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The phantastic Worlds of Science Fiction Roman - Leseprobe

Barbara Slawig

Flugverbot. Die Lebenden Steine von Jargus

2000 • Auszug

Science Fiction
Stories & Romane
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HINWEISE FÜR BESUCHER

Verehrte Gäste,
die Standortkommandantur der Volganischen Flotte und die Leitung der örtlichen Hospederia heißen Sie in der planetaren Station von Jargus II willkommen. Um Zwischenfälle zu vermeiden, bitten wir Sie, folgende Richtlinien zu beachten:
1. Jargus II ist ein Planet der Risikoklasse 2, d.h. die Atmosphäre ist nicht atembar, und die Oberflächentemperatur übersteigt nie 250 Kelvin. Die Schwerkraft ist mit 0.95 grav etwas niedriger als auf Volga. Die meisten Besucher reagieren darauf mit gesteigertem Wohlbefinden, eine Minderheit mit unruhigem Schlaf oder leichten Kopfschmerzen. Sollten ernstere Beschwerden auftreten, melden Sie sich bitte im Gesundheitszentrum neben der Hospederia.
2. Im Kuppelinneren gelten die Vorschriften für Lebensräume mit geschlossenen Stoffkreisläufen. Wir weisen besonders darauf hin, daß die Einfuhr leicht entzündlicher oder flüchtiger Stoffe (einschließlich Alkohol in Konzentrationen über 30 %) nur mit Sondergenehmigung der Kommandantur gestattet ist. Bitte verbrennen Sie keine stark rauchenden Substanzen und verwenden Sie nur Duftstoffe mit für Filtersysteme zugelassenen Trägern. Über Näheres informiert Sie das Faltblatt, das in jedem Zimmer der Hospederia ausliegt. Dort finden Sie auch die Richtlinien für das Verhalten in Notfällen.
3. Die unter der Planetenoberfläche gelegenen Bereiche der Kuppelstation dürfen nur mit Sonderausweis betreten werden.
4. Zusätzlich zu den für Planeten der Klasse 2 üblichen Vorschriften gelten auf Jargus II besondere Richtlinien, die dem Schutz der einheimischen Lebensformen dienen und ihre ungestörte Beobachtung durch das Institut für Physikalische Biologie gewährleisten sollen. Das Verlassen der Kuppel ist nur durch die für Besucher freigegebenen Schleusen und in Begleitung sachkundiger Führer gestattet. Die Leitung der Hospederia organisiert Rundflüge über das Sperrgebiet, die Landungen auf gesicherten Plätzen in der Nähe der Kristallgärten einschließen. Eigenmächtiges Probensammeln ist verboten; dies gilt auch für die unmittelbare Umgebung der Kuppel, obwohl der Boden hier sterilisiert wurde. Das Schleusenpersonal hat Anweisung, jeden Passanten zu kontrollieren. Souvenirs können in den Geschäften der Station und im Kristallmuseum erworben werden.
Für weitere Fragen steht Ihnen die Leitung der Hospederia gern zur Verfügung. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.

J. Strogoff
Konell 2. Ranges der
Republikanischen Raumflotte
Stationskommandant
J. Cabeza
Leiter der Hospederia

42, OKTAVO 28

1   Der dicke Mann vor David Woolf trug eine zu enge Jacke. Sie spannte zwischen den Schultern, und kurz unter dem Kragen war die Mittelnaht aufgeplatzt. In den Achselhöhlen hatte Schweiß den türkisfarbenen Stoff dunkel gefärbt. Der Mann hatte schon in der Fähre vor David gesessen, und David hatte gesehen, wie er sich an den Sitzrand klammerte, als die Fähre den Raumhafen verließ und beschleunigte, und als sie zum Bremsen wendete und eine Minute lang Schwerelosigkeit herrschte, und als der rote Felsboden von Jargus auf sie zuraste. Aber zwischendurch hatte er seiner Frau mit lauter Stimme die Hinweise für Besucher vorgelesen, und jetzt, während sie vor dem Kontrollpunkt Schlange standen, erklärte er ihr, daß man auf solchen Reisen immer in eine Fähre umsteigen mußte, weil Interstellarschiffe nie auf Planeten landeten, und natürlich roch es hier in der Kuppel anders als auf der Fähre oder auf Volga ...
   David versuchte wegzuhören. Er wollte sich die Ankunft nicht mit Ärger über einen fetten Touristen verderben, und so wandte er sich ab und schaute zurück: zu dem schweren Schleusentor, das zehn Meter hinter ihm offenstand, und die graue Innenmauer hinauf, bis er weit oben die Linie entdeckte, wo die Wand ans Kuppeldach stieß, und noch weiter hinauf, dorthin wo das Grau immer heller wurde und sich in flimmerndes Licht auflöste. Und wieder hatte er das Gefühl, einer Falle entronnen zu sein. Weil das Warten vorbei war und die Kommission ihm endlich die erste Aufgabe übertragen hatte, das erste von drei Gesellenstücken, mit denen er beweisen konnte, daß er zum Kommissar taugte. Und weil er zugleich mit seiner Heimatwelt Volga auch Sarah Derry hinter sich gelassen hatte und nun nicht mehr bei jedem Anruf fürchten mußte, daß sie es war. Wie sein Onkel Stanis Kurtz einmal gesagt hatte: Fest steht ein Entschluß erst, wenn er ausgeführt ist.
