaren Schnaps zu bergen, bevor er an einem der Träger zerschellte. Ja, sagte ich, Mick ist hinterhergesprungen, er bewegt sich in der Schwerelosigkeit, als könnte er fliegen. Dr. Bartanyan nickte; dann sagte er: Hier draußen ist er ein Akrobat. Auf der Erde ist er ein Krüppel. Ich frage mich, wie er damit klarkommen wird. Ich hatte keine Antwort für ihn. Dr. Bartanyan sprach gern über die Erde, aber ich nicht, ich sah dann zu viele vergitterte Fenster, zu viele Ärztekittel vor mir, und die Angst, die meist müde im Bett lag und schlief, fuhr hoch und blickte sich um und schrie: Trau ihm nicht trau niemandem du darfst niemand trauen! Die dünne Schicht Zuversicht, die sich in den sieben Jahren auf der Station abgelagert hatte, zerbröckelte, und ich war wieder von Gefahren umgeben: Jemand könnte erkennen, dass ich einen DC trug jemand könnte durch einen Brief von der Erde erfahren, dass es Karla Hand, diese Karla Hand, gar nicht gab jemand könnte bemerken, dass ich beim Überwachen des Ökosystems manchmal die Zukunft voraussah, dass ich Störungen erahnte, bevor sie eintraten, und schon eine Lösung gefunden hatte, wenn die Sensoren etwas anzeigten. Und Dr. Bartanyan würde sich von mir abwenden, er würde sich hintergangen fühlen, als hätte sich eine Mörderin sein Vertrauen erschlichen. Auch das waren Vorahnungen, ich habe es nur nicht begriffen. Es wurde mir klar, als ich die Kantine betrat zur Frühstückszeit, nach der Ankunft der Neptun und alle im Saal zu mir hersahen und verstummten und schnell auf ihre Teller blickten. Auch Dr. Bartanyan. Er saß mit den fünf Neuankömmlingen an einem Tisch. Evans war der einzige, der mir ins Gesicht sah. Dieses Bild habe ich vor Augen, während ich mich mit Dr. Bartanyan reden höre. Denn wir haben noch einmal miteinander gesprochen, in seinem Büro, während ringsum in allen Räumen schon die letzten Schränke leer geräumt und die letzten Kisten gepackt wurden und die Fahrstühle ohne Pause vom Wohnring zur Neptun und wieder zum Wohnring fuhren und ich auf Dr. Bartanyans kleinem Bildschirm die Monteure in die Gitterhaube hinaufklettern sah. Ich höre mich auf ihn einreden ihm erklären, dass ich keine Missgeburt bin, kein Ungeheuer, dass an meinen Prognosen nichts Übernatürliches ist, dass ich nur etwas anders denke als andere Menschen, und hat nicht jeder Mensch seine eigene, einmalige Art, die Welt zu betrachten? Was ist mit Mick, sage ich, dem Mann ohne Beine, der sich einbildet, er sei dem Universum gewachsen, weil er auf einer Sprungfeder herumhüpfen kann? Was ist mit Sven, für den die Welt aus einem achthundertachtzig Meter langen in sich geschlossenen Schlauch besteht und aus dreiundachtzig Menschen, die alle gemeinsam auf ihn aufpassen? Sind sie normal? Würdest du von ihnen verlangen, dass sie sich ihr Leben lang überwachen lassen? Meine Stimme ist laut und dünn geworden, ich hasse mich selbst, weil ich so über Leute rede, die ich gern habe, ich frage mich, warum ich ausgerechnet von ihm Hilfe erwarte, und dabei sehe ich ihn in seinem Sessel sitzen hinter dem leergeräumten Schreibtisch, und sehe ihn zugleich in der Kantine mit dem Kapitän und mit Evans sprechen und den Blick abwenden, als ich hereinkomme und ich weiß, dass es vergeblich ist, ich dringe nicht mehr zu ihm durch. Er ist in seiner Vorstellung schon auf der Erde. Vielleicht sitzt er schon in dem Haus in den Bergen, von dem er mir einmal erzählt hat, dem Haus, das er von seinem Honorar bauen wird, er sitzt im Wohnzimmer vor dem Panoramafenster im Sessel, ein reicher, berühmter, zufriedener Mann; und wenn ich in seiner Zukunft überhaupt vorkomme, dann als eine Kuriosität, von der man abends am Kaminfeuer spricht. Andere Bilder sind nicht so leicht zu beschreiben. Die Angst ist zu einem dicken Kleister geworden, der alles übrige grau überdeckt. Man sieht nur noch Umrisse. Ich