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Epilog fürs
stille Örtchen:

Angela & Karlheinz Steinmüller

Vor der Zeitreise

Ausgezeichnet mit dem Kurd Laßwitz Preis • Beste Kurzgeschichte 2003
Seite 1 »
Urlaubsticker
+++ Zeitreisen endlich möglich +++ ExtremTours bietet Trips ins Interglazial zum Spartarif +++ Einmalige Chance für Menschen unter 32 +++ Anmeldungen unter ...

Der Schweber glitt über das hohe Gras. Sommerliche Wärme lag über dem Land. Von einer nahen Baumgruppe flogen Vögel auf. Wie sie wohl hießen? Mira saß wie Kendrew, Ryszard, Gloria-Mae und die fünf anderen auf der Bank, die die Ladefläche des Schwebers umfaßte, und spürte die Stangen des Geländers im Kreuz. Auch die Bäume mußte sie auseinanderzuhalten lernen, wenigstens die wichtigsten, desgleichen ihre Früchte. Aber man hatte ihr ja von vornherein immer wieder bedeutet, daß eine Zeitreise kein Zuckerlecken würde. Eine Reise auf Gedeih und Verderb ... ohne Gepäck und ohne Rückhol-Service ... In eine barbarische Welt voller Gefahren ... Etwas für Super-Frauen und Super-Männer ... Bungee-Jumping in die Steinzeit ... – Schon der Vorbereitungskurs sollte es in sich haben. Tatsächlich war bereits die Anreise beschwerlich: Erst mit dem Flieger über verwilderte Landschaften, verlassene Städte und überwucherte Autobahnen bis zu einem riesigen, doch halb verfallenen Flugplatz, dann Stunde um Stunde auf dem Schweber, mal über kaputte Straßen, mal einen Fluß entlang. Und die Stille überall: kribblig konnte einem davon werden!

Der Ausbilder erhob sich und wandte sich Kendrew zu. »Wie oft habe es ich Ihnen gesagt: Keine Nachrichten! Keine Videos! Keine Mails!« Mit einer kurzen, entschlossenen Bewegung riß er Kendrew den Kom-Pad aus der Hand.

»Aber ich wollte mir doch bloß die Wahlergebnisse ’reinziehn«, verteidigte sich Kendrew.

»An Ihrem Reiseziel gibt es kein Satelliten-Netz.«

»Es hat sich eh nur die Zombifraktion wieder durchgesetzt.« Der lange Spanier, dessen Namen sich Mira nicht merken konnte, de Oliviero oder so ähnlich, stieß ein kurzes Lachen hervor. »Klonieren bleibt verboten, Leihmutterschaft wird nicht als Beruf anerkannt. Und ein zugkräftiges Einwanderungsprogramm bekommen sie auch nicht auf die Reihe. Nichts wird sich ändern.«

»Und woher sollen noch Einwanderer kommen?« Kendrew ließ nun seinen Ärger an dem Spanier aus. »In China sieht es nicht besser aus als bei uns. Und die Afrikaner ...«

Unruhe kam auf. Aber der Ausbilder unterband jede Diskussion: Politik wird nicht mit auf die Reise genommen, basta. Es war Mira recht. Sie wollte die so end- wie fruchtlosen Debatten um stotternde Wirtschaftsmotoren und europäische Nachwuchssorgen, die Streitereien um die Rente und das ewige Gejammer der Experten wegen der Bevölkerungsimplosion – nicht nur in Europa – einmal vergessen, sich lieber die Natur anschauen. Ein Vogel krächzte. Linkerhand wuchsen Büsche und junge Bäume auf Mauerresten, dichtes Gras überwucherte Steinhaufen, ein unbekannter Duft wehte von dort herüber. Dort, wohin sie reiste, würde sie noch viel ausgefallenere Naturphänomene erleben: einen Winter mit Rauhreif in den Zweigen und Schnee, der das Gras bedeckte ... – »Sie werden mit den Wundern einer urtümlichen Welt konfrontiert werden«, hatte die Avatarin im virtuellen Reisestudio gesäuselt, als sie sich für die einmalige, völlig neue Gelegenheit einer Zeitreise beworben hatte. »Mit viel verrückteren Dingen, als Sie sich in Ihren wildesten Phantasien ausmalen können. Solchen, die unter die Haut gehen.« Also auch Kälte, vielleicht Hunger, Schmerzen. Was eben ExtremTours neben Vulkanbesteigungen und Eisbergsurfen so drauf hatte. Mira war sich nicht sicher, ob sie überhaupt die Vorbereitung, die zugleich eine Härteprobe war, überstand. Wenn ihr später doch die Muffe ging, konnte sie immer noch entscheiden. Sie verlor ja nur die Anzahlung und was sie für die medizinischen Eignungstests ausgegeben hatte.

Schwankend glitt der Schweber eine Böschung hinab. Gischt stieb Mira ins Gesicht. Vor ihnen lag ein See. Das Luftkissen erzeugte Wellenmuster, die um sich griffen, bis sie den Schilfgürtel am Ufer erreichten. Vielleicht war dieses Gefasel im Netz um Entbehrungen, mögliche Verletzungen und »lebenslänglich Zeitreisende« – verschollene Touristengruppen – nichts als Übertreibung, ein Werbegag, der die Sache interessanter machen sollte?

© Angela & Karlheinz Steinmüller 2003
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