   David senkte den Kopf und drehte sich wieder um. Die Schlange hatte sich an ihm vorbeibewegt; sein Onkel stand jetzt ein paar Schritte näher am Kontrollpunkt, grau gekleidet wie meist und geduldig wie immer, und betrachtete den türkisfarbenen Rücken des fetten Touristen. Vielleicht sah er auch durch ihn hindurch. Als Kind war David fest davon überzeugt gewesen, daß Mauern und Menschen für seinen Onkel Stanis Kurtz manchmal durchsichtig waren, denn er wußte Dinge, die ihm niemand erzählt haben konnte. Insgeheim hatte David beschlossen, eines Tages genauso zu werden; nicht angesehen und mürrisch wie sein Vater, sondern wie Stanis: klug und fröhlich und Kommissar.
   Irgendwann war er so dumm gewesen, das Sarah zu erzählen.
   Er machte zwei lange Schritte, bis er wieder neben seinem Onkel stand, und deutete auf die beiden Soldaten, die mit der gleichen Fähre angekommen waren und jetzt die Schlange überholten. »Vielleicht hätte ich nach dem Krieg doch bei der Flotte bleiben sollen. Dann bräuchte ich auch nur mit dem Passierschein zu winken.«
   Nein. Er sollte nicht versuchen, Witze zu machen, wenn er eben an Sarah gedacht hatte. Zum Glück stellte Stanis nie forschende Fragen. Auch jetzt sah er David nur kurz an, als müßte er seinen Gemütszustand einschätzen, dann lächelte er. »Mit dem Kommandanten hättest du es dann bestimmt auch leichter. Ich glaube, er mag keine Zivilisten.«
   Da haben wir's wieder, dachte David. »Woher weißt du das? Ich denke, du kennst diesen Strogoff auch nicht?«
   »Seine Hinweise für Besucher klingen so unfreundlich. Wahrscheinlich hält er es mit Admiral Cuyper: Alle Zivilisten sind potentielle Anarchisten.«
   Das sollte Admiral Cuyper einmal über den Präsidenten der Republik gesagt haben, als der einen Schmuggler begnadigt hatte.
   »Immerhin hat er mich eingeladen«, sagte David.
   Diese Einladung hatte in der Kommission allgemeine Überraschung ausgelöst. Die Spannungen zwischen der Flotte und der Unabhängigen Beraterkommission waren so alt wie die Republik Volga, und ihre Ursachen lagen letztlich in der Verfassung. Der Präsident der Republik mußte sich in allen wichtigen Fragen sowohl von der Admiralität als auch von der Kommission beraten lassen; beide Institutionen hatten also von Anfang an konkurriert. Außerdem waren die Flottenoffiziere maßgeblich am Aufstand gegen das Synarchon und die Herrschaft der ANACs beteiligt gewesen, und jetzt fühlten sie sich dafür verantwortlich, daß ihre neue Republik nicht von einem Haufen streitender Wirrköpfe ins Chaos gestürzt wurde. Durch den Krieg mit dem Synarchon Stabiler Systeme hatten sie immer mehr an Einfluß gewonnen, bis sie praktisch die Republik regierten und der Kommission die undankbare Rolle der Opposition aufgedrängt hatten. Das aber hatte die Konflikte noch verschärft. David vermutete seit langem, daß der eigentliche Grund dafür in den unterschiedlichen Temperamenten der Beteiligten lag: Wenn er sich seinen Onkel im Gespräch mit einem der Offiziere vorstellte, unter denen er im Krieg gedient hatte, konnte er sich jedenfalls keinen anderen Ausgang denken als Streit oder Schweigen.
   Doch das war nur ein Teil des Rätsels. Konell Strogoff hatte nicht irgendeinen Kommissar eingeladen, sondern ausdrücklich David Woolf. Als Grund hatte er angegeben, daß David Biologie studiert habe und folglich beurteilen könne, welche Fortschritte das Labor auf Jargus bisher erzielt habe. Aber David war nicht der einzige Biologe in der Kommission, von physikalischer Biologie verstand er herzlich wenig, und über das Labor wußte er praktisch nur, daß es die Lebenden Steine von Jargus erforschte.
   Jemand wird dich empfohlen haben, war Stanis' Schlußfolgerung gewesen. David fand nicht, daß sie etwas erklärte.
   Sie hatten jetzt fast den Schalter erreicht. Der dicke Tourist reichte seinen Ausweis und den seiner Frau hinüber, der Wachposten schob beide Karten ohne hinzusehen in den Computer, bat um die Stimmproben, gab die Ausweise zurück und deutete zum vierzigsten Mal auf das einstöckige Gebäude am anderen Ende des Platzes. »Die Stufen hinauf, durch die Glastür zur Anmeldung. Ihr Betreuer wartet am Schalter auf Sie.«
   Bei den Worten streckte er schon die Hand nach dem nächsten Ausweis aus. Er steckte Davids Ausweis in den Schlitz, schaute flüchtig auf den Bildschirm, schaute noch einmal hin und hob den Kopf.
   »Kommissar Woolf? Einen Augenblick, bitte.« Er winkte seinem Kameraden, der dem Schalterhäuschen gegenüber stand. »Der Kaporal wird Sie zum Kommandanten begleiten.«
   David sah sich zu seinem Onkel um.
   »Gibt es hier ein Restaurant?« fragte Stanis den Wachposten.
   »Am Platz in der Kuppelmitte, mein Herr. Sie können es nicht verfehlen.«
   »Dann treffen wir uns da«, sagte Stanis. »Zum Mittagessen. Ich werde in zwei Stunden da sein. Komm wann du kannst.«
   David nickte.