wandere durch die Station, und meine Kollegen weichen mir aus, sie verschwinden in ihren Zimmern, Gespräche verstummen, Türen schließen sich leise. Ich gehe in mein Zimmer und rede mit George, vielmehr redet er auf mich ein, während ich auf und ab gehe, mich aufs Bett setze und wieder aufstehe, Dinge in meine Tasche packe und wieder herausnehmen, ihn anbrülle und frage, was ich tun soll. Ich kann nicht mitfliegen; ich kann nicht hierbleiben. In wenigen Stunden wird sich die Station in ein Raumschiff verwandeln, in die Lontano. Der Wohnring wird aufhören, sich zu drehen, und starr mit der gewaltigen Haube aus Metallstreben und Draht verbunden werden. Die Neptun wird ablegen und ihre Triebwerke zünden und damit den Rückflug zur Erde einleiten. Auf der Lontano wird sich die automatische Steuerung einschalten; und das Gitter, das die Monteure gebaut und die Wissenschaftler sieben Jahre lang vermessen und im Computer simuliert und in kleinen Teilstücken getestet und wieder umkonstruiert haben dieses haubenförmige Gitter wird ein Feld generieren, das bestimmte Teilchen der Kalten Dunklen Materie einfängt, den Äther, wie er inzwischen von allen genannt wird, und sich an die Ströme in diesem Medium koppeln, so dass sie die Lontano mit sich fortziehen, aus dem Sonnensystem, hin zu den Sternen, in einer Geschwindigkeit, die noch kein Raumschiff erreicht hat. Mit niemand an Bord außer dem verängstigten Javaneräffchen, das die Neptun mitgebracht hat. Ich weiß, sagt George ruhig, zum fünften oder fünfzigsten Mal. Ich weiß. Er ist auf Geduld programmiert. Er schwebt über seinem Sessel, ein dicklicher, kurzsichtiger älterer Mann. Ich habe ihn nach einer Romanfigur aus dem Zwanzigsten Jahrhundert benannt. Der George in den Romanen ist ein Spion, aber er ist auch ein guter Zuhörer, zurückhaltend und intelligent, und er ist durch nichts zu überraschen, weil er weiß, dass alles möglich ist. Sein Gegenspieler heißt Karla. In den Romanen ist das ein Mann, und Karla ist wohl nur sein Deckname. Niemand scheint viel über ihn zu wissen. Ich wünschte, das könnte ich auch von mir noch behaupten. Ich erinnere mich an Zeiten auf der Erde, in denen ich meine Seele dafür verkauft hätte, so zu sein wie alle anderen. Nicht mehr als fremd erkannt zu werden. Nicht mehr bei jedem, den ich traf, diesen besonderen Ausdruck in den Augen zu sehen, diese Distanz: manchmal mit Abscheu gemischt, manchmal mit Neugier oder sogar mit Bewunderung, aber immer war dieser ungeheure Abstand zwischen ihnen und mir. Nie hätte mir jemand auf die Schulter gehauen und gesagt: Na, schon Feierabend? Hier auf der Station ist mir das täglich passiert. Der Küchendienst hat mit mir herumgealbert, wenn ich mir mein Essen holte, Jeannette hat mir ihre Liebesnöte geschildert und ihre Kindheit in Marseille, haarklein. Die Leute haben mich verflucht, wenn sie meinten, dass es in ihren Zimmern zu heiß war oder zu feucht, wenn ihnen die Nase lief oder das Wasser faulig schmeckte. Manche waren vielleicht neidisch auf meinen Posten als Schiffsökologin aber sie waren neidisch, weil sie fanden, dass ich nichts Besonderes sei, sie betrachteten mich als ihresgleichen. Vorbei. Das würde ich jetzt nicht mehr erleben. Ich weiß, sagt George auch dazu, ich weiß, und er rät mir, mir eine Tasse Melissentee zu kochen und die Meditation Wärmende Sonne durchzuführen. Er erinnert mich daran, dass ich dazu neige, die Dinge allzu schwarz zu sehen, meinen inneren Blick immer auf die katastrophalste aller möglichen Zukünfte zu richten. Einige meiner Unglücksvisionen seien nie Wirklichkeit geworden. Noch habe mich schließlich niemand bedroht. Der Umzug auf die Neptun ist in meinem Gedächtnis ein blasses Gewirr, ein Durcheinander aus Gesichtern und Stimmen. Menschen hangeln sich in der Schwerelosigkeit durch die Gänge, schieben Gepäckstücke vor sich