   Er folgte dem Kaporal quer über den Platz zu dem niedrigen Gebäude mit der Vortreppe, zu dem auch die Touristen geschickt wurden. Bevor er durch die Glastür eintrat, drehte er sich noch einmal um und schaute zurück. Stanis war schon verschwunden, die letzten Touristen eilten über den Platz auf David zu. Der Wachposten an der Schleuse verließ seine Kabine und schlenderte zu zwei Kameraden, die vor dem langgestreckten Gebäude rechts am Platz standen und sich unterhielten. Ein Motor sprang an, und an der grauen Wand, die den Platz und die ganze Kuppelstation begrenzte, schoben dicke Stahlarme die beiden Flügel des Schleusentors wieder zusammen.
   Jetzt bist du hier, dachte David, und fast hätte er hinzugefügt: wieder gefangen. Aber das war absurd.
   Der Kaporal räusperte sich. »Hier entlang, bitte, Herr Kommissar. Der Kommandant erwartet Sie.« Er hielt David die Glastür auf.
   Der Innenraum, den sie betraten, war offenbar erst vor kurzem gebaut worden, und zwar für zivile Besucher. Vor einem Schalter mit der Aufschrift 'Anmeldung' drängten sich die Touristen um einen großen Soldaten. Der Kaporal führte David an ihnen und an einem Springbrunnen vorbei über glattpolierten Steinboden zu einer Tür auf der linken Seite. Standortkommandantur, Vorzimmer, stand darauf.

Jeanne stieg die fünf Stufen der Vortreppe hinauf und schaute durch die Glastür zur Anmeldung hinein. Der Raum war leer, nur hinter dem Schalter gegenüber der Tür saß ein Soldat und blickte auf einen Bildschirm, über den kleine Figuren rannten.
   Sport, dachte Jeanne. Ausgezeichnet. Bisher lief alles wie erhofft. Sie war absichtlich nicht mit der Touristenfähre gekommen, sondern mit einem Frachter, der für den Anflug vom Raumhafen länger brauchte und eine Stunde nach der Fähre gelandet war. Sie war der einzige Passagier gewesen - der Frachter bot Platz für vier - und der Wachposten hatte nur kurz auf ihren Ausweis geschaut und sie dann durchgewunken. Vermutlich hatte er gedacht, sie arbeite hier.
   Sie stieß die Glastür auf und trat ein. Rechts war ein Plan der Kuppel an die Wand gemalt, links ging ein Gang ab, ein Fahrstuhl, drei Türen. Mitten im Raum sprudelte Wasser über eine Kugel aus Kristall.
   Frei fließendes Wasser. Wie lange hatte sie das nicht mehr gesehen? Trotz ihrer Eile blieb sie stehen, streckte die Hand aus, ließ Wasser über die Finger rinnen.
   Und dachte an den Tag auf Terra, als sie mit ihrer kleinen Tochter Marie den Berg hinter dem Institut hinaufgestiegen war. Im Geist sah sie den schnellen Gebirgsbach vor sich, und dann hörte sie Marie mit heller Stimme lachen, sah sie ins kalte Wasser hüpfen, auf den glatten Steinen ausrutschen und auf den Hintern plumpsen, immer noch lachend. Jeanne hatte sie in ihre Jacke wickeln und zurück ins Gästehaus tragen müssen, bevor sie im Bergwind zu frieren begann.
   Sie zog die Hand zurück und sah zum Anmeldeschalter. Der Soldat war aufgestanden und taxierte sie: erst das Gesicht, dann Brust und Hüften, ein schneller Blick auf die weiten Hosenbeine und wieder ins Gesicht, Blick einfangen, lächeln.
   Und wie lange war das her?
   Sie war froh, daß sie sich auf der 'Judy' umgezogen hatte und statt der engen Arbeitskleidung einen gewöhnlichen Reiseanzug trug: leuchtend rot, aber weit geschnitten und unbezweifelbar zivil.
   »Kann ich Ihnen helfen, meine Dame?«
   »Ja. Ich möchte Rechenzeit für Riemann-Operationen buchen.«

Konell zweiten Ranges Jaroslaw Strogoff war ein großer, schwerer Mann mit blondem Haar im Bürstenschnitt, rotem Gesicht und massigem Hals, an dem sich der Uniformkragen rieb. Er erinnerte David nicht so sehr an einen bestimmten Vorgesetzten als vielmehr an alle, und auch sein Büro sah aus wie die, in denen David früher Bericht erstattet hatte: zu grau, zu hell, zu aufgeräumt. David mußte sich zwingen, nicht Haltung anzunehmen.
   Strogoff stand auf - was er für einen Untergebenen nicht getan hätte - und reichte ihm über den Schreibtisch hinweg die Hand. Sie setzten sich, und David wartete auf die übliche Vorrede über die Reise oder das Wetter auf Volga. Statt dessen sah Strogoff ihn eine halbe Minute lang schweigend an, verschränkte die breiten Hände auf der Schreibtischplatte und sagte:
   »Ich habe einiges über Sie gehört, Kommissar Woolf. Durch Konell Rosen. Er war nach dem Waffenstillstand beim Stab von Admiral Derry auf Santorno.«
   »Ja, natürlich. Ich kenne ihn.« Aber sie kannten sich nicht gut. Es überraschte ihn, daß Rosen ihn erwähnt hatte.
   »Er hat mir erzählt, daß Sie damals einen Fall von Sabotage aufklären mußten und sehr schnell Erfolg hatten. Das hat ihn beeindruckt - den Admiral auch. Und gleich danach haben Sie Ihren Abschied genommen?«
   »Ja.«
   »Darf ich fragen warum?«
   »Ich wollte ein Forschungsprojekt an der Akademie abschließen. Ich hatte die Arbeit daran unterbrochen, als der Krieg ausbrach.«
   Das war höchstens die halbe Wahrheit. Er hatte vor allem Sarah Derry beweisen wollen, daß sie nicht über ihn verfügen konnte, auch wenn sie ihre Namen in der Alten Halle von Candes eingeritzt hatten. Sarah war davon ausgegangen, daß ihr Gefährte selbstverständlich bei der Flotte Karriere machen würde, doch David hatte sich nicht dazu entschließen können. Krieg und Waffenstillstand hatten für ihn die Welt verändert, und er hatte Zeit gebraucht, sich zu orientieren. So hatte er es jedenfalls Sarah erklärt, und sie hatte es akzeptiert.
   »Dazu hätten Sie sich auch beurlauben lassen können.«
   »Ich wollte in Ruhe entscheiden, welche Laufbahn ich einschlage. Und wie Sie sehen, bin ich nicht zur Flotte zurückgekehrt.« Allmählich begann er die Geduld zu verlieren. Mußte er sich ausfragen lassen wie ein Offizier, der einen Auftrag schlecht erledigt hatte?
   »Aber Sie stammen aus einer Offiziersfamilie?«
   »Nur mütterlicherseits. Sie scheinen sich gründlich nach mir erkundigt zu haben, Herr Konell.«
   Strogoff lehnte sich zurück und lächelte. »Ich weiß gern, mit wem ich es zu tun habe.«
   Das Lächeln ließ sein Gesicht nicht freundlicher erscheinen. Ein unzugänglicher Mensch, dachte David. Aber damit hatte er gerechnet, und es dürfte auch kaum eine Rolle spielen.
   Jemand klopfte, und ein rundlicher Sargento trug ein Tablett mit Barro herein. Sie sahen beide zu, wie er eingoß: mit dem richtigen Schwung und aus der richtigen Höhe, so daß kein Tropfen der heißen braunen Flüssigkeit auf die Papiere spritzte, und gerade so viel, daß der Schaum auf den Bechern weiße Hügel bildete. Strogoff sagte: »Danke, Marko«, und wartete, bis sie wieder allein waren. »Ich nehme an, Sie haben sich über das Labor informiert?«
   »Ich habe Doktor Zimacks Berichte an die Akademie gelesen.« Red weiter, dachte David. Überlaß nicht ihm die Führung. »Danach hat mir Ihr Vorschlag sofort eingeleuchtet. Die Kommission sucht ständig nach Beispielen, an denen sich untersuchen läßt, welchen Nutzen und welche Gefahren stärkere Kontakte zum Synarchon mit sich bringen. Was die Wissenschaften angeht, ist Ihr Labor sicher ein ausgezeichneter Testfall. Es untersucht eine Lebensform, die es auf keiner anderen Welt gibt, und die Ergebnisse könnten eines Tages wirtschaftlich verwertbar sein ...«
   Das behauptete Dr. Zimack jedenfalls in seinen Berichten; der Freund, bei dem David sich nach ihm erkundigt hatte, war eher skeptisch gewesen. Die Lebenden Steine von Jargus hatten im Lauf vieler Jahrhunderte kostbare Kristallgärten entstehen lassen. Zimack hoffte, den Prozeß eines Tages im Labor nachahmen zu können, denn Jargonitkristalle ließen sich in der Raumfahrttechnik verwenden; sie konnten dort einen seltenen Kristalltyp ersetzen, der auf einer Synarchonwelt abgebaut wurde.
   »Es wäre leichtsinnig, dieses Wissen einfach ans Synarchon zu verschenken. Auf der anderen Seite beklagt Doktor Zimack sich immer wieder darüber, daß volganische Computer für seine Arbeit nicht gut genug sind, daß er die bessere Technologie des Synarchon braucht. Bisher ging es ihm wohl vor allem darum, einen ANAC zu bekommen, und das ist ihm inzwischen ja gelungen ...«
   Was als politische Leistung bemerkenswert war. Im Synarchon überwachten ANACs Wirtschaft und Gesellschaft, berechneten die künftige Entwicklung und legten fest, welche Trends krisenverdächtig und daher unerwünscht waren. Auf Volga waren ANACs seit Gründung der Republik verboten. Zimack hatte lange kämpfen müssen, bis die Regierung ihm erlaubte, mit einem ANAC-Labor im Synarchon Kontakt aufzunehmen. Dann hatte man ihm für den Kauf eine lächerlich niedrige Summe bewilligt, wohl in der Hoffnung, daß aus dem Geschäft nichts wurde. Doch Zimack hatte alle Hürden überwunden. Das ANAC-Labor auf Terra hatte ihm ein kleines, gebrauchtes Gerät verkauft, und die Regierung hatte sich schließlich mit der Zusage zufriedengegeben, daß er den ANAC nur zur Analyse von Daten und nie für Planungsaufgaben benutzen würde.