her, stoßen gegeneinander, fluchen und lachen und rufen sich Kabinennummern zu. Ich treibe zwischen ihnen, sie sehen mich nicht. Nur einmal begegne ich Jeannettes Blick, und sie scheint etwas sagen zu wollen, aber jemand anders schiebt sich dazwischen. Die Leute verschwinden in ihren Kabinen und kommen wieder heraus und strömen zur Schiffsmesse, um dort die Ankunft der Neptun und den Abschied von der Starreach zu feiern; aber ich nicht, ich schwebe jetzt in Evans' Kabine. Er ist nicht da. Die Angst ist zu etwas noch Kälterem geworden, zu einer tiefen schwarzen Leere, in der ich allein gefangen bin. Meine Hände greifen ins Leere, meine Augen sind wie blind trotzdem sehe ich grelle Bilder, sie springen mir hektisch und in Feuerfarben entgegen. Rauchwolken, brennende Scheunen, panische Menschen. Bilder von Evans' Leseschirm. Sechs Jahre alte Nachrichtenbilder. In meinem Kopf verliest jemand den Text, immer wieder, mit hämmernder Stimme: Armee und Polizei stürmen amerikanische Kleinstadt. Die Sekte Leuchtende Zukunft hat sich verschanzt. Aus allen anderen Orten im Staat hat man sie vertrieben. Hier wollen sie sich behaupten oder untergehen. Und ihr Anführer, der Sektengründer: Nicolas Finn. Ein Modifizierter, vor dreißig Jahren in einer Klinik gezüchtet. Hyperbegabte Kinder hat man uns damals versprochen. Bekommen haben wir gemeingefährliche Monster. Die Stimme verstummt. In die Schwärze hinein flüstert eine Lautsprecherstimme, durch viele Winkel in den Gängen der Neptun verzerrt und gedämpft. Der Vorsitzende der ISA lobt den Mut, das Können, die Ausdauer der Starreach-Besatzung. Um mich her tanzen Namen im Dunkeln, sie glühen wie Staubkörner im Sonnenlicht. Neununddreißig Namen. Evans' Liste. Dazu Daten, Kreuze, Wörter wie Paranoia oder eingewiesen am oder Psychiatrische Klinik. Ich versuche den Namen Gesichter zuzuordnen, aber es ist zu lange her, ich habe die Namen zu selten gehört, wir waren fast nie alle zusammen. Nur bei den wenigen Feuerwehrübungen und einmal, als der Strom ausfiel und die Wärter befürchteten, jemand könnte entkommen. Wir haben alleine gegessen, allein unsere Aufgaben gelöst, allein im Sportzentrum trainiert, allein mit unseren Alpträumen gekämpft. Nach unserer Entlassung hat man uns über die gesamten Vereinigten Staaten, vielleicht sogar über den ganzen Erdball verteilt. Ich lese Ortsnamen auf Evans' Liste, aber sie sagen mir nichts; zu viel Angst in meinem Kopf. Draußen auf dem Gang ist es still geworden. Die Rede des Vorsitzenden ist zu Ende; vermutlich wird in der Schiffsmesse jetzt applaudiert. Dann höre ich Dr. Bartanyan sprechen, mit seiner warmen, freundlichen Stimme, die mich immer beruhigt hat. Auch jetzt scheint sich seine stille Zufriedenheit im ganzen Schiff auszubreiten. Die Rede des Vorsitzenden kam über Funk, aber Dr. Bartanyan ist an Bord, die Menschen drängen sich in der Schiffsmesse um ihn, und sicher lächelt er sie an, mit diesem Lächeln, das mich immer gewärmt hat. Bald wird er das Mikrofon an den Kapitän weiterreichen, und der wird den Befehl zum Ablegen geben; und dann wird Jeannette über Helmfunk schreien: Ich taufe dich auf den Namen Lontano! Sie ist die jüngste Frau an Bord, Schiffstaufen sind offenbar Frauensache sie wird im Raumanzug in einer offenen Luftschleuse stehen und eine Flasche Champagner zur Starreach schleudern, während die Neptun langsam von der Station wegtreibt. Sie haben tatsächlich Champagner mitgebracht. In mir ist es ruhiger geworden. Ich sehe jetzt die Kabine um mich, den kleinen Tisch und das zweistöckige Bett. Und ich sehe die Liste wieder als Liste, neununddreißig Namen untereinander, in drei Gruppen unterteilt. Die in der ersten Gruppe waren zumeist schon tot oder in Kliniken gesperrt worden, als ich zu Karla Hand wurde und mich für das Projekt Starreach bewarb. Nicolas Finn ist auch dabei, er ist der letzte unter den Toten. Die zweite Gruppe enthält die meisten Namen. Hier stehen nur hinter drei Namen Kreuze. Die übrigen Modifizierten es waren neunzehn sind in den Wochen nach Finns Tod wieder in die Klinik gebracht worden, in der wir aufgewachsen sind. Damals hatte die Starreach gerade den Erdorbit verlassen. Der dritte Teil der Liste enthält acht Namen. Hinter den ersten sieben steht jeweils ein Datum und dahinter ein anderer Name und ein Ort; dahinter bei zwei Namen die Klinik, bei fünf Namen ein Kreuz. Seit dem letzten Datum sind fast eineinhalb Jahre vergangen; wenige Wochen später ist die Neptun gestartet. In der letzten Zeile sind noch zwei Felder leer, dort steht nur mein alter Name, dann Karla Hand und dann Starreach. Wenn die Katastrophe da ist, verschwindet die Angst. So ist es bei mir immer gewesen. Mein Herz schlägt jetzt ruhig, meine Hände zittern nicht mehr. Die letzten Augenblicke in Evans' Kabine sind für mich ganz von dieser Ruhe geprägt. Langsame Bewegungen in Schwerelosigkeit. Klare Gedanken, von denen jeder einzeln für sich steht, jeder völlige Gewissheit bringt. Hinter mir hat sich die Tür geöffnet. Evans schwebt vor dem halbdunklen Gang. So sehe ich ihn vor mir, wenn ich an ihn denke. Sein Gesicht spiegelt sich auf dem Leseschirm, über den Namen. Und zugleich sehe ich ihn mir direkt gegenüber, denn ich habe mich zu ihm umgedreht, und er ist bei der Tür geblieben. Im kalten Deckenlicht ist er bleich und farblos, fast als wäre er durchsichtig. Er ist klein für einen Mann, nicht größer als ich. Und er ist schmächtig gebaut. Trotzdem weiß ich, dass ich ihn nicht einfach umrennen kann. Ich bleibe, wo ich bin, dicht am Tisch, meine rechte Schulter streift das obere Bett. Und wir reden. Durch die offene Tür ist Dr. Bartanyan jetzt lauter zu hören, er spricht immer noch von besänftigenden und beglückenden Dingen. Unsere Sätze sind kurz und hart. So viel Aufwand für so wenige Menschen. Sehr ungewöhnliche und gefährliche Menschen. Ihr habt uns selbst in die Welt gesetzt. Das war ein Fehler. Ich lache. Dann muss ich mich bewegt haben, denn er sagt: Ich bin bewaffnet. Für den Fall, dass Sie etwas Dummes vorhaben. Ganz plötzlich spüre ich seine Angst. Es ist eine andere Angst als meine, eine, die ihn vermutlich ständig begleitet, die er gar nicht mehr wahrnimmt, so wie man einen Muskel nicht mehr wahrnimmt, der seit langem verspannt ist und sich nie bewegt. An dieser Angst habe ich ihn als Modifizierten erkannt. Sofort fügen sich noch andere Dinge zusammen. Dass er einen so unauffälligen Namen trägt. Elmar Evans. Dass er sich immer aufrecht hält, auch hier in der Schwerelosigkeit, weil er gelernt hat, immer wachsam zu sein, immer vollkommen. Dass man einen guten Grund haben muss, wenn man eineinhalb Jahre seines Lebens darauf verwendet, einer Modifizierten nachzureisen, die vermutlich ohnehin zur Erde zurückkehren wird. Dass nicht jeder acht von uns aufspüren könnte, die nicht gefunden werden wollen. Neununddreißig, sage ich laut. Eine ziemlich krumme Zahl. Da fragt man sich, ob nicht einer fehlt. Einer, der sich so gut anpassen konnte, dass er in Ruhe gelassen wird. Er antwortet nicht, aber sein Blick flackert kurz, und ich sehe die Wut hinter der Angst. In diesem Augenblick bemerke ich es. Man spürt es in den Fußsohlen, behauptet Jeannette, aber ich spüre es zuerst im Magen. Die Neptun hat das Ablegen eingeleitet. Es muss schön sein, sage ich. Zu wissen, dass man nicht mehr in Gefahr ist. Er holt tief Atem, und ich springe los ich stoße mich mit den Füßen vom unteren Bett ab, er sackt nach unten, weil die Neptun beschleunigt, er stolpert, meine Faust trifft ihn am Kehlkopf. Danach sehe ich nur noch zerhackte Bilder. Gänge und Quergänge, alle leer. Jeannette ruft über die Lautsprecher: Ich taufe dich auf den Namen Lontano! und ich verstecke mich im Lagerraum neben der Luftschleuse, drücke mich im Raumanzug an die Tür, schwerelos, den Helm in der linken Hand, Evans' Druckpistole in der rechten; ich zähle meine Herzschläge und warte darauf, dass die innere Schleusenluke sich öffnet und Jeannette wieder herauskommt, aber sie kommt nicht heraus. Dann bin ich selbst in der Schleuse, mit dem Helm auf dem Kopf, die Außenluke öffnet sich, die Sterne breiten sich vor mir aus, wundervoll klar, und vor den Sternen treibt die Lontano, ein Rad mit einer kompakten Nabe. Dann treibe ich auch zwischen den Sternen, vor mir wird die Lontano größer, jemand in mir sagt: So ist es richtig! und ich frage mich, was Evans in seine Liste eintragen wird. Ein Kreuz vermutlich. Es ist mir egal. An der Nabe der Lontano leuchtet ein kreisrunder Fleck auf: Eine Schleusenluke hat sich geöffnet. Dann ist die Luke wieder geschlossen, ich schwebe dicht vor ihr und strecke die Hand aus, um mich zu stabilisieren jemand prallt neben mir gegen die Hülle, stößt mich von der Schleuse weg ich hebe die Pistole und drücke ab. Die Druckpatrone explodiert. Der Pfeil trifft Evans in die Schulter. Luft schießt aus dem Loch in seinem Anzug, er fliegt von mir weg, dreht sich und dreht sich und ist verschwunden. Ein Meteor. Ein Staubkorn. Unauffindbar. So muss es gewesen sein. Ungefähr. So hat George diese Bilder sortiert, die für mich alle gleichzeitig da sind und ein einziges Gewebe bilden. Er ist mit unserem Bericht zufrieden, er schwebt vor dem Kaffeeautomaten in der Kantine und strahlt vor sich hin. Nebenan im Salon tanzt Jeannette zu Tangomusik. In der Schwerelosigkeit ist Tanzen nicht einfach, aber sie hat viel Zeit zum Üben. Dieses Bild gehört natürlich auch noch dazu: Jeannette und Mick, wie sie im Wohnring schweben und sich anschreien. Ihre Stimmen hallen noch im Gang wider, als ich die Fahrstuhlkabine verlasse, aber da sind sie schon still und starren mich an. Ich wusste, dass ich Mick hier vorfinden würde, schließlich hätte Jeannette die Neptun nur für ihn wieder verlassen. Aber Jeannette hat nicht mit mir gerechnet, und Mick weder mit mir noch mit Jeannette, vor Wut ist sein Gesicht dunkelrot. Da spüren wir alle das erste Vibrieren: Die automatische Steuerung hat sich aktiviert. Die Generatoren sind angesprungen, die Gitterhaube baut das Ätherfeld auf, die Sensoren messen die Richtung der Strömung, und die Steuerdüsen richten die Lontano neu aus, so dass wir alle drei im Gleichtakt schräg nach unten und zur hinteren Wand treiben. Alle vier: Neben Mick schwebt das Javaneräffchen. Scheiße!, sagt Mick plötzlich laut, packt den nächsten Türrahmen und zieht sich von uns weg. Das Äffchen hangelt sich hinter ihm her, es klettert noch nicht so gut wie Mick. Jeannette sieht mich an, zögert und lächelt. Fast schon so unbekümmert wie früher. Männer, sagt sie. Irgendwann wird man auf der Neptun natürlich bemerken, dass vier Personen nicht an Bord sind. Man wird sich die Geschichte zusammenreimen; einen Teil der Geschichte, den Rest erfahren sie erst mit diesem Bericht. Aber sie werden nicht noch einmal umkehren. Und sie werden es auch nicht wagen, den empfindlichen Antrieb der Lontano abzuschalten. Zu viel Mühe steckt in diesem Projekt. Sie werden herüberfunken und uns fragen, ob wir verrückt sind, aber sie werden nichts unternehmen. Jeannette schlägt vor, ihnen zu erklären, dass wir im letzten Moment plötzlich Angst hatten, die Lontano könnte Außerirdischen begegnen, und die würden das Javaneräffchen für einen Vertreter der Menschheit halten. Man stelle sich die Blamage vor, sagt sie. Ich persönlich kann nicht recht an die Außerirdischen glauben. Aber diesmal weiß ich so wenig wie alle anderen, was da draußen auf uns wartet. Das ist ein sehr schönes Gefühl. Copyright ©
2004 by Barbara Slawig |
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