   »... aber ich glaube kaum, daß seine Probleme damit gelöst sind. Können seine Analytiker überhaupt mit dem Gerät umgehen?«
   Bisher hatte Strogoff etwas gelangweilt zugehört - wie einem Prüfling, dachte David. Jetzt lehnte er sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Einer von ihnen - Jim Snyder - hat an einem zehntägigen Lehrgang auf Terra teilgenommen. Das ist alles.«
   Er sah jedoch so aus, als gäbe es dazu noch viel mehr zu sagen. David wartete einen Moment, dann sprach er weiter: »Außerdem ist da natürlich noch die Frage der wissenschaftlichen Kooperation. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, daß Doktor Zimack sich auf dem Gebiet viel vom Synarchon verspricht, denn dort gibt es kaum physikalistisch orientierte Biologen.« David zögerte einen Moment. »Aber ich stehle Ihnen die Zeit, Herr Konell. Das kann ich alles mit Doktor Zimack besprechen. Wann treffe ich ihn?«
   »Morgen früh. Ich habe uns beim ihm angemeldet.« Strogoff griff nach seinem Becher, trank einen Schluck Barro und setzte sich auf, als hätte er einen Entschluß gefaßt. »Das Gespräch könnte schwierig werden. Doktor Zimack hält nicht viel von der Kommission.«
   Na bravo, dachte David. Der Kommandant fragt mich aus wie einen Kadetten, und der Laborchef spricht vielleicht gar nicht mit mir. Nun, Stanis hat mich gewarnt. Hinauswerfen dürfen sie mich nicht, und irgendwie werde ich Zimack schon dazu bringen ... »Aber er weiß, weshalb ich hier bin?«
   Strogoff zögerte ganz kurz. »Ich habe ihn selbstverständlich informiert.«
   Es fragt sich nur wann, dachte David.
   »Wir werden ihn dazu überreden, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.« Bevor David etwas fragen konnte, sagte Strogoff: »Das ist auch in meinem Interesse, Kommissar. Ich habe ein Problem zu lösen, das das Labor betrifft. Vielleicht können Sie mir helfen.«
   »Was für ein Problem?«
   Strogoff stellte den Becher weg und schob einen Stoß Papiere zur Seite, als müßte er Platz für ein Gefecht schaffen. »Sie wissen vermutlich, daß Doktor Zimack Bekannte im Synarchon hat?«
   David nickte; sein Freund an der Akademie hatte es ihm gesagt. Zimack war vor Kriegsausbruch zu einem Kongreß ins Synarchon gereist, und der Kontakt zu den Kollegen, die er dort kennengelernt hatte, war trotz Blockade und Krieg nie ganz abgerissen. Einige von ihnen hatten ihm jetzt den Kauf des ANAC vermittelt.
   »Zwei dieser Wissenschaftler werden demnächst an einer Tagung im Markap-System teilnehmen. Auf der Reise dorthin kommen sie dicht an Jargus vorbei. Doktor Zimack hat sie eingeladen, hier zu landen und ihn zu besuchen.«
   Im ersten Augenblick war David sprachlos. Vor fünf Jahren hatten sie noch gegen das Synarchon gekämpft, und auch wenn jetzt Unterhändler beider Seiten über Möglichkeiten der Zusammenarbeit sprachen, die meisten Volganer - Regierung, Flotte und Kommission - befürchteten vor allen Dingen, Volga könnte wieder unter den Einfluß des alten Systems geraten und seine Unabhängigkeit verlieren. Und dieser Zimack setzte sich einfach darüber hinweg! Lud Freunde aus dem Synarchon ein, obwohl er ständig darauf hinwies, wie bedeutsam seine Arbeit für Volga war.
   »Und das haben Sie erlaubt?«
   Die Frage schien Strogoff nicht zu behagen. »Bisher habe ich es weder erlaubt noch verboten. Doktor Zimack hat mich erst vor wenigen Tagen über den Besuch informiert; vorher wußte er offenbar selbst nichts davon.«
   »Aber ...«
   »Es spricht auch einiges für den Besuch. Einer der beiden Männer ist Analytiker und arbeitet im ANAC-Labor auf Terra. Er könnte unseren Analytikern bei ihren Problemen mit dem ANAC helfen - wie gesagt, hier versteht niemand etwas davon. Wie ich höre, liefert das Gerät bisher keine brauchbaren Ergebnisse.«
   Strogoff beugte sich vor und legte die breiten Hände flach auf die Schreibtischplatte. »Und noch etwas. In letzter Zeit kommt es im Rechennetz des Labors immer häufiger zu Störungen. Anfangs waren sie harmlos, niemand hat sie ernst genommen. Inzwischen hatten wir aber auch ein paar ernste Fälle. Wichtige Daten sind verschwunden, ganz normale Programme liefen nicht mehr ...«
   »Und Sie vermuten, daß das am ANAC liegt?«
   »Das dachten wir anfangs. Aber dann hat Oberleutnant Karran - das ist der Sicherheitsbeauftragte für sämtliche Rechner der Station - die Computerprotokolle aus dem letzten Jahr überprüft und festgestellt, daß sich die Störungen schon seit einem halben Jahr häufen. Der ANAC ist erst vor zwölf Wochen geliefert worden.«
   »Was kann sonst die Ursache sein?«
   »Das wissen wir nicht. Bisher sind sich die Analytiker nur darüber einig, daß es sich um keine normale Netzkrankheit handelt. Jim Snyder glaubt allerdings immer noch, daß er den ANAC falsch ans Netz angepaßt hat, aber er gehört zu den Leuten, die den Fehler immer bei sich suchen. Seine Assistentin Svenia Lind hat erst vor vier Wochen ihr Examen bestanden und keine Erfahrung mit komplexen Netzwerken.«
   »Und Oberleutnant Karran?«
   »Ist seit zweieinhalb Wochen krank. Asthma. Er mußte nach Volga geflogen werden. Eine Vertretung ist beantragt, aber zur Zeit ist niemand frei.«
   David nickte. Auf Volga gab es seit Jahren zu wenig Analytiker. Es war kein sehr beliebter Beruf - im Gegensatz zum Synarchon, wo ein Analytiker, zumindest wenn er sich auf ANACs spezialisierte, ein einflußreicher Mann werden konnte.
   Strogoff hatte offenbar nichts mehr zu sagen, und David fragte sich, weshalb er das Problem überhaupt erwähnt hatte. Er war Biologe und verstand von Computern nicht mehr als die meisten Volganer, und was den Besuch der zwei Synarchisten betraf ... »Will Zimack den Analytiker von Terra nach dem Fehler suchen lassen?«
   »Richtig.«
   Es war still im Raum. Strogoff schien auf etwas zu warten. Und plötzlich wurde David klar, wie alles zusammenhing: die Einladung an ihn, die Erwähnung von Konell Rosen und Santorno. Also das hatte Stanis andeuten wollen. Jemand muß dich empfohlen haben, hatte er gesagt, und gemeint hatte er: Jemand aus deiner Vergangenheit; jemand von der Flotte; jemand, der über die Sache auf Santorno Bescheid wußte.
   Aber ich gehöre nicht mehr zu euch! dachte David wütend. Wieso laßt ihr mich nicht in Ruhe?
   »Sie vermuten also Sabotage.«
   Strogoff lächelte. Er wirkte zufrieden. »Sie begreifen schnell, Kommissar. Ja. Oberleutnant Karran hielt Sabotage für die einzig mögliche Erklärung.«
   »Und Sie glauben, daß diese Synarchisten damit zu tun haben? Warum? Angenommen, sie haben hier tatsächlich einen Agenten eingeschleust. Wieso sollten sie dann selbst herkommen?«
   »Das kann ich Ihnen auch nicht beantworten, Kommissar. Mir kommt das ganze nur etwas zu - zufällig vor.«
   »Dann verbieten Sie den Besuch.«
   »Das kann ich immer noch. Vorher wüßte ich aber gern etwas mehr. Deshalb bin ich froh, daß Sie kommen konnten. Sie haben Erfahrung mit Sabotage. Sie werden sich im Labor umschauen, mit den Wissenschaftlern reden und sich über den ANAC informieren. Die Synarchisten wollen in vier Tagen landen. Bis dahin können Sie mir sicher sagen, was Sie von Karrans Vermutung halten.«
   »In vier Tagen?« David lachte auf. »Entschuldigen Sie, Herr Konell, aber das ist völlig unrealistisch. Ich bin hier fremd, ich verstehe nichts von Computern, und wenn ich Sie richtig verstanden habe, wird Zimack alles tun, um mir die Arbeit zu erschweren ...«
   »Ich erwarte nicht, daß Sie in vier Tagen einen Saboteur fangen, Kommissar. Ich möchte nur Ihren Rat hören, bevor ich entscheide, ob ich den Synarchisten die Landung erlaube. Was Doktor Zimack betrifft - ich denke, er wird sich dazu bewegen lassen, mit Ihnen zu kooperieren.«
   Vorausgesetzt, ich kooperiere mit dir, ergänzte David im stillen. Ein Tauschhandel. Ich helfe dir, deinen Saboteur zu fangen, dafür hilfst du mir, meinen ersten Auftrag als Kommissar zu erfüllen. Und natürlich weißt du genau, wie wichtig dieser Auftrag für mich ist. Tauschhandel? Erpressung sollte ich sagen.
   Er versuchte, seine Wut zu unterdrücken, denn sie würde ihm bei der Entscheidung nicht helfen. Aber hatte er überhaupt eine Wahl? Sicher, als Kommissar konnte er das Labor auch gegen Zimacks Willen besichtigen, doch wenn Zimacks Mitarbeiter merkten, daß ihr Chef mit dem Besuch nicht einverstanden war, würden sie kaum offen mit ihm reden. Wie sollte er dann etwas herausfinden? Er würde unverrichteter Dinge nach Volga zurückfliegen müssen. Um den anderen Kommissaren zu erklären, er sei am Widerstand der Flotte gescheitert. Worauf sie sagen würden, daß die Flotte immer Widerstand leiste. Und daß ein Kommissar fähig sein müsse, sich trotzdem die Informationen zu beschaffen, die er für seine Gutachten brauche. Mit List, Überredung oder Dickköpfigkeit.
   Also warum nicht auch durch einen Kuhhandel?
   Aber er würde wieder für die Flotte arbeiten. Wochenlang hatte er mit Sarah gestritten, weil er dazu nicht bereit war, und jetzt sollte er sich von diesem Konell erpressen lassen. Außerdem hatte er sich verpflichtet, als Kommissar stets einen unabhängigen Standpunkt zu bewahren, sich an keine andere Institution zu binden.
   »Die Arbeit des Labors ist für uns alle wichtig, Kommissar. Sie sind Volganer, Sie haben im Krieg für unsere Unabhängigkeit gekämpft. Jetzt verhandeln wir mit den Synarchisten über Frieden, aber das macht sie noch nicht zu unseren Freunden. Und gerade die Kommission ermahnt uns immer wieder dazu, mißtrauisch zu bleiben.«
   Das hat noch gefehlt, dachte David. Ein Offizier, der die Kommission lobt! Doch obwohl er genau wußte, daß Strogoff ihm nur die Pille versüßen wollte - was er sagte, war trotzdem wahr. David gehörte nicht zu den Volganern, die alle Synarchisten für gewissenlos hielten, aber Frieden anzubieten und gleichzeitig ein wichtiges Labor zu sabotieren, das traute er ihnen durchaus zu. Volga war seine Heimat, und auch wenn er mit vielem, was die Admirale taten, nicht einverstanden war, so ließ er sich doch lieber von engstirnigen und fehlbaren, aber ehrbewußten Menschen regieren als von allwissenden ANACs, gegen deren Entscheidungen es keine Berufung gab.
   »Und wenn ich in den vier Tagen nichts herausfinde?« Es war eine Zusage.
   Strogoff lehnte sich im Sessel zurück und rieb sich mit dem Handballen die kurzen Haare. Er sah erleichtet aus, und David wurde klar, daß er sich tatsächlich Sorgen machte. Größere Sorgen, als er zugeben wollte.
   »Irgend etwas werden Sie herausfinden. Verstehen Sie mich nicht falsch, Kommissar. Ich möchte Sie nicht von Ihrer eigentlichen Arbeit abhalten. Die beiden Aufgaben werden sich leicht miteinander verbinden lassen. Die Wissenschaftler brauchen von Ihrem - Zusatzauftrag gar nichts zu wissen.«
   »Aber Zimack werden Sie informieren?«
   »Selbstverständlich.« Er stand auf. »Gehen wir. Mein Sargento wird Ihnen die nötigen Unterlagen geben und ein Quartier zuweisen.«

Jeanne lehnte sich mit der linken Seite gegen den Anmeldeschalter und fuhr mit dem Daumen die Kante der Deckplatte entlang, vor und zurück, ganz langsam. Der Soldat hatte ihr den Ausweis und die Karta abverlangt; der Computer hatte beides verschluckt und schien jetzt darüber nachzusinnen, wie man Codekarten fürs Rechenzentrum druckte. Seit sie vor vier Jahren Volga verlassen hatte, mußten die Computer noch langsamer geworden sein. Oder hatte sie es nur noch nie so eilig gehabt?
   Natürlich wäre alles schneller gegangen, wenn der Soldat nicht ständig zu ihrem Jackenausschnitt geschielt hätte. Oder zu den rennenden Männlein auf seinem Bildschirm. Hoffentlich verkaufte er ihr nicht aus Versehen eine Eintrittskarte fürs Kristallmuseum. Doch auch wenn es ihr schwerfiel, sie blieb ruhig stehen und betrachtete ihren Daumen. Schaute nicht auf die Uhr, wippte nicht einmal mit dem Fuß. Sie war eine ganz normale Touristin. Touristen kannten keine Eile.
   Endlich druckte der Computer die Codekarte und spuckte Ausweis und Karta wieder aus. Im gleichen Moment ging hinter Jeanne eine Tür, und sie hörte Stimmen. Der Soldat hielt ihr die Karten hin und versuchte wieder, ihren Blick einzufangen. Plötzlich schaute er an ihr vorbei, richtete sich auf und salutierte.
   Jeanne drehte sich nicht um. Ruhig steckte sie die Karten ein, nickte dem Soldaten zu und wandte sich zum Gehen.
   Zwei Schritte hinter ihr stand Strogoff.
   Sie merkte, daß sie zusammenzuckte, erbleichte, sich nach einem Fluchtweg umsah - lauter Fehler. Und es gab keinen Fluchtweg. Zwischen ihr und dem Fahrstuhl stand ein Zivilist, und vor dem Ausgang stand breitbeinig Strogoff. Von allen Offizieren der volganischen Flotte ausgerechnet einer, der sie kannte.
   Nur jetzt keine Panik.
   »Andrejew. Jeanne Andrejew. Was für eine Überraschung.«
   Sie wollte sich mit den Fingern durchs Haar fahren, ließ die Hand aber schnell wieder sinken und steckte sie in die Jackentasche. »Herr Mayor.«
   »Konell. Und Kommandant dieser Station.«
   »Meinen Glückwunsch, Herr Konell.«
   »Ich dachte, Sie hätten sich ins Synarchon verkrochen. Was wollen Sie hier?«
   »Ich habe Computerzeit gebucht.« Sie spürte, wie der Zivilist näher kam, und sah kurz zu ihm hinüber. Groß und schlank, nicht viel älter als dreißig. Mittelblonde Haare und dunkle Augen. Und ein neugieriges Gesicht.
   »Das stimmt, Herr Konell«, sagte der Soldat.
   »Dann werde ich mal an die Arbeit gehen.« Es klang viel zu steif. »Guten Morgen, Herr Konell.« Sie machte einen Schritt auf die Glastür zu.
   Strogoff versperrte ihr wieder den Weg. »Nicht so eilig. Erst beantworten Sie meine Frage.«
   »Welche Frage?«
   »Stellen Sie sich nicht dumm. Was wollen Sie hier?« Als sie nicht antwortete, legte er die Hand auf den Strahler.
   Jeanne schaute auf seine Hand. Dann drehte sie sich noch einmal zu dem Zivilisten um. Nein, der würde ihr nicht helfen, er fand den Vorfall nur unterhaltsam. Und der Soldat hinter dem Schalter war auch bewaffnet. Diesen Kampf könnte nicht einmal Nei Jing gewinnen. Sie dachte an Ton, der oben im Raumhafen die 'Judy' auftankte, die Ladung versteckt hielt und auf ihre Rückkehr wartete. »Sie haben kein Recht, mich festzuhalten.«
   »Hat Ihnen jemand Mut beigebracht? Los, in mein Büro.« Er packte sie am Oberarm und stieß sie auf die offene Zimmertür zu.

David wandte den Blick von der Bürotür ab und schüttelte den Kopf, wie um eine Fliege zu verscheuchen. Eine merkwürdige Frau. Einen Kopf kleiner als Strogoff und nur halb so breit, und doch hatte sie dagestanden, als wollte sie sich auf ihn stürzen. Ihre Haltung hatte David an etwas erinnert ... Und dann, als sie sich zu ihm umdrehte, hatte er das absurde Gefühl gehabt, daß sie ihn um Hilfe bat.
   Das hätte mir noch gefehlt, dachte er und schob die Erinnerung an ihr Gesicht beiseite. Sein Verhältnis zu Strogoff war schon schwierig genug; er mischte sich besser nicht in Konflikte ein, von denen er nichts wußte. Die Frau hatte nichts zu befürchten. Strogoff würde ihr ein paar Fragen stellen - etwas unfreundlich vielleicht, aber wenn sie nichts verbrochen hatte, würde er sie gehen lassen. Sie waren schließlich nicht im Synarchon.
   Entschlossen kehrte er der Tür den Rücken zu. Was nun? Mit Stanis war er erst in einer halben Stunde verabredet. Dann würde er ihm erklären müssen, worauf er sich eingelassen hatte. Er dachte daran, wie besorgt Strogoff ausgesehen hatte, als er seinen Onkel erwähnt hatte. Kommissar Kurtz? hatte er gefragt. Ich wußte nicht, daß er auch auf Jargus ist. Wird er lange bleiben? Vermutlich hatte er Angst, Stanis könnte ihm doch noch den Kuhhandel mit David verderben, denn Davids Antwort: Nein, nur ein paar Stunden, schien ihn sehr zu erleichtern.
   Fast hätte David ihm erzählt, was Stanis als nächstes vorhatte - um ihn zu provozieren und sich so zu rächen, ein kindischer Wunsch. Er konnte sich genau vorstellen, wie Strogoff reagiert hätte: Volganische Soldaten in Therapielagern des Synarchon? Diesen absurden Gerüchten will er nachgehen? Glaubt er, die Flotte hätte das nicht überprüft? Diese Geschichten haben die Klandestinos erfunden, um die Verhandlungen mit dem Synarchon zu sabotieren; sie haben Angst, daß sie bald auch bei uns als Kriminelle gelten.
   Engstirnig, arrogant und phantasielos. So redeten sie alle, diese Militärs. Sie fragten sich nicht, ob die verschollenen Soldaten wirklich noch lebten und im Synarchon festgehalten wurden - ihre einzige Sorge war, daß Stanis sich in Dinge einmischen könnte, die sie als ihre Angelegenheit betrachteten. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Stanis vor der Abreise von Volga mit niemand über seine Pläne gesprochen hätte. Doch er hatte zwei Stabsoffiziere um Auskünfte gebeten. So hatte Admiral Derry davon erfahren, und seine Tochter, und sie hatte sich fast noch mehr aufgeregt als ihr Vater ...
   Sarah.
   David trat an den Springbrunnen, legte die Hände auf den Beckenrand und schaute auf die Kristallkugel unter ihrem Schleier aus Wasser. Durch den klaren Quarz zogen sich milchige Schlieren und goldene Fäden. Auf dem Wasser tanzten farbige Lichter: grau von der Decke, blau und rot von dem großen Plan der Kuppel, gold von der Deckenleuchte.
   Deshalb bist du so wütend auf Strogoff, dachte David. Du legst ihm in den Mund, was Sarah zu dir gesagt hat, du möchtest ihm einhämmern, was sie nicht hören wollte: daß auch Kommissare nützliche Arbeit leisten, daß das kein Beruf ist, dessen man sich schämen muß. Du hast sie nicht auf Volga gelassen, du trägst sie weiter mit dir herum.
   Man müßte Erinnerungen einfach wegwerfen können. In kleine Fetzen reißen und in den Brunnen streuen. Das Wasser würde sie dort unten in den Abfluß spülen, hinab zu den Recyclingtanks, wo Maschinen sie aussieben, mit anderem Dreck zu dickem braunem Brei verrühren und Pilze und Bakterien sie schließlich zersetzen würden, in Wasser, Kohlendioxid und ein paar Mineralien. Doch dann fiel ihm ein, daß das Wasser hier bestimmt nicht zu den Recyclingtanks floß, sondern zu einer Umwälzpumpe, und was man unten hineinwarf, würde irgendwann oben wieder heraussprudeln. Er mußte lachen, und es kam ihm absurd vor, daß er hier stand und in den Brunnen starrte, während es so viel Arbeit für ihn gab.
   Als er die Hände vom Brunnenrand nahm, hörte er hinter sich Rufen, Türenklappen, eilige Schritte. Er drehte sich um.
   Zwei Soldaten hatten offenbar gerade den Fahrstuhl verlassen; sie blickten über die Schultern zurück. In der Kabine sah David etwas rot leuchten, dann knallte die Fahrstuhltür zu.
   Strogoff kam aus dem Büro gerannt, stieß den einen Soldaten zur Seite und schlug mit der Faust auf den Rufknopf. »Marko!« Der rundliche Sargento erschien in der Zimmertür. Sein Gesicht war bis zu den Ohren rot. »Rufen Sie den Wachhabenden! Er soll alle Schleusentore sperren lassen und dann die Station durchsuchen. Gründlich! Ich will die Frau wieder hier haben, und zwar schnell. Beschreibung: dreißig Jahre, ein Meter siebzig, schwarze Haare, roter Reiseanzug. Agassi, Sie und der Leutnant verfolgen sie.« Er blickte auf den Etagenanzeiger. »Ebene drei. Sie kennt sich hier nicht aus; vielleicht haben Sie Glück und holen sie ein.«
   Marko hastete ins Büro zurück, die beiden anderen Soldaten stießen die Tür zur Nottreppe auf. Strogoff blieb noch einen Moment stehen, starrte auf die Fahrstuhltür und rieb sich das Handgelenk. Dann verschwand auch er im Büro.
   David ertappte sich dabei, wie er grinste. Sie war ihm also doch noch entwischt. Wie hatte sie das wohl angestellt?

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Barbara Slawig
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Siehe auch:
Das »Normale« sind die andern - Im Gespräch mit Barbara Slawig
Barbara Slawig: »Pakettage« [Story